Autorenseite

 << zurück 

Achtes Kapitel.
Die letzte Sitzung des Kriminalklubs

1

Der Dozent starrte den Dichter Ebb an.

»Was haben Sie gesagt? Allan Vanloo ist tot?

»Ja.«

»Allan?«

»Ja.«

»Aber …«

»Ich verstehe, was Sie meinen: das ist unmöglich, jeder andere, aber doch nicht Allan! Ich verstehe vollkommen, da ich doch denselben Gedanken verfolgt habe wie Sie – daß, wenn es jemanden gibt, der hinter den mystischen Ereignissen in der Villa steckt, es im Namen aller Wahrscheinlichkeit Allan sein muß! Er hat seinen Bruder Arthur verabscheut, er hat sich am Morgen nach Arthurs Tod mehr als eigentümlich benommen, und er hat ein Verhältnis gehabt, das von Tag zu Tag beschwerlicher wurde. Zuletzt hörte man ja, daß Monsieur Delarue die Scheidungsklage eingereicht hat. Wenn man auch noch weitere mysteriöse Vorfälle in der Villa erwarten konnte, so doch keinesfalls, daß er das Opfer wäre! Was aber nicht hindert, daß er tot ist!«

Der Dozent fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Ich fange an, zu glauben, daß Trepka recht hat und daß alle die mysteriösen Vorfälle, von denen Sie sprechen, eine natürliche Erklärung haben. Denn wenn dem nicht so sein sollte, ist das ja kein Kriminalroman, sondern ein Alptraum!«

»Beinahe dasselbe dachte ich, als Geneviève heute früh vom Markt nach Hause kam und mir die Nachrichten aus der Villa Longwood brachte!«

Lütjens packte ihn am Arm und zog ihn in die Hotelhalle. Sie war leer bis auf einen goldgalonierten Pikkolo, und sie fanden ohne Schwierigkeit eine Ecke, wo sie gänzlich ungestört waren.

»Ich muß Klarheit in das Ganze bringen. Lassen Sie mich alles detailliert hören!«

»Ich habe Ihnen schon von der Einladung erzählt, die gestern nachmittag kam. Trepka und ich fuhren hinaus und wurden ungefähr so wie das letztemal empfangen. Martin schüttelte Cocktails, der junge John träumte in einem Sessel, Allan döste in einem anderen – wir konnten uns ja vorstellen, woran er dachte –, und Madame war entzückend. Wir erkundigten uns nach ihrem Unfall. Darüber wußte sie auch nicht mehr als wir. Wir gratulierten, daß alles so glimpflich abgelaufen war. Zur gegebenen Zeit kündigte der Haushofmeister an, daß jederzeit serviert werden könne, wenn Madame es wünsche. Nachdem noch eine Weile gewartet wurde, gingen wir zu Tische. Wir bekamen Poulet à la diable, Gansleber, Paprikasalat und irgendeine Art Eiscreme. Ich gebe zu, daß man in der Villa ausgezeichnet ißt, und ich kann nicht leugnen, daß sowohl die Gäste wie die Hausfrau den Speisen alle Ehre antaten. Wenn man die Jahre der alten Dame bedenkt, ist es beinahe verblüffend, daß sie so stark gewürzte Kost verträgt!«

»Ein Schriftsteller hat einmal gesagt, daß Gier und Feinschmeckerei die Laster des Alters sind«, bemerkte der Dozent mehr für sich selbst.

»Nach dem Essen«, fuhr der Dichter fort, »gab Madame uns das Zeichen zum Aufbruch, was ja nicht zu verwundern war. Sie kommandierte – einen anderen Ausdruck kann man nicht gebrauchen – Martin und den jungen John, ihr Gesellschaft zu leisten, gab aber Allan gnädigst Erlaubnis, uns in die Stadt zu begleiten. Martin sah nicht besonders enthusiastisch aus – aber Allan wahrlich auch nicht. Den ganzen Abend hatte er uns ungefähr so angeglotzt wie ein Hofhund Einbrecher, die er nicht beißen darf. Er begleitete uns nur bis zur Konditorei, vor der wir uns einmal von seinem Bruder Arthur getrennt hatten. Da trat er ein. Wir hüteten uns, ihm zu folgen, wir waren uns ganz klar darüber, daß wir überflüssig waren, und hatten das Gefühl, daß jeden Augenblick Damenbesuch auftauchen konnte.«

»Nichts wäre wahrscheinlicher«, stimmte der Dozent zu. »Aber Sie sahen keine Dame erscheinen?«

»Nein. Wir sahen nur, daß Herr Allan sich von einem dicken Frauenzimmer drei, vier Stück Backware geben ließ. Ich vermute, es war die Konditorin.«

»In diesem Punkte haben Sie recht. Ich war zufällig selbst in dem Lokal und habe die erwähnten Gebäcke gekostet. Die Frau war einmal Köchin in der Villa, aber die alte Mistreß Vanloo verhalf ihr dazu, sich diese Konditorei einzurichten, weil sie mit ihr so zufrieden war.«

»Das ist ja ein schöner Zug!«

»Unleugbar! Ich glaube überhaupt, daß Madame, wenn sie auch vielleicht tyrannisch ist, doch einen guten Charakter hat. Und das war das letzte, was Sie von Allan Vanloo gesehen haben?«

»Das allerletzte. Das nächste, was wir von ihm hörten, war das, was Geneviève heute morgen erzählte. Und was sollen wir nun glauben?«

Die Drehtür rotierte, um einen neuen Gast einzulassen – Bankdirektor Otto Trepka. Er kam auf seine Kollegen vom Kriminalklub zu, sank in einen Sessel und sagte:

»Ich begreife, daß der Tag einen Triumph für Sie bedeutet, meine Herren. Ich begreife das vollkommen. Alle Ihre schwärzesten Verdachtsgründe, alle Ihre ausgeklügelten Theorien scheinen sich ja zu bestätigen. Ich sage: scheinen!«

Er maß Ebb und Lütjens herausfordernd.

»Ich unterstreiche: scheinen! Denn allerdings hat sich ein neuer überraschender Vorfall in der Villa Longwood ereignet, und insofern könnte der oberflächliche Beobachter vielleicht geneigt sein, Ihnen recht zu geben. Aber – Sie räumen ein, daß es ein Aber gibt, Lütjens?«

»Ich werde es einräumen, wenn ich erfahre, worin es besteht.«

»Muß ich das erst sagen? Darin, daß es Allan Vanloo war, der heute nacht von dieser Erde geschieden ist, und nicht irgendein anderer! Ich brauche Ihre Antwort nicht erst abzuwarten, Ihr Mienenspiel spricht deutlich genug. Wäre es die alte Mistreß Vanloo gewesen, Martin, ja sogar der junge John, dann wäre alles aufs beste in der besten der detektivischen Welten geordnet. Aber Allan, dem der offene Skandal drohte und der durch einen desperaten Coup alles zu gewinnen hatte! Geben Sie zu, daß das aller gesunden Vernunft genügend widerspricht, um alle Ihre Theorien umzustoßen! Oder vielleicht nicht?«

Ebb wollte sagen, daß der neue Todesfall die Theorie, die er um Jeannine aufgebaut hatte, nicht umstieß, doch er schwieg. Denn wenn er auch noch so angestrengt nach einem Motiv suchte, konnte er doch keine Möglichkeit sehen, sie mit der neuen Katstrophe in Zusammenhang zu bringen. Arthur – ja. Mistreß Vanloo – ja. Aber Allan – nein.

Trepka wurde wütend.

»Das genügt also noch nicht. Ja, der Glaube kann wahrlich Berge versetzen! … Was sagt der Doktor? Das haben Sie natürlich schon längst in Erfahrung gebracht?«

»Allan kam, wie die Dienerschaft der Villa sagt, früh nach Hause. Im Laufe der Nacht hat niemand etwas Verdächtiges gehört. Und heute morgen …«

»Das wissen wir! Aber was sagt der Doktor? Sind Spuren von Stiletten, Revolverkugeln, Injektionen oder Gift in einem Glas vorhanden?«

»Der Doktor hat eine Untersuchung vorgenommen«, antwortete Ebb langsam. »Es fanden sich keine Spuren von Dolchen, Revolverkugeln, Injektionen oder Giften. Auf dem Nachttischchen stand ein Glas mit Resten eines Schlafmittels, aber das war eine ganz harmlose Sache, die der Doktor selbst verschrieben hatte. Die Diagnose lautet auf Herzkrampf, wie bei Arthur. Beide Brüder waren herzleidend, sowie sie auch beide an einem Mangel an Magensäften laborierten. Alles ist anscheinend ganz in Ordnung.«

»Anscheinend ist großartig!« schrie der Bankmann. »Es sind keinerlei Spuren vorhanden, nichts Anormales, aber das ist dem Dichter aus Dovre nicht genug! Gerade darum muß der Todesfall ein Verbrechen sein! Was sage ich, das Verbrechen des Jahrhunderts! Der synthetische Mord, für den unser Freund, der Religionshistoriker aus Schweden, deutliche Weissagungen in den Schriften gefunden hat! Wenn die Sache an sich nicht so traurig wäre, würde ich …«

»Lachen«, ergänzte Ebb. »Das wissen wir, lieber Trepka, Sie würden ein geradezu homerisches Gelächter anstimmen – ein Gelächter, bei dem der Tartarus sich auftun und seine Toten wieder herausgeben würde! Darf ich Ihnen vielleicht ein lachenstillendes Mittel dieser Firma empfehlen?«

Er präsentierte die zwei Papierfragmente, die das Resultat seiner und des Dozenten Forschungen im Parke waren. Trepka schnob verächtlich.

»Dieses Zeug habe ich doch schon gesehen! Damit sind Sie doch nach Arthur Vanloos Tod als Stütze für Ihre Theorien angerückt!«

»Sie irren. Damals hatte ich nur das eine Stück gefunden. Das andere fand Freund Lütjens kurz darauf an derselben Stelle. Damals bildete ich mir ein, daß das Papier aus einer hiesigen Apotheke stamme. Inzwischen habe ich aber wenigstens dieses Problem gelöst. Die Papiere stammen aus einer chemisch-technischen Fabrik in Paris-Poulenc, Produits Pharmaceutiques, nicht aus der Pharmacie Polonaise hier in der Stadt.«

Trepka starrte die erwähnten Papiere an.

»Und was weiter?« rief er. »Was hat es zu sagen, ob sie von der einen oder der anderen Firma stammen?«

»Nur dies«, sagte Ebb, »daß, da sie in einem Blumenbeet im Park der Villa gefunden wurden, jemand in der Villa sich die Mühe genommen haben muß, die Artikel, die sie enthielten, aus Paris zu bestellen. Und das, obzwar wir ausgezeichnete Apotheken in Mentone haben, die alles mit oder ohne Rezept ausliefern – sogar Veronal, wie Sie uns ja selbst erzählt haben! Überdies muß die betreffende Person diese Bestellung vor nicht allzu langer Zeit gemacht haben, Blumenbeete blühen nicht ewig.«

So sprach der Dichter gelassen.

Der Dozent hatte sich plötzlich im Sessel aufgerichtet. Der Bankdirektor schnob so laut, daß der goldbetreßte Pikkolo in seiner Ecke zusammenfuhr.

»Unverbesserlich! Unverbesserlicher denn je! Ich will schon gar nicht vom Motiv reden, ohne das eine verbrecherische Tat doch nicht denkbar ist. Ich sehe davon ab, daß Allan der letzte war, der als Opfer in Betracht kommen könnte. Ich akzeptiere Ihr ›Beweismaterial‹. Jemand in der Villa hat sich ein mystisches Gift aus Paris verschafft. Ich frage Sie nur: wie hat er es angestellt, Allan das Gift einzugeben? Es finden sich keine Spuren vor; daß er eine Injektion bekommen hat, das sagten Sie selbst, und das Glas in seinem Zimmer war einwandfrei. Aber Sie und ich haben genau dasselbe gegessen und getrunken wie er, und als wir uns trennten, war er vollkommen wohl. Nachher hat er in einer Konditorei Gebäck gegessen. Hat dies ihn getötet? Oder die Dame, die er erwartete und die auf eine Heirat mit ihm hoffte? Oder hat es ihr Gatte getan, um sich zu rächen? Dann war es wohl auch er, der Arthur umgebracht hat, den er gar nicht kannte? Sie schweigen – Sie geben selbst zu, daß Ihre Theorie so ungereimt ist, daß jeder Versuch, sie zu Ende zu denken, zu reinen Hirnrissigkeiten führt. Wenn ich einen Whisky da hätte, ich würde ihn auf die Kritik der Unvernunft an der Wirklichkeit trinken, so wie sie in Ihren Phantastereien zum Ausdruck kommt!«

»Wenn Sie einen Whisky hätten!« rief der Dozent. »Bestellen Sie einen für meine Rechnung, und trinken Sie ihn auf den Sieg der reinen Vernunft! Wir werden dann Gelegenheit haben, die Präzision zu bewundern, mit der Sie Whisky trinken, ganz wie Sie alles andere machen. Haben Sie nie daran gedacht, Ihren Whisky als Wasseruhr zu verwenden?«

»Wasseruhr? Wie meinen Sie das?« Trepka starrte seinen schwedischen Kollegen an.

»Mißverstehen Sie mich nicht! Ich will keineswegs unterstellen, daß Ihre Erfrischungsgetränke einen zu hohen Wassergehalt haben – ganz im Gegenteil! Ich meine nur, daß die Flüssigkeitssäule in Ihrem Glase mit derselben absoluten Regelmäßigkeit sinkt wie das Wasser in einer der erwähnten Uhren. Und das hat mich gerade auf eine Idee gebracht. Auf Wiedersehen, meine Herren!«

Ehe die anderen sich noch von ihrem Staunen erholt hatten, war der Dozent verschwunden.

2

Der Park strahlte und blühte wie immer, als Lütjens die Villa erreichte. Er schlenderte eine Weile unter den Bäumen umher, nach einer bestimmten Person auslugend, die er schließlich in einem Winkel des Gartens fand.

Der Gärtner erwies sich als ein älterer, etwas steifbeiniger und schwerhöriger Italiener. Lütjens machte ihm Komplimente über die schönen Resultate seiner Arbeit und bedauerte ihn, als er hörte, daß er den Garten ganz allein betreuen müsse.

Aber der Alte wehrte ab: Wenn Madame so wäre wie viele andere Herrschaften, die am liebsten jede Woche neue Blumen in den Beeten sehen möchten, dann wäre es freilich zu viel für ihn! Aber Gott sei Dank war sie vernünftig, sie ließ die Blumen ihre Zeit stehen, bis sie abblühten. Wenn nur der Rasen schön geschoren und die Palmen zur rechten Zeit beschnitten wurden, war sie schon zufrieden. Und man sah ja eigentlich nur sie im Park. Die Enkel passierten ihn auf ihrem Weg in die Stadt, das war das ganze Interesse, das sie ihm bezeigten.

Der Dozent sprach angemessenes Erstaunen über eine solche Gleichgültigkeit aus. Dann erkundigte er sich:

»Wie lange kann man wohl die Blumen in einem Beet stehen lassen? Zum Beispiel diese Zinerarien? Die sehen ja taufrisch aus, die müssen wohl gerade erst gepflanzt worden sein?«

»Weit gefehlt«, antwortete der Alte mit einem schlauen Lächeln, »die habe ich schon vor über zwei Monaten gepflanzt, aber sie stehen nicht in der Sonne, darum sind sie auch noch nicht abgeblüht.«

»Vor über zwei Monaten? Da waren sie aber wohl viel kleiner?«

Der Gärtner bemühte sich, sein Mitleid unter einer Maske von Sachlichkeit zu verbergen. Als die Zinerarien gepflanzt wurden, da waren sie nicht einmal die Hälfte so groß wie jetzt, und es dauerte drei Wochen, bis die Blätter so üppig wurden, daß sie den Boden zu decken begannen.

