Autorenseite

 << zurück weiter >> 

VII.
Der Religionsunterricht.

Das im jetzigen Augenblick demoralisierendste Moment der Erziehung ist der christliche Religionsunterricht.

Mit diesem meine ich in erster Linie Katechismus und biblische Geschichte, Theologie und Kirchengeschichte. Auch viele ernste Christen haben über den gewöhnlichen Unterricht in diesen Gegenständen gesagt, dass »nichts besser beweist, wie tief die Religion in der menschlichen Natur eingewurzelt ist, als dass dieser ›Religionsunterricht‹ sie nicht auszurotten vermochte«.

Aber ich meine ausserdem, dass selbst ein lebendiger »Unterricht« im Christentum den Kindern zum Schaden gereicht.

Diese sollen sich selbst in die patriarchalische Welt des alten Testaments sowie in die des neuen Testaments einleben (am besten in der Form, die Fehr der Kinderbibel gegeben hat). Dieses Buch wird dem Kinde teuer, es findet darin unendlich viel, was seiner Phantasie und seinem Gefühl unmittelbar lebendige Nahrung giebt, aber nur, wenn es sich in Ruhe in die Bibel versenken kann, ohne jegliche dogmatische oder pädagogische Auslegung. Nur im Hause soll dieses Buch – sowie die anderen Bücher des Kindes – zum Gegenstand von Gesprächen und Erklärungen gemacht werden, falls es das Kind wünscht. Auf einer Schulbank soll dies nie vorkommen.

Wenn das Kind so diese Eindrücke aus der Bibel erhält, befreit von aller anderen Autorität als der inneren der Eindrücke selbst, dann geraten die Mythen der Bibel ebenso wenig in Widerstreit mit dem übrigen Unterricht, wie dies bei der nordischen Schöpfungsgeschichte oder bei der griechischen Göttersage der Fall ist.

Aber der für die Menschheit gefährlichste aller Missgriffe der Erziehung ist der, dass man jetzt die Kinder als absolute Wahrheit die alttestamentarische Welterklärung lehrt, der der naturhistorische und der historische Unterricht widerspricht; dass man die Kinder lehrt, die Moral des neuen Testamentes als absolut bindend zu betrachten, deren Gebote das Kind bei seinen ersten Schritten ins Leben allenthalben verletzen sieht. Denn die ganze industrialistische und kapitalistische Gesellschaft ruht gerade auf dem Gegensatz des christlichen Gebotes – seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst – nämlich auf dem Gebot: »Jeder ist sich selbst der Nächste!«

Die Augen der Kinder sind in diesem wie in so vielen anderen Fällen einfältig klarsehend. Sie beobachten schon in zartem Alter, ob ihre Umgebung nach der christlichen Lehre lebt oder nicht. Ich erhielt von einem vierjährigen Kinde – mit dem ich von Jesu Liebesgebot sprach – die Antwort: wenn Jesus wirklich so sagte, dann ist Papa kein Christ! Es dauert nicht lange, so gerät das Kind in Kollision zwischen seinen Erziehern und den Geboten des Christentums. So hatte sich ein kleiner Knabe in einer schwedischen Stadt Jesu Worte von der Mildthätigkeit tief zu Herzen genommen. Er gab nicht nur seine Spielsachen, sondern auch seine Kleider den Armen – bis ihm die Eltern mit Schlägen dieses praktische Christentum abgewöhnten! So gab ein kleines Mädchen in einer finnländischen Stadt, als die Lehrerin das Gebot einprägte, seine Feinde zu lieben, die Antwort, dies sei unmöglich, denn niemand in Finnland könne Bobrikoff lieben!

Ich weiss sehr wohl, mit welchen Sophismen man in beiden Fällen die unbestechliche Logik des Kindes abstumpfen kann. Aber ich weiss auch, dass es diese Sophismen sind, die in der »christlichen« Gesellschaft die Heuchelei so natürlich gemacht haben, dass sie jetzt unbewusst ist, und dass nur ein neuer Kirkegaard die Gewissen wachgeisseln könnte! Auf allen Gebieten gelten Rousseaus Worte: das Kind erhält hohe Prinzipien zur Richtschnur, aber wird von seiner Umgebung gezwungen, nach kleinen Prinzipien zu handeln, jedesmal, wenn es die grossen zur Ausführung bringen will! Man hat dann, sagt er, unzählige Wenn und Aber, durch die das Kind lernen muss, dass die grossen Prinzipien Worte sind, und die Wirklichkeit des Lebens etwas – ganz anderes!

Das Gefährliche liegt nicht darin, dass das Ideal des Christentums ein hohes ist: es liegt ja im Begriff jedes Ideals, unerreichbar zu sein, da das Ideal sich erhebt, je näher wir ihm kommen! Aber das Demoralisierende im Christentum als Ideal besteht darin, dass es als absolut hingestellt wird, während der Gesellschaftsmensch es jeden Tag verletzen muss und während er ausserdem durch den Religionsunterricht erfährt, dass er als gefallenes Wesen das Ideal überhaupt gar nicht erreichen kann – obgleich seine ganze Möglichkeit, recht in der Zeitlichkeit und selig in der Ewigkeit zu leben, darauf beruht, es zu verwirklichen!

In dieses Netz von unlöslichen Widersprüchen hat Generation um Generation ihren idealen Glauben verstrickt gesehen, und allmählich hat jedes neue Geschlecht gelernt, das Ideal nicht ernst zu nehmen.

Von den feigen oder grossthuerischen Konzessionen an die Lächerlichkeiten der Mode und den Thorheiten, mit denen man sich ruiniert, um nach seinem Stande zu leben, findet man unter anderen psychologischen Ursachen der menschlichen Haltlosigkeit im letzten Grunde diese: dass das Kind mit der Religion selbst die Erfahrung einatmet, dass Ansichten eines sind, Handlungen ein anderes. Und diese Erfahrung wirkt dann das ganze Leben hindurch auch auf jene, für die die christliche Religion ihre absolute Autorität verloren hat. Der Freidenker lässt sich trauen, tauft seine Kinder und lässt sie konfirmieren, ohne sich zu vergewissern, ob ihr eigener Wunsch oder nur der Wunsch, es anderen gleichzuthun, sie dazu treibt; der Republikaner singt das Königslied und telegraphiert loyale Grüsse, nimmt Orden an – aber ich breche ab! Denn wollte ich alle die kleinen und grossen Untreuen gegen sich selbst aufzählen, aus denen das tägliche Leben der meisten Menschen besteht – und die sie unter dem Titel »Unwesentlichkeiten« verteidigen – dann fände ich kein Ende! So dachten die christlichen Märtyrer nicht, die sich mit ein paar Körnern Räucherwerk auf dem Altar des Kaisers vom Opfertode hätten befreien können. Ein paar Körner Räucherwerk, welche »Unwesentlichkeit!« meint der moderne Mensch und opfert täglich mit ruhigem Gewissen vielen solchen Göttern, an die er nicht glaubt!

