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1928

Berlin. 19. Januar 1928. Freitag

Aus Weimar herübergekommen, um bei Viénot abends André Gide zu treffen. Große Abendgesellschaft. Helene, Madame de Prévaux, die Enkelin von Liszt usw. Gide schien oder tat sehr erfreut über unser Zusammentreffen. Er las aus seinem ›Enfant prodigue‹ vor, brach aber plötzlich ab mit dem Ausruf: »Non, c'est trop belge, c'est trop mauvais. On ne peut plus lire cela. J'ai fait mieux depuis.«

Bremen. 27. Januar 1928. Sonnabend

Rudi Schröder bei mir im Hotel gefrühstückt. Er ist überglücklich über die Feier und seinen Dr. h.c. Abends bei ihm mit seiner Schwester, Dora Bodenhausen, Max, Frau Rilke usw. gegessen. Er versprach mir die Ilias; er habe jetzt nach seinem Ehrendoktor die Pflicht, sie fertigzumachen.

Leipzig. 18. Februar 1928. Sonnabend

Zu Kurt Weills Premiere: ›Der Zar läßt sich photographieren‹ nach Leipzig. Vorher die alte veristische Oper ›A basso Porto‹, deren musikalische Erfindung viel stärker ist: barock, viel Faltenwurf, aber darunter schauen hier und da schöne, gesunde Glieder hervor. Weills Musik hat Tempo, ist aber dürr wie Matzen.

Berlin. 27. Februar 1928. Montag

Vormittags bei Wirth, um ihn über Rathenau auszufragen: Wie er zu Rathenau gekommen wäre? Er sagte: Als Finanzminister habe er im Kabinett den Eindruck bekommen, daß die Minister so hinplätscherten, ohne geistig die Dinge zu durchdringen. So habe er sich gewöhnt, sich Rathenau kommen zu lassen und die Finanz- und Reparationsfragen mit ihm durchzusprechen. Sie hätten auch sonst viele Berührungspunkte gehabt, Rathenau sei Physiker, er Mathematiker gewesen, außerdem beide für Philosophie interessiert. So hätte sich bald zwischen ihnen eine halb politische, halb geistige Freundschaft gebildet. Deshalb habe er Rathenau mit Dernburg zusammen nach Spa mitgenommen, als seine beiden Zugpferde. In Spa habe dann Stinnes ganz offen die Bolschewisierung Deutschlands verlangt. Rathenau sei ihm in einer glänzenden Rede entgegengetreten. Dernburg und Seeckt (!) hätten sich auf Rathenaus Seite geschlagen. Das sei die Geburtsstunde der Erfüllungspolitik gewesen (1920). Gegen Rathenaus Mitnahme nach Spa habe das Auswärtige Amt sich wütend gewehrt; vor allem Rosen.

Im nächsten Jahr, nach dem Londoner Ultimatum, sei es unter den Umständen ganz natürlich gewesen, daß er Rathenau als Wiederaufbau-Minister ins Kabinett nahm; er sei in seine Stellung sozusagen hineingewachsen. Am Ende des Jahres habe die demokratische Fraktion Rathenau ganz gegen dessen Willen aus dem Kabinett zurückgezogen. Rathenau sei wütend gewesen. Im nächsten Jahr (1922), als für Genua ein Außenminister gesucht wurde, habe Stinnes Rosenberg durchdrücken wollen, der immer sein Mann gewesen sei. Aber er, Wirth, habe Rathenau herangezogen. Stinnes sei immer der typische Katastrophen-Politiker gewesen. Aber seine wirtschaftliche Macht sei so groß gewesen, daß niemand außer Rathenau ihm entgegenzutreten wagte. Er, Wirth, und Ebert hätten sich die größte Mühe gegeben, Rathenau und Stinnes zusammenzubringen, einen Ausgleich zwischen ihnen herbeizuführen; aber vergeblich.

Eilsen. 15. Mai 1928. Dienstag

Mit Hauptmann am Vormittag zwei Stunden spazieren. Er erzählte mir sein neues Drama ›Schwarze Fastnacht‹. Wir sprachen über Rathenau. Er meinte, Stresemann äußere sich nicht gerade wohlwollend über ihn. So habe er zu Benvenuto, dessen Pate Walther Rathenau war, gesagt: Zu Rathenau als Außenminister habe man auch nur sagen können: ›Schuster, bleib bei deinen Leisten!‹

Nachmittags ließ mich Hauptmann wieder durch Fräulein Jungmann holen, und wir besprachen in seinem Zimmer die Termine für die Hamlet-Ausgabe. Er versprach, ihn mir fertig bis zum 15. September zu liefern, damit er zu Weihnachten erscheinen könne. Dann kam er, ich weiß nicht wie, auf Hofmannsthals ›Turm‹; es sei ›ein Zusammenbruch‹, schrecklich. Er holte sein Exemplar, das er rot angestrichen hat, und las Stellen daraus vor. Hofmannsthal verliebe sich in einzelne Worte und mache, nur um ein Wort zu bringen, ganze Szenen, die vollkommen unorganisch und undramatisch seien.

Abends bei Tisch sagte er, Tolstois ›Macht der Finsternis‹ habe ihm ›die Tür aufgestoßen‹ zu seinem dramatischen Schaffen. Nicht Ibsen, Ibsen habe ihn wenig oder gar nicht beeinflußt; auch nicht ›Einsame Menschen‹. Aber Tolstoi, ja! Er habe allerdings schon dicht vor der Tür gestanden mit ›Bahnwärter Thiel‹, aber die ›Macht der Finsternis‹ habe ihm den letzten Schritt ermöglicht, zu ›Vor Sonnenaufgang‹. Bei Ibsen sei alles konstruiert, er schaffe die Figuren. Bei ihm, Hauptmann, dagegen komme alles aus den Figuren. So sei es auch bei Goethe, zum Beispiel in ›Clavigo‹, dagegen nicht bei Schiller. Er hatte Platens ›Venezianische Sonette‹ in der Originalfassung eben gelesen; meinte, es sei erstaunlich, was ein Dichter durch Korrekturen verderben könne. Die Fassung, die Platen schließlich herausgegeben habe, sei trivial, banal gewesen, während die Originalfassung frisch und neu wirke.

Er sprach auch über Stefan George. Er werde in seiner Heidelberger Rede (die er im Juni halten soll) nicht umhin können, sich mit dem Stefan George-Gundolf-Kreise auseinanderzusetzen. Übrigens sagte Hauptmann, daß Hofmannsthals ›Turm‹ gerade durch seine Fehler ihn zu seiner ›Schwarzen Fastnacht‹ angeregt habe.

Leipzig. 19. Mai 1928. Sonnabend

Mittags nach Leipzig. Nachmittags mit Kippenberg Rilke-Ausgabe besprochen. Abends bei Kippenberg Thomanerfest. Die Jungens gesungen. Straube. Bockbier und Würste. Lauter alte Herren.

Berlin. 20. Mai 1928. Sonntag

Reichstagswahlen. In Berlin gewählt. Abends im demokratischen Parteibüro Koch sehr deprimiert über die Verluste der Demokraten.