»Und jetzt, Monsieur – Sie sehen selbst, daß man überhaupt gar keine Erde mehr sieht! Es sind schöne Blumen und dankbare Blumen, wenn man nicht jede zweite Woche was Neues pflanzen will!«

»Sehen wir mal«, sagte Lütjens und zählte an den Fingern ab wie ein Schüler, der seinen Eifer zeigen will. »Heute haben wir den neunzehnten März. Da haben Sie sie also am neunzehnten Januar oder so herum gepflanzt?«

»Auf den Tag am siebzehnten, Monsieur. Ich weiß es noch, weil es la festa di Sant' Antonio war, der Tag des heiligen Antonius, der auch mein Geburtstag ist.«

»Der heilige Antonius in der Wüste!« stellte der Dozent bei sich selbst fest. »Der mit den vielen Versuchungen, nicht der heilige Antonius von Padua, der verlorene Sachen zur Stelle schafft – unter anderem. Aber vielleicht können die beiden frommen Männer auch einmal ihre Beschäftigungen tauschen. Wir wollen sehen!«

»Was sagen Monsieur?« rief der schwerhörige Gärtner.

»Ich rechne nur nach«, schrie der Dozent. »Sie haben die Zinerarien am siebzehnten Januar gepflanzt, und es hat drei Wochen gedauert, bis die Blätter die Erde zu decken begannen, das bringt uns ungefähr zum siebenten Februar.«

»Stimmt«, erklärte der Alte, indem er an den Fingern nachrechnete.

»Und dann hat es wohl noch ein paar Wochen gedauert, bis sie so dicht wurden, daß man überhaupt nichts mehr von der Erde gesehen hat?«

»Das stimmt auch«, bestätigte der Alte stolz, einen so aufmerksamen Schüler zu haben. »Seit damals im Februar brauchte ich gar nicht mehr an dieses Beet zu denken – außer es zu gießen natürlich«, fügte er hastig hinzu.

»Sagen wir zur größeren Sicherheit, seit dem zwanzigsten Februar«, murmelte der Dozent. »Und am sechsten März war es, daß – ich rechne nur nach!« schrie er. »Es stimmt – alles stimmt! Warum treibt man in den Schulen so viel theoretische Botanik? Man sollte die Jungen zu Ihnen schicken, Signore, da würden sie in einer halben Stunde mehr lernen als dort unten in einem Monat! Wollen Sie diese Silbermünze hier annehmen? – Mit bestem Dank für den Unterricht! Adieu, und nochmals vielen Dank!«

Er schritt dem Ausgang zu, doch außer Sehweite gekommen, bog er in eine Seitenallee ein und gelangte so allmählich zu dem Flügel des Hauses, der den männlichen Familienmitgliedern vorbehalten war. Er fand ohne Schwierigkeit, was er suchte: Allans Appartement. Es hatte seinen eigenen Eingang wie das Martins und Arthurs. Die Fensterladen waren geschlossen, drinnen brannte Licht. Ein Tisch mit Schreibutensilien war vor dem Eingang aufgestellt, doch bisher hatte sich, wie Lütjens konstatierte, noch niemand in das Buch eingetragen.

Ein alter Diener hielt am Eingang Wache. Er grüßte höflich den Dozenten, den er von dem ersten Diner in der Villa kannte, und führte ihn unaufgefordert in das Sterbezimmer. Allan Vanloo ruhte auf seinem letzten Lager mit einem Ausdruck, der bis ins einzelne dem glich, den er bei Lebzeiten zur Schau getragen, korrekt, herablassend und leicht geringschätzig. Man empfing den Eindruck, daß er den Unerbittlichen in derselben Weise gegrüßt hatte wie jeden anderen, dem er nicht vorgestellt war … Wie mager er ist, sagte sich Lütjens, und was für dunkle Ringe er unter den Augen hat! Die Diagnose Herzkrampf ist vielleicht nicht so unrichtig.

»Das Begräbnis findet morgen statt«, teilte der Bediente im Flüsterton mit. »In aller Stille«, fügte er hinzu.

Lütjens neigte den Kopf.

»Ist er einbalsamiert?« flüsterte er zurück.

»Nein. Warum fragt der Herr das?«

Ja, warum eigentlich? Diese Frage stellte sich Lütjens vergeblich. Die Worte waren ihm spontan auf die Lippen gekommen, aber als er nun versuchte, die Ideenassoziationen, die dazu geführt hatten, zu verfolgen, kam er nicht weiter. Der letzte Gedanke, den er seines Wissens gehabt hatte, war der, daß Herzkrampf vielleicht keine so unrichtige Diagnose war und daß, wenn Herzfehler ein Familienübel waren, man vielleicht noch weiterer Sterbefälle infolge derselben Krankheit gewärtig sein konnte … Und dann hatte er plötzlich den Bedienten nach der Einbalsamierung gefragt! Warum? Oft kann man sich zu den Anknöpfungs- oder Analogieassoziationen zurücktasten, die gewissermaßen als Weichensteller die Gedanken in ein anderes Geleise gelenkt haben, aber diesmal wollte es nicht glücken. Einbalsamierung! Er gab es auf. Vielleicht kam die Erklärung später von selber, so etwas kann passieren. Er schrieb sich in das vorgelegte Buch ein und schickte sich nach ein paar Redensarten über die Plötzlichkeit des Todesfalls zum Gehen an. Erst in diesem Augenblick fiel ihm das Aussehen des Dieners auf. Dessen Gesicht trug den Stempel einer Erregung, die möglicherweise Schmerz war, aber ebensogut Erbitterung oder Zorn sein konnte. Als Erwiderung auf die Worte des Dozenten murmelte er etwas wie, daß hier auf der Welt viele Dinge unerwartet kommen, nicht nur Todesfälle.

»Ist Ihnen selbst etwas Derartiges widerfahren? Es klingt beinahe so!«

Der Diener ließ sich nicht zweimal fragen. Als es Lütjens so allmählich gelang, das Wesentliche seines Wortstroms vom Unwesentlichen herauszuschälen, stellte es sich heraus, daß die alte Mrs. Vanloo ganz kürzlich eine Entdeckung gemacht hatte, die das Haus in beinahe ebenso große Aufregung versetzte wie der Todesfall. Etwa die Hälfte ihrer Napoleonreliquien war verschwunden! Kameen, Schnupftabakdosen, Miniaturporträts, die Zusammenhang mit dem Kaiser hatten, waren aus ihren Vitrinen fort – ganz einfach fort! Diese Vitrinen pflegten versperrt zu stehen, aber gestern abend waren doch die zwei Herren aus Skandinavien zu Besuch dagewesen, die sich so sehr für die Geschichte Napoleons interessierten, und darum waren die Vitrinen geöffnet worden. Sie wußte mit Bestimmtheit, daß da alles auf seinem Platz gewesen war. Der Abend war animiert gewesen, und sie hatte nicht daran gedacht, vor dem Schlafengehen wieder zuzuschließen, dann hatte der Todesfall sie alles andere vergessen lassen, und erst vorhin hatte sie ihren Verlust bemerkt. »Und Sie wissen ja, wie es ist, Monsieur!« rief der Bediente. »In erster Linie werden wir Dienstleute des Diebstahls verdächtigt!«

»Ich kann nicht einsehen, warum das so sein muß!« antwortete der Dozent. »Es braucht doch nicht gerade einer der Hausleute der Schuldige zu sein! Wie ich mich erinnere, pflegte Arthur immer die Tür seiner Wohnung nachts offen zu lassen. Vermutlich sind die anderen jungen Herren ebenso sorglos. Oder nicht?«

»Das kann schon sein. Aber die Türen zwischen ihrem Flügel und dem Haupthaus werden jeden Abend abgesperrt.«

»Auch gestern abend?«

»Ja – freilich.«

»Und wer sperrt sie ab? Madame selbst?«

»Nein. Ich.«

»Und Sie sind sicher, daß Sie sie gestern abend abgesperrt haben?«

»Ja – freilich. Ja, ganz bestimmt. Ja, natürlich!«

Der Ton des alten Dieners, der zuerst unsicher gewesen war, wurde mit jeder neuen Beteuerung immer fester und fester.

Aber als er Lütjens forschendem Blick begegnete, klappte er plötzlich zusammen.

»Sehen Sie denn nicht ein, Monsieur«, rief er, »daß diese Erklärung nicht weniger peinlich für mich ist? Wenn jemand von draußen hereingekommen ist, dann doch nur, weil ich verabsäumt habe, die Türen zwischen dem Flügel und dem Haupthaus zu verschließen. Und dann bin ich ebenso verantwortlich für den Diebstahl, als wenn ich ihn selbst begangen hätte. Das wird Madame bestimmt sagen!«

»Hm«, war alles, was Lütjens antworten konnte. »Sie haben recht, die Sache ist nicht besonders angenehm für Sie. Aber Sie werden sehen, alles wird sich schon einrenken. Es ist ja nahezu unmöglich, solche Reliquien wie die Madames zu verkaufen. Fürs erste«, fuhr er fort, da er seinen Trost selbst etwas mager fand, »fürs erste werde ich meine Freunde fragen, ob sie irgend etwas bemerkt haben! Sie werden sehen, alles wird sich schon arrangieren!«

Damit nahm er Abschied von dem Alten, der unzusammenhängende Danksagungen murmelte. Es war unverkennbar, daß der Diebstahl der Reliquien auf ihn viel stärker gewirkt hatte als der unerwartete Hingang seines jungen Herrn. Vielleicht war dies erklärlich – Allan Vanloo war wohl kaum je ein volkstümlicher Mann gewesen. Arthur hatte ja versucht, es zu sein, ohne viel Dank für seine Mühe zu ernten. Ein Interesse nach seinem Tode hatte ihm eigentlich nur die Kleine mit dem Katzengesicht bezeigt, die der Dozent im Park unter seinen Fenstern umherirren gesehen hatte …

Bestand irgendein Zusammenhang zwischen dem Diebstahl und dem Todesfall?

Diese Frage ging immer wieder im Kopf des Dozenten hin und her wie ein Weberschiffchen, während er langsam zur Stadt hinunterschlenderte. Wenn nur nicht der Ausspruch des Doktors gewesen wäre! Wenn an dem Verstorbenen nur Spuren äußerer Gewaltanwendung oder Symptome einer Vergiftung wahrnehmbar gewesen wären! Dann wäre es ein leichtes gewesen, einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen zu konstruieren! Jemand hat den Entschluß gefaßt, die Reliquien zu stehlen und beabsichtigt, sich durch Allans Wohnung im Flügel in das Hauptgebäude einzuschleichen. Allan überrascht ihn dabei und wird getötet. Oder, um in das Hauptgebäude eindringen zu können, gibt der Unbekannte Allan ein Schlafmittel, verrechnet sich aber in der Dosis. Nun waren aber diese beiden Möglichkeiten ausgeschlossen. Eine einzige blieb übrig: daß Allan den Betreffenden auf frischer Tat ertappt und ihn vor Aufregung ein Herzschlag getroffen hatte. Aber der Dozent schätzte diese Hypothese nicht sehr hoch ein. Allan war tot in seinem Bett gefunden worden, ohne daß etwas auf einen Kampf schließen ließ, und daß der nächtliche Gast ihn hingetragen haben sollte …

Er blieb plötzlich auf dem Weg stehen und vergaß, seinen Gedankengang abzuschließen. Etwas tiefer unten lief ein Parallelweg, und auf einer Bank, die der Mentonesische Verschönerungsverein dort aufgestellt hatte, saß ein junges Paar. Er hatte lockiges braunes Haar und ein Dichterprofil, sie trug ein schwarzes Kleid und ein rotes Tüchlein um den Hals, und ihr Gesicht war dreieckig wie das einer Katze. Der junge John und Jeannine! Der Dozent war so verblüfft, daß er sich einige Minuten nicht vom Fleck rühren konnte. Die beiden jungen Leute blickten über die Landschaft hin, und dabei rauchten sie. Vermutlich fanden sie als Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts Worte in einem solchen Augenblick überflüssig … Selbst aus der Entfernung, die ihn von ihnen trennte, konnte Lütjens deutlich sehen, daß sie nicht dieselbe Marke rauchten. Sie schluckte in langen Zügen den Rauch einer schwarzen französischen Caporal, er sog an seiner Zigarette von erheblich milderem Aroma – einer türkischen, vermutete der Dozent.

Plötzlich vergaßen sie zu rauchen. Ihre Blicke hatten sich getroffen, und mit einer ungestümen Geste schlangen sie die Arme umeinander … Es war eine völlig überflüssige Vorsichtsmaßregel des Dozenten, daß er auf den Zehenspitzen in weitem Bogen an ihrem Platz vorbeiging.

Der junge John! Und Arthurs gewesene Freundin! Was bedeutete diese neue Entwicklung der Situation? Bisher hatte er John aus seinen Meditationen total ausgeschaltet. Mit ihr hatten sich hingegen seine Gedanken von dem Moment an beschäftigt, wo er sie unter den Fenstern ihres verstorbenen Freundes herumirren sah. Aber …

In Gedanken versunken legte er die letzte Strecke des Weges in die Stadt zurück. Aber glücklich dort angekommen, war er nicht im Zweifel über das Ziel. Er ging aufs Postamt, wo er einen rekommandierten Brief nach Paris aufgab, und dann weiter zu Trepkas Hotel, dem er eine Karte mit folgenden Zeilen hinaufschickte:

»Wäre es nicht an der Zeit, daß wir es so machen wie gewisse Börsenspekulanten am Rande des Ruins? Sollen wir nicht unsere Vermögensbestände zu einem Pool zusammentun? Ich denke da zunächst an unsere diversen Wissensbestände über eine gewisse Familie – Ihr ergebener A. L.«

Drei Minuten später hatte er eine Visitenkarte des Bankdirektors in Händen: »Habe keine Bestände und liege übrigens in der Baisse. – Der Ihre O. T.«

Der Dozent fluchte leise in sich hinein und verließ das Hotel. Im Rathaus von Mentone, zu dem er seine Schritte lenkte, war man gerade dabei, die Pforten zu schließen. Man bat ihn, am nächsten Tage wiederzukommen, dann würde man für den hochgeschätzten Gelehrten aus Schweden alles tun, was man nur konnte,

Auf dem Heimweg vom Rathaus schwemmte eine dunkle Flutwelle im Hirn des Dozenten ein Wort aus dem Unterbewußtsein herauf: Einbalsamierung. Mit einem Male wußte er, warum er den Bedienten in der Villa gefragt hatte, ob Allan einbalsamiert worden sei.

Vor vielen Jahren, als er die ersten Anfangsgründe seiner Wissenschaft studierte, hatte er sich auch mit den verschiedenen Formen der Einbalsamierung bekannt gemacht, da diese ja zu den Begräbnisbräuchen vieler Völkerschaften gehört. Er hatte sogar gelernt, eine einfachere Balsamierung selbst notdürftig vorzunehmen. Die primitivste Form der Einbalsamierung, die es gibt, besteht in einer Karboleinspritzung in die Halsader.

