Josef Kastein
Sabbatai Zewi
Josef Kastein

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Drittes Kapitel

Gemetzel

Während das Leben in seiner nächsten Umgebung sich in Gläubigkeit, aber auch in wachsendem Behagen und Wohlstand ausdehnt und bewegt, verdichten sich in Sabbatai Zewi unmäßige Erwartungen zu einer Spannung sondergleichen. Die kabbalistischen Bücher und Begriffe und Vorschriften haben ihre Schuldigkeit getan. Sie haben ihn zur Bereitschaft geführt. Aber weiter nützen sie in diesem Augenblick nichts. Jetzt braucht er das Geschehen, das Ereignis. Die Welt schuldet ihm den Vorgang, der den aufgespeicherten Sprengstoff zu Entladung und Wirkung bringt. Er verlangt das Unmögliche, weil er es für sich braucht. Geschieht denn nichts in der Welt, was sinnlos, ungewöhnlich und erregend genug ist, daß er es zu sich heranziehen und auf sich selbst als Bestätigung beziehen kann? Doch. Es scheint, als ob dort oben in Europa, in Polen und in der Ukraine, wo die Massen der gelehrten und reichen Juden sitzen, kleine, zuckende, unruhige Bewegungen entstanden wären. Man weiß es von den Spendensammlern, die dort das Geld für die Armen im heiligen Lande zusammenholen. Es sind teils unbestimmte Gerüchte, teils aus dem Zusammenhang gerissene Vorfälle. Da schlägt ein Kosak einen Juden tot, und der polnische Grundherr, der seine Güter von eben diesem Juden verwalten ließ, läßt wiederum den Kosaken totschlagen. Man vernimmt es, vergißt es, legt es zum Übrigen. Nicht so Sabbatai. Er sammelt das Geschehen in sich.

Dann kommt über Konstantinopel eine Nachricht, die im ersten Augenblick kein Mensch so recht begreift: von der Krim aus werden der Gemeinde Konstantinopel fünfhundert Juden zum Kauf angeboten. 46 Was denn? Sind die Zeiten des Sklavenhandels wieder gekommen? Handelt man jetzt nicht nur mit Mohren, sondern auch mit Juden? Nein, nicht so. Es sind Kriegsgefangene. Kriegsgefangene Juden aus Polen und der Ukraine. Aber auch das ist nicht recht zu begreifen. Wo und seit wann führt der Jude Krieg? Krieg führen nur Menschen, die ein eigenes Land haben, oder die zur Seßhaftmachung kein anderes Mittel kennen. Aber der Jude im Galuth will doch nur Raum; kein Land. Er will Existenz; kaum Leben. Er braucht den Frieden, aber nicht den Krieg.

Auf den langen Wegen, die Nachrichten gehen, enthüllt es sich langsam: es ist kein Krieg, den die Juden führen, sondern einer, den der polnische Kleinbauer, verbündet mit Kosaken und Tataren, gegen den Juden führt; und noch präziser: nicht eigentlich gegen den Juden, sondern gegen den polnischen Großgrundbesitz und gegen den Adel. In diesem Konflikt stellt der Jude die Beute dar. Jetzt bietet der Sieger ihn zum Kauf, zur Auslösung an.

Die jüdische Welt beginnt aufzuhorchen. Man weiß sehr bald: es sind nicht nur Juden erbeutet worden. Es werden auch Juden getötet. Es sollen schon an die tausend sein. Man versteht die tieferen Gründe nicht. Braucht auch nicht zu verstehen, denn wenn Juden sterben, straft Gott. Und man braucht nur zu wissen, daß er ein Mittel in Bewegung setzt; nicht, wie er es tut. Aber aus dieser Haltung kommt zugleich eine dumpfe Hilflosigkeit. Man ist ausgeliefert. In die Gebete hinein kommen unablässig neue Nachrichten: es sind zehntausend Juden erschlagen. Von vielen ist das Schicksal noch ungewiß. Es kommen neue Kaufangebote aus der Krim: tausend Juden zu verkaufen, zweitausend, dreitausend. Es sind 47 nicht zehntausend Juden erschlagen, es sind schon dreißigtausend. Und man weiß nicht, wie es weiter gehen wird.

