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VIII.
Kinderarbeit und Kinderverbrechen.

Wenn man von der Frage der Fortpflanzung selbst zu den Bedingungen übergeht, unter denen das Kind ausgetragen, geboren und aufgezogen wird, so packt einen Entsetzen vor all den Unglücksfällen, die die Kinder infolge der mangelnden Einsicht der Mütter treffen. Die Aerzte werden z. B. nie müde, zu zeigen, welche Missbildungen das Schnüren verursacht; wie viele Kinder im ersten Lebensjahre durch Verwahrlosung blind werden – um nur einige der Leiden zu nennen, die die grobe Unwissenheit oder Gewissenlosigkeit der Mütter ihnen selbst oder den Kindern zufügt. Dazu kommt die Unruhe und Unsicherheit in der Kinderpflege, die eben eine Folge jener Unwissenheit ist. Und eine durchgreifende Besserung in all diesen Dingen ist nicht früher zu erwarten als bis – zugleich damit, dass die Frauen das allgemeine Wahlrecht erhalten – das Gesetz festsetzt, dass die Frauen in demselben Alter, in dem die Männer ihre militärische Wehrpflicht abdienen, eine ebenso lange dauernde Ausbildung in Kinderpflege, Gesundheits- und Krankenpflege durchmachen müssen, und das ohne andere Ausnahmen als dieselben, die für die Befreiung des Mannes vom Waffendienst Geltung haben. Diese »Wehrpflicht« würde für viele Frauen gerade in die Zeit fallen, in der ihr Interesse an dem Gegenstand durch die Schliessung einer Ehe oder den Gedanken an sie, die diese ihre Ausbildung noch bedeutungsvoller machen würde, eben erwacht ist. Aber auch die Frauen, die selbst niemals Mütter werden, würden so gewisse allgemeine Prinzipien der Psychologie sowie der Gesundheits- und Krankenpflege lernen, von denen sie dann in jeder Lebenslage Nutzen haben könnten. Weiter erwarte ich immer mehr jener Einschränkungen des Rechtes der Eltern über ihre Kinder, durch die man schon jetzt Verbote gegen das Aussetzen der Kinder, Strafen für Kindermord, Strafen für Kindermisshandlungen, das Gesetz des obligatorischen Schulbesuchs u. s. w. erwirkt hat. In England haben sich Gesellschaften gebildet, um die Lage der Kinder in den Familien zu untersuchen und um Grausamkeiten gegen Kinder zu verhüten. Auf ihre Anzeige hin können pflichtvergessene Mütter mit Gefängnis bestraft, pflichtvergessene Väter gezwungen werden, ihre Kinder zu erhalten, u. s. w. – und, wo die Eltern sich unverbesserlich zeigen, hat man das Recht, ihnen die Kinder zu nehmen. In verschiedenen Staaten Deutschlands giebt es ja auch Gesetze, nach denen die Kinder jenen Eltern, die durch Missbrauch ihrer Stellung dem geistigen oder körperlichen Wohl des Kindes schaden, genommen werden können. Die Kinder erhalten diese sogenannte »Zwangserziehung« auch in anderen Fällen, wo sie zur Rettung aus sittlicher Verderbnis notwendig ist. Die »Zwangserziehung« kann entweder in einer geeigneten Familie durchgeführt werden oder in Anstalten und soll sich bis zum achtzehnten Jahre erstrecken. Eine beachtenswerte Bestimmung ist, dass die Aufsicht über diese Kinder auch Frauen übertragen werden kann.

Eine immer grössere Ausdehnung des Rechts der Gesellschaft in der ebenerwähnten Richtung ist eine ihrer wichtigsten Schutzmassregeln für sich selbst und eine ebenso berechtigte Einschränkung der individuellen Freiheit wie die Gesetze zur Verhütung der Ausbreitung ansteckender Krankheiten. Auch in Schweden hat man nun ähnliche Vorschläge gemacht, doch findet man in denselben die gleiche mechanische Auffassung des Wesens der Erziehung, die sich auch anderswo bei ähnlichen Massregeln geltend macht. Man soll die Eltern oder Vormünder des verwahrlosten Kindes »verwarnen«, das ausgeartete Kind ermahnen und, wenn das nicht hilft, dafür sorgen, dass es gezüchtigt wird – lauter unerhörte Sinnlosigkeiten in den Fällen, um die es sich handelt! Denn man lehrt nicht durch »Verwarnungen« schlechte Eltern die Kunst der Erziehung; nicht durch Ermahnungen bringt man ausgeartete Kinder dahin, ihren Sinn zu ändern, wenn sie in der Umgebung belassen werden, die die Ausartung hervorgerufen hat. Und durch eine Züchtigung in Anwesenheit von Zeugen macht man nur das schon an Püffe und Schläge gewöhnte Kind noch verhärteter und frecher. Jeder Mensch, der nur eine Linie tief in den Gegenstand eindringt – um nach den Ursachen zu suchen, die solche Eltern und solche Kinder schaffen – befindet sich mitten auf dem nach allen Richtungen hin unübersehbaren Gebiet der sozialen Frage. Da findet man z. B., dass die niedrigen Löhne – an denen die Kinder- und Frauenarbeit mitwirkt – elende Wohnungen, unzureichende Nahrung und schlechte Kleidung bedingen; dass die Aussenarbeit der Frau die Verwahrlosung der Kinder und des Hauses mit sich bringt; dass der Wohnungsmangel das Schlafburschensystem im Gefolge hat; dass das Unbehagen im Hause den Mann zum Wirtshausleben treibt; und dass alles dieses zusammen die Unsittlichkeit und die Trunksucht hervorruft, die die physischen und psychischen Krankheiten verursachen, mit denen die Kinder oft schon geboren werden.

