Alexander Lange Kielland
Schnee
Alexander Lange Kielland

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Elftes Kapitel.

Der Sturm hatte etwas nachgelassen. Die schweren Schneewolken, die er den ganzen Tag zwischen den Bergen eingeklemmt hatte, zerstoben plötzlich wie Daunen, und diese erfüllten die Luft, so daß der Sturm selbst schwer und matt wurde und seine Eile hemmen mußte.

Die letzten Stöße hatten aber dem alten Schuppen den Rest gegeben: – das faule Holz war so still zersplittert, daß es niemand im Pfarrhause durch den Sturm gehört hatte; auch hatte keins das Heu des Pfarrers gesehen, wie es sich erhob, als das Dach hinweggefegt wurde, und gleich einem Schleier dahinwehte, der sich auflöste und sich über die Felder verlor.

Im Hofe wirbelte der Schnee jetzt in großen Flocken, und das Licht von den Fenstern des Pfarrhauses warf gelbe Streifen in die Finsternis hinaus.

Frau Jürges ging voran mit dem Lichte, der Pfarrer hinterher mit der Pfeife und den Zeitungen. Als die jungen Leute das Haus verließen, hatte Daniel seine Sachen geordnet und die Lampe ausgelöscht, ohne ein einziges Wort zu sagen und ohne im geringsten auf sie zu achten.

Sie wagte es auch nicht, ihn mit einem Worte zu stören, nicht einmal, als sie an der Fremdenstube vorbeigingen und sie eine brennende Lust erfaßte, Gabrieles Nachtzeug und ihre Toilettensachen zum Schulzen hinüberzuschicken. Sie wußte ja, wie schlecht es ihr erging, wenn sie mit ihren alltäglichen Sorgen ihn aus seinen ernsten Gedanken herausriß. Daniel zog sich schnell aus und ging zu Bett. Frau Jürges wunderte sich über ihn; denn seit ihrer Heirat hatte er stets eine Pfeife geraucht und Zeitungen im Bett gelesen. Heute hatte er sowohl die Pfeife als auch die Zeitungen mitgebracht; sie lagen aber unberührt auf dem Tische, und sie konnte hören, daß er nicht schlief.

Er dachte natürlich an dasselbe wie sie, an diese sonderbare Schwiegertochter, die sie jetzt zwei Tage gehabt hatten; denn Frau Jürges erwartete nicht, daß Johannes sie wieder zurückbringen werde; es kam ihr nicht wahrscheinlich vor, so wie Gabriele war und – aufrichtig gesagt – Frau Jürges wünschte es nicht – es war keine Frau für Johannes.

Wie würde man aber im Kirchspiel das ungewöhnliche Ereignis auffassen, daß die Braut des Kandidaten am ersten Osterfeiertagsabend in Sturm und Schnee das Pfarrhaus verlassen hatte und zum Schulzen gegangen war! – Wenn es wenigstens der Vogt gewesen wäre!

Frau Jürges hatte Gabrieles Ring unter der Lampe hervorgesucht; sie blieb jetzt während des Auskleidens stehen und betrachtete ihn lange.

Und ohne daß sie es wußte, glitt die Musik durch ihre Seele, diese Musik, welche mit dem jungen Weibe verbunden war, das den Ring verschmäht hatte; und als sei ihr Wesen erst in den Tönen ihr verständlich geworden, erst jetzt – wie sie so dastand, dämmerte es undeutlich vor ihr auf, daß das, was sie heute erlebt hatte, wie ein Spiegelbild war, ein kurzer Schimmer von etwas, das tief drinnen in ihrem eignen Inneren lag – verkrüppelt und verkümmert.

Sie betrachtete diesen verschmähten Ring, und sie betrachtete ihren eignen, der dünn und abgenutzt ihr lose auf dem blassen Finger saß – ein einzelner Ring, aber einer langen, langen Kette angehörend. Gegen ihren Willen mußte sie daran denken, wie rund und geschmeidig sie gewesen waren – diese Finger, und wie wunderschön es gewesen war, wenn sie leicht und spielend durch die Töne wie durch Blumen glitten. Und sie vermochte sich nicht einer bösen Empfindung zu erwehren, als sie ihn fortlegte – diesen neuen, ungebrauchten Ring, der verschmäht worden war.

Und doch – und doch – wer hatte recht? – Welcher dieser beiden Ringe hatte recht?

Sie fuhr fort sich auszuziehen; aber die neue Musik kehrte immer wieder zurück und lief in ihrer furchtlosen Art neue Wege, und ihre Gedanken blickten in derselben Weise auf das Leben zurück, aber von einem andern Gesichtspunkt aus beurteilte sie jetzt, was ihr begegnet war, und ging darauf los, wo sie früher immer abgebogen war und sich geduckt hatte.