Und eines Tages treten in Blicknähe der westlichen Juden erschreckende Erscheinungen: Flüchtlinge aus dem Osten. Hunderte, Tausende wanken durch die Gassen von Frankfurt, Amsterdam, Livorno, erschreckt, gehetzt, verarmt und abgerissen, das Grauen noch in Miene, Haltung und Gebärde. Sie wollen nicht rasten; sie können nicht rasten. Die Panik sitzt ihnen noch im Nacken. Wer spricht von dreißigtausend Toten? Es sind längst mehr als sechzigtausend. Und auch das wird eine kindliche Zahl, wie die Wochen und die Monate dahingehen, und wie es nicht mehr zweifelhaft sein kann, daß das große Sammelbecken des östlichen Judentums explodiert ist, so vehement, daß es jetzt seine Trümmer über die ganze bewohnte Erde streut. Die letzte hoffnungsreiche Judensiedlung im Galuth zerbricht. Die Trümmer schwimmen im Blut. Hunderttausend Tote. Eine neue Zerstreuung hebt an. Zweihunderttausend Tote. Sie lassen stöhnend die Köpfe sinken. In die Gedankenleere dieser dumpfen Verzweiflung dringt, kaum noch erfaßt und richtig abgeschätzt, eine etwa abschließende Ziffer: dreihunderttausend Tote.

Wo lag der historische Anlaß zu solchem Geschehen? Dort, von wo seit zweitausend Jahren die geschichtsbildenden Anlässe erwachsen: in der Heimatlosigkeit; in jener Situation, in der ein Volk nicht nur sein eigenes Geschick zu erdulden hat, sondern auch das seiner Umgebung. In Polen fand sich die dichteste Judensiedlung der damaligen Welt. Sie war straff nach innen organisiert. Sie verfügte über die schattenhafte Nachahmung einer Gemeinschaft. Sie 48 hatte ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, hatte ihr geistiges Leben, ihre Autorität im religiösen Bezirk, ihre Gerichtsbarkeit. Sie belieferte die jüdische Welt mit Auslegungen der Gesetze und mit Rabbinern. Zu einer Zeit, in der die Entwicklung des jüdischen Geistes verhängnisvoll unterbrochen war, hielt sie den Zersetzungsprozeß durch eine Bewegtheit des Gehirns auf, die die Müdigkeit des Herzens vergessen ließ.

Dabei schien ihnen die Sicherheit ihrer Existenz einigermaßen garantiert. Sie hatten in die Lücken der kaum entwickelten polnischen Wirtschaft so frühzeitig eingegriffen, daß sie sich ohne greifbare und sichtbare Not vermehren konnten. Es ging ihnen im allgemeinen gut. Aber es erfüllte sich an ihnen hier wie überall in der Welt das ökonomische Gesetz, daß sie ihre Stellung nur so lange behaupten konnten, bis ihre Umgebung ihnen in der Erkenntnis des wirtschaftlich Notwendigen gefolgt war. Dann erwies sich ihre Eigenschaft als Fremde: sie wurden bedrängt. So war es jetzt auch in Polen. Die Juden waren Schrittmacher der wirtschaftlichen Entwicklung gewesen. Jetzt standen ihre Schüler ihnen in der wachsenden Organisationsform von Kaufmannsgilden, Handwerkerzünften und städtischen Ständen gegenüber. Es versteht sich, daß auch die katholische Geistlichkeit des Landes, insbesondere die erstarkenden Jesuiten, zu ihren Gegnern und Bedrängern gehörten.

Aber diesen Druck konnten sie einstweilen ohne unmittelbare Gefahr ertragen, denn noch brauchte man sie, noch waren wichtige Instanzen des polnischen Reiches an ihnen interessiert: die Krone und der Adel. Jene, weil der Jude als Ziffer im Haushalt der Regierung überhaupt nicht zu entbehren war; dieser, 49 weil er für die Verwaltung und Ausbeutung seines Großgrundbesitzes einen Verwalter brauchte, der ihm die kostspielige Existenz eines feudalen Nichtstuers sicherte.

