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Kurze Zeit darauf, an einem wundervollen Spätfrühlingstage, brachen wir nach dem Gute Aschdorf, dem Stammsitz der Familie Barca, auf.

Wir waren in einer besonders guten Stimmung, denn eben vorher hatten wir die Nachricht von unserem Advokaten empfangen, daß ein jahrelanger Prozeß, der zwischen uns und einem Bruder meines verstorbenen Vaters, einem verbissenen und händelsüchtigen Manne, in einer Erbschaftsangelegenheit geführt war, endgültig zu unseren Gunsten entschieden sei.

Dieser Ausgang eines langwierigen Streites, der mich auch früher, als ich gewollt, von der Universität nach Hause zurückgerufen hatte, befestigte nicht nur unseren Besitz, sondern erweiterte ihn auch wesentlich, und weil selbst dann, wenn eine Vermehrung materieller Güter Glück und Wohlbehagen nicht beeinflußt, die Freude an Geld und Gut sich niemals verleugnet, so erfüllte auch uns, neben dem Stolz über den Sieg unserer gerechten Sache, der Zuwachs an Vermögen und die dadurch bedingten äußeren Ehren mit großer Genugthuung. Wir fuhren durch unsere herrlichen Wälder und Felder, durch unsere Vorwerke und Pachthöfe mit dem gehobenen Gefühl, daß diese nun unantastbar unser Eigentum seien, und wir machten keine Ausnahme, indem wir die ehrerbietige Höflichkeit unserer Dienstleute, Eingesessenen und Bauern mit einer gemischten Miene von Wohlwollen und befriedigter Eitelkeit entgegennahmen. Einmal hielten wir an dem Schulhause des Dörfchens Altau still und begrüßten den würdigen Magister Kofe, der mich einst auf den Armen getragen hatte und jetzt hier seines Amtes wartete.

Er war neben dem Hause auf der Wiese mit einer Ziege beschäftigt, die ihm, als er sich unserem Wagen näherte, wie ein Hündchen nachlief, und unseren Braunen übermütige Komplimente machte.

Der Alte sah fast wie ein Weib aus, denn er trug eine sonderbar aussehende Mütze und eine Art Frauenjacke; ein Umstand, der ihn denn auch so verlegen machte, daß er fast auf alle Fragen nur mit einem »Gewiß! gewiß!« antwortete.

Auch störte es ihn sichtlich, daß seine Freundin während unserer Unterredung in den Garten gelaufen war, hier umherstolzierte und schonungslos Blätter und Blumen abrupfte, ohne daß er den Mut fand, das Gespräch zeitweilig abzubrechen.

»Wollen die Herrschaften nach Aschdorf?« fragte er endlich, nachdem ich ihm durch Mahnung zum Wiederaufbruch zu Hilfe gekommen war.

Wir bejahten.

»Dann werden Sie dem Herrn General unterwegs begegnen,« ergänzte er. »Vielleicht hält sich Herr von Barca noch drüben beim Herrn Pastor auf. Sie ritten vor nicht zu langer Zeit vorüber!«

Diese Mitteilung veranlaßte vollends, jetzt rascher von dem guten Alten Abschied zu nehmen. Als wir uns umwandten, sahen wir ihn eilig in den Garten laufen und der Ziege mit ernsthaftester Miene – als ob's einer seiner Schulbuben sei – einige Backenstreiche versetzen.

Wir holten in der That unsere Freunde kurz hinter dem Dorfe ein. Sie ritten im Schritt, und Theklas hohe Gestalt nahm sich auf dem schwarzen Rappen majestätisch aus. Mir war ein wenig unbehaglich zu Mute, als wir in ihre Nähe gelangten, aber dieses Gefühl verwischte sich sogleich, denn beide begegneten uns mit völliger Unbefangenheit, und meiner langen Besuchszögerung ward mit keiner Silbe Erwähnung gethan.

