Alexander Lange Kielland
Schnee
Alexander Lange Kielland

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Siebentes Kapitel.

Von der letzten Eisenbahnstation hatten sie drittehalb Stunden zu fahren – durch Wälder, wo der Schnee noch hoch lag, über Höhen und Strecken, vom Winde rein gefegt, wo Frühlingssonne und Feuchtigkeit im Verein die Wege glatt und schlüpfrig wie Eis gemacht oder sie in eine weiche Masse mit einer dünnen Kruste verwandelt hatten. Sie mußten gar viel und herzlich über alle die Widerwärtigkeiten lachen – Johannes und seine Braut; fuhren sie von einer Poststation mit fröhlichem Schellengeläute auf schneebedeckter Bahn dahin, so begegnete es ihnen wohl, daß sie eine Viertelmeile später den Schlitten mit einem weniger bequemen Fuhrwerk vertauschen mußten, welches sie langsam durch gelben Lehm und tiefe Pfützen vorwärts schleppte. Auf der letzten Station kam ihnen aber der große Schlitten des Pfarrers, mit seinen beiden Füchsen bespannt, entgegen. In diesem Thale lag noch hoher Schnee und der Weg führte die ganze Zeit durch Wälder. Als die beiden daher, mit Hilfe von Fußsack und Bärenpelz gegen die Kälte geschützt, im Schlitten Platz genommen hatten, beschlich sie ein behagliches Gefühl davon, wie schön es sei, so warm und bequem dazusitzen; eigentlich waren sie beide müde vom Lachen und Reden, und sie versanken daher jedes in seiner Ecke in angenehme Träumereien, während die Füchse lautlos dahintrabten und der Schlitten leicht und fröhlich der Heimstätte zuflog.

Die schwarzen Stämme, die sich scharf gegen den weißen Schnee abzeichneten, glitten einförmig an Gabriele vorbei. Bei Johannes aber, dem der Wald wie jede Biegung des Weges so wohlbekannt war, erregte die Empfindung davon, daß er sich dem Elternhause nahe, eine erwartungsvolle Stimmung. Schneller als die flinken Füchse eilten seine Gedanken über die Anhöhe dahin, die sich schräg zum Flusse herabsenkte – dort, wo sich das Thal ausbreitete, in welchem sein Vater lebte.

Nie hatte er eine solche Sehnsucht nach dem alten Heim verspürt, wie in diesen Stunden, wo er einen Sieg errungen hatte, neben dem die Erfolge seiner Studien nicht genannt werden durften. Sie saß an seiner Seite, sich voller Zuversicht und Vertrauen an ihn schmiegend, sie, die Vielbewunderte und Vielbegehrte – nach der ein Heer von Verehrern verlangend die Hände ausstreckte. Ihre Schönheit hatte die Leidenschaft des einen geweckt, ein zweiter fühlte sich von ihrem Geist, ihren glänzenden Eigenschaften gefesselt, und wieder andre griffen nach ihr, wie man im Traume auf gut Glück unwillkürlich nach dem funkelnden Golde hascht – sie, das schöne Weib, der goldne Traum war ihm gefolgt, hatte sich ihm freudig anvertraut.

Hinter sich sah er sie stehen mit enttäuschter Miene: die Vettern, die ganze jugendliche Sippe, die, dem Unkraut gleich, noch eine kurze Weile in dieser verwilderten Zeit wuchern durfte, um dann endgültig ein für allemal ausgerottet zu werden. Ein Anfang war gemacht – sie hatten den kürzeren ziehen müssen, und Johannes frohlockte mit gutem Gewissen.

Nach dem letzten Briefe seines Vaters begann er seine Verlobung als etwas anzusehen, das gleichsam einen mehr allgemeinen Hintergrund habe, ein Glied einer zusammenhängenden Kette bilde. Kein Wunder, daß ihm dies nicht eingeleuchtet hatte, während er noch geduldig mit Hangen und Bangen harrte und sann, ob nicht doch eine Möglichkeit vorhanden sei, daß er sie zuletzt gewänne. Jetzt begann er aber einzusehen, daß er dies Glück nicht egoistisch und rein persönlich auffassen durfte; daß so viel seinen Händen anvertraut war, hatte mehr zu bedeuten; in voller Inbrunst dankte er Gott, der ihn so gnadenreich erhört und seine Prüfungen geendet habe.

In seiner glücklichen, gehobenen Stimmung trugen ihn die Gedanken weit in die Zukunft hinaus – und immer folgte sie ihm anschmiegend und zuversichtlich. Ganz anders trat ihm alles entgegen, nachdem ihn jenes schöne, inhaltsreiche Schreiben des Vaters auch hinsichtlich eines andern Punktes beruhigt hatte.

Johannes hatte nämlich nie recht jenen Zug im Charakter des sonst von ihm vielbewunderten Vaters verstanden, der ihn veranlaßt hatte, sich dereinst selbst in die Einöde zu verbannen, und ihn noch von der Hauptstadt fernhielt. Er, ein Mann, von dem so oft gesagt war, daß ihm ein Ministerportefeuille bestimmt sei, wenn ein Wechsel einträte, er begnügte sich damit, so beiläufig als der talentvolle und überlegene D. in der Zeitung der Hauptstadt geehrt zu werden. Jetzt hatte Johannes die Erklärung und zugleich die teure Gewißheit erhalten, daß etwas Aehnliches von ihm nicht verlangt werden würde. Zu gleicher Zeit, wie ihm das Heroische in dem Kampfe des Vaters gegen die Eitelkeit Bewunderung abnötigte, hing er zuversichtlicher als früher seinen Träumen von einer starken, mächtigen Kirche nach, licht und hochragend, wie Gottes Kirche es in diesen Zeiten sein mußte, von kräftigen Männern umgeben, die so gestellt waren, daß sie, von heiligem Eifer erfüllt, würdig einherschreiten konnten als die hochangesehenen Zeugen des Allgewaltigen unter den Menschen.