Allan Vanloo war nach Aussage des Bedienten nicht einbalsamiert worden. Dennoch hatte Lütjens – daran erinnerte er sich jetzt, und das mußte seine Frage veranlaßt haben – einen leisen Karbolgeruch in dem Zimmer, in dem Allan seinen letzten Schlummer schlief, zu verspüren geglaubt. Hatte sich der Doktor in einer Karbollösung die Hände gewaschen? Das war nicht sehr wahrscheinlich, ein moderner Arzt hat zeitgemäßere Desinfektionsmittel zu seiner Verfügung.

Also? Aber das Gehirn des Dozenten glaubte vorderhand genug geleistet zu haben und weigerte sich, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

3

Das Begräbnis fand in aller Stille statt. Der skandinavische Kriminalklub war nur durch Kränze vertreten.

Am nächsten Tag beim Frühstück bekam Lütjens den Besuch Christian Ebbs. Der blonde Bocksschopf des Dichters hing düster herab, und seine Augen hatten etwas von ihrem Gletscherglanz verloren.

»Ich grüble mich noch krank über diese Sache!« waren seine ersten Worte. »Daß da etwas faul ist, davon bin ich felsenfest überzeugt. Aber wie es zusammenhängen kann, das geht über meinen Verstand! Eine Zeitlang dachte ich an Jeannine. Ich kann mir ein Motiv für Jeannine vorstellen, sowohl im Fall Arthur wie im Fall Madame Vanloo. Ich kann mir auch eine Möglichkeit vorstellen. Aber wenn wir zu Allan kommen, sehe ich weder das eine noch das andere – schon gar nicht ein Motiv! Wenn wir nur erfahren könnten, was an jenem ersten Abend, an dem Arthur starb, vorgegangen ist! Ich bin überzeugt, das würde der Schlüssel zu dem Ganzen sein!«

»Hm«, erwiderte der Dozent.

»Gestern«, fuhr der Dichter fort, »sah ich Martin, ohne daß er mich sah. Ich fange an, mich zu fragen, ob nicht am Ende der hinter dem Ganzen steckt! Er war ganz einfach außer sich vor Angst! Sie leuchtete ihm förmlich aus den Augen. Unablässig sah er sich um, als ob er erwartete, im nächsten Augenblick verhaftet zu werden. Er kam von Titine, und das Sonderbare war, daß er bar bezahlt hatte, anstatt aufschreiben zu lassen, wie es seine Gewohnheit ist!«

»Bar bezahlt?« sagte der Dozent. »Da haben Sie recht, das wirkt sonderbar. Die Großmutter dürfte ihm kaum einen Vorschuß auf sein Erbteil gegeben haben. Aber wenn er vor Angst außer sich war, wie Sie sagen, kann das ja einen einfachen Grund haben. Haben Sie nicht das eine bedacht: Wenn die Ereignisse so fortgehen, wie sie begonnen haben, und wenn er nicht dahinter steckt, so ist doch jetzt die Reihe an ihm!«

Ebb durchschauerte es.

»An ihm oder dem jungen John. Sie vergessen den jungen John!«

»Ich vergesse ihn nicht«, antwortete Lütjens mit einer eigentümlichen Betonung. »Und weil wir gerade vom jungen John reden, ich habe zumindest eines der Probleme gelöst, nämlich das mit den vier Sorten Tabakasche in Arthurs Zimmer. Es war der junge John, der den türkischen Zigarettenstummel zurückließ.«

Ebb fuhr auf. »Wieso wissen Sie das?«

»Durch einen reinen Zufall. Ich pflege nicht Klatsch weiterzutragen, aber ich bin der Ansicht, daß Sie in dieser Sache ebensoviel wissen müssen wie ich, da Sie doch die erste Spur gefunden haben. Aber ich warne Sie davor, meinem Bericht zuviel Bedeutung beizulegen!«

Und er erzählte von dem Freiluft-Rendezvous, dessen unfreiwilliger Zeuge er geworden war.

Der Dichter starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

»Und Sie warnen mich davor, die Bedeutung dieser Sache zu überschätzen? Soviel ich verstehe, löst sie das Rätsel des ersten Abends – mit Arthurs Tod!«

»Wie das? Lassen Sie mich hören!«

»Aber das ist doch sonnenklar«, begann Ebb. »Wir hatten vier Sorten Asche als Beweis, daß an jenem Abend mindestens vier Personen in Arthurs Zimmer anwesend waren. Er selbst rauchte Virginiazigaretten. Allan Havannazigarren und das Mädchen Jeannine Caporal. Nun sagen Sie, daß John türkische Zigaretten raucht. Da wir sowohl Arthur wie Allan ausschalten können, ist es wohl klar, das Mädchen und der junge John haben –«

»Haben was?« ermunterte der Dozent.

»Zum Teufel – Sie wissen doch, gerade so gut wie ich, daß jemand in der Villa sich ein Paket mit Medikamenten von der Firma Poulenc in Paris verschafft hat!«

»Das wissen wir dank Ihnen«, bekräftigte Lütjens. »Aber wir haben noch keine Ahnung, was das Paket enthalten haben kann – wenn es auch vielleicht eine Chance gibt, sich über diesen Punkt Klarheit zu verschaffen. Vorgestern gab ich einen rekommandierten Brief an die Firma auf und erkundigte mich nach einem Paket mit ihrem Firmenaufdruck, das in der Zeit zwischen dem achtzehnten Februar und dem vierten März nach Mentone abgesandt worden war.«

Ebb starrte ihn an.

»Wie kommen Sie zu diesen Daten? Wie können Sie auch nur annähernd sagen, wann das Paket abgesandt wurde?«

»Das kann ich auf Grund zweier überaus einfacher, aber unumstößlicher Tatsachen«, erwiderte der Dozent lächelnd. »Erstens braucht die Post von Paris nach Mentone zwei Tage. Zweitens haben Zinerarien eine Wachstumskurve, die es ermöglicht, die Zeit fast ebenso genau zu bestimmen wie eine Sonnenuhr – oder Freund Trepkas Whiskys. Die Person, die das Papier wegwarf, wünschte nicht, daß es gesehen werde. Die Blätter der Zinerarien müssen mit anderen Worten die Erde so gut wie ganz und gar bedeckt haben. Durch gewisse botanische Forschungen habe ich mich überzeugt, daß das Datum, zu dem dies der Fall war, frühestens auf den zwanzigsten Februar gefallen sein muß. Wenn wir uns erinnern, daß der erste Todesfall sich am sechsten März ereignete, so werden Sie begreifen, wie ich zu meinen zwei Zeitbestimmungen gekommen bin.«

Die gletscherblauen Augen drückten eine Bewunderung aus, die den Dozenten veranlaßte, verlegen seine Augengläser zu putzen.

»Und Trepkas Whisky hat Sie auf die Idee zu dieser Berechnung gebracht?«

»Bleiben wir beim Hauptthema«, bat Lütjens. »Ein Paket, das, wie wir annehmen, unerlaubte Medizinalwaren enthalten hat, ist in dem genannten Zeitraum nach Mentone gekommen. Wir nehmen ferner an, daß Fräulein Jeannine und der junge John an jenem verhängnisvollen Abend einen Besuch in Arthurs Zimmer abgestattet haben und daß sie im Einverständnis waren. Da sie ineinander verliebt sind, ist das ja nicht so schwer zu denken. Aber wie sollen sie es anstellen, Arthur zu vergiften? Wenn Sie sich in die Sache hineinzudenken suchen, werden Sie bald vor unübersteiglichen Schwierigkeiten stehen. Gewalt ist ausgeschlossen und List kaum leichter denkbar im Hinblick darauf, daß im Zimmer keinerlei Getränke konsumiert wurden. Nein – ich habe meine eigene Theorie über das, was sich an jenem Abend zugetragen hat. Ich habe zufällig ein paar Worte zwischen Arthur und John aufgeschnappt, als wir uns nach unserem ersten Abend in der Villa verabschiedeten. John verlangte von seinem Vetter die eine oder andere Aufklärung und erhielt die Vertröstung: ›Später.‹ Wir wissen ja, daß John Arthurs getreuer Paladin bei seiner politischen Propaganda war und ihm eine förmliche Heldenverehrung entgegenbrachte. Ich denke mir, daß irgend etwas vorgefallen sein kann, das dem jungen John die Augen dafür geöffnet hat, daß der Panzer seines Helden Risse aufwies – vielleicht, daß sein politischer Eifer weniger auf Überzeugung beruhte als auf der Lust, mit Fräulein Jeannine zu flirten … John kommt in Arthurs Zimmer, um die versprochene Aufklärung zu erhalten, findet aber Jeannine dort – ihre Anwesenheit ist ja durch die Fußabdrücke in dem Beet nachgewiesen. Sie sprechen miteinander, und mittlerweile findet sich Allan ein, vielleicht um dem Bruder seine ehrliche Ansicht über dessen Plakatierung zu sagen. Als er den jungen John, den ›Stolz der Familie‹, in Gesellschaft eines Kommunistenmädels aus Arthurs Kreis findet, gerät er außer sich, wirft seine Zigarre hin, stürzt in das Café hinunter, wo er seinen Bruder Arthur weiß, schleudert ihm seine Meinung ins Gesicht und kehrt dann nach Hause zurück. Die beiden jungen Leutchen sind inzwischen verschwunden, nur ihre Zigarettenstummel zurücklassend. Arthur kommt nach Hause, und am nächsten Morgen befinden sich im Zimmer die verschiedenen Tabakreste – und ein toter Salonkommunist.«

»Großartig!« sagte der Dichter, der mit weit aufgerissenen Augen zugehört hatte. »Da ist nur eine Sache, die Sie, soviel ich sehe, vergessen haben, nämlich warum man einen toten Salonkommunisten anstatt eines lebenden vorgefunden hat!«

»Sie irren«, antwortete Lütjens. »An diese Sache denke ich die ganze Zeit.«

»Wollen Sie mir dann nicht den Grund angeben?«

»Ich hoffe, es übermorgen zu können.«

»Immer schöner und schöner! Sie entpuppen sich ja als der geborene Meisterdetektiv!« bewunderte ihn der Dichter nicht ohne Ironie in der Stimme.

»Ach nein, ich mache keinen Anspruch auf Lord Peters oder Vater Browns Lorbeeren. Ich bin ein Fachgelehrter, und ich habe Gelegenheit gefunden, meine diesbezüglichen Kenntnisse in etwas unerwarteter Weise hier verwerten zu können. Außerdem auch noch mein Wissen auf einem Gebiet zu erweitern, das unser Freund Trepka mit überlegener skandinavischer Meisterschaft zu beherrschen glaubt.«

»Napoleon auf Sankt Helena? Es würde mir wirklich Spaß machen, wenn Sie ihm auf seinem eigenen Gebiet eins versetzen könnten! Wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen eigentlich den Anstoß zu Ihrer Theorie über Arthurs Tod gegeben hat?«

»Aber gern«, erwiderte der Dozent mit einem Lächeln. »Es waren zwei Worte Trepkas über die Statuette auf Ihrem Schreibtisch – den Gott des Wohlbefindens. Aber sagen Sie es ihm nicht! Sonst entkomme ich nicht lebend seinen Sarkasmen!«

Der Dichter Ebb starrte seinen schwedischen Kollegen mit einem Gesicht an, das deutlich fragte, ob er sich etwa über ihn lustig mache. Aber bevor er seine Gedanken noch in Worte kleiden konnte, öffnete sich die Speisezimmertür und ließ den Repräsentanten Dänemarks im Kriminalklub ein. Er hielt einen Brief in der Hand und trat überaus geschäftsmäßig auf.

»Vor einem Augenblick habe ich dies hier erhalten«, sagte er. »Vermutlich wird Ihnen, meine Herren, das gleiche zugehen, wenn es nicht schon der Fall war.«

Der Brief kam aus der Villa Longwood und enthielt den Dank der alten Mrs. Vanloo für die anläßlich des letzten Trauerfalls erwiesenen Aufmerksamkeiten – »ich hätte Ihnen persönlich danken sollen, doch meine Gesundheit ist nicht mehr so, wie sie war, aber es würde mich freuen, wenn Sie Zeit fänden, mich übermorgen aufzusuchen. Da Ruinen sich bei Abendbeleuchtung am besten machen, bitte ich Sie, zur selben Zeit wie letzthin zu kommen. Sie sehen, mein Freund, daß eine Frau nie ihre Koketterie vergißt.«

»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte Trepka. »Ich reise in den nächsten Tagen ab, und da halte ich es für korrekt, mich zu verabschieden.«

»Ist das Ihr einziger Grund?« erkundigte sich Lütjens mit Malice in der Stimme.

»Natürlich! Welchen Anlaß sollte ich sonst haben, hinzugehen? Wenn ihr die Einladung annehmt, geschieht es natürlich, um das ›Mysterium Vanloo‹ eingehender zu erforschen! Ich nehme an, daß ihr noch weitere Katastrophen erwartet!«

»Wollen Sie in Abrede stellen …«

»Ich stelle gar nichts in Abrede, lieber Ebb, aber ich behaupte auch nichts über Dinge, von denen ich nichts weiß. Mit Ihren Theorien erinnern Sie mich an die berühmte Stickstoffabrik in Ihrer Heimat Norwegen, die sich das Material zu ihrer Produktion direkt aus der Luft holt.«

»Es ist mir eine Ehre, mit der norwegischen Hydro verglichen zu werden«, bemerkte Ebb etwas pikiert. »So viel ich weiß, stehen die Aktien auf fünfhundert.«

Der Dozent schlug sich an die Stirn, so daß es dröhnte. »Wie konnte ich das nur vergessen?« rief er.

»Vergessen? Was?«

»Die letzte Neuigkeit aus der Villa! Den Diebstahl der Napoleonreliquien!«

»Den Diebstahl der Napoleonre …«

»Ja!«

Und er erzählte, was er von dem Verschwinden der kaiserlichen Souvenirs wußte. Ebb und namentlich Trepka bestürmten ihn mit Fragen, aber da er nur das wußte, was er von dem Bedienten gehört hatte, war es ihm nicht möglich, sie zu beantworten. Ebb starrte den Bankmann an.

»Sie und ich waren gestern abend, bevor die Reliquien wegkamen, in der Villa zu Gaste …«

»Sie meinen, daß wir in den Verdacht kommen können?«

»Sind Sie nicht ein berühmter Sammler von Napoleonerinnerungen? Und bin ich nicht ein glühender Napoleonschwärmer?«

Trepka ließ ein Hohngelächter hören.

»Wahnwitz! Ebenso wahnsinniger Wahnwitz wie Ihre anderen Spekulationen!«

»Meine Herren!« bat eine flehende Stimme. »Meine Herren!«

Der Bankmann drehte sich blitzschnell zu Lütjens um.

»Ich sah Sie gestern morgen ins Rathaus hineingehen. Ich wartete eine geschlagene Stunde darauf, Sie wieder herauskommen zu sehen, aber Sie kamen nicht! Waren Sie zu einem Polizeiverhör anläßlich des Diebstahls in der Villa vorgeladen?«

»Ich dürfte der einzige von uns dreien sein, der in dieser Hinsicht ein klares Alibi beibringen kann«, erwiderte der Dozent sanftmütig. »Wenn ich im Rathaus war, so hat dies seinen Grund darin, daß wir nicht alle in der Lage sind, der Firma Schüttelmann carte blanche zu geben, wenn es sich darum handelt, Informationen zu beschaffen.«

»Sie gucken anderen Leuten in die Papiere?« schrie der Bankdirektor.

