Alexander Lange Kielland
Schnee
Alexander Lange Kielland

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Zehntes Kapitel.

Als es dunkelte und die Lampe in der Wohnstube angesteckt war, kam der Pfarrer vom Arbeitszimmer herein mit den Zeitungen. Johannes war aber an Gabrieles Thür gewesen, und sie rief, daß sie gleich herunterkommen werde.

Frau Jürges rannte noch aus und ein, bis Johannes sie im Scherz zwang, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und da saß sie und blickte von einem zum andern, während die beiden Zeitungen lasen und ab und zu ein paar Worte wechselten.

Frau Jürges horchte auf den Sturm, welcher jetzt zu einem schweren, eintönigen Getöse gewachsen war. Aber noch gespannter lauschte sie den Tönen, die kein andrer vernahm. Es summte eine Musik in ihrem Kopfe mit dem Wetter draußen als Hintergrund, eine Musik, die in all ihren Nerven bebte und sie auf die Brust drückte, als erwarte sie jeden Augenblick, daß etwas Entsetzliches geschehen solle. »Es ist merkwürdig, welchen Einfluß das Wetter auf nervöse Personen wie deine Mutter hat,« sagte der Pfarrer, halb an Johannes gewandt; »ich kann es förmlich hier im Stuhle vernehmen, wie sie zusammenzuckt, wenn ein Windstoß vorbeisaust. Es ist sehr unangenehm; aber ich bin sicher, sie kann nichts dafür.«

»Arme Mutter,« sagte Johannes, »du hast wohl Angst, das Dach könnte fortgerissen werden? Komm, setze dich zu mir, hier ist solch ein gemütlicher Winkel.«

Frau Jürges rückte näher an ihren Sohn, fühlte aber keine Beruhigung. Denn ihr feines Ohr hatte aus Daniels Worten die Spannung herausgehört, in der er – wie sie alle – sich befand. Der Druck des Unwetters verband sich mit den streitigen Gedanken, welche in ihnen wogten, füllte gleichsam die Luft, so daß jeder Laut schwer wurde und Bedeutung gewann.

Sie hörten alle drei die Thür der Fremdenstube sich öffnen und Gabrieles Tritte, als sie die Treppe herunterstieg. Indem Johannes seine Zeitung hinlegte, blickte der Vater von der seinigen auf, und Frau Jürges begriff, daß etwas zwischen ihnen verabredet war.

Gabriele hatte sich selbst darüber gewundert, daß sie weinte, und dann sich ruhig ans Fenster gesetzt und nachgedacht. Vor sich hatte sie den alten Schuppen, in welchem der Wind wild sein Spiel trieb; und im Hintergrunde erhoben sich die waldigen Berge, welche immer finsterer wurden, während sie sinnend dasaß. Sie dachte an die arme Frau Jürges und begann zu ahnen, wie verkümmert sie sein mußte, und wie Musik – so lange Zeit entbehrt – sie dermaßen überwältigen konnte. Dann dachte sie aber weiter an das Leben dieser Frau, an dies Haus selbst und den Kreis, in welchen einzutreten sie im Begriff stand, an den ganzen Geist, der hier das Leben gestaltete und welcher auch das Leben der Frau Jürges gestaltet hatte. Gabriele wollte sich an ihrer Liebe festklammern. Und sie dachte sich ihren Johannes, so wie sie es gelernt hatte, ihn zu schätzen – so fest und treu zwischen all den andern, die hierhin und dorthin schwankten. Sie bekam solche Lust, hinunterzuspringen, sich zu ihm zu setzen und sich mit ihm über alles auszusprechen, das sie erfüllte.

Sobald sie aber daran dachte, daß Johannes im Arbeitszimmer beim Vater sei, blieben ihre Gedanken vor diesem Vater stehen, und es wurde ihr klar: ganz gewiß mußte sie sich mit ihm in Kampf einlassen, sie mußte Johannes aus der Bewunderung für diese blinde Ueberlegenheit herausreißen, die so böse, so eng war. Sie zündete Licht an und brachte ihre Toilette in Ordnung und ging, leise vor sich hinsingend, die Treppe hinunter, als wolle sie sich selbst zeigen, daß sie ruhig sei – nicht im geringsten aufgeregt, aber noch weniger bange. Bei ihrem Eintritt in die Stube brachte sie aber doch einen kleinen Wirbel vom Sturme draußen mit sich, und weder die Freude des Johannes, sie wiederzusehen, frisch und schön, noch die beinahe übertriebene Liebenswürdigkeit des Pfarrers vermochten Frau Jürges daran zu hindern, ängstlich nach dieser seltsamen Schwiegertochter hinzublicken, welche immer vor ihr zu wachsen schien.

