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Kascherat

Die Sommerferien standen vor der Tür, die uns alle aufs Land führen sollten, und ich suchte eine zuverlässige Persönlichkeit, der ich für diese Zeit meine Wohnung anvertrauen konnte.

Da wird eines Tages bei mir geklingelt, und als ich öffne, steht ein alter, gebückter Mann vor mir. Er zieht sein Mützchen vom Kopf und grüßt mich; ich blicke in ein freundliches Gesicht, von weißen Locken umrahmt, blaue, klare Kinderaugen schauen mich mit einem Blick an, der mir das Herz ganz warm macht.

»Sie suchen jemand für den Sommer,« sagt er leise, »würden Sie mich wohl in Ihr Haus nehmen? Ich habe gute Zeugnisse und würde Ihnen treu dienen.«

Ich bitte ihn ins Zimmer, und er erzählt mir seine Lebensgeschichte. Er ist Ausländer, Reichsdeutscher, sein Name ist Kascherat. Er kennt Deutschland gar nicht, denn er hat sein ganzes Leben in Riga verbracht; Frau und Kinder sind tot, er hat niemand in der ganzen, weiten Welt, zu dem er gehört.

»Das Armsein ist schwer,« sagt er, »noch schwerer aber ist das Einsamsein. Ich warte schon so lange auf meines Herrn Ruf, aber noch darf ich nicht kommen, geduldig warten müssen ist oft hart.«

Ich zeige ihm meine Wohnung, und wir besprechen seinen baldigen Einzug.

»Die ersten vierzehn Tage,« sage ich ihm, »bleibe ich noch hier, dann müssen Sie allein sein.«

Er sieht sich voll Eifer alles an.

»Ich bin Diener gewesen,« sagt er ein wenig stolz, »ich kann das Fräulein gut bedienen.«

Am andern Tage zog er mit seinem bescheidenen Gepäck bei mir ein, es war eine merkwürdige Atmosphäre von Frieden und Stille, die er mit sich brachte. Ich hatte ihm einen Lehnstuhl in die Küche gestellt, was ihn sehr erfreute; da saß er oft mit seiner alten Bibel auf den Knien. Wenn ich mich zu ihm setzte, ging sein Herz auf, und er erzählte von seinem Leben, das sturmlos, voll treuer Arbeit und Liebe gewesen war. Wenn er von seiner Frau sprach, die vor wenig Jahren gestorben war, wurde er immer bewegt; der Tod zweier erwachsener Kinder hatte ihr das Herz gebrochen.

»Das hat sie getroffen, von da an war sie geschlagen, nicht einmal die Liebe zu mir konnte sie noch auf der Erde halten; sie wollte fort, und ich mußte sie ziehen lassen. Aber seitdem ist mein Leben auch zu Ende, das Alter hat mich plötzlich gefaßt. Ach, was wird wohl aus mir einmal werden, ich habe niemand, der mir die Augen zudrückt, und verdienen kann ich auch nichts mehr. Die Leute, bei denen ich bis jetzt gelebt habe, sind ja gut, aber sie wollen mich loswerden; ich glaube, sie haben Angst, ich könnte bei ihnen krank werden und sterben, das kann ich ihnen nicht übelnehmen. Aber wenn ich im Herbst von Ihnen fort muß, was wird dann aus mir?«

Dabei zog er ein großes blaues Taschentuch aus der Tasche und fing an leise zu weinen. Ich faßte seine alte, verarbeitete Hand und tröstete ihn.

»Sie kennen das Wort vom Sperling, der nicht vom Dach fallen darf ohne Gottes Willen? Das ist doch ein Trostwort, nicht wahr?«

Er trocknete seine Tränen.

»Das ist ein wahres Wort, das habe ich oft erlebt, und ich will mich nicht fürchten, sondern auf Gott vertrauen. Das Fräulein muß mir nur mehr Arbeit geben, sonst komme ich auf ganz dumme Gedanken.«

Er hatte sich allmählich allerlei kleine Arbeiten im Hause ausgebeten; ganz besonders liebte er meine Blumen, deren Pflege er übernahm.

»Blumen sind wie Kinder,« sagte er einmal, »man muß sie verstehen in dem, was sie brauchen; es ist nicht immer ganz leicht, aber wenn man sie liebt, lernt man ihre Sprache.«

Er holte seine alten Dienerkünste hervor, bediente bei Tisch und ließ es sich nicht nehmen, die Zimmer zu räumen. Meine Freunde waren begeistert.

»Du mußt ihn behalten,« sagten sie, »er paßt zu dir und gibt deinem Hause einen vornehmen Anstrich.«

Eines Tages kam ich dazu, wie er in der Küche die Messer und Gabeln putzte. Was sahen meine Augen? Er rieb eifrig daran herum, und dazwischen spuckte er darauf. Voll Entsetzen sah ich ihm zu.

