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4.

»Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.«

(Ps. 121, l.)

 

Der Bruder Pfälzer hielt Wort und sandte schon nach acht Tagen Andreas einen Brief zu, in welchem er ausführlich die bei dem Tunnelbau herrschenden Verhältnisse schilderte; auch theilte er dem Freunde mit, daß er wegen seiner bereits mit einem der Werkführer gesprochen und von demselben die feste Zusage erhalten habe, Andreas könne auf eine Anstellung im Hauenstein rechnen, zumal er ein kräftiger, arbeitsamer Bursche sei. Der Brief schloß mit der dringenden Mahnung, daß Andreas ja bald sein Bündel schnüren und kommen möge.

Andreas las zu verschiedenen Malen das Schreiben. Obgleich er fest entschlossen war, die günstige Gelegenheit, in kurzer Zeit sich einen Sparpfennig zurückzulegen, zu benützen, so fühlte er dennoch eine gewisse Bangigkeit in der Brust, die er während des ganzen Tages nicht los werden konnte und die ihn auch beschlich, als er Abends der Mutter sein Vorhaben entdeckte. Die alte Frau bebte zusammen und vermochte erst nach längerer Zeit zu entgegnen:

»O, Andreas, thue das nicht, sondern bleibe hier, bei mir, zumal ich ohne Dich kaum zu leben vermag!«

»Wir werden ja nicht lange von einander getrennt sein,« begann der Sohn von Neuem, »und dann sind wir aller Sorgen baar, ich bringe ein hübsches Sümmchen mit nach Hause und wir kaufen uns ein kleines Anwesen, nach dem wir uns ja schon längst gesehnt haben.«

»Das ist Alles recht schön und gut,« seufzte die arme Resi, »allein wer kann voraussagen, daß Du gesund und heil zurückkehren wirst? Erst neulich vernahm ich von der alten Madai deren Tochtersohn auch bei dem Tunnelbau im Hauenstein angestellt ist, daß jene unterirdischen Arbeiten nicht nur mühselig, sondern auch gefährlich seien, und daß beim Durchgraben und Sprengen der großen Bergmassen schon gar manches Menschenleben geopfert worden sei.«

»Das mag wol sein,« äußerte Andreas, und jene Bangigkeit, die ihn schon während des ganzen Tages gequält, bemächtigte sich abermals seiner Brust. »Stehen wir aber nicht überall in Gottes Hand, Mutter, mögen wir nun im freien Felde oder in einem finstern Schacht arbeiten, und kann Er uns nicht ebenso hier wie dort abrufen, wenn er es einmal in seinem Willen beschlossen hat?«

»Gewiß, Andreas, gewiß,« seufzte die alte Frau, »und dennoch schrecke ich zurück, wenn ich Dich mir in den dunkeln und feuchten unterirdischen Gängen denken muß, in welche selbst am Tage kein freundlicher Sonnenstrahl eindringt.«

»Ich werde ja nicht fortwährend im Innern des Berges beschäftigt sein,« tröstete der gute Sohn. »Die Arbeiter lösen sich vielmehr ab, und ein Theil des Tages wird sogar unter freiem Himmel und in der frischen Luft zugebracht. Nach dem Briefe meines neuen Bekannten kann es auch geschehen, daß ich beim Fuhrwerk angestellt werde, da eine ziemlich große Menge von Pferden und Wagen vorhanden sind, um den Schutt und die Steine fortzuschaffen.«

»Sei mir nicht böse, Herzens-Andreas,« kopfschüttelte traurig die alte Frau, »allein es ist mir, als ob eine innere Stimme mir warnend zuriefe, Dich nicht ziehen zu lassen. Und obwol ich des Wortes eingedenk bin: befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen, – so vermag ich doch eine gewisse Angst und Beklommenheit nicht zu unterdrücken. Wäre es nicht das Beste, wenn Du den Flurenbauer zu überreden suchtest, Deinen Lohn angemessen zu erhöhen? Und er wird gewiß auf Deine Forderung eingehen, denn Du arbeitest für Zwei.«

»Du kennst den alten Geizhals nicht, Mutter,« widersprach Andreas. »Nach seiner Meinung zahlt er mir schon viel zu viel, und meine Forderung würde ihn nur in Zorn und Wuth versetzen. Trotz alledem will ich den Versuch bei ihm machen,« fügte Andreas schnell hinzu, da er in dem ernsten Gesicht der Matrone einen stillen Vorwurf zu lesen glaubte.

»Ich danke Dir, mein Andreas!« rief die alte Resi erleichtert aus und legte segnend ihre Hände auf des Sohnes Haupt.