Wenn ich die Vorstellung ausnehme, dass mit Gottes Hilfe die Schlachtfelder sich mit zerrissenen, verstümmelten Wesen bedecken, mit deren Gehirnen unzählige Gedanken und Gefühle verlöschen, die die Menschheit hätten bereichern können, so kenne ich keinen ketzerischeren Gedanken, als wenn man, falls der Zufall ein paar Kinder vor einem Unglück bewahrt, von ihrem »Schutzengel« spricht. Wo ist dieser »Schutzengel« bei unzähligen anderen Unglücksfällen, wenn z. B. Kinder allein gelassen werden, weil die Mutter in die Arbeit muss, und sie zum Fenster hinaus oder ins Feuer fallen; wenn sie in dunklen Kellerräumen das Augenlicht verlieren; wenn sie totgedrückt werden, weil sie in den elenden Löchern das Bett mit den Eltern teilen und z. B., wenn diese berauscht sind, ihr Leben verlieren; wo, wenn Eltern aus Religionsgrübeleien oder Lebensüberdruss ihre Kinder morden, oder wenn die Kinder selbst, des Leidens müde oder aus Furcht vor Misshandlung, sich das Leben nehmen? Wo mit einem Worte sind diese »Engel der Kinder« bei all den Gelegenheiten, wo man sie am meisten brauchen würde, vor allem in den Gässchen der Grossstädte und in den Zentren der Grossindustrie, wo der Mangel an Sonnenlicht und reiner Luft sowie an allen anderen elementaren Voraussetzungen für die Entwickelung von Körper und Seele die Lebenstauglichkeit der Kinder schon vor der Geburt untergräbt?

Die Hand der Vorsehung in einer zufälligen Rettung zu sehen, aber diese Vorsehung vom Anteil an allen Naturereignissen, an allen Schrecken der Gesellschaft freizusprechen, die jede Sekunde die Erde mit Qualen erfüllen, das ist ein Ueberbleibsel eines Aberglaubens, das überwunden werden muss, wenn der Mensch selbst von Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den Verhältnissen durchdrungen werden soll, die er beherrschen und umgestalten kann! Der moderne Mensch wird immer mehr seine eigene Vorsehung. Gegen das Feuer schafft er schon Feuerwehrcorps und Feuerversicherung; gegen das Meer Lebensrettungsgerätschaften; gegen Pocken und Cholera, gegen Diphteritis und Tuberkulose findet er andere Schutzmittel. Den blinden Glauben, dass der Tod von »Gottes Wille« abhängt, misst er an den Zeugnissen der Statistik, die besagen, dass die Lebensdauer mit verbesserten sanitären Verhältnissen steigt; dass, wenn dieselbe Krankheit oder Sommerhitze die Kinder der Armen in den dunklen Baracken niedermäht, der Reiche in seiner gesunden hellen Wohnung die seinen behalten darf.

In Deutschlands aristokratischen Familien sterben z. B. nach den letzten Berichten, die ich gesehen habe, von tausend Kindern jährlich 57, aber in Berlins armer Bevölkerung 345! Eine andere Untersuchung, aus Halle, zeigt, dass die Anzahl Totgeborener in der oberen Klasse 21 von Tausend betrug, während es in der Arbeiterklasse 55 von Tausend waren! Die Proportion zwischen der Sterblichkeit der Kinder der Landarbeiter und der Industriearbeiter; zwischen ihrem Gewicht; zwischen der Anzahl der zum Militärdienst untauglichen – in der Schweiz ist z. B. diese Anzahl in den industriellen Kantonen um ein Viertel grösser als in den ackerbautreibenden – zeigt gleichfalls, wie schlechte Lebensbedingungen die Entwickelungsmöglichkeiten und die Lebenstauglichkeit der Kinder – und damit des ganzen Volkes in physischer wie in psychischer Hinsicht hemmen.