Berlin. 21. Mai 1928. Montag

Vormittags im Auswärtigen Amt bei Gaus wegen der Publikation von Maltzans Berichten in meinem ›Rathenau‹. Er sagte, inhaltlich habe er gar keine Bedenken; aber eine Aktenpublikation von Nachkriegs-Akten sei etwas so Außergewöhnliches, daß man dahinter wirklich irgendwelche politischen Absichten vermuten könnte. Er ließ daher Dircksen rufen, der meinte, vielleicht sollte man die Russen fragen, wozu Gaus aber keinen Anlaß sah. Er wiederholte, er persönlich habe gar keine Bedenken, aber korrekter sei es, wenn ich noch einmal Schubert fragte. Eventuell wolle er das übernehmen und mir ein Wort schreiben.

Berlin. 23. Mai 1928. Mittwoch

Mein sechzigster Geburtstag. Viele Gratulationen und Blumen. Vor allem ein herrlicher Blumenkorb der Franziska Bruch von Kippenbergs. Zeitungsartikel. Nur ein guter von Scheffler. Abends aßen Max und Guseck bei mir.

Berlin. 29. Mai 1928. Dienstag

Vormittags um elf bei Dircksen, wo Besprechung mit Gaus über die Veröffentlichung der Maltzanschen Berichte in meinem Rathenau-Buch. Sie hatten keine Bedenken gegen deren wörtliche Veröffentlichung, baten aber, sie nicht als Akten, sondern als meine Darstellung der Vorgänge zu veröffentlichen, also die erste Person in die dritte zu verwandeln und nicht anzugeben, daß es sich um die Maltzansche Originaldarstellung handele.

Bei Schuberts gefrühstückt. Schubert sagte, er hoffe, er habe mir durch seine Entscheidung über die Maltzanschen Berichte keine zu großen Unannehmlichkeiten bereitet; aber er habe nicht anders entscheiden können, namentlich da er am gleichen Tage einer Deputation, die aus Hoetzsch, Oncken und Brandenburg bestand und die Veröffentlichung der Kriegsakten des A. A. verlangte, aus politischen Gründen ihr Gesuch habe abschlagen müssen. In den Kriegsakten stünden, wie ich ja wüßte, Dinge, die man heute unmöglich veröffentlichen könne. So habe er neulich zufällig beim Durchblättern eine tolle Geschichte gefunden. Amerika habe uns kurz vor dem Kriege, im Sommer 1914, einen Schiedsvertrag angeboten, wie es ihn mit England und Frankreich abgeschlossen hatte, und sogar noch während des Krieges, im November 1914, sein Angebot wiederholt. Es sei aber beide Male hohnlachend von der deutschen Regierung abgelehnt worden, mit geradezu ›mittelalterlichen Gründen‹, wie Schubert sagte; weil das hieße ›unsere Souveränität aufgeben‹; als ob England und Frankreich ihre Souveränität aufgegeben hätten. Auch der Kaiser habe dazu seine Randbemerkung in diesem Sinne gemacht!

Paris. 5. Juni 1928. Dienstag

Nachmittags den soeben in Paris eingetroffenen ›Eisernen Justav‹, den Droschkenkutscher, der mit seiner Droschke von Wannsee nach Paris gefahren ist, in der Rue Royale vor Larue mit seiner Droschke gesehen, die ganz mit deutschen und französischen Fahnen bedeckt war. Eine große Menschenmenge umstand sie und begrüßte ihn, während er seinen weißen Droschkenkutscherhut schwang.

Wien. 11. Juni 1928. Montag

Abends in Wien an; zu spät für die Premiere der ›Ägyptischen Helena‹. Brief von Frau Deutsch und Telegramm von Klemm, daß Deutsch durch Rechtsanwalt Einspruch gegen Erscheinen meiner Rathenau-Biographie erhebt.

Wien. 13. Juni 1928. Mittwoch

Abends aßen Hofmannsthals bei mir im ›Bristol‹. Nachher mit ihnen und Goertz zum Schubert-Festkonzert auf dem Josefsplatz. Die pompösen Barockpaläste ringsherum waren von innen taghell erleuchtet, so daß man durch die offenen Fenster in die festlichen Säle hineinsah, der Platz selbst dunkel; darüber wölbte sich ein ganz klarer italienischer Nachthimmel. Auf dem Platz bewegte sich eine nicht sehr große Menschenmenge zur Musik. Das Ganze machte einen fast rein italienischen Eindruck; und doch wüßte ich wiederum keine Stadt in Italien, die einen so pompösen imperialen Barock-Rahmen bieten könnte. Auch Hofmannsthal sagte, daß er das noch nie hier in Wien so erlebt habe.

Wien. 14. Juni 1928. Donnerstag

Bei Hofmannsthals in Rodaun gefrühstückt mit Richard Strauss, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter. Das Gespräch kam nicht recht in Fluß, da jeder etwas andres wollte. Strauss äußerte unter andrem seine drolligen politischen Ansichten, Notwendigkeit einer Diktatur usw., die niemand ernst nimmt.

Abends mit Max in der Oper die ›Ägyptische Helena‹, die zweite Aufführung, gehört. Sehr enttäuscht und gelangweilt. Libretto und Musik gleich schwach und epigonenhaft. Ich bin froh, daß ich mit Hofmannsthal und Strauss nicht darüber zu sprechen brauchte. Das letzte Mal, daß ich Hofmannsthal gesehen habe! [Spätere Eintragung.]

Prag. 15. Juni 1928. Freitag

Von Wien nach Prag im Auto. Ein andres Auto, das einem jungen jüdischen Ehepaar Federer gehörte, bot sich uns bei der Ausfahrt aus Wien sehr freundlicher Weise zur Führung in der Tschechoslowakei an. Die tschechischen Straßen sind allerdings unerhört schlecht! Sowohl wir wie das Federersche Auto hatten deshalb mehrere Reifenpannen, und wir kamen daher erst bei Dunkelwerden in Prag an.

Berlin-Prag. 16. Juni 1928. Sonnabend

Vormittags in Berlin an, wo ich die Angelegenheit mit Frau Deutsch und Georg Deutsch klären wollte. Aber bei meinem ersten Anruf bei Klemm teilte mir Schmiegel mit, eben sei alles in Ordnung gekommen; der Rechtsanwalt Wenzel-Goldbaum habe soeben telephoniert,die Sache sei in Ordnung. Also hat er nach Durchsicht des Buches entweder sein Mandat niedergelegt oder Deutschem dazu geraten, keine weiteren Schritte zu unternehmen. Da ich nur deshalb nach Berlin gefahren war, mittags schon wieder nach Prag zurück, wo ich abends wieder eintraf.

Prag. 17. Juni 1928. Sonntag

Mit Max Prag besichtigt. Hradschin, Dom, Alchimisten-Gäßlein, Judenfriedhof, alte Synagoge. Das einzige, was haften bleibt, ist der Blick von der Karlsbrücke auf den Hradschin. Die Stadt ist ganz proletarisiert. Alles, auch die Schaufenster, auf den unteren Mittelstand eingestellt. Die Bevölkerung auffallend häßlich; lauter vermickerte Gesichter, die Weiber mit dicken, unförmigen Beinen. Ich sah kein hübsches Gesicht; ganz im Gegensatz zu dem, was man in Wien sieht.