»Kascherat,« sagte ich endlich, »haben Sie immer aufs Silberzeug beim Polieren gespuckt?«

Er blickte von seiner Arbeit auf, ganz rot vor Eifer.

»Jawohl, Fräulein,« sagte er freundlich, »ich weiß nicht, was im Spuck ist, aber das Silberzeug wird ganz besonders blank dadurch.«

Ich kämpfte eine Weile, ob ich es ihm verbieten müßte, ich fürchtete, ihm weh zu tun, aber mit diesen Messern und Gabeln weiterzuessen war unmöglich, es mußte gesagt sein.

»Kascherat,« sagte ich zögernd, »ich habe eine Bitte. Ihr Silberzeug ist so wunderbar blank, aber es wird gewiß ebenso schön sein, wenn Sie das Pulver mit Wasser anfeuchten.«

Er sah mich mit seinen klaren Augen an.

»Wasser ist lange nicht so gut,« sagte er entschieden, »aber wenn das Fräulein es so wünscht, werde ich gehorchen.«

Dann kam der Tag meiner Abreise, ich fuhr ruhigen Herzens fort, wußte ich doch meine Wohnung in bester Hut. Als ich nach einigen Monaten wiederkehrte, fand ich alles in tadelloser Ordnung und den Alten froh und dankbar für den schönen Sommer, den er gehabt hatte.

Einige Tage lebten wir so friedlich wie vor meiner Abreise miteinander, doch wurde mir das Herz immer schwerer um ihn. Ich konnte ihn nicht behalten, denn mit dem Anfang des Semesters kehrten meine Hausgenossen alle zu mir zurück, das Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt, ich hatte keinen Raum mehr für den Alten. Und es wurde allmählich eine große und schwere Sorge für mich, wohin mit ihm. Auch seine Angst und Ratlosigkeit wuchsen.

»Was wird aus mir?« sagte er immer wieder, »wird Gott mich denn wirklich verlassen haben, muß ich auf der Straße sterben, denn ich kann doch nichts mehr verdienen!«

Mitten in diese Sorgen hinein erfuhr ich von einem Heim, das außerhalb der Stadt für Reichsdeutsche gegründet war. Ich wandte mich an eine Bekannte, die zur reichsdeutschen Verwaltung Verbindung hatte, und schilderte ihr mit so glühenden Farben meinen alten Schützling, daß sie voller Begeisterung versprach, alles zu tun, um ihn im Heim unterzubringen. Und eines Tages kam sie strahlend mit der Nachricht, mein altes Sorgenkind sollte dort aufgenommen und bis zu seinem Tode verpflegt werden.

Sie fuhr mit dem Alten hinaus, um ihn im Heim vorzustellen. Ich dachte, er würde selig sein bei seiner Rückkehr, aber er war vollständig gedrückt und zerschlagen.

»Ach, Fräulein,« sagte er geängstet, als ich nach dem Grund seiner Trauer fragte, »da ist man ja vollständig eingesperrt wie im Gefängnis. Eine hohe Mauer zieht sich um das Haus und um den Garten, und die Mauer hat nur ein Tor, das immer verschlossen ist. Man kann nie heraus, wenn man will; soll ich da wie ein gefangener Vogel sterben?«

Ich versuchte ihn zu trösten, das Haus sei wirklich kein Gefängnis, und jeder bekäme die Erlaubnis, aus dem Hause herauszukommen, die Mauer sei ja nur ein Schutz. Aber er ließ sich nicht trösten, wir packten seine Sachen, und er fuhr still und ergeben, aber ganz ohne Freudigkeit, in sein neues Heim.

Nach einigen Wochen besuchte er mich, strahlend froh begrüßte er mich, er war ganz verjüngt und konnte gar nicht genug erzählen, wie wunderschön er es hätte, wie gut alle zu ihm seien, wie sonnig sein Zimmerchen und wie schön der Garten wäre!

»Nun, und die Mauer?« fragte ich lächelnd, »ist sie so schlimm, wie Sie es gefürchtet haben?«

Er sah mich mit hellen Blicken an.

»Die Mauer,« sagte er glücklich, »die Mauer ist ja gerade das Beste vom Ganzen! Denken Sie doch nur, Fräulein, wie sicher man durch diese Mauer ist, kein böser Mensch kann herein, nicht einmal ein böser Hund. Jeden Abend, wenn ich im Bett liege, falte ich meine Hände und danke dem lieben Gott für die gute Mauer, die die böse Welt von unserem friedlichen Heim fernhält.«

Ach ja, wie man die Sachen anschaut, so sind sie!

Nur wenige Monate lebte der Alte mit seinem dankbaren Herzen und seiner friedlichen Seele im schönen Altersheim. Nach kurzer Krankheit schloß er seine Augen, seine letzten Worte aber waren ein Dank und ein Segenswunsch für uns, die wir ihm zu diesem friedvollen Lebensende, diesem behüteten Sterben verhelfen hatten.



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