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Am nächsten Morgen war ich schon früh munter. Ich eilte zu meiner Frau; mehr als je drängte es mich, sie zu sehen. Es war, als ob ich bei ihr zurückgewinnen könne, was mich erregte, mich unruhig und befangen machte. Ich wollte an Kraft gewinnen für meine aus langer Überlegung hervorgegangenen Entschlüsse. Thekla lag mit dem alten müden Ausdruck wach im Bett und nestelte an einem Morgenhäubchen, das die Jungfer ihr gebracht hatte.

»Gehen Sie!« sagte ich der Zofe, und wir waren allein. Ich hatte mir vorgenommen, noch einmal mit meiner Frau zu sprechen, ich wollte ihr alles vorstellen, ja, sie bei unserer Liebe, bei unserem Glück beschwören, zu sich selbst zurückzukehren. Ich machte es mir nicht völlig klar, aber ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dies Gespräch werde entscheiden über die ganze Zukunft. Es fieberte in mir, als ob ich vor einem entscheidenden Ereignis stände, und als ob ich es beschleunigen müsse zum Guten oder Bösen.

»Wie befindest Du Dich heute, kleine Frau?« hob ich an, beugte mich über sie und berührte ihre Stirn. Sie duldete diese Zärtlichkeit, aber, wie immer, machte sie eine Geste, die ein leises Unbehagen erkennen ließ. Wie oft hatte ich dies empfunden, und wie oft näherte ich mich ihr mit solchen Liebesbezeugungen, die ich von ihr so selten empfing.

»Es ist wie immer!« erwiderte sie, ohne das Häubchen aus der Hand zu legen und ohne die gleichgiltige Arbeit zu unterbrechen. »Der gestrige Tag hat mich sehr angegriffen. Ich denke auch heute lieber« –

»Wie? Doch nicht etwa im Bett zu bleiben?" unterbrach ich sie rasch und unwillig. »Gieb doch nicht allem gleich nach! Raffe Dich auf! Denke an Deinen Vater, welche Sorge er um Dich hat. Quält es Dich nicht, ihm so viel Kummer zu bereiten? Ich spreche schon nicht mehr von mir – Wie herzlos vernichtest Du unser Glück« – Ohne Übergang, unfreundlicher, zürnender sprach ich, als ich es gewollt, als ich es mir vorgenommen hatte, aber diese unempfindliche, grenzenlose Selbstsucht empörte mich. Kaum in Aschdorf angelangt, begann das alte Treiben. Und in der That, mich dauerte der prächtige alte Mann drunten, der nur den einen Gedanken hatte, sein Kind glücklich zu wissen.

Thekla zog langsam die Schultern empor, als ob sie einen heftigen Schmerz empfinde. Ich wußte es, der Gedanke an ihren Vater quälte sie. Es war der einzige Punkt, an den ich noch anzuknüpfen vermochte, aber um so weniger wollte sie an ihre Pflicht gegen ihn erinnert werden. Sie sagte auch nichts, aber in ihren Augen schwamm grenzenlose Wehmut.

Da zog es durch meine Brust. Von einem furchtbaren Gefühl der Trauer ergriffen, sank ich an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand, bedeckte sie mit Küssen und redete auf sie ein.

»Thu's mir zuliebe, Thekla. Ich beschwöre Dich! Ich bin unglücklich, grenzenlos unglücklich Hörst Du es? Ich bitte Dich, erinnere Dich doch dessen, was wir uns einst gelobten! Erinnere Dich, welche Wonnen wir uns von unserem Zusammenleben versprachen! – Und nun zermalmst Du durch Deine Teilnahmlosigkeit alles für jetzt und immer. Bist Du denn jeder Empfindung entäußert? Schmerzt Dich nicht, mich so unglücklich zu sehen? Ich verzehre mich in Sorgen um Dich – Liebst Du mich nicht mehr? Sag' mir, was eigentlich in Dir vorgeht? Öffne mir endlich Dein Herz! Vielleicht kann ich Dir helfen! Ich gäbe einen Teil meines Lebens darum, wenn ich Dich wieder in meinen Armen halten könnte, wie früher, wenn es noch einmal in den alten zärtlichen Tönen an mein Ohr schlüge, daß ich Dein Alles bin auf dieser Welt! Dein Alles? Ach, Du beschäftigst Dich nur mit einer entflohenen, wesenlosen Seele« –

Sie unterbrach mich hastig und zog die Hand zurück, die auf meinem Haupte sanft und mitleidsvoll geruht hatte.