So stand also der Jude jetzt schon zwischen erwachendem Bürgertum und Krone und Adel. Darüber hinaus mußte er noch die Spannung aushalten, die sich zwischen Polen und Russen, zwischen Adligen und Leibeigenen, zwischen Städtern und Kleinbauern, zwischen polnischen Katholiken und russischen Orthodoxen ergab, und die fortschreitend zu einer Katastrophe drängte. Der Schauplatz dieser Spannungskämpfe war die Ukraine, das Stromgebiet des Dnjepr und Dnjestr, mit Kiew als Mittelpunkt, Wolhynien und Podolien im Westen und Tschernigow und Poltawa im Osten. Noch nicht hundert Jahre gehörte dieses Gebiet zu Polen, und schon drängten die Zustände zur Entladung. Die polnischen Könige übten politisch eine schrankenlose Macht aus. Der polnische Adel beherrschte das Neuland wirtschaftlich durch seinen Grundbesitz und durch den Umstand, daß alle Bewohner seines Besitzes ihm als Leibeigene zugewiesen waren. Der Pole sah in dem Russen ein fremdes, verächtliches, asiatisches Element. Der Katholik haßte und bekämpfte den griechisch-katholischen Kleinrussen, von dessen Religion er als der Religion der Knechte sprach. Und der Jude war in diese Differenzen, die ihn an sich nichts angingen, dadurch einbezogen, daß sich der Adel vorwiegend seiner zur Verwaltung der Güter bediente, womit er nach außen hin, dem bedrückten Ukrainer gegenüber, als derjenige in die Erscheinung trat, der die tatsächliche Gewalt ausübte. Es verschlug nichts, daß er nur Beauftragter war. Er war Fremder, also verhaßt. Er 50 war ausübendes Organ einer tyrannischen Macht, also doppelt verhaßt. Weil der Adel vom Leibeigenen eine Gebühr für die Benützung der Kirche erhob, mußte er, wenn er etwa heiraten wollte, zum Verwalter, zum Juden gehen und sich gegen Erlegung der Gebühr vom Juden die Kirchentüre aufschließen lassen. Wurden Abgaben nicht gezahlt, die der Grundherr gebieterisch von seinem Verwalter forderte, dann war es der Jude, der dem Leibeigenen die letzte Kuh aus dem Stall holte. Der Herr blieb unsichtbar. Gegen ihn richtete sich der Trieb des Bedrückten zur Auflehnung und Befreiung. Aber gegen den Juden richtete sich das Gelüste nach Marter und Totschlag.

So verdichteten sich unter den gedrückten Ukrainern Losung und Feldgeschrei zu der Formel: »Gegen Panen und Juden.« Eine Organisation, die die Kräfte der einzelnen zusammenfassen und wirksam machen konnte, stand ihnen schon von langen Zeiten her zur Verfügung. Die Nähe der großen, unkontrollierbaren Steppe, die sich bis zur Krim ausdehnte und aus deren Raumfreiheit immer wieder schweifende Stämme, insbesondere Tataren, in das Ackergebiet diesseits der Ströme einbrachen, hatten zur Bildung einer halb militärischen, halb bäuerlichen, auf Verteidigung und Abwehr gerichteten Gemeinschaft, dem Kosakentum geführt. Und jenseits der Stromschnellen des Dnjepr gab es noch Kosakengemeinschaften, die völlig frei und unabhängig waren. In ihnen, den Saporoger Kosaken, sahen die unterdrückten Ukrainer den nationalen Vortrupp, und von ihnen gingen die ersten Erhebungen aus. Entlaufene Leibeigene, Sträflinge und freibeuternde Abenteurer bildeten den gefährlichen Kern. 51

Der erste Versuch wurde schon im Jahre 1637 gemacht. Der Kosakenhäuptling Pawlynk bricht in das Gebiet von Poltawa ein, reißt die Bauern mit sich, verheert das Land, bricht in Lubny und Lochwiza ein, verbrennt katholische Kirchen und Synagogen, tötet katholische Geistliche und Juden. Ein polnisches Heer tritt ihm entgegen. Seine Truppen werden besiegt. Der Aufstand bricht zusammen. Verschärfte Bestimmungen über den Umfang der Leibeigenschaft sind die Folge.

Zehn Jahre später, 1648, wird ein zweiter Versuch gemacht, besser vorbereitet und organisiert, mit einem Hetman an der Spitze, dem persönlich erfahrenes Unrecht die auf Befreiung gerichtete Leidenschaft stärkt: Bogdan Chmelnicky, kurz Chmel genannt. Er hat ein Programm, zu dessen Durchführung er zum heiligen Krieg aufruft. Er erstrebt Ausbreitung des rechten Glaubens, Freiheit der Kosaken und Vernichtung von Panen und Juden. Die ehemaligen Feinde, die Krimer Tataren, werden seine Bundesgenossen. Im April 1648 brechen die verbündeten Heere auf. In zwei großen Schlachten werden die polnischen Truppen vernichtet. Mit einem Schlag ist das ganze östliche Dnjeprland dem Aufruhr ausgeliefert. Die Städte und die jüdischen Gemeinden sind schutzlos preisgegeben. Perejaslaw, Pirjatin, Lochwitza, Lubny werden zerstört, ausgeplündert, entvölkert. Es bleibt nur leben, wer seinen Übertritt zum orthodoxen Glauben erklärt.