Berlin. 24. Juni 1928. Sonntag

Heute früh erscheint offiziell mein Rathenau-Buch. Die großen Zeitungen, ›Voss‹, ›Börsen-Curier‹, ›Frankfurter‹, ›Kölnische‹ usw., bringen spaltenlange Auszüge. ›Berliner Tageblatt‹ einen ausgezeichneten Leitartikel von Feder. Mittags im Rathenau-Haus Gründung der ›Walther-Rathenau-Gesellschaft‹. Brecht legte bei der Gründungsfeier als erstes mein Buch vor und las daraus ein Stück. Ich sah immer nur das von Gram über den Tod seiner Tochter völlig verstörte Gesicht Franz Mendelssohns.

Berlin. 4. Juli 1928. Mittwoch

Von Weimar nach Berlin. Abends bei Gerhart Hauptmanns im ›Adlon‹ gegessen. Zuerst ganz allein mit Gerhart und Grete; nachher kam das Brautpaar, Benvenuto und die Prinzessin Schaumburg. Sie macht einen sehr energischen Eindruck, trotz ihrer Jugend, und ist wirklich schön: ein Apollo-Kopf, altgriechisch; auch die Haltung ist auffallend, jeder Zoll eine ›Prinzessin‹; sie fällt aus der Familie Hauptmann, die daneben recht bürgerlich aussieht, ganz heraus. Hauptmann sagte mir zu, mein Rathenau-Buch in der ›Voss‹ zu besprechen im Oktober.

Berlin. 5. Juli 1928. Donnerstag

Vormittags Telegramm von Wirth, er müsse mich ›dringend‹ wegen der Rathenau-Sache, sprechen, da er heute den Brief, den wir verabredet haben, schreiben müsse. Ich suchte ihn daher nachmittags im Reichstag auf, wo wir eine ganz freundschaftliche Unterredung hatten und er mir den Brief, den er an mich zur Veröffentlichung geschrieben hat, vorlegte. Ich korrigierte einige etwas aufgeregte Wendungen und versprach, ihm morgen früh meinen Antwort-Brief zukommen zu lassen. Im ganzen hatte ich von der Unterredung und dem Brief den Eindruck, daß Wirth doch ein recht kleines Format ist.

Homburg. 19. Juli 1928. Donnerstag

Abends kam Heinz Simon aus Frankfurt zu mir und las mir einen Teil seines vorzüglichen Artikels über den ›Rathenau‹ vor, der in den nächsten Tagen erscheinen soll.

Homburg. 21. Juli 1928. Sonnabend

Die ›Menschheit‹ bringt einen Brief von Poincaré an den Separatisten Matthes, in dem er sich gegen den ›Rathenau‹ zur Wehr setzt, weil ich (was nicht richtig ist, aber offenbar von Herrn Matthes Poincaré vorgeschwindelt worden ist) angeblich behauptet hätte, er habe in der Zeit der Genua-Konferenz die Rheinlande ›annektieren‹ wollen. – Antwort an Poincaré aufgesetzt.

Homburg. 24. Juli 1928. Dienstag

Nach Frankfurt gefahren im Auto, um meine Antwort an Poincaré dort abtippen zu lassen. Mit Dewall von der ‹Frankfurter Zeitung‹ konferiert, der mir riet, Poincarés Antwort nicht abzuwarten, sondern meine Antwort sofort in der ›Menschheit‹ und andren Zeitungen abdrucken zu lassen.

Frankfurt. 12. August 1928. Sonntag

Sehr imposanter Aufmarsch des Reichsbanners im Ostpark. Etwa achtzigtausend Mann. Fast noch eindrucksvoller der Marsch durch die Straßen, der mehrere Stunden dauerte; die Bevölkerung bildete links und rechts in vielen Reihen Spalier, auch alle Fenster mit winkenden Menschen besetzt. Man sah, daß in Frankfurt die Republik nicht mehr umstritten ist. Viele alte 48er-Fahnen im Zuge. Nachmittags nach Homburg zurück.

Homburg. 13. August 1928. Montag

Poincarés Antwort auf meinen Brief eingetroffen. Er läßt durch seinen Sekretär abstreiten, daß er die separatistische Bewegung gefördert hätte. Der Brief ist vom 30. Juli datiert und durch Kurier nach Berlin gegangen, wo er am Elften aufgegeben ist; außerdem ganz falsch adressiert.

Koblenz. 15. August 1928. Mittwoch

Früh aus Homburg nach Koblenz, um beim Oberpräsidenten und Bürgermeister Material für meine Erwiderung an Poincaré zu sammeln. Zuerst im Rathaus beim Vertreter des verreisten Bürgermeisters, Beigeordneten Wirtz. Da Poincaré behauptet: ›que le Gouvernement français n'a jamais voulu, en ce qui le concerne, favoriser un mouvement séparatiste; il a d'alleurs jugé qu'il ne lui appartenait pas d'interdire les manifestations spontanées(!!) d'une partie des populations‹, so suche ich nach schlüssigem Material, das die für alle Welt offenkundige Begünstigung der separatistischen Bewegung durch die Poincaré-Regierung in den Jahren 1922/24 beweist.

Nachher beim Oberpräsidenten Fuchs. Anderthalbstündige Unterredung. Er empfing mich nicht im Oberpräsidium, das von den Franzosen (Tirard) besetzt ist, sondern in einem Gebäude in der Gerichtsstraße, wo er ziemlich kümmerlich hausen muß. Großer, starker Mann mit einem breiten, intelligenten Gesicht, in das sich viel Ärger eingegraben hat.

Ich gab ihm die Erwiderung Poincarés zu lesen. Er lachte über ihre Unverfrorenheit: das pfiffen im ganzen Rheinland die Spatzen von den Dächern, daß die Franzosen die separatistische Bewegung »favorisiert«, ja gemacht hätten. Aber gerade Tatsachen, die die Spatzen von den Dächern pfiffen, seien oft schwer zu beweisen. Wenn ich eine Schrift zusammenstellen wolle, so sei die mit dem Material, das vorliege, in kürzester Zeit fertigzustellen; aber ein kurzer Brief, der die notorische Tatsache schlüssig beweise, sei kaum möglich. Ja, wenn ein Dokument direkt von Poincaré vorläge, in dem er die Separatisten zu unterstützen befehle! Aber ein solches sei selbstverständlich nicht zu beschaffen. Jeder Einzelfall, den ich anführte, werde aber sofort dementiert oder als Ausnahmefall hingestellt werden. Summa summarum: er konnte mir nichts Brauchbares geben. Er fragte dann, ob ich an eine deutsch-französische Versöhnung unter Poincaré glaube. Der Franzose sei vor allem um seine Sicherheit besorgt; in der Besetzung des Rheinlandes sehe er die einzige Garantie dieser Sicherheit.

