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Auf hoher See.

Es war im Indischen Ozean. Ruhig und stolz furchte das Schiff die Wellen, ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd, die »Darmstadt«.

Auf dem Promenadendeck waren fast alle Passagiere der ersten Kajüte versammelt, eine frohe, sorglose Gesellschaft. Ob alle ganz so sorgenfrei waren, wie sie sich gaben, wäre nicht mit Bestimmtheit zu behaupten gewesen. Zu viele Fäden vom Leben des Alltags spannten sich von diesem Stücklein Welt auf hoher See, das vom Zusammenhang mit der Welt im allgemeinen losgelöst schien, zu dem, was für jeden einzelnen dahinten geblieben war. Unsichtbare Fäden waren es, und doch stärker und unzerreißlicher als die dicksten Schiffstaue. Seine Sorgen, große wie kleine, trägt der Mensch huckepack, selbst wenn er ans Ende der Welt wandert, im Wüstensand und am Nordpol, in Höhlentiefen und auf den höchsten Berggipfeln.

Auch hier unter dem Sonnenhimmel der Tropen gab's nicht nur Sonne. Die da an Bord der »Darmstadt« auf dem luftigen Promenadendeck lachten und scherzten, konnten auch ernst dreinschauen, schweigen und sinnen. Zeigte doch selbst die allerjüngste unter den Passagieren, eine sehr junge Dame mit lachenden Blauaugen und langen, hängenden Blondzöpfen, just eben eine recht gedankenvolle Miene. Sie lehnte an der Brüstung, sah über die Wogen hin, die gleichmäßig und friedvoll schwollen und ebbten in wunderbarem Farbenspiel, wie es so leuchtend und farbenprächtig nur die See des Südens aufweist.

Zu der sehr jungen Dame trat jetzt ein Herr und blickte ihr mit ungläubigen Augen ins Gesicht.

»Was gibt's, Fräulein Ruth – gnädiges Fräulein?« Ihr kinderhaft frohes Wesen und die Röcke, die ihr einstweilen nur zum Knöchel gingen, ließen ihn zuweilen das »gnädige« Fräulein vergessen, was aber dem guten Einvernehmen weiter keinen Eintrag tat.

Auch jetzt lachte ihn Ruth – denn sie war es, unsere Freundin Ruth Rümelin von der Königstraße in Stuttgart her – vergnügt an, zeigte aber gleich wieder die bewußte Sorgenmiene.

»Je, da soll man nicht Angst bekommen! Fabelt mir da jedermann, seit wir auf hoher See sind, von dem Meerleuchten vor, verdreht die Augen und verhimmelt schier im Gedanken dran! Sie auch, ja Sie auch, Herr Norten!«

Fast strafend sah sie ihn an. Er lachte und wollte sich verteidigen, aber Ruth schnitt ihm das Wort ab.

»Sie brauchen gar nichts zu reden! Sag's mir schon selber, daß man nichts erzwingen kann und zufrieden sein muß, wenn man ohnehin so viel Neues und Schönes zu sehen bekommt. Daß ich, die Ruth Rümelin, vor allen mich am Ohr zupfen und mir sagen soll, was für ein Glückspilz ich vor anderen bin! Und das tu ich ja auch, gewiß und wahrhaftig! Nur – na, der Mensch wird eben unbescheiden und schließlich, – ein bissel brummen ist auch keine Sünde, oder?« Sie lachte ihn an und er stimmte in ihre Heiterkeit ein.

Er war ein junger Rheinländer, aus der Industriegegend bei Düsseldorf. Sein Vater hatte eine Fabrik, die auf den Sohn übergehen sollte, wenn er erst so weit war. Einstweilen sah dieser sich noch die Welt an. Er wollte jetzt zuvörderst nach Singapore; von da dachte er später nach ein oder zwei Jahren China und Japan zu bereisen. In Singapore trat er für einige Zeit bei einem Geschäftsfreund des Vaters ein, denn er erhoffte von dieser Reise Verbindungen aller Art für die väterliche Fabrik. Etwa fünfundzwanzig Jahre mochte er alt sein.

Regierungsrat Rümelin hatte er vor allen in seiner klugen Frische gefallen. »Ist ein netter Bursch, Anna,« sagte dieser damals zu seiner Frau, »schaut doch noch aus frischen Augen in die Welt, nicht so blasiert wie viele unserer jungen Herren von heute. Das lebt noch und gähnt nicht der Sonne ins Gesicht! So einen laß ich mir gefallen! Solche Bursche müssen Georg und Erich werden, was?«

Frau Anna nickte und seufzte, wie sie es immer tat, wenn sie an ihre beiden Buben dachte.

Seitdem waren der Herr Regierungsrat und Herbert Norten gute Freunde; Frau Anna und Ruth hatten sich der Freundschaft angeschlossen. Deshalb stand er auch jetzt bei Ruth und lachte über ihre Ungeduld, das viel besprochene Meerleuchten zu sehen.

Da wurde ein seltsamer, unbestimmbarer Ton laut, erst ganz von fern, dann näher und näher. Ein Schallen und Dröhnen war's, dumpf aus den Schiffsgängen herauf; dann trat einer der Stewards auf Deck und schlug mit kraftvoller Wucht und grinsendem Behagen gegen eine dröhnende Metallscheibe. Wo er hin kam, hielten sich alle Leute die Ohren zu. Es war dies des Mannes Tagesfreude, das Zeichen zu Tisch.

»Aha!« sagten die einen befriedigt. »Schon wieder?« riefen die anderen fast bedauerlich. »Wer kann das leisten!« Aber alle strömten zum Speisesaal.

Ein Dampfer ist wie ein großes schwimmendes Hotel, mit viel Luxus und allen Bequemlichkeiten eines solchen ausgestattet. Wer sich an das Schaukeln und Schwanken, an die engen Schlafräume und daran gewöhnen kann, daß alles vor seinen Augen auf und ab tanzt, wonach er eben greifen will, daß nichts fest scheint, was er im gewöhnlichen Leben als feststehend zu betrachten gewohnt ist wie die Wände, der Zimmerboden und die Zimmerdecke, der kann in diesen schwimmenden Palästen wie im Märchen leben. Namentlich das »Tischlein deck dich« ist fast feenhaft. Was das Herz begehrt, findet man zu jeder Tages- und Nachtzeit. Schade nur, daß der Magen bei vielen nein sagt! Ihnen wird dieses Tischlein-deck-dich zur täglichen Qual.

Die Frau Regierungsrat Rümelin saß zum Beispiel lieber auf Deck, wohin ihr der freundliche Steward brachte, was sie eben wünschte, als daß sie mit den Ihren zur Tafel gegangen wäre. Ruth und der Vater aber zogen sehr vergnügt ab; die Mahlzeiten waren ihnen eine nette Unterbrechung des Einerlei. Der noch so ideal Veranlagte konnte hier zum »Magenmenschen« werden. Das sagte der Herr Regierungsrat soeben lachend seinem jungen Freund, und dieser stimmte vergnügt bei.

»Ich esse gern etwas Gutes,« versicherte Ruth ernsthaft; sie machte kein Hehl aus ihren Neigungen. »Ich bin auch hier schon riesig gebildet worden, Vaterle, siehst du! Wo hab' ich in unserem Schwabenländle gewußt, was ein Consommé aux truffes oder ein Vol au vent à crevettes ist? Huijeh, was soll das noch werden, Vaterle?«

»Habe wirklich auch Angst,« antwortete der schmunzelnd »Wir müssen sehen, dir den Trüffel- und Pastetenzahn wieder auszuziehen.«

»Das wird Japan schon besorgen!« Herbert Norten lachte. »Dort gibt's Reis, Reis und wieder Reis, Obst, Gemüse und wenig Fleisch, zumeist noch Hühner, mein gnädiges Fräulein. Der Fleischgenuß fängt erst an, sich allmählich einzubürgern. In Tokio selbst soll übrigens für Fremde fast alles zu haben sein.«

»Ich esse, was man mir hinstellt,« versicherte Ruth, »wenn ich nur satt werde! Und dafür wird Mutterle sorgen, das weiß ich.« Vergnügt biß sie in eine saftige Ananasschnitte.

Da kam ein Matrose zur Tür herein. Er flüsterte dem Kapitän, der oben an der Tafel saß, etwas zu.

»Meine Herrschaften,« sagte dieser und erhob sich, »man meldet mir eben, daß ein Meerleuchten in Aussicht steht und daß – –«

Weiter kam er nicht. Alle waren schon in Bewegung und drängten zur Tür, Ruth allen voran. Ihr »Hurra« hatten nur der Vater und dessen junger Freund gehört, was ein Glück war in Anbetracht ihrer bald sechzehnjährigen Würde.

Dann stand die ganze Gesellschaft an Deck. Ruth war zur Mutter hingeeilt.

»Sieh diese Farben, Ruth, diese unvergleichlichen Farben.« Rein begeistert war die Frau Regierungsrat, und leuchtenden Auges sah Ruth hinaus auf die weite Wasserfläche. In Staunen und Andacht schier versunken standen alle.

Einem feurigen Ball gleich senkte die Sonne sich eben am Horizont ins Meer. Wie flüssiges Kupfer wogten die Wellen. Sie tanzten, stiegen, hoben und senkten sich, spiegelten die Tinten des Abendhimmels wider. Schwefelgelb, perlgrau, smaragdgrün leuchteten sie, dann wieder karminrot, indigoblau und lohfarben. Eine berauschende Farbensymphonie war es.

Dann sank rasch, wie es in den Tropen zu geschehen pflegt, die Dämmerung herein. Tief schwarzblau wogten die Wasser, die noch eben in einem Farbenrausch geschwelgt hatten. Am Himmel blitzten die Sterne auf, die Sterne des Südens mit ihrem strahlenden Schein, heller als ihn die Gestirne des nordischen Himmels zeigen.

Aber was war das? Ruth faßte der Mutter Arm und wies stumm in die Tiefe. War da noch ein Sternenhimmel aufgegangen? »Sieh, sieh,« flüsterte sie atemlos.