»Höchst selten. Nur wenn sie mir mit gutem Beispiel vorangehen!«

»Es ist ein Unterschied zwischen Büchern und privaten Notizen.«

»Zugegeben. Darum habe ich mich ja auch erboten, Ihnen mein Wissen zur Verfügung zu stellen.«

»Hahaha!« lachte Trepka stürmisch. »Um mühelos zu meinem Wissen zu gelangen! Setzen Sie Ihre Studien im Rathaus nur fort, lieber Freund – und lassen Sie mich das Resultat wissen, wenn wir uns übermorgen wiedersehen!«

»Das werde ich«, versprach der Dozent.

Der Bankmann stürmte aus dem Speisesaal. Lütjens sah auf die Uhr.

»Haben Sie ein Rendezvous?« fragte Ebb und betrachtet erstaunt eine Seidenpapiertüte, die der goldbetreßte Pikkolo eilig herbeibrachte und die ein Blumenbukett zu umschließen schien.

»Ja«, antwortete sein schwedischer Kollege ernsthaft. »Das habe ich, aber nicht mit einer Dame, sondern mit einem Arzt.«

»Bringen Sie dem Doktor Blumen mit?« rief der Dichter. »Mir scheint, hol mich der und jener, Sie stehen da und halten mich ganz einfach zum Narren! Zuerst sagen Sie, daß eine Statuette auf meinem Schreibtisch Sie auf die Idee einer Lösung des Rätsels gebracht hat, und jetzt wollen Sie mir sogar einreden, daß Sie dem Doktor Blumen bringen!«

»Nichtsdestoweniger ist beides mein voller Ernst«, beteuerte Lütjens, indem er verschwand. Und wenn es in seinen braunen Augen aufleuchtete, dann jedenfalls nicht humoristisch. Das mußte Ebb zugeben.

4

Zwei Tage später nahm sich der skandinavische Kriminalklub gemeinsam ein Auto zur Villa. Als man das kleine Konditorei-Café passierte, dem der Dozent einmal einen Besuch abgestattet hatte, zuckte Lütjens bei dem Anblick zweier wohlbekannter Profile hinter der Scheibe zusammen: der junge John und Jeannine! Sie hatten diesmal die Zigaretten mit der Backwerkplatte vertauscht und schienen in diese Form der Unterhaltung sehr vertieft zu sein. Niemand außer dem Dozenten hatte sie bemerkt. Einen Augenblick verspürte dieser Lust, Ebb auf das Paar aufmerksam zu machen, unterdrückte jedoch diesen Impuls und schwieg. Vielleicht kam ihm seine Beobachtung später im Lauf des Tages noch zupaß.

Der Park lag in Sonnenuntergangsbeleuchtung da, als sie zur Villa hinauffuhren. Martin Vanloo empfing sie auf der Vortreppe zum »Parloir« ganz wie bei ihrem ersten Besuch. Er schien seither um zehn Jahre gealtert zu sein. Er redete fieberhaft, machte plötzliche Pausen, in denen er sich umsah, als erwartete er, irgend etwas Erschreckendes zu sehen, und es schien ihm sehr schwer zu fallen, seine Sehnsucht nach dem rollenden Cocktailtisch zu maskieren.

»Hallo, Ebb – lange nicht gesehen, aber nicht meine Schuld, habe seit letzthin wie in einem Traum gelebt – einem Alptraum übrigens. Hallo, Lütjens, hallo, Trepka! Nett, daß Sie gekommen sind, wenn das Haus auch in letzter Zeit einen Teil seiner Sehenswürdigkeiten verloren hat, denke dabei nicht nur an meine betrauerten Brüder, sondern auch an andere Dinge – aber darüber werden Sie sicher genug von Granny hören! Sie kennen den Weg – ja, richtig, Trepka kannte ihn ja schon, ohne ihn gesehen zu haben. Treten Sie ein – Granny erwartet Sie im Salon!«

Sie saß so wie bei jenem ersten Besuch im Fond des Zimmers in einem tiefen Fauteuil, die Füße auf einem Ebenholzschemel gekreuzt, einen gelben Fächer in der Hand. Neben ihr im Kamin brannte ein Feuer, aber durch die Fenster strömte die Luft des Frühlingsabends unbehindert ein, schwer von Düften aus den Rosenbeeten und den die Mauern umrankenden Glyzinien. Sie grüßte die Herren mit einem leichten Lächeln von erlesener Höflichkeit und dankte ihnen für ihr Kommen.

Sie erwiderten die Liebenswürdigkeiten nach Maßgabe ihrer Kräfte, und der Bankdirektor erwähnte, daß sein Besuch jedenfalls eine Abschiedsvisite sei, da er am nächsten Tag abreisen würde.

»Ist die Zusammenarbeit in dem famosen Kriminalklub denn schon zu Ende?« erkundigte sie sich. »Ich finde doch, Sie sollten ein wenig länger bleiben und von der Theorie zur Praxis übergehen. Haben Sie nicht von dem Verschwinden meiner Reliquien gehört? Sehen Sie meine Vitrinen an! Sie, Herr Trepka, können am besten ermessen, was ich verloren habe!«

Er kam der Aufforderung nach und schüttelte den Kopf.

»Es tut mir wirklich unendlich leid für Sie. Der Brief von Napoleon an Balcombe ist da – das ist ein Trost. Aber sonst –«

»Sie haben recht«, nickte sie. »Man hat so ziemlich reinen Tisch mit allen Kostbarkeiten gemacht, die direkten Handelswert haben.«

»Und man hat keinerlei Spuren?«

Sie zuckte die Achseln. »Doch, unsere ausgezeichnete Polizei behauptet es! Aber da es sich herausgestellt hat, daß die Wohnungstüren in dieser Nacht offenstanden, werden Sie selbst einsehen, daß die Spuren recht vieldeutig sein müssen. Es ist meine eigene Schuld. Ich hätte einen Diener, der beinahe gleichaltrig mit mir selbst ist, nicht behalten sollen. Das Alter hat mich vergeßlich gemacht. Ich kann ihn nicht dafür tadeln, daß es auch ihn vergeßlich gemacht hat.«

Sie sagte es mit einem Lächeln, aber man merkte ihr an, daß der Verlust ihr sehr zu Herzen ging. Ebb murmelte etwas, wie daß die Sache für ihn um so peinlicher sei, als er am Abend zuvor in der Villa zu Gast gewesen war – der Verdacht könne sich ja ebensogut gegen ihn und Trepka richten wie gegen irgendeinen anderen. Aber diese Worte vermerkte sie übel.

»Genug!« schnitt sie ihm mit einer Geste des Fächers das Wort ab. »Nicht eine Silbe mehr, wenn wir gute Freunde bleiben sollen – was ich hoffe!«

Der Dozent beugte weiteren Selbstanklagen seitens Ebb vor. Er stand hinter dem Fauteuil der alten Dame und war in das Studium einer Zeichnung vertieft, die an der Wand hing.

»Madame«, sagte er, »ich sehe mit Vergnügen, daß nicht alle Ihre Kostbarkeiten verschwunden sind. Sie haben noch den Balcombe-Brief, und Sie haben noch diese Zeichnung. Sie ist mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen, und ich möchte beinahe glauben, daß sie eine zumindest ebenso große Rarität ist wie die Kameen und Schnupftabakdosen mit dem Bildnis des Kaisers!«

Sie wandte erstaunt den Kopf. Bei dem Anblick der Zeichnung, von der er sprach, machte sie ein verwundertes Gesicht.

»Dieses kleine Ding finden Sie so interessant? Es ist ein Andenken jenes Vanloo, der die Villa gebaut hat. Aber ich muß gestehen, ich habe nie daran gedacht, daß sie besonders wertvoll sein könnte!«

»Sie irren, Madame. Sie hat einen dokumentarischen Wert, der kaum hoch genug angeschlagen werden kann.«

»Ich staune mehr und mehr. Wollen Sie nicht erklären, warum?«

»Gern! Da ich aber erst in allerletzter Zeit Napoleon ernstlich zu studieren begonnen habe, möchte ich Herrn Direktor Trepka bitten, mich zu korrigieren, wenn ich etwas Falsches sagen sollte!«

Der Bankdirektor versprach es, indes ein Zug grausamer Befriedigung um seinen Amormund spielte.

»Die Zeichnung stellt, wie wir sehen, einen beleibten älteren Herrn in roten Pantoffeln und einem mächtigen Strohhut dar. Er hat einen Spaten in der Hand und arbeitet, umringt von seinen Untergebenen, in einem Gärtchen. Wenn wir diese Untergebenen näher betrachten, merken wir, daß es Chinesen sind, und sehen wir den Mann mit dem Spaten näher an, entdecken wir, daß es derselbe Mann ist, vor dem ganz Europa zwanzig Jahre lang zitterte. Der Adlerblick und das Zäsarenprofil ist dahin, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß dies Napoleon ist.«

Trepka räusperte sich. »Es existiert ein berühmtes Bild von Horace Vernet, das dasselbe Motiv hat«, bemerkte er trocken. »Insoweit kann ich die Ursache von Freund Lütjens Begeisterung nicht verstehen. Ich vermute, daß sie irgendeinen besonderen Grund hat, und ich warte mit Spannung darauf, ihn zu hören!«

»Der Grund«, sagte der Dozent bereitwillig, »ist folgender: Diese Zeichnung ist eine Kopie von Horace Vernets Bild, das ich zufällig kenne. Sie ist ein Original. Schon dadurch hat sie großen Wert als Zeitdokument. Aber dieser Wert wird noch im höchsten Grade durch einen anderen Umstand gesteigert. Die Zeichnung ist nicht von einem Franzosen, sie ist von einem Chinesen gemacht.«

»Was in aller Welt sagen Sie da?«

Die alte Dame und Trepka riefen es zu gleicher Zeit. Statt aller Antwort hob der Dozent behutsam das Bildchen von seinem Platz und reichte es zur näheren Besichtigung dar.

»Ich bitte Sie, mir aufs Wort zu glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich im Zusammenhang mit meinen beruflichen Forschungen recht gründlich mit der Kunst des Fernen Ostens befaßt habe. Aber auch jemand, der nur ganz oberflächlich mit dieser Kunst bekannt ist, muß sehen können, daß die Zeichnung hier von einem Chinesen herrührt. Sie hat die feinen Farbentöne und subtilen Konturen, die diese Kunst auszeichnen. Aber sie hat auch etwas anderes, das noch entscheidender ist. Es fehlt ihr die Perspektive! Der Kaiser in seinen roten Pantoffeln und seinem großen Strohhut, die Arbeiter, die ihm zuhören, und die Bäume im Garten sind in derselben Ebene gesehen, und das ist es, was den Unterschied zwischen der Kunst des Westens und der des Ostens ausmacht.«

Lütjens machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Ich will so weit gehen, zu konzedieren, daß die Zeichnung vielleicht nicht von einem waschechten Chinesen ausgeführt ist, sondern von jemandem, der in China aufgewachsen ist oder seine ganze Ideeneinstellung von China erhalten hat. Aber weiter kann ich unmöglich gehen.«

Der Bankdirektor lachte schrill auf. »Unerhört! Kolossal! Und was wissen wir, wenn wir das wissen – falls wir es nun wissen! Daß es auf Sankt Helena Chinesen, ja sogar viele Chinesen gegeben hat, ist allgemein bekannt. Daß Napoleon Chinesen in seiner nächsten Umgebung hatte, ist ebenfalls bekannt. Zwei der Köche in Longwood waren Chinesen. Chinesische Arbeiter waren unter der Oberaufsicht des Kaisers im Garten beschäftigt – Horace Vernets Bild bestätigt dies, wenn man etwa noch daran gezweifelt hätte. Daß es unter diesen Chinesen einen gegeben haben kann, der eine kolorierte Zeichnung Napoleons gemacht hat, und daß diese Zeichnung nach Europa gelangt sein kann, will ich auch ohne besondere Proteste hinnehmen. Aber ich frage nur: Was beweist dies über das hinaus, was man schon von allen möglichen anderen Seiten gewußt hat?«

Er starrte das schwedische Mitglied des Kriminalklubs herausfordernd an. Mistreß Vanloos Fächer, den sie ganz still vor sich hingehalten hatte, begann sich wieder zu bewegen.

»Was dies beweist?« fragte Lütjens, indem er die Zeichnung wieder an ihren Platz hängte. »Welthistorisch gesehen vielleicht nicht so sehr viel. Aber auf alle Fälle doch einiges, das für uns von Interesse sein kann! Erstens gibt sie ja in einer blitzartigen Vision ein handgreifliches Bild des Schicksals der gefallenen Majestät. Noch vor einigen Sonnenumläufen war er der Herr der Welt gewesen – Herr über alles, was Europa an Ruhm, Gold und Macht zu bieten hatte. Aber dennoch hatte er sein ganzes Leben lang – das wissen wir durch ihn selbst – vom Osten geträumt! Im tiefsten Grunde verachtete er Europa und die lächerlichen Reiche, die man da erbauen kann. Von Ägypten aus hatte er gegen Indien und China ziehen wollen, um ein Reich wie das Dschengis Chans zu gründen. Und wenn er bei Moskau gesiegt hätte, würde er es auch versucht haben. Aber seine erste wirkliche Begegnung mit dem Osten fand auf einer Insel im Atlantischen Ozean statt – in Gestalt eines Dutzends gelber Köche und Gartenarbeiter, die seinen ewigen Feinden, den Engländern, Untertan waren.«

»Schön, schön«, sagte der Bankmann ungeduldig. »Aber wohin wollen Sie damit kommen?«

»Zu einem recht entscheidenden Punkt«, antwortete Lütjens, »nämlich zur Einsamkeit des Kaisers. Oberflächlich gesehen war er von lauter Freunden umgeben – ergebenen Anhängern, die ihm bis ans Ende der Welt gefolgt waren, um seine Mühen zu teilen, und die ihm zuliebe auf alles verzichteten, Familie, Vaterland und Zukunft. Aber als der Menschenkenner, der er war, wußte er ganz genau, wie es in Wirklichkeit bestellt war. Er kannte besser als irgend jemand die egoistischen Beweggründe aller dieser ›Anhänger‹, er wußte, daß sie Bezahlung erwarteten. Sollte das Unglaubliche geschehen und er jemals nach Frankreich zurückkehren, dann waren sie natürlich ihres Lohnes sicher. Inzwischen balgten sie sich um Gagen, Geschenke, Pensionen und Gunstbezeigungen. Da war nicht einer unter ihnen, auf den er sich voll und ganz verließ. Einer der ›Getreuen‹ nach dem anderen verschwand unter den verschiedensten Vorwänden nach Europa, und die blieben, vergaßen nicht, sich ihre ›Treue‹ in klingender Münze bezahlen zu lassen – und in Versprechungen, im Testament des Kaisers bedacht zu werden!«

»Ich verstehe noch immer nicht, wohin Sie kommen wollen«, protestierte Trepka. »Sie haben damit angefangen, von einer Zeichnung zu reden, die Ihrer Behauptung nach von einem Chinesen gemacht ist, und jetzt sind Sie glücklich bei Napoleons Testament angelangt!«

»Und dahin wollte ich eben kommen!« lächelte der Dozent. »Es ist nämlich, psychologisch gesehen, eines der seltsamsten Dokumente, die ich kenne. Ich erinnere mich, daß wir einmal davon sprachen, wie sonderbar es doch ist, daß der gestürzte Weltherrscher und sein Gefolge nicht über mehr als zweihundertfünfzigtausend Francs verfügten, als sie an Bord des Fahrzeugs gingen, das sie nach England brachte. Heutzutage pflegt ja der schundigste südamerikanische Präsident, wenn er sich aus dem Staube macht, für diese Seite der Angelegenheit vorgesorgt zu haben!«

»Verstehn Sie denn nicht!« rief Ebb, »daß ein gefallener Titan an anderes zu denken hat als an Geld?«

»Ich könnte es verstehen«, beschwichtigte ihn der Dozent. »Aber das Seltsame ist, daß der Titan wirklich an diese Sache gedacht hatte! Er war außerordentlich gut mit Geld versehen, selbst nach dem heutigen Maßstab.«

»Gehen Sie auch zu Trepkas Krämerstandpunkt über?« rief der Dichter. »Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet!«

»Ich überlasse es unserem Freund Trepka, seinen Standpunkt selbst zu verteidigen. Ich berichte nur über die Resultate meiner Studien. Und die lassen keinen Zweifel daran zu, daß der Gefangene von Sankt Helena sehr gut für seine Finanzen gesorgt hatte.«

»Beweise!« rief Ebb mit blitzenden Augen.