Der Prediger versuchte mittels kleiner Bemerkungen aus der Zeitung die Unterhaltung in Gang zu bringen – so wie er sie haben wollte; aber niemand ging darauf ein. Das Brautpaar sprach leise miteinander – Gabriele hatte den Schaukelstuhl dicht an das Sofa gezogen – und Frau Jürges neigte sich über eine der Zeitungen auf dem Tische und las, um die jungen Leute nicht zu stören.

Nach dem Abendbrot hatte aber Daniel Jürges beschlossen, daß die Schlacht beginnen sollte, und er sagte bei sich selbst: Es ist am besten, den Stier bei den Hörnern zu nehmen.

»Du hast eigentlich recht, Johannes – die Pfarre taugt nichts für dich. Kaplan zu sein in Christiansund ist keine Stellung, die eine große Zukunft verspricht, und ich fürchte außerdem, Gabriele würde es gleich zu Anfang zu weit von der Hauptstadt finden – nicht wahr?«

Johannes war zusammengezuckt und wurde ganz rot: »Ich habe auch nicht daran gedacht, mich zu melden – lieber Vater!«

»Nein, nein – aber wir müssen anfangen, uns umzusehen. Du bist jetzt – Gott sei Dank – so weit, daß du suchen kannst.«

Gabriele lächelte. »Und wenn man hört, daß ein Theologe ›sucht‹, so weiß man, was er sucht. Es ist natürlich Gottes Reich, das man zuerst suchen soll.«

»Dies sind nicht Dinge, mit denen man Scherz treibt – Fräulein Pramm!« sagte der Pfarrer kurz und wandte sich zum erstenmal in all seiner Würde an sie.

Gabriele erwiderte aber, ohne mit den Augen zu zucken: »Es ist auch kein Scherz, aber ein sehr ernstes Citat!«

»O, ich weiß gut, woher Sie es haben,« entgegnete der Pfarrer ruhig lächelnd, »ich konnte mir beinahe denken, es müßten derartige Paradoxenmacher sein, die Ihnen diese Geringschätzung des geistlichen Standes beigebracht haben.«

»Geringschätzung,« sagte Johannes und bewegte sich unruhig – »ich glaube nicht, daß man sagen kann, Gabriele hege, was man Geringschätzung nennt –«

»Nein, es ist eher Abscheu,« unterbrach ihn Gabriele gelassen: »aber eben deshalb finde ich nicht, daß wir von dieser Sache gerade hier sprechen sollten.«

»Doch, gerade hier – gerade hier in diesem Hause, wo einer jener Verabscheuten wohnt! – Hier werden wir von der neuen Zeit und ihrer Auffassung der Diener des Herrn reden.«

Daniel Jürges erhob sich in seiner vollen Große, und Gabriele fühlte ihr Herz pochen, als sie zu ihm vom Schaukelstuhle aufblickte; Johannes wollte ihm ein Zeichen machen, wagte es aber nicht, das Vorhaben auszuführen, und Frau Jürges begann zu zittern, daß die Zeitung zwischen ihren Fingern raschelte.

Der Pfarrer schritt ein paarmal auf und ab, um seiner Erregung Herr zu werden und die Worte zu ordnen, welche sich allzu reichlich hervordrängen wollten; aber gerade als er vor Gabrieles Stuhle stehen blieb und anfangen wollte, sagte sie: »Da Johannes gar nicht daran denkt, Pfarrer zu werden –«

Sie stockte einen Augenblick, als sie fühlte, wie alle drei sie betrachteten, und fuhr dann fort: »Ja – denn nicht wahr – Johannes! – das hast du mir ja versprochen!«

In Johannes' Gesicht zuckte es leise und seine sonst so klaren Augen fanden nirgends einen Ruhepunkt, während er nach Worten suchte. – Aber mit einer Anstrengung gewann er seinen ruhigen Ausdruck und seine feste Stimme wieder: »Wir haben – wie du selbst weißt, Gabriele, nie diesen Punkt ernstlich und erschöpfend besprochen. Aber es ist wahr: es gibt ein Gelübde – oder wenigstens etwas, das ihm ähnlich sieht – oder so aufgefaßt werden könnte, als ob –«

»Einige Worte von großer Schwäche,« unterbrach ihn der Pfarrer, »auf welche zu bauen mir wenig würdig und billig erscheint –«

»Nein, nein, versteht mich nicht falsch!« rief Gabriele eifrig: »ich habe nicht im Sinne, ihn an ein Versprechen zu binden – mag es nun eins geben oder nicht. Ich bin aber dessen sicher, er wird nicht, er kann nicht hingehen und Prediger werden wollen – nicht wahr, Johannes! Du willst natürlich nicht Prediger in der Staatskirche werden? – Antworte!«