Diese Erfolge machen Mut. Der Aufstand greift auf das Gebiet von Kiew über. Eine Welle von Schrecken und Blut geht über das Land. Im Mai 1648 stirbt Wladislaw IV. von Polen. Damit wird dem Widerstand jede Führung und Organisation 52 genommen. Wolhynien und Podolien werden in den Aufstand einbezogen. Die Juden räumen das flache Land und suchen Zuflucht in den festen Städten. Sie fallen teils durch List der Kosaken, teils durch Verrat der Polen, die sich durch Preisgabe der Juden Schonung erkaufen wollen und dann doch niedergemacht werden. So fällt Nemirow durch List, so fällt Tulczyn durch Verrat, so Bar trotz gemeinsamer Verteidigung durch Polen und Juden vor der Übermacht. Auch Polonnoje fällt durch Verrat. 12.000 Juden hatten sich dorthin geflüchtet. Wer nicht in die Gefangenschaft der Tataren gerät oder sich taufen läßt, wird getötet. Wilder und verzweifelter wird die Flucht. Ostrog, Saslawl, Dubno nehmen zu kurzer Rast an die fünfzigtausend flüchtige Juden auf. Die Landstraßen sind buchstäblich übersät mit Wagen, Gegenständen, maroden Menschen. Was sich in Städten oder auf der freien Landstraße noch erreichen läßt, wird getötet. In Konstantinow wird gemetzelt. Heeresgruppen trennen sich ab und betätigen sich in Litauen und Weißrußland. Reste der flüchtigen Gemeinden von Pinsk, Brest, Tschernigow, Starodub werden vernichtet. In Homel wird ganze Arbeit geleistet. Zamosc, Lublin, Narol, Tomaszow, Szczebreszin und viele, viele andere Städte bereichern den Katalog eines Mordens, das kaum in der Geschichte seinesgleichen hat.

Denn hier wurde nicht nur Krieg geführt. Hier wurden Leidenschaften ausgetragen und Triebe des Blutes zutiefst und hemmungslos befriedigt. Religiöses Bestreben und tierischer Blutdurst treffen sich da in einer erschreckenden Wiederholung anderen historischen Geschehens. Kein Dekalog, kein Gebot des Nichttötensollens hindert den Orthodoxen, den 53 Gegner vor die Alternative: Bekehrung oder Tod zu stellen. Hin und wieder hatten die Kosaken mit solcher Alternative wenigstens einen augenblicklichen Erfolg. Es traten hier und da Juden zu ihrem Glauben über, um ihr Leben zu retten. Aber an den meisten Orten trafen sie auf einen Heroismus der Ablehnung und der Standhaftigkeit, den sie, hätte er sich in ihren Reihen ereignet, als höchstes Heldentum durch alle Traditionen hin gefeiert und besungen hätten, der aber, von diesen elenden und verachteten Juden aufgebracht, nur durch Mord beantwortet werden konnte. Die Geschichte und das Schicksal der Juden haben einen besonderen Begriff entstehen lassen, den Kiddusch haschem, das bedeutet: die Heiligung des göttlichen Namens, das Besiegeln der Treue zu ihrem Gott durch das Erdulden von Marter und Sterben. Auch andere Völker haben Märtyrer. Keinem aber ward das Schicksal, für zwei Jahrtausende das Martyrium zum Bestandteil ihres Lebens und ihrer Geschichte erheben zu müssen.

So kommen Ereignisse wie diese zustande: in Nemirow stellt der Hetman Ganja an die Juden das Ansinnen, seinen Glauben anzunehmen. Der Leiter des jüdischen Lehrhauses Jechiel-Michel ben Elieser dagegen ruft seine Gemeinde zum Kiddusch haschem auf. Am 10. Juni 1648 nehmen an die 6000 Juden den Märtyrertod auf sich.

Tulczyn in Podolien wird von dem Ataman Kriwonoß besetzt. Er läßt die Juden auf einen freien Platz zusammentreiben und fordert Bekehrung. Sie lehnen ab. 15.000 Juden lassen sich töten.

In Polonnoje hat die Flucht mehr als zehntausend Juden zusammengetrieben. Sie sind schon zermürbt, und einige greifen zur Bekehrung. Aber die 54 überwiegend größte Zahl erkennt die Treue als verbindlicher an und wählt den Tod. In Ostropol sammelt der Kabbalist Simson dreihundert seiner Getreuen in Sterbemänteln um sich in der Synagoge und beantwortet den Übertritt durch Gebete. Sie werden im Gebet getötet.

In Homel will Chmelnicky selbst die Eroberung für seinen Glauben machen. Das geistliche Oberhaupt der Juden, Rabbi Elieser, braucht nur zu mahnen: »Gedenket, Brüder, des Todes unserer Stammesgenossen, die sich um der Heiligkeit des Namens willen geopfert haben.« Das genügt. Die Juden bitten einander um Vergebung und überantworten ihre Seele Gott. Dann werden mehr als 2000 erschlagen.