Jeder einzelne Mensch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wartet nicht auf die Engel, sondern stürzt selbst herbei, um ein Kind aus einer Gefahr zu retten! Aber der Aberglaube der Mehrzahl an Gottes Vorsehung wird vielleicht denselben Menschen veranlassen, mit vollkommenem Stumpfsinn Verhältnisse anzusehen, durch die mittelbar Millionen und abermals Millionen Kinder jährlich geopfert werden. Die Aerzte wissen, dass die Verheerungen, die die Bakterien anrichten, im Vergleich zum Pauperismus als Krankheitsursache unbedeutend sind. Ueberanstrengte Mütter, trunksüchtige Väter, schlechte Wohnungen, z. B. solche, wo die Armen gegen billige Mietzinse den Reichen neugebaute Häuser »trockenwohnen«; ungenügende Nahrung, erbliche Krankheiten, besonders Syphilis, zu frühe Arbeit – all das zeigt seine Folgen in den ausgemergelten, welken, wunden Kinderkörpern, die in den Krankenhäusern zuweilen von der augenblicklichen Krankheit geheilt, aber nicht von den Folgen der Lebensbedingungen befreit werden können, unter denen sie geboren und erzogen werden. Bis nicht die Aerzte sowie die anderen Gesellschaftsfaktoren ihre ganze Energie dafür einsetzen, Krankheiten zu verhüten, nicht nur sie zu heilen – und was sie in diesem letzeren Falle jetzt erreichen können, ist verschwindend im Verhältnis zu all dem unheilbaren Uebel, das üppig emporwuchert – bis nicht die Gesundheitssorge in der Gesellschaft einen ebenso grossen Raum einnimmt wie die Seelsorge, wird diese letztere im grossen Ganzen vergeblich sein. Mag sie nun die Form der religiösen Erbauung oder der intellektuellen Aufklärung annehmen, so ist sie doch nur eine abgeschnittene Blume, in einen Kehrichthaufen gesteckt.

Mit entsprechender Gewissheit kann man aus der Verbrecherstatistik beweisen, dass die Gesellschaft selbst die entarteten Kinder schafft, und dass sie, wenn sie sie dann auf den »Weg der Tugend« züchtigen lässt, wie ein Tyrann handelt, der zuerst einem Menschen die Augen ausstäche und ihn dann prügelte, weil er nicht selbst seinen Weg finden kann!

* * *

Eine wirksame Schutzgesetzgebung für Frauen und Kinder sollte in diesem Augenblicke der kategorische Imperativ des sozialen Gewissens sein.

Ueberall, wo die Industrie sich entwickelt, wird die Frau dem Hause, das Kind dem Spiele und der Schule entzogen. In den Zeiten der Zunft vollzog sich die Kinder- und Frauenarbeit im Haushalt und in der Werkstatt des Mannes. Aber seit die Industrie die häusliche Arbeit der Frau immer mehr eingeschränkt hat, konnte die Grossindustrie ihren Bedarf an billiger Arbeit durch die Frauenarbeit decken, die wie die Kinderarbeit an verschiedenen Orten die Löhne der erwachsenen männlichen Arbeiter gedrückt hat. Der Lohn, mit dem der verheiratete Mann durch seine Arbeit die Familie versorgen konnte, verteilt sich nun auf mehrere ihrer Mitglieder. Solange die Berufsarbeit grosse persönliche Körperstärke oder ausgebildete Geschicklichkeit verlangte, fiel sie in der Regel auf das Los des Mannes, nicht auf das der Frauen oder Kinder. Aber mit den Maschinen fiel dieser ihr natürlicher Schutz fort; denn um eine Maschine zu bedienen, bedurfte es in vielen Fällen weder Stärke noch Geschicklichkeit, ja in gewissen Fällen – z. B. in den Baumwollspinnereien oder unten in den Schachten – waren die zarten Finger wertvoller, weil sie geschmeidiger, die zarten Körper willkommener, weil sie schmäler waren!