Als am nächsten Morgen Andreas den Flurenbauern in dessen Wohnstube aufsuchte, fand er denselben in großer Behaglichkeit bei seinem Frühstück und der gewohnten Flasche Markgräfler sitzen. Kaum hatte der alte Geizhals aber in dem Eingetretenen seinen Knecht Andreas erkannt, als er hastig das Tischtuch über die Speisen breitete und die Weinflasche unter den Tisch schob.

»Laßt Euch nicht stören,« äußerte, dies bemerkend, Andreas lächelnd, »eßt und trinkt nach Wohlgefallen, ich werde mich gewiß nicht zu Gaste laden.«

Der Flurenbauer sah den jungen Burschen verblüfft an, dann aber platzte er zornig heraus: »Ha, das wollt' ich mir auch verbeten haben! Was ist das überhaupt für eine Unverschämtheit, andern Leuten in die Wohnung einzudringen, – kann man nicht warten, bis der Herr in den Hof hinaus kommt?«

»Da das Letztere bei Euch sehr ungewiß ist,« entgegnete Andreas bescheiden, »mein Anliegen an Euch aber keinen Aufschub leidet, so nahm ich mir die Freiheit, Euch in Eurer Wohnung aufzusuchen, und bitte Euch deshalb freundlich um Entschuldigung.«

»Du hast ein Anliegen?« fragte der Bauer mit gerunzelter Stirne, um den Bittsteller gleich von Anfang an zurückzuschrecken.

»Allerdings,« kopfnickte Andreas, »seht, ich habe Euch bisher um einen geringen Lohn treue Dienste geleistet; nachdem ich aber erfahren, daß anderwärts die Knechte um Vieles besser bezahlt werden und trotzdem nicht die Hälfte von dem arbeiten müssen, wie ich bisher gezwungen war, bin ich zu dem Entschluß gelangt, Euch um eine entsprechende Erhöhung des Lohnes anzugehen.«

»So?... I!... Sieh' mal an!« rief der Flurenbauer in kurzen Absätzen mit verhaltenem Grimme aus. »Mehr Lohn verlangst Du? Du warst doch mit demselben zufrieden, als ich Dich von der Straße weg als Knechtlein in meinen Hof aufnahm! Ist das etwa der Dank für meine Gutherzigkeit?... Mehr Lohn! das kann Dein Ernst nicht sein.«

»Doch, Flurenbauer,« entgegnete Andreas, welchen die feste Aussicht, im Hauenstein eine lohnende Anstellung zu erhalten, Sicherheit und Ruhe verlieh. »Ihr vergeßt, daß meine Fähigkeit zur Arbeit und meine Tüchtigkeit im Dienste gewachsen sind, und meine Leistungen somit unmöglich noch mit jenen verglichen werden können, wo ich noch ein schwacher Bursche war.«

»Und wenn ich Dir nun nicht mehr gebe, als bisher, he?« fragte der Bauer aufbegehrend.

»Dann verlasse ich einfach Euern Dienst,« antwortete Andreas achselzuckend.

Der alte Geizhals schlug mit der geballten Faust dröhnend auf den Tisch und holte hierauf die unter demselben stehende Weinflasche hervor, da er sich außerordentlich trocken im Halse fühlte. In Wahrheit that er dies nur, um Zeit zu einer Antwort zu gewinnen, denn er sah es den entschlossenen Mienen von Andreas an, daß derselbe im Ernst gesprochen. »Ei, meiner Seel',« rief der Flurenbauer endlich aus, »die Dienstleute werden heutzutage immer begehrlicher. Mehr Lohn! Gott steh' mir bei, was verlangst Du denn da eigentlich?«

»Was anderwärts ein Knecht erhält,« erwiderte Andreas. »Ich will in Zukunft hundert Gulden Jahreslohn, – nicht mehr und nicht weniger.«

»Hahaha!« lachte der Bauer wild auf, »bist Du verrückt? Um diese Summe bekomme ich ja drei Knechte, statt einen. Ich bin freilich nicht unzufrieden mit Dir und so sollst Du denn auch zwölf Gulden Zulage haben, ich denke, daß –«

»Spart Euch alle Mühe,« fiel Andreas, ungehalten über des Bauers Geiz, lebhaft ein, »ich lasse nicht mit mir handeln. Entweder Ihr zahlt mir, was anderwärts ein tüchtiger Knecht erhält, oder ich verlasse Euern Dienst.«

»Fällt mir nicht ein,« ertönte es von des Flurenbauers Lippen eigensinnig zurück. »Solche Waare, wie Du bist, findet sich noch aller Orten und hat nicht aufgeschlagen.«

»Ich will aber keine Waare mehr sein,« versetzte Andreas, »und damit Gott befohlen.«

»Halt!« donnerte der Flurenbauer, als der entschlossene Bursche bereits an der Thüre angelangt war. »Fünfundsiebenzig Gulden Jahreslohn will ich Dir meinetwegen zugestehen.«

Andreas schüttelte den Kopf und wandte sich abermals zum Gehen.