In tausend und aber tausend Funken sprühte das Licht aus der Tiefe zurück. Schimmernde Rosetten, grünlich schillernde Sterne, stiebende Silberfunken hoben die Wellen hoch, ließen sie aufblitzen und strahlen. So weit das Auge reichte, breitete sich dieser zweite märchenhafte Sternenhimmel. Es schien, als habe sich die Milchstraße mit all ihrem Gefunkel hier in die Wogen gesenkt. Wie eine silbrig schimmernde Masse leuchteten die Wasser, wo der Schiffskiel sie durchfurchte und zu beiden Seiten türmte. Überall ein Funkenstieben, Lichterhuschen, Wetterleuchten. Hier schoß es wie ein dichter feuriger Keil durch die Silbermasse, dort noch einmal.

»Was ist das?« fragte Ruth atemlos. »Sieh doch, Vaterle, sehen Sie doch, Herr Norten, was kann das sein?«

»Ein Haifisch! Haifische!« rief's zugleich von allen Seiten. Alle Passagiere schauten hinab.

»Beobachten Sie das Schauspiel, meine Herrschaften.« Der Kapitän, der auch an der Brüstung stand, sagte das. Alle drängten zu ihm hin. »Sehen Sie, wie das Leuchten stärker und stärker wird, wo die Fische hinkommen? Es sind bekanntlich eine Unzahl kleiner und kleinster Meerestiere, die dies Leuchten verursachen. Wahrscheinlich als Erkennungszeichen in der grundlosen, purpurnen Tiefe ist ihnen das phosphoreszierende Licht gegeben. Sie verbreiten es aus eigenem Vermögen, und hier sind die Haifische die unmittelbare Veranlassung des Aufleuchtens. Sehen Sie nur!«

Der Kapitän war mit seinem Gefolge ganz zum Bugende des Schiffes getreten. Die beiden Fische schwammen nun Seite an Seite dicht vor dem Schiff her. Zuweilen wechselten sie mit kühnem Schwung die Plätze. Ihre mächtigen Leiber wühlten dann jedesmal die Flut hoch auf, daß sie in erneutem Glanz leuchtete. Die Riesenleiber der Tiere selber waren wie überzogen von grünlich schillernden Funken.

»Herr Kapitän, das können doch nicht nur Tiere in solchen Massen sein?« fragte Regierungsrat Rümelin, und die ganze Gesellschaft stimmte zu.

»Es sind auch Algen darunter, meine Herrschaften. Unter diesen Meeresgewächsen gibt es gleichfalls leuchtende; sie vermehren sich sehr schnell und überziehen zuweilen weite Wasserstrecken. Wenn man dann, wie wir hier, in eine solche hineingerät, kann man das Meeresleuchten in vollem Maß genießen. Ich gratuliere den Herrschaften: man trifft es nicht immer in solcher Vollendung. Aber jetzt empfehle ich mich; der Dienst ruft.«

Er grüßte und ging. Die anderen blieben alle, in Schauen versunken.

»Bin ich nicht ein Glückspilz?« Ruth sah Herbert Norten ins Gesicht. »Nicht nur die Reise allein, nun auch noch dies großartige Meerleuchten! Was sagen Sie nun?«

»Gnädiges Fräulein müssen allerdings etwas vor anderen Menschenkindern voraus haben, denn dies Meerleuchten kam ja wie auf Befehl. Wer stand hier vor Tisch und machte sein allersorgenvollstes Gesicht?«

»Ruth, die Ungeduld und Undankbarkeit in Person, natürlich!« Sie nickte, und ihr Gesicht wies alle Grübchen.

»Das habe ich nicht gesagt,« gab Herbert Norten zurück.

»Aber gedacht?«

»Gedanken sind bekanntlich zollfreie Ware!«

»Was Sie als Kaufmann am besten wissen müssen.«

»Ruth, Kind, hast du Zeit für derlei?« Die Mutter fragte es vorwurfsvoll. »Sieh, das Leuchten fängt an zu schwinden. Wir sind wohl durch den stärksten Lichtstrom durch. Schade, es war großartig!« Alle stimmten bei.

Ruth schob ihren Arm in den der Mutter. »Ich hab's wirklich sehr genossen, Mutterle! Ich werd's nicht vergessen.«

»Das hoffe ich,« sagte die Mutter ernst. »Doch nun verabschiede dich; ich bin müde und möchte zur Ruhe.«

Ruth hatte mit einem Blick auf das noch immer schimmernde Wasser sich weigern wollen. Ein Blick in der Mutter müdes Gesicht ließ sie schweigen.

Sie legte den Arm um des Vaters Schultern. »Gut' Nacht, Vaterle, und laß dir was Wundervolles träumen! Ich leuchte heut nacht selber, glaube ich! Sie am Ende auch, Herr Norten, was? Gute Nacht, gute Nacht.«

Das hatte der Gesellschaft im allgemeinen gegolten. Lachende Rufe und ebensolche Blicke dankten ihr. Ruth war der Liebling aller geworden.

»Sie sind zu beneiden, Herr Regierungsrat,« sagte seufzend ein alter grilliger Junggeselle, der sein Podagra und seinen vollen Beutel von einem Ende der Welt zum anderen schleppte. »Kinder halten einen jung!« Er griff sich nach dem Bein, das zwickte.

»Sie könnten es auch haben, Herr Kommerzienrat. Das stand ganz bei Ihnen.«

Mit allen Zeichen des Entsetzens hob der die Hand. »Um Himmels willen!« Die anderen lachten. So trennte man sich für diesen Tag.

Einsam zog das Schiff seine Bahn durch die schweigende Nacht, durch das leuchtende Wasser des Indischen Ozeans.

Ruth lag am nächsten Morgen auf ihrem Langstuhl und las. Zu beiden Seiten des Promenadendecks standen in langen Reihen die Stühle aller Passagiere der ersten Kajüte; dort brachten sie den größten Teil des Tages zu. Es ist ein Faulenzerleben, das man an Bord auf hoher See führt. Schlafen, essen, plaudern, lesen, das Deck auf und ab gehen bis zur Bewußtlosigkeit, daraus besteht das Tagewerk des Seereisenden. Ruth machte vergnüglich mit.

Kam irgendein anderes Schiff in Sicht, war das ein Ereignis für viele Tage. Die Herren rannten mit ihren Gläsern, vergewisserten sich erst selbst vom Woher und Wohin, boten sie dann galant den Damen und halfen die Richtung finden. Alles war in Aufregung. Ruth hatte zuerst gelacht; jetzt war sie der Eifrigsten eine. Sie konnte kaum erwarten, bis Herbert Norten selbst sein Glas benutzt hatte, ehe es an sie kam.

Heute wollte kein Schiff kommen und sonst kein Ereignis irgendwelcher Art. Ruth hatte schon ein paarmal leise und verstohlen gegähnt. Das Buch war ja schön, gewiß; aber man konnte sich doch nicht immer für diese Bilder aus deutscher Vergangenheit begeistern. Die Gegenwart war auch schön und forderte ihr Recht. Ruth seufzte wieder.

Da traf ihr Blick gerade in die spöttischen Augen von Herbert Norten. Der saß etwas abseits und formte nun die Hände zum Schalltrichter: »Langweilig?« flüsterte er.

Ringsum sah man nach Ruth. Sie nickte sehr lebhaft, hob die Hände, wie er es getan hatte, und flüsterte zurück: »Gräßlich!« Dann verschanzte sie sich hinter ihrem Buch. Alle lachten.

»Spielen wir,« schlug endlich der grillige Junggeselle vor. »Wir müssen der Jugend an Bord ein Opfer bringen.« Diese Jugend an Bord bestand aber zufällig nur eben aus Ruth und Herbert Norten.

»Sie wollen spielen, Herr Kommerzienrat?« Der fragenden Dame blieb vor Staunen der Mund offen stehen. »Und Ihr Podagra?«

»Soll sich damit abfinden!« Der Herr Kommerzienrat stand schon auf den Füßen und trat zu Ruth. »Wir sind heute Partner, mein Fräulein. Sie haben es mir das letzte Mal versprochen.«

»Aber gerne,« sagte Ruth freundlich. »Und wie nett von Ihnen, dran zu denken! Wenn Sie nicht aufgestanden wären, die anderen wären zu bequem gewesen.« Ein strafender Blick flog zu Herbert Norten hinüber.

»Das kommt eben von der Jugend,« behauptete der Herr Kommerzienrat in guter Laune. »Unsereiner zeigt es nur nicht von außen, wie jung er eigentlich ist, was, Freundchen?« Er nickte dem Regierungsrat lustig zu. »Will mal einen Zug aus dem Jungbrunnen tun, wenn's erlaubt ist, was?«

»Nur zu,« sagte dieser, »wenn ich nicht mittun muß, ist mir alles recht.«

»So 'n faules Vaterle,« zankte Ruth. Aber dann war sie voll Spieleifer.

Man wählte ein Spiel, bei dem es darauf ankam, flache Scheiben in mehrere auf den Boden gezeichnete und numerierte Vierecke zu schleudern. Die geworfenen Zahlen wurden addiert. Wer die größte Zahl hatte, war Gewinner.

»Um was spielen wir?« fragte Ruth, die bald bedeutend im Vorsprung war. »Um etwas muß es gehen, sonst lohnt es sich nicht bei dieser Hitze. Puh, es ist schauderhaft.«

»Ich setze einen Preis aus,« sagte der Kommerzienrat. »Ich habe ihn schon in der Tasche, zeige ihn aber erst dem Gewinner.«

Nun kam Leben in das Spiel. Ruth steckte alle an mit ihrem Eifer; sie glühten förmlich. Die Sonne meinte es auch merkwürdig gut heute.

»Der Kapitän fürchtet eine Windstille, wenn das so weitergeht,« bemerkte einer der Herren.

»Ist das schlimm?« fragten die anderen. »Sturm wäre schlimmer, nicht?«

»Verzeihen Sie, aber so spricht die Unkenntnis.« Man protestierte.