In England erreichte die Frauen- und Kinderarbeit zuerst ihren Höhepunkt. Die Armenhäuser schickten z. B. ganze Ladungen Kinder in die Wollwebereien in Lancashire, Kinder, die abwechselnd an denselben Maschinen arbeiteten und in denselben schmutzigen Betten schliefen! In den Industriedistrikten verkümmerte infolgedessen die Bevölkerung; ehedem unbekannte Krankheiten entstanden; die Unwissenheit, die Roheit nahmen zu. Schwangere Frauen, Kinder von 4-5 Jahren arbeiteten 14-18 Stunden! Durch den Bericht über die Untersuchungen auf diesem Gebiete veranlasst, schrieb Elisabeth Barrett ihr Gedicht The cry of the children, das den Zorn der Arbeitgeber hervorrief, dafür aber zu der »Zehnstundenbill« mitwirkte. Durch diese wurde bestimmt, dass Frauen, Kinder und jüngere Personen nicht mehr als zehn Stunden täglich in den Textilfabriken arbeiten durften, und nach diesem Gesetze kamen andere in demselben Sinne. Aehnliche Verhältnisse haben auch in anderen Ländern eine ähnliche Schutzgesetzgebung hervorgerufen. In Sachsen, Belgien, Elsass, den Rheinprovinzen – wo schon im Jahre 1828 ein preussischer Militär darauf aufmerksam machte, dass die Zahl der Waffentüchtigen infolge der degenerierenden Einwirkung der Frauen- und Kinderarbeit gesunken sei – traten die Folgen des Systems ebenso furchtbar zu tage, wie in England. Aber ungeachtet der dort sowie fast überall angenommenen Schutzgesetze dauert doch noch immer die Frauen- und Kinderarbeit fort, und dies nimmt die verheerendsten Formen in jenen Berufszweigen an, die ausserhalb des Gebietes der Gesetzgebung liegen. Es giebt Orte, in denen die Kinderarbeit ebenso entsetzliche Formen hat wie in England vor 1848. In Russland hat man z. B. bei den Bastmattenwebereien Kinder von drei Jahren gefunden und Massen von Kindern unter zehn mit einer Arbeitszeit, die bis auf 18 Stunden anstieg! In Deutschland zeigt die Spielwarenfabrikation grausige Ziffern in Bezug auf die Kinderarbeit, um so grausiger, als um glücklichen Kindern Freuden zu bereiten, anderen die Lebenskraft ausgepresst wird; und die industrielle Heimarbeit beschäftigt Vier- bis Fünfjährige, während die Altersgrenze für Kinderarbeit in den Fabriken hier so wie in der Schweiz 14 Jahre ist; dieselbe Altersgrenze hat die Regierung in Dänemark vorgeschlagen. In Italien sind die meisten bettelnden Krüppel Kinder, die in den Schwefelgruben Siciliens aufgewachsen sind, zusammengehockt in niedrigen Gängen, beladen mit schweren Säcken, in einem Alter, in dem ihre zarten Glieder unter solchen Bedingungen rettungslos verkümmern mussten. Schon mit 12-14 Jahren sind viele von ihnen arbeitsunfähig. In Spaniens Magnesiumgruben werden Mengen von Kindern zwischen 6 und 8 Jahren verwendet, die durch die giftigen Dämpfe von einer schweren Krankheit befallen werden, und andere Kinder müssen mit schweren Wassereimern, die sie auf dem Kopfe tragen, die trockenen Gegenden bewässern: das Kind bietet ja wohlfeilere Transportkosten als der Esel! In Frankreich, wo der Sozialist Millerand jetzt nicht mehr zu verlangen wagt, als den Elfstundentag für Männer, Frauen und Kinder – um dann progressiv die Stundenzahl zu verringern – kann man sich schon danach den Zustand der Kinderarbeit vorstellen. Aber das absolute Verbot aller Kinderarbeit ist dort wie überall der Wunsch der Sozialisten.

Man stimmt in diese Forderung ein, wenn man z. B. aus dem Rapport eines Arztes entnimmt, dass trotz der Schutzgesetze die Durchschnittzahl der Körperhöhe und des Gewichtes bei den Lancashirekindern noch immer niedriger ist als anderswo. Von 2000 dort untersuchten Kindern waren nur 151 wirklich gesund und stark, während 198 in hohem Grade verkrüppelt und die übrigen mehr oder weniger unter »the standard of good health« waren! Alle Arbeit in der Baumwollindustrie von sechs Uhr morgens bis fünf Uhr abends verwandelt, sagt dieser Arzt, den hoffnungsvollen Zehnjährigen in den mageren bleichgelben Dreizehnjährigen, und diese Entartung der Bevölkerung in den Fabrikdistrikten wird eine ernste Gefahr für Englands Zukunft.

Wenn man überall zu der Einsicht gelangt, dass dieselbe Gefahr für alle Kulturvölker besteht, dann wird man überall die industrielle sowie die Strassenarbeit der Kinder verbieten. Und dann erst hat man siegreich den Grundsatz des Kinderschutzes durchgeführt, der auf diesem wie auf allen ähnlichen Gebieten anfangs sowohl mit ökonomischen wie mit individualistischen Gründen bekämpft wurde, unter anderem mit dem »unbestreitbaren Rechte des Vaters, selbst über die Arbeit seines Kindes zu bestimmen!«

* * *

Nicht nur die Frage der Kinderarbeit allein zeigt den niedrigen Standpunkt, den die staatlichen Autoritäten Europas einnehmen, sondern auch die bei uns und in anderen Ländern – z. B. in England – angeregte Frage der Einführung der Prügelstrafe für Gefangene. In Schottland hat sich doch die Polizei geweigert, als Profoss zu funktionieren, und The Humanitarian League hat eifrig der sogenannten whipping bill entgegengearbeitet, die für voriges Jahr fiel, weil das Parlament nicht dazu kam, sie zu behandeln. Dass man in der Gefängnisverwaltung sogenannte affliktive Strafen braucht – wie Dunkelhaft, hartes Lager, eingeschränkte Kost u. dergl. – ist wahrscheinlich, und das hat auch nichts Brutales, wenn es unter strenger Kontrolle nur bei gegen alle anderen Mittel verhärteten Unruhestiftern angewendet wird. Die Prügelstrafe hingegen, die ebenso erniedrigend für den, der sie erteilt, wie für den, der sie empfängt, ist, zeigt sich ausserdem unwirksam. Von einer der hervorragendsten Autoritäten unseres Landes auf diesem Gebiete habe ich die Machtlosigkeit derselben erwähnen gehört. Weder die Scham noch der physische Schmerz haben eine andere Wirkung, als eine verhärtende, wenn die Prügel mit kaltem Blute verabfolgt werden, lange nachdem die That begangen ist. Die meisten sind schon so gewohnt an Schläge, dass dieselben sie physisch wenig berühren, aber sie erwecken hasserfüllte Empfindungen gegen die Gesellschaft, die so ihre eigene Schuld rächt. Ist die Seele des Kindes empfindlich, so kann die Strafe eine tiefe Seelenqual hervorrufen, so wie dies der Fall mit dem vor einigen Jahren ertrunkenen Helden Skagens, Lars Kruse, war, den alle aus des dänischen Dichters Drachmann vortrefflicher Schilderung kennen. Lars Kruse, der in seiner Knabenzeit eine gestrandete Planke genommen und verkauft hatte, wurde dafür zu einer Züchtigung verurteilt. Bis spät in sein Mannesalter verzehrte ihn die Scham nicht über die Handlung, aber über die Strafe – ein ganzes Leben so verbittert, und das Leben eines grossen Menschen!