Nicht, daß sie den Lobreden über ihre Musik so viel Glauben geschenkt hatte; sie war eigentlich nie so weit gekommen, sich ihr Leben für sich auf eignen Anlagen beruhend zu denken. Da war sie viel zu jung gewesen, und niemand hatte sie gelehrt, sich eine solche Möglichkeit für eine anständige Frau zu denken. Es war daher keine Enttäuschung, und sie konnte niemand etwas vorwerfen, weil sie aus der Musik heraus war. Was sich aber diesen Abend mit einer bittern Klage in ihr erhob – das war, daß sie selbst verschwunden war – ihr eignes Innere – das, was ihre Seele ausmachte; es war dieser unverstandene Druck, der immer auf ihrem rastlosen Schattenleben geruht hatte; daß sie gar nicht für sich da war – ihrer selbst wegen; sie war nicht gebrochen worden, sondern mit einem Schwamme ausgestrichen – man hatte nicht auf sie getreten, sondern sie glimpflich – beinahe sanft niedergedrückt. Und während der Blick über ihren kleinen, verblühten Körper dahinglitt, wandte diese bittre Klage – sie konnte nicht anders – sich gegen ihn, der breit und kräftig im Bett ruhte. Und die von den Umzügen mitgenommene und abgenutzte Bettstelle selbst, welche ihr gefolgt war – diese wurde zu ihrem ganzen Leben.

Da hatte sie ihre Kinder geboren und im Laufe der Zeit ihre Schönheit, ihre Frauenwürde bis auf die letzten Reste gelassen – immer müder, mehr darin aufgehend, für andre alles, für sich nichts zu sein; niemals verstanden, und ausgenutzt, vernachlässigt und verbraucht.

Ihre Klage versank aber wieder in ihre eigne Hilflosigkeit, und es flammte nichts in ihr auf, weil sie erloschen war. Und sie fühlte es selbst, als sie das Licht ausgelöscht hatte und ihren Platz unter den Daunen genommen, wie eine ungeheure Traurigkeit, wie ein Meer mit schwarzen Wellen aufstieg und über ein verkrüppeltes Leben dahinrauschte; und sie weinte.

»Weshalb weinst du – Minna?« fragte ihr Gatte und erhob sich auf den Ellbogen.

»O – es ist so traurig – so traurig« – schluchzte sie.

»Was ist traurig?« fragte er ein wenig ungeduldig.

»Alles – alles miteinander ist traurig – so traurig –«

Einen Augenblick blieb er halb aufgerichtet liegen, und es kochte in ihm. Aber etwas benahm ihm den Mut; er legte sich still hin und that, als hörte er nicht, wie sie weinte und weinte, während der Wind mit langen Seufzern über das Haus strich und den schweren, nassen Schnee gegen die Scheiben fächelte. –

Indessen hatte Gabriele, mühsam vorwärts schreitend, die Felder an der Kirche erreicht. Der Wind kam ihr von der Seite und der Schnee begann bereits den schmalen Kirchenpfad auszuwischen, während er ihr ins Gesicht flog, so daß sie kaum vor sich sehen konnte. Die Aufregung war aber so groß, daß die frische Kälte und die körperliche Anstrengung ihr gut thaten, während sie schnell an der Kirche vorbei gegen den Wald eilte.

Als sie aber die Landstraße erreichte und den Wind im Rücken hatte, und als der Sturm statt ihre Wangen zu peitschen sich in den tiefen, säuselnden Ton hoch oben in den Wipfeln der Tannen wandelte, da wurde ihr Gang langsamer, und der Mut sank. Allerlei Bedenken, die der alles überwältigende Gedanke, von diesen Menschen fortzukommen, bisher zum Schweigen gebracht hatte, sie erwachten jetzt und fragten, ob sie den Weg finden konnte – ob es auch im Walde sicher sei, ob man wohl im Schulzenhofe noch auf sei, ob da nicht ein großer, böser Hund sei.

Unter den Bäumen war es beinahe still, und der Schnee, zwischen den Tannennadeln gebrochen und zerstoben, senkte sich wie ein ebenmäßiger feiner Schleier herab, durch welchen sie den Weg und die schwarzen Baumstämme schimmern sah. Das unheimliche Gefühl der Einsamkeit im Walde gewann plötzlich Macht über sie, und in wilder Angst begann sie zu laufen.

Der Schnee war aber lose, und der schwere Winteranzug hinderte sie, schnell vorwärts zu kommen. Sie wähnte hinter jedem Baume jemand hervorstürzen zu sehen, der ihr nachlief; über sich vernahm sie das unheimliche Geseufze des Windes, und drinnen im Walde krachte es gar seltsam in den Zweigen, die sich gegeneinander rieben – sie glaubte, vor Schrecken wahnsinnig werden zu müssen.