»Ah, mein lieber Graf!« rief der General und reichte mir von seinem Fuchs die Hand entgegen, »das ist vortrefflich! – Ich denke doch, Sie wollen zu uns, meine Gnädige? Nicht so? Nun, das ist ja außerordentlich erfreulich, und hoffentlich bleiben Sie recht lange bei uns?«

Thekla musterte mich, nachdem sie meine Mutter aufs artigste begrüßt hatte, einen Augenblick mit sehr neugierigen Blicken, reichte dann auch mir die Hand und sagte lebhaft und zu meinem Erstaunen, daß sie einen solchen, ziemlich gleichgiltigen Gegenstand bei unserer ersten Begegnung berührte:

»Waren Sie auch bei Kofe? Sieht er nicht unglaublich verrückt aus? Und dann dieser unvermeidliche, drollige Ziegenbock!«

»Erlauben Sie, mein Fräulein,« sagte ich mit angenommenem Ernst und in der Absicht, unser Gespräch von vornherein durch eine Neckerei in einen leichteren Ton zu leiten, »es ist eine Madame.«

»Ah, um Vergebung,« lachte sie. »Gottlob, daß Madame la Vicomtesse diese beleidigende Verwechslung nicht gehört hat!«

Und nun plauderte sie, während sich der General an der anderen Seite des Wagens neben meiner Mutter hielt, hauptsächlich über Pferde, Jagden und Rennen. Endlich aber sagte sie:

»Wissen Sie, daß ich allerlei Getier gezähmt habe und jetzt auch einen folgsamen Fuchs besitze, der auf dem Gute bisweilen mein Begleiter ist?«

»Einen folgsamen Fuchs? Sie scherzen, Fräulein Thekla!«

»Sie zweifeln? Ich bitte, Ihre Frau Mama zu fragen. Frau Gräfin, Sie werden bestätigen –«

Meine Mutter nickte. Sie hatte mir von dieser wenig geschmackvollen Laune Theklas nichts gesagt.

Aber je mehr ich sie sprechen hörte, je mehr zog sie mich an. Es klang alles anders aus ihrem Munde, als bei anderen Menschen, und doch war nichts Gemachtes an ihr. Sie hatte einen schön gebildeten, großen, für eine Frau fast ein wenig zu großen Kopf, eine scharfgebogene, starke Nase und sehr ausdrucksvolle Gesichtszüge, aber das alles paßte zu einander, und gerade diese Unregelmäßigkeiten gaben ihrem Gesicht etwas besonders Charakteristisches und Anziehendes. Dabei hatte sie – ihre verstorbene Mutter war eine Italienerin gewesen – ebenso wie Columba, einen Anhauch südlich dunkler Gesichtsfarbe und wunderbare, feurige Augen, während ihr Haar in ein dunkles Aschblond spielte. Und wie sie so den Norden und den Süden in ihrer Gesammterscheinung gleichsam verschmolz, so trat auch im einzelnen, namentlich in ihrem Gesicht, eine Doppelnatur zum Vorschein. In ihrem Blick lag etwas Überlegenes, Forschendes. Mit einem beinah lauernden Ausdruck im Auge beobachtete sie, was um sie her vorging, ihr Mund aber, hinter dessen Lippen eine entzückende Reihe schneeweißer Zähne erschien, hatte beim lebhaften Sprechen etwas so Lachendes, Fröhliches und beim Zuhören etwas so Kindliches, man hätte sagen können, unschuldig Naives, daß man versucht war, in ihr zwei Seelen zu vermuten, die abwechselnd zur Geltung zu gelangen suchten.

Thekla von Barca gehörte zu den Naturen, die entweder etwas außerordentlich anzieht oder völlig gleichgiltig läßt. Ein gutes Mittelmaß wohlwollender Gesinnungen gegen jedermann lag nicht in ihrer Art.