Wie inkonsequent der Protestantismus auch ist, besass er doch so lange eine geistig erziehende Kraft, als der Dualismus in ihm unbewusst war, als man noch mit voller Ehrlichkeit Feiertag und Werktag jedem das Seinige gab! Aber jetzt, seit ein neuer Protestantismus innerhalb des Protestantismus lebt, ist die Doppelzüngigkeit tief demoralisierend.

Stück für Stück ist die Lehre niedergerissen, die die katholische Kirche einmal so wunderbar den psychologischen Bedürfnissen der Mehrzahl angepasst hat, während sie die bis jetzt tiefsten Symbole aus den tiefsten Erfahrungen der Menschen bildete! Aber der Protestantismus scheut noch immer vor den Folgen seines eigenen Werkes zurück!

Im Hause, in der Schule, an der Hochschule, während der Wehrpflicht, im Amte, überall wird noch immer die nachgiebige Unselbständigkeit unter dem Namen von Disziplin, Diskretion, Pflichttreue eingeprägt, und wie all die schönen Worte heissen mögen, mit denen man lebendige Seelen in Sklaven der Disziplin umwandelt, die der »Korpsgeist« zwingt, zu jedem Missstand zu schweigen, die »Disziplin«, sich jeder Art roher Gewalt unterzuordnen! Erst wenn alle wirklich in vollem Ernst »Protestanten« dagegen sein werden, ihren grössten Lebenswert – ihre Religion – durch Autorität zu empfangen, werden sie beginnen, auch in sozialen und politischen Fragen eine selbständige Meinung zu erwerben, oder als Lehrer und Führer dem Schulknaben wie dem Studenten, dem Offizier wie dem Beamten jene Freiheit des Wortes und der That zu gönnen, die das Recht des Mitbürgers und des Menschen ist. Wenn es zum Beispiel geschieht – wie es 1889 einem hohen schwedischen Offizier widerfuhr –, dass man in Ungnade fällt, weil man an einem würdigen, bürgerlichen Fest zur Erinnerung an die französische Revolution teilgenommen hat; oder wie es 1899 den Upsalaer Studenten geschah, die sich eine würdige Meinungskundgebung für die von den Sägewerksbesitzern Norrlands bedrohte Koalitionsfreiheit erlaubt hatten – sie wurden ermahnt, ihren Studien zu obliegen und sich nicht in soziale Fragen einzumischen – dann begreift man, wie der Geist der Feigheit sich verbreitet, in dessen Schatten dann die grossen nationalen Verbrechen blühen und gedeihen! Männer und Frauen, die in ihrem Privatleben streng ehrenhaft sind, haben es gelernt, in allgemeinen Fragen ihr Gewissen, ihr Denken, ihr Handeln unter den Befehl eines Leiters zu stellen. Und sie haben das vor allem im Namen des religiösen Glaubens gelernt!

Der Mut, in allem, was die wesentlichen Werte des Lebens bildet, aber vor allem in seinem Glauben, sich eine eigene Meinung zu bilden, die Kraft, sie auszusprechen, der Wille, etwas für sie zu opfern, macht einen Menschen zu einem neuen Einsatz in die Kultur. Und ehe nicht Erziehung und Gesellschaftsleben diesen Mut, diese Kraft und diesen Willen bewusst fördern, wird die Welt verbleiben, was sie ist: ein Paradeplatz der Dummheit, der Roheit, der Gewalt und des Eigennutzes, ob nun radikale oder konservative, demokratische oder aristokratische Gesellschaftselemente den Befehl auf diesem Paradeplatz innehaben ...

* * *

Der demoralisierendste aller Glaubenssätze war die demütigende Lehre: dass die Menschennatur gefallen und ausser stande sei, aus eigener Kraft die Heiligkeit zu erreichen; dass man nur durch die Gnade und die Sündenvergebung in das richtige Verhältnis zu den zeitlichen und ewigen Dingen kommen könne. Für die Tieferstehenden ist dieser Gnadezustand zum geistigen Stillstand geworden – um nicht von all den Geschäftsleuten zu sprechen, die allabendlich Jesu Blut das Debetkonto des Tages an die Moral tilgen lassen! Nur die von Natur sehr hoch Stehenden haben an Heiligung zugenommen, seit sie ihrer Kindschaft Gottes in Christo gewiss waren. Die Menschheit in ihrer Gesamtheit hingegen zeigt die tiefe Demoralisation einer doppelten Moral. Die Zweiteilung trat schon ein, als die ersten Christen aufhörten, Jesu baldige Wiederkunft zu erwarten, eine Erwartung, während der sie ihr Leben in wirkliche Einheit mit seiner Lehre brachten. Aber die Doppelmoral hat dann durch neunzehnhundert Jahre die Seelen und die Gesellschaft im praktischen Heidentum festgehalten. Denn obgleich der eine oder der andere reine oder grosse Geist wirklich noch vom Christentum Flügel für sein Unendlichkeitssehnen empfängt, und obgleich im Mittelalter viele starke Herzen versuchten, dasselbe im vollen Ernst zu verwirklichen, so lebte und lebt jetzt die Mehrzahl der Menschheit in jener schwankenden Haltlosigkeit, die eine Folge beschnittener Flügel ist, während die Staatsbürger der Antike eine Ethik besassen, die in Wirklichkeit umgesetzt wurde und sie so zu einheitlichen, stilvollen Persönlichkeiten machte.

Und da neunzehnhundert Jahre gezeigt haben, dass es keine Möglichkeit giebt, in einer von Menschen geschaffenen Gesellschaft mit Jesu Lehre als praktischer, unfehlbarer Heiligkeitsregel zu leben – so kann man der unsittlichen Doppeltheit nur auf einem Wege entrinnen, den viele einzelne Menschen schon gegangen sind, die mit Prometheus ausriefen:

»Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?«

Oder mit anderen Worten: diese haben sich klargemacht, dass auch das Christentum ein Werk der Menschheit ist und ebenso wenig wie irgend ein anderes Werk der Menschheit die absolute und ewige Wahrheit einschliesst.