»Die sollen Sie sofort haben. Der englische Staat hatte seinen Unterhalt mit achttausend Pfund jährlich festgesetzt, Napoleon aber bezeichnete das als unzureichend. Hudson Lowe machte sich erbötig, die Summe aus eigener Machtvollkommenheit auf zwölftausend Pfund zu erhöhen. Was tat Napoleon? Er erbot sich, seinen ganzen Unterhalt selbst zu bestreiten, wenn man ihm erlaubte, in versiegelten Briefen mit Europa zu korrespondieren.

In England war man überzeugt, daß der Kaiser mindestens zehn Millionen an sicheren Stellen deponiert hatte!«

»Vermutungen! Ammenmärchen!«

»Und Napoleons Ausruf, als er Ney in Rußland verschollen glaubte: ›Welcher Mann! Welcher Soldat! Ich habe dreihundert Millionen in den Kellern der Tuilerien liegen. Ich würde sie alle dafür hingeben, ihn wiederzuhaben!‹«

»Das war achtzehnhundertzwölf! Das war vor Waterloo!«

»Sie zwingen mich, zu dem Testament von Sankt Helena zurückzukehren. Ich habe schon gesagt, daß es, psychologisch gesehen, ein überaus interessantes Dokument ist. Aber auch ökonomisch ist es von Interesse. Wissen Sie, wie groß die Summe ist, die Napoleon darin vermacht? Sechs Millionen Francs in bar – ein ganz nettes Sümmchen in der damaligen Valuta, oder meinen Sie nicht, lieber Poet?«

Ebb drehte sich blitzschnell zu Trepka herum. »Ist das wahr?«

Der Bankdirektor nickte gleichgültig.

»Vollständig richtig! Sechs Millionen, die Napoleon bei der Bankfirma Laffitte stehen hatte – oder richtiger stehen zu haben glaubte. Bei der Ausbezahlung ergaben sich etliche Komplikationen. Aber ich verstehe noch immer nicht, wohin unser Freund, der Religionshistoriker, kommen will, oder welcher Zusammenhang zwischen Napoleons Testament und einer angeblich chinesischen Zeichnung besteht.«

Ebb schwieg benommen. Der Dozent nahm den Faden wieder auf. »Gestatten Sie mir, die Verteilung dieser Millionen zu erwähnen. Sie erscheint mir nämlich besonders charakteristisch. Von den Personen, die nach Sankt Helena mitgingen, bekommt Graf Montholon zwei Millionen, Marschall Bertrand eine halbe Million, der Kammerdiener Marchand vierhunderttausend, andere Diener Summen von hunderttausend und darunter. Schließlich hinterläßt der Kaiser Beträge von hunderttausend Francs Personen, die ihm in seiner Jugend geholfen haben, sowie den Nachkommen einiger Soldaten, die für ihn gefallen sind. Wenn noch ein Rest verbleibt, soll er den Invaliden von Waterloo und Elba zufallen. Das ist alles! Und finden Sie nicht gleich mir, daß dieses Dokument etwas psychologisch so Überraschendes ist, als man sich nur denken kann?«

Der Dichter Ebb erwachte wieder zum Leben.

»Ich glaube zu verstehen, was Sie meinen … die Familie fehlt gänzlich im Testament! Es ist ja nicht das erstemal, daß eine Familie Enttäuschungen dieser Art erlebt – und wenn man bedenkt, um welche Familie es sich hier handelt …«

»Lassen Sie mich allen luftigen Theorien à la ›norwegische Hydro‹ vorbeugen«, bat er. »Napoleon war nicht umsonst Italiener. Die Familie war sein ein und alles. Aber für die Finanzen der Familie hatte er schon auskömmlich gesorgt, als er noch Kaiser war – Joseph, Lucien, Jérôme, Pauline, alle hatten sie ganze Vermögen erhalten, Madame Lätitia, seine geliebte Mutter, nicht zu vergessen. Nein, die Familie hatte keinen Anlaß, sich über das Testament von Sankt Helena zu beklagen!«

Er verstummte mit der Miene eines Mannes, der weiß, daß er gesprochen und seine Seele gerettet hat.

»Unser Freund Trepka hat recht wie immer«, sagte der Dozent, »die Familie hatte sich über die Verwandtschaft mit dem Kaiser der Franzosen nicht zu beklagen – das heißt, der Teil der Familie. Aber es gab vielleicht einen, der Anlaß dazu hatte und der auch ein Familienmitglied war. Ich meine Napoleons Sohn.«

Nach dem letzten Wort trat ein kurzes Schweigen ein. Ebb reckte sich auf wie der Veteran, wenn er einen Trompetenstoß hört. Die alte Dame im Fauteuil lächelte träumerisch hinter ihrem Fächer. Trepka räusperte sich.

»Unleugbar«, gab er zu, »enthält das Testament kein Geldlegat für den Sohn des Kaisers. Ihm schenkte Napoleon nur den Mantel, den er bei Marengo getragen, den Säbel, den er bei Austerlitz trug, seine Waffen, seine Feldstecher und die Weckeruhr Friedrichs des Großen, die er aus Potsdam mitgenommen hatte … Aber was beweist das? Nur, was ich immer gesagt habe – daß der, der dieses Testament machte, der größte Theaterregisseur aller Zeiten war und daß die Hollywoodfirmen ihm schwindelnde Summen gezahlt haben würden, wenn er heute gelebt hätte! Er wußte, daß der Sohn in Geborgenheit als österreichischer Erzherzog heranwuchs, er war überzeugt, daß er zur gegebenen Zeit auf den Thron seines Vaters zurückberufen werden würde. Was er wünschte, war nur, die Erinnerung an diesen Vater in ihm lebendig zu erhalten. Und welches bessere Mittel hätte es da gegeben als die Angebinde, die das Testament ihm zudenkt? Noch einmal, ich begreife nicht, wohin unser Freund, der Religionshistoriker, kommen will – was er denn so eigentümlich an dem Testament findet?«

»Dann werde ich es sofort enthüllen! Vor einem Augenblick sagten Sie selbst: Napoleon war nicht umsonst Italiener, die Familie war sein ein und alles. Das ist eine äußerst treffende Bezeichnung des italienischen Charakters. Aber an welchen Teil der Familie denkt ein Italiener zuerst? An seine Kinder! Und wer kommt da in erster Linie? Der erstgeborene Sohn! Napoleons Verhältnis zur übrigen Familie war auf Sankt Helena nicht herzlich, und die Familie bewies ihm ihrerseits eine Gleichgültigkeit, die an Kälte grenzte. Aber einen gab es, für den er lebte und webte, plante und hoffte, und das war sein Sohn! Wir haben zahllose Beweise dafür in den Schilderungen seines Lebens auf der Insel. Und dieser einzige, für den er alles tun will, fehlt in seinem Testament!«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß er nur scheinbar fehlt und daß er als österreichischer Erzherzog –«

»Sie haben es gesagt! Aber ich sage, wenn Sie recht haben, stehen wir vor dem größten Rätsel der Weltgeschichte. Napoleon wußte, wie verhaßt sein Name den legitimen Fürsten Europas war. Er wußte, daß sein Schwiegervater mit voller Absicht seine Tochter von ihm getrennt hatte. Er wußte, daß dieser Kaiser während seiner Gefangenschaft keinen Finger für ihn gerührt hatte. Er wußte, daß sein Sohn nicht zum künftigen Kaiser der Franzosen, sondern gerade zu dem, was Sie sagten, zum österreichischen Erzherzog erzogen wurde. Er hinterläßt ihm seine Waffen, um in ihm die Erinnerung rege zu erhalten, wer er ist und was er werden soll. Gut und schön! Aber kann er wirklich glauben, kann er wirklich hoffen, daß das genug ist, um dem Sohn zu verhelfen, seinen verlorenen Kaiserthron wiederzugewinnen? Mag sein – aber dann ist der Napoleon, der dieses Testament schreibt, ein anderer als der Realist, der eine Reserve von vielen Millionen für sich selbst für den Fall hinterlegt hat, daß er nach Frankreich zurückkehren sollte!«

Wieder wurde es still im Zimmer. Der Fächer in der Hand der alten Dame fiel mit einem leisen Rasseln zusammen, und sie starrte den Dozenten aus weit geöffneten schwarzen Augen an. Der Dichter Ebb warf seinen Bocksschopf zurück und wollte etwas ausrufen, schwieg aber. Wer ihm das Wort aus dem Munde nahm, war abermals Trepka.

»Ich glaube, ich kann einen schwachen Lichtschein im Dunkel erblicken«, sagte er, »wenn er auch mehr an ein Irrlicht erinnert als an irgend etwas anderes. Die Ansicht unseres Freundes, des Religionshistorikers – das Resultat seiner neubegonnenen Napoleonforschungen – scheint zu sein, daß das Testament, das nun über hundert Jahre als der authentische und definitive letzte Wille des Kaisers gegolten hat, es gar nicht ist? Daß es ein geheimes, unveröffentlichtes Kodizill hatte? Daß die Welt eventuell eine Überraschung in dieser Hinsicht erwarten kann? Habe ich recht? Oder mißverstehe ich meinen geehrten schwedischen Kollegen im Kriminalklub?«

Lütjens erwiderte ernst:

»Alles, was ich sagen kann, ist, daß mir das Testament, so wie es jetzt ist, als eine psychologische Ungeheuerlichkeit erscheint! Daß die Welt Überraschungen in Gestalt eines neuen Testaments erwarten kann, wage ich weder zu behaupten noch zu erhoffen. Es sind, wie mein geschätzter Kollege vom Kriminalklub bemerkt, über hundert Jahre vergangen, seit das Testament in seiner vorliegenden Form bekanntgemacht wurde. Wenn ich recht habe – wenn das Testament, so wie es jetzt ist, nicht definitiv war, sondern ein Kodizill gehabt hat, so dürfen wir einen Umstand nicht vergessen: das Kodizill muß einen Exekutor gehabt haben!

Wenn dieser Exekutor im Laufe eines Jahrhunderts nichts von sich hören ließ, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß er sich jetzt zu erkennen gibt!«

»Und infolgedessen läßt sich Ihre sinnreiche Theorie weder beweisen noch widerlegen!« rief der Bankmann. »Und alle Teile können zufrieden sein. Bravo! Bravissimo! Sie und das geehrte norwegische Mitglied unseres Klubs sind zweifelsohne die zwei größten Phantasten, die ich das Vergnügen hatte im Lauf eines relativ langen Lebens kennenzulernen! Hip, hip, hurra, lang lebe die Lütjenssche Napoleonforschung!«

»Ich danke Ihnen für Ihre Huldigung«, antwortete der Dozent, »aber ich muß mich, wie schon so oft, gegen Ihre Art verwahren, vorschnelle Folgerungen zu ziehen. Ich sagte: es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß der Testamentsexekutor sich nach einem Jahrhundert zu erkennen gibt, und das ist eine Wahrheit, die man auch Binsenwahrheit zu nennen pflegt. Der Exekutor wird kaum von sich hören lassen, was aber nicht hindert, daß man ihn eventuell zum Reden bringen kann – über die Zeiten hinweg!«

Der Mund des Bankdirektors verlor aus purer Verblüffung seine Amorettenform. Er starrte den Dozenten wie einen Verrückten an.

»Sie können ihn zum Reden bringen – über die Zeiten hinweg?« wiederholte er. »Sie haben Dokumente gefunden, die Ihre These beweisen? Meinen Sie es so?«

Bevor der Dozent noch antworten konnte, ertönte eine, leise, gebieterische Stimme aus dem Fauteuil:

»Martin, sorge doch dafür, daß deine Gäste etwas zu trinken bekommen! Und sage dann, daß man anrichten kann. Es hat offenbar keinen Zweck, auf John zu warten!«

5

Martin Vanloo hatte dem Gespräch wie geistesabwesend zugehört. Bei den Worten der Großmutter zuckte er zusammen und machte einen Versuch, in seine gewöhnliche Art zurückzufallen. Im Nu hatte er dafür gesorgt, daß der Cocktailtisch hereingerollt wurde, und im nächsten Augenblick war er selbst in voller Tätigkeit mit dem Shaker und den vielfarbigen Flaschen. Ebb folgte fasziniert den Bewegungen seiner Hände, die über die Gläser hintanzten. Die Szene im Park, wo dieser selbe Mann sich in Zauberkünsten geübt hatte, tauchte mit visionärer Klarheit in seiner Erinnerung auf. Was bedeutete sie? Und was bedeutete Martins verändertes Aussehen? Während er die verschiedenen Ingredienzien mischte, war er bestrebt, den Ton anzuschlagen, den Ebb von seinem ersten Besuch in Erinnerung hatte. Er streute im Takt zur Herstellung der Drinks Verse von Swinburne und Shakespeare um sich, aber seine Art fand keine rechte Resonanz, vielleicht, dachte Ebb, weil das Publikum seither zusammengeschmolzen war …

»›Siehe, wir nahen mit Myrrhen und Gesängen, dir zu huldigen, und was sind wir?‹ – einen Bronx Lütjens bitte sehr – ›was unsere Zeit mit ihrer billigen Reue? Was bin ich, was meines Sangs Melodie?‹ Einen Manhattan, Trepka? Hier! ›Ich könnte dich schlagen, es würde nicht schmerzen, liebkosen, du würdest nicht lächeln!‹ – einen Martini, Ebb? Bitte, hier! – ›denn die Männer, die du begehrst, sie winden sich in der Hölle Pein!‹«

Düstere Worte, düsterer Scherz – wenn es Scherz war? War es nicht eher der verzweifelte Versuch eines vor Angst halb wahnsinnigen Mannes, sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren? Und woher kam diese Angst? Von schlechtem Gewissen, wie Ebb angedeutet hatte, oder, wie der Dozent meinte, von dem Gedanken, daß das nächste Mal die Reihe an ihm sein werde?

Aber die Rezitation nahm bald ein Ende. Vielleicht ging sie der alten Mrs. Vanloo auf die Nerven, vielleicht sah sie, daß sie bei den Gästen keinen Anklang fand. Jedenfalls mußte sie wohl unbemerkt auf den elektrischen Taster gedrückt haben, denn plötzlich erschien der Haushofmeister auf der Schwelle.

»Madame wünschen?«

»Kann aufgetragen werden?«

»Jawohl, Madame, wann es Madame beliebt.«

Sie ließ den Blick über die kleine Gesellschaft schweifen.