Sie neigte sich gegen ihn – halb lächelnd, doch ein wenig ängstlich; dies war ihr nie eingefallen, als sie aber sah, wie er wieder zusammenzuckte – versetzte sie kalt: »Ja, sieh, das ist eine andre Sache; dann muß hier geredet werden, je eher, je besser.«

»Gabriele –! Ich bitte dich, beurteile mich nicht zu hart – ja, Vater! – Verzeih, aber laß mich reden – ich sage: beurteile mich nicht zu hart; denn du könntest dazu Anlaß haben – ich gebe das zu –«

Gabriele hemmte seine Rede: »Was wir beide einander gesagt haben, geht keinen andern was an. Wenn ich dich aber falsch verstanden habe – oder wenn du auf andre Gedanken gekommen bist, wollen wir uns aussprechen und zur Klarheit kommen, und wenn es dir notwendig oder angenehm scheint, daß dein Vater dabei mitredet, so –«

»Ich wollte so unsäglich gern, daß ihr beide – der Vater und du – einander verstehen solltet,« sagte Johannes.

»Deinem Vater wird es nicht leicht, mich und meine Entwickelung zu verstehen,« erwiderte Gabriele und ließ die Augen fest auf ihrem Bräutigam ruhen; »denn die jungen Mädchen sind heutzutage ganz anders, als da er sich in der Welt bewegte. Es ist eine ganz neue Art aufgewachsen mit andern Anschauungen, einem andern Geschmack – ja, ich glaube beinahe, mit andern Gefühlen. Ich weiß so gut, daß das alles Veränderungen sind, welche die Männer der alten Schule als den Ruin der wahren Weiblichkeit betrachten, und dies macht, daß es ihnen so schwer wird, uns zu dulden. Es kann uns leid thun; aber es kann nicht anders sein – und im Grunde genommen gibt es wohl keine unter uns, die es sich anders wünscht.«

Johannes hatte sie gern unterbrochen; denn er wußte, daß diese Worte die Sache nur verschlimmerten. Es legte sich auch ein strammes Lächeln um den Mund des Vaters, als Gabriele erklärte, die Welt habe sich ganz geändert, während er fort war und nichts wußte.

»Verzeih – kleines Schwiegertöchterchen! –« begann er mit einer Freundlichkeit, welche Frau Jürges schaudern machte, »verzeih, wenn ich ein Lächeln nicht zurückzudrängen vermag. Denn erstens habe ich nun zwei junge Mädchen unter meinen Augen aufwachsen sehen, ohne daß es mir jemals schwer geworden ist, sie zu verstehen. Und danach liegt etwas beinahe gar zu Drolliges in der jugendlichen – ich meine, in der Freimütigkeit der neuen – neuerstandenen Jugend. Sie bilden sich ein, daß diese Gedanken, welche ihnen jetzt durch den Kopf sausen, etwas ganz Funkelnagelneues seien, während sie in Wirklichkeit nichts andres sind, als derselbe Frühlingswind, der über uns alle hinweggeweht hat. Denn – das Neue – das wirklich Neue – das ist nur diese Freimütigkeit – und dazu hat es nie ein Seitenstück gegeben – das gebe ich zu – diese Freimütigkeit, womit sie uns – uns Erwachsenen die Nachtmütze über die Augen herunterziehen und uns bitten, doch einen Augenblick zu Bett zu gehen, während sie Himmel und Erde auf den Kopf stellen.«

Johannes lachte und gab einen Moment der Hoffnung Raum, das Gespräch könne noch eine scherzhafte Wendung nehmen. Gabriele sagte aber trocken: »Es gibt indes etwas, das diese Erwachsenen von jetzt ab der freimütigen Jugend zu überlassen gezwungen werden, und das ist das Recht und die Fähigkeit, eine Ueberzeugung zu haben und dieser in ihrem Leben zu folgen. Kehren wir daher zu Johannes' geistlichem Berufe zurück; antworte mir offen, wie es sich damit verhält: »Willst du Prediger sein?«

»Es wundert mich, daß Sie in dieser Weise fragen,« erwiderte der Pfarrer, ehe Johannes Worte fand, »wenn Sie Ihr Schicksal verbinden – oder jedenfalls einen ernsten und bindenden Schritt gethan haben, zu einer Verbindung mit einem jungen Manne, der sich ausgebildet hat –«

»Nie ist es mir ernstlich eingefallen, Johannes könne Prediger werden wollen.«

»Aber Sie mußten doch fühlen und wissen, daß er ein aufrichtig gläubiger Christ war –«

»Ich weiß, Johannes ist zu aufrichtig, um ein Heuchler zu sein,« erwiderte Gabriele und streckte ihm ihre Hand entgegen, indem sie fortfuhr, zum Prediger aufzublicken.