Da ihr Vater sie als einziges Kind vergötterte, und ihr bei seinem großen Reichtum nie etwas abschlug, so war sie sehr verwöhnt, nicht ohne unberechenbare Launen und, ihrer emancipierten Neigungen nicht zu gedenken, oft voll der sonderbarsten Widersprüche. Aber der Sinn für alles Natürliche und Wahre war doch so stark, daß sie ihre Überzeugungen niemals ihren Bequemlichkeiten geopfert, und eher sich Entbehrungen ausgesetzt haben würde, als von dem abzuweichen, was sie für Recht erkannte. Kurz, Thekla von Barca war ein Charakter und zwar ein höchst achtungswerter, wenn auch nicht immer liebenswürdiger.

Ich gefiel ihr offenbar, denn wenn ich schwieg, richtete sie ihre Augen so eindringlich auf mich, daß es mir beinahe als eine Unhöflichkeit erschien, das Gespräch nicht von neuem zu beginnen. Unsere Prozeßangelegenheit nahm ihre Aufmerksamkeit sehr in Anspruch. Immer von neuem mußte ich ihr erzählen, und sie that Fragen so sachlicher Art, daß mich ihre Kenntnisse in Erstaunen setzten.

Es war mir überdies auffallend, wie sehr sie mit den gesamten Verhältnissen der Umgegend und des Landes vertraut war. Sie kannte alle Familien mit ihren Beziehungen und Stammbäumen, wußte von den inneren Angelegenheiten und Vermögensverhältnissen, beurteilte und behandelte das alles aber wie eine Dame der großen Welt, die, wenn sie auch um jedes Ereignis wissen muß, durchaus sich nicht verpflichtet fühlt, daran irgend ein tieferes Interesse zu knüpfen.

So sprach sie über einige Krankheits- und Todesfälle näherer Bekannten, als ob von Regen und Wind die Rede sei, und als ihr Vater einmal in längerer Rede den Verlust eines Gutsnachbarn beklagte, rief sie – wir waren inzwischen auf seinem Besitztum angelangt und saßen plaudernd auf der Veranda –: »Ach, gräme Dich nicht, Pa, es ist ein Dummer weniger in der Welt! – Der Mensch war wirklich polizeiwidrig beschränkt!«

Unsere Wirte ruhten nicht, bis wir versprachen, längere Zeit bei ihnen zu bleiben. Es wurde sogleich ein Diener abgefertigt, um die für diesen Aufenthalt notwendige Garderobe und sonstigen Gegenstände herbeizuholen, und mir räumte der General ein prachtvolles, halb nach dem Hofe, halb nach dem Garten gelegenes Zimmer ein, in das er ein Klavier stellen ließ, weil er wußte, daß ich gern musizierte.

So erschöpften sich unsere Freunde nach jeder Richtung in Aufmerksamkeiten, und der Gastgeber zog mich sogar in einigen wichtigen Familien-Angelegenheiten zu Rate.

»Nun, und wie steht's mit dem Heiraten, lieber Graf?« hob er am nächsten Morgen an, als wir nach einer Besichtigung der Gutsgebäude wieder ins Freie traten.

In diesem Augenblick erschien Thekla mit ihrem übelduftenden Begleiter, und das unliebsame Gespräch ward zum Glück unterbrochen.

»Wie kamen Sie auf den Einfall, und wie fanden Sie die Zeit – beides möchte ich fragen, Fräulein Thekla – einen Fuchs zu zähmen?«

Sie lachte, während der General mit befriedigtem Stolze sie anschaute und rief: »Wie und weshalb? Ich wollte einmal ein kluges Raubtier kennen lernen, und seine Fähigkeiten mit denen anderer intelligenter Tiere – des Hundes, des Pferdes, des Seelöwen – vergleichen. Letzteren erhalte ich auch nächstens, so wie das Bassin in Ordnung ist.«

Es fehlt dann nur noch der Elefant, die Giraffe, der Löwe, das Nilpferd, der Tiger« –

»Spotten Sie nur!« fiel sie lebhaft ein, machte dem Fuchs ein Zeichen, worauf dieser sich wie ein gehorsamer Hund niederstreckte, und eilte, um nachträglich meiner inzwischen herangetretenen Mutter ihren Morgengruß zu entbieten, gegen die sie stets voll der zartesten Rücksichten war. Dann kam sie auch auf mich zu, und reichte mir mit einer entzückenden Freimütigkeit und Unbefangenheit ihre Rechte.