»Wie ist es, meine Herren? Haben Sie genügenden Appetit, um zu Tische zu gehen?«

Da alle mit Ausnahme von Martin die Frage aus einem Munde bejahten, erhob sie sich von ihrem Fauteuil. Der Haushofmeister riß die Flügeltüren in den Speisesaal auf, sie legte ihre Hand auf Trepkas Arm, Ebb und Lütjens folgten nach.

Aus dem Augenwinkel sah Ebb, daß Martin den Moment, in dem die Großmutter ihm den Rücken kehrte, benützte, um zwei, drei Drinks nacheinander hinunterzustürzen. Noch einmal, wie stand es um den Mann? Aber offenbar hatte die Medizin geholfen, denn als er am Tische Platz nahm, hatte er etwas von seiner früheren Heiterkeit wiedergefunden.

»Wie lautet die Tagesordnung, Granny? Bouillabaisse?«

»Ja, mein Lieber. Ich glaube mich zu erinnern, daß sie unseren Gästen geschmeckt hat.«

Diesmal war die dampfende Suppe beinahe so, wie die alte Dame sie haben wollte. Sie fügte nur ganz wenig Würzen hinzu, bevor sie den Haushofmeister die Teller herumreichen ließ. Während Ebb ihr zusah, schlug ein Gedanke wie ein Blitz in ihm ein: war es möglich, daß sie diesen Augenblick benützte, um irgendein Gift in die Suppe zu mischen? Daß sie es war, die hinter dem Ganzen steckte? Wie in einer Vision glaubte er eine Erklärung all des Unerklärlichen zu sehen, das geschehen war … Arthurs Tod, Allans Tod … aber die Vision verschwand ebenso rasch, wie sie aufgetaucht war. Sie zerstob nach einem Augenblick klaren Nachdenkens. Denn wie hätte sie etwas Derartiges wie das, woran Ebb dachte, tun können? Sie hatten ja alle von derselben Speise gegessen! Wie hätte sie für einen von ihnen giftig, für die anderen unschädlich sein können? Ja, das wäre möglich gewesen, wenn sie jeden Teller separat gewürzt hätte. Aber sie hatte die ganze Terrine auf einmal gewürzt und den Haushofmeister servieren lassen. Nein, es war physisch unmöglich – ganz abgesehen davon, daß ihr Aussehen und ihre ganze Art klar aussprach, daß es moralisch unmöglich war! Seine Phantasie legte sich wieder zur Ruhe. Während er langsam von dem schmackhaften Gericht zu essen begann, hörte er Trepka und Lütjens zu, die ihre frühere Debatte wieder aufgenommen hatten.

»Sie haben so viel von allem möglichen gesprochen, mein lieber Religionsforscher, daß Sie uns eine Sache ganz vergessen ließen, die Sie doch zu erklären versprochen haben, aber nicht erklärten! Welcher Zusammenhang zwischen einer angeblich chinesischen Zeichnung an Madames Wand und einem angeblichen Zusatz zu Napoleons Testament bestehen kann! Sie entkommen uns nicht mit irgendwelchen Taschenspielerkünsten. Sie sind uns die Erklärung noch immer schuldig, und wir verlangen sie von Ihnen. Nicht wahr, Madame? Verlangen wir sie nicht?«

»Doch«, sagte sie mit dem feinen Lächeln, das sie wie eine Elfenbeinstatuette aussehen ließ. »Wir verlangen sie, falls es Herrn Professor Lütjens nicht hindert, seine Bouillabaisse zu genießen.«

»Ich werde das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden«, sagte der Dozent, »und unter dem Nützlichen verstehe ich, daß unserem Freunde Trepka die Aufklärung zuteil wird, deren er nach seinem eigenen Eingeständnis bedürftig ist … Ich kehre zu dem Faktum zurück, von dem ich vorhin sprach, nämlich der furchtbaren Einsamkeit des Kaisers auf Sankt Helena. Es war nicht nur das, daß die Insel Hunderte von Meilen von der nächsten Küste entfernt war und daß die Engländer jeden Punkt, der in Reichweite davon lag, bewachten – sie besetzten sogar eine Insel auf halbem Wege zum Südpol, Tristan da Cunha, um zu verhindern, daß von dieser Seite eine Rettung nahe! Es war auch nicht das, daß Napoleon Tag und Nacht von einer Besatzung von zweitausenddreihundert Soldaten und fünfhundert Offizieren bewacht wurde und daß man einen optischen Telegrafen vor Longwood installiert hatte, um jede Bewegung, die er machte, dem Gouverneur in Jamestown signalisieren zu können. Es war auch nicht das, daß er und seine Umgebung nicht eine Zeile nach Europa schreiben durften, die nicht gelesen und zensuriert wurde. Nein – die Einsamkeit lag zumindest ebenso sehr darin, daß er sich eigentlich auf die Männer, die ihn in die Verbannung begleitet hatten, nicht verlassen konnte. Keiner von ihnen gehörte dem Kreis seiner Vertrauten aus der Großmachtzeit an. Sie waren ihm gefolgt, weil sie hofften, daß er noch einmal nach Frankreich zurückkehren würde. Der Beste unter ihnen, ein Mann, der ihn wirklich anbetete, war General Gourgaud, aber seine Nerven waren der Langeweile in Sankt Helena und den Streitigkeiten zwischen den rivalisierenden Cliquen in Longwood nicht gewachsen, er fuhr nach Europa zurück. Und damit bin ich bei Napoleons Versuch, unter Umgehung der Kontrolle Englands mit Europa in Verbindung zu treten. Wir wissen, daß er drei solche Versuche unternahm, einen mit Hilfe von Gourgaud, einen mit Hilfe von Doktor O'Meara und einen mit Hilfe des Korsen Santini. Nach dem letzten wurde die englische Kontrolle jedoch unerhört verschärft, so daß man eines von beidem annehmen muß: entweder hat Napoleon den Versuch, die Engländer zu überlisten, aufgegeben, da man von keiner weiteren Botschaft hört, oder er hat einen neuen Ausweg gefunden. Und ich wenigstens kann mir nur sehr schwer denken, daß er bei seiner vulkanischen Energie – einer Energie, die durch die Einsamkeit und die Hoffnungslosigkeit der Lage nur noch mehr angespornt wurde – sich damit abgefunden haben sollte, von Hudson Lowe ›in der Stille gehängt‹ zu werden!«

»Aha!« sagte Trepka. »Er hat eine vierte Botschaft abgeschickt? Und diese Botschaft hat ihr Ziel erreicht, da man nichts davon gehört hat, daß sie aufgefangen wurde? Ausgezeichnet! Aber wie hat er es angestellt? Und welchen erdenklichen Beweis können Sie dafür erbringen, daß all dies etwas anderes ist als Hirngespinste?«

Lütjens antwortete mit einer Frage:

»Wie würden Sie, lieber Freund, es angestellt haben, wenn Sie sich in der Lage des Kaisers befunden hätten? Sie haben drei Versuche gemacht, eine Botschaft abzusenden, und Sie sagen sich, daß Sie, wenn Sie es noch einmal versuchen wollen, zu außerordentlichen Mitteln greifen müssen. Wollen Sie sich eines Ihrer Anhänger bedienen, ist die Sache von vornherein verloren. Ihr letzter Beauftragter, Santini, wurde nach Kapstadt gebracht und dort einer solchen Kontrolle unterworfen, daß es ein reines Wunder ist, daß er durchkam. Es gibt nur einen Ausweg: jemanden zu schicken, der Ihnen ergeben ist, aber Ihnen der allgemeinen Meinung nach ganz fremd gegenübersteht, den niemand auch nur im Traum mit Ihnen in Verbindung bringt. Und solche Personen befinden sich in Ihrer nächsten Umgebung. Unter Ihrer Dienerschaft haben Sie etliche, die niemand im Verdacht haben kann, da sie weder Franzosen noch Italiener sind, ja nicht einmal Europäer. Longwood hat einen kleinen Stab von chinesischen Dienern!«

Die Hausfrau ließ ein klingendes Lachen hören.

»Bravo, bravo, bravo! Welchen Märchenerzähler habe ich da unter meinem Dache! Weiter, weiter! Ihr Märchen ist doch noch nicht zu Ende?«

Der Dozent lächelte verschämt.

»Sie sind zu gütig, Madame! Sie bringen mich beinahe in Verlegenheit! Aber da Sie so freundlich sind, mein – hm – kleines Gedankenexperiment zu goutieren, will ich gern zugeben, daß ich es noch ein Stückchen weitergesponnen habe. Ich denke mir, daß der erwähnte Diener in der Villa Longwood die Botschaft und seine Verhaltungsmaßregeln erhält. Er geht zu den Behörden und sagt, daß er sich auf der Insel Geld erspart hat und nun nach dem Osten, von wo er kommt und nach dem er sich zurücksehnt, heimreisen will. Er bekommt die Erlaubnis, zu fahren, und begibt sich vorerst nach Kapstadt. Aber anstatt weiter nach dem Osten, fährt er nach Europa. Er ist hinlänglich mit Geld versehen, und damals waren die Einwanderungsgesetze weniger rigoros als heute. Er fährt also nach Europa und überbringt seine Botschaft.«

»Und alles ist in schönster Ordnung!« ruft der Bankdirektor. »Glänzend! Großartig!! Ich glaube an jedes Wort, das Sie sagen, wie an das Evangelium. Ich habe nur eine kleine Anmerkung. Nein, zwei! Erstens: Wenn die Botschaft überbracht wurde, warum hat man dann im Laufe von hundert Jahren kein Sterbenswort davon gehört? Zweitens: Haben Sie irgendwelche Spuren Ihres mystischen Boten? Nur eine kleine, kleinste Spur, und ich will noch fester an Sie glauben als bisher!«

»Die erste Frage«, erwiderte der Dozent mit unerschütterlicher Liebenswürdigkeit, »beantwortet sich von selbst, wenn Sie einen Augenblick nachdenken wollen, lieber Trepka. Die Botschaft, wie ich sie mir gedacht habe, war keine gewöhnliche Botschaft. Sie enthielt, wenn ich recht habe, eine Zusatzbestimmung zum letzten Willen des Kaisers. Es handelte sich um Geld, das seinem Sohne bestimmt war, und vermutlich um viel Geld. Als Bankmann wissen Sie sicherlich, daß, wenn Geld ins Spiel kommt, die Menschen nicht immer ganz verläßlich sind – richtiger gesagt, daß sie vor nichts zurückscheuen, wenn die Summe nur genügend groß ist! Und geben Sie zu, daß das hier der Fall war, wenn ich recht habe?«

»Ja«, gab Trepka feierlich zu, »in diesem Punkte kann ich Ihnen recht geben, ohne mit meinem Gewissen in Konflikt zu kommen. Wenn Sie recht haben, wofür Sie bis jetzt noch nicht den Schatten eines Beweises erbracht haben, so kann Ihr präsumtiver Bote allerdings in große Versuchung geraten sein. Plötzlich mit dem Schlüssel zu einem Keller Aladins voll zahlloser Millionen dazustehen und nur zugreifen zu brauchen – das ist unleugbar eine Versuchung, die selbst für einen Angehörigen der gelben Rasse gefährlich werden kann! Aber ist es nicht doch etwas kühn, vorauszusetzen, daß die Millionen nur mit der Hand gepflückt zu werden brauchten? Daß die Millionen in einem Keller – in den Tuilerien oder anderswo – verwahrt lagen und nur auf die Abholung warteten? Was sagen Sie selbst?«

Eine Unterbrechung trat ein. Der junge John war plötzlich auf der Bildfläche erschienen, leicht verlegen, aber mit jener trotzig herausfordernden Miene, die bei der Jugend immer das schlechte Gewissen maskieren soll. Er murmelte eine Begrüßung und ließ sich auf seinem Platz nieder. Der Haushofmeister bracht ihm eine verspätete Portion Bouillabaisse und füllte die Teller der anderen Tischgäste nach. Die alte Dame sah aus, als wollte sie dem Nachzügler eine Rüge erteilen, überlegte es sich aber und flüsterte dafür dem Haushofmeister eine Weisung zu, die sich auf das Dessert bezog – sie wünschte irgendeine Torte. Der Dozent nahm den Faden wieder auf.

»Ich bilde mir keineswegs ein, daß die vermuteten Millionen auf dem Boden eines Kellers, sei es in den Tuilerien oder in einem anderen verlassenen Schloß, wo der Kaiser sie für seinen Sohn aufhob, aufgestapelt lagen. Er war ein praktischerer Mann, als Sie zugeben wollen. Er kannte ausgezeichnet die Nützlichkeit der Banken, die Zinsen und Zinseszinsen geben und dafür sorgen, daß das Geld sicher in ihren Kassengewölben liegt. Er hatte den größten Teil seines bekannten Vermögens bei der Bankfirma Laffitte deponiert – ein kleinerer Teil befand sich bei einer anderen Bank. Ich bin überzeugt, daß der Erbfonds, den ich voraussetze, sich ebenso wie die beiden anderen bei einer Bankfirma befand. Die Logik spricht dafür, daß diese Bankfirma in einem neutralen Land etabliert war, wo es für die Engländer schwerer gewesen wäre, Beschlag auf den Fonds zu legen, wenn sie ihn ausfindig machten. Aber gegen eines kann man sich nie schützen, nämlich, daß derjenige, der einen Vertrauensauftrag erhalten hat, sich als dessen unwürdig erweist. Wie die Schrift so richtig sagt: Wer aber soll die Wächter selbst bewachen? Die vierte Botschaft kam ans Ziel – aber die Welt hat nie etwas davon vernommen. Und ich kann meine Worte beweisen!«

Alle rings um den Tisch lauschten wie gebannt. Die alte Dame, die eben erst noch so herzlich über die Theorien des Dozenten gelacht hatte, hing an jedem Worte aus seinem Munde, Ebbs blaue Augen funkelten vor Spannung, Martin vergaß, seine privaten Kümmernisse zu ertränken, sogar Trepka hatte etwas von seiner bisherigen Sicherheit verloren.

Nur der junge John widmete sich weiter seiner Bouillabaisse.