»Nicht wesenlos!« rief sie mit verklärtem, irrem Blick. Nein, nein, – – nicht so! Ich sehe meinen süßen Knaben. Er winkt mir, er spricht, er jauchzt – Ach« – – schrie sie plötzlich, als ob sie einen fürchterlichen Schmerz empfände und sank in die Kissen zurück.

Und keine Antwort auf alles das, was ich gesprochen, was mich, was unser Glück betraf! Ich wollte ihr noch von anderen Dingen reden. Ihr Herz sollte zerfließen bei der Schilderung, die ich ihr von dem Schmerze ihres alten Vaters entwerfen wollte, aber ich kam nicht mehr dazu.

Sie lag wie geknickt auf ihrem Lager und wehrte mir ab.

»Ein ander Mal, Detlef«, stöhnte sie. »Ein ander Mal. Ich habe Dir viel zu antworten, aber ich vermag es heute nicht. Ach, mein Kind, mein süßes Kind!« brach es nochmals aus ihr heraus, sie schluchzte so herzerbarmend, daß ich mich verzweifelt abwandte und wie gebrochen die Treppe hinabwankte.

Als ich sie am Nachmittag nochmals besuchte – schon meine Mutter hatte mir von ihrem eigentümlichen Wesen erzählt – barg sie ein rundes, mit Leinen bezogenes Kissen in ihrem Arm und umkrallte es wie etwas, das man ihr nehmen wolle.

Auf meine Fragen antwortete sie wie eine Geistesabwesende und – mir grauste! – mir war's, als ob sie den toten Gegenstand für ihr Kind halte.

*

Wir hatten am nächsten Tage Besuch, meine Frau erhob sich, um ihn zu begrüßen, und wir waren in leidlich heiterer Stimmung. Es wurde musiziert und auch ein wenig getanzt, woran indessen weder Thekla noch Manja Teil nahmen, trotzdem ein junger Gutsnachbar dem Fräulein Elster stark den Hof machte und sie wiederholt zu einem Walzer aufforderte.

Endlich fuhren die Wagen vor, unsere Gäste entfernten sich, und nach einem kleinen Plauderstündchen begaben wir uns alle zur Ruhe.

Thekla hatte gewünscht, daß in Aschdorf die Zofe, ein freundliches und aufgewecktes junges Mädchen aus guter Familie, in ihrer unmittelbaren Nähe bleibe, und ich richtete deshalb mein Schlafzimmer oben in einem der Vordergemächer ein.

Als ich die Treppen emporschritt und mich über den Korridor wandte, fiel mir auf die Seele, daß auch der heutige Abend – am Tage hatte sich durchaus keine Gelegenheit gefunden – vorübergegangen, ohne daß ich von Manja Aufklärungen erhalten. In einer unbehaglichen Stimmung trat ich deshalb in mein Zimmer. Aber kaum hatte ich es geöffnet, als zu meinem nicht geringen Erstaunen die aus dem Dunkel mir entgegentrat, mit der ich mich eben so lebhaft beschäftigt hatte. Sie ergriff meine Hand, schnitt mit hastigen Worten meine Einwendungen ab, und bat mich, bevor sie weitere Erklärungen gab, die Thür zu schließen.

Ich that nun mit einiger Erregung, was sie wünschte, machte Licht, ließ die Vorhänge herab und setzte mich ihr gegenüber. Ich kam mir seltsam vor mit meiner Ruhe bei allen diesen Vorbereitungen und glaubte erst an die Wirklichkeit, als ich den Blick emporhob und sie anschaute.

Ihr erstes war, daß sie vor mir niedersank und meine Hand ergriff.

»Vor allem eins! Zürnst Du mir noch, Detlef?«

»Ich bitte, erheben Sie sich, Comtesse!« sagte ich ernst und machte eine Bewegung, die sie nicht mißdeuten konnte.