Und es ist kein leichtes Sterben, das ihnen da beschieden ist. Wohl denen, die in die Hände der berüchtigten Tataren fallen. Denen geschieht nichts. Die Tataren machen nur Gefangene und verkaufen sie an die Juden in der übrigen Welt. Ganze Gemeinden ziehen den Tataren entgegen, um sich freiwillig in ihre Gefangenschaft zu begeben. Wer dem Kosaken begegnet, hat nichts mehr zu hoffen. Ein getreuer, zu peinlich auf die Einzelheit bedachter Chronist, Nathan Hannover, vermerkt aus der Fülle dessen, was er gesehen, Dinge wie diese: »Den einen zogen die Kosaken die Haut ab, um das Fleisch den Hunden vorzuwerfen. Den anderen brachten sie schwere Wunden bei, ohne ihnen jedoch den Gnadenstoß zu versetzen, und warfen sie sodann auf die Straße hinaus, um ihre Todesqual zu verlängern. Andere wieder wurden bei lebendigem Leibe begraben. Sie erdolchten Säuglinge in den Armen der Mütter und rissen viele wie einen Fisch in Stücke. Schwangeren Frauen schlitzte man den Bauch auf, 55 riß die Frucht aus dem Leibe und schleuderte sie der Mutter ins Gesicht. Anderen preßte man lebende Katzen in den Leib hinein, nähte ihn dann wieder zu und hieb den Unglücklichen die Arme ab, damit sie sich nicht helfen könnten. Säuglinge wurden auf der Brust ihrer Mütter aufgehängt. Manche wurden auf Lanzen aufgespießt, gebraten und den Müttern gereicht, damit sie ihr Fleisch kosten mögen. Mitunter warf man Haufen jüdischer Kinder ins Wasser, um die Furten zu ebnen . . .«

Neben diesen nervenverzehrenden Feststellungen gehen die kleinen Berichte von der Eschet chajil, der heldenhaften Frau. Da hat ein Kosak ein schönes Judenmädchen aufgefangen und will sie zu seiner Frau machen. Sie scherzt mit ihm und verrät ihm, daß sie gegen Kugeln gefeit sei. So erreicht sie, daß er auf sie schießt und sie tötet. Eine andere, die ein Kosak zur Ehe zwingen will, ist unter der Bedingung einverstanden, daß sie in der Kirche jenseits des Flusses getraut werden. Auf dem Wege dorthin springt sie von der Brücke in den Fluß.

Aber das Heldentum der einzelnen und der Tausende vermag nicht die Lähmung zu beheben, die die jüdische Welt angesichts dieser Gemetzel ankriecht. Acht Monate hat die Sturmflut gedauert, von April bis November 1648. Keine Kreuzzüge, keine schwarze Pest haben so unter den Juden gewütet. Was diese Menschen aus der Not und der Ungunst des Alltags gesündigt haben, haben sie so tief und teuer bezahlt, wie es sonst in der Welt nicht Brauch ist.

Die ganze jüdische Welt hält den Atem an. Noch ist dieses Unglück nicht voll begriffen. Zu schnell und turbulent war der Ablauf, zu plötzlich alle 56 Verbindungen unterbrochen, als daß sich ein umfassendes Bild hätte gestalten können. In dieses schweigende Erwarten dringen jetzt Erscheinungen und Rufe, Menschen und Schriften. Da sind die Flüchtlinge in den jüdischen Zentren Westeuropas und der Türkei. Da ziehen, wie sonst für die Armen in Palästina, jetzt Sendboten durch das Land und veranstalten Kollekten zum Loskauf derer, die in Gefangenschaft der Tataren geraten sind. Sie sammeln in Ismir, Saloniki, Konstantinopel, Venedig, Livorno, Hamburg, Amsterdam, Frankfurt. Männer von Gelehrsamkeit und Autorität unterziehen sich diesem Hilfswerk. Von Konstantinopel aus leitet es der angesehene David de Carcassoni. Er macht sich selbst auf die Reise nach Venedig, mit Berichten und Dokumenten versehen. Von dort bekommt er Empfehlungsschreiben an Saul Morteira, den Rabbiner der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam. Wohin er kommt, findet er das gleiche Bild: nichts interessiert die Juden mehr, als allein die bange Frage nach dem Sinn und Ausmaß dieses Geschehens. Ihre Geschichte hat ihnen eine besondere Denkform vermittelt. Sie begreifen weder wirtschaftliche Zusammenhänge, noch die politische, religiöse und rassenmäßige Spannung, aus der heraus das polnische Judentum zwischen Hammer und Amboß geraten mußte. Sie haben es mit der Auswirkung auf ihre eigene Geschichte zu tun, und da ist die Auslegung eindeutig: ihr letztes Zentrum in der Diaspora ist zerstört. Zu den zahllosen Zerstreuungen, in denen ihr Schicksal ablief, ist eine neue hinzugefügt, verbunden mit dem Sterben von Hunderttausenden, vermehrt um eine maßlose Not und Verelendung der Überlebenden. Es ist der augenfällige, blutige Beweis geliefert, 57 daß die Kette ihrer Leiden noch nicht beendet ist. Wenn aber das Leid in einem Volke zu einer ständigen Begleiterscheinung wird, so bekommt es auch seinen vertieften Sinn. Es muß einen vertieften Sinn bekommen, wenn es ein Volk nicht stumpf und gefühllos machen soll. Hier setzt der Sinn ihre Geschichte in der Zerstreuung fort: alles Leiden dient der Prüfung und der Läuterung. Alles Leiden ist die Vorstufe ihrer endlichen Erlösung. An diese Erlösung glauben sie schon 1600 Jahre lang. Immer dachten sie, jetzt sei es genug; jetzt würden sie für reif befunden. Und doch war es immer noch nicht genug. Immer noch gab es eine Fortsetzung. Diesesmal aber revoltiert die jüdische Seele tief von innen heraus. Es geht ein gewaltiges, schmerzliches Sichauflehnen durch die Geister; ein hemmungsloser, begehrender Schrei durch die Gemüter, der gegen den himmlischen Thron anrennt: dieses Mal muß es genug sein! Es kann nichts mehr kommen, als die Erlösung. Wenn dieses Leid nicht diesen Sinn hat, so trägt es überhaupt keinen Sinn. Dann ist es sinnlose Grausamkeit, sinnwidriges Schicksal, ein gedankenloses Verworfensein und Vergessenwerden von Gott. Und da sie wieder das nicht glauben können, da es doch die Grundlagen ihres Lebens annagt, kehren sie mit einem unendlichen Willen zum Leben und zur Erfüllung ihrer Sendung wieder zur Hoffnung zurück: es sind die letzten, die endgültigen Schläge des Schicksals gewesen. Da diese gequälten Seelen nicht die Vorstellung einer neuen Zerstreuung ertragen, begreifen sie sie nur als den Beginn der Sammlung.