Wenn der Mensch also aufhört, seinen Kindern z. B. den Glauben an eine väterliche Vorsehung einzupflanzen, ohne deren Willen kein Sperling vom Dache fällt, so wird er ihnen anstatt dessen den neuen religiösen Begriff der Göttlichkeit des gesetzgebundenen Weltverlaufs einprägen können. Und auf diesem neuen religiösen Begriff wird die neue Ethik aufgebaut werden, die den Menschen mit Ehrfurcht vor dem unausweichlichen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erfüllt, dem Zusammenhang, den keine »Gnade« aufheben kann. Sein Handeln wird wirklich von dieser Gewissheit geleitet werden, und er wird sich nicht in irgendwelche Hoffnungen auf eine Vorsehung oder eine Versöhnung einwiegen, die gewisse Wirkungen abzuwenden vermögen. Diese neue Ethik, die durch die Wirklichkeiten des Lebens bekräftigt wird, lässt sich folgerichtig durchführen. Kein einziges Gebot dieser Sittenlehre braucht ein leeres Wort zu bleiben. Und in dieser Sittenlehre wird man für alle die ewig tiefen Worte Verwendung haben, die Jesus oder Buddha oder andere grosse Geister den Menschen gegeben haben. Aus diesen Worten werden sie immer weiter Erbauung schöpfen – das will sagen, Material, sich selbst aufzubauen – doch mit der vollen Freiheit, bei jedem von ihnen nur jene Baustoffe zu suchen, die gerade zu dem Stil passen, den sie der Architektur ihrer Persönlichkeit verleihen wollen, ohne doch die Aussagen und das Vorbild des einen oder anderen als das absolut Befolgenswerte zu betrachten.

Dann wird die Seele des Kindes nicht von den Thränen der Sündenreue oder der Höllenfurcht gebleicht werden; nicht beschmutzt durch den ideen- und idealitätslosen Realismus, das verächtliche Misstrauen, das die zerstiebenden Blasen der schönen Worte gleich kaltfeuchten Flecken zurücklassen! Dann werden die Weichen sowohl wie die Starken in dem glücklichen und verantwortungsvollen Glauben an ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigenen Hilfsquellen aufwachsen. Der Puls ihres Willens wird stark und warm werden von rotem Blut! Sie werden nicht zur Demut gebeugt werden, auch nicht zur Gleichheit mit allen anderen oder mit irgend einem anderen, sie werden im Gegenteil in dem Rechte bestärkt werden, ihren Freuden, Leiden und Werken ihr eigenes Gepräge aufzudrücken; sie werden ermahnt werden, nur ihr eigenes Bestes zu thun, ja auch ihr eigenes Bestes zu suchen, falls sie ihre eigene Grenze dort ziehen, wo das Recht anderer beginnt.

Solange jedoch Schule und Heim zwischen zwei entgegengesetzten Lebensanschauungen Kompromisse schliessen, erhält man von keiner von beiden etwas wirklich Gutes für die Erziehung der Kinder.

Ich habe schon einmal dargelegt, dass man in ein und derselben Schule kirchlichen Religionsunterricht und ein gewisses Mass von Kenntnis und Liebe zur Natur und Geschichte mitteilen kann; dass man auch in ein und derselben Schule den Entwickelungsverlauf der Natur und der Geschichte im Zusammenhang mit einem religionshistorischen Unterricht mitteilen kann, in dem das Judentum und das Christentum den ersten Platz erhalten würde, und dass man dabei die durch die Bibel schon errungene Ehrfurcht und Liebe der Kinder zu Jesu Persönlichkeit und Sittenlehre stärken kann. Man kann, auf ehrliche und ernste Gründe gestützt, den einen oder den anderen Plan wählen. Aber in den Religionsstunden Moses und Christus zu den absoluten Wahrheitsverkündern zu machen und in den Naturgeschichtsstunden Darwin auszulegen, das verursacht mehr als irgend etwas anderes die Zusammenhanglosigkeit, die moralische Schlappheit und Charakterlosigkeit, die nicht kann, nicht will. ... Alles, was ich erlebt habe, seit diese Worte niedergeschrieben wurden, hat meine schon damals ausgesprochene Ueberzeugung hundertfach gewisser gemacht: »dass das Wichtigste nicht ist, was für eine Lebensanschauung wir haben – wie wichtig dies auch sein mag – sondern dass wir Glaubenskraft genug haben, eine Lebensanschauung zu der unseren zu machen, Thatkraft genug, sie im Leben zu verwirklichen. Aber nichts wirkt herabdrückender auf die ethische Energie der heranwachsenden Generation als die dualistische Lebensanschauung, die in der Schule heute erworben wird. Es gilt also, für die Schule eine Wahl zu treffen – nicht eine Vermittelung zwischen zwei Erziehungplänen und zwei Lebensanschauungen – wenn die Glaubenskraft und die Willensstärke der Jugend nicht gebrochen werden soll. Die Frage eines Kompromisses ist in diesem Falle nicht nur eine Anwendungsfrage: sie ist die wichtigste Prinzipienfrage der Erziehung ...«

* * *

Seit ich diese Worte niedergeschrieben habe, sind in dieser Frage viele Aeusserungen gethan worden. Eine derselben, die Sensation erregte, als sie 1890 veröffentlicht wurde, war das Buch Moses oder Darwin ... Von Dr. Dodel, Professor der Botanik in Zürich.

Der Verfasser zeigt darin, wie tief der Darwinismus in die Wissenschaft und in die Kultur eingreift, wie aber die Volksbildung gehemmt wird, weil man sie von den wissenschaftlichen Wahrheiten der Gegenwart ferne hält und noch immer in den kirchlichen Vorstellungskreis hineinzwingt. Durch den Religionsunterricht begeht man ein Verbrechen gegen die psychologischen Entwickelungsgesetze, denn man teilt Kindern, die nicht im stande sind, über abstrakte Begriffe nachzudenken, ein theologisches System mit. Aber das Schlimmste ist, sagt er, dass nunmehr an den Hochschulen die Entwickelungstheorie als die wissenschaftliche Wahrheit gelehrt wird, während in der von demselben Staate errichteten und erhaltenen Volksschule noch immer, in schärfstem Widerspruch zu allem, was die Wissenschaft und die lebendige Natur die Kinder lehrt, der Mythos der mosaischen Schöpfungsgeschichte mitgeteilt wird: ein unsittlicher und unredlicher Zustand, dem ein Ende gemacht werden muss!

* * *

Ein schwedischer Astronom hat in treffender Weise gezeigt, wie in demselben Masse, indem unser Wissen vorwärts schreitet, die Religion aufhört, ein Richter über das zu sein, was unser Wissen umfasst. Und je mehr Wissen wir erreichen, desto mehr wird das Gebiet des Uebernatürlichen eingeschränkt, desto weniger glaubt man an das Eingreifen göttlicher Kräfte, desto weniger konkret werden die Vorstellungen vom Tode und einem Leben nach diesem. Aber das bedingt durchaus nicht, dass das religiöse Gefühl erlischt, wenn es auch nicht mehr durch den Glauben an eine göttliche Offenbarung und ein übernatürliches Eingreifen genährt wird. Als Idealität findet es noch immer seinen Ausdruck, und ohne religiösen Glauben und Begeisterung können keine idealen Ziele verwirklicht werden. Es gilt, meint der Verfasser, die religiöse Gesinnung zu bewahren, wenn man auch die veralteten religiösen Begriffe verliert!