Diese »gesellschaftlich« erteilten Prügel – Kindern erteilt, deren Armut und vernachlässigte Erziehung in den meisten Fällen an ihren Fehlern die Schuld trägt, Kindern, oft abgemagert vor Hunger, zitternd vor Scham oder Angst– die rufen keine einzige Seelenerregung hervor, die der Ausgangspunkt einer moralischen Veränderung werden könnte! Man empfiehlt Prügel, weil nur der Schmerz und die Demütigung die Verhärteten gefügig machen. Man hat z. B. geltend gemacht, dass die blosse Drohung mit Prügeln genügte, um einen Nordlund zu einem schicklichen Betragen im Gefängnis zu zwingen. Aber – das hinderte ihn nicht sein Verbrechen zu begehen, als er wieder herauskam! Und es wird sich zeigen, dass nicht einer von jenen, denen man im Gefängnis Unterwürfigkeit einbläute, dadurch reformiert wurde. Ebenso roh oder noch roher werden sie in die Gesellschaft zurückkehren, die durch brutale, grausame Strafen nur die Verbrechen vermehrt, die der Brutalität und Wildheit entspringen.

Wenn man eine Statistik über die Lebensverhältnisse dieser Geprügelten aufstellte, dann würde man finden, dass die Mehrzahl aus einem Heim kommt und in ein solches zurückkehrt, wo die Mutter – infolge von Aussenarbeit – verhindert ist, sich um die Kinder zu kümmern, oder wo das Schlafburschensystem – infolge der Wohnungsnot – seinen demoralisierenden Einfluss ausübt; oder dass das Kind auf der Strasse als Bote, Cigarren- oder Zeitungsjunge oder dergleichen seine Erwerbsarbeit angefangen und aus nächster Nähe das Luxusleben der oberen Klasse gesehen hat, das er dann bestrebt ist, zu reproduzieren! Es vergeht ja kaum eine Woche, ohne dass der Gassenjunge von Unterschlagungen und Veruntreuungen in der besitzenden Klasse liest, häufig begangen von ergrauten Männern, die doch ihre Kindheitseindrücke in »der guten alten Zeit« erhalten haben, als »die schlappe Erziehung« der Gegenwart noch nicht ihre Einwirkung ausüben konnte!! Kein Tag vergeht, ohne dass er sieht, wie die Angehörigen dieser oberen Klasse, die Aelteren wie die Jüngeren, ihre Genusssucht befriedigen. Aber von ihm – dem Kinde der Baracke und der Gasse – fordert man spartanische Tugend oder sucht sie ihm einzubläuen! Es ist schwer zu sagen, was hier grösser ist, die Einfalt oder die Roheit.

* * *

Solange die Oberklasse sich selbst roh, masslos, genusssüchtig, träge zeigt; solange es der Lebenszweck der Mehrzahl ist, Geld zu verdienen und Geld zu verschleudern; solange viele essen können, ohne zu arbeiten, und viele keine Arbeit finden, die welche suchen; solange liederlicher Luxus Seite an Seite mit liederlicher Not lebt, solange hat die Oberklasse nicht einen Schatten von Recht, eine bessere Unterklasse zu erwarten. Die jetzige Gesellschaft schafft und erhält das soziale System, dessen Wirkungen ihr dann in den ökonomischen Verbrechen der Oberklasse wie der Unterklasse begegnen. Es ist nicht wunderlicher, dass eine Grossstadt voll Vagabunden und Gassenjungenbanden ist, wie dass ein verdorbener Käse voll Maden steckt!

Ein zerstörtes häusliches Leben, ein wahnsinniges Schulsystem, ein zu frühzeitiges Fabriksleben, ein abstumpfendes Strassenleben – das giebt die Grossstadt den Kindern der Unterklasse, und es ist weit erstaunlicher, dass die besseren Instinkte der Menschennatur doch meistens in der Unterklasse siegen, als dass sie es zuweilen nicht thun!

* * *

Noch ein Argument gegen die Kinderarbeit ist, dass diese sich mittelbar an der Industrie selbst rächt.