»Nein! Nicht so! Ich beschwöre Dich, Detlef, sei der Alte! Sei mein guter, teilnehmender Freund! Lösche nicht aus, was uns einst verband, was keine Zeit und keine lange Qual in mir verwischen konnte. Nenne mich »Du«, wie ehedem! Sieh mich wie Deine Schwester an, als nichts anderes, und wende Dich mit solchen Gedanken zu mir.«

»Wohlan!« sagte ich, »obgleich ich nicht weiß, wohin das führen soll, obgleich ich nicht verstehe, was Du von mir willst.«

»So höre mich, bitte,« sagte sie, strich leise über das Gesicht, als ob sie besser ihre Gedanken sammeln könne und –

In diesem Augenblick klopfte Jemand an die Thür und wir schraken so heftig zusammen, daß uns fast der Atem verging.

»Ist der gnädige Herr noch wach?« fragte eine zagende Stimme.

Ich gab Manja rasch ein Zeichen, sie schlich, die Hand auf die Brust gedrückt, ins Nebengemach, und ich öffnete die Thür.

»Was ist's,« fragte ich, die Zofe erkennend. »Wünscht meine Gemahlin mich zu sprechen?«

Die Angeredete zitterte am ganzen Leibe und vermochte kaum zu sprechen: »Nein – ich komme – verzeihen Herr Graf!« stieß sie heraus. »Aber Frau Gräfin ist so furchtbar erregt und spricht so seltsame Dinge, daß – ich –«

Ein namenloser Schrecken fuhr mir durch die Glieder. Während wir hinüberschritten, forschte ich das Mädchen hastig aus. Ich fragte, ob etwas Besonderes vorhergegangen sei, was meine Frau beunruhigt habe. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Graf! Ich wüßte nichts. Ich glaubte, daß die gnädige Frau schon schliefe. Ich selbst hatte mich zur Ruhe begeben, als Frau Gräfin plötzlich an meinem Bette stand, mich aufrüttelte und etwas verlangte. Ich begriff nicht, was die gnädige Frau wünschte und sprang empor. Da packte sie mich heftig an den Schultern und starrte mich zornig an: »Bist Du's gewesen?« »Ich verstehe nicht« – stammelte ich erschreckt. »Nein, Du nicht« – fuhr sie dann leise, wie mit sich selbst redend, fort und hieß mich wieder schlafen gehen. Jetzt eben aber war Frau Gräfin wieder aufgestanden, riß das Fenster auf, und von der Nachtluft berührt, sprang ich von neuem aus dem Bett. Da eilte sie auf mich zu, streckte die Hände nach mir aus, und blickte mich so drohend an, daß ich aufschrie, rasch meine Kleider an mich riß, ins Nebengemach lief und – das übrige wissen Herr Graf.«

Als ich ins Schlafzimmer trat, lag meine Frau bei brennender Lampe und starrte die Decke an. Ich trat auf sie zu und faßte ihre Hand.

»Ist Dir nicht gut?« fragte ich teilnehmend.

»Doch – jetzt –« erwiderte sie, ohne mich anzusehen. »Mir träumte so schlecht – von Dir, Detlef, – Ah –«, sie bedeckte lange ihr Gesicht. »Es ist vorbei. Begieb Dich zur Ruhe, bitte. – Wo ist Annette? Ich habe sie erschreckt. – Annette! Annette!«

Zaudernd trat die Zofe näher.

»Gutes Kind! Ich habe Sie geängstigt. Es war nichts. Legen Sie sich schlafen.« Sie nickte ihr freundlich zu und machte eine Bewegung, daß sie sich zurückziehen möge.

Nachdem ich noch eine Weile neben Thekla gesessen und sie besänftigt hatte, bot ich ihr – nunmehr über ihren Zustand beruhigt – Gute Nacht und begab mich auf mein Zimmer zurück. Manja war fort. Auf dem Tische lag ein verschlossenes Kouvert. Es enthielt die Worte: »Schlafe wohl! Lieber, Theurer! Hoffentlich war's nichts Schlimmes, was Dich zu Deiner Frau rief. Ich ziehe mich heute lieber zurück. Auf morgen denn!«

Ich beschäftigte mich noch geraume Zeit mit den Vorfällen des heutigen Abends, bevor ich einschlief. Abermals ward eine Unterredung vereitelt, die ich aus zahlreichen Gründen herbeigeführt wünschte. Ich wollte Aufschluß, Klarheit, je früher, desto besser. Schon zu lange währte die Ungewißheit.