Dieser Punkt ist der entscheidende in der ganzen Frage. Es ist auch meine tiefste Ueberzeugung, dass der Mensch ohne Religiosität in der Gemütsanlage keine idealen Ziele verfolgen, nicht über seine eigenen Interessen hinaussehen, nicht mit Opferwilligkeit grosse Ziele verwirklichen kann. Die religiöse Begeisterung weitet unsere Seele und verpflichtet uns zu dem Handeln, das wir für das ideale halten. Aber weil das Christentum die Seele zusammendrängt und nicht mehr alle Momente unseres Handelns verbinden kann – darum verlassen immer mehr ernste Menschen dasselbe gerade aus religiösen Gründen. Und warum diese dann ihren Kindern nicht den gebräuchlichen christlichen Religionsunterricht geben sollen, hat unter anderen Tolstoi mit seiner gewöhnlichen einseitigen Stärke ausgesprochen. Er sagt:

»Wir sind so an die religiöse Lüge gewöhnt, dass wir nicht merken, welche Einfältigkeit, welche furchtbare Grausamkeit die Lehre der Kirche erfüllt. Wir merken sie nicht, aber die Kinder fühlen sie, und ihre Seele wird durch diese Lehre unheilbar verunstaltet. Wir müssen uns nur ganz klar machen, was wir thun, wenn wir unsere Kinder mit dem sogenannten Religionsunterricht erziehen. Rein und unschuldig, ohne noch betrogen zu haben oder betrogen worden zu sein, wendet sich das Kind an uns, die wir das Leben kennen, und fragt uns, nach welchen Gründen der Mensch sein Leben leben soll? Und was antworten wir? Gewöhnlich kommen wir den Fragen dadurch zuvor, dass wir ihnen die jüdische Legende mitteilen, diese plumpe und unvernünftige, dumme und vor allem unmoralische Geschichte. Wir geben das als heilige Wahrheit aus, was, wie wir selbst wissen, unmöglich ist und für uns keinen Sinn hat: dass vor sechstausend Jahren ein seltsames und grausames Wesen, das wir Gott nennen, es unternahm, diese Welt zugleich mit dem Menschen zu erschaffen; dass der erste Mensch sündigte und dass der böse Gott um dieser Sünde willen nicht nur ihn, sondern auch uns alle anderen strafte, die wir nichts verbrochen haben; endlich dass er selbst die Strafe für diese Sünde erlitten hat, indem er seinen Sohn sterben liess, und dass unser hauptsächliches Ziel in diesem Leben darin besteht, zu versuchen, diesen Gott zu erweichen und den Leiden zu entkommen, für die er uns bestimmt hat!

Wir meinen, dass das nichts zu bedeuten hat, ja, dass es sogar für das Kind nützlich ist, und wir hören mit Wohlbehagen, wie dieses all diese Greulichkeiten wiederholt; wir reflektieren nicht über die furchtbare geistige Umwälzung, die in solchen Augenblicken, ohne dass wir es merken, in der Seele des Kindes vor sich geht. Wir stellen uns diese Seele als eine leere Tafel vor, auf die man schreiben kann, was man will; aber das ist ein Irrtum. In dem Kinde liegt eine dunkle Ahnung von einem Ursprung des Alls, von einer Macht, der es unterworfen ist, und es besitzt – nicht klar und bestimmt oder mit Worten ausdrückbar, aber als eine Empfindung, die sein Wesen erfüllt – dieselbe hohe Ahnung des Ursprungs wie der denkende Mann, und nun plötzlich, anstatt all diesem sagt man dem Kinde, dass der Urheber des Alls ein unvernünftiges, grässliches und grausames Wesen ist. Das Kind hat eine undeutliche Vorstellung vom Ziele unseres Lebens, davon, dass dieses Glück ist, errungen durch gegenseitige Liebe. Anstatt dessen muss es lernen, dass das Ziel des Lebens in seiner Gesamtheit nur eine Laune dieses unvernünftigen Gottes ist; dass unser persönliches Ziel darin besteht, zu suchen, den ewigen Strafen zu entrinnen, die für einige bestimmt sind, und den Leiden, die dieser Gott uns allen auferlegt hat. In dem Kinde schlummert ein Gefühl, dass die Pflichten der Menschen sehr zusammengesetzt und von moralischer Natur sind: anstatt dessen lehrt man es, dass die vornehmste Pflicht im blinden Glauben besteht, in Gebeten, im Aussprechen gewisser Worte bei einem gewissen Anlass, in dem Verzehren von Wein und Brot, das Gottes Fleisch und Blut vorstellen soll. Wir meinen, dass all dies keine ernsthafte Sache ist, und dennoch ist die Einpflanzung dieser Lehren – die wir Religionsunterricht nennen – das grösste Verbrechen gegen das Kind, das man sich überhaupt denken kann!

Die Regierungen und die führenden Klassen brauchen diese Lüge; sie stützt ihre Macht, und darum werden die herrschenden Klassen immer fordern, dass sie den Kindern eingepflanzt werde, und so ihren hypnotisierenden Einfluss auch auf die Erwachsenen ausübe. Die Menschen hingegen, die die gegenwärtige ungerechte soziale Ordnung nicht erhalten wollen, sondern im Gegenteil ihre Veränderung wünschen, und besonders die, die ihren Kindern wohl wollen, müssen sie mit aller Macht vor dieser gefährlichen Betrügerei retten. Wenn die Kinder vollständig gleichgiltig gegen die religiösen Fragen werden, wenn jede positive Religion ihnen ganz fremd wird, so ist dies selbst dem vervollkommnetsten jüdisch-kirchlichen Religionsunterricht unendlich vorzuziehen.

 

Für jeden, der einsieht, was es für ein Kind bedeutet, wenn man eine Lüge für eine heilige Wahrheit ausgiebt, kann es keinen Zweifel über das geben, was er zu thun hat, auch wenn er selbst dem Kinde keine persönliche religiöse Ueberzeugung mitzuteilen hat ...

 

Wenn ich einem Kinde die Grundzüge der religiösen Lehre darzustellen hätte, die ich für die Wahrheit halte, dann würde ich ihm sagen: Wir sind in diese Welt gekommen und leben hier, nicht durch eigenen Willen, sondern durch den eines anderen, den wir Gott nennen. Darum handeln wir nur dann recht, wenn wir dem Willen dieses Wesens folgen. Dieser Wille besteht darin, dass wir alle glücklich seien, aber um dieses Ziel zu erreichen, giebt es nur ein Mittel: dass jeder Mensch gegen den anderen so handelt, wie er wünscht, dass andere gegen ihn handeln mögen.