Der kleine Johannes richtete sich auf in seinem Pelzmantel; in Wirklichkeit war er nämlich nicht von großem Wuchs. Er hörte es nie gern, wenn man von seiner Aehnlichkeit mit der Mutter sprach; sein Stolz war es, dem Vater in Stimme und Manieren zu gleichen. Die Erfahrung – und das eine bittre Erfahrung – hatte ihn gelehrt, daß seine Persönlichkeit einen unbedeutenden Eindruck mache, so daß die Leute mit einem verwunderten Ah! die Augenbrauen in die Höhe zogen, wenn man ihn als den Sohn von Daniel Jürges, dem talentvollen D., vorstellte. Dies war sein wunder Punkt. Wie lange hatte er gewartet, wie oft den Himmel um Geduld und immer wieder Geduld angefleht, die Schmach, stets übersehen zu werden, die Pein dieser Zurücksetzung zu ertragen.

Wie sehr hatte es ihn gequält, so ganz ohne Anerkennung mit diesen albernen Menschen zu verkehren, welche nichts davon wußten, was in ihm wohnte, und so weit gingen, ihn sanft nur seines Vaters wegen unter ihren Schutz zu nehmen – ihn! Nur einige Lehrer und diejenigen, welche Johannes Jürges beobachtet hatten, wie er durch emsiges Ringen der Erste in der Klasse wurde oder an der Universität das beste Examen machte, erkannten seinen Ehrgeiz und seine Ausdauer. Die Vettern Gabrieles schwuren darauf, seine Bewerbung sei während des ganzen Winters ein Meisterstück von Berechnung und Beharrlichkeit gewesen.

Er selbst lächelte vertrauensvoll, denn er wußte, daß Gott in den Schwachen stark ist – in den anscheinend Schwachen. Einen großen Schritt vorwärts war er gekommen; mit bebendem Wohlgefallen fühlte er, wie seine Kraft Macht zu werden begann; aber ohne Uebermut und Uebereilung gedachte er der Schwierigkeiten, welche noch zu überwinden waren. Sie hatten die Frage seitdem nicht berührt, das heißt nicht ernstlich. Jedesmal, wenn Gabriele auf sein Aufgeben des geistlichen Berufes anspielen wollte, ging er im Scherz darüber hin oder nahm ein andres Thema auf. Er fühlte aber, es könne nicht lange in dieser Weise gehen und es sei hohe Zeit, daß sie zum Vater heimkehrten. Als sie sich nun ihrem Ziele näherten, verharrte er regungslos an ihrer Seite, von einem Wunsche, einem Gebete erfüllt: Möchte alles gut gehen, der Vater sie gern haben und Gabriele einen mächtigen Eindruck seiner Persönlichkeit erhalten! Sie war leider so unberechenbar. Auch hoffte er, die Mutter möge nicht zu unbedeutend und bescheiden erscheinen. Oh – das arme liebe Mütterchen! – eigentlich hatte er ihretwegen keine Angst, sie und Gabriele würden sich schon befreunden. Außerdem hatte er oft genug erfahren, wie der Vater jeden fremden Besuch zu fesseln wußte. Auch Gabriele würde sich zu ihm hingezogen fühlen, andre Anschauungen erhalten, wenn sie einen Geistlichen wie ihn kennen lernte.

Indessen saß sie in halbklaren Träumereien versunken, zuerst voller Freude dabei verweilend, daß sie sich hier befand, daß sie dem Manne an ihrer Seite wirklich von Herzen gut sei. Im Walde begann es bereits zu dunkeln, und der tiefe, mächtige Frieden, der hier waltete und allein von dem lustigen Schellengeläute unterbrochen wurde, erfrischte Sinne und Herz; allmählich wich auch das Gefühl von Ueberdruß und Gleichgültigkeit, welches dieser Winter bei ihr zurückgelassen hatte. Noch nie war ihr eine Saison so entsetzlich erschienen, wie die verflossene, und doch hatte eigentlich ein regeres Leben als sonst geherrscht; alle Menschen waren von eifrigem Streben erfüllt gewesen – nur sie fand alles so langweilig – eigentlich entsprach auch dies Wort nicht ihren Empfindungen. Die angeregte Stimmung der Gesellschaft war aber für sie das Schlimmste an der ganzen Geschichte, und nur mit Angst gedachte sie des Lebens, das ihr bevorstand. Im Grunde genommen gab dies Treiben auch dem Dasein der andern keinen Inhalt; aber es hatte doch etwas Spannendes, dies Rasseln mit den Zeitungen, dies Umsichwerfen mit Stichwörtern – das ganze Spiel, welches den Anlaß gab, daß Freunde sich haßten und die erbittertsten Feinde sich einander in die Arme warfen. Von der Fremde zurückkehrend, hatte auch sie in dem Wortgefechte Partei ergriffen, und wenn der Eifer bald nachließ, so war die Ursache davon nicht, daß sie verlor, noch weniger, daß sie gewann. Sie ging von einer Gruppe zur andern, von der Rechten zur Linken, sie hatte volle Freiheit, ihren Verkehr zu wählen. Im Elternhause herrschte diesen Winter zwar kein reger Verkehr; Pramms hatten die Geselligkeit fast auf die Verwandtschaft beschränkt. Der phlegmatische Jürgen Pramm war natürlich in politischer Hinsicht ganz indifferent und begann daher beide Parteien durcheinander einzuladen; dies nahm aber nur zu bald ein Ende mit Schrecken.