»Es können nicht alle Weltreisende sein. Es muß auch Landratten geben.«

»So lassen Sie uns wenigstens heute noch fleißig sein,« mahnte Ruth. »Hier, ich habe dreißig geworfen!«

Ruth steckte mit ihrem Eifer alle an.

»Macht dreihundert, gnädiges Fräulein, und das Spiel ist aus.«

Wie ein übermütiges Kind stürmte Ruth auf den Kommerzienrat zu. »Ich hab' gewonnen, ich hab' gewonnen! Und nun mein Lohn, bitte!«

Lachend und doch beinahe verlegen griff der Kommerzienrat in die Tasche; dann brachte er einen Gegenstand zögernd ans Licht. Erwartungsvoll sah er Ruth dazu an.

Die griff mit beiden Händen zu, lachend und strahlend. »Was kann das sein? O, ich bin riesig neugierig.« Die Mitspielenden umdrängten sie dicht.

Es war ein mit Leder bezogenes Schächtelchen, das sie hielt, eines der bekannten, die einen Schmuckgegenstand bergen. Betroffen sahen die Herren, ungewiß die Damen drein. Wie würde Ruth sich verhalten?

Die hatte die Schachtel geöffnet, und eine lichte Röte überzog ihr junges Gesicht. Eine reizende Nadel von kleinen Brillanten und Rubinen lag in dem Behälter gebettet. Erschreckt sah sie drein.

»Sie müssen sich geirrt haben, Herr Kommerzienrat,« sagte sie dann und drängte ihm die Schachtel wieder in die Hand. »Nadeln verstechen die Freundschaft außerdem, sagt man,« – sie lachte ein wenig verlegen, sah ihn aber gleich danach mit ihrem offenen Kinderblick an – »und wir wollen doch gute Freunde bleiben, nicht?«

Blicke wurden von den Umstehenden getauscht; in allen stand zu lesen, daß das junge Mädchen das Rechte getroffen hatte. Etwas geärgert und verlegen nahm der Kommerzienrat seine Gabe wieder an sich, brummte etwas vor sich hin, das wie »na, denn nicht« klang, und humpelte ohne weiteres davon. Ruth sah ihm fast erschreckt nach.

Niemand sagte etwas. Dann sollte ein neues Spiel beginnen. Da kam der Decksteward und brachte einen Korb Südfrüchte, den ein Zweig köstlicher Blumen zierte. An Bord solch eines Dampfers ist alles zu haben.

»Herr Kommerzienrat läßt dies der Gewinnerin schicken.«

Jubelnd nahm Ruth nun den Korb in Empfang. Am meisten freute es sie, daß der Geber also versöhnt war. Hätte er sonst daran gedacht, dies zu schicken?

Vergnügt schmauste die Gesellschaft mit ihr. Der Kommerzienrat aber saß bei Regierungsrat Rümelin.

»Ich habe unüberlegt gehandelt, verzeihen Sie! Ich hätte Fräulein Ruth gern ein Andenken an den alten Hinkepeter gegeben, dem es gut tut, ihr freundliches Gesicht zu sehen, denn sie hat das für alt und jung gleichermaßen. Aber ich habe meine Lektion bekommen. Sie hätten das Erstaunen und dann die Unnahbarkeit Ihrer Ruth sehen sollen, Herr Regierungsrat! Blitzmädel, alle Achtung! Eine Ältere und Erfahrenere hätte sich nicht feiner benehmen können. Gratuliere, und im übrigen nichts für ungut, ja?«

Sie schüttelten sich die Hände und die Sache wurde damit fallen gelassen.

Auch Ruth erzählte später den Eltern davon. »Hab' ich recht getan?« fragte sie dann. »Ich hätte mir doch so was nicht schenken lassen können?«

»Ganz recht,« antwortete der Vater und strich ihr dazu nur über den Kopf. Die Mutter nickte, und die Sache war abgetan.

So gingen die Tage hin. Seit dem erwähnten Spieltag herrschte eine[?] drückende Hitze. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre; glühend lastete die Luft in beklemmender Schwüle und schien wie mit Goldstaub durchsetzt. Es flirrte und flimmerte vor den Augen, wohin man schaute. Der ganze Himmel war wie mit einem schimmernden Schleier verhängt, durch den die Sonne in erbarmungsloser Glut stach. Wo der Luftzug hintraf, der durch die Fortbewegung des Schiffes entsteht, brannten Gesicht und Hände. Versengend war sein Atem.

Bewegungslos lag auch die See. Kaum noch war eine Dünung zu erkennen, die den Ozean durchflutet und hebt wie der Atemzug die Menschenbrust. Ein Spiegel schien das Wasser, eine metallglänzende, endlose Fläche.

Immer noch stieg die Temperatur. Es war richtig eine jener Windstillen eingetreten, wie sie die Kalmenzonen häufig haben und wie sie Kapitän Jansen von der »Darmstadt« vorausgesagt hatte.

Es dauerte nun schon den zweiten Tag. Die Passagiere lagen in ihren Langstühlen und regten sich nicht. Kaum, daß ein Wort hin und her flog.

»Hol's der Kuckuck,« stöhnte Kommerzienrat Heller, »ich kann nicht mehr! Das ist ja der reine Backofen!« Er stöhnte zum Erbarmen.

Mitleidig sah ihn Ruth an, die neben ihm lag. Sie war selbst so matt, daß das Herumdrehen nach ihm schon fast mehr war, als sie leisten konnte. Aber sie hob ihren großen Palmfächer und bewegte ihn nach ihm hin. Sie sprach dazu kein Wort. Er drehte den Kopf.

»Sind ein Engel, Fräulein! Uff, wenn's nur nicht die reine Backofenluft wäre, die einen da anfächelt! Ich sterbe, uff, ich sterbe.«

Herbert Norten trat zu Ruth und hielt ihr schweigend eine Apfelsine hin. Sie nickte und nahm sie, zerlegte sie und schob Schnitte um Schnitte ihrem alten Freunde in den Mund. Der klappte bloß mit den Augendeckeln. »Engel,« hauchte er, »Engel!«

»Du hast dir die Engel anders gedacht, was, Vaterle?« Der Schatten des alten Schelms zuckte Ruth übers Gesicht. Der Regierungsrat aber blinzelte nur unter den schweren Lidern vor. Die Mutter hörte überhaupt nicht; sie lag teilnahmslos da wie die meisten.

Auch die Nächte brachten keine Erlösung. Bloß daß die Finsternis über den Wassern lag, sonst keine Änderung. Die meisten Passagiere blieben an Deck. In den glühenden Räumen unten schien Erstickung zu drohen.

Der zweite Tag – – der dritte und keine Wandlung!

Kein Lufthauch, keine Kühlung! Was das werden sollte? Nun waren alle verstummt und trugen das Dasein wie ein Unvermeidliches.

Am Abend des dritten Tages hielt es Ruth in ihrem Stuhl nicht mehr aus. Alles schien ihr besser als dies ewige Liegen! Und wenn sie umfiel vor Hitze, sie mußte einmal das Deck entlang gehen. So tastete sie sich an der Brüstung hin. Matte Blicke folgten ihr, aber kein Wort. Höchstens, daß jemand bei sich seufzte: »Wer das doch auch könnte!«

Ruth drang bis zum Bug vor, stand dort und hatte das Gefühl, als ob sie nimmermehr zurückfinden könne. Einem matten Vöglein gleich lehnte sie dort an der Brüstung.

Da hörte sie eine Stimme, die von oben kam. »Fräulein Ruth, gnädiges Fräulein!«

Wer konnte es sein? Es war Herbert Nortens Stimme nicht, der sonst wohl so rief. Sie machte die matten Augen auf. Kapitän Jansen war's, der sich über die Brüstung der Kommandobrücke beugte, und jetzt, ja, jetzt winkte er ihr, Ruth Rümelin!

Von dem Kapitän eines Schiffes beachtet oder gar ausgezeichnet zu werden, ist eine Ehre, die jeder Passagier empfindet. Der Kapitän ist Herrscher an Bord für die Dauer der Reise, und für eines Herrschers Beachtung ist kein Erdenkind unempfänglich. Ruth war alsbald auf den Füßen und eilte zur Kommandobrücke.

»Kommen Sie doch einmal herauf zu mir, Fräulein Ruth, wollen Sie?«

Ob Ruth wollte! Als seien die drei Tage entkräftender Schwüle nicht gewesen, so schnell war sie oben.

Der Kapitän wies in die Ferne. »Was ist das dort?«

Ruth strengte die Augen an; sie konnte nichts entdecken. Ziemlich dumm sah sie drein. »Ich – ich sehe nichts, wirklich nichts.«

Der Kapitän lachte; es klang aber beinahe wie das Kollern eines Truthahns.

»Landrattenaugen, Kind! Da drüben ziehen Wolken auf. Sie können den Herrschaften verkünden, daß die Belästigung durch die Hitze die längste Zeit gedauert hat. Was freilich nachkommt, weiß man nicht!«

Wie hingeweht stand Ruth bald vor den matt Herumliegenden. »Wolken,« jubelte sie, »Wolken! Und der Kapitän hat gesagt, die Plage habe nun bald ein Ende. Hurra, ich spüre schon ein Lüftchen! Wer noch? Wer noch? Hurra! Hurra!«

Sie drehte sich wie ein Kreisel, freilich um gleich danach erschöpft auf ihren Stuhl zu fallen. »Ich kann nicht mehr; ein anderer muß jetzt schreien.«

Da kam die erste Freude auf alle Gesichter, ein Lachen wurde zaghaft laut. Wie lang hatte man dergleichen nicht gehört!

Am Bug drängten sich nun alle, die es irgend noch vermochten, und starrten in die Ferne. Alle aber zeigten getäuschte, ja ärgerliche Mienen. Hatte das junge Ding sie zum besten gehabt? Was da am Horizont als etwas dichterer grauer Nebel sich ballte, das waren doch nicht wirkliche Wolken, von denen eine Erleichterung des Unerträglichen zu erhoffen war? Unwillig wollten die meisten auf ihre Plätze zurück. Da wurde des Kapitäns Stimme laut.