 

Auf die Fragen: Wie ist die Welt entstanden? Was erwartet uns nach dem Tode? antworte ich auf die erste, dass ich es nicht weiss, und dass im übrigen die ganze Frage bedeutungslos ist. Auf die zweite antworte ich, dass der Wille dessen, der uns um unseres Glückes willen ins Leben gerufen hat, es wohl auch nach dem Tode vermag, uns demselben Ziele zuzuführen.«

* * *

In diesem wie in anderen Fällen, in denen die Erwachsenen darüber uneinig sind, was »das Kind« braucht, sollten wir nicht von den Erwachsenen, sondern von den Kindern selbst etwas über ihre wirklichen Bedürfnisse zu erfahren suchen.

Man findet da, dass das Kind sehr zeitig anfängt, sich mit den ewigen Rätseln der Menschheit: woher und wohin zu befassen. Aber man findet zugleich, dass ein unverfälschter einfältiger Kindersinn sich gegen die christliche Welterklärung auflehnt, bis seine Ehrlichkeit abgestumpft wird und das Kind entweder schlaff das annimmt, was man es lehrt, oder in seinem Inneren das leugnet, was seine Lippen wiederholen müssen, oder – schliesslich – sein Herz von der einzigen Nahrung ergreifen lässt, die man seinen religiösen Bedürfnissen bietet!

Meine eigenen Kindheitserinnerungen haben mich früh zu Beobachtungen der religiösen Begriffe von Kindern veranlasst, und ich habe nun fünfundzwanzig Jahre umfassende Aufzeichnungen über diesen Gegenstand vor mir. Ich entsinne mich meines glühendes Hasses gegen Gott, als ich mit sechs Jahren von Jesu Tod, als durch Gottes Versöhnungsforderung veranlasst, hörte; und mit zehn Jahren an meine Leugnung von Gottes Vorsehung, als ein junger Arbeiter von seiner Frau und seinen fünf Kindern wegstarb, die ihn so notwendig brauchten. Meine Grübelei über die Existenz Gottes nahm damals die Form einer Herausforderung an, und ich schrieb in den Sand: Gott ist tot und dachte dabei: giebt es einen Gott, so tötet er mich jetzt mit einem Blitze! Aber da die Sonne immer weiter schien, war die Frage bis auf weiteres beantwortet – um doch bald wiederzukehren. Ich hatte keinen anderen Religionsunterricht, als ein kurzes Bibellesen des Morgens, die Predigt am Sonntag – und Katechismuslektionen, die nie erklärt wurden. Das neue Testament hingegen gehörte zu meinen »Unterhaltungsbüchern«. Ich lernte darin Jesus mit derselben Innigkeit lieben wie andere grosse Persönlichkeiten, von denen ich las. Aber als ich dann während der Konfirmationszeit Bibelerklärungen erhielt, wo jeder Punkt, jeder Name in den Evangelien ausgelegt war, jeder Satz haargespalten, um die Erfüllung der Prophezeiungen und den erbaulichen verborgenen Sinn jedes der früher so einfachen Worte zu zeigen – das Dreieinigkeitsdogma war auf diese Weise schon im zweiten Verse der Genesis enthalten – da war es für mich eine traurige, grosse Entdeckung: dass das lebendige Buch meines Kinderherzens und meiner Kinderphantasie so steintot sein konnte! Sowohl für die religiöse Gleichgiltigkeit, die oft die Folge des Religionsunterrichts ist, wie für die geistigen Erkrankungen, die der Bekehrungseifer für die Seelen der Kinder mit sich bringt, könnten zahllose Beispiele angeführt werden. Ich habe Sechsjährige mit heiligem Grauen davon sprechen hören, dass ihr vierjähriger Bruder an einem Sonntag mit seinem Spaten gegraben, während ich andererseits einen Sechsjährigen, den man an einem Tage zu drei Gottesdiensten schleppte, nachdenklich äussern hörte, ob es nicht erträglicher wäre, gleich in die Hölle zu kommen?

Der jüdisch-christliche Begriff von der schaffenden und erhaltenden Vorsehung, die allem die höchste Vollkommenheit verliehen, widerstreitet so absolut dem, was die Erfahrung und der Evolutionsbegriff uns über das Dasein lehren, dass man nicht einmal als gedankliches Experiment theoretisch die beiden Vorstellungen zusammenhalten, um wie viel weniger sie praktisch mit dem Mundleim des Kompromisses vereinigen kann. Das Kind – diese scharfsinnige Einfalt – lässt sich auch nicht betrügen. Will man nicht die Wahrheit sagen – dann sprecht überhaupt nicht zum Kinde vom Leben, dem Leben in seiner Einheit und Mannigfaltigkeit, seinen unzähligen Schöpfungsakten, seinem fortgesetzten Schaffen, seiner ewigen göttlichen Gesetzmässigkeit!

Aber das bedeutet mit anderen Worten, dass man dann dem Kinde weder den christlichen Gott retten kann, nachdem es anfängt, über diesen Gott nachzudenken, dem es gelehrt wurde, blind zu vertrauen, noch dass man das Kind für den neuen Gottesbegriff mit seiner religiösen, – das heisst verbindenden und erhöhenden – Stärke vorbereitet, für den Begriff eines Gottes, dessen Offenbarungsbuch der gestirnte Himmel und die Seherahnung ist, die Abgründe des Meeres und die Tiefe des Menschenherzens, des Gottes, der im Leben ist und der das Leben ist. Nichts zeigt besser, wie schwach, wie wenig durchgearbeitet der eigene Glaube der modern Denkenden ist, als dass sie noch immer ihre Kinder das lehren, wovon sie selbst geistig nicht leben wollen, was sie aber für die Moral und die soziale Zukunft des Kindes für unentbehrlich halten.

Wenn man vom Vorsehungsbegriff zum Sühnebegriffe übergeht, begegnet man bei den Kindern derselben natürlichen Logik.

Das kleine Mädchen, das – selbst das einzige Kind seiner Mutter – ausrief: »Wie konnte Gott sein einziges Kind töten lassen? Das hättest Du mir nicht thun können!« und der kleine Knabe, der äusserte: »Das ist doch sehr gut für uns, dass die Juden Christus kreuzigten, sodass uns nichts geschieht!« ... sind die beiden Pole einer gefühlvollen und einer praktischen Betrachtungsweise des Sühnetodes, die beiden Pole, zwischen denen dann alle Parallelkreise gezogen sind. Zu dem mehr humoristischen aber ganz naiven Ideenkreis gehört der Vorschlag eines kleinen Mädchens, Maria Frau Gott zu nennen, sowie die Erzählung eines Knaben, dass man in der Schule von unserem Herrn und den beiden anderen Herren gesprochen habe – das heisst: von der Dreieinigkeit!