Im übrigen hatte sie aber die beste Gelegenheit, mit Menschen zusammenzutreffen, die ihr gefielen, teils durch die vielen Beziehungen des Hauses und ihren Verwandtenkreis, teils durch persönliche Bekanntschaften, die sie auf Reisen, oder wenn es ihr sonst paßte, machte. War Frau Pramm auch in dieser Hinsicht etwas ängstlich, so fand Gabriele stets eine Stütze an ihrem Vater. Jürgen Pramm hatte ein für allemal den Ausspruch gethan, daß manche Frauenzimmer thun könnten, was sie wollten, und seine Gabriele gehörte zu diesen. Sonst teilte er keineswegs ihre Ansichten – hauptsächlich weil seine Anschauungen nicht den gewöhnlichen Maßstab überschritten, der im täglichen Verkehr genügt. Nichts machte ihm aber mehr Spaß, als zu hören, wie die Tochter mit ihrem unvergleichlichen Mut irgend einen ruhmgekrönten Buchstaben in der Zeitung der Hauptstadt abkanzelte. Er amüsierte sich köstlich und andre mit ihm, und dies war es, was von Anfang an Gabrieles Eifer merklich herabstimmte, bis dies Wortgeplänkel bei ihr ein Gefühl der Leere und des Unbehagens erregte, das sie veranlaßte, still zu schweigen, wo sie sonst alles zum Widerspruch gereizt hätte.

Es wurde ihr allmählich klar, daß sie ganz außerhalb des Spieles stand. Man hörte zu, lächelte, erwiderte ihre heftigen Angriffe mit Sanftmut und that, als lausche man dem Zwitschern eines lästigen Kanarienvogels, wenn sie sich dazu verstieg, die höchsten und heiligsten Autoritäten zu verhöhnen. Da gab sie das Ganze auf, schloß einen Bund mit den bösen Vettern und ihrer Sippe, begann leichtsinnige Gespräche zu führen und veranstaltete kleine unpolitische Tanzgesellschaften, wo der Champagner in Strömen floß – die Alten ließen alles hingehen und meinten halb zerstreut, man könne in so bewegten Zeiten nicht auf jedes achten. Sie blieb aber immer noch unbefriedigt; denn sie besaß nicht nur Gefühl, sondern auch Reife genug, um zu verstehen, daß jener Streit, aus welchem die Männer sie sanft verjagten, nicht nur politisch sei – und etwas, das Fräulein Pramm nichts angehe. Es handelte sich um ihre eigne Lebensanschauung, man kämpfte um die Ideen, welche ihr die wichtigsten und teuersten waren. Man benutzte die ihr so teuren Namen bald als Angriffsobjekte, bald als Beweise oder Scheltworte. Sie durfte aber nicht dabei sein. Sie wollten nicht verstehen, daß sie mit ihrer Erziehung und Entwicklung den meisten gleichalterigen Männern überlegen sei, welche nie die Heimat verlassen, nie etwas andres als Schulaufgaben und Zeitungen gelesen hatten und nur die Ideen der Gegenwart aus endlosen Gesprächen im Ofenwinkel kannten.

Da erfaßte sie ein Gefühl der Mutlosigkeit und der Demütigung, weil sie nichts ausrichten konnte. Vergeudet und unverdient war die Freiheit, die sie genossen hatte, alles Vertrauen des guten Vaters, das Kapital, das an sie verschwendet war, trug keine Zinsen; und die Kenntnisse, die Stärke der Ueberzeugung, wer fragte danach? Sie war ja Fräulein Pramm, und das sollte sie so lange bleiben, bis ihre Unmündigkeit durch eine christliche Ehe einst besiegelt würde.

Sie wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte; ihrer Natur gemäß wählte sie das Lachen – für eine Weile, hatte aber dabei ein böses Gewissen.

Während der ganzen Zeit gab es nur einen einzigen, der sich ernsthaft mit ihr unterhielt, und das war der Mann an ihrer Seite.

Der kleine, steife Theologe mit den klaren, bestimmten blauen Augen, der geraden Haltung, den gemessenen Bewegungen und einer stets gleich sicheren Stimme – wie kam es nur, daß sie sich zu ihm hingezogen fühlte! Bald nahm sie ihn in Schutz, bald übergab sie ihn unbarmherzig den Angriffen der gottlosen Vettern; er aber verharrte unbeweglich, wie ein Stehauf von Holundermark auf seinem Bleiklumpen, in ihrer Nähe, wie schlecht sie ihn auch behandelt hatte – und ohne es selbst zu wissen, wurde sie ihm gut. Sie stimmten kaum über etwas unter dem Himmel – noch weniger im Himmel selbst – überein. Sie lernte aber den Ernst, womit er ihr widersprach, schätzen und die Ruhe und Gleichgültigkeit bewundern, die ihn nie verließen, selbst wenn sie Dinge sagte, von denen sie wußte, daß sie ihn im höchsten Grade verletzen mußten. Dazu kam seine treue, unermüdliche Verehrung, die nie ins Schwanken geriet – weder durch Spott, Kälte, Launen oder Uebermut. Er folgte ihr in einen Kreis, der ihm so fremd war, und hielt stand, trotzdem daß ihn im Grunde alle mit Abneigung betrachteten; nie wich er zurück, nie drängte er sich vor; er war nur da, immer da.

Nachdem die Gefühle Gabrieles dem Kandidaten gegenüber verschiedene Zustände durchgemacht hatten, betrachtete sie ihn zuletzt mit einer Art gleichgültiger Freundschaft – bis das Frühjahr den Zerstreuungen des Winters ein Ende machte. Die Nachmittage begannen hell und lang zu werden, und es machte kein Vergnügen mehr, tief in den Morgen hinein vor sich hinzuträumen und den roten Feuerschein des Ofens anzublinzeln.

Die veränderte Lebensweise riß auch Gabriele aus der Stimmung heraus, in die sie sich und ihr böses Gewissen eingesponnen hatte.