»Gratuliere, meine Herrschaften, das hätten wir glücklich hinter uns!«

»Meinen Sie, Herr Kapitän?« Fast beleidigend klang's. Der schmunzelte vor sich hin, geringschätzig und belustigt zugleich.

»Wollen uns mal in einer halben Stunde wieder sprechen! Machen sich die Herrschaften übrigens auf was Großartiges gefaßt! Ein Gewitter in diesen Breiten nach solcher Stille ist nicht von schlechter Herkunft.«

Also ein Gewitter sollten sie erleben? Ein Gewitter auf hoher See? Ein Gewitter in den Tropen zumal? Wie im Theater setzten sie sich zurecht. Nun konnte das Schauspiel losgehen! Sie waren bereit.

Und es kam! Die Nebel am Horizont verdichteten sich mittlerweile zu richtigen Wolken; sie ballten sich mehr und mehr, stiegen hoch und wälzten sich heran, dick, schwarz und unheildrohend. Immer dräuender, immer beängstigender wurden sie; undurchdringlich wie schwarze Wände, die im Begriff sind, alles zuzudecken und zu ersticken, drängten sie näher und näher.

Ein Raunen ging durch die Luft, ein dumpfes, fernes Murmeln und Grollen. Es stieg und schwoll, kam dichter heran. Und jetzt – – der erste flammende Blitz! Ein zweiter, ein dritter, viele, endlos ineinander übergehend! Eine elektrische Entladung, als rissen die bergenden Wolken, hinter denen sich der Mensch das Reich des Lichtes denkt! Und diese Schläge jetzt, dumpf hallend, dröhnend, grausig, betäubend! Eine Wetterwucht, dahinter der zahme Norden zurücksteht wie die Entladung eines Kindergewehrs gegen Kanonenschläge.

Im selben Maße stürzten nun die Wasser herab. Das war kein Regen in unserem Sinn. Wasserfällen gleich fluteten die Regenmassen vom Himmel nieder und füllten die Luft, sprühend, prasselnd und alles mit Wasserstaub durchsetzend. Bis in die untersten Schiffsräume drang das Labsal.

Längst schon hatten sich die Passagiere der »Darmstadt« von Deck geflüchtet. Zuerst wollten alle das langentbehrte Naß in vollen Zügen genießen; sie dachten an einen gemütlichen Gewitterregen wie in unseren Breiten. Als aber die Wolken ihren Inhalt wie aus Kübeln über das Schiff stülpten, da freilich gab's kein Bleiben an Deck. In wirrer, lachender Hast retteten sich alle. Manch ein spottender Blick der wetterharten Teerjacken folgte den Enteilenden.

Dafür drängte es sich nun unten an den Luken von frohen Gesichtern und ausgestreckten Händen, die das labende Naß zu haschen suchten. Wie ein Aufatmen ging es durch alle; einer überbot den anderen in Ausrufen des Wohlbehagens und der Wonne.

»Ruth! Wo ist Ruth?« hieß es plötzlich. Die Mutter hatte sie zuerst vermißt. Jetzt riefen und fragten alle. Niemand hatte Ruth gesehen.

»Ehe die Sintflut da draußen losbrach, stand Fräulein Ruth noch neben mir; ich erinnere mich dessen genau,« sagte Herbert Norten. »Dann freilich hatte ich mit der eigenen Flucht zu tun. So ist nun der Mensch! Ich fliege aber; gleich werden wir den Ausreißer da haben, gnädige Frau.« Das galt der Frau Regierungsrat, die ein sehr betretenes Gesicht machte.

Er kam nur zur Tür. Dort stand eine klägliche Gestalt, die erst allgemeines Staunen und dann einen lauten Heiterkeitsausbruch erregte. Ruth!

Aber wie sah sie aus! Glatt wie ein Handschuh lagen ihr die Kleider am Leibe; Wasserbäche flossen von ihnen auf die Dielen. Die Haarfrisur war aufgelöst und aus ihr strömte nur so des Himmels Naß. Von allen Fingerspitzen triefte es, auch über das lachende Schelmengesicht rieselten kleine Rinnsale nieder. Wo sie stand, breitete sich eine immer mehr anschwellende Wasserlache am Boden. Die Zunächststehenden flüchteten denn auch entsetzt. Ruth merkte es gar nicht.

»Himmlisch war's, wundervoll!« jubelte sie. »Hab' mich gleich durchgeweicht, auf Vorrat nämlich! Wer kann wissen, wann so was wiederkommt! Hurra, Mutterle, nun wissen wir doch mal wieder, wie ein Regen tut! Hurra!« Sie machte Miene, auf die Mutter loszugehen.

Entsetzt flüchtete diese. Ruth stand mit gehobenen Armen und sah ganz verdutzt drein. »Was – was ist nur los? Du fürchtest dich doch nicht vor dem bißchen Naß, Mutterle?«

Das klang so komisch in Anbetracht der Wasserströme, die von Ruth ausgingen, daß alle schallend auflachten. Ruth zuckte bloß die Achseln und schritt zur Tür wie eine gekränkte Königin. Sie mußte danach noch manches Neckwort hören über das »bißchen Naß«, das sie mit sich herumgetragen hatte.

Dann kam wieder der Alltagsgang. Man war jetzt in der Straße von Malakka. Bald mußte Singapore kommen und damit der Abschied vom ersten Passagier, der die »Darmstadt« verließ, Herbert Norten. Alle bedauerten es, denn er war mit seiner großen Frische ein belebendes Element des kleinen Kreises. Am anderen Morgen schon sollte das Schiff Singapore anlaufen.

Er und Ruth standen an der Schiffsbrüstung und sahen über die Wellen, die ihr wunderbarstes Farbenspiel zeigten. Lange schauten sie wortlos drein, dann wies Ruth mit dem Finger in die Ferne.

»Dort etwa muß doch Sumatra liegen, meiner Geographiekenntnis nach. Die Straße von Malakka ist doch nicht gar so breit, daß man die Insel nicht sehen könnte? Wieso also –?« Fast vorwurfsvoll sah sie ihren Nachbar an.

»Himmlisch war es, wundervoll!« jubelte Ruth.

»Verzeihen Sie, ich kann wirklich nicht dafür, daß es auf der Ostküste von Sumatra Schwemmland gibt. Der Strich dort ist Land. Er erinnert mich an die deutsche Nordküste; gerade so flach ist die. Das Gebirge auf Sumatra, das die ganze Insel durchquert, liegt weiter zurück. Wollen Sie?« Er bot Ruth das Glas, die es zurückwies.

»Weshalb gehen Sie schon in Singapore fort?« fragte sie nun recht ungnädig. »Ich verliere nämlich nicht gern einen guten Kameraden,« fuhr sie fort, als er lachte. »Es wird recht langweilig werden.« Trübselig sah sie vor sich hin.

Nun wurde er ernst. »Werden Sie mich nicht vergessen, Fräulein Ruth?«

Sie sah ihn mit den ehrlichen, offenen Kinderaugen an. »Niemals,« sagte sie einfach. »Dazu waren wir zu gute Kameraden.«

»Danke,« sagte er, nichts weiter.

Regierungsrat Rümelin war zu den beiden herangetreten. Ruth schob ihren Arm in den des Vaters. »Schade, daß er geht, was, Vaterle?« Sie drückte ihr Gesicht an seinen Rock; er nickte dem Töchterchen zu.

»Er besucht uns in Tokio; er hat's versprochen.«

»Wenn Sie mich dann noch haben wollen,« neckte Herbert Norten. »Es wird wohl anderthalb bis zwei Jahre dauern, ehe ich an die Rückreise denken kann. Bis dahin ist Fräulein Ruth eine erwachsene junge Dame, die vielleicht nichts mehr wissen will von ihrem heutigen guten Kameraden.«

Ruth zuckte bloß gekränkt die Achseln, sagte aber nichts.

Dann kam der Abschiedstag und ging schneller vorüber, als man dachte. Alle Passagiere standen an Deck und schauten nach der fremden Küste aus, Herbert Norten reisefertig unter ihnen. Da zeigte sich ein Boot, das von drüben her auf sie zuhielt. Es rief die »Darmstadt« an, ein kurzes Hin und Her, und der Kapitän ließ Herbert Norten sagen, das Boot sei da, ihn zu holen.

Die Wellen gingen hoch; ein Anlegen konnte nur ganz kurz bewerkstelligt werden; da hieß es sich eilen. Ein Händeschütteln rings, Worte herüber und hinüber, und Herbert Norten stand im Boot. Tücherschwenken, Rufen – dort war das Boot auf dem Kamm einer Welle – und jetzt war es hinter dem Wellenrücken verschwunden! Als es wieder auftauchte, war es schon eine beträchtliche Strecke weit entfernt; ein Ruf erreichte den Scheidenden nicht mehr. Bald war er auch dem Auge entschwunden.

Ruth stand wie im Traum. So schnell also trennte das Leben? Sie hatte ja freilich vor kurzem erst den schweren Abschied von daheim durchgemacht. Aber da wußte man doch, daß man wieder zusammenkam, wenn es auch lange dauerte. Hier aber! Wer konnte sagen, ob das Leben sie je wieder zusammenführte? Und er war doch ein prächtiger Kamerad gewesen. Der jungen Ruth war mit einem Male recht wehmütig zu Sinn, nicht für lange freilich.

Als man dann im Chinesischen Meer dahinfuhr, erwies es sich, daß Ruth der »gute Kamerad«, wie sie ihn nannte, in der Tat recht fehlte. So freundlich die Reisegefährten waren, ihnen mangelte die Befähigung der Jugend, die auch einmal lacht, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt, und je nach Bedürfnis auch einmal Unsinn reden kann. Herbert Norten hatte das gekonnt und Ruth vermißte es nun doppelt.

»Wie wär's, wenn du endlich dein Tagebuch zu schreiben anfingst, Kind?« fragte die Mutter.

Ruth seufzte und schnitt eine Grimasse, als ob ihr etwas Bitteres in die Kehle gekommen wäre. »Gräßlich, Mutterle! Es gilt zu viel nachzuholen. Ich war so faul!« Aber die Mutter war nicht zu erweichen.