 

Aus den Stunden in biblischer Geschichte und Katechismus giebt es unzählige Beweise dafür, wie die Kinder die Worte falsch lesen, die Begriffe falsch verstehen. Der Knabe, der bei der Mahnung, seine Lampe brennend zu erhalten, vergnügt ausrief: »Wir haben das Petroleum gratis!« oder der, welcher auf die Frage, willst du wiedergeboren werden, antwortete: »Nein, denn dann könnte ich ein Mädel werden« – sind in diesem Falle typische Beispiele. Das kleine Mädchen, das man damit tröstete, dass Gott im Dunkel bei ihr sei, das aber ihre Mutter bat, Gott hinauszuschaffen und Licht anzuzünden,; oder die andere Kleine, die vor einem Bilde der christlichen Märtyrer in der Arena mitleidig ausrief: »Ach, der arme Tiger dort, der hat gar keinen Christen bekommen!« sind einige aus der Menge von Beispielen für die Auslegung, die Kinder den Religionsbegriffen geben, die man ihnen mitteilt, Begriffen, die sie in einen Ideenkreis zwingen, den sie entweder materiell auffassen, oder dem sie blind gegenüberstehen.

 

In dem kindlichen Vorstellungskreis, der sich in Anekdoten wie diesen oder in dem Ausruf des kleinen Mädchens malt, das, als es hörte, dass es um elf Uhr abends geboren wurde, fragte: »Wie habe ich denn so lange aufsein dürfen?« – werden die Begriffe Erbsünde, Sündenfall, Wiedergeburt und Erlösung mit Naturnotwendigkeit zuerst leere Worte, dann erschreckend dunkle Worte! In meinem ganzen Leben hat die Höllenfurcht nicht fünf Minuten in Anspruch genommen. Aber ich kenne Kinder – und Erwachsene – die Märtyrer dieses Schreckens gewesen sind. Ich kenne auch Kinder, die – als ihnen in der Schule der Glaube an die Hölle als unumgänglich eingeprägt wurde – darüber trauerten, dass ihre Mutter gesagt hatte, sie glaube nicht an die Hölle und folglich ein sehr schlechter Mensch sein musste!!

Wir haben uns allerdings weit von den Zeiten entfernt, wo, um das treffende Bild eines Kulturhistorikers zu brauchen, die Teufelsangst »unablässig über dem Leben der Menschen dahinjagte, wie der Schatten der Flügel der Windmühle über die Fenster des Müllers«; weit von der Zeit, in der die göttlichen Personen sich unaufhörlich den Gläubigen offenbarten, und das Wunder ebenso unbedingt zu den alltäglichen Denkgewohnheiten gehörte, wie es jetzt – selbst von dem Gläubigen – ganz aus dem Spiele gelassen wird. Aber solange man noch durch den Religionsunterricht den Teufels-, Vorsehungs- und Wunderglauben aufrecht erhält, wird der Lichtstrahl der kulturfördernden – d. h. der wissenschaftlichen anstatt der abergläubischen – Auffassung nicht die Dunkelheit durchdringen, in der die Bazillen der Grausamkeit und des Wahnsinns reingezüchtet werden.

Die Begriffe, die sich die Kinder vom Himmel machen, sind in der Regel ausgezeichnete Beweise für den Realismus des Kindes. Der kleine Junge, der meinte, sein Bruder könnte nicht im Himmel sein, weil er doch auf einer Leiter hinaufgeklettert sein müsste, und in diesem Falle ungehorsam gewesen wäre, weil ihm verboten war, auf eine Leiter zu steigen; oder das kleine Mädchen, das, als es hörte, dass Grossmutter im Himmel sei, fragte, ob Gott da sitze und sie halte, so dass sie nicht herunterfalle, sind einige aus der Zahl der vielen Beweise für den Wirklichkeitssinn des Kindes, den man mit seinen Antworten in dieser wie in so vielen anderen Beziehungen irreleitet. Und wenn man dagegen einwendet, dass die kindliche Phantasie den Mythos, das Symbol brauche, so ist die Antwort sehr einfach. Man kann und soll dem Kinde das Spiel der Phantasie nicht rauben, aber man soll das Spiel nicht für Ernst ausgeben! Dass die Kinder sich selbst realistische Begriffe über geistige Dinge bilden, ist nicht zu verwundern und soll ebenso wenig bekämpft werden wie andere Aeusserungen des kindlichen Seelenlebens. Erst wenn diese falschen Begriffe als die höchste Wahrheit des Lebens mitgeteilt werden, müssen sie die heilige Einfalt des Kindes stören.

Ich kenne Kinder, für die Jesu Wort, alles, worum ihr gläubigen Herzens bittet, werdet ihr erhalten, die Ursache zu ihrem Unglauben geworden ist. So betete ein kleines – in ein dunkles Zimmer gesperrtes – Mädchen, Gott möge den Menschen zeigen, wie sie es verkennten, indem er im Dunkel eine Edelsteinlampe leuchten lasse; eine andere bat um die Rettung ihrer kranken Mutter; wieder eine andere betete neben einer toten Spielkameradin, dass sie aufstehen möge! Und für alle drei wurde die Erfahrung, dass ihr inbrünstiges, gläubigstes Gebet nicht erfüllt wurde, der grosse Wendepunkt in ihrem inneren Leben.

All die ethische Empörung, die die Ungerechtigkeiten des alten Testaments, z. B. Gottes Bevorzugung Jakobs vor Esau, in einem gesunden Kinde erregt, kann ich aus meiner eigenen und der Erfahrung anderer bekräftigen, und die Erklärungen, die man in diesem und ähnlichen Fällen anführt, erfüllen das Kind mit stiller Verachtung.

Und wenn das Kind schliesslich findet, dass die Erwachsenen das, was sie als Religion verkündeten, selbst nicht geglaubt haben, dann erhält das Vermögen des Kindes, zu glauben und zu verehren – jenes Vermögen, das gerade der Grund jedes religiösen Gefühls ist – einen Schaden fürs Leben.

Ich will gar nicht von den Helden und Heldinnen der pietistischen Kinderlitteratur sprechen mit ihren Bekehrungs- und Heiligkeitsgeschichten. Vor diesen können Eltern ihre Kinder ja schützen. Ich spreche hier nur von der Lebensanschauung, die mit oder gegen den Willen der Eltern den Kindern aufgezwungen wird; die ihre Begriffe von Gott, von Jesus, von der Natur verringert, die das Kind – in Ruhe gelassen – einfältig oder gross auffasst; jener Lebensanschauung, die unnötige Leiden und schädliche Vorurteile schafft. Die Disposition des Kindes zu tiefem religiösen Gefühl, festem Glauben, warmem Heiligkeitseifer soll ihre Nahrung dadurch erhalten, dass es frei das Lebensmark aus der Bibel schöpfe, aus der Weltlitteratur, auch der religiösen, z. B. dem Buddhismus; aus der Schilderung grosser – auch religiöser grosser – Persönlichkeiten, die ein ideales Streben offenbaren; aus solchen Kinderbüchern, die in gesunder Weise ein ähnliches Streben zeigen. Aber kein Kind hat für seine Religion oder seine Bildung im geringsten den Katechismus oder die Theologie nötig, oder irgend eine andere Kirchengeschichte als jene, die organisch mit der allgemeinen Weltgeschichte verbunden wird, und bei der das Hauptgewicht auf die – Irrlehren gelegt werden soll, um der Jugend die Ueberzeugung einzuprägen, dass alle neuen Wahrheiten von der Mitwelt Irrlehren genannt wurden: das beste negative Mittel, das man zur Erkennung der Wahrheit besitzt!