Als sie nun aber merkte, wie die übrige Welt ebenso dumm, überlegen und unmöglich, dazu aber noch unsinniger als früher sei, wurde sie von heller Verzweiflung erfaßt. Zuletzt vermochte sie keinen Menschen reden zu hören und begann einsame Spaziergänge zu machen, auf denen sie Johannes Jürges öfters begegnete. Wie eine Erleichterung berührte es sie, sich einem Menschen gegenüber aussprechen zu können, der sowohl in einer Weise zu hören, zu schweigen, als auch zu antworten wußte, daß stets Ernst und Aufrichtigkeit zwischen ihnen herrschte, mochten sie nun einig oder uneinig sein. Sie vertraute ihm dann an, wie peinlich sie ihre ohnmächtige Stellung empfand, und entdeckte dadurch, daß auch er ein geheimes Verlangen verspüre, dasjenige zu offenbaren, was sein Inneres erfüllte. Das bittre Gefühl, keine Anerkennung zu finden, gab sich in einem erregten Augenblicke in so glühenden Worten kund, daß Gabriele auf einmal überrascht und gerührt wurde. Es deuchte ihr groß von ihm, daß er sein Geschick so still ertrug, und der Umstand, daß sie beide nicht das Lebensziel, das sie sich gesteckt hatten, zu erreichen wußten, führte sie einander näher. Seine treue Verehrung, welche immer so bescheiden darauf harrte, ihre Hand zu fassen, that es ihr an, und zuletzt wurde sie ihm von Herzen gut, so daß sie ihm an jenem Abend ihr Wort gab – versprach, ihm zu vertrauen und ihm durchs Leben zu folgen. Trotzdem war sie beinahe überrascht, als ihr klar wurde, dies sei eine regelrechte Verlobung mit allem Zubehör. Freundinnen und enttäuschte Anbeter regten so viel Staub auf mit ihren Ausrufen des Staunens und der Verwirrung, daß sie glücklich war, allem aus dem Wege zu gehen, indem sie ihren Bräutigam nach seinem Elternhause begleitete. Bei ihr zu Hause war die Mutter mit der Partie sehr zufrieden – sie war dem theologischen Kandidaten stets gewogen gewesen; Jürgen Pramm wunderte sich, sagte aber nichts dazu.

In der Stadt war aber diese Verlobung eine Begebenheit, welche die Tagesstreitigkeiten schweigen machte und beinahe politische Bedeutung gewann: der Sohn des Pastors Jürges – des begabten D.s – mit der Tochter eines der reichsten Männer des Landes versprochen; er hatte den Vogel abgeschossen; sie durfte sich aber wahrlich auch freuen.

Nur die gottlosen Vettern und ihre Sippe schwuren laut darauf, Gabriele habe ihn allen zum Trotz genommen, um etwas ganz Verrücktes zu thun, weil sie sich langweilte.

Von allem diesem fuhr sie jetzt fort, getragen von dem glücklichen, befreienden Gefühle, in neue Verhältnisse hineinzukommen, über welche sie selbst gebieten konnte – einer Zukunft entgegen, die sie sich jetzt ausmalte.

In einer seltsam ruhigen Weise war sie sich ihrer Liebe bewußt geworden. Sie hatte ja lange gemerkt, daß er sie gern hatte und nur auf ein Wort von ihr harrte, und als sie zuletzt begriff, sie habe ihm in manchem unrecht gethan, erfaßte sie ein Verlangen, sich ganz und voll diesem treuen, ernsten Manne hinzugeben.

Sie dachte daran, wie glücklich sie zusammen sein würden; wie ihr ganzes Leben sich plötzlich wieder so reich und licht entfaltete; gleichzeitig mußte sie aber lächeln bei dem Gedanken daran, wie verschieden sie doch waren, wie oft ihre teuersten Anschauungen gegen sein seltsam sicheres Urteil stießen, welches wie eine Felsenmauer den See umschloß, wo seine unerschütterliche Ueberzeugung ganz allein herumsegelte.

In religiöser Hinsicht besaß sie eine solche Klarheit, daß ihrer Ansicht nach keins das andre mit seiner verschiedenen Auffassung zu behelligen brauchte. Von ihren Gesprächen wußte sie aber, daß für ihn noch manche andre Frage sich hinter jener Mauer verbarg, die er als Christ nicht überschreiten durfte – Fragen rein menschlicher und sozialer Natur. Dies erschien ihr lächerlich; er wußte so wenig – das heißt: sein Wissen war solide, aber begrenzt. – Er besaß einen guten, klaren Verstand, eine leichte, sichere Auffassung und dazu zweifellos vorzügliche Kenntnisse als Theologe; im übrigen war er ja ein selten gründlicher und wohlunterrichteter junger Mann.

Die Vorzüge wirkten aber nicht befruchtend auf sein ganzes Denken und Handeln; alles an ihm war so trocken, so fertig abgelagert.

Während die innere Entwicklung sie für Eindrücke empfänglich machte, sie veranlaßte, immer weiter zu streben, von einem fröhlichen Verlangen beseelt, stets mehr in sich aufzunehmen, neue Anregung zu suchen, schien seine Veranlagung darin zu gipfeln, sich in sich selbst zu konzentrieren und wohlgerüstet alle Angriffe von sicherem Standpunkte aus abzuwehren.

Gabriele zweifelte nicht daran, es würde ihr gelingen, den finsteren Bann zu brechen, der den Geist des Geliebten gefangen hielt. Sie freute sich darauf, wie sich die Schwingen seines Geistes in der lichten Luft der Freiheit entfalten würden; in die Fremde hinaus wollte sie den Geliebten führen, dorthin, wo sie das mächtige Gefühl der menschlichen Zusammengehörigkeit erfaßte, welches später ihre gesamten zersplitterten Kenntnisse in Zusammenhang brachte und allem Bedeutung und Leben verlieh.