»Komm, Jack!« rief sie gleich darauf, »Du kannst uns begleiten,« und wir setzten uns gemeinsam in Bewegung.

Als ich an einem der folgenden Tage nach dem Diner – der General hielt auf eine vortreffliche Küche und die Auswahl des heutigen Tages hätte dem Sonntagstisch eines großen Gourmand alle Ehre gemacht – mich mit Thekla in die Veranda zurückgezogen hatte, sah sie mich mit ihren durchdringenden Augen an und sagte:

»Sie sind doch sehr ernst geworden, Graf Rauch. Aber es steht Ihnen gut.« Sie öffnete ihren hübschen Mund und sah mich schelmisch an.

»Und Sie sind sich gleich geblieben, Baronesse, Sie sind ganz die Alte von ehedem, als wir noch Kinder waren und zusammen spielten.«

»Wollen Sie mir damit etwas Verbindliches sagen?«

»Es ist das größte Kompliment, das ich Ihnen machen kann, Baronesse – –«

»Weshalb nennen Sie mich plötzlich Baronesse? Weshalb reden Sie mich nicht an, wie am ersten Tage? Das gefiel mir weit besser.«

Ich neigte den Kopf und dankte durch diese Bewegung; ich sagte aber nichts.

»Ja wirklich viel ernster," knüpfte sie abermals an. »Ich glaube, ich könnte mich mitunter ein wenig vor Ihnen fürchten!«

»Sie, und Furcht empfinden, Fräulein Thekla! Zumal mit einem Fuchs als Begleiter?«

Sie lachte, schwieg einen Augenblick und sagte dann:

»Über meinen Jack können Sie sich gar nicht beruhigen! Wie wird's nun erst, wenn ich mit dem Seelöwen einherschreite!«

»Ach, und mit dem Tiger und mit der Giraffe, wenn sich diese unter Ihrem Schreibtisch niederläßt oder, gleich einem Schoßhunde geliebkost, auf den Arm genommen werden will –«

»Spötter! – Aufrichtig, sagen Sie, verabscheuen Sie meine Tierpassionen?«

»Nun, ich liebe selbst Tiere sehr, aber –«

»Aber?«

»Lassen wir das Thema fallen, Baronesse,« sagte ich ernster.

»Lassen wir das Thema fallen! Und wieder Baronesse! Nein, nehmen wir es auf, gründlich auf! Ich bin darauf capriciert, von Ihnen zu hören, warum Ihnen mein Jack mißfällt!?«

Ich schwieg. – Es ist immer bedenklich, wenn Frauen darauf dringen, sich die Karten legen zu lassen. Die Gestattung dieser Vertraulichkeit von Seiten des Mannes deutet allezeit auf versteckte Neigung. Was gälte es dem schönen Geschlecht, ein zweifelhaftes Urteil zu vernehmen, wo es doch Verlangen trägt, in jeder Sekunde eine Schmeichelei zu hören, wenn nicht der Reiz darin verborgen läge, bei solcher Gelegenheit zu erfahren, ob und wie weit sich der Mann überhaupt mit seinem Thun und Lassen beschäftigt.

Und weil ich dies wußte und ängstlich vermeiden wollte, daß sich Dinge wiederholten, die ich schon einmal so bitter bereuen mußte, brach ich ab und nahm ein gleichgiltiges Thema auf, das aber bald wieder ins Stocken geriet.

Dies alles bewirkte, daß Thekla, die nicht gewohnt war, daß man ihr irgend etwas verweigerte, halb künstlich, halb ernsthaft schmollend, sich bald darauf erhob und wortkarg an einigen Oleanderbäumen zupfte, die auf der Terrasse standen.