In sich selbst die Widersprüche zu verarbeiten und zu klären, die dem Kinde selbst bei einer solchen Religionserziehung, wie ich sie mir denke, begegnen, das gehört mit zur Erziehung fürs Leben, in dem man sich ja mit unzähligen Widersprüchen zurechtfinden muss! Aber diese innere Arbeit schadet weder der Frömmigkeit noch der Gesundheit der Kinderseele, wie dies hingegen bei der hetzenden Frömmelei oder der schmeichlerischen Heuchelei, dem geistigen Fanatismus, der betrogenen Vernunft, der seelischen Trockenheit oder dem gekränkten Rechtsgefühl der Fall ist, lauter Folgen einer Erziehung zum Christentum, eines Unterrichts im Christentum nach den jetzt gebräuchlichen Methoden! In der Gegenwart wie in der Zukunft wird das Kind alle seine geistigen Probleme leichter lösen können, wenn sein feines Rechtsgefühl, seine scharfe Logik nicht durch die dogmatischen Antworten auf die ewigen Probleme abgestumpft worden ist, über die das Kind ebenso gut nachgrübelt wie der Denker.

* * *

Den schwersten Grundschaden des noch immer herrschenden Religionsunterrichts hat schon Kant hervorgehoben, nämlich dass man, solange die Lehre der Kirche der Moral zu Grunde gelegt wird, unrichtige Motive seines Handelns erhält: nicht, weil Gott ein Ding verboten hat, sondern weil es an und für sich unrecht ist, muss es vermieden werden, nicht, weil Himmel oder Hölle die Guten und die Bösen erwartet, sondern weil das Gute einen höheren Wert hat als das Schlechte, soll man das Gute erstreben. Und zu diesem Gesichtspunkte Kants kommt noch der, dass eine Anschauung, nach der der Mensch ausser stande ist, aus eigener Kraft das Gute zu thun – und darum in diesem wie in allen anderen Fällen demütig auf Gottes Hilfe vertrauen muss – ethisch schwächend ist, während das Vertrauen auf unsere eigene Stärke und das Gefühl unserer eigenen Verantwortlichkeit ethisch stärkend wirken. Der Glaube, unwiderruflich sündenbeladen zu sein, hat den Menschen dazu gebracht, es zu bleiben.

Soll daher das Geschlecht der Zukunft mit aufrechten Seelen heranwachsen, so ist die erste Bedingung dafür die, dass man mit einem kräftigen Federzug Katechismus, biblische Geschichte, Theologie und Kirchengeschichte aus dem Dasein der Kinder und der Jugend streiche!

Sich vor dem Unendlichen und Geheimnistiefen innerhalb des irdischen Daseins und jenseits desselben zu beugen; die echten sittlichen Werte zu unterscheiden und zu wählen; von dem Bewusstsein der Solidarität des Menschengeschlechts durchdrungen zu sein, und von seiner eigenen Pflicht, sich um des Ganzen willen zu einer reichen und starken Persönlichkeit auszubilden; zu grossen Vorbildern aufzublicken; das Göttliche und Gesetzmässige im Weltall, im Entwickelungsverlauf, im Menschengeist anzubeten – dies sind die neuen Handlungen der Andacht, die neuen religiösen Gefühle der Ehrfurcht und Liebe, die die Kinder des neuen Jahrhunderts stark, gesund und schön machen werden.

* * *

Und damit wird auch der Untergang des Gottesbegriffs anbrechen, der noch »Gottes Hilfe« mit Siegen verbindet, die die nationale Eroberungslust, die Unterdrückungssucht, die Gewinnsucht erringt. Man wird empfinden, dass Gottes Einmischung in die Kraftmessung menschlicher Leidenschaften eine Lästerung ist. Man wird einsehen, dass der Patriotismus, der von Egoismus und Hochmut genährt wird, die »gottloseste« – weil unmenschlichste – aller der lebenzerstörenden Sünden ist, mit denen die Menschen die Heiligkeit des Lebens schänden.

Die Köpfe, die jetzt die Widersprüche des Christentums und des Kriegs vereinigen können – ja, die aus ihnen Kraft und Trost holen – sind durch jahrtausendalte Zwangsvorstellungen entartet. Für Menschen mit solchen Hirnen kann man nichts anderes erwarten, als dass sie in der Wüste vergehen, ohne auch nur mit einem Blicke das gelobte Land gesehen zu haben!

Aber die Gehirne der Kinder können vor der unheilvollsten aller geistigen Missbildungen behütet werden, von dem Aberglauben, dass ein Patriotismus, ein Nationalismus, der das Recht anderer Völker kränkt, etwas mit göttlichen Begriffen gemeinsam hat!

Man lehre die Kinder, dass die nationale Eigenart, die Kraftentwickelung, die Selbstbestimmung für ein Volk ebenso unersetzlich wie für das Individuum, ja aller Opfer wert sind! Man lehre sie, dass ihre Vertiefung in die Natur ihres Vaterlandes, in sein Vergangenheits- wie in sein Gegenwartsleben Voraussetzung für ihre eigene Entwickelung ist; man lehre sie schöne, warme Träume von der Zukunft ihres Landes zu träumen, von ihrer eigenen Arbeit, um diese Zukunft zu gestalten!

Man lehre sie auch früh den tiefen Abgrund zwischen dem Vaterlandsgefühl und dem Egoismus messen, der sich Patriotismus nennt! Dieser »Patriotismus« ist es, in dessen Namen die kleinen Völker von den grossen gekränkt werden; in dessen Namen hat sich das Europa des neunzehnten Jahrhunderts unter der Aufreizung des »Revanche«-Gedankens gerüstet; in dessen Namen sah die Jahrhundertwende die Gewaltthaten im Norden und Süden, im Westen und Osten zunehmen.