Beinahe mit Staunen hatte sie in der Fremde gemerkt, daß sie denen vollkommen ebenbürtig sei, die ihr während der Reise entgegentraten. Eine doppelte Freude mußte es sein, an der Seite eines so wohlgerüsteten Mannes durch das bunte Getriebe der denkenden und arbeitenden Mitmenschen dahinzuschreiten, gleichzeitig von dem Bewußtsein durchdrungen, daß ihrer ein trautes Heim zwischen den Felsen in der lichten Sommernacht des Nordens harrte.

Einen größeren Gesichtskreis mußte er gewinnen – dies war das einzige, was ihm noch fehlte. Und durfte sie sich über diesen Mangel wundern?

Alles, was er von den Knabenjahren bis zum Staatsexamen gelernt hatte, waren bestimmte Dinge, an denen zu rütteln nicht gestattet war: nicht Thatsachen allein, sondern die Anschauungen der Lehrer und Professoren, welche noch sicherer und fester gefügt waren als die Gemeinplätze, die jeder kannte – dies alles lag bei ihm aufgespeichert, so viereckig und rechtwinkelig wie die Steine eines Dominospiels. Um dies in ein Ganzes zu fügen, hatte man dem Erwachsenen nur den Unfehlbarkeitsglauben der kleinen lutherischen Konfession mit ins Leben gegeben. Sie wußte genau, wie viel Spielraum man ihm gelassen für die siegreichen Streifzüge, welche junge Theologen auf dem Gebiete des europäischen Unglaubens machen durften, während der Herr Professor sie alle im stillen am Schnürchen hielt. Sie wollte mit ihm in die Fremde, ohne dabei einen bestimmten Ort im Sinne zu haben oder damit er etwas Bestimmtes hören, sehen oder lernen sollte: ihr Wunsch war nur, es mitzuerleben, daß es ihm erginge wie einst ihr. Nach Gabrieles Ueberzeugung lag das Befreiende im Verkehr mit der Fremde nicht darin, daß man von den angestellten Vergleichen sich entweder gehoben oder herabgestimmt fühlte, sondern vielmehr in dem packenden Gefühle, mit Menschen dieselben Empfindungen zu teilen, ohne mit ihnen durch die tausend trockenen Fasern einer alltäglichen Bekanntschaft verbunden zu sein, die in der Heimat oft damit endigen, die lebenskräftigen Wurzeln zu überwuchern und zu ersticken.

Daran dachte sie, während sie sich vertrauend an ihn schmiegte; die engen Mauern wollte sie fallen sehen und sich daran weiden, wie die Quelle der Lebensfreude in ihm hervorbrach und die viereckigen Kisten mit fortschwemmte, in denen die sicheren Urteile ihres lieben Theologen gleichsam mit Heu verpackt waren.

Er durfte gern in seiner Religion verharren, wenn er nur nicht in andern Dingen viereckig blieb; da die Aufrichtigkeit der Zug in seinem Charakter war, den sie am meisten schätzte, so war sie auch fest davon überzeugt, er würde, wenn er einmal selbst zur Klarheit gelangt war und die Fesseln abgeworfen hatte, aus eignem Antriebe an der Befreiung seiner Brüder arbeiten, die in Unwissenheit und Knechtschaft seufzten, doch nicht als Geistlicher. Selbst so wie Johannes in diesem Augenblicke war, konnte sie sich die Möglichkeit, er wolle Prediger werden, nicht vorstellen. Um ernstlich die Aufgabe eines Seelsorgers zu lösen, war er zu wenig entwickelt, und gar Beamter der Staatskirche! – Daß er dies nicht wollte, wußte sie gewiß. Gabriele dachte dabei weniger an sein Versprechen; zu oft hatten sie aber zusammen die Spiegelfechterei besprochen, die mit einer Staatskirche und einer offiziellen Gottesverehrung getrieben wird – da war er mit ihr einig gewesen, nicht in den Ausdrücken, aber im Geiste.

Erwartete sie auch nicht so Großes von ihm – oder von ihnen beiden im Vereine, so war es doch ein lieber Traum, sich auszumalen, wie sie ihr Leben sich gestalten würden ohne Unterdrückung und ohne Heucheln – ein Heim, wo eine lichtere Freude, ein größerer Mannesmut gediehen, als unter der scheuen, viereckigen Selbstgefälligkeit.

Während sie noch bei dieser trauten Vorstellung weilte, sah sie Licht zwischen den Bäumen schimmern; in der Dämmerung lugte ein weißes Haus mit einem Gartenzaun am Rande eines freigelegten Platzes aus dem Walde hervor. Wie traulich und anheimelnd lag es da inmitten des Schneereiches!

»Sieh, – sieh! Es ist das Pfarrhaus, nicht wahr – ja, das macht allerdings einen gemütlichen Eindruck!«

»Nein – nein – liebe Gabriele! Welcher Gedanke, das Pfarrhaus! Ich sagte dir doch, es läge an der linken Seite des Weges, weißt du das nicht mehr? Dies ist der Schulzenhof.«

»Ach so – und ich glaubte so sicher, dies sei dein Heim,« erwiderte Gabriele enttäuscht. »Da sieht es so nett aus.«

»Nicht doch, Liebste! Am Tage wirst du sehen, was für ein altes Gerümpel dies ist. Das Pfarrhaus ist verhältnismäßig neu – beinahe modern. Du wirst schon sehen; jetzt sind wir gleich da – sieh nur, da haben wir die Kirche.«

Gabriele setzte sich zurecht und begann sich vor dem Eintritt in das Haus zu grauen. Der entsetzliche D. von der Zeitung der Hauptstadt war unbedingt der dunkle Punkt bei der Verlobung. Sie wußte nicht, wie sie es ermöglichen sollte, ihm ihre abweichende Anschauungsweise klar zu machen und doch einen Platz in seinem Herzen zu gewinnen, wie sie es Johannes zuliebe gern möchte. Sehr weit wollte sie in ihrer Liebenswürdigkeit gehen; war er aber auch außerhalb der Zeitung derselbe gestrenge Herr, fand sie es richtiger, ihm sofort hinsichtlich ihres Standpunktes reinen Wein einzuschenken.