Eine längere peinliche Pause entstand. Die Arbeiter kamen vom Felde. Hinter den Hecken tauchten Pferdeköpfe und hoch mit Gras beladene Wagen auf. Durch den andämmernden Abend erklang das Lied eines fröhlichen Burschen, der eines der Gefährte lenkte.

Er sang ein volkstümliches Kriegslied, das schwermütig durch die stille Gegend klang. Nun schwieg er plötzlich; die Syringen aus dem Garten dufteten stark; einmal wieherte seitab ein Pferd, und das zankende Geschnatter der Gänse drang deutlich vom Hofe her. Eine Birke, die auf dem großen, parkartigen Rasen stand, ließ träumend ihre Zweige hängen, und im Gebüsch begann der erste unsichere Flötenton der Nachtigall. Ein verspätetes Getier hastete im Zickzack durch die Luft, fast schreckhaft, und war ebenso rasch wieder verschwunden.

Inzwischen kam ein kälterer Luftzug vorübergehend auf, und ich sah, daß Thekla, die Schultern bewegend, leise fröstelte.

Noch immer schwiegen wir. Jeder wußte von dem anderen, womit er sich beschäftigte, und in uns beiden saß der Trotz. Konnte ich denn mit keiner Frau verkehren, ohne daß tiefere Herzensbeziehungen sich zu regen begannen? Mich erfaßte eine Scheu vor mir selbst, und doch vermochte ich den befriedigenden Eindruck nicht abzuwerfen, daß ich Theklas Interesse wachgerufen hatte.

Meine Jugendgespielin galt als ein so absonderliches, unnahbares Mädchen, zeigte sich, wie ich wußte, im Verkehr mit Männern meistens so streng abweisend, daß ich zwar einen Sieg zu verzeichnen hatte, aber einen Sieg ohne Kampf. Dieser fehlte, und infolgedessen umsomehr der Reiz!

Plötzlich wandte sie sich zu mir und sagte: »Weshalb reden Sie nicht mit mir, Graf Rauch? Finden Sie es artig, mir erst auszuweichen und dann ein Benehmen an den Tag zu legen, als ob ich Sie, nicht Sie mich verletzt hätten?«

»Aber Baronesse!«

»Immer Baronesse, Baronesse! – Wie langweilig! – Aber gleichviel, wenn's Ihnen besser gefällt. Beantworten Sie mir jedoch gütigst meine Frage!

»Nun gut, da Sie es fordern,« sagte ich mit einem Anflug förmlicher Höflichkeit, um sie wenigstens meinen Unmut merken zu lassen. »Ich liebe es durchaus nicht, wenn Frauen sich emanzipieren, weiblichen Beschäftigungen aus dem Wege gehen und sich mit Dingen fast ausschließlich beschäftigen, die selbst bei den Männern als eine Ausnahme gelten. Dazu rechne ich eine tägliche Beschäftigung mit Rennen, Jagden, Hunden, Pferden, Füchsen, Seelöwen – –«

»Und Giraffen! – Vergessen Sie nicht,« unterbrach sie mich bitter.

»Gut, auch Giraffen, Fräulein Thekla. Sie fragten mich, und ich habe Ihnen geantwortet! Ich würde es bedauern, wenn ich Sie durch meine Offenherzigkeit verletzt hätte. Aber Sie zwangen mich dazu, da Sie mich der Unart ziehen. – Nicht ich, – Sie tragen – ich bitte um Vergebung – die Schuld –«

»Ich bin nicht verletzt, – aber ich bin nun einmal so und werde mich nicht ändern,« erwiderte sie hart und trotzig.

»Ich würde es Ihnen auch verdenken, und ich gestehe, daß ich nicht einmal finde, daß sich die Wirkung des Verkehrs mit Ihren Freunden auf Ihr Wesen übertragen hat.«

Sie erhob ihr Auge und musterte mich mit einem finstern Blick. Es drang etwas so Unheimliches aus diesen dunklen Sternen, daß ich erschrak und meine Worte bereute. Denn obgleich das, was ich äußerte, wörtlich zu nehmen und ehrlich gemeint war, hatte ich doch im Augenblick des Sprechens bereits das Gefühl, sie könne meine Worte mir falsch auslegen.