»Ich sehe,« sagte sie ernst, »daß das nicht so weitergehen darf. Sein Wort muß der Mensch halten, und eine Aufgabe muß er außerdem haben. Denke, wie Leni sich nach Nachricht sehnen wird!«

»Ich habe von allen Landungspunkten Postkarten geschrieben, Mutterle. Das ist doch auch was!« Ruth warf sich in die Brust.

»Ich hasse die Ansichtspostkarten,« sagte die Mutter. »Sie sind nur die Förderer der Faulheit; eine Abschlagszahlung gleichsam auf umgangene Pflichten. Mit einem hingeworfenen Wort beschwichtigt man das mahnende Gewissen. Wenn ich für meine Lieben nichts weiter übrig habe, als solch ein flüchtiges Wort, sage ich besser gar nichts.« Ganz in Eifer hatte sich die Mutter geredet; es war ihr sehr ernst damit.

Ruth hing den Kopf. Sie kämpfte einen kurzen Kampf, dann sah sie auf. »Ich gehe gleich ans Werk, Mutterle! Aber ich will das Buch lieber Gelegenheitsbuch nennen, denn ob ich täglich drankomme, kann ich nicht versprechen. Und mein Wort will ich doch halten!« Großartig sah Ruth jetzt darein.

Die Mutter mußte lachen. »O du weise Vorsicht! Gut, gib dem Kind einen Namen. Nur führe durch, was du vornimmst; das ist die Hauptsache.«

»Sollst schon sehen!« Ruth glühte plötzlich vor Eifer. »Gleich fang' ich an.« Sie stürmte davon.

Der Herr Regierungsrat, der daneben saß, aber nicht aufgepaßt hatte, sah auf. »Was gibt's nun wieder, Anna?«

Heiter berichtete seine Frau. Andere hörten's und Ruth wurde viel geneckt; aber es focht sie weiter nicht an. Man konnte sie nun oft bei der Schreiberei sehen und sie gewann Geschmack daran. Schmunzelnd ging dann die Gesellschaft im Bogen um sie herum. Wir aber schauen ihr dabei über die Schulter, denn wir haben das Recht dazu. Da stand nun:

 

Aus Ruth Rümelins Gelegenheitsbuch.

Ich beabsichtige nämlich aus meinen Reiseeindrücken späterhin ein Buch zusammenzustellen. Das braucht aber einstweilen niemand zu wissen. Ein richtiges Buch meine ich, wie's gedruckt und teuer bezahlt wird. Davon soll jedem etwas Wundervolles gekauft werden – wenn ich das Geld erst habe, natürlich! – Vaterle ein großes Werk, das kann er immer brauchen, Mutterle eine Brillantbrosche und eine Straußenfeder – die Mutter einer berühmten Schriftstellerin muß so was haben! – Georg und Erich erhalten, was man so Buben schenkt; das kostet wahrscheinlich noch manches Kopfzerbrechen. Ich kann mich ja noch besinnen, so sehr eilt es ja nicht. Und die Leni und das Mariele und die anderen alle! Jede soll was haben und was Nettes; die Ruth Rümelin läßt sich nicht lumpen! Herrje, aber erst mein Buch!

Na also! Wo fang' ich am besten an?

Ja, da lag denn Stuttgart hinter uns, das liebe schöne Stuttgart, so schön wie's keine zweite Stadt im ganzen Deutschen Reich gibt und nirgends sonstwo auf Gottes schöner Erde. Ich hab' ja jetzt schon viel gesehen, das heißt, Städte eigentlich nicht, denn wir sind doch nur so durchgesaust, von daheim bis nach Neapel. Vaterle hatte bis zuletzt so viel zu tun, daß wir keinen Tag früher wegkonnten, als nötig war, das Schiff zu erreichen. Deshalb, um Zeit zu sparen, haben wir uns ja nicht in Bremen eingeschifft. Ich bin auch jetzt ganz froh darüber, denn ich habe auch so genug Wasser sehen müssen, mehr als mir manchmal lieb war, im Anfang namentlich!

Ja so, aber ich komme immer wieder von der Hauptsache ab. So wird das Buch nie fertig werden. Also Neapel!

Soll ich da nun beschreiben und schwärmen? Das hieße Adler nach Athen tragen, ach nein, es sind ja Eulen gewesen. Aber der Golf ist wirklich so blau, wie die Leute behaupten. Der Vesuv enttäuschte mich etwas, ich muß es gestehen. Ich hatte gehofft, er würde uns den Gefallen tun und ganz geschwind ein bißchen zu spucken anfangen. Ich wäre schon mit ganz wenig zufrieden gewesen; unbescheiden bin ich nicht. Nur daß man so mal einen kleinen Begriff davon gehabt hätte! Wer weiß, wann und ob man je wieder einmal hinkommt! Aber damit war's Essig. Dem alten Herrn war die Ruth Rümelin und ihr Wünschen ganz einerlei.

Na, es mußte auch so gehen. Neapel selbst ist ein bißchen schmutzig; ich muß das feststellen. Zuverlässigkeit und Wahrheit eines Reiseberichts ist ja wohl die Hauptsache; dem beuge ich mich.

Daß die Leute dort nur Italienisch sprechen und es so schnell tun, daß man kein Wort versteht, ist auch nicht angenehm. Ich hatte vorher aus einem Reisehandbuch mir ein paar Brocken eingelernt. »Una bicchiera d'aqua fresca – una camera con due lette e una con uno – grazie – a rivederci« und was es so gibt. Aber weit bin ich nicht damit gekommen, hauptsächlich auch, weil die Leute so schnell sprechen, daß man gar nicht folgen kann. Es ist gar nicht leicht, sich in einem fremdem Land verständlich zu machen, das kann ich dem Leser versichern.

Na also und dann kam das Schiff. Ein Stückchen Deutschland, das auf hoher See zu uns heranschwamm! Ob ich's mit Freuden begrüßte? Genau zwei Tage war ich in der welschen Fremde gewesen, hatte also allen Grund, mich daheim wieder wohl zu fühlen. Ich jubelte, innerlich wohlvermerkt, denn nach außen hin muß ich doch meine fünfzehn Jahre und fünf Monate deutlich zu erkennen geben. Es fällt mir ohnehin schwer, mir immer die meinem Alter zukommende Anerkennung zu erzwingen. Ein Kind zu sein, das nichts verlangt, und von dem auch nichts erwartet wird, ist viel leichter; so viel habe ich nun schon gelernt. Aber man muß sich in das Leben finden, wie es nun einmal ist. Ganz leicht ist es nicht, das kann ich meine Mitschwestern versichern, die vielleicht dies Buch einmal lesen. Bloß – bange machen gilt nicht, das sage ich, die Ruth Rümelin.

Da waren wir also auf dem Schiff. Von den ersten Tagen will ich nur so viel berichten, daß es mir ganz einerlei gewesen wäre, wenn das Schiff mit Mann und Maus irgendwie zu Schaden kam. Nur dies ewige Gewackel nicht mehr ertragen müssen! Alles wackelt, wohin man sieht, geht hin und her oder ab und auf. Sie nennen es Rollen oder Stampfen. Rollen, wenn das Schiff sich wiegt, Stampfen, wenn es das Vorderdeck ins Wasser bohrt und das Achterdeck hochhebt. Das tut's aber nur bei »rauher See«, wie man's heißt. Für gewöhnlich geht es ziemlich stetig seinen Gang. Man hat aber dabei doch das Gefühl, als ob alle Wände des Raums, in dem man sich gerade befindet, lebendig seien, als ob Fußboden und Decke beständig das Bestreben hätten, sich zu umarmen. Dazwischen steht man denn ziemlich rat- und machtlos. Aber man gewöhnt sich an alles, und wie gesagt, nach den ersten paar Tagen wurde es besser.

Als ich erst einmal wieder essen konnte, ohne daß sich der Magen dagegen auflehnte, da fing ich auch an, aus helleren Augen um mich zu sehen, und wie dann vollends von dem Brett, das ich auf dem Kopf hatte, Stein um Stein herunterfiel – man hat nämlich genau dieses Gefühl und meint, die Last drücke einen zu Boden – als mir leichter und leichter wurde da oben in der Hirngegend, da war ich mit einem Male wieder die alte Ruth Rümelin mit all ihren Fehlern und Vorzügen. Hm, ich räuspere mich lieber gleich selber; da braucht es der verehrliche Leser oder die Leserin späterhin nicht zu tun.

Na also, da war denn die Ruth Rümelin wieder und schaute um sich. Viel Menschen gab's an Bord, aber keine Seele; ich meine natürlich gleichgestimmte Seele, wie sie ein Mädel in meinem Alter doch gern um sich hat. Nur mit Erwachsenen zu sein, ist ja recht bildend, aber man braucht doch auch was zum Ulken und Lachen. Es sollte auch noch kommen; die Ruth ist doch stets ein Glückspilz gewesen.

Es war noch im Mittelländischen Meer. Die Zeit verwischt sich einem so leicht, wenn ein Tag hingeht wie der andere, und doch weiß ich es ganz genau, es war noch im Mittelländischen Meer, kurz ehe wir an den Suezkanal kommen sollten. Er stand neben mir und zitierte etwas.

»Schiller,« sagte ich, »Zerstörung von Troja,« und lachte ihn an. Ich bin nämlich in der Literatur gut beschlagen; der Professor hat sich immer an mich gewandt bei den Zitaten. Ja und so fing's an, unsere gute Kameradschaft, meine ich.

Er heißt Herbert Norten, ist groß, breitschulterig und braun, hat ein gutes Gesicht und kluge Augen. Er gefällt einem, wenn er auch kein schöner Mann ist. Die in den Modeblättern und im Frisierladen sehen freilich anders aus, aber »das sind auch Idealköpfe«, sagte Leni immer. Wie's der Leni nur gehen mag? Ich freue mich sehr, bis wir landen und ich wieder Nachricht haben kann. Überhaupt, es ist doch jetzt recht fad geworden hier an Bord.