Da erblickte sie ein Licht zwischen den Bäumen – ein helles Fenster schimmerte durch den Schleier von Schnee, und mit einem Schlage war alles verändert. Es war das Licht, welches bei dem alten Sünder brannte, der ihren Vater gekannt – ihren guten, alten Vater – alle dort zu Hause, wo sie hingehörte – sie selbst, so sicher sonst und vernünftig! Gabriele fand sich selbst wieder und blieb stehen: sie lächelte ob ihrer Angst und löste den Mantel.

Jetzt blickte sie sich mutig um und lauschte dem mächtigen Gebrause des Waldes und empfand keine Furcht mehr. Sie entsann sich auch jetzt klarer des heftigen Kampfes, den sie bestanden hatte, und ihres Verlustes – eines Mannes, dem sie so fest vertraut hatte, und eines Freundes, dem sie so gern ihr ganzes Leben lang in Liebe und Treue gefolgt wäre.

Denn es war nicht Wahrheit, wenn sich Johannes in dieser Weise an die Religion klammerte. Sein Glaube war insofern fest und aufrichtig, als er mit Leichtigkeit jeden aufsteigenden Zweifel mit den ihm beigebrachten Lehrsätzen besiegen konnte. Im Grunde war er aber keineswegs religiös. Und wenn er einem Manne wie Daniel Jürges in eine Priesterschaft wie diese folgen konnte, so befand sich zwischen ihnen beiden eine gähnende Tiefe, und es half alles nichts, was für ihn in ihrer Liebe sprach.

Sie sah jetzt ein – wie bitter sie auch den Verlust im Augenblick empfand – welches Glück es für sie war, daß sie frühzeitig von dem Wesen der Liebe gelesen und gehört hatte ohne Mondschein und Unklarheit. Denn mitunter hatte sie eine Leere empfunden, ein schmerzliches Verlangen, als ob sie um etwas betrogen sei, wenn sie eine verliebte Freundin als Braut am Arme eines Studenten dahinhüpfen sah.

Der nüchterne Bescheid, der ihr über diese Dinge geworden war, raubte ganz gewiß der Liebe etwas von dem vielerwähnten zarten Duft. Mit welch froher Dankbarkeit erfüllte sie aber das Gefühl, in diesem Augenblick ganz und frei inmitten des säuselnden Waldes zu sein. Und selbst jene qualvolle Stunde, die starke Erregung und die Worte, welche sie gegeneinander geschleudert hatten – alles bekam nach und nach ein andres Aussehen. Endlich war sie allen Ernstes dabei gewesen und hatte etwas vollbracht. Dies war kein müßiger Wortstreit gewesen, worin Fräulein Pramm fassen durfte, was sie wollte, weil sich keiner daran kehrte. Ihre eigne Person war mitten im Streite gewesen. Sie hatte allerdings verloren, und jetzt räumte sie die Wahlstatt; aber sie lachte still und heiter im Sturme, hüllte sich fest in ihren guten Pelzmantel und setzte ihren Weg durch den Schnee fort.

Der Wald, welcher brummte, der Schnee, welcher herabrieselte, die schwarzen Stämme am Wege – alles wurde ihr so heimisch lieb: sie fühlte sich gleichsam verwandt und im Bunde mit der ganzen Natur, und obgleich das Fenster des Schulzen wieder verschwunden war, schritt sie mutig weiter, und es fiel ihr nicht ein, an der Richtung zu zweifeln. Gabriele wandte sich nicht um und sah daher nicht die Gestalt, welche ihr in einiger Entfernung folgte.

Johannes war bis zur Kirche gelaufen, als er sie aber in den Wald einbiegen sah und rufen wollte, hatte sie angefangen zu laufen. Johannes eilte ihr nach; als er sie aber stillstehen sah, hemmte auch er seine Schritte. Solange er sie nicht erreichen konnte, beeilte er sich und wollte rufen. Aber jetzt, wo nur eine kleine Strecke ihn von ihr trennte – blieb er stehen – ratlos, wagte nicht vorwärts zu gehen und vermochte es nicht über sich zu gewinnen, sie anzurufen.

In dieser Weise fuhr er fort hinter ihr herzugehen, fest entschlossen, sie an der Pforte des Schulzen anzuhalten; aber hier erschien es ihm zu spät, zu dicht am Hause; er blieb hinter dem letzten Baume am Rande des Waldes stehen, hörte sie die Pforte öffnen und schließen und sah sie zuletzt wie einen schwarzen Punkt in dem Schnee verschwinden, der außerhalb des Waldes dicht fiel und sich hinter ihr schloß.