»Nun gut! – Und wenn er dann in lebendigem und aufrichtigem Glauben zu Ihnen käme und sagte, der Ruf sei an ihn ergangen, für den Herrn zu zeugen, der ihn sich erkaufte –«

»Dann würde er zu mir kommen und sagen: ›Lebe wohl, Gabriele! – Ich habe jetzt an andres zu denken als an Liebe und häusliches Glück. Derjenige, der das Kreuz auf sich nehmen will, er kennt weder Vater noch Mutter – er hat weder Haus noch Heim.‹«

Johannes zog seine Hand zurück und betrachtete sie starr; Daniel Jürges aber lächelte wieder ruhig und sicher: »O – ich höre ihn wieder – Ihren Lehrmeister! Wir kennen diese einseitigen und krankhaften Hinweise auf das Vorbild in Christi Person; aber – Gott sei gelobt! – als Christen wissen wir und –«

Gabriele unterbrach ihn: »Wenn Sie die Volte machen wollen – Herr Pastor, das Vorbild nach innen und den Versöhner nach außen zu kehren, so bitte ich, sich meinetwegen nicht zu bemühen. Ich weiß sehr gut, daß es den Schriftgelehrten eine leichte Sache ist, so lange zu reden, bis die schönste Uebereinstimmung zwischen dem gekreuzigten Vorbild und dem kreuzgeschmückten Nachfolger entsteht – ich kenne das Ganze: es ist nur das Kreuz, welches den Platz wechselt.«

Frau Jürges machte unwillkürlich einen kleinen Satz im Sofa, und Johannes erhob sich und neigte sich über Gabriele: »Sei nicht so starrsinnig, Gabriele! Ich bitte dich flehentlich!«

Pastor Jürges selbst wurde aber dunkelrot: denn er hatte gesehen, wie Gabriele eine kleine Bewegung mit dem Kopfe nach dem Porträt des Stiftspropstes machte, und er fühlte den lange bekämpften Eifer in sich auflodern.

Aber Johannes, welcher an dem Schaukelstuhle vorbeigegangen war, kam zu ihm hin und sagte: »Lieber Vater! Regen wir uns nicht zu sehr auf. Gabriele hat eine eigne Art – ich finde sie nicht lobenswert, und ich kann es verstehen, wenn sie dich reizt; aber Gabriele meint es vielleicht nicht so hart, so schlimm: laß uns lieber speziell hören, was sie allen Ernstes gegen den geistlichen Stand einzuwenden hat.«

»Und das kannst du fragen? – Du weißt doch so gut, daß ich die ganze Staatskirche mit einem König an der Spitze und dem ganzen offiziellen Gottesdienst als das lästerndste Zerrbild von Christi Lehre und Leben betrachte! – Das weißt du – Johannes! – und darin glaubte ich wirklich, seiest du mit mir einig.«

»Nein, nein – Gabriele!« rief Johannes eifrig, »du gehst viel zu weit; du kannst nicht sagen wollen, ich hätte dir Anlaß zu der Vermutung gegeben, meine Anschauungen seien im geringsten so weitgehend wie die deinigen –«

»Aber du warst und bist also noch auf demselben Standpunkte?« fragte der Pfarrer.

»Nein, nein, Vater! Du mußt mich durchaus nicht falsch verstehen – aber du weißt selbst, es gibt ja – es gibt ja in unsren Tagen gewisse Reformen – kirchliche Reformen, welche – das leugne ich nicht – jedenfalls bis zu einem gewissen Grade meinen Beifall haben. Es gibt sowohl im äußeren Verhältnis der Kirche wie auch im Leben der kirchlichen Gemeinde mehrere Punkte –«

In dieser Weise fuhr er fort und erreichte es allmählich, den Ton zu treffen, den ihm der Professor beigebracht hatte, wenn es galt, eine Brücke vom Alten zum Neuen zu finden, ohne herunterzufallen. Es war aber niemand, der auf seine Rede achtete.

Der Prediger begann zu denken, es sei in gewisser Hinsicht recht gut, daß Gabriele es so weit über alles Maß und Ziel trieb.

Wenn möglicherweise in Johannes ein schleichender Abfall begonnen hatte, so konnte er beizeiten zurückgeschreckt werden. Und seinen Zorn der jungen Dame gegenüber suchte er dadurch zu dämpfen, daß er bedachte, wer sie sei, wie viel sie und ihr Name mit sich brachten und wie licht und hell sich alles gestalten würde, wenn sie erst besiegt war. Aber dies mußte auch sein! – Und er wünschte nur, daß nicht allzu harte Mittel nötig seien.