Die schulgebildeten Arbeiter sind es, die sich überall als die tauglichsten zeigen. Selbst in Russland, wo die Volksbildung noch so mangelhaft ist, hat man schon diese Erfahrung gemacht; und der lese- und schreibkundige Arbeiter erhält darum ausnahmslos einen höheren Lohn als die Analphabeten, die nur zu der gröbsten Arbeit gebraucht werden können. Der jetzige Aufschwung der deutschen Industrie vor z. B. der englischen ist u. a. der höheren Schulbildung des deutschen Volkes zuzuschreiben. Die intensive und intelligente Arbeit des amerikanischen Arbeiters hat teilweise denselben Grund. Aber wenn die Kinder, erschlafft von der Fabriksarbeit, in die Abendschule kommen oder vorzeitig aus der Schule genommen werden und unter fortgesetzter schwerer Arbeit die Lust sowie die Möglichkeit verlieren, sich eine höhere Bildung anzueignen, da werden sie zu organischen Maschinen gemacht, die die unorganischen speisen – und damit muss auch der Wert der Arbeit sinken. Diese organischen Maschinen sind passiv; sie suchen nicht ihre Lebensbedingungen zu verbessern, wie die höheren Arbeiter es thun. Aber diese lebenden Maschinen werden auch nicht die Arbeitsresultate heben! Die intelligenten Arbeiter, die über ihre Rechte wachen und sie erweitern, sind auch diejenigen, welche am leichtesten neue Arbeitsmethoden lernen, selbst neue Erfindungen machen, die ihrem Berufe zu gute kommen und so auch den Produktionswert desselben steigern. Nur indem ein Land immer mehr die letztere Kategorie von Arbeitern entwickelt, kann es heutzutage im Konkurrenzkampf bestehen. Aber die Hauptbedingung hierfür ist, dass die Körper- und Seelenkräfte des Kindes bis zum fünfzehnten Jahre für seine eigene Ausbildung gebraucht werden durch Schule, Sport und Spiel, während gleichzeitig seine Arbeitsthätigkeit durch häusliche Beschäftigung und die Fachschule geübt wird, nicht aber durch Industriearbeit.

Von Preussens – sowie von Schwedens – Agrariern hört man freilich darüber klagen, dass die Volksschule den Kindern zu viel Wissen beibringt! Aber diesen Behauptungen wurde auch mit gutem Grunde die Forderung der Umgestaltung des Bildungsideales nach der sozialen Entwickelung gegenüber gestellt, eines Bildungsideales, das für alle Gesellschaftsklassen gleich sein und zur Teilnahme aller an dem geistigen Leben des Volkes führen sollte!

Ich kehre später zu diesem Gegenstande zurück und will in diesem Zusammenhange nur darauf hinweisen, dass der Kampf um die Kinder im letzten Grunde ein Ausdruck der Reaktion ist, die überall gleich bleibt, der Reaktion, die unter lauten Wehrufen über die Schlechtigkeit der Zeit die Entwickelung zurückzuschrauben sucht, anstatt in den Fällen, wo sie auf Abwege geraten ist, die neue Strasse zu bahnen, die sie weiter vorwärts führt.

Aber die neuen Wege – die fürchtet man eben so sehr! Bis auf weiteres sucht man mit Zwangsgesetzen der grossen Organisation entgegenzuwirken, die die jüngste der Geschichte ist, den Fachvereinen, und die, wie alle früheren grossen Organisationen, ihre Aufgabe in der sozialen Entwickelung zu erfüllen hat. Denjenigen, die bis auf weiteres bei uns die Macht in Händen haben, fehlt jeder Blick für grosse Gesellschaftsfragen; sie fördern Klasseninteressen, nicht das Interesse des Ganzen; sie vertreten kleine Provinzrücksichten, nicht grosse menschliche und vaterländische Gesichtspunkte. In den Fragen der Arbeitergesetzgebung, der Versammlungs-, Gedanken- und Glaubensfreiheit, sowie in Bezug auf die Entwickelung des Rechtswesens sind wir Schweden zurückgeblieben; und das wird nicht anders werden, bis nicht die Generation, die jetzt zwischen dem 15. und dem 30. Lebensjahr steht, einstmals über unser politisches Leben entscheidet. Denn in dieser jungen Generation wächst schon die ernste Entschlossenheit des sozialen Verantwortlichkeitsgefühls.

* * *

Vor einigen Jahren ist ein Gedicht über die ganze zivilisierte Welt erklungen, von Kanada bis zu den Inseln im Stillen Ozean. Der Verfasser desselben E. Markham, ein in mittleren Jahren stehender amerikanischer Schullehrer. war von Millets einfachem wunderbaren Bilde inspiriert worden, dem Manne mit der Hacke, dem Erdarbeiter, der mit gebeugtem Rücken die eine Hand auf der anderen ruhend auf den Griff der Hacke gestützt dasteht. Millet hat in ihm den Ausdruck verewigt, den man so oft bei alten Arbeitern sieht, insbesondere bei abgeplagten Tagelöhnern. Er ist leer, nichtssagend, in menschlicher Beziehung erloschen; nur dem Blick des geduldigen Lasttiers begegnet man bei ihnen. Denn während die massvolle Arbeit das Tier im Menschen veredelt, tötet die unmässige Arbeit den Menschen im Tiere.