Berlin. 17. August 1928. Freitag

Nachmittags auf dem Büro der »Weltbühne« mit Ossietzky konferiert. Ich zeigte ihm den Brief von Poincarés Sekretär. Er lächelte und stellte sich ganz auf meinen Standpunkt in bezug auf die Betätigung und Unterstützung der Franzosen bei den Separatistenwirren. Er sagte, Matthes' Brief habe er nur auf Drängen von Tucholsky gebracht, der Matthes in Paris kennengelernt und menschlich sympathisch und hilfreich gefunden habe. Er versprach, meine Erwiderung an Poincaré zu bringen.

Homburg. 21. August 1928. Dienstag

Nach Frankfurt, wo meine umgearbeitete Antwort Fräulein Heise diktiert und nachher Heinz Simon gezeigt, der sie gut fand. Aber wir kamen überein, sie erst nach der Unterzeichnung des Kellogg-Paktes und den Verhandlungen in Paris und Genf zu veröffentlichen, um mir nicht den Vorwurf zuzuziehen, ich hätte den Franzosen das Fest verekelt.

Trier-Verdun-Reims. 24. August 1928. Freitag

Fahrt über Luxemburg, Longwy nach Verdun und dann von Verdun durch die Champagne nach Reims. Die verbrannten Dörfer auf den Höhen bei Verdun sind das Vorspiel wahrhaft erschütternder Landschaftsbilder. Von Verdun bis Reims auf hundert Kilometer eine wohl seit Jahrhunderten fast menschenleere Einöde, eine Landschaft, die einem zuerst Entsetzen einflößt und dann allmählich, wenn man Kilometer um Kilometer durch sie hindurcheilt, an Soldatenkirchhöfen, an noch immer ihre Arme gegen den Himmel streckenden, verkohlten Bäumen, an verbrannten, verfallenen Bauernhöfen vorbei, in der Ferne immer die kahlen, weiß und grau schimmernden Kalkwellen, tragisch wie die Campagna von Rom wirkt; oder richtiger, tragisch, wie einmal, vor Jahrzehnten, als sie noch nicht bebaut war, die Campagna gewirkt haben muß. Entsetzen und tragische Erschütterung wechseln im Gefühl bei ihrem Anblick. Die dichtgedrängten, kleinen weißen Kreuze in den Soldatenfriedhöfen, Tausende und aber Tausende, wirken in der großen Landschaft winzig und fast meskin; die Rache schreiende Seele der Toten lebt in dieser Landschaft, nicht in ihnen: Rache an denen, die dieses Verbrechen verschuldet haben, ewige Ermahnung zum Frieden.

Und dann als Abschluß plötzlich Reims, die verwundete, schrecklich mißhandelte Kathedrale, vom Feuer wie ausgelaugt, die Steine angefressen, als ob sie Jahrtausende in der Meerestiefe gelegen hätten, unendlich groß, erschütternd, pathetisch furchtbar, und doch noch überirdisch schön in ihrer Verwüstung! Man sollte das ganze tragische Gebiet zwischen Verdun und Reims zu einem Heiligtum für ganz Europa machen, wo in jedem Jahr Pilgerzüge von allen Enden der Erde zur Verurteilung des Krieges und zur Heiligung des Friedens zusammenströmen könnten, um endlich ihre Andacht vor der großen, verwundeten Kathedrale zu verrichten! Jetzt sind es nur Pilgerzüge von Touristen, vor allem Amerikanern, mit Kodak-Apparaten und einem möglichst vollgepfropften Programm von Sight-Seeing, die wie ein widerliches Geschmeiß diese Landschaft entweihen. Wir, Goertz und ich, sind durch sie mit steigendem Entsetzen und wachsender tragischer Erschütterung mehr geflohen als gefahren. Diese Landschaft, die »Katalaunischen Felder« Attilas, die Landschaft von Valmy (durch das wir passierten), schließlich die Landschaft der Marneschlacht hat ihr Schicksal, das ihr ins Gesicht gegraben ist, erfüllt! Man sollte sie jetzt so besuchen, wie die Griechen ihre furchtbaren mythischen Gestalten in der Tragödie sich vorführen ließen: zur Erschütterung und Reinigung.

Paris. 28. August 1928. Dienstag

Maillol in Marly zum Frühstück nach Paris abgeholt mit Max. Zuerst in den Tuilerien-Garten, um zum soundsovielten Male einen Platz für sein Cézanne-Denkmal zu suchen. Einen ausgezeichneten auf der Terrasse des Jeu de Paume (links vom großen Haupteingang zum Garten) ausgesucht. Zufällig kam gerade der Architekt der Tuilerien hinzu, der dem Platz zustimmte. Maillol war ganz beglückt. Nachher bei Ledoyen in den Champs-Elysées gefrühstückt. Reise Maillols nach London beredet zu seiner Ausstellung. Er macht zur Bedingung, daß entweder ich oder Lucien mitkommen, da ihm das Alleinreisen nicht behagt und seine Frau »toujours de mauvaise humeur« sei und daher als Begleiterin für ihn nicht in Frage komme.

Berlin. 27. September 1928. Donnerstag

Mit Géraud und Wilma nach Potsdam. Sanssouci. Abends mit Wilma, Géraud, Goertz und seiner Braut in die »Dreigroschenoper« von Brecht mit Musik von Weill. Sehr fesselnde Vorstellung, Piscator-haft primitiv und proletarisch aufgemacht (Apachenstil), Weills Musik einschmeichelnd und ausdrucksvoll, die Schauspieler (Harald Paulsen, Rosa Valetti usw.) ausgezeichnet. Es ist das Modestück, immer ausverkauft. Wir trafen Prittwitzens (den Botschafter mit Frau), Herbert Guttmanns usw. »Man muß dagewesen sein.«

Berlin. 30. September 1928. Sonntag

In der heutigen zweiten Morgenausgabe bringt die ›Frankfurter› die letzten beiden Briefe meiner Auseinandersetzung mit Poincaré. Die ersten fünftausend Exemplare meines Rathenau-Buches sind jetzt bis auf rund hundert, wie mir Schmiegel vorgestern mitteilte, verkauft; die neue Auflage ist ausgedruckt und kommt in den nächsten Tagen in den Buchhandel.

Abends Theodor Dreisers Stück ›Ton in des Töpfers Hand› im Renaissance-Theater gesehen. Regie von Härtung, wiedererstandener Brahm, so wie das Stück ein wiedererstandener früher Gerhart Hauptmann ist, allerdings schwächer, sentimentaler und mit amerikanischem Moralin parfümiert, insbesondere im letzten Akt. Aber trotzdem war die Wirkung gewaltig, hauptsächlich des dritten, Gerichtsaktes, wo Frida Richard (die jüdische Mutter) und Hermann Vallentin (der alte jüdische Vater) Leistungen boten, die zum Höchsten gehören, was ich auf der Bühne gesehen habe. Namentlich die Richard als völlig zusammengebrochene, aber verstockt und fast sprachlos die Unschuld ihres Sohnes verteidigende Mutter wird mir immer unvergeßlich bleiben; eine Leistung, die an die erschütterndsten der Duse, Jaccoris, Rossis, Salvinis erinnerte.