Gabriele konnte sich aber eines peinlichen Gefühles nicht erwehren, während ihr Bräutigam sprach. Es wurde immer offenbarer, er war nicht derselbe hier im Hause wie in der Stadt. Was sie früher trotz aller Uneinigkeit zusammenband, hatte keinen Einfluß mehr auf sie; er wurde ihr entfremdet, und sie empfand es schmerzlich, daß Johannes nach der entgegengesetzten Seite hinüberglitt.

Aber wie sie einmal war, fiel es ihr nicht ein, ihn wieder glimpflich an sich zu ziehen, indem sie ihm ein wenig zu Hilfe kam; sie unterbrach ihn im Gegenteil in seiner gewandten Arbeit mitten auf der Brücke und sagte mißmutig: »Es hat keinen Zusammenhang, was du da sagst – Johannes!«

Er hielt inne und machte – etwas ungeduldig – eine Wendung gegen sie. Aber der Vater, welcher indessen die Zeit dazu benutzt hatte, seinen Sinn zu beruhigen, ergriff nun das Wort in einer ganz neuen Art – ruhig, beinahe einräumend. Es war nun seine Absicht, das Gespräch von dieser großen Allgemeinheit auf mehr spezielle Streitfragen hinüberzuführen, wo man mehr Verwendung für Gelehrsamkeit, als große Worte hat.

»Mag sein,« sagte er, »daß es sich so verhält, wie Johannes sagt, daß die Kirche ihrer Reformen bedürfe. Bedenke, die Kirche ist ein altes Haus – nicht ganz von Gebrechen frei. Aber solange Gottes Wort rein und klar gepredigt wird – und das habe ich doch noch nicht verneinen hören, selbst von unsren ärgsten Christusfeinden –«

»Rein und klar!« unterbrach ihn Gabriele; »das heißt, die Schriftgelehrten ziehen hervor, was sie brauchen, und stecken den Rest beiseite.«

Frau Jürges schnellte empor bis in die äußerste Ecke des Sofas, und Johannes sagte ein wenig ärgerlich: »Aber Gabriele! Nun weißt du gar nicht, was du sagst.«

»Deine Braut macht übrigens den Eindruck, sich recht gut dessen bewußt zu sein, was sie sagen will,« sagte der Pfarrer freundlich.

»Natürlich,« erwiderte Gabriele, »ich meine auch, was ich sage.«

»Würden Sie denn nicht die Güte haben, uns ein Beispiel zu nennen, was diese Schriftgelehrten – was wahrscheinlich in Ihrem Munde die Geistlichkeit der Staatskirche, bedeuten soll?«

»Bezeichnet nicht der Ausdruck ›die Schriftgelehrten‹ die herrschende Geistlichkeit im Neuen Testament?« fragte Gabriele kriegerisch.

»Nun ja, darüber wollen wir nicht streiten,« sagte der Pfarrer, »obschon auch hierzu allerlei zu bemerken wäre. Sagen Sie uns lieber – nennen Sie uns ein Beispiel, wo in der Lehre unsrer Kirche etwas Ungebührliches hervorgezogen und etwas beiseite gesteckt wird?«

Gabriele schaukelte sich hin und her, während sie erwiderte: »Es würde wenig nutzen, käme ich mit meinen Beispielen zum Vorschein. Die Schriftgelehrsamkeit ist so alt und schlau, daß, was für einen gewöhnlichen gesunden Menschen dasselbe ist, wie mit der Stirn gegen die Wand zu rennen, für die Theologen immer noch einen guten Ausweg bietet.«

»Da wir indes jetzt vor Ihnen stehen – zwei dieser Schriftgelehrten, ein alter und ein junger,« sagte der Pfarrer, fortwährend sanft und ruhig, »welche in aller Aufrichtigkeit glauben, daß die Lehre unsrer Kirche das wahre und unverfälschte Christentum ist – aus dem eignen Munde des Herrn ausgegangen, aufgezeichnet und bewahrt von den heiligen Männern der Kirche – wollen Sie deshalb nicht, statt den Stab über uns in großen allgemeinen Worten zu brechen, uns lieber etwas Bestimmtes nennen, nachweisen, wäre es auch nur einen einzigen Punkt, wo die Kirche in Christi Lehre etwas hervorzieht, beseitigt, wegerklärt oder umgeht –«