Meine letzten Gedanken aber waren bei Thekla. Ihr Zustand ließ die schwärzesten Wolken vor mir aufsteigen und schwere, nicht zu bannende Sorge lastete auf mir.

Als ich jedoch am nächsten Morgen erwachte, empfand ich ihretwegen geringere Besorgnisse, aber die Dinge, die Manja betrafen, erfüllten mich mit steigender Unruhe.

Ich fand alles, was sich zutrug, unstatthaft, versteckt und deshalb unehrlich. Wenn meine Umgebung eine Ahnung gehabt hätte, daß meine einstige Geliebte unter falschem Namen im Hause sei, daß ich dies verheimlichte, daß ich ihr Unterredungen gewähre?

Nein! Ich beschloß der Sache so rasch wie möglich ein Ende zu machen und mich vor mir selbst zu behüten, indem ich Manja aufforderte, unter irgend einem Vorwande sogleich das Haus zu verlassen.

Kein Opfer schien mir groß genug, um diesen als notwendig erkannten Entschluß unverzüglich auszuführen. Ich überlegte auch, ob ich nicht aller und jeder Unterredung ausweichen und erklären solle, ich wolle keine ferneren Erörterungen, sondern nur ihre unumwundene Zustimmung. – »Geh', ich bitte Dich!« wollte ich ihr sagen. »Zeige, wie sehr Du mich liebst, indem Du meine berechtigte Bitte erfüllst, und erlaube, daß ich in Zukunft für Dich sorge, damit Du der Lebenssorgen überhoben bist.«

Unter solchen Gedanken schritt ich aus meinem Gemach die Treppe hinab, um mich ins gemeinsame Frühstückszimmer zu begeben. Doch auf halbem Wege fiel mir ein, daß ich unterlassen hatte, meiner Frau einen Guten Morgen zu wünschen, und ich wandte mich zurück. In diesem Augenblicke öffnete sich Manjas Thür, und im nächsten streiften wir uns im Vorübergehen. Sie sah reizend in der hellen Morgentoilette aus. Noch lag ein sanfter Anhauch der verflossenen Nacht auf ihren Wangen. Es schien, als ob sie eben von einem Spaziergang zurückgekehrt sei, als ob eine reine und belebende Luft ihren Hauch über sie ausgegossen habe. – Sie erhob das Auge, warf mir einen ängstlich bittenden Blick zu und fragte, wie ich geschlafen habe. Auch nach meiner Frau erkundigte sie sich.

»Ich gehe jetzt zu ihr!« erwiderte ich, und von einem plötzlichen Entschluß getrieben, fügte ich, alles trotzig in mir zurückdrängend, hinzu: »Ich muß Dich noch heute morgen sprechen, gleich – nach dem Frühstück. Wo kann dies auf einige Minuten ungestört geschehen?«

Sie erschrak vor dem kurzen, ernsten, fast feindseligen Ton, in dem ich sprach, und sah mich flehend an.

»Ist's etwas Schlimmes, Böses, was Du Dir ausgedacht hast? Ach, überstürze Dich nicht, Detlef! Höre mich erst! Ich will ja nichts von Dir! Wenn ich Dich nur sehen, nur in Deiner Nähe sein darf! Vielleicht gewinne ich auch die Liebe Deiner Frau, Deiner trefflichen Mutter. Was willst Du mir sagen? Was soll ich Dir vertrauen? In der ganzen Zwischenzeit habe ich nur einen Gedanken gehabt – die Erinnerung an Dich.«

Ich hatte mich gegen das Treppengeländer gelehnt und hörte ihr schweigend zu. Es war also, wie ich vermutet hatte. –

Aber ich fand nicht die Stimmung, ihr jetzt, hier zu verkünden, was mein Wunsch und Wille sei; auch gewann ich nicht den Mut, da ihre Worte mein Ohr mit schmeichelnden Lauten trafen. War, was sie verlangte, ein Unrecht? Klang, was sie sprach, nicht einfach, aufrichtig und natürlich? Aber das war's ja eben! Die goldene Schlange des Paradieses züngelte; ich wußte, daß ich ihr nicht zu widerstehen vermochte, wenn sie ihr Auge auf mich richtete, wenn ihr Wesen verführerisch auf mich eindrang.