Als ihr Johannes die hohe weiße Frontmauer des Hauptgebäudes zeigte, die durch die Bäume hervorschimmerte, verspürte sie ein leichtes Herzklopfen.

»Was ist aber das für ein seltsames Ding, das sich inmitten des Hofes erhebt?« fragte Gabriele, als der Schlitten von der Landstraße hereinbog; »es gleicht einem kranken Elefanten mit Schnee bedeckt.«

»Oh, es ist ein altes Gebäude; der Vater kann die Gemeinde nicht dazu bringen, es zu reparieren,« entgegnete Johannes etwas strenge; er hörte, wie sich der Kutscher erlaubte über den Elefanten zu kichern.

»Dann würde ich es selbst ausbessern,« sagte Gabriele, als sie an dem alten schwarzen Gebäude vorbei waren, das sich mit seinen schiefen Wänden unter der Schneedecke bog.

Johannes flüsterte schnell: »Sprich lieber nicht davon mit dem Vater; das Haus hat ihm so viel Verdruß bereitet. – Aber da sind wir –« und in der Freude über die Heimat erhob er sich halb, »sieh einmal den Hof, so geräumig – Licht im Wohnzimmer, Licht oben – in der besten Fremdenstube – das soll dein Reich sein. Macht das Wohnzimmer nicht einen traulichen Eindruck?«

Oben auf der Treppe in der offnen Thür erschien eine hohe Gestalt, und nachdem Johannes seine Braut in aller Eile von dem schützenden Pelzwerk befreit hatte, führte er sie dem Harrenden zu mit dem glücklichen Ausruf: »Vater! Hier hast du sie!«

Der Prediger nahm sie in die Arme und sprach mit seiner schönen Stimme, deren Aehnlichkeit mit der des Sohnes ihr sofort auffiel: »Der Herr segne deinen Eingang wie deinen Ausgang.«

Man führte sie nun in die geräumige Flur, wo eine Lampe hing und wo Johannes noch immer strahlend sie der Mutter vorstellte; diese drückte flüchtig einen scheuen Kuß auf ihre Lippen und begann sofort ihr beim Ablegen der Sachen behilflich zu sein. – Die Befangenheit dieser gänzlich fremden Menschen, welche nun plötzlich einander so nahe gebracht wurden, drückte sich in einer Menge freundlicher Worte und Versuche, sich gefällig und hilfreich zu erweisen, aus. Johannes allein, der beide Teile kannte und sich vollkommen glücklich fühlte, begann zum unsäglichen Staunen Gabrieles wie ein Schuljunge herumzuhüpfen und zu lachen.

Sie selbst war, wie immer in ungewohnten Umgebungen, gelassen und etwas steif, und sie gab sich alle Mühe, die kleine Pfarrerin zu beruhigen, als diese sie in ihr Zimmer führte.

Frau Jürges glitt aber hilflos umher und murmelte eine endlose Entschuldigung, trotzdem daß Gabriele ihr erwiderte, dies sei das schönste Fremdenzimmer, das sie je gesehen habe. Frau Jürges redete weiter, und als sie sich plötzlich entschuldigte, weil sie noch nach dem Abendbrot sehen müsse, sank Gabriele, als sie allein war, in den weichen Sessel, der noch seit dem letzten Besuche des Bischofs dastand, und lachte. Mit einemmal stand es ihr klar vor der Seele, wie so ganz verschieden sie von diesen Menschen sei! Die stattliche, imponierende Erscheinung des Pfarrherrn, der, wie sie wußte, so eifrig an den Tagesfragen teilnahm, und diese zarte Frauengestalt, in welcher nur Kraft zurückgeblieben schien, eine halbkindische Liebenswürdigkeit auszudrücken, und dann ihr lieber, kleiner Theologe mit seinen Ecken und Schrullen, der plötzlich herumzutanzen begann!

Dies alles wäre etwas für die gottlosen Vettern gewesen!

Sie sollten aber keinen Anlaß zum Lachen erhalten. Sie wollte selbst in diesem Kreise heimisch werden und es lernen, ihn zu verstehen. Wie lange hatte sie Johannes gekannt, ohne den eigentlichen Kern seines Wesens zu finden – und jetzt war er ihr so lieb geworden; das würde auch mit seinen Eltern der Fall sein.

Gabriele beeilte sich, ihren Anzug in Ordnung zu bringen, um in die Wohnstube zu gehen, und als sie die breite Treppe hinunterstieg, atmete sie wohlgefällig den ländlichen Duft eines sauber gehaltenen Hauses ein, wo alles ohne Luxus und Prunk, aber warm und wohnlich eingerichtet ist und gut bereitete Kost gegessen wird – war das nicht Kalbsbraten, der in der Küche schmorte?

Sie fand die Herren am Rauchtische im Ofenwinkel und hörte, wie sie die Stimmen senkten und das Gespräch bei ihrem Eintritt unterbrachen. Johannes eilte ihr entgegen, und der Pfarrer zog galant den Schaukelstuhl hervor, worauf Gabriele darin Platz nahm; eine Unterhaltung kam von selbst in Gang – heiter und ungezwungen, daß niemand Verlegenheit oder Zwang verspürte.

Der Prediger gab selbst den Ton an, und Johannes freute sich, als er sah, wie auch Gabriele mit hingerissen wurde – sie wie alle, wenn der Vater recht seine fesselnde Liebenswürdigkeit entfalten wollte. Man unterhielt sich von der Stadt, von gemeinsamen Bekannten und Büchern – wie es sich gerade traf; und Gabriele ging heiter auf die Lage ein, welche ihr der Vater durch einen leichten Anflug gutmütiger Neckerei anwies. Darin kam für beide die Thatsache zum Ausdruck, daß sie sich bewußt waren, Gegner zu sein, aber darin einig, das Ganze in aller Freundschaftlichkeit hingehen zu lassen.