»Etwas Wesentliches,« wollte Johannes einschalten; der Vater fuhr aber fort, an Gabriele gewandt, ohne auf ihn zu achten: »Finden Sie nicht selbst – nach dem, was Sie gesagt haben – daß dies eine Art Pflicht für Sie ist, wenn sonst Pflicht ein Wort ist, welches sich in dem revidierten Wörterbuche der Zeit findet?«

»Wenn Sie es in der Weise nehmen,« erwiderte Gabriele, »werde ich mit meinen Beispielen kommen, damit Sie es nicht so drehen können, als käme ich mit losem Geschwätz. Aber vergessen Sie nicht, ich weiß im voraus, daß absolut nichts auf Sie Eindruck machen wird, der Sie in der Unfehlbarkeit unterrichtet und abgestumpft sind, nur für mich haben diese Beispiele Wert. Das erste ist jene Bibelstelle, worauf ihr die Kindtaufe gebaut habt –«

»Ich konnte mir's beinahe denken,« sagte der Pfarrer und lächelte seinem Sohne zu; »es ist fast immer das, womit es anfängt.«

»Ja, ich weiß schon,« rief Gabriele, »daß ihr die Taschen voller Auslegungen habt; aber ich finde nun, daß eine ganz andre Gewähr dazu gehören mußte, um aus einer an und für sich so sinnlosen Ceremonie, wie der Kleinkindertaufe, ein Sakrament zu machen. Aber jetzt kommt ein Wort, das beiseite gesteckt ist; ich weiß es auswendig: ›Ich aber sage euch, ihr sollt nicht schwören, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Stuhl; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist eines großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein; was darüber ist, das ist vom Uebel.‹ Wenn man nun sieht, was ihr aus dem kleinen Wort: ›Lasset die Kindlein zu mir kommen,‹ gemacht habt, so müßte man doch erwarten – ja, dessen sicher sein, daß ein Wort, so deutlich, so erschöpfend, so ganz ungewöhnlich energisch, wie das vom Eid – daß dies aufs gewissenhafteste aufbewahrt und aufrechterhalten werden müßte in einer Kirche, wo das Christentum so rein und unverfälscht ist! Aber ich werde Ihnen erzählen, meine Herren,« und Gabriele erhob sich im Stuhle, »ich werde erzählen, wie es zugeht in diesem christlichen Staate – mitten vor den Augen der Kirche – ja, in derselben; es geht so zu, daß es von Eiden wimmelt, bis zu einer solchen Lästerung, daß ein Eid als Bürgschaft verlangt wird selbst von den Bürgern, welche die Anliegen des Staates und der Staatskirche verwalten sollen. Christi Kirche verlangt, daß derjenige, der nicht gegen Christi eignes Wort handeln will, nicht Erlaubnis haben soll, sich mit den Anliegen der Kirche zu befassen. Kommt einer, der nicht schwören will, weil er nicht glaubt – hinweg mit ihm. Und kommt einer, der nicht schwören will, weil er glaubt – gleichfalls hinweg mit ihm. Nur diejenigen, welche so stumpf oder voller Heuchelei sind, daß sie sich nicht darauf besinnen, ihren Christenglauben zu bekennen, indem sie denselben verhöhnen, welche sich nicht entblöden, dem Meister ins Gesicht zu speien, und es Ehrerbietigkeit nennen! – nur solche kann der christliche Staat gebrauchen! Und die Geistlichen – sie beschönigen und beschützen aus aller Macht diese Schande, weil sie wissen und fühlen, daß die ganze Mechanik in derselben Weise eingerichtet ist mit Spiegelfechterei und Beiseitestecken, alles von oben bis unten! – Und dies alles, es geschieht nicht, indem zugegeben wird, daß es leider mit dem Lebenswandel ebenso schlecht bewandt ist, wie mit der Lehre – nein! – frech wird darauf getrotzt, daß dies – gerade dies, das unverfälschte, das echte Christentum sei! – Und ihr wißt es! – Und du weißt es, Johannes! – Du kannst unmöglich so weit gekommen sein, wie ich weiß, daß du bist – ohne die ungeheure Betrügerei zu sehen mit all diesen Christen und all diesem kirchlichen Humbug. Du kannst mich nicht so entsetzlich täuschen, sage es! – Sage, daß du nicht dabei sein willst, eher werdest du dir die Zunge abbeißen!«

Als sie innehielt, fuhr der Sturm gerade über das Haus mit einem so entsetzlichen Ruck, daß es förmlich bebte, und Frau Jürges war beinahe halbtot vor Schrecken. Johannes stand ganz ratlos mitten im Zimmer und suchte vergeblich Worte für das, was er sagen wollte. Um Zeit zu gewinnen, besann er sich in der Eile auf das, was man ihn über den Eid zu sagen gelehrt hatte, aber vergeblich; das einzige, was ihm einfiel, war die Frage in Pontoppidans Erklärung zu Luthers Katechismus: Ist es denn gar nicht erlaubt, zu schwören? Und die Antwort: Ja, wenn es die Obrigkeit von Gottes wegen fordert. Die Schriftstellen aber, wo waren sie? Es war ihm unmöglich, sich ihrer zu entsinnen; aber es gab natürlich viele: und das wollte er gerade sagen, als der Vater mit seiner gewaltigen Stimme loslegte, welche das Unwetter übertönte und vor ihren Ohren donnerte.