»Ich verweile nach dem Frühstück eine Zeitlang unten, dann mache ich einen Spaziergang durch den Park, zur Linken nach der Wasserholzseite. Kannst Du dort mich treffen, etwa in einer Stunde? Würde Deine Abwesenheit nicht auffallen?«

Wir flüsterten und sahen uns ängstlich um, schon zu lange hatten wir nebeneinander verweilt.

»Von zwölf bis ein Uhr pflege ich stets einen Spaziergang bei gutem Wetter zu machen. Das Wasserholz ist mir bekannt. Also dort nach zwölf Uhr!« erwiderte Manja und wir trennten uns.

Noch einmal sah sie mich demütig bittend an und wandte sich dann die Treppe hinab, während ich mich in das Zimmer meiner Frau begab.

*

Sie hatte es mir abgerungen an diesem Morgen! Sie blieb; ich wurde der Hehler bei dem Betrug, den sie an dem Vertrauen unserer Umgebung beging.

Ich fand zwar in unserer Unterredung die Worte, die ich sprechen wollte; ich fand sie, obgleich mein Herz meinen Verstand schon halb in Fesseln geschlagen, aber sie unterdrückte, wie einst, alle meine Einwendungen und Bedenken.

»Ich kam, um Dich zu sehen, nur aus diesem Grunde; ich gestehe es!« rief sie aus. »Und ich schäme mich dessen nicht! Ein Gefühl, das mich sonst mit Ekel erfüllen würde, daß ich, ein Weib, um die Gunst eines Mannes würbe, steigt nicht in mir auf! Nenne es unweiblich! Bezeichne es, wie Du willst, mit den härtesten Ausdrücken, ich erwidere Dir, daß ich ohne Dich nicht zu leben vermag. Nicht einmal mein Stolz ist verletzt, daß Du mir damals nicht antwortetest, mich nicht wissen ließest, daß Du diese schöne und kluge Frau geheiratet habest.« Es berührte mich angenehm, daß sie Thekla bewunderte. »Du konntest nicht anders handeln, und zuletzt sagte ich mir, es sei aus zartester Rücksicht geschehen. Habe ich Recht? Ja, ja, so ist es, Du Guter!«

So drang sie in mich und schmeichelte mir durch Betonung meiner zweifelhaften Tugend. »Ich weiß, Du fürchtest Dich vor mir. Ach, begieb Dich dieser Empfindung! Ich will Dich vor Dir selbst beschützen, wenn Du jemals schwankend werden könntest. Ich bin in meiner Liebe so stark, daß ich allem entsagen kann, nur dem nicht – Dich zu sehen. – Du willst mich wegsenden? Ich gehe nicht! Der General läßt mich auch nicht! Ich habe seine Zuneigung. Noch mehr! Ich vermöchte in Eure Familie einzutreten, wenn meine Absichten berechnender Natur wären. Er warb schon halb und halb um mich – – Du willst mich der Abhängigkeit entreißen? Ich weise mit Dank zurück, was Du mir schon einmal gewähren wolltest. Behalte Dein Geld, aber laß mich um Dich sein, wie eine Schwester, eine Freundin. Laß mich das Herz Deiner Frau gewinnen und laß mich helfen, sie zu sich selbst zurückzuführen! Laß mich auch die Liebe Deiner Mutter mir erwerben! Ach, Detlef – ich bin eifersüchtig, Dich mir zu verpflichten. Ich will nur Dein Glück fördern, Deine freundlichen Blicke, Dein warmes Herz dagegen austauschen.«