Indessen deckte die Wirtschafterin den Tisch, während Frau Jürges aus und ein lief mit vielen Entschuldigungen, daß es bei ihnen Sitte sei, im Wohnzimmer Abendbrot zu essen. Bei Tische ging die Unterhaltung weiter – gleich lebhaft und zu gegenseitiger Zufriedenheit. Man trank Rotwein, und es gab ganz richtig Kalbsbraten – sowohl des Osterabends wegen, als auch, weil die jungen Leute den ganzen Tag nichts Warmes gegessen hatten. Erst nachher, als man um den Sofatisch saß, hatte Frau Jürges Muße, sich über den guten Eindruck zu freuen, den die neue Schwiegertochter offenbar auf Daniel machte, und sie nickte ihrem Sohne lächelnd zu. Selbst fühlte sie sich leider gar nicht von dem sicheren, ruhigen Wesen des jungen Mädchens angesprochen; und während Frau Jürges dem Gespräche folgte, mehr die Laute als die Worte auffangend, durchfuhr sie ein Beben der Angst, wenn Gabriele lächelnd und freimütig ihrem Gatten offen widersprach.

Sie sah aber, daß es gut ging, daß Friede und gutes Einvernehmen herrschten, und einigermaßen ruhig, begann sie die Person der jungen Dame zu studieren. Nicht so sollten ihrer Ansicht nach junge Mädchen aussehen; ihre beiden Töchter hatten, wenn auch nicht so hübsch, so doch viel – viel besser ausgesehen. War das eine Art, sich die Haare zu machen – mit einigen großen Nadeln und ohne einen ordentlichen Zopf! Ihre Finger juckten danach, diese schweren, unordentlichen Haare zu kämmen und zu flechten. Jeden Augenblick konnte ihrer Ansicht nach das Ganze herunterfallen. Aber seltsam genug – es saß gut und fest und kam nicht in Unordnung, obgleich Gabriele sich im Schaukelstuhle zurückbog und den Kopf ans Kissen lehnte; als nun Frau Jürges sich etwas an den ungewohnten Schnitt ihrer Kleider gewöhnt hatte und ihr Auge Stich für Stich jeder Naht in Gabrieles Kleidertaille gefolgt war, begann sie diese tadellose, sichere Eleganz zu begreifen, und dies entfremdete ihr die neue Tochter noch mehr.

Mitten auf dem Tische stand die Lampe, und der Prediger durchsah die eben angekommenen Postsachen, ordnete Briefe und Zeitungen und las ein paar Zeilen hier und da. –

Johannes saß im Sofa neben seiner Mutter und rauchte, und das große Glück, welches er darüber empfand, zu Hause zu sein und in solcher Gesellschaft, machte sich Luft in kleinen scherzhaften Zärtlichkeiten gegen die Mutter, während sein Blick liebevoll Gabriele suchte, die im Schaukelstuhle zurückgelehnt saß.

Der lange Reisetag begann seine Wirkung zu üben, und die Unterhaltung war anstrengend, wie leicht sie auch dahinfloß. Man konnte kein Thema berühren, das Pastor Jürges nicht kannte, und jedesmal, wenn sie widersprechen wollte – und was er davon sagte, war immer derartig, daß sie ihm widersprechen mußte – so zeigte es sich doch zuletzt, daß er am besten Bescheid wisse. Jedenfalls blieb sie stecken und hatte nichts zu entgegnen, wenn er mit seinem Lächeln Citate anführte und fragte, ob sie dies oder jenes gelesen habe – von dem und dem. Es gab vieles, das sie nicht gelesen hatte – wenigstens nicht so gründlich, daß sie alles herausgefunden hatte wie er; er aber kannte und wußte alles von allem; es gab keinen Namen der Gegenwart in der Heimat und in der Fremde, den er nicht geprüft und abgeschätzt hatte. Sprach er auch nicht herabsetzend von ihren lieben Namen, so mischte sich doch in alles, was er sagte, eine sanfte Schonung, als lasse sich ein Riese zum Kinderspiel herab – ein Etwas, das in ihrer momentanen Abgespanntheit damit endigte, sie trotz aller guten Vorsätze zu reizen.

Ganz anders der Pfarrer, welcher ruhig dasaß und den ganzen bunten Stoff nach Nummern ordnete, der in diesen Spalten in eine fest bestimmte Richtung umgeformt war und von dem ihm wahlverwandten Geiste durchdrungen: dem Geiste der Ordnung, der Wahrheit – und des Christentums.

In seinem Inneren fühlte er sich immer mehr zur Heiterkeit gestimmt über den feierlichen Ernst, mit welchem sein braver Johannes die Kleine mitsamt ihrem Unwillen gegen den geistlichen Stand und ihren andern Anschauungen aufgefaßt hatte. Er hatte ihr jetzt behende auf die Zähne gefühlt und seine erste Auffassung bestätigte sich vollkommen: es waren Milchzähne. Sie waren in den gewöhnlichen Streitfragen aneinander geraten – die Politik hatte er übergangen; denn ihre Anschauungen in dieser Hinsicht waren natürlich so jugendlich und unstät wie nur möglich, damit konnte er sich wirklich nicht befassen! Dagegen hatten sie andre Prüfsteine – die Litteratur und die Kunst, die Stellung der Frau und was damit zusammenhing – berührt, und überall zeigte sich dieselbe unreife, neugebackene Form des modernen Verderbens. Nun, gottlob, das Ganze war mehr zum Lachen, vornehmlich bei einer Persönlichkeit, die noch so jung und so glücklich veranlagt war wie seine künftige Schwiegertochter.