Ach Herrje, da bin ich wieder mal abgekommen! Ich hab' ja von meinem guten Kameraden erzählen wollen, den mir ein gütiges Geschick an Bord bescherte. Denn wir sind sehr gute Kameraden geworden, wir zwei. Er ist freilich zehn Jahre älter als ich, aber er versteht doch einen Ulk und das ist die Hauptsache.

Da standen wir also im Morgenfrühlicht an der Schiffsbrüstung nebeneinander, zitierten Schiller und sahen ins blaue Meer.

Solche Morgen an Bord, früh, wenn die Sonne aufgehen will, sind das Schönste, was man sich denken kann. Erst noch die weite grünlich-bläulich schillernde Fläche; wohin das Auge sieht, Silberspitzchen auf den heranrollenden und verebbenden Wellen, alles vom Morgendämmern eingehüllt. Und dann schießt ein Lichtpfeil durch das Dämmern, noch einer und noch einer. Als ob man in der Theaterloge gespannt auf etwas warte, so schaut man und harrt.

Und jetzt – mit dem äußersten Rand taucht sie hervor aus den Wassern, Frau Sonne! Dieselbe Sonne, die denn auch, ein bißchen später freilich, bei Stuttgart über der Gänsheide hervorkommt, sich meine schöne Vaterstadt besieht und der Leni ins verschlafene Gesicht blinzelt.

Die brummt dann womöglich und kehrt sich der Wand zu auf die andere Seite. Ich hab's grad' so gemacht. Hab' ich denn gewußt daheim, wie schön die Welt eigentlich ist? Der Sonne wenigstens hab' ich morgens bloß ins Gesicht gegähnt und mich geärgert, daß sich schon da war. Hier – jetzt –

Da taucht sie also aus den Wassern mit dem äußersten Rand und eine Lichtflut liegt breit auf den Wogen, eine goldene Brücke, die geradeswegs in den Himmel zu führen scheint. Bravo, Ruth, das war nicht übel gesagt!

Und wir stehen und sehen, wie sie höher und höher steigt, mehr und mehr Licht spendet, bis wir geblendet die Augen schließen.

Da, gerade zur rechten Zeit, hört man von fern das Gong schlagen. Ehe das Gelärme, das allemal »Fütterung« bedeutet, ganz an Deck kommt, sind wir mit unserem Naturschwärmen zu Ende und bereit für das Frühstück.

Über dieses Frühstück hab' ich zuerst recht lachen müssen. Statt des einfachen Brötchens, zu dem es bei uns zu Hause nicht mal Butter gibt, essen sie hier alles, was man sich nur denken kann: Fisch, Fleisch, Obst, Eier, Käse, Kartoffeln, Kuchen, Schinken und noch viel mehr. Zuerst hab' ich darüber gelacht, nun tu' ich mit! Man muß mit den Wölfen heulen, denk' ich, und dies hier ist ein recht vergnügliches Heulen.

Überhaupt, dies Essen an Bord – die reine Mastanstalt! Und, Herz, was begehrst du? Alles kann man haben. Anfangs hat es mir ungeheuer imponiert, daß der Mann – sie nennen ihn den Decksteward – nur so flog, wenn ich, die Ruth Rümelin, etwas wünschte. »Bitte,« sagte ich und machte meine freundlichsten Augen. Da stand auch schon, was ich wünschte, eine Käseschnitte oder Schlagsahne, eine Orange oder ein Pastetchen. Mit der Zeit aber gewöhnt man sich dran, wie an alles.

»I muß mi ebe erscht dran g'wehne, daß i au haue muß, wann se mi hauet,« hat unser kleiner Erich geheult, als er zum erstenmal von einer Keilerei heimkam.

Wie's den beiden gehen mag, dem Georg und dem Erich? Ich hätte nie geglaubt, daß ich nach den beiden Heimweh haben könnte. Ich sehe noch ihre betrübten Gesichter, als sie am Abend vor unserer Abreise zu ihrem Professor abschoben. Geheult haben sie nicht; sie sind wirklich tapfer. Dafür habe ich das besorgt und mich dann riesig darüber geärgert. Was brauchten sie zu sehen, daß mich der Abschied schmerzte? Sie machten sich noch lustig über mich und taten ganz großartig!

»Mädle misset halt g'heult habe,« sagte Erich und Georg sah spöttisch drein. Aber ich glaube, es hat ihnen den Abschied erleichtert, daß sie sich so erhaben fühlten, und so soll es denn gut sein, meinethalben!

Ja so, ich will ja aber von der Reise erzählen!

Wie ich denn also den guten Kameraden hatte, da ist es nett und lustig geworden. Soll ich mal einen Tag an Bord beschreiben? Aber der zukünftige Leser darf sich nicht über die greuliche Faulenzerei entsetzen, bitte.

Wenn ich nämlich einen Tag beschreibe, so ist's als ob ich alle beschrieben hätte. Was wechselt, sind nur die Speisezettel bei den Mahlzeiten. Sonst Himmel und Wasser, Wasser und Himmel, nur daß wir auf unserer Bahn immer weiter kommen. Zuweilen taucht wohl von fern der Strich oder die Gebirgskette irgendeiner Küste oder Insel auf. Sonst immer dasselbe!

Den Morgen mit dem Frühstück habe ich schon beschrieben. Natürlich geht die Sonne nicht jeden Tag auf, das heißt zuweilen sind auch Wolken am Himmel, aber selten, sehr selten.

Nach dem Frühstück kommt erst die Morgenpromenade. Da geht alles, was Beine hat und sie gebrauchen kann, auf dem Deck rundherum oder auf den beiden Längsseiten hin und her, allein oder zu Paaren. Zuerst meinte ich, die Menschen seien alle ein bissel närrisch geworden, so ernst nahmen sie dies Rennen. Jetzt pendle ich mit, ohne mir weiter was dabei zu denken, und hänge meist dem Vaterle am Arm. Das Mutterle wird zu schnell müde. Sie sitzt gewöhnlich zuerst wieder in ihrem Stuhl, bis dann einer nach dem anderen ihrem Beispiel folgt.

Genau so pflichttreu und wichtig, wie sie das Rennen zuvor nahmen, sitzt nun jedermann in dem mit seiner Visitenkarte gezeichneten Stuhl.

Da hab' ich zum erstenmal ein bissel über das Mutterle triumphiert und mich dazu fürchterlich geschämt, wegen der Visitenkarten nämlich.

Ich habe doch keine, die einzige von allen meinen Freundinnen! Mutterle sagte immer, das sei für uns junge Mädels alberner Überfluß. Nun hat sie gesehen, daß man sie doch zuweilen haben muß.

»Ich pendle mit und hänge dabei meist am Arm des Vaters.«

Ich habe mir aber fein geholfen! Ich hab' keinen Zettel mit meinem Namen geschrieben, wie mir das Mutterle lachend riet – Mütter haben wirklich zuweilen gar kein Verständnis für die Gefühle ihrer Töchter –, sondern ich habe eine feine, dicke, rote Bandschleife oben an die Sessellehne gebunden. Das war schon in Neapel, wo wir an Bord gingen; man muß sich da gleich einen Sitz sichern. Ich hatte mir vorher einen großen Strauß Rosen gekauft, die steckte ich in die Schleife. Es sah schön aus! Und ich habe dann immer Blumen da stecken gehabt! Sie verwöhnen mich nämlich alle, weil ich doch die Jüngste an Bord bin. »Es ist gar kein Verdienst von der Ruth Rümelin dabei,« sagte Vaterle. Das weiß ich selber; so albern bin ich nicht, mir derlei einzubilden. Ich kenne meine Stubbsnase und weiß, daß meine Augen nicht zu den schönsten zählen. Dafür blicken sie aber immer fidel, und jeder lacht mit, den sie anschauen.

Aber da sitzen wir ja nun auf unseren Stühlen! Jeder nimmt sein Buch vor und steckt die Nase hinein. Was ich schon alles zusammengelesen habe! Vaterle hat mir jetzt aus der Schiffsbibliothek einen Band Treitschke gegeben. »Damit's länger vorhält,« hat er gesagt!

Er soll sich wundern! So ist die Ruth Rümelin nicht; die liest auch was Ernstes und gern. Immer lesen kann der Mensch aber nicht, daher bin ich der Meinung, ein Stündchen Lektüre sei genug auf einmal.

Na also! Ich bin meist die erste, die den Kopf hebt und um sich sieht. Die anderen sind in ihre Bücher noch sehr vertieft.

Nur der gute Kamerad lacht mich dann an; er hat sichtlich schon darauf gewartet, daß ich von den Sachsenkriegen in die Gegenwart zurückkehren soll. Da bin ich, und ein paar andere sehen auf.

»Spielen wir was, Fräulein Ruth?« fragt der dicke Kommerzienrat. Er ist immer nett und freundlich zu mir.

Ich nicke, und dann sind auch schon gleich zehn oder zwölf Damen und Herren auf den Beinen. Unter uns gesagt, ich glaube, die meisten haben stets darauf gewartet. Ich sollte für sie alle wieder mal die Kastanien aus dem Feuer holen.

Und nun geht's ans Spiel, heute dies, morgen das. Alles Spiele, die für den schwanken Schiffsboden berechnet sind.

Das dauert auch so ein Stündchen, dann kommt die Morgenmusik der Schiffskapelle. Wer von den Matrosen musikalisch ist, gehört dazu. Sie spielen wirklich gut.

Dann kommt das zweite Frühstück: »Tischlein deck' dich!« Vorher beim Spiel hat der Decksteward belegte Brötchen herumgereicht. Wir sterben nicht Hungers; eher droht uns vom Gegenteil Verderben.

Nach dem zweiten Frühstück kommt eine lange gesegnete Ruhepause. Die meisten ziehen sich in ihre Kabinen zurück.

Das sind dann meine nettesten Stunden; ich gehe auf Entdeckungsreisen aus. Ich kenne fast jeden Schiffswinkel. Die Matrosen sind sehr nett und aufmerksam; sie erklären mir alles.

In der zweiten Kajüte und im Zwischendeck bin ich ganz zu Hause. Überall habe ich Freunde.