Dieser Gedanke an die endgültige Erlösung erfuhr durch die polnischen Gemetzel nicht etwa den entscheidenden Anstoß, sondern nur die entscheidende 58 Vermehrung. Die Vorgänge in Polen gaben dem latenten Messianismus nur eine schaurige Aktualität. Aber auch der latente Messianismus war zu jener Zeit mit ungewöhnlicher Spannung geladen. Man befand sich doch in dem Jahre, das nach vielen Arten der Auslegung, aus vielen Quellen der geheimnisvollen Ausdeutung als das messianische Jahr erkannt und berechnet war: 1648. Die Tage des Messias sollten doch anbrechen! Und was war statt dessen geschehen? Es klagt der Krakauer Rabbiner Lippman Heller in der Vorrede zu einer Elegie: »Im Jahre 408 (1648), dem wir alle als einem Garten göttlicher Pracht, als der Zeit der Rückkehr Israels in seine Heimat entgegen sahen, wurde mein Blut in Strömen vergossen.« Der Posener Rabbiner Scheftel Horowitz fragt in Empörung und Erschütterung seinen Gott, ob er es etwa mit Absicht habe geschehen lassen, daß das größte Gemetzel sich im Monat Siwan zugetragen habe, in eben jenem Monat, in dem die Juden die Thora empfangen haben. Auch er klagt um die Verheißung: »Im Jahre 408, da ich meine Freiheit wieder zu erlangen hoffte, taten sich die Missetäter zusammen, um Dein Volk auszurotten.«

So geht diese vorwurfsvolle Klage durch viele Lieder und Bußgebete, durch Kinnoth und Selichoth, so gehen sie in die Reihenfolge der Gebete über, so verbindet sich von neuem das Leid mit der Liturgie, so werden morgen Kinder im frühesten Alter beten und lernen, um wieviel an Schmerz und Hoffnung ihre Geschichte über Nacht bereichert worden ist, so wird die Gegenwärtigkeit ihrer Vergangenheit wieder bestätigt, und aus der Trauer um den Verlust des Zentrums der Gelehrsamkeit ringt sich ein böses 59 Wortspiel. Aus Polonia wird: po lon jah. Hier ruhte Gott.

Der latente Messianismus ist an dem Punkte angelangt, in dem die Theorie ihre Grenzen sprengt und der Gedanke bereit ist, sich in die Wirklichkeit des Daseins zu begeben. Sie sind entschlossen, dieses grauenhafte Jahr als den Beginn des messianischen Jahres zu wollen. Auf das Titelblatt seiner Chronik Jewen Mezula, der tiefste Abgrund, schreibt Nathan Hannover die Worte: Bi' schnath biath ha'moschiach, im Jahre der Ankunft des Messias. Und er entdeckt, daß der Name des großen Peinigers Chmel nur eine Abkürzung ist für die Worte: Cheble moschiach jabo le'olam, Geburtswehen der Welt, die den Messias gebärt. Und Cheble moschiach ist das, wovon die jüdische Mystik schon seit langem zu berichten weiß, und wenn es andere nicht entdeckt haben, so enthüllt es jetzt Rabbi Ephraim aus Wreschen: dieses Wort hat den Zahlwert des Jahres 1648.