Er konnte nicht länger kleinlich bei Gabrieles Beispiel verweilen; aber indem der lange zurückgedrängte heilige Eifer hervorbrach, nahm er das Blatt vom Munde und sagte ihr die volle Wahrheit, während sie im Schaukelstuhle zurückgelehnt lag – unbeweglich, die Hände vor dem Gesicht. Er goß auf sie den Zorn des Herrn über den Abfall der Zeit in Worten so beredsam und kräftig, daß sie Johannes an die Sprache der alten Propheten erinnerten. Es war eine Abrechnung, ein Ausbruch von allem, was sich in ihm angesammelt hatte, seitdem sie sein Haus betrat – sie, diese Ausgesandte der neuen Zeit, die er haßte – haßte mit dem ganzen Trotz seines Lebens, mit all jener unversöhnlichen Wut, die sich in ihm angehäuft hatte, während er mit dabei gewesen war, sich gegen die Zeit zu stemmen, welche sich hervordrängte, bis alles, was ihm lieb gewesen war, sich in Bitterkeit gekehrt hatte – was seine Hoffnung in der Jugend gewesen war, hatte er selbst helfen müssen zu zerbrechen: das Schöne und das Gute, der Frieden und die Harmonie – alles hatte sich in Galle und reizbaren Groll gewandelt, vermessene Hände hatten sich gegen das Heilige ausgestreckt – vermessene Hände – vermessene –.

Er stockte und griff sich an den Kopf: einen Augenblick wurde es ihm schwarz vor den Augen. Er wartete, bis das Blut wieder in Fluß gekommen war, und versetzte streng und mit hoher Würde:

»Denn im Allerinnersten ist der Unglaube nichts andres, als Böses und Niedriges, Feiges und Hochmütiges zusammengemengt. Und wenn er in unsern Tagen sich den Anschein geben will, die Spiegelfechterei zu scheuen, um die Wahrheit und Gerechtigkeit für groß und klein zu suchen, so ist das nichts andres, als die widerwärtigste Spiegelfechterei. Denn die Feindschaft gegen das Christentum an und für sich besteht darin, das Niedrige emporzuheben, das Hohe herabziehen zu wollen, sich selbst auf den hohen Sitz, und alles, was hoch und heilig ist, in den Kehricht unter dem Fuße. Aber wahrlich, Gott läßt sich nicht spotten!«

Gabriele sprang auf; sie wollte ihm widersprechen. Der Prediger schwieg und einen Augenblick war es so still im Zimmer, daß man den Schaukelstuhl ein paarmal hin und her wiegen hörte, ehe er stillstand. Gabriele aber fand keine Worte.

Die ganze Stimmung von heute morgen nach der Predigt kam über sie, aber mit einer vermehrten Gewaltsamkeit nach der Aufregung, worin sie sich schon befand; als sie ihm daher erklären wollte, wie tief und ungerecht er sie verletzte, fühlte sie, daß, wenn sie erst begann, sie sich hinreißen lassen würde, ihr ganzes Seelenleben diesem Manne zu eröffnen: und das war er nicht wert; denn er wollte nicht verstehen.

»Sage du es ihm – Johannes! – Sage ihm, daß es nicht wahr ist!«

Gabriele streckte die Hände gegen ihn aus, damit er sie ergreifen und zu ihr kommen solle; aber Johannes faltete die seinigen wie zum Gebet. Die letzten Augenblicke waren mit der Eile des Sturmes vorübergesaust, und etwas von der Wildheit des Sturmes war in sie alle gefahren. Johannes fühlte, hier sei keine Versöhnung möglich; er mußte wählen, und in seiner Bedrängnis begann er halblaut zu beten.