In der zweiten Kajüte ist's eine alte Dame, eine Schweizerin; sie reist zu ihrer einzigen Tochter, die in Hongkong verheiratet ist. Diese Tochter ging als Lehrerin nach China und heiratete dort einen Kaufmann; jetzt hat sie vier kleine Mädchen und die können die Großmutter gut brauchen, weil Vater und Mutter ihren Beruf haben.

Die alte Frau hat mir die Bildchen der vier Kleinen gezeigt; es sind herzige Blondköpfchen. Sie kann's kaum erwarten, bis sie alle sieht. Eine Großmutter ist sie, wie man sich eine solche nicht besser ausdenken kann, so mild und gut; nur Liebe. Ich habe meine eigene nicht gekannt; drum mag ich die alte Frau wohl so gern leiden.

Im Zwischendeck liegt ein junges Mädchen krank; es ist etwas älter als ich, etwa achtzehn Jahre. Ich bringe ihm Orangen und was ich von meinem Nachtisch zurücklege. Aber es ist sehr traurig; was ihm wohl fehlen mag? Ich habe den Schiffsarzt danach gefragt; er hat aber eigentlich wenig gesagt. Kann's Heimweh sein? Sie hat große, immer traurige Augen. Sie ist eine Polin und will zu einem Bruder, dem's irgendwo in China – man kann die verflixten Namen ja nicht behalten – recht gut gehen soll.

Bei den Maschinen unten war ich auch einmal. Das darf aber niemand wissen, denn es ist verboten. Mein Freund Petersen, ein alter prächtiger Matrose, hatte mich mitgenommen. »Frölen möten allens seihn hebben,« sagte er.

Da unten aber fürchterlich! Das ist ein Leben! So denk' ich mir die Hölle. Erst mal der Lärm von all den wie toll kreisenden Stangen und Hebeln. Dann werden die Türen des Heizraums aufgerissen und Kohlen in die Höllenglut geschaufelt. Leise geschieht das nicht. Alsbald schmettern die Türen mit gewaltigem Krachen wieder zu, um dann wieder aufgerissen zu werden. Dabei geht noch irgendwo sonst ein Dröhnen, Rasseln und Schnauben los – kurz mit einem Wort, hier ist ein Höllenspektakel! Und die armen Burschen, die Heizer, sind selber so schwarz wie die Teufel. Daß es Menschen gibt, die so was aushalten, ist erstaunlich. Wie müssen wir all denen danken, die solche niedrige Arbeit auf sich nehmen! Und unserem Geschick danken, das uns gnädig anderswohin gestellt hat. Seinen Platz muß ja jeder Mensch ausfüllen, so treu als er kann; aber das eine Plätzchen kann eben doch behaglicher sein als das andere.

Die Leute da unten in der Höllenglut habe ich pfeifen und singen hören; sie müssen also nicht unglücklich sein. Mir war danach viel leichter ums Herz!

Am nettesten ist aber immer, wenn ich bei meinem Freund Petersen sitze, und er mir, wie er sagt, »ein Garn spinnt«. Das heißt, wenn er mir etwas vorlügt, daß sich die Balken biegen.

Er war mal Steuermann beim fliegenden Holländer, sagte er, und der letzten Seeschlange hat er den Kopf abgeschlagen, drum hört man jetzt nichts mehr von ihr. Auch in einem Land war er, wo die Menschen nicht schwarz oder gelb, sondern rot oder blau sind. Dort geht auch die Sonne abends auf und scheint die Nacht durch; die Flüsse fließen umgekehrt von der Mündung zur Quelle, und die Tiere haben eine Sprache, die jedermann verstehen kann.

Wenn er zu den Erzählungen aus dem Wunderland kommt, dann lache ich ihn an und er grinst zurück, daß ich alle seine gelben und schwarzen Zahnstummel sehe; aber er lügt trotzdem nur noch toller drauflos. Solch ein Kauz!

Bis ich meine drei Freunde besucht habe, höre ich auf dem Promenadendeck wieder Leben, und da ruft auch schon Mutterle oder Vaterle: »Ruth! Ruth!« Sie kennen meine Schleichwege.

Ich lasse meinen Freund Petersen dann mitten in der schönsten Beschreibung stecken, wie er einmal am Nordpol die Mondkälber hat blöken hören, »ganz deutlich«, und schüttle ihm die biedere Eisenfaust: »Bis morgen, Petersen!«

»Bis denn, Frölen!« Schnell bin ich oben; ich muß berichten. Alle interessieren sich für meine Streifzüge und Erlebnisse; lachend umdrängen sie mich. Ich erzähle von meiner alten Dame, der jungen Kranken und die neuesten Phantasien meines Freundes Petersen. Die Mondkälber finden rauschenden Beifall.

Dann kommt die Nachmittagspromenade, ebenso ernst und wichtig wie die vom Morgen. Wir rennen auf und ab, auf und ab. Dann Lesen und Spielen, genau wie am Morgen. Nichts Neues unter der Sonne an Bord eines Dampfers!

Mittlerweile wird es Zeit, an das Umkleiden zur Abendmahlzeit zu denken. Es ist das Hauptmahl des Tages, das wichtigste Ereignis! Hier setzt auch die Abwechslung ein, die mit dem Speisezettel meine ich. Das ist natürlich von großer Wichtigkeit und beschäftigt jeden sehr, mich genau so wie die anderen. Ich bin übrigens meist schon zuvor orientiert, denn ich halte gute Freundschaft mit dem Obersteward. Der ist ein wichtiger Mann an Bord, und sollte einmal eine meiner Mitschwestern in die Lage kommen, eine ähnliche Reise zu unternehmen, empfehle ich dringend, meinem Beispiel zu folgen.

Bei Tafel gibt's Musik und alles ist sehr lustig und munter. Mutterle hat den Ehrenplatz neben dem Kapitän, wenn sie imstande ist, zu Tisch zu kommen, was sehr selten der Fall ist. Da ich den Platz daneben habe, rücke ich dann hinauf und sitze neben dem alten Herrn, der sehr gemütlich ist. Er weiß tausenderlei Schnurren, andere als der alte Petersen und doch ähnlich, was die Glaubwürdigkeit anbelangt. Das müssen diese Seebären so an sich haben.

Ich muß hier aber auch erzählen, wie's bei »rauher See« zugeht, wenn wir tafeln. Du lieber Himmel, ist das ein Zustand! Es wird ein Holzrahmen über den Tisch gelegt, in den Gläser und Teller genau einpassen. Die halten nun wohl still, aber was drinnen ist, will mit Gewalt ganz wo anders hin als an den Ort seiner Bestimmung, in den Mund nämlich. Man muß balancieren wie ein Seiltänzer, und bei dem besten Willen und dem größten Geschick ist man nicht sicher, daß der Löffel Suppe, den man für den eigenen Mund bestimmte, im Schoß der Nachbarin oder auf dem Vorhemd des Nachbars landet. Mir sind die tollsten Dinge widerfahren, sowohl in tätiger als in leidender Form. Aber übel nimmt niemand etwas.

Die Kellner haben auch ihre liebe Not; man kann nie wissen, ob die Schüssel, die eben einer trägt, auf oder unter dem Tisch serviert wird. Du freust dich auf ein Stück von der Pastete, und da geht sie hin, hast du nicht gesehen; sie gleitet über den Boden und verschwindet unter dem nächsten Sofa. »Zwischen Lipp' und Kelchesrand!« muß ich immer denken.

Nach dem Essen gibt's noch einen Spaziergang an Deck. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Die Nächte unter dem südlichen Himmel sind unbeschreiblich schön. Die Sterne blitzen und funkeln viel heller als bei uns. Sind es Mondscheinnächte, läßt sich der Zauber vollends gar nicht beschreiben. Ich bin aber meist so müde von dem langen Tag, daß ich mich sehr bald zurückziehe. Die anderen tun noch allerhand; es wird auch manchmal noch musiziert. Ich aber träume, und damit hat der Tag für mich ein Ende. Hat er meinem zukünftigen Leser gefallen?


Ich habe eine lange Pause gemacht – wir werden nun schon bald in Yokohama landen – und viel Trauriges habe ich erlebt, von dem ich erzählen will. Daher kam auch die lange Pause. Da es aber ein Gelegenheitsbuch sein soll und kein Tagebuch, so tut das nichts. Ich habe mich überhaupt entschlossen, dies Buch nicht an Leni zu schicken. Ich möchte es immer zur Hand haben, um nachschlagen zu können, damit ich mich nicht wiederhole, meinem dereinstigen Leser zu Gefallen. Die Leni bekommt ihren Brief, wenn ich Zeit habe. Ich nehm's nun gar nicht mehr so schwer mit dem Schreiben; man gewöhnt sich ja an alles, und eine zukünftige Schriftstellerin darf vor allem nicht tintenscheu sein.

Aber ich wollte ja von dem Traurigen erzählen, das ich erlebt habe. Ja, das Leben ist ernst, ich hab's dem Mutterle nie recht glauben wollen. Jetzt habe ich selbst gesehen, wie alles anders kommen kann, als man denkt.

Wir waren an Hinterindien vorbei, vielleicht auf der Höhe der Insel Hainan, zwischen dem zehnten und zwanzigsten Grad südlicher Breite, und sollten in ein oder zwei Tagen Hongkong anlaufen.

Meine alte Dame aus der zweiten Kajüte war sehr erregt und rein selig in der Aussicht, so bald die Ihren zu sehen.

»Kindchen, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir zumute ist! Ordentlich feierlich, wie wenn ich vor dem Tisch des Herrn stehe. Und ist es nicht ein Wunder und eine Gnade ohnegleichen, daß ich alte Frau in diesem neuen Weltteil ein neues Leben soll führen dürfen mit meinen lieben Kindern, nachdem mir mein altes Leben am alten Ort versunken ist? Ich kann nur danken und loben.«

Wie verklärt sah sie aus, als sie so sprach. Ihre Augen leuchteten, ich mußte ihr immerzu ins Gesicht sehen. Und dann – – – aber ich will der Reihe nach erzählen.