Aber ich sah sie, obschon das alles in meinem Innern vorging, ebenso kalt an, wie sie mich und sagte:

»Es ist mir unbegreiflich, daß Sie etwas mißverstehen wollen, was ich ehrlich, also ohne Beimischung irgend eines Nebengedankens aussprach.«

Ich erkannte nicht, ob sie mir glaubte, aber nach kurzer Pause hob sie leiser an:

»Wir vertrugen uns als Kinder so gut. – Ich hatte mich auf Ihr Kommen seit Wochen, seit Monaten so sehr gefreut – Nun ist doch alles ganz anders –«

Sie sagte das so weich, es erschien mir so seltsam, daß dieses äußerlich so kühle und Gemütsregungen scheinbar ausweichende Mädchen solche Herzenstöne anschlagen konnte, daß ich überrascht aufschaute, und von dem Augenblicke hingerissen, in herzlichem Tone erwiderte:

»Ich bitte Sie, Thekla, glauben Sie mir, daß ich nur die besten Empfindungen für Sie habe, wenn ich auch das Höchste bei einer Frau nun einmal nur in der vollendetsten Weiblichkeit zu erkennen vermag. Und ferner: lassen Sie aus unserem Verkehr alles verbannen, was uns entfremden könnte. Wir sind ja fast wie Geschwister aufgewachsen, Thekla! Bleiben wir in diesem Sinne dieselben, ganz dieselben für jetzt und immer!«

Aber sie antwortete nicht. Eine seltsame Blässe trat auf ihr Antlitz, und aus ihren dunklen Augen sprühten schlecht unterdrückte Funken der Enttäuschung.

Und jetzt schlug abermals der dunkle Sänger an. Die Wirkung seines klagenden Liedes teilte sich uns mit. Wir litten beide, sie, weil sie mich liebte, – es war offenbar, – ich, weil plötzlich alle die Nachschauer jener Schwächen über meine Seele flogen, unter denen ich nun seit so vielen Monaten gelitten, und die mich abermals in die Gefahr brachten, auch dem Zauber dieses Mädchens nicht den Widerstand entgegensetzen zu können, den die Umstände und meine Buße gebieterisch von mir verlangten.

*

An einem der folgenden Tage verabredete ich mit Thekla abermals einen Spaziergang. Der General und meine Mutter pflegten sich zur Nachmittagsruhe auf ihre Zimmer zurückzuziehen, und wir wußten um diese Zeit nie recht, was beginnen.

Meistens saßen wir – jeder mit einem Buche in der Hand – uns in der Veranda gegenüber und unterbrachen diese Beschäftigung nur, wenn wir dem Reiz nicht widerstehen konnten, uns ein wenig zu necken oder gar zu zanken.

Während unserer Wanderung kam zufällig das Gespräch auf eine Gesellschaftsdame, die täglich erwartet wurde. Ihre Vorgängerin war plötzlich entlassen worden, und so war eine unliebsame Lücke entstanden.

Jetzt hatten Barcas aber wegen unserer Anwesenheit einige Einladungen nicht länger hinausschieben wollen, und im Grunde – wie Thekla sich ausdrückte – sei ja gar keine Veranlassung, deshalb dergleichen hinzuhalten, überhaupt nicht erforderlich, irgend eine fremde Person ins Haus zu nehmen. »Aber Papa erklärt, ich sei ihm zu unstät, er müsse ein menschliches Wesen haben, mit dem er plaudern, oder das ihm vorlesen könne, wenn er einmal das Bedürfnis fühle.«

»Welche Bewandtnis hatte es denn mit dem Fräulein, das bisher bei Ihnen thätig war?« fragte ich, während wir das nahe gelegene Dorf durchschritten und uns gegen eine größere Waldung, das Wasserholz, wandten.

»Welche Bewandtnis?« erwiderte meine Begleiterin, den Kopf hochmütig bewegend. »Nun, es war eine