»Achtzig!« schrie es vom Frühstückstische her, und »Fünfundachtzig!« erklang es abermals, da Andreas bereits Miene machte, die Thüre hinter sich zu schließen. »Willst Du nicht?«

»Nein!«

»So geh' zum Teufel!« brüllte nun aus Leibeskräften der erzürnte Flurenbauer und stieß die Weinflasche so derb auf den Tisch, daß sie zerbrach und der edle Markgräfler in einer Menge kleiner Bäche nach allen Richtungen hin vom Tische hinabfloß.

Die Würfel waren nunmehr für Andreas gefallen. Der Gang zum Bauer war ihm schwer angekommen, aber noch unendlich schwerer fiel es ihm, die Mutter von dem Endergebniß in Kenntniß zu setzen und ihr seine baldige Abreise zu melden. In der That kam denn auch die alte Frau der Verzweiflung sehr nahe und weinte sich die trüben Augen womöglich ganz blind. Andreas aber wußte sie mit Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit und Güte schließlich doch soweit zu beruhigen, daß ihr Schmerz gelinder und sanfter wurde.

»Wie bald ist ein halbes oder ganzes Jahr vorüber,« tröstete der gute Sohn, »und dann, liebe Mutter, haben wir ein Sümmchen beisammen, das uns zu einer kleinen Wirthschaft verhelfen wird. Denke Dir nur die Freude, wenn Du Hühner, Gänse und Enten halten kannst, und der lockende Ton Deiner Stimme die Thierchen dann jeden Morgen, Mittag und Abend zusammenruft, um ihnen ihre Nahrung zu geben. Du hast Dich schon lange darnach gesehnt, darum lasse es Dir während der kurzen Spanne Zeit unserer Trennung nicht bange werden.«

Die Mutter drückte schweigend des Sohnes Hand, dann sagte sie:

»Wenn sich nur Ruppert während Deiner Abwesenheit gut aufführt und mir nicht Angst und Aerger bereitet.«

»Noch hoffe ich von ihm, daß er die Pflichten eines Sohnes nicht gänzlich vergessen wird,« erwiderte Andreas, »auch werde ich mit ihm noch ein Wörtchen sprechen. Sollte er Dir dennoch Kummer verursachen, so wende Dich nur an den Gemeinde-Vorstand, der Dir seine Hilfe nicht versagen wird.«

Andreas that, wie er der Mutter versprochen, und hielt Ruppert eine ermahnende Rede; indessen schien dieselbe keinen besondern Eindruck auf den leichtsinnigen Burschen zu machen, vielmehr blickte er sehr höhnisch auf den Bruder und als derselbe geendet, entgegnete er:

»Danke für die schöne Predigt, Herr Pfarrer. Leider ist mir mein Gedächtniß abhanden gekommen, und somit werd' ich von dem herrlichen Gesalbader wenig behalten; auch hoffe ich, daß es die letzte Rede gewesen, welche mir der Herr Tugendprediger da gehalten hat, zumal ich meine ganze Kraft aufbieten werde, Seine Ehrwürden nicht wieder zu sehen.«

»Dieser Wunsch kann Dir möglicher Weise sehr leicht in Erfüllung gehen,« gab Andreas schmerzlich bewegt zurück. »Der Tod wird mir jetzt jeden Tag seine Grausen zeigen, wenn ich in den dunkeln Felsenschacht hinabsteige, aus dem schon so Mancher nicht wiedergekehrt ist. Sollte auch mich ein solches Schicksal treffen, dann vergiß nicht, Ruppert, daß Du eine alte Mutter hast, für die zu sorgen Deine heiligste Pflicht sein muß. Lebe wohl, Bruder, ich scheide in Frieden von Dir.«

Andreas bot ihm die versöhnende Hand, allein der verstockte Ruppert wandte sich ab und ging pfeifend seines Wegs. Andreas sah ihm nach und ein tiefes Weh bewegte sein Herz, und abermals lastete jener unerklärliche Alp auf seiner Brust und schlimme Ahnungen dämmerten in seiner Seele.

Früh am nächsten Morgen sagte er dem heimatlichen Dörfchen Lebewohl.