Millets Bild wurde für den Dichter, der selbst ein Sklave der physischen Arbeit gewesen war, eine Offenbarung, der ewige künstlerische Typus der Entartung des Menschen, der von Kindheit an unter das Arbeitsjoch gebeugt wird. Und in Strophe um Strophe der grossangelegten Dichtung schildert er »dieses Ding, das nicht trauert und niemals hofft, diese erloschene Seele, für die Plato und die Pleiaden, die Morgenröte und die Rose, alle Schätze des Geistes und der Natur nichts sind!« Der Dichter fragt Herrscher, Meister und Regenten, wie sie diesem Dinge seine Seele wiedergeben, ihm die Musik und die Träume wiederschenken wollen? Was, fragt er, wird aus ihnen allen werden, die dieses Wesen zu dem machten, was es jetzt ist, wenn nach jahrtausendelangem Schweigen jene Stimme des Entsetzens einst Gott auf die Frage antworten wird, was aus seiner Seele geworden?

Viele solche Arbeitsherren gehen auch in die Kirche. Sie hören dort Auslegungen von Texten wie dieser: Was Ihr dem Kleinsten Gutes gethan, das habet Ihr mir gethan. ... alles, was Ihr wollt, dass andere Euch thun, das thut auch ihnen. ... Aber es fällt ihnen nicht ein, zu bedenken, wie Jesus – dieser am richtigen Orte Rücksichtsloseste der Menschen – ihre Forderungen charakterisiert hätte, diese »Kleinsten« schon mit zehn Jahren in den Glashütten verwenden zu dürfen, oder sich zu fragen, ob sie ihre eigenen Kinder in diesen oder anderen Fabriklokalen sehen wollten?! –

Dieser schneidende Dualismus zwischen Leben und Lehre in unserer jetzigen Gesellschaft wird nicht früher aufgehoben werden, als bis man zu der Einsicht kommt, dass die Lebensanschauung, die die Menschen mit ihren Lippen bekannt, aber mit ihren Thaten Lügen gestraft haben, nicht mehr als absolute Lebenserklärung und Lebensregel verkündet werden soll.

Erst jene Lebensanschauung, die den Menschen als Herren über das Christentum, ebenso wie über alle seine anderen Schöpfungen betrachtet, wird das verwirklichen können, was das Christentum an Unvergänglichem in sich birgt. Des galiläischen Zimmermanns flammender Gedanke – der Brüderlichkeit – wird den Menschen keine Ruhe lassen, bis er nicht den letzten Rest von Ungerechtigkeit in den Gesellschaftsverhältnissen ausgetilgt hat. Aber der Gedanke wird nicht durch jene zur Wirklichkeit werden, die Jesus als das absolute Ideal betrachten! Denn diese Betrachtung ist es, die das Gewissen der Menschen gelähmt hat, wenn es die Verwirklichung dieses und aller anderen Ideale galt. Ein unter den gewöhnlichen Voraussetzungen des Menschenlebens unausführbares Ideal, dem man dessen ungeachtet die Autorität der göttlichen Offenbarung gegeben, als absolut zu begreifen – das ist die grosse Ursache der Demoralisation seit 1900 Jahren gewesen, während derer die Geschichte der Menschheit eigentlich nur zeigt, wie sie dieses ihr absolutes Ideal verraten hat! Erst wenn diese Ursache der Demoralisation aufhört, wird das Dasein ernstlich von jenen neugestaltet werden können, die der Ansicht sind, dass Ideale wirklich verpflichten können!

Dann wird man nicht wie jetzt unter dem Missbrauch des Vatersnamens, den Jesus den Menschen auf die Lippen legte, einander zur Lösung politischer und ökonomischer Machtfragen auf den Schlachtfeldern massenmorden. Dann wird nicht eine Gesellschaft, die sich christlich nennt, Todesstrafe und Prostitution, Börsenspiel und Kindersklaverei aufrecht erhalten. Dann wird man nicht, wie jetzt, Menschen, die auf dem Schosse ihrer Mutter gelernt haben, dass sie ihren Nächsten lieben sollen wie sich selbst, in den Fusstapfen ihres Vaters sich gegenseitig im Kampfe ums Brot niedertreten sehen!

Dann wird unsere Gottesverehrung darin bestehen, das Dasein zu vermenschlichen durch Humanisierung des Menschengeschlechts.

* * *

Die Jugend unserer Tage ist aber nicht immer in glücklicher Weise von dem christlichen Ideenkreise in einen anderen gekommen. Die glückliche Weise besteht darin, sogleich neuen Aufgaben gegenüberzustehen, an die man glaubt und für die man leben will. Aber viele unter der Jugend von heute wissen oft von keinen neuen Aufgaben, an die sie glauben können. Daher stammt jene geistige Mattigkeit, die sich eines grossen Teils der jungen Generation bemächtigt hat. Ohne die Einflüsse der Umgebung zu unterschätzen, glaube ich doch nicht, dass die Jugend, die ihre Ideale verloren, ohne an deren Stelle neue zu erhalten, nur beklagenswert ist. Denn die Jugend, die nicht aus ihrem eigenen Innern Ideale schafft, würde auch zu keiner anderen Zeit das Ideale gefunden haben. Eine solche Jugend hätte Sokrates ins Lächerliche gezogen; sie würde mit einem Achselzucken den Zimmermann aus Nazareth ans Kreuz haben schlagen sehen; sie wäre ohne Zweifel 1789 mit den Bourbonen ausgewandert!