Als daher Johannes, dem die Müdigkeit Gabrieles aufgefallen war, den Vorschlag machte, man solle aufbrechen, erhob sich der Pfarrer lächelnd und sagte, gleichsam um dem Tage einen Abschluß zu geben: »Ja, ja, meine liebe Gabriele, wir beide, wir werden uns schon verstehen, dessen bin ich gewiß. Ich war ja auch einmal jung und ließ mich von den Ideen mit hinreißen, welche heute die Jugend erfüllen. Ich war und bin, darf ich wohl sagen, auch jetzt ein warmer Freund aller Reformen. Aber – was ich vor der unbefangenen Jugend voraus habe, das ist der Schatz der Erfahrung, das nutzenbringende Mißtrauen dem Neuen und Ungeprobten gegenüber, das, schimmernden Luftschlössern gleich, in der blauen Ferne winkt und lockt. Uns Alten bot sich die Gelegenheit, die Sache von beiden Seiten zu sehen; wir wissen daher, daß eine Reform nur dort eine wahre und wirkliche Reform werden kann, wo die Verhältnisse dafür reif sind. – Hinlänglich kennen wir die Folgen jenes blinden und unlauteren Umsturzeifers, wohin das über alles Maß und Ziel hinaus entfesselte Verlangen nach Veränderung eitle und herrschsüchtige Menschen bringt! Wir wissen, wie leicht man das Kind mit dem Bade ausschüttet.«

»Ob das wirklich so leicht ist,« fragte Gabriele mit einer Stimme, deren trockener Klang Johannes stutzig machte. Man sah, wie sie sich langsam hin und her neigte und dem Pfarrer ins Gesicht blickte, der vor ihr stehen geblieben war.

»Was meinst du? Was soll leicht sein?« fragte Johannes.

»Das Kind fortzuwerfen, weil man das Bad ausschüttet.«

»Aber Gabriele? Ich glaube, du nimmst das Sprichwort buchstäblich?« rief Johannes und lachte.

»Ja, mein Lieber, will man Sprichwörter als Argumente anführen, muß man auch auf den Sinn achten. Dies alte Wort ist wohl das Ueberbleibsel einer Geschichte von einer unglaublich nachlässigen Mutter; es ist daher als eine Mahnung daran aufbewahrt, daß die Gedankenlosigkeit das Unwahrscheinlichste ermöglichen kann. Es ist aber durchaus nicht richtig, zu sagen, es könne gar leicht vorkommen.«

»Aber Gabriele! Der Vater benutzte doch nur das Sprichwort, wie es gewöhnlich geschieht – in der allgemeinen Bedeutung.«

»Ja, ja – mein Freund! Denkst du, ich wüßte das nicht?« entgegnete Gabriele, beharrlich ihren Bräutigam fixierend. »Eben dies Wort hat ja seit undenklichen Zeiten den Freunden der Reform etwas zu raten gegeben, und die Gegner werden es wohl stets als Waffe gebrauchen. Die Sache ist ja die, daß nur die wenigsten ihre Vorliebe für altes Badewasser bekennen mögen, und daher kommen sie mit diesem kindischen Geschwätz – bitte um Verzeihung! – mit diesem Geschwätz von dem Kinde, welches gar leicht –«

»Sieh, sieh! Das kleine Schwiegertöchterchen hat ja eine scharfe Zunge und versteht sie ganz freimütig zu gebrauchen,« sagte der Pfarrer lachend, indem er ihr über die Wangen strich. Bei dem kleinen Wortwechsel zwischen Johannes und Gabriele glitt ein verwunderter Ausdruck über das Gesicht des Pfarrers; sein Blick ruhte auf ihr, als wolle er sie sicherheitshalber noch einmal einer Prüfung unterwerfen. Indem er aber der Sache eine scherzhafte Wendung gab und gelassen die Zeitungen zusammensuchte, die er mit ins Schlafzimmer nahm, bemerkte seine Gattin die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Während eines langen Zusammenlebens hatte sie es eben gelernt, das leiseste Beben seiner Stimme aufzufangen und zu deuten; sie zuckte zusammen und blickte ängstlich von einem zum andern – dem Gespräche war sie nicht gefolgt.

Johannes dagegen war seelenvergnügt, daß man an dieser gefährlichen Klippe so gut vorbeigekommen war, beschloß aber doch, seine Braut morgen zu bitten, etwas vorsichtiger und rücksichtsvoller zu sein.

Die kleine Gesellschaft schritt gemeinsam die Treppen hinauf; die Eltern boten dem Sohne gute Nacht und gaben Gabriele das Geleit bis an ihr Zimmer. Dann schritten sie die lange Flur dahin; Frau Jürges voran, das Licht in der Hand, der Pfarrer mit Pfeife und Zeitungen folgend. Die Kerze warf ihren Schein auf den Schnee am Fensterbrett und bildete einen wandernden gelben Punkt auf dem Schnee im Hofe, je nachdem die beiden Fenster nach Fenster passierten.

Die Jahreszeit war schon weit vorgerückt, die Nacht nicht mehr so finster wie im Winter; der Mond kam aber noch nicht über die Berge zum Vorschein, und schwere Wolken ballten sich im Osten zusammen, so daß sich der Schnee mit mattem Dämmerscheine gegen die dunklen Wälder abzeichnete, welche die Felder des kleinen Gutes umsäumten. Feucht und naßkalt kam der Wind von der schneebedeckten Hochebene dahergesaust und strich an den Mauern des Pfarrhauses entlang, bis er an der Ecke hinzusterben schien; doch bald sammelte er sich tückisch in einen gewaltigen Stoß, fuhr quer über den Hof und in den alten Schuppen hinein, ihn mit Seufzern und geheimnisvollem Rasseln in dem dürren Stroh erfüllend – wie von Gespenstern, welche angstvoll die langen Gewänder hinter sich herschleppen.


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