»Ich kann Dir nichts mitgeben, Andreas,« schluchzte die Mutter an seinem Halse, »als meinen Segen und dieses kleine Buch. Möge es Dein treuer Begleiter sein und Dir Trost gewähren, sobald Du dessen bedarfst.«

Andreas schlug das Titelblatt auf und ersah daraus, daß die Mutter ihm das neue Testament und die Psalmen geschenkt. Er küßte das schmucklose Buch, steckte es zu sich und versetzte mit vor Thränen erstickter Stimme:

»Möge es mir vergönnt sein, recht oft in diesem biblischen Schatze zu lesen und meine Seele an den goldenen Worten des Herrn zu erquicken, welche es enthält.«

Nochmals sanken sich Mutter und Sohn in die Arme, dann riß sich der letztere gewaltsam los und stürzte, sein kleines Bündel am Stock tragend, zu dem Häuschen hinaus. Er hatte, da es noch früh am Tage, gehofft, unbemerkt Dossenbach verlassen zu können, allein an vielen Hausthüren standen Bekannte und Jugendgenossen, welche seine Absicht errathen hatten und es sich nicht nehmen ließen, ihm noch einmal die Hand zum Abschiede zu drücken und ein treuherziges »Gott sei mit Dir!« ihm zuzurufen. Aus dieser Aufmerksamkeit mußte Andreas ersehen, wie lieb ihn die Bessern im Dorfe hatten, und seine Augen wurden von Neuem wieder feucht und er vermochte nur stumm zu danken.

Ach, wie oft wandte sich unser lieber Wanderer im Weitergehen nach dem heimatlichen Dörfchen um, in dem er die glücklichen Jahre der Kindheit verlebt, in welchem noch jetzt die treue, alte Mutter athmete, und auf dessen bescheidenem Friedhofe die Gebeine seines Vaters ruhten, der so früh von hinnen gegangen war. Ein immer größerer Raum legte sich zwischen ihn und die mit Schindeln gedeckten Häuser, bis sie endlich verschwanden und nur das blaue Schieferdach des Kirchthurms sichtbar blieb; ach, und als jetzt die Glocke zur Frühmesse zu läuten begann, da war es ihm wie ein letzter Gruß aus der Heimat und weinend bedeckte er seine Augen, während er schmerzlich ausrief: »Ich werde das liebe, alte Dorf nie wiedersehen!« Bald nachher verschwand auch das Kreuz des Kirchthurms hinter einem Hügel, und nachdem Andreas noch einmal seinen Thränen und seiner Wehmuth freien Lauf gelassen, wanderte er rüstig vorwärts, die südliche Straße einschlagend, welche auf eine der Höhen des obern Schwarzwaldes führt.

Die Aussicht vom Dinkelberg war sicherlich schön gewesen, und dennoch, wie stand sie gegen jene so weit zurück, welche sich unserm Freunde darbot, als er das Bergplateau erreicht. Nicht nur, daß die lange Reihe der Alpenkette in weit größerer Nähe vor ihm lag, sondern er vermochte auch die Höhen und Thäler des Jura zu erblicken, den Weißenstein und die Hasenmatt. Eine der nordöstlich von der Letztern gelegenen Einsenkungen fesselte aber besonders seinen Blick, denn dort befand sich der untere Hauenstein, sein Wanderziel und seine neue Heimat.

Lange, lange weidete unser Freund sein Auge an dem Paradiese, das gleich einem Kanaan vor ihm lag, dann aber griff seine Hand unwillkürlich nach dem kleinen, schmucklosen Buche, das ihm die Mutter mit auf den Weg gegeben und dessen Inhalt er als fleißiger Kirchgänger genau kannte, und er schlug den 121. Psalmen auf, in welchem es heißt:

»Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt, Hilfe von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird Deinen Fuß nicht gleiten lassen, denn er behütet Dich und ist der Schatten über Deiner rechten Hand, auf daß Dich des Tags die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel; er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.«

Und als Andreas die fromme Verheißung gelesen und seine Augen abermals die paradiesische Schöpfung des Herrn streiften, die in ihrer Frühlingspracht vor ihm lag, da schwand der drückende Alp von seiner Brust, tiefes Gottvertrauen erfüllte seine Seele, anbetend sank er nieder und sein Herz flehte zu Gott, daß er ihn die heißgeliebte Mutter wiedersehen lassen möge.

Von dem stillen Dörfchen war schon längst nichts mehr zu sehen, doch wandte sich Andreas der Richtung zu, freundliche Grüße dorthin entsendend, dann aber beflügelte er seine Schritte und stieg den Berg hinab nach den Thälern der Schweiz.


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