Darauf wandte er sich und trat halb bewußtlos den Heimweg an, während eine ganz kurze Gedankenreihe in seinem Kopfe immer und immer wieder den Kreislauf machte; es waren die Vettern und ihre Sippe, und alles Gelächter und alles Frohlocken stets dasselbe wieder. Er wollte stehen bleiben und ernstlich darüber nachdenken, was geschehen war. In einzelnen Augenblicken hatte er ein Gefühl, als sei er nicht bei Sinnen. Es war ja unmöglich und undenkbar, sein ganzes Leben, seine Liebe und seine goldnen Träume – alles dahin! – In einer stürmischen Abendstunde von ihm weggeweht, und selbst irrte er da wie ein Narr im Walde umher, und die Vettern kamen wieder, er sah sie auf der andern Seite der Straße; er sah, wie sie lachten, und er ballte die Hände, als wolle er in all diese grinsenden Zahnreihen hineinschlagen.

Erst als er die Kirche erreichte, wo der Schnee frei fiel und sein heißes Gesicht kühlte, erst dort wurde es ihm unerbittlich klar, was geschehen war und daß an dem Geschehenen sich nichts ändern lasse. Aber warum und weshalb? – Es war ebenso klar, daß sein eigner Vater daran die Schuld trug, und der Gedanke, den seine allzu große Bewunderung stets zurückgehalten hatte, der kam jetzt bei ihm zum Durchbruch; die alte Methode konnte nicht mehr gebraucht werden. Jetzt hatte er es selbst in der denkbar bittersten Weise zu fühlen bekommen, daß die neue Zeit sich nicht niedertrotzen läßt. Wie sich ihm früher seine Verlobung im Zusammenhange mit den »Tagesfragen« gezeigt hatte, so erblickte Johannes die Ursache der tiefen Niederlage in dem Zusammenstoß der verschiedenen geistigen Richtungen, und er war ohne eigne Schuld gefallen als ein Märtyrer seiner kindlichen Pietät.

Und die unbegrenzte Bewunderung für den Vater, welche das Unglück in diesem Augenblick in Johannes wegnahm, wirkte durch ihr Verschwinden als eine Befreiung, und wie er nun an der Gitterpforte stehen blieb und zur Kirche hinblickte, erwachte wieder eine Hoffnung in ihm; alles, was der Sturm dieses Tages zerbrochen und zersplittert hatte, das konnte zusammengefügt und trotzalledem hoch gen Himmel gebaut werden.

Nicht sein persönliches Glück – dies hatte er heute als ein Opfer gebracht: aber wie er so dastand und das kleine festgemauerte Gotteshaus betrachtete, fand Johannes wieder den Weg zu seinen Träumereien von einer starken und siegreichen Kirche.

Strafreden und ohnmächtiger Trotz konnten aber jetzt nichts mehr ausrichten. Gottes neue Streiter mußten die Gedanken der Zeit aufnehmen – wie aufrührerisch sie auch waren – damit die Wahrheit aus den Irrungen selbst Kraft schöpfe, gleichwie die Saat aus der Verwesung sprießt. Da würde das Leben in die dahinsiechende Kirche wiederkehren und mit dem Leben die Macht, und wieder wurde Johannes hinauf zu jenen Höhen geführt, von welchen er diesen Abend in den losen Schnee heruntergeraten war, welcher schon den Weg durch die Felder zum Pfarrhause bedeckte.

Und der Schnee fiel dicht, schwer und ebenmäßig – wie er nach einem Sturme fällt – füllte Vertiefungen aus, glättete Spitzen und scharfe Ecken. Es wurde ganz still im Walde, eine weiche Stille wie in dichten Daunen, und die Schneedecke breitete sich immer dichter über die Abhänge der Berge.

Frühlingswetter lag aber in der Luft, und der Schnee war lose. Wasser begann darunter zu rieseln, tropfenweise herunterzurinnen, sich im Verborgenen sammelnd, um dann hervorzubrechen und alles mit sich zu reißen, steigend und anschwellend, über Berge und Hügel hinunter zu den Strömen in den Thälern.

Und die Sonne sollte oberhalb zehren und das Wasser sich unterhalb sammeln, bis der Schnee eines Tages hinwegfloß, um schäumend den Weg mit klaren, mutigen Stromwellen zu dem freien blauen Meere zu finden. Und in jedem Winkel sollten frische grüne Keime hervorsprießen an Stelle all jenes trockenen Heues, das von modrigen Pfarrhäusern über das Land hinausgeweht war.

Daher rollte das geduldige Meer ruhig seine Wellen zwischen Steinen und Scheeren, während der Schnee noch dicht und schwer über das ganze Land fiel.

Ende.


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