»Sie haben Beweise?« wiederholte Trepka so langsam, als ob ihm die Worte in der Kehle steckenblieben. »Darf ich fragen, was für Beweise?«

»Das werde ich Ihnen sofort sagen«, antwortete Lütjens bereitwillig. »Ich habe ein chinesisches Grab.«

Das war ein Antiklimax. Der Bankdirektor lachte so schrill, als ob man ihn gekitzelt hätte, Martin folgte seinem Beispiel, der Gesichtsausdruck des Dichters Ebb sagte deutlich, daß er an der gesunden Vernunft des Dozenten zweifelte. Aber Lütjens wiederholte so ruhig, als ob nichts geschehen wäre:

»Ja, ein chinesisches Grab – ein Grab, das von Norden nach Süden geht, nicht von Osten nach Westen wie unsere Gräber, ein Grab, das aus verhärtetem Kalk besteht, das von einer kleinen Mauer und einem Wassergürtel zum Schutz gegen böse Genien umschlossen ist, ein absolut echtes chinesisches Grab, das ich an dem unwahrscheinlichsten aller Orte fand – hier in Mentone!«

Die Heiterkeit verstummte plötzlich. Ein Chor von Stimmen erhob sich:

»Hier in Mentone?«

»Wo?«

»Und was beweist das?«

»Hirngespinste – wie ich schon die ganze Zeit sage!«

Der Dozent wartete wiederum, bis der Sturm sich gelegt hatte. Seine nächsten Worte waren danach angetan, seine Hörer noch mehr in Erstaunen zu setzen als alles, was er bisher gesagt hatte. An die Dame des Hauses gewendet, sagte er in höflichem Konversationston:

»Madame, ich bitte um Verzeihung, wenn ich unerzogen bin. Ich sehe, daß der junge Herr John den Haushofmeister soeben um noch etwas Bouillabaisse gebeten hat, und ich begreife ihn vollkommen. Aber bevor er eine zweite Portion bekommt, muß ich Ihnen vielleicht eine Sache mitteilen. Als wir hier herauffuhren, sah ich ihn in der Konditorei gleich unterhalb der Villa in Gesellschaft einer jungen Dame sitzen und Backwerk essen.«

»Backwerk?« stammelte sie. »Ja, was meinen Sie? Warum sagen Sie all das? Sind Sie …«

»Nein, Madame, ich bin nicht verrückt, wenn auch vielleicht unerzogen. Wenn ich sagte, daß der junge Herr John Backwerk aß, meine ich ein Gebäck, das die Spezialität der Konditorei ist – ein Gebäck aus Mandelmasse. Ich habe es selbst einmal gekostet und kann bezeugen, daß es ausgezeichnet ist. Vor einem Augenblick hörte ich, daß Sie es als Dessert für uns bestellten. Es wäre ja ein leichtes gewesen, dafür zu sorgen, daß der junge Herr John kein Dessert bekommt – man hätte ihn ja nur wegen schlechten Benehmens vom Tisch wegzuschicken brauchen. Aber, wie gesagt – mit dem frischen Lebensmut der Jugend hat er einen Vorschuß auf die Nachspeise genommen, bevor er sich an das Hauptgericht machte. Ein bewunderungswürdiger Appetit, nicht wahr, Madame?«

Aber der Dozent erhielt keine Antwort. Der Fächer bewegte sich langsamer und langsamer vor dem Gesicht der alten Dame. Plötzlich fiel sie im Sessel zusammen wie eine hinsinkende Blume. Der Dozent machte eine unerwartete Geste: er schüttete ohne weiteres ein Glas Wasser in die Bouillabaisse des jungen John.

»Rufen Sie die Polizei an!« rief er dem Haushofmeister zu. »Und den Doktor, nicht Doktor Duroc – den Polizeiarzt! Aber schnell wie der Blitz, verstehen Sie!«

Martin stand auf, setzte sich nieder, stand wieder auf und trank sein Weinglas auf einen Zug aus. Der Dozent warf ihm einen langen Blick zu, bevor er mit Ebbs Hilfe die alte Dame in ihr Zimmer trug.

Der junge John starrte indigniert auf seine verwässerte Suppe.

6

Die nächsten Stunden vergingen für Christian Ebb wie ein Traum. Ein Traum oder ein verworrener Film, inszeniert von irgendeinem überrealistischen Regisseur. Fremde Menschen strömten herein und bewachten alle Ausgänge der Villa, Krankenpflegerinnen, ein Arzt, ein französischer Polizeikommissär mit seinen Untergebenen. Selbst hätte er am liebsten die Villa verlassen, aber Martin Vanloo bat und bettelte mit dem Eigensinn eines Kindes, das fürchtet, in einem dunklen Zimmer alleingelassen zu werden, doch bei ihm zu bleiben. Durch endlose Stunden, wie es ihm schien, wanderten er und Martin im Salon herum, wo der rollende Cocktailtisch paradoxerweise ihr einziger fester Punkt im Dasein war. Martin schwieg lange und redete noch länger, starrte geistesabwesend die Vitrinen an und zauberte zwischendurch mit den Flaschen wie früher.

Bei einem dieser letzteren Anlässe – es mochte gegen zwölf sein – durchblitzte eine Idee, die erste klare seit einer Woche, wie es dem Dichter Ebb schien, sein Hirn. Natürlich! Daß er nicht früher daran gedacht hatte! Das war doch die einzige denkbare Erklärung!

»Martin!« sagte er. »Warum haben Sie die Napoleonandenken gestohlen? Sie hätten sich doch von mir Geld ausleihen können!«

Martin, der mitten in einem längeren Monolog aus Heinrich IV. war: »Wisset, Sir John Falstaff, daß das Grab für Euch dreimal so weit klafft als für andre«, brach ab, als hätte er eine Ohrfeige bekommen.

»Was meinen Sie, Ebb? Ich hätte …?«

»Ich habe Sie im Park Zauberkünste mit einem Apparat üben sehen, den Sie sich in Nizza gekauft haben. Sie haben voriges Mal die Souvenirs aus den Vitrinen Ihrer Großmutter weggezaubert, während Sie den Tisch herumrollten und uns die Drinks servierten. Ich sah ja, wie Sie am Tage darauf bei Titine die Rechnung bezahlten! Aber warum sind Sie nicht lieber zu mir gekommen? Ich bin nicht reich, aber …«

Martin steckte plötzlich den Kopf zwischen die Hände und begann stöhnende Laute von sich zu geben, die einer Sirene würdig waren. Nun trat Trepka, von dem Dozenten gefolgt, in das Zimmer. Im Hintergrund sah man den Polizeikommissär und den Polizeiarzt, dessen Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck trug.

»Wir können gehen«, sagte Lütjens. »Man wird uns morgen vernehmen. Der Doktor und der Kommissär haben die Verantwortung für das übernommen, was heute nacht hier noch zu geschehen hat.«

»Nun, und?« fragte Ebb.

»Madame Vanloo ist tot. Der junge John erholt sich.«

Bei den letzten Worten fuhr Martin aus seiner zusammengesunkenen Stellung auf, als wollte er eine verzweifelte Tat begehen. Lütjens flüsterte dem Polizeiarzt, einem jüngeren Mann mit klugen Augen, ein paar Worte zu, und dieser nickte zustimmend. Ehe Martin noch recht wußte, wie ihm geschah, hatte sein Handgelenk den Inhalt einer beruhigenden Spritze empfangen. Während Ebb und seine Freunde das Zimmer verließen, wurde er unter der Eskorte des Kommissärs und des Arztes in sein Bett gebracht.

Das Auto führte sie durch das nächtliche, duftende Tal nach Mentone. Der Dozent erkundigte sich höflich, ob es nicht Schlafenszeit sei, stieß aber auf ein energisches, dröhnendes Nein des Dichters. Geneviève empfing die Gesellschaft mit gellenden Worten über Leute, die durchaus ins Grab wollten, weil sie nie ins Bett wollten, beruhigte sich aber, als sie die Neuigkeiten aus der Villa hörte, und tischte die Dinge auf, die ihr Herr wünschte. Man setzte sich um den offenen Kamin im Arbeitszimmer, wo ein paar Olivenklötze glühten, und der Bankdirektor ließ zum erstenmal seit mehreren Stunden einen Laut hören – ein Räuspern.

»Ihre Ironie ist berechtigt, lieber Freund«, gab Lütjens zu. »Ich scheine mit den Armen voll Lorbeerkränzen dazusitzen wie Vater Brown, und dabei habe ich gar nichts Besonderes getan. Ich habe ein paar Kleinigkeiten bemerkt, einiges gelesen und etliche Forschungen im Rathaus betrieben. Das ist das Ganze. Daß meine Schlußfolgerungen sich so weit als richtig erwiesen haben, wie es der Fall zu sein scheint, überrascht mich selbst am allermeisten. Und ob meine Hauptthese richtig ist, das werden wir wohl nie erfahren.«

»Aber Sie sagten doch, daß Sie sie beweisen können!« rief Trepka. Es schmerzte ihn offenbar sehr, daß ein Außenstehender ihn auf seinem eigensten Gebiet geschlagen hatte!

»Ich sagte es«, räumte Lütjens ein. »Aber ich sagte es, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, in einem Augenblick, wo es sich darum handelte, die Schanzen der Gegner zu durchbrechen … Sie finden mich unmoralisch?«

Trepkas Amorettenmund verzog sich zu einer unbeschreiblichen Grimasse.

»Ich verstehe Ihr Schweigen«, sagte der Dozent. »Es ist beredter als Worte, es sagt, daß man von einem modernen Theologen nichts anderes erwarten kann. Ich habe Ihre Zurechtweisung verdient. Der Zweck darf natürlich niemals die Mittel heiligen. Aber da schon zwei Menschenleben verlorengegangen waren und mindestens noch eines auf dem Spiele stand, glaubte ich mich über meine Bedenken hinwegsetzen zu können.«

»Mindestens noch eines?« begann Ebb. »Wie könnte es mehr als eines sein?«

»Das werde ich später erklären, wenn Sie gestatten. Wäre es nicht das beste, ganz von Anfang zu beginnen? Die Sache hob eigentlich an dem Tage an, an dem ich zur Villa ging, um mir die Stelle anzusehen, wo unser Freund Ebb den abgerissenen Papierfetzen gefunden hatte. Ich fand noch einen, der zu dem anderen zu gehören schien. Aber ich fand auch noch etwas anderes. In einer Ecke der Besitzung liegt die private Grabkapelle der Familie und daneben ein Grabhügel, der nach allen Regeln meiner Wissenschaft als chinesisch erklärt werden muß. Und diese Entdeckung stand in einem derartigen Widerspruch zu allem, was man an einem solchen Ort wie Mentone zu erwarten berechtigt war, daß ich beschloß, die Bibliothek in Nizza aufzusuchen, um zu sehen, ob es irgendeine Lücke in meinem Wissen gab und ob das Grab vielleicht doch anders aufgefaßt werden könnte. Es zeigte sich, daß Freund Trepka in derselben Bibliothek seinen Studien oblag. Ich warf zufällig einen Blick in seine Lektüre …«

Der Bankdirektor fuhr auf.

»Was? Schon damals haben Sie mir in die Karten geguckt? Das haben Sie mir noch gar nicht gesagt! Und dabei hatten Sie die Stirn, mir vorzuwerfen, daß ich Ihnen in die Karten gucke! Das ist aber wirklich – fahren Sie fort!«

»Ich fahre fort: Ich konstatierte, daß unser Freund Trepka Napoleon auf Sankt Helena studierte. Das war ein Stoffgebiet, von dem ich mir einbildete, daß er es wie seine eigene Tasche kenne. Aber ich konnte unschwer eine Erklärung dafür finden. Hatten er und ich doch gerade dieser Tage eine Familie kennengelernt, die aus Sankt Helena zu kommen behauptete und deren Stammvater sogar der Umgebung des Kaisers angehört haben sollte. Trepka hatte erklärt, daß ihm keine Familie dieses Namens in der Umgebung des Kaisers bekannt sei, und als Antwort hatte ihm unsere Gastgeberin recht ungewöhnliche Reliquien gezeigt, die für ihre Behauptung zu sprechen schienen. Ich begriff den Grund von Trepkas Studien. Und als ich in einem seiner Bücher auf das Wort Chinesen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers stieß, machten meine Gedanken einen unwillkürlichen Saltomortale und kehrten zum Ausgangspunkt meiner Studien zurück, die einem chinesischen Grab in Mentone galten. Als Freund Trepka dann noch am selben Abend von Martin Vanloo sagte, daß er der Statuette des Gotts des Wohlbefindens, die Ebb auf seinem Schreibtisch stehen hat, ähnlich sehe, trat so etwas wie ein Kurzschluß in meinem Gehirn ein.«

Trepka murmelte ein ironisches Kompliment und steckte sich eine frische Zigarre an. Lütjens fuhr fort:

»Ich bin jedoch kein Freund von unverbürgten Theorien, lieber Trepka. Ich sagte mir, es gibt nur einen Weg, meine Theorie zu beweisen, beziehungsweise zu widerlegen, nämlich Archivstudien in Nizza und Mentone. Frankreich führt ja recht genau Buch über seine Landeskinder wie über seine Gäste, und mit einigem Glück müßte ich die Spuren der Familie Vanloo in frühere Zeiten zurückverfolgen können. Ich war ja nicht in der glücklichen Lage, einer Firma in Berlin ›carte blanche‹ geben zu können, um mir die Auskünfte, die ich brauchte, zu verschaffen – aber, bitte, bitte, lieber Freund! Ich studierte also die offiziellen Dokumente, zuerst im Departement-Archiv in Nizza, dann im Rathaus von Mentone, und das Resultat übertraf alle meine Erwartungen. Es war durchaus nicht schwierig, die Spuren der Familie Vanloo zurückzuverfolgen. Aber möchte uns jetzt nicht Freund Trepka die Aufschlüsse mitteilen, die er sich von anderer Seite verschafft hat? Ich glaube, sie könnten meine Funde in der günstigsten Weise vervollständigen.«

Der Bankmann machte keine Anstalten, den Anlaß seiner Forschungen zu erklären, und seine zwei Kollegen waren taktvoll genug, nicht in ihn zu dringen.

»Ich ging zuerst zu einem Advokaten hier in der Stadt, mit dem ich zufälligerweise in Geschäftsverbindung stehe. Durch ihn erfuhr ich die Erbfolgebestimmungen der Familie Vanloo. Es stellte sich heraus, daß der Vater der jungen Herren vor seinem frühen Tode bestimmt hatte, daß das ganze Familienvermögen als ein Fonds von der Großmutter bis zu ihrem Tode verwaltet werden sollte. Das schien ja den – hm – Theorien, die Ebb und Lütjens so leichthin aufgebaut hatten, einen gewissen Hintergrund zu geben … aber um sicher zu gehen, beschloß ich, herauszubringen, wie groß dieses Vermögen eigentlich war. Da der Advokat mir darüber keine Auskunft geben konnte – oder wollte, wendete ich mich an die berühmte Firma in Berlin. Es zeigte sich, daß das Vermögen sehr bedeutend ist. In der Regel ist es ganz leicht, festzustellen, woher so große Vermögen stammen. Ich ersuchte die Firma, mir auch über diesen Punkt Informationen zu beschaffen. Das Resultat war jedoch, daß das Vermögen um die Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts buchstäblich aus dem Nichts emporgetaucht zu sein schien. Weiter konnte die Firma Schüttelmann nicht kommen. Unmittelbar nachdem ich diese Auskünfte erhalten hatte, nahmen die eigentlichen Ereignisse, die wir soeben miterlebt haben und die ja – bis zu einem gewissen Grade – Ebb und Lütjens in ihren – hm – Vermutungen recht zu geben scheinen, ihren Anfang.«

»Bis zu einem gewissen Grade!« rief der Dichter Ebb mit flammenden Augen. Aber der Dozent legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

»Meine eigenen Untersuchungen«, sagte er, »führten mich ungefähr zu demselben Zeitpunkt zurück, bei dem die Firma Schüttelmann stehengeblieben war, den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde in Monaco eine Ehe zwischen einem gewissen Juan Vanloo und einem Fräulein Louise Mangiapan geschlossen. Fräulein Louises Vater war Bankier in Monaco. Sie war nach den Begriffen der damaligen Zeit schon etwas ältlich – neunundzwanzig Jahre. Die Bankierfirma Mangiapan war, nach allem zu schließen, kein größeres Unternehmen. Ihr Inhaber war Korse. Daß ein Sohn der armen Felseninsel sich zum Bankier aufschwingen konnte, ist schon an sich auffallend und aller Ehren wert.