War das alles Verstellung, Lüge? Bewies sie mir aus früheren Vorgängen, daß ich ihr zu mißtrauen Veranlassung hatte? War sie nicht eine stolze, vornehm denkende Natur, wenn sie auch durch Schicksalsfügungen zeitweilig in eine verkehrte Stellung geraten? Schlug sie nicht Unzers Hand aus? Gab sie mich nicht ohne Besinnen frei, als ich mich gebunden wähnte? Ja, leistete sie nicht in demselben Augenblick Verzicht, wo sie mir ihre Liebe erklärte? Lehnte sie nicht meine Wohlthaten ab und ging, fast von allen Mitteln entblößt, in die Fremde? Erhob sie je einen Anspruch an meine freigebige Hand? Hatte sie sich mir jemals aufgedrängt, obgleich sie mich finden konnte, – obgleich es tausend Mittel gab, sich wieder mit mir in Verbindung zu setzen? Trat sie mit unrechten, sündhaften Gedanken an mich heran? – Nein, sie schwur mir, nur mein Glück zu fördern! Gab es in der Welt nicht viele verwandte Verhältnisse, wo alte, unerwiderte Liebe sich in stille Entsagung verwandelt und den Umständen mit sanfter Ergebung Rechnung trägt? Vielleicht erfüllte sich, was sie beabsichtigte: sie gewann Einfluß auf Thekla! Mit ihren Gaben, mit ihrem lebhaften Geist, mit ihrer Liebenswürdigkeit gelang es ihr, meine Frau auf andere Gedanken zu lenken und uns dadurch alle glücklicher zu machen! Ja, in der verborgensten Tiefe meiner Seele sprang ein frohes Hoffen auf, daß unser Leben sich durch sie wieder glücklich, heiter, genußreich gestalten werde! Eine dunkle, schwere Langeweile richtete sich als Scheidewand zwischen mir und Thekla auf. Schon hatten sich bisweilen Gedanken in mir geregt, ohne sie das Leben zu genießen, häufiger mit unserer Nachbarschaft zu verkehren, an den Jagden, Gelagen und Vergnügungen öfter teilzunehmen, und mich hin und wieder in der Residenz zu zerstreuen. Ich war zu jung, um wie ein Landphilister nur die Sonne morgens über den Feldern aufgehen zu sehen, den Mittag herbeizuwünschen und abends gähnend nach Ruhe zu verlangen. Eine heitere Geselligkeit malte ich mir aus. Manja würde ihre Talente entfalten, schlummernde Fähigkeiten in anderen wecken, und uns alle zum frohen Genuß ermuntern.

Freilich, als ich ihr fern war, erschien ein alter Mann mit ernster vorwurfsvoller Miene und strengen Falten. Es war mein Verstand, und der rief mir zu, nicht mit Möglichkeiten zu rechnen und mich nicht von Wahnbildern fortreißen zu lassen. Sicherer war, daß dieses Weib, das ich einst schwärmerischer, verzehrender geliebt hatte, als selbst meine Frau, mich umgarnen werde. Gewiß! Vielleicht heute, ohne selbst daran zu denken, mit den besten Absichten, aber allmählich sinkend, wie ich selbst durch das verlockende Flüstern jener Stimmen, die in unserem Innern ihr Wesen treiben. Sie, die den Instinkt des Verkehrten in uns fördern, uns zuzischeln und uns beschwichtigen, die großen Sünden verkleinern, unsere Fehler sogar zu Tugenden erheben, bis sie, uns schonungslos den Folgen unserer Schwächen überlassend, sich in quälende, richtende und rächende verwandeln.

Einmal leitete mich ein ehrlicher Gedanke in dem Kampfe zwischen Gewähren und Verweigern, zwischen Reiz und Besonnenheit. Ich sagte Manja: »Gut, bleibe! Aber ich werde offen den Meinigen mitteilen, daß Du nicht diejenige bist, für welche Du Dich ausgiebst! – Meine Mutter soll entscheiden. Vielleicht verheimlichen wir nur meiner Frau mein früheres Verhältnis zu Dir, um sie nach dieser Richtung völlig unbefangen zu lassen. Doch auch darüber will ich nicht jetzt mich entschließen. Ich werde mit ihr reden.«

Aber Manja bestürmte mich mit Bitten, es nicht zu thun, wenigstens nichts zu übereilen. »Prüfen wir uns beide erst, Detlef«, mahnte sie sanft und überzeugend. »Ich weiß, was ich will, und glaube zu können, was ich mir vorgenommen. Dasselbe setze ich bei Dir voraus. Verstreicht die Zeit und fühlen wir, daß ernste, gute Regungen allein unsere Handlungen bestimmen, bestehen wir in unseren Vorsätzen, dann werden wir leichter unsere Umgebung überzeugen, oder uns, ohne Vorwürfe, selbst vor solcher Entdeckung befreien können.