So wollen sie mit allen Fasern ihrer Seele den Messias.

Dieses Wollen tastet nun den Raum des Möglichen ab. Sie haben nur eine Möglichkeit: den Angriff auf Gott. Es gibt eine Möglichkeit, näher zu Gott zu kommen, ein Mehr an Würdigkeit und Anspruch zu erringen. Es gibt eine Stufe der Selbsterziehung, der Selbsterläuterung und der Heiligkeit. Die Kabbala hat ihnen die Wege gewiesen. Was in Safed, der Hochburg des Kabbalismus, ihre leidenschaftlichen Vertreter Ari und Vital gelehrt, geträumt und geweissagt haben, bleibt nicht mehr nur auf den Bezirk des Orients beschränkt. Es erobert Schritt für Schritt die jüdische Welt. Die innere und äußere Not hat den Juden reif gemacht für Lehre und 60 Verheißung der Kabbala. Sie wird eine Waffe in ihrer Hand zum Angriff auf ihren Gott. Sie fasten, büßen, kasteien sich, läutern und reinigen sich. Sie tun es längst nicht mehr um ihres persönlichen Vorteils, um ihrer individuellen Erlösung willen. Sie denken dabei an das ganze Volk, an die Gesamtheit. Der Messias soll kommen. Sie wollen ihm den Weg ebnen. Sie beten aus Synagogen und Stuben und von den Gräbern ihrer großen Vorfahren her, Tag und Nacht, aus allen Teilen der Welt, unablässig, mit einer gesteigerten, ekstatischen Hartnäckigkeit. Sie haben den Generalangriff auf Gott begonnen. Er muß nachgeben! – Was hier im Bezirk der Wirklichkeit und des Ekstatischen geschieht, ist für viele erschreckend neu, für manche wohl bekannt, aber für einen Menschen erhofft, erwartet, ersehnt, mit aller Inbrunst herbei gewünscht: für Sabbatai Zewi. Nicht, daß er auf das Elend seines Volkes wartet. Aber da doch die Welt auf einen Messias wartet, kann es nicht anders sein, als daß ihr das Leid geschieht, das ihr vor dem Kommen des Messias geschehen muß. Daß es aber so kommen würde, so wirklich, so völlig als Not des nackten Leibes und nicht nur der Seele, daß es so massenweise und brutal auftreten würde, konnte auch er nicht erwarten. Das verschiebt seine ganz auf Idee, auf Spekulation und Seele gestimmte Haltung auf das entscheidendste. Was nützt hier die Verheißung einer Vereinigung mit Gott, wenn überall Menschen unterwegs sind, die nirgends zur Ruhe kommen können? Für die Toten und die Verschmachteten braucht man keinen Himmel einzurennen. Es genügt ein Stück Erde für die Lebenden. Die Seelen erlösen? Ja. Aber erst das Volk erlösen. Jeden Tag sieht er die flüchtenden und die losgekauften Menschen. 61 Unablässig finden neue Berichte den Weg in das Handelszentrum Ismir. Immer neue Schriften mit Berichten von grauenhaften Einzelheiten werden gedruckt und verbreitet. Von Gemeinde zu Gemeinde in der Welt gehen Nachrichten von Bußwerk und messianischer Hoffnung.

Es schlägt alles in ihm und über ihm zusammen. Kann man da nicht helfen? Muß man da nicht helfen? Wie darf man hier schweigen, da doch alles Geschehen und alles übervolle Leid sehnsüchtig sich hinwendet zu jenen Verheißungen, die sein tägliches Denken und Bemühen sind? Was nützt ihm aller Glaube, er stände als Mensch besonderer Begnadung inmitten der geheimnisvollen Erkenntnisse, die auf die Erlösung gehen, wenn er nicht imstande ist, daraus den Schluß zu ziehen und zu antworten: ich weiß, wie euch zu helfen ist? Zwar die Idee, die er bislang begriffen hat, war nicht auf so viel Wirklichkeit gerichtet. An die Seelen hat er gedacht, an ihren mystischen, religiösen Bezirk. Aber jetzt kommen Menschen, die aus wirklichen körperlichen Wunden bluten, und rufen nach Erlösung, weil sie nicht wollen, daß man sie ewig der feindlichen Welt aussetzt und sie alle, alle totschlägt. Der mystische Messianismus ist mit der realen Not des Tages durchtränkt und zu einem politischen, zu einem nationalen geworden.