Der Ehe Vanloo-Mangiapan entsprangen zwei Söhne. Die Familie hatte durch ihren Begründer englisches Heimatrecht und hielt sich abwechselnd in England und in der Villa auf, die der Stammvater sich oberhalb von Mentone erbaut hatte, das damals zum Fürstentum Monaco gehörte, der Villa Longwood. Der Stammvater lebte lange, bis zum Jahre 1876, und unsere Gastgeberin kann ihn als kleines Mädchen noch gekannt haben. Seine beiden Söhne starben verhältnismäßig jung, waren aber doch noch dazu gekommen, Familien zu gründen. Diese waren nicht sehr groß und die Mitglieder nicht besonders langlebig. Der Großvater Arthurs, Allans und Martins war mit seiner eigenen Kusine verheiratet, unserer Gastgeberin. Außer ihr bestand dieser Zweig der Familie nur aus ihrem Bruder, dem sie besonders zugetan gewesen zu sein scheint, und von ihm stammt der junge John mit dem poetischen Aussehen ab. Der Mann unserer Gastgeberin starb in relativ jungen Jahren im Jahre 1911. Sie hatten einen einzigen Sohn, der von Geburt an kränklich war, sich aber verheiratete und dem die Söhne Arthur, Allan und Martin geboren wurden, bevor er, noch sehr jung, schon ein paar Jahre nach seinem Vater starb. Seither herrschte ›die alte Mistreß Vanloo‹ allein in der Villa, in die sie später auch den Sprößling ihres Bruders, den jungen John, aufnahm.

Was bei den späteren Generationen der Familie auffallend ist, das ist die kurze Lebensdauer. Und nun möchte ich Sie an eine Sache erinnern, die Ebb, wie er erzählte, am Morgen nach Arthurs Tod in der Villa gehört hatte, nämlich, daß die alte Mistreß Vanloo schon vor mehreren Jahren die Konstitution der Enkel von einem Arzt untersuchen ließ. Man kann dies allerdings auch als einen Ausfluß großmütterlicher Besorgnis erklären – jedenfalls hat es mich sofort frappiert. Nach Arthurs Tod konstatierte Doktor Duroc nicht nur, daß sein Magen nicht in Ordnung war, weil es ihm an Salzsäure fehlte, sondern auch, daß er ein schwaches Herz hatte. Nach Allans Tod wurde bei diesem das gleiche konstatiert. Aber die Großmutter hatte, als sie die Untersuchung erwähnte, doch nur von dem einen Defekt gesprochen. Warum? Ein schwaches Herz prädisponiert zu einem frühen Tod, das wissen wir alle. War der Tod der Enkel eine natürliche Folge dieser Prädisposition? Oder hatte man ihm auf die Beine geholfen, wie man mit einem vulgären Ausdruck sagt?

Das fragte ich mich, als das Resultat der ersten Obduktion bekannt wurde. Dieses Resultat schien ja an und für sich jeden Gedanken an etwas anderes als einen natürlichen Tod auszuschließen. Dann kam das zweite Attentat in der Villa – gegen die alte Mistreß Vanloo selbst gerichtet. Und dann noch ein mystischer Todesfall. Das zweite Attentat war ja wesensverschieden von dem ersten und dem dritten, insofern, als man diesmal klare, deutliche Spuren eines bestimmten Giftes fand, eines Giftes, das man, wie Trepka sehr richtig bemerkte, in den meisten Apotheken Frankreichs ohne Rezept zu kaufen bekommt. In den beiden anderen Fällen hatte man überhaupt keine Spur von irgendwelchen Giften gefunden. Aber im Park hatten Ebb und ich Teile eines Umschlagpapiers gefunden, in dem Medizinalwaren enthalten gewesen waren und das man sich bemüht hatte zu verstecken. Durch eine botanische Berechnung – Sie sollen später Näheres darüber hören – konstatierte ich, daß das Paket mit den Medizinalwaren von der Firma, deren Namen Ebb so scharfsinnig ausfindig gemacht hat, zwischen dem achtzehnten Februar und dem sechsten März abgesandt worden sein muß.«

Der Bankdirektor machte Miene, über diese exakten Zeitangaben zu lachen, hielt sich aber zurück und ließ den. Dozenten weitersprechen.

»Ich schrieb einen rekommandierten Brief und fragte, ob in der genannten Zeit ein Paket expediert worden war und was es enthalten hatte.

Die Antwort kam heute und bestätigte in allen Punkten gewisse Gedankengänge, die ich in letzter Zeit, nachdem ich in Allans Sterbezimmer gewesen war, verfolgt hatte. Ich bin von Natur aus mit einem recht scharfen Geruchssinn begabt, und in dem Zimmer glaubte ich etwas wie eine schwache Andeutung von Karbolgeruch zu verspüren. Ich mußte lange suchen, bis es mir gelang, die Ideenassoziationen zu finden, die dieser Geruch in meinem Unterbewußtsein auslöste, aber schließlich kam ich so weit. Zu den Dingen, mit denen ich mich im Zusammenhang mit meiner Wissenschaft befaßt habe, gehört auch die Einbalsamierung, die in ihrer einfachsten Form mit Karbol vorgenommen werden kann. Der mich darin unterwies, war ein alter Universitätskollege, ein hervorragender Chemiker, nunmehr Professor. Ich erinnerte mich dunkel an einen Scherz, den er, während wir zusammen arbeiteten, über etwas gemacht hatte, das er ›Mord auf Umwegen‹ nannte. Die Einzelheiten hatte ich vergessen. Aber wenn unser Freund Trepka sich lange Telefongespräche mit Berlin leisten konnte, glaubte ich mir ein Gespräch mit meinem Freunde in Schweden leisten zu können. Und was er mir mitzuteilen hatte, war unter den obwaltenden Umständen recht entscheidend.

Beta-Phenolglykosid nennt man eine Verbindung von Traubenzucker und Phenol, mit anderen Worten Karbolsäure. Es ist ein farb- und geruchloses Pulver, in Wasser leicht löslich. Die Verbindung passiert so ziemlich unverändert den Verdauungsapparat, und mäßige Quantitäten haben keine giftige Wirkung, namentlich wenn der Patient an Salzsäuremangel leidet. Sollte er aber gleichzeitig eine Portion Mandeln in ungekochtem Zustand zu sich nehmen, wird aus diesen ein Enzym frei gemacht, Emulsin genannt, und dieses Emulsin zerlegt das Glykosid akut in seine zwei Bestandteile, Traubenzucker und Karbolsäure. Die Wirkungen einer Karbolsäurevergiftung sind: Halsbrennen, Übelkeit, starker Schweißausbruch, Schwindel, Atembeschwerden und Herzkrampf. – Da das Phenolglykosid nun bitter schmeckt, muß es irgendeiner stark gewürzten Speise beigemischt werden – beispielsweise, meinte mein Gewährsmann, Peperonisalat, Mixed-Pickles oder Bouillabaisse. Wenn eine Tischgesellschaft das Glykosid in einer solchen Speise zu sich nähme, aber nur einer von ihnen ihm eine Mandelmasse nachfolgen ließe, würde bei diesem eine Vergiftung eintreten, nicht aber bei den anderen, und es wäre sehr schwer, bei der Obduktion etwas nachzuweisen, wenn eine gewisse Anzahl von Stunden inzwischen vergangen wäre. Ein noch anhaftender Geruch von Karbol kann auf die richtige Spur führen – und er hat mich darauf geführt. Aber wenn der Doktor, der die Obduktion vornimmt, keinen Geruchssinn hat und es nicht eingestehen will, gestaltet sich die Sache schwieriger. Ich nahm einen gut eingehüllten Strauß künstlicher Rosen zu Doktor Duroc mit, und er erklärte, sie dufteten herrlich.«

Ebb richtete sich auf. »Bouillabaisse und Peperonisalat!« murmelte er. »Das haben wir ja gerade bekommen! Und Sie meinen wirklich, daß sie – daß diese feine alte Dame, die wie ein Madonnenbild aussah, uns allen Gift in die Speisen gemischt haben sollte?«

»Es hat ja nur in Verbindung mit Mandelmasse als Gift gewirkt, vergessen Sie das nicht! Die Enkel waren vollkommen vernarrt in diese Sorte von Backwerk, vermutlich hat sie das auf die Idee gebracht. Als Krankenpflegerin hatte sie gewisse Kenntnisse. – Sie erinnern sich doch, was sie sagte, als der Doktor ihr eine schicken wollte: »Wenn man seinen Mann, seinen Sohn und seine Enkel gepflegt hat, weiß man ebensoviel wie eine geprüfte Krankenpflegerin!« Indem sie die jungen Leute abwechselnd nach dem Diner zurückhielt, konnte sie ihr Opfer ebenso sicher wählen wie ein Jäger mit seiner Flinte! Vergessen Sie auch nicht, daß die Konditorei, zu der sie ihrer Köchin verholfen hat, in unmittelbarer Nähe liegt und abends der Lieblingsaufenthalt der jungen Leute war!«

»Aber«, stammelte Ebb, »wir hätten ja auch mit Arthur oder Allan hineingehen können! Und dann …«

Lütjens nickte.

»Das ist ein unbehaglicher Gedanke, nicht wahr? Aber heute abend hätte uns die Wahl nicht freigestanden. Als sie merkte, daß ich ihrem anderen Geheimnis auf der Spur war, bestellte sie für uns alle eine Mandelmassetorte zum Nachtisch! Ich hörte zufällig die Weisung. Der einzige, der entronnen wäre, wäre der junge John gewesen.«

Der Bankdirektor hustete trocken.

»Sie haben Beweise für alle diese Behauptungen?«

»Sie können ja selbst meinen Freund in Schweden anrufen. Er gab mir auch die Namen der Firmen im Ausland an, die Beta-Phenolglykosid fabrikmäßig erzeugen. Unter ihnen befindet sich die Firma Poulenc in Paris. Und in dem Briefe, den ich von der Firma erhielt, teilt sie mir mit, daß die Sendung vom siebzehnten Februar, die, wie sie hoffe, ihrer geschätzten Kundin, Mistreß Vanloo, richtig zuhanden gekommen sei, eben diesen Stoff enthalten hat. Aber sie hat wohl selbst den besten Beweis geliefert! Einmal hat sie ein Attentat auf sich selbst fingiert, um jeden Verdacht abzulenken, und dabei hat sie die Dosis so richtig bemessen, daß wir ihr alle auf den Leim gegangen sind. Heute, als sie begriff, daß ich alles weiß, hat sie nicht simuliert. Sie haben wohl schon, bevor wir die Villa verließen, von dem Todesfall gehört?«

Der Dichter Ebb suchte Worte zu formen, vermochte es aber nur mit Schwierigkeit.

»Daß sie«, murmelte er, »die eigene Großmutter … Das muß unmöglich sein!«

»Lieber Dichter, es gibt auf Erden nicht viel, was unmöglich ist. Unser Freund Trepka hat ein gewisses Paradoxon, daß das Böse im Universum sich zum Guten so verhält wie die Kälte zur Wärme – der absolute Nullpunkt liegt schon bei minus 273 Grad, aber ein absolutes Maximum kennen wir nicht. Lassen Sie uns hoffen, daß er recht hat! Aber wir brauchen nicht so weit wie zum absoluten Nullpunkt zu gehen, damit unsere menschlichen Sinne vor Entsetzen erstarren. Die alte Frau in der Villa war eine starke Natur, eine unbeugsame Natur. Sie hatte viele Familienmitglieder in rascher Folge sterben sehen, ihren Schwiegervater, ihren Mann, ihren Sohn. Sie hatte ihre Enkel untersuchen lassen und erfahren, daß ihre Konstitution nichts weniger als beruhigend war. Wenn nun noch dazukam, daß sie sie in anderer Weise erbitterten, zögerte sie nicht, zu handeln. Aber ich glaube, daß ich das entscheidende Motiv ahne. Das war der Gedanke an das Familienvermögen! Es hatte bereits in rascher Folge kräftige Aderlässe über sich ergehen lassen müssen. Sie ahnen nicht, wie die Erbsteuer hierzulande ist! Bei großen Vermögen – und wir haben ja Trepkas Aussage dafür, daß das Vanloosche Vermögen groß ist – verlangt man fünfzig Prozent und noch mehr. Ihr Mann und ihr Sohn waren einander in kurzen Zwischenräumen ins Grab gefolgt, und jedesmal hatte der Staat seinen Anteil gefordert – jene französische Republik, die sie, wie Martin sagte, gehaßt hat! Darum wurde das Vermögen, solange sie lebte, zu einem Fideikommiß gemacht. Nun konnte sie ihrem eigenen Hingang jederzeit entgegensehen – und wenn dann die Enkel in ebenso rascher Serie starben wie der Mann und der Sohn, würde das Vermögen bald nur mehr eine Mythe sein. Aber wenn sie vor ihr starben – Sie verstehen! John war gesund, er würde das Ganze erben. Es liegt eine Eiseskälte in ihrem Gedankengang, der uns an den Osten gemahnt, dem sie entstammt.«

Der Bankdirektor erwachte in seinem Fauteuil plötzlich zum Leben. »Also ein Vanloo war der vierte Bote des Kaisers! Besonders orientalisch klingt der Name zwar nicht, aber …«

»Aber wenn Sie ihn Vang Loo schreiben, wirkt er gleich etwas morgenländischer, oder nicht?«

»Und er hat das Vertrauen seines Auftraggebers getäuscht und seinen Erbfonds vermittelst Heirat an sich gebracht. Meinen Sie wirklich, daß ein weißer Mann, ein Bankier, eine solche Heirat auch nur erwägen würde?«

»Ich habe Chinesen gesehen, die waren fast ebenso weiß wie Europäer – nur daß sie distinguierter wirkten. Wenn Sie die Züge der alten Dame und die Martins genauer prüfen, können Sie ganz leicht den mongolischen Einschlag sehen – wenn Sie nur wollen! Und Sie vergessen eines: Wenn der erste Vanloo seinen Auftrag erfüllt hätte, so wäre das Vermögen nicht lange in der Obhut der Firma Mangiapan geblieben. Aber wenn er ihn geheimhielt, lag die Sache ganz anders. Und eine Heirat ist ja ein probates Mittel, die Interessen zweier Personen miteinander zu verknüpfen!«

Der Bankdirektor drückte mit beibehaltener Würde seine Zigarre aus.

»Ich verbleibe skeptisch«, erklärte er. »Wenn ich auch zugeben muß, daß es der Firma Schüttelmann nicht gelungen ist, den Ursprung des Vermögens aufzuspüren, und wenn auch Ihre Theorie ausgezeichnet zu meiner eigenen Auffassung von Napoleon als dem größten Filmregisseur und dem Prototyp aller hemmungslosen Geschäftsleute passen würde!«

Er schielte zu Ebb hinüber, in der Hoffnung, einen Ausbruch hervorzurufen, der ihm Gelegenheit geben würde, selbst loszulegen. Allein der Dichter Ebb war mit anderen Gedanken beschäftigt.

»Erinnern Sie sich, Trepka«, sagte er im Flüsterton, »an einen Morgen in diesem Zimmer, wo Sie sich über Lütjens lustig machten? Er sagte, die Analyse genüge nicht – es müsse auch noch die Synthese hinzukommen. Sie hohnlachten und fragten, ob er vielleicht den synthetischen Mord entdeckt habe – zwei, jeder für sich, harmlose Stoffe, die töten, wenn sie verbunden werden! Aber das ist es ja gerade, was wir erlebt haben! Sehen Sie das nicht ein?«

»Ich sehe eines ein«, sagte der Bankdirektor, »und das ist, daß Lütjens im Irrtum war, als er Macbeth zitierte und von drei Mördern sprach, die eintreten! Die drei Mörder haben sich vielmehr als die drei Opfer erwiesen! Im übrigen sehe ich ein, daß es Zeit ist, ins Bett zu kommen, auch wenn man Mitglied des ersten skandinavischen Kriminalklubs ist!«

 


 << zurück