Militarismus und Klerikalismus – die beide die Autorität im Gegensatz zum Prinzip der persönlichen Prüfung darstellen – sind stets enge verbunden, aber sie sind nicht das, was sie sich nennen: Patriotismus und Religion. Diese schliessen einen mitbürgerlichen Sinn, einen Freiheitssinn, einen Rechtssinn in sich, die sich über die enge Sphäre des Individuums, des Klasseninteresses, des eigenen Landes erheben; die die verschiedenen Gruppen innerhalb eines Landes zu allen gemeinsamen grossen Interessen vereinigen, ebenso wie die verschiedenen Völker zu allen gemeinsamen grossen Lebensfragen. Aber Militarismus und Klerikalismus unterdrücken die Freiheit durch das Prinzip der Autorität, die Selbstbestimmung durch das der Disziplin, den Mitbürgersinn durch das des Kriegerruhms, das Rechtsgefühl durch das der Soldatenehre. Unter dem Zeichen der Christlichkeit und des Militarismus hat in Deutschland die bürgerliche Rechtssicherheit, die kulturelle Freiheit schwere Schädigungen erlitten. Unter der Hypnose derselben Prinzipien haben auch viele im einzelnen achtungswerte Mitglieder des russischen, des französischen, des englischen Volkes den Ungerechtigkeiten ihres Volkes zugejubelt!

Und all dies wird so weitergehen; die Völker werden unter immer grösseren Rüstungen zu Boden gedrückt werden; das Recht der kleinen Nationen wird von den grossen immer mehr verletzt werden, auch nachdem die jetzigen Weltgewalten, so wie alle vorhergehenden, unter ihrer eigenen Expansion zerbrochen sind! Es wird so fortgehen, bis die Mütter in den Seelen der Kinder das Menschlichkeitsgefühl vor dem Vaterlandsgefühl grossziehen, bis sie bestrebt sind, die Sympathie der Kinder mit allem Lebenden zu erweitern – mit Pflanzen, Tieren und Menschen; bis sie sie sehen lehren, dass die Sympathie uns nicht nur das Mitleid, sondern auch die Mitfreude schenkt, und dass das Individuum sein eigenes Lebensgefühl steigert, wenn es lernt, mit anderen Individuen und mit anderen Völkern zu fühlen. Es wird so fortgehen, bis die Mütter in die Seelen der Kinder die Gewissheit pflanzen: dass der Patriotismus, der für die Interessen seines eigenen Landes das Recht eines anderen Volkes mit Füssen tritt, verwerflich ist! Wenn dann diese Kinder als Erwachsene einmal dazu kommen, zu handeln, dann wird es in Uebereinstimmung mit dieser Vorstellung geschehen. Wenn in dem Kinde der Begriff des Nationalismus von Ungerechtigkeit und Uebermut befreit wird, der Gottesbegriff von einer unreinen Vermischung mit einem egoistischen Patriotismus – dann wird auch der Begriff Krieger geadelt werden, sodass er nicht mehr mit dem Begriff des blinden Gehorsams und des beschränkten Klassenhochmuts zusammenfällt. Das Wort wird dann einen Menschen und einen Mitbürger bedeuten mit denselben kulturellen Interessen, derselben Rechtsauffassung, demselben Freiheitsbedürfnis und Ehrgefühl wie alle anderen Mitbürger, einen Vaterlandsverteidiger, in dem keine andere kriegerische Glut entzündet werden kann als die zum Schutze heiliger menschlicher und bürgerlicher Rechte!

Denn Selbstverteidigung – persönliche oder nationale – soll dem Kinde entgegen den Geboten des Christentums als die erste der Pflichten eingeprägt werden. Oder richtiger gesagt: das Kind fühlt das instinktiv, und es gilt nur, diesen Instinkt nicht zu verwirren. Das Kind sieht sehr wohl ein, dass, wenn man den Bösen nicht Widerstand leistete, diese Herr über die Guten werden würden! Es weiss, dass das Niedrige und Ungerechte siegen und die Rechtsinnigen, die Hochsinnigen von den Ungerechten und niedrig Gesinnten geopfert werden würden! Der Trieb der Gegenwehr ist der erste Keim zu sozialem Gerechtigkeitsgefühl, und von diesem Gefühl wird das unbeirrte Urteil des Kindes auch in der Geschichte geleitet. Es zweifelt z. B. nie daran, dass Wilhelm Tell Recht hatte, auch wenn es in der Religionsstunde die Unterthänigkeit gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit einschärfen hört, und jede gerade Knabenseele schenkt Andreas Hofer ihren Beifall, trotz dessen unsanften Verfahrens mit der »gesetzlichen« Obrigkeit. Das Kind schneidet mit seiner natürlichen Freimütigkeit alle Sophismen ab, d. h. solche Kinder, die durch die christlichen Erklärungen nicht unheilbar verdummt worden sind!

Als Schlusssatz von allem, was ich hier gegen den christlichen Religionsunterricht gesagt habe, will ich die Aeusserung eines zehnjährigen Jungen nach dreijährigem Büffeln des Katechismus und der biblischen Geschichte anführen:

»Ich glaube an nichts von all dem! Aber ich hoffe, wenn die Menschen einmal klug werden, darf jeder seinen eigenen Glauben haben, so wie man sein eigenes Gesicht hat!«

Dieser kleine Philosoph traf mit seinen Worten unbewusst den ernstesten seelischen Schaden des Religionsunterrichtes: dass er den Menschen eine Lebensanschauung als gleichförmige Maske vor ihr wirkliches Antlitz zwingt, während es doch zu den Bedingungen der Freiheit und dem Recht der Seelen gehört, sich selbstdenkend die Glaubensgewissheit auszuformen, in der man leben und sterben kann! Rückwärts geschaut zu haben, um das Ideal und die Wahrheit zu suchen; sie als ein für allemal gegeben und abgeschlossen angesehen zu haben – dies ist bis jetzt die grosse geistige Gefahr für den Menschen gewesen!

Wenn hingegen jedes Kind bei den ersten Schritten seines weichen Fusses auf Erden sich als ein Entdecker fühlen darf, mit Unendlichkeiten vor sich – dann erst wird der Königssohn im Reiche des Lebens nicht länger Knechtesdienste verrichten, wie ein verlorener Sohn in fremdem Lande, sondern er wird mit der ganzen Gewalt seines Willens die alten Worte wiederholen:

Ich will mich aufheben und zu meinem Vater gehen!

Als im Mittelalter Jaquino di Fiori vom Reiche des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes predigte – predigte, »bis sein Haar silbergrau wurde wie der Olive Laub« – da verglich er diese drei Reiche mit der Art der Nessel, der Rose, der Lilie; mit dem Licht der Sterne, der Morgenröte, der Sonne!

Diese Predigt ertönt nun von allen Enden der Welt. Aber der lilienklare, sonnenwarme Traum vom dritten Reiche wird erst Wirklichkeit werden, wenn der Kindersinn – der der Wille zum Leben und zum Glücke ist – mit seinem frohen Freimut die Schatten des Sündenfalls und der Demütigung aus dem Dasein verjagt haben wird.

Denn ohne zu werden wie die Kinder können die Menschen nicht in dieses dritte Reich eingehen, des heiligen Geistes – des Menschengeistes – Reich!

* * *


 << zurück weiter >>