Bedenke! Niemand fragt nach mir in der Welt! Ich habe keine Verwandte. Ob ich mich Manja Sternberg nenne, oder Fräulein Elster, wer forscht nach meinem wahren Namen, nach meinem Geburtsschein? Sollte aber dennoch eine Enthüllung bei irgend einer Gelegenheit notwendig sein, nun, dann gilt als Entlastung die Erklärung, daß ich aus Vernunftgründen nicht als Gräfin, sondern als Bürgerliche in ein dienendes Verhältnis eintrat. Seit wir uns trennten, nannte ich mich Rosa Elster, und keiner forschte, ob ich die Wahrheit redete.«

»Und wenn irgend ein gemeinsamer Bekannter Dich bei uns treffen würde? Ist es glaublich, daß die, welche ich einst liebte, in meinem Hause mit geschwisterlichen Gefühlen neben mir einhergeht? Und dies ist nur eines, dem man leicht begegnen könnte. Denke aber, daß irgend ein heute nicht vorherzusehender Zufall, um den das tückische Schicksal niemals verlegen, enthüllte, wer Du seiest! Was dann? In welchem Lichte würden wir stehen?«

Doch auch diesem Einwand begegnete Manja, der jegliches zu Gebote stand, was einen Gegner, und zumal einen schwankenden, zu bekämpfen im Stande ist.

»Ja, was ist nicht alles möglich!« rief sie. »Wer weiß, ob wir leben, morgen – heute? Jede unserer Hoffnungen, jeder Wunsch hat ein schweres, plumpes Gewicht an den Gliedern, das meist schon unser Herr ist, wenn wir noch dahinzufliegen vermeinen. Dem Zufall sind wir alle auch als Tugendhafte ausgesetzt, vermögen an des Schicksals Lauf nichts zu ändern! – Ich bitte! Sei gut! Vertraue mir! Vertrauen wir uns selbst! Bleibe mein Freund, Detlef!«

Und dann berichtete sie mir von der Zwischenzeit, von den Erlebnissen der verflossenen Jahre, und weckte durch diese Erzählungen, die sie nach und nach in unseren Gesprächen ergänzte, mein erhöhtes Interesse und mein Mitgefühl.

*

Wir waren bis an die Weihnacht gelangt; es war am Tage vor dem heiligen Feste. Ich war mit meinem Schwiegervater aus der Stadt zurückgekehrt, wo wir mit glücklicheren Empfindungen, als lange vordem, Einkäufe für die Unsrigen gemacht hatten. Meine Frau war freilich, wie meine Mutter mir sogleich mitteilte, einem abermaligen schweren Anfall von Trübsinn erlegen und träumte, als ich sie besuchte, mit starren Augen vor sich hin. Als ich aber auf sie einredete, war sie sanft und willfährig und umschlang sogar mit stürmischer, fast angsterregender Zärtlichkeit meinen Hals:

»Bist Du mir gut?«

»Du weißt doch! Ich liebe Dich wie nichts auf dieser Welt!« rief ich zärtlich. »Erfülle mir aber auch nun unseren Wunsch und raffe Dich für das Fest auf. Wir wollen es froh begehen, und wir haben große Überraschungen für Dich.«

Nun begann sie, mir diese natürliche Bitte auszureden und die Erlaubnis abzubetteln, lieber in ihrem Zimmer bleiben zu dürfen. Wir möchten ihr den Weihnachtstisch in ihrem Gemach aufputzen. Sie könne nicht aufstehen. Sie empfinde Qualen; hier aber werde sie alles froh genießen.

Ich war starr über diese Worte, und unsere Unterredung endete mit einer äußerst erregten Szene, in der ich mich so weit vergaß, sie eine Starrsinnige, Pflichtvergessene und – Undankbare zu schelten.

»Das Fädchen, das Fädchen!« – schrie sie auf und griff ans Herz. Eben wollte es zerreißen. Seine Gewebe dehnten sich – Nicht weiter, Detlef, nicht weiter – –«

Ich trat ans Fenster und schaute hinaus. Um die Tannen im Park schlangen sich die Arme des Winters – Vor meine Augen traten die Lichter des Weihnachtsbaumes, fröhlich, blitzend, ein Bild stiller, seliger Freude. Aber sie verloschen; was lustig und lachend in ihren Zweigen hing, Rot, Gold und Flitter verschwand, und plötzlich sah ich nur den frierenden eis- und schneebedeckten Baum draußen allein vor mir. Ich sagte nichts mehr; ich grüßte meine Frau ernst und verließ das Gemach.

* * *

 


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