Wenn die Jugend einer Zeit ohne Ideale dasteht, dann erleben wir ein Jahrhundertende, gleichviel wie die Jahreszahl lauten möge. Aber wenn eine Jugend mit dem Gefühl dasteht, grosse Aufgaben zu haben, dann beginnt ein neues Jahrhundert.

Es ist überall das glückliche Recht der Jugend, vor allem den Individualismus zu fördern. Sie thut es jedesmal, wenn ein junger Mensch in gesundem Egoismus voll und stark seine eigene Persönlichkeit entwickelt, sich kühn in den Kampf für das eigene Glück stürzt. Jedermann, der seine individuelle Entwickelung tief ernst nimmt, wird doch finden, dass er schwerlich dadurch eine freie, feine, vornehme Persönlichkeit wird, dass er die Persönlichkeiten anderer niedertritt. Und er wird weiter finden, dass es seine persönlichen Kräfte stärker in Anspruch nimmt, zu versuchen, mit neuen Mitteln neue Werte zu schaffen, seine junge Energie neuen Aufgaben zu widmen, als auf schon verbrauchte Ideale zurückzublicken. Aber noch eines wird das junge Menschenkind bald erfahren: je rückhaltsloser ein Individuum sich in den Kampf des Lebens stürzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es dort verwundet wird; je reicher entwickelt ein Individuum ist, desto mehr verwundbare Punkte giebt es, an denen es verbluten kann. Der grosse Schmerz sowohl wie die grosse Seligkeit ist für den grossen Menschen ein Teil von des Lebens Fülle, und die Niederlagen einer Persönlichkeit sind oft bessere Bürgen dafür, dass sie über den Durchschnitt hinausragt, als ihre Siege. Aber diese Niederlagen, die uns oft nur Fetzen dessen übrig lassen, was unsere innerste Persönlichkeit war, können ertragen werden, wenn wir gelernt haben, dass es einen Verband giebt, der uns hindern kann, an unseren Wunden zu verbluten – den Verband, den wir auf die Wunden anderer legen!

Kein echter Mensch braucht jedoch zu warten, bis das Leben ihn zerrissen, um Mitgefühl empfinden zu können. Das edelmütige Alter der Jugend vermag dieses Gefühl gleichzeitig mit einer starken individuellen Kraftempfindung zu fühlen. Und manche bleiben in diesem Sinne immer jung, immer im stande, inspirierte Augenblicke zu durchleben, solche, wo eine grosse That, eine grosse Wahrheit, eine grosse Schönheit oder ein grosses Glück unser Wesen erfüllt, Augenblicke, wo die Thränen strömen, die Arme sich ausstrecken, das Weltall zu umfangen, die Gedanken es durcheilen. Solche Augenblicke schliessen die intensivste Empfindung unserer eigenen Persönlichkeit ein, zugleich mit ihrem vollsten Aufgehen im Gemeingefühl mit dem ganzen Dasein.

Ein grosses Leben – das ist, solchen inspirierten Augenblicken im Handeln Kontinuität geben.

Es giebt jedoch junge Menschen, die auf keine solchen Augenblicke zurückzublicken haben; die vornehm auf die Fragen der Zeit von der Höhe ihrer Uebermenschentheorien oder ihrer gelehrten Bildung oder der »ehernen Gesetze der historischen Entwickelung« herabsehen. Solche hat es zu allen Zeiten gegeben.

Es giebt jedoch kein Gebiet, für das es verhängnisvoller wäre, wenn sich die Jugend in solcher Weise exklusiv davon zurückzöge, als jenes Gebiet, auf dem die sozialen Kämpfe ausgefochten werden. Die Forderung der Zeit, besonders an die Jugend, ist, dass sie diese Fragen von allen Gesichtspunkten prüfe, dass sie alle anderen Ideen im Verhältnis zu diesen erforsche; und dass sie jeden Reformplan mit Rücksicht auf seine Einwirkung auf die Probleme des Individualismus und Sozialismus untersuche. Von der Jugend hat man etwas für die Zukunft zu hoffen. Aber diese Hoffnung setzt voraus, dass die Jugend, wenn sie sich in Denken oder Handeln den vielen nähert, deren Los zu verbessern die nächste Aufgabe der Zukunft ist, die Worte Walt Whitmans auf dem Schlachtfelde zu den ihren macht: » Ich frage nicht, ob mein verwundeter Bruder leidet. Ich werde selber dieser Verwundete

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Setzmaschinensatz und Druck von A. Seydel & Cie., G. m. b. H., Berlin SW.


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