London. 4. Oktober 1928. Donnerstag

Eröffnung der Maillol-Ausstellung in der Goupil Gallery (Regent Street). Der französische Botschafter Fleuriau hielt eine kleine Eröffnungsansprache. Ich ließ mich ihm vorstellen und sprach ein paar Minuten mit ihm. Er hat wohl heute zum ersten Mal von Maillol gehört, war aber liebenswürdig und bat mich, falls Maillol käme, es ihn wissen zu lassen, damit er für ihn ein Frühstück gebe. Lord Howard de Waiden, den ich kennenlernte, hatte schon Karten drucken lassen für ein Frühstück heute ›to meet Mr. Aristide Maillol›. Die Ausstellung ist geschmackvoll aufgestellt und macht einen meisterlichen Eindruck. Rothensteins luden mich für morgen zum Essen ein; auch sie möchten Maillol ein Frühstück geben.

London. 5. Oktober 1928. Freitag

Bei Dieckhoffs Tee getrunken. Dieckhoff sagt, daß die Beziehungen zwischen Foreign Office und der Französischen Botschaft die allerintimsten sind, während zu den andren Botschaften, auch der unsrigen, eine viel kühlere Haltung eingenommen wird. Jeder Schritt wird vorher zwischen beiden Regierungen besprochen und verabredet. Irritiert sind die Engländer gegen die Amerikaner. Houghton fühlt sich hier nicht glücklich.

Von Emil Ludwigs Empfang bei Sthamer erzählte er: Ludwig habe sich durch den Diener melden lassen als ›Herr Ludwig ›. Sthamer habe ihn gleich empfangen, ohne zu ahnen, wer er war: »Bitte, Herr Ludwig, nehmen Sie Platz; Sie sind Deutscher, Herr Ludwig?« Ludwig, der eine Anspielung auf sein jüdisches Aussehen wittert: »Jawohl. Ich bin der Verfasser eines Bismarcklebens.« Sthamer, plötzlich im Bilde, mit hocherhobenen Armen: »Ach, herrje!« Ludwig faßt das als eine abfällige Beurteilung seines Buches auf und empfiehlt sich rasch. Sthamer, höchst verlegen und mit sich selbst wegen seiner Ungeschicklichkeit ärgerlich, kann sich nicht dazu bringen, Ludwig einzuladen. Worauf Ludwig in höchster Pikage abdampft.

Tyrrell hat Sthamer zum Trost folgende Anekdote von Ludwig erzählt: Ludwig habe zu Tyrrell das Schwinden der Ehrfurcht im deutschen Volk vor großen Männern beklagt: »Wenn Moltke mit Bismarck über die Linden ging, da hat jeder vor ihnen den Hut gezogen. Aber meinen Sie, daß, wenn ich mit Feuchtwanger über die Linden gehe, jemand vor uns den Hut zieht?«

Paris. 9. Oktober 1928. Dienstag

Abends Giraudoux' ›Siegfried› bei Jouvet in der Comédie des Champs-Elysées. Die deutschen und französischen Figuren schablonenhaft, daher langweilig und auf die Nerven fallend. Man empfindet vor allem, wie schief selbst ein ganz wohlmeinender Franzose auch nur die Äußerlichkeiten des deutschen Lebens sieht; lächerliche Kostüme der ›Deutschen› von 1921! Sie sehen aus wie Possenfiguren aus den sechziger Jahren! Das Maximilianeum und die Propyläen stehen im Gotha! Ludendorff und Walther Rathenau werden im Januar 1921 beide zusammen zu neun Uhr abends zur Audienz bei »Siegfried« bestellt! Die Regie und das Spiel waren, wie neulich im »Napoleon IV.«, miserabel, ebenso drollig veraltet wie die Kostüme der »Deutschen«. Wenn man von London oder Berlin nach Paris in ein Theater kommt, fühlt man sich plötzlich auf ein ganz andres, viel tieferes Niveau versetzt, sozusagen in die »Provinz«, wo noch die Moden und Unarten von vor dreißig Jahren für das Allerneueste gelten.

Paris. 14. Oktober 1928. Sonntag

Vormittags zu Maillol nach Marly hinaus. Fand ihn wieder auf den Beinen, aber er scheint wirklich krank gewesen zu sein. Ich berichtete ihm über die Londoner Ausstellung und die Enttäuschung, die sein Fortbleiben verursacht hatte. Dann skizzierte ich ihm meinen neuen Artikel, daß ich besonders auf die »Weltverbundenheit« seiner Kunst das Gewicht gelegt hätte. Er stimmte laut und energisch zu. Rodins Werke paßten nirgends hin. Sein »Penseur« sehe neben den Bronzen aus dem Park von Versailles, die mit ihm zusammen jetzt bei Maillols Gießer zur Reparatur stehen, nach nichts aus; lauter kleine Einzelheiten, ein schöner Muskel hier und da, aber das Ganze verschwinde neben dieser alten Kunst. Er gab mir auch recht, daß er, im Gegensatz zu Rodin, sich vom neunzehnten Jahrhundert losgesagt und an das achtzehnte wieder angeknüpft habe. »Nous sommes revenus au dix-huitième Siècle.« Später sagte er: »C'est plus difficile à placer une statue, qu'à la faire.«

Paris. 15. Oktober 1928. Montag

Vormittags André Gide in seiner neuen Wohnung 1 Rue Vanneau besucht. Er war mitten im Umzug, empfing mich aber in seiner halb eingerichteten Bibliothek. Ich wollte ihn wegen der Hamlet-Übersetzung sprechen. Er hat den ersten Akt übersetzt, ist dann aber steckengeblieben. Er fragte, was Hauptmann von dem Text hielte. Ich sagte es ihm. »Voyez-vous, c'est ce que j'ai toujours dit, qu'il était profondément corrompu.« Ich skizzierte ihm dann Hauptmanns Umarbeitung. Er sagte aber ziemlich bestimmt nein zu meinem Vorschlag, Hamlet für meine Presse zu Ende zu übersetzen. Er sei so mit Arbeiten im Rückstand, daß er keine neue Arbeit unternehmen könne. So habe er dem ›Forum› in Amerika seinen neuen Roman für das Novemberheft versprochen, ihn aber nicht fertigstellen können, weil er im Sommer vier Monate wie gelähmt gewesen sei, nichts vor sich gebracht habe; das ›Forum› habe ihm aber einen Aufschub abgeschlagen, und er müsse jetzt alles dransetzen, ihn wenn möglich noch zur rechten Zeit zu vollenden.

Gide sagte mir dann, nebenan wohne eine Dame, die sehr wünsche, mich zu sehen. Es war Mme. van Rysselberghe, die ich seit vor dem Kriege nicht gesehen hatte, von der ich aber weiß, daß sie im Kriege zu denen gehört hat, die mich gegen die Angriffe in der französischen Presse tapfer verteidigt haben. Sie empfing mich, als ob wir uns gestern verlassen hätten, erzählte mir vom Tode von Théo und zeigte mir ihre hübsche, kleine Wohnung. Sie ist ganz weiß geworden, aber sonst frisch und unverändert.

Dann Maillol nach unserer Verabredung bei seinem Gießer Rudier in der Rue Olivier de Serres in Vaugirard aufgesucht. Er arbeitete am Gipsausguß seiner Venus: ›bouchait les trous› für den Bronzeguß. Auf dem Hofe standen neben dem ›Penseur› von Rodin Brunnenfiguren aus Versailles, die hier repariert werden. Der ›Penseur› sieht neben diesen festen, klaren, auf weite Sicht eingestellten Formen recht verblasen und klein aus.

Maillol ging mit Rudier und mir um die Figuren herum und meinte: Neulich, als der ›Penseur› auf der Erde gelegen habe, habe man ›des morceaux superbes› gesehen, namentlich Rumpf und Rücken; jetzt, wo er stehe, ›on ne voit plus ces morceaux›, die Arme verdeckten sie. Rodin habe es meisterhaft verstanden, Einzelheiten zu machen, nicht aber, sie zur Geltung zu bringen. Man sollte, fügte er halb im Scherz hinzu, einmal die Arme abschlagen, damit die Herrlichkeiten des Rumpfes zum Vorschein kämen. (Überhaupt haßt Maillol die Arme, auch bei seinen eigenen Figuren: er weiß nichts Rechtes mit ihnen anzufangen. Seine ›Venus› findet er ohne Arme schöner.)

Auf dem Hofe stand auch die ganze Gruppe der ›Bourgeois de Calais›. Sie, ebenso wie der ›Penseur‹, sind von Japan bestellt, vom japanischen Milliardär Matsukata für ein japanisches Museum, dem er sie zum Geschenk machen will. Matsukata ist allerdings inzwischen verkracht, so daß die Figuren hier vorläufig gestrandet sind. Ich fragte Rudier, ob ein jeder denn noch immer Werke von Rodin gießen lassen könne? Rudier sagte, das ›Musée Rodin‹ besitze das Recht dazu und werde aus dem Ertrag der Verkäufe erhalten; man könne jedes Werk von Rodin durch das ›Musée‹ erhalten. Rudier lud Maillol und mich zum Frühstück ein, und wir aßen in einem kleinen, sehr sauberen ›Restaurant Jean‹ zusammen.

Locarno. 17. Oktober 1928. Mittwoch

Bei von der Heydt auf dem Monte Verità gefrühstückt mit Max und Dircksens (aus dem Amt). Das Frühstück litt darunter, daß Dircksens und Heydt, wohl zu meinen Ehren, ihren geistigen Sonntagsstaat angelegt hatten, so daß das Gespräch sich auf einer Ebene bewegte, die jedem eine krampfhaft ›kultivierte‹ Haltung aufzwang. Mit Dircksens dann privatim ein politisches Gespräch, das natürlicher verlief. Mit Heydt über mein Haus in der Hildebrandstraße verhandelt und in den meisten Punkten eine Einigung erzielt.

London. 22. Oktober 1928. Montag

Endlich nachmittags Craig erreicht, zunächst telephonisch, der dann mit seinem Sekretär zu mir ins Hotel kam, freundlich und lächelnd wie immer. Sein Sohn Teddy heiratet morgen hier. Wir sprachen die mißglückten Hamlet-Drucke im einzelnen durch, wobei er mehrere Pflöcke zurücksteckte. Auch kurz über den ›Kaufmann von Venedig‹. Er erzählte, daß er für Amerika Kostümzeichnungen zu einer Macbeth-Aufführung gemacht und dieses ihn sehr erfrischt habe, so daß er mit neuem Mut an die Holzstöcke für den ›Kaufmann‹ zu gehen hoffe; ich solle ihm nur Zeit lassen.

Später kam Eric Gill, der im Umzug nach High Wycombe begriffen ist und sehr übermüdet aussah. Ich machte Gill und Craig miteinander bekannt, und sie tranken beide Tee bei mir. Gill meinte nachher von Craig: »I had expected to find him quite different. Why, he is a charming old boy!« Wobei wie ein ›old‹ boy, wenn man beider Köpfe nebeneinander sah, viel eher Gill aussah, der schon stark ergraut ist und heute schrecklich abgespannt war, während Craig, trotz seiner grauen Haare, noch immer etwas Jugendliches und Knabenhaftes hat. Mit Gill nochmals das ›Hohe Lied‹ besprochen.

Berlin. 25. Oktober 1928. Donnerstag

Abends bei Hugo Simons großes literarisches Diner im Frack: Heinrich Manns, Walter von Molo, Jakob Wassermanns, Rowohlts, der Maler Kardorff mit Frau, Frau Hilferding (ohne Mann) usw. Ich saß zwischen Frau Simon und Frau v. Kardorff, die mir erzählte, daß die Ehe Benvenuto Hauptmann–Schaumburg-Lippe schon auseinander sei! Auf lange Dauer hatte ich sie nie eingeschätzt; aber auf so kurze, noch nicht ein Vierteljahr, auch nicht! Mit Heinrich Mann komme ich nicht weiter; er wirkt auf mich immer wie ein Stockfisch; seine Frau dagegen (Frau Hilferding sagt: ursprünglich Dienstmädchen oder Köchin) ist recht appetitlich, ein etwas üppiger Renoir oder Goya.

Gerhart Hauptmann telegraphiert mir aus Basel: ›Lebe mit Ihrem erschütternden, aufwühlenden, tragisch mächtigen Werk über Walther Rathenau. Drücke Ihnen nur vorläufig im Geiste wieder und wieder die Hand.‹

Berlin. 27. Oktober 1928. Sonnabend

Mit Max in Reinhardts ›Romeo und Julia‹ im Berliner Theater. Eine unbegreifliche Verirrung; aus lauter Geist und Einfällen kommt schließlich eine schlechte Provinz-Darbietung zustande. Palladio-Bühne (Vicenza), Julias Bettstatt auf dem Hof zwischen Wandschirmen, die Balkonszene spielt nach hinten, so daß man Romeos Worte überhaupt nicht, Julias nur ganz undeutlich hört usw. Schauderhaft! Einmal, während Julias Szene mit der Amme, fing das Publikum an, laut zu lachen, was zur Folge hatte, daß die Bergner und die Amme in höchster Erregung und Verwirrung mitten durch den Wandschirm fortstürzten und eine endlose Pause bei verdunkeltem Hause eintrat, wahrscheinlich während irgendein Regisseur hinter der Bühne die Bergner wieder beruhigte. Die Aufnahme war, bis auf eine offenbar bezahlte Claque, die sich äußerst lärmend gebärdete, eisig; nach Schluß entfernte sich das wirkliche Theaterpublikum, alle besseren Plätze, ohne zu klatschen, schweigend. Der junge Lederer und die Bergner sind ein schönes Paar (Lederer auffallend Byron ähnlich), sonst bietet die Aufführung nichts.

Berlin. 29. Oktober 1928. Montag

Mit Max im ›DeutschenTheater‹ Bruckners ›Verbrecher‹. Tendenzstück gegen die Justiz. Hauptmotiv: ›Wir alle sind Verbrecher^ oder, was dasselbe ist, es gibt keine Verbrecher, sondern nur Umstände, ›Milieus‹, die verbrecherische Handlungen erzeugen, wie ein Sumpf Sumpfblumen erzeugt (Rousseaus These). Als Kunstwerk schien das Stück mir in der Nähe von Sudermanns ›Ehre‹ und von Brieux' Tendenzstücken wie ›La Robe Rouge‹ zu stehen, nicht schlechter, aber auch nicht viel besser. Nur die sechsteilige Bühne und das starke Hervorkehren homosexueller Motive verleiht ihm einen Schein von ›Modernität‹. Das Homosexuelle tritt allerdings noch unverhüllter und breiter hervor als in Heinrich Manns ›Bibi‹, und das Publikum nimmt daran nicht den geringsten Anstoß, selbst bei einer der sehr eindeutigen Schlußszenen, wo ein junger, eleganter Mann in seinem ›Boudoir› (so muß man es nach der Ausstattung bezeichnen) einen scheinbar etwa sechzehnjährigen hübschen blonden Knaben auf seinem Schoße herzt und küßt. Für das Theaterpublikum ist diese ganze Frage offenbar schon erledigt, ja kaum noch aktuell. Man nimmt die sexuelle Anziehung zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Knabe als ebenso selbstverständlich und natürlich hin wie die Griechen; allerdings zunächst nur im Theater!

Berlin. 30. Oktober 1928. Dienstag

Abends bei Piscator. Hübsche, helle Wohnung, von Gropius eingerichtet, ›sachlich‹, aber ansprechend, und die Menschen sehen darin gut aus. Ziemlich große Gesellschaft, vierzig bis fünfzig Menschen, Männer und Frauen, die bis nach Mitternacht immer mehr wurden; anscheinend fand die Veranstaltung zu Ehren des russisch-jüdischen Regisseurs Granowsky statt. Viele Schauspieler und Schauspielerinnen.

Brecht kennengelernt. Auffallender Dekadentenkopf, fast schon Verbrecherphysiognomie, sehr dunkel, schwarzes Haar, schwarze Augen, dunkle Haut, ein eigenartig lauernder Gesichtsausdruck: fast der typische Ganove. Aber wenn man mit ihm spricht, taut er auf, wird fast naiv. Ich erzählte ihm, wie es schien, zu seinem größten Vergnügen, d'Annunzio-Anekdoten. Er ist jedenfalls ›ein Kopf‹, wenigstens äußerlich, und nicht unsympathisch (wie Bronnen).

Herzfelde brachte nachher George Grosz und mir gegenüber wieder seine Idee eines nur aus Ausschnitten aus der Wirklichkeit zusammengestellten Films vor. Grosz verhielt sich ablehnend oder mindestens sehr kritisch, meinte: »Das kann als Dokument ganz interessant sein. Aber das Reale genügt mir nicht. Sehen Sie, ich bin sozusagen ein künstlerischer Mensch, ich erstrebe das Märchen. Die Kamera kann allerlei interessante Ausschnitte geben, aber nie die magische Wirkung der Zeichnung erreichen.«

Grosz scheint überhaupt eine starke Wandlung von der Realität fort durchzumachen; er klagte, daß unsere Zeit alles rationalisiere und so gar kein Verständnis für die irrationalen Bedürfnisse des Menschen habe. Was die linksstehenden Kreise, Sozialdemokraten usw. erstrebten, Verbesserung der Lebensverhältnisse der breiten Massen, Hygiene usw., sei einfach selbstverständlich für jeden, der ein Herz habe; aber damit fange es erst an, das sei kein Endziel; und dafür hätten die Leute kein Verständnis.

Berlin, 11. November 1928. Sonntag

Das ›Berliner Tageblatt‹ bringt heute morgen meine Erinnerungen ›Vor dem Sturz der Monarchie‹ als riesigen Leitartikel, der fast die ganzen ersten beiden Seiten ihrer Sonntagsnummer füllt. Die von Ponsonby herausgegebenen Briefe der Kaiserin Friedrich an ihre Mutter gelesen. Trotz allem, was man vom Verhältnis des Kaisers zu seiner Mutter wußte, erweist es sich als noch viel schrecklicher, als man erwarten konnte. Der Kaiser von einer Brutalität, Bösartigkeit, Gemeinheit, Grausamkeit gegen sie, die fast beispiellos sind. Man muß an Tacitus denken, an Nero und Agrippina. Wenn die Zeit es gestattet hätte, wäre der Kaiser vor ihrer Ermordung kaum zurückgeschreckt. Jede neue Publikation macht das Bild dieses Schwächlings, Feiglings, brutalen Strebers und Bramarbas, dieses Hohlkopfs und Aufschneiders, der Deutschland ins Unglück gestürzt hat, noch abstoßender. Nicht ein Zug ist an ihm, der Sympathie oder Mitleid erregen könnte; er ist restlos verächtlich.

Berlin. 13. November 1928. Dienstag

Für die ›Liga für Menschenrechte› abends Vortrag über Rathenau im Reichswirtschaftsrat gehalten. Voll war gar nicht der Ausdruck! Ich konnte selbst nicht an die Garderoben herankommen, und im Saal standen die Leute dicht gedrängt wie die Sardinen. Ich redete fast zwei Stunden, und trotz der erstickenden Hitze war kein Laut zu hören; von Anfang bis zu Ende atemlose Aufmerksamkeit und Stille; und nachher ein Beifall, wie ich ihn selten gehabt habe. Hesnard, der französische Pressechef, war nach Schluß als erster bei mir, um mir zu gratulieren. Nachher drängte sich alles, Quidde, der trotz seiner siebzig Jahre die ganze Zeit stehend ausgeharrt hatte, der polnische Legationssekretär Komarnicki, Magnus Hirschfeld, Kuczynski usw. Es war mir um so erstaunlicher, als ich selbst nicht recht befriedigt war, meinen Vortrag lückenhaft, zum Teil unklar, jedenfalls anders fand, als ich vorgehabt hatte. Aber ich fühlte nach zehn Minuten, daß ich das Publikum irgendwie gepackt hatte. Mein erster öffentlicher Vortrag seit meiner ernsten Krankheit vor dreieinhalb Jahren.

Komarnicki sagte mir nachher, daß mein Pilsudski-Brief in der ›Frankfurter Zeitung› in der ganzen polnischen Presse nachgedruckt worden sei und großes Interesse erregt habe. Ich sagte: er sei nach deutschen Zeitungsnachrichten doch in Polen verboten worden! Komarnicki meinte: nur eine Stelle, die Äußerung Pilsudskis über Westpreußen, sei vielleicht zensuriert worden. Er selbst habe die ›Frankfurter› an seinen Freund Sosnkowski und an Pilsudskis Adjutanten Wek geschickt.

Berlin. 28. November 1928. Mittwoch

Eröffnung der Maillol-Ausstellung. Vormittags sie mit Helene Nostitz, der kleinen Mme. de Margerie, Viénot besichtigt. Nachmittags feierliche Eröffnung. Großer Andrang. Der Botschafter Margerie, viele Künstler, Berliner Gesellschaft usw.

Der Eindruck groß: in der Masse wirkt Maillols Kunst noch weit stärker, als wenn man bloß einzelne Stücke sieht; ganz im Gegensatz zum Eindruck, den sonst die meisten Kollektiv-Ausstellungen machen.

Nachher zu einem Tanztee bei den Roland de Margeries. Gespräch mit Roland de Margerie und Viénot über meinen Briefwechsel mit Poincaré. Roland sagte mir, man habe sich köstlich amüsiert über meinen Einfall, Poincaré durch meinen Sekretär antworten zu lassen. Auf meine Bemerkung, ich hätte ja auch in der Sache recht gehabt, sagte er: »Poincaré hat Ihnen ja auch nicht mehr geantwortet.« Viénot sagte, er sei kürzlich von Poincaré empfangen worden, und dabei sei auch auf diesen Briefwechsel das Gespräch gekommen. Poincaré habe sich zu seiner Überraschung recht milde, pas du tout aigri, darüber geäußert, allerdings daran festgehalten, daß er, und nicht ich, in der Sache recht hätte.

Der belgische Botschaftsrat ließ sich mir vorstellen und sagte: er sei in der fraglichen Zeit Sekretär bei der interalliierten Kommission in Koblenz gewesen. Er könne mir noch eine Menge Material bezeichnen. Natürlich hätte ich in bezug auf Matthes usw., des gens tarés, recht. Aber es seien auch Elemente de bonne foi für die ›Versackung‹ der Rheinlande gewesen, zum Beispiel Jarres. Nachher langes Gespräch mit dem Botschafter Margerie.

Berlin. 3. Dezember 1928. Montag

Abends großes Bank-Essen der Bank Simon. Nach Tisch lernte ich den Bankier Heinrich von Stein aus Köln kennen, der sich als ein alter Bekannter von Papa herausstellte. Er hatte ihn 1893 in New York oft gesehen und sprach sehr liebevoll von ihm: er sei ein Mann gewesen, der keinen Feind gehabt habe.

Berlin. 4. Dezember 1928. Dienstag

Großes Diner bei Hugo Simons. Er hatte sich einen berühmten russischen Koch ausgeborgt, der ein wahrhaft lukullisches Gastmahl nach zaristischen Rezepten auftischte. Wir aßen an drei Tischen zu je etwa zehn Personen, und die Gesellschaft war ebenso merkwürdig wie das Essen: alles, was im Augenblick inmitten der eben aktuellen Skandalaffären steht, war versammelt: Coudenhoves, die eben einen großen Krach in ihrer Pan-Europa-Organisation durchmachen, Meier-Graefe, der in der van-Gogh-Fälschungsaffäre eine Hauptrolle spielt, nicht zum wenigsten Benvenuto Hauptmann, den Sam Fischers uneingeladen mitbrachten und der, etwas abgemagert und mit etwas gezwungener Heiterkeit, aber doch immerhin strahlend und in einer sensationellen weißen Frackweste mit jabotartig vorstehendem Ausschnitt erschien. Ich saß zwischen Hugo Simon, der Gräfin Coudenhove und Frau Meier-Graefe; letztere über die van-Gogh-Affäre ganz taktvoll und leicht hinweggehend, die Gräfin Coudenhove aber während des ganzen Essens nicht locker lassend und immer wieder ihre démêleés mit der ›Ortsgruppe Birnbaum‹ mit Hohn und Spott ins Gespräch werfend. Etwas später kam auch Hilferding, der als Minister auch keine angenehmen Tage hinter sich hat.

Paris. 27. Dezember 1928. Donnerstag

Abends Vorstellung von Diaghilews Ballett in der Oper. Strawinskys ›Rossignol‹ und ›Petruschka‹. Nachher in den Gängen hinter der Bühne, wo ich auf Diaghilew wartete, kommt dieser mit einem kleinen, hageren Jungen in einem zerschlissenen Mantel auf mich zu und sagt: »Kennen Sie ihn nicht?« Ich: »Nein, wirklich, ich kann mich nicht besinnen.« Diaghilew: »Aber es ist doch Nijinski!« Nijinski! Ich war wie vom Donner gerührt. Das Gesicht, das so oft wie das eines Gottes geleuchtet hatte, Tausenden ein unvergeßliches Erlebnis ist, grau, schlaff, leer, nur noch flüchtig von einem verständnislosen Lächeln, einem kurzen Schein wie von einer verflackernden Flamme erleuchtet. Kein Wort kam über seine Lippen. Diaghilew hatte ihn unter einem Arm gefaßt; um die Treppe, drei Etagen, hinunterzugehen, bat er mich, ihn unter den andren Arm zu fassen, weil er, der früher über Häuser springen zu können schien, unsicher, ängstlich von Stufe zu Stufe sich heruntertastet. Ich packte ihn, drückte ihm die dünnen Finger, versuchte ihn durch freundliche Worte zu ermuntern; verständnislos, aber unendlich rührend blickte er mich aus großen Augen wie ein krankes Tier an.

Mühsam, langsam stiegen wir die drei endlosen Etagen hinunter, er schwer auf uns beide sich stützend, bis zu seinem Wagen, in den er, ohne ein Wort gesprochen zu haben, hineingehoben wurde. Ganz stumm setzte er sich zwischen zwei Frauen, die ihn zu betreuen schienen, und fuhr ab. Ob er Petruschka, seine Glanzrolle, erkannt hat, wußte man nicht. Aber Diaghilew sagte, er habe wie ein Kind aus dem Theater nicht wieder fortgewollt. Zum Abschied küßte ihn Diaghilew auf die Stirn. Ich ging nachher noch mit Diaghilew ins Restaurant de la Paix, wo wir mit Karsawina, Misia Sert, Craig, Alfred Savoir bis spät saßen; aber ich war nicht bei der Sache, konnte über dieses Wiedersehen mit Nijinski nicht hinweg.

Ein Mensch, der ausbrennt ... Unfaßbar! Vielleicht noch unfaßbarer, tragischer, wenn ein Verhältnis, eine Leidenschaft zwischen zwei Menschen ausbrennt, nur noch ein leises Aufflackern den hoffnungslosen Leichnam flüchtig erleuchtet.

Paris. 29. Dezember 1928. Sonnabend

Bei Diaghilew gefrühstückt mit Lifar usw. Über mein Ballett. Diaghilew lehnt Weill nach wie vor ab. »II faudra vous trouver un musicien.« Weill schreibe Musik nach Donizetti, nur camoufliert durch die notwendige Anzahl falscher Töne, die sich immer im richtigen Moment einstellten. Von Berlin sprach er mit großer Bewunderung. Als er im Oktober acht Tage da war, habe er abends nie gewußt, wohin, so viel sei in den Theatern los gewesen. Berlin sei die einzige große Stadt, die er nicht habe erobern können. In allen andren Weltstädten habe er Triumphe gefeiert. Aber ›devant Berlin, je suis comme un collégien qui est amoureux d'une grande dame et qui ne trouve pas le mot pour la conquérir‹. Seine Berliner Experimente hätten jedesmal materiell katastrophal geendet mit einem Defizit von hunderttausend bis hundertfünfzigtausend Francs.


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