»Antworte mir! Hilf mir!« rief Gabriele ungeduldig und machte einen Schritt gegen ihn. Aber Pastor Jürgens trat dazwischen und hielt sie zurück: »Stören Sie ihn nicht! Lassen Sie ihn Hilfe und Rat suchen, wo diese allein zu finden sind. Und wähle dann – mein Johannes, ob du den Herrn verraten willst, der dich erkaufte, und den Feinden des Kreuzes folgen –«

»Nein, nein,« rief Gabriele, »die Frage ist, was dich betrifft, diese: willst du ehrlich sein und eingestehen, daß du keineswegs ein wahrer Nachfolger Christi bist – keineswegs! – und daß du dich nicht mit offnen Augen einem Leben voller Lüge und Betrug zuwenden willst.«

»Johannes, mein Sohn!« sagte der Prediger, und seine Stimme klang scharf wie vorhin – drinnen im Arbeitszimmer; »ich sehe, du schwankst –.« Da löste aber Johannes die gefalteten Hände und streckte sie dem Vater entgegen: »Meinen Jesus laß' ich nicht!«

»Pfui!« sagte Gabriele; sie wandte sich schnell von ihm hinweg und streifte den Verlobungsring vom Finger.

Frau Jürges sah ihn über den Tisch rollen und rief: »Willst du mit ihm –«

Willst du mit ihm brechen? wollte sie sagen, fühlte aber im selben Augenblick, daß das Wort jetzt nicht paßte; sie blieb daher sitzen und starrte auf den Fuß der Lampe, unter welchem sich der Ring verloren hatte.

Gabriele stand einige Sekunden und blickte ganz geistesabwesend in das Licht; plötzlich nahm sie sich zusammen.

»Gute Nacht – alle miteinander –« sagte sie und schritt zur Thür hin.

Johannes wollte ihr nacheilen, sein Vater aber hielt ihn zurück.

»Laß sie nur die Sache beschlafen. Nicht mehr heute abend: morgen ist – gottlob – auch ein Tag. Ich sagte dir's, Johannes, kräftige Mittel waren vonnöten; danken wir Gott, daß es überstanden ist, und daß du die Probe siegreich bestanden hast. Morgen wollen wir die Strenge dieses Abends wieder gut machen; und ich werde keinen Groll hegen – das verspreche ich dir. In meiner Predigt werde ich ihr die guten Worte geben, welche sie nach der Züchtigung bedürfen kann, und später beim Vogt –«

Frau Jürges erhob die Hand: »Sie zieht ihren Mantel an.«

»Unsinn, Minna,« sagte der Pfarrer ärgerlich; »wo sollte sie jetzt hingehen?«

Aber Johannes lief hin und riß die Thür auf. Da stand Gabriele in ihren Pelzmantel gehüllt und im Begriff, den Fuß in die gefütterten Gummischuhe zu stecken.

»Aber, mein Gott, Gabriele! Wo willst du hin? – Du mußt ja ganz außer dir sein,« rief Johannes und zitterte noch mehr als die Mutter; »komm doch wieder herein und nimm es nicht in der Weise.«

Gabriele machte sich von seinen Händen frei und sagte betrübt: »Wir haben einander nichts mehr zu sagen. Du warst nicht der, für den ich dich hielt. Lebe wohl! – und laß mich gehen.«

Sie hatte schon die Hand auf dem Thürgriff.

»Fräulein Pramm,« rief der Pfarrer ganz außer sich: »Ihr Benehmen ist derartig, daß –«

Gabriele drehte sich ruhig um, als ob sie sich auf etwas besonnen habe, und schritt mit einer Sicherheit, welche fast beruhigend auf sie alle in dieser unnatürlichen Situation wirkte, zu Frau Jürges hin und reichte ihr die Hand.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie in dieser Weise verlasse, ich gehe nach dem Schulzenhof. Es wäre mir nicht möglich, diese Nacht hier zu bleiben, und morgen fahre ich nach Hause. Sie müssen mir nicht böse sein. Leben Sie wohl!«

Damit neigte sie sich schnell über die kleine Dame und küßte sie; und ehe jemand sich dessen versah, war sie zur Thür hinaus. Der lose Schnee umgab sie wie eine Wolke, indem sie verschwand und der Wind im Augenblick die Thür wieder zuwarf.

Johannes ergriff seinen Ueberrock.

»Nein – nein –,« sagte der Pfarrer.

»Doch, ich will es« – erwiderte Johannes und blickte seinem Vater in die Augen.

Daniel Jürges taumelte zurück unter diesem Blick, und jetzt begriff er, was verloren war.

Frau Jürges aber, in deren Kopf dieser entsetzliche Tag Großes und Kleines noch toller als sonst ineinander gemengt hatte, stand und brannte darauf, daß Johannes ja nicht die großen Pelzstiefel vergessen sollte. Zuletzt faßte sie sich ein Herz und zog sie aus dem Winkel hervor.


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