Es war wieder nach der Mittagsstunde, wie gewöhnlich, daß ich so bei ihr saß. Da hörte ich mit einem Male meinen Namen rufen: »Fräulein Ruth! Fräulein Ruth!« Sie rufen mich alle so an Bord.

Ich horchte auf, erkannte aber die Stimme nicht. Da kam der Arzt gelaufen und winkte; er war sehr in Eile. »Sie müssen gleich kommen, Fräulein Ruth; sie verlangt nach Ihnen und kann nur noch wenige Minuten leben.« Ich starrte ihn an; wen konnte er meinen? Dann wußte ich's. Wen anders als das arme junge Ding im Zwischendeck, das ich nun ein paar Tage lang nicht hatte sehen dürfen! Schneller als der Arzt stand ich an ihrem Bett. Wie sah sie aus! Der Schatten von dem, was sie war.

In ihre Augen kam ein Aufleuchten, als sie mich sah. »Ich wollte Abschied von Ihnen nehmen,« sagte sie so leise, daß ich sie kaum verstehen konnte.

»Abschied?« fragte ich ganz mechanisch. Ich wußte ja und sah nur zu gut, was sie meinte. Sie nickte leise. »Näher,« hauchte sie, »näher!« Ich verstand und beugte mich dicht zu ihr nieder.

»Bruder schreiben – – – besser so – – – keine Freude an mir gehabt – – – Herz daheimgeblieben – – – schönes Polen, ach – – – nicht wieder sehen – – – junge Dame immer gut gewesen – – – Dank – Dank – – – schreiben bitte – – – schreiben – – – schrei – –« Da war sie still. Als ich durch meine Tränen sehen konnte, sah ich etwas, das ich noch nie gesehen hatte und nie vergessen kann. Ich sah zwei Menschenaugen im Tode brechen.

Der Arzt hat mich dann fortgeführt. Ich wollte bleiben, aber er litt es nicht. Es sei kein Anblick für so junge Augen wie die meinen, sagte er.

Ich kann das nicht verstehen. Wir jungen Menschen sollen doch heranwachsen zum Leben und tauglich sein. Ist es da richtig, uns die Augen vor dem Ernsten und Schweren schließen zu wollen? Sollte man uns nicht lieber sagen, es gibt Schatten, es gibt Not und Tod? Aber die Sonne bleibt am Himmel und keine Not ist so schwer, daß ihr nicht Hilfe werden könnte – Hilfe wird! Und der Tod muß sein. Wo Leben ist, ist auch der Tod; er ist nicht unser Feind.

So was sagte auch Mutterle, als sich dann der Arzt bei ihr später entschuldigte, daß er mich geholt habe. Sie hat mir auch geholfen, die Sachen der armen Toten zusammenzupacken und nach der Adresse zurechtzumachen, die wir dabei fanden. Den Brief an ihren Bruder habe ich geschrieben; Mutterle half dabei. Ich habe ihm erzählt, wie traurig seine Schwester gewesen ist, und daß ihr der Tod gewiß als ein Freund gekommen ist, da ihr das Leben vielleicht nur eine schwere Bürde gewesen wäre. Ich habe ihm auch gesagt, daß sie nicht allein gestorben ist, und daß wir sie in Liebe und in Trauer begraben haben.

Begraben, sage ich! Wir haben ihren Sarg, eine schnell gezimmerte Kiste, die mit Tüchern umhüllt und mit Blumen bedeckt war, in die Wellen des Weltmeers gesenkt, die nun über sie hin spülen, ewig, ewig. Vaterle hat schöne ergreifende Worte dazu gesprochen. Was Menschen tun können in Erbarmen und Mitfühlen für die sterblichen Reste eines Mitmenschen, das haben wir für sie getan.

Dann sollten wir Hongkong anlaufen. Da schmetterte noch einmal ein Wetterschlag des Geschicks auf einen aus unserer Mitte nieder.

Ich hatte von Mutterle erbeten, daß ich die Nachmittagsstunden bei meiner alten Freundin in der zweiten Kajüte bleiben dürfe. Es war der letzte Tag; am Abend sollte Hongkong in Sicht kommen. Der Kapitän meinte, es sei möglich, die für diese Stadt bestimmten Passagiere noch am Abend an Land zu bringen. Die alte Dame hatte fertig gepackt und war nun in fieberhafter Erwartung. Wir saßen zusammen an der Schiffsbrüstung und sahen hinaus auf die See. Da tauchte eine dunkle ruhige Linie auf, die Küste – der Ort ihrer Bestimmung konnte nicht mehr weit sein.

Meine alte Dame war nur noch Auge. Sie wendete den Blick nicht von dem dunklen Strich am Horizonte. Er kam näher und näher, er wurde allmählich wellenlinig; Hügel erhoben sich, und schon sah man die lang hingelagerte Stadt im Hintergrund einer Bucht. Viele Schiffsmasten, ragende Schlote und der Hafen wurden sichtbar. Wir waren aber doch noch zu weit, um irgend etwas genau zu erkennen.

Da bahnte sich wie bei Singapore, wo der gute Kamerad vom Schiff ging, ein Boot den Weg durchs Wasser. Ein paar Chinesen führten die Ruder des Fahrzeuges, komische gelbe Kerlchen mit ruppigen Haarzöpfchen, die ihnen über den Rücken baumelten.

Ich wollte schon lachen, da fiel mein Blick auf eine im Boot aufrecht stehende Gestalt. Es war ein Mann in einem langen schwarzen Rock. Man konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war auffallend ernst, wie durchdrungen von einem quälenden Schmerz, daß mir das Lachen in der Kehle stecken blieb; ich hätte selbst nicht sagen können, warum.

Meine alte Dame war auch aufmerksam geworden. Sie stand nun aufrecht und wandte den Blick nicht von dem Mann im Boot.

»Aber, ist denn das nicht – –?« stammelte sie, vergaß den Satz zu vollenden und starrte und starrte. Sie war wohl zu kurzsichtig, um den Mann zu erkennen, und ahnte doch – –

Das Boot war nun in Rufweite. »Frau Doktor Frei an Bord?« klang eine Stimme übers Wasser. Da jauchzte meine alte Dame: »Daniel, Daniel, hier, hier!« Ich legte den Arm um sie, denn ich fürchtete, sie würde mir in der Erregung über Bord springen. Daniel hieß der Mann ihrer Tochter, und der dort war's also! Aber warum winkte er nicht zurück? Er mußte doch der alten Frau Ruf gehört haben. Er sah furchtbar ernst aus; es schien, als ob er sich gewaltsam aufrecht halte.

Bald wußte ich's. Er kam an Bord, trat zu der alten Frau und er legte den Arm um sie, nicht wie begrüßend, sondern wie schützend. Der Schmerz stand in seinem Gesicht geschrieben; meine jungen Augen konnten diese Schrift sehr wohl lesen.

Die alte Frau ahnte sichtlich noch nichts. Sie war ihm entgegen gewankt und konnte vor Freudentränen nichts erkennen. »Daniel,« stammelte sie, »Daniel, du! Und Dora und die Kleinen?«

Wie ein Stöhnen brach's von seinem Mund. Fest hatte er den Arm um die alte Frau gelegt und führte sie abseits. Ich war zurückgewichen wie die anderen alle, die sich herzugedrängt hatten, Abschied zu nehmen.

Wir sahen die alte Frau wanken und beide Hände aufs Herz pressen; aber sie brach nicht zusammen. Nein, sie stützte jetzt ihn, den kräftigen Mann, und der weinte! Es ist schrecklich, einen Mann weinen zu sehen.

Die Matrosen hatten inzwischen das Gepäck ins Boot geschafft. Ich dachte schon, die alte Frau würde gehen, ohne noch einen Blick für uns zu haben. Sie stand auch schon an der Falltreppe. Wie geistesabwesend ging sie hin, das Auge gen Himmel. Da, in der letzten Minute, den Fuß schon auf der Treppe, wandte sie sich doch noch einmal. Ihr Blick, ihr Geist kam zu uns zurück. Auf mir lag ihr Auge; sie reichte mir ihre Hand und sagte: »Es ist nun doch alles anders gekommen, Kind. Meine Tochter ist tot, auch zwei von den kleinen Mädchen. Die zwei anderen sind schwer krank. Ob wir sie noch lebend treffen, ist ungewiß. Die Cholera, Kind! Ich will tun, was in meinen schwachen Kräften steht; ganz unnütz ist die alte Frau noch immer nicht. Er braucht mich sehr.« Ein Blick traf den Schwiegersohn. »Leben Sie wohl, Kind, und kommen Sie glücklich an Ihr Ziel! Ich habe Ihnen manche frohe Stunde zu danken.«

Wie vernichtet stand ich. Konnte es solch ein grausam schweres Geschick geben? Und konnte man es so tragen, so still und groß, wie es die alte Frau tat? Nicht an sich, nur an andere denken? Den eigenen Schmerz zurückstellen hinter den des anderen? Was ihr die Tochter war, wußte ich ja; wie oft hatte sie mir in diesen Reisewochen von ihr erzählt und wie hatten Freude und Stolz das liebe alte Gesicht dann verklärt!

An diesem Abend habe ich mich in Schlaf geweint. Immer sah ich das stille alte Gesicht vor mir, das der Schmerz wie versteint hatte. Ob sie die beiden letzten Enkelchen noch lebend angetroffen hat?

Das Mutterle saß neben mir und hielt meine Hand, hat lieb und gut zu mir gesprochen, lind und treu meinen ersten Schmerz zur Ruh gebracht. Sie sagt, von Herzen mitweinen können, wenn andere weinen, sei auch eine Himmelsgabe, die ich dem Herrn danken müsse.

Und dann ist der Schlaf doch gekommen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Auch daß am anderen Tag alles war wie sonst, daß die Sonne schien und unser Schiff seine Bahn weiter zog, als ob nichts gewesen wäre! Weit dahinten lag Hongkong.

Ich schreibe nun erst wieder in mein Buch, wenn wir am Ort unserer Bestimmung sind. Hoffentlich dann Fröhlicheres.


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