Er sieht endlich ein, daß man diese beiden Formen der Erlösung nicht trennen könne, daß man sie als eine Einheit nehmen müsse. Aber indem er das begreift, bleibt ihm die Prüfung nicht erspart, was er über das Begreifen hinaus hier tun kann. Muß er selbst etwas dabei tun? Er muß. Er begreift sich nicht mehr anders denn als Mensch, der vom 62 Geschick in den Vordergrund der Dinge gestellt ist. Er steht schon zu lange und zu brennend dort, um noch einer aus der Masse sein zu können. Wenn bis heute alles dazu gedient hat, ihn zu isolieren, ihn bedeutsam zu machen, ihn seine Sonderstellung erkennen zu lassen, warum sollte denn allein dieses entscheidende Geschehen nicht dazu dienen? Die Zeit schreit. Vielleicht ist der Ruf an ihn gerichtet. – Er wird noch einsamer und verschlossener. Er kriecht in sich hinein und sucht den Zusammenhang zwischen sich und dem Geschehen. Vor seinen Ohren sind die Rufe um Erlösung. Sie gewinnen in der Einsamkeit verpflichtende Kraft. Immer muß doch ein Mensch in der Zeit sein, welcher antwortet. Er, Sabbatai, könnte es sein, wenn es genügte, daß Menschen nach einem Messias rufen. Es darf aber nur antworten, wen Gott zum Messias ernannt hat. Daß die Zeit und alles Geschehen in der Zeit übermächtig nach ihm rufen, ist ihm bald nicht mehr zweifelhaft. Aber das Recht zur Antwort ist ihm noch nicht gegeben. Nichts und niemand hat ihn befugt. Er ist ein Anwärter auf das Amt des Messias aus eigenem Recht. Niemand sagt zu ihm: Du bist es!

Er beginnt, vorsichtig seine Schüler zu befragen, welchen Rang in der Welt und in der Zeit sie ihm wohl zuerkennen mögen. Er fragt wie der Messias aus Galiläa: »Wer glaubt Ihr, daß ich sei?« Und sie erkennen ihm jeden Rang der Gelehrsamkeit und Weisheit und Heiligkeit zu. Aber keiner sagt: »Du bist der Messias.« Das erschüttert und erschreckt ihn tief. Alle Dinge und Ereignisse haben ihn bisher bestätigt. Jetzt bleibt die Bestätigung aus. Er versucht es auf anderem Wege. Wenn er aus den Verlorenheiten seiner Gebete zu seinen Freunden 63 zurückfindet, wie wenn er aus einer Wolke zur Erde hernieder stiege, fragt er sie: »Habt Ihr gesehen, daß ich gleich dem Messias in der Verheißung des Jesaja auf Wolken einhergefahren bin?« Sie schweigen erschreckt und verneinen, aber sie gewöhnen sich an seine Berichte, Fragen und Auslegungen. Wenn er bei den nächtlichen Spaziergängen Lichter sieht, die auf ihn zukommen, oder geheimnisvolle Stimmen vom Meere hört, die auf ihn einreden, sehen auch sie das Licht und hören die Stimmen. Wenn er ihnen die neuesten Berichte aus aller Welt vermittelt, geschüttelt von Entsetzen und Mitleid und dem gehüteten Geheimnis des Anrufes, glauben sie ihm, wenn er den Vers des Jesaja auf sich bezieht: »In meinem Herzen ist der Tag der Ahndung angebrochen, und das Jahr meiner Erlösung ist gekommen.«

Während er sie Schritt für Schritt leitet, ihm zu vertrauen und ihm dereinst das noch Verhüllte zu glauben, gängelt er gleichzeitig sich selbst an seiner übergroßen Bereitschaft, sich als Messias anrufen zu lassen. Bald ist da keine Grenze mehr zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Für ihn steht schon alles Kommende so fest, daß man es getrost vorweg nehmen darf. Er ist wie ein Mensch, der schon heute über einen Gegenstand verfügt, den man ihm selbst morgen erst schenken soll. Er glaubt, daß er es darf. Sein Vertrauen zu dem, was er erwartet, ist blind. Daß er aber ungewöhnliche Verantwortung auf sich lädt, bedenkt er nicht. Aus solcher Haltung wächst der Verbrecher aus Unterlassung, nicht aus Tat. –

So muß es kommen, daß er sich eines Tages, noch im Ablauf des Jahres 1648, seinen engsten Freunden nach vielen Andeutungen und geheimnisvollen Auslegungen als Messias bekennt. Und Schweigen verlangt. 64

Sie erschrecken nicht mehr. Ihre Gläubigkeit und Bereitwilligkeit ist sehr groß. Sie erkennen ihn an. Da sie als erste der Offenbarung gewürdigt worden sind, ist ihre Anhänglichkeit ohne Grenzen. Sie bilden seine erste verborgene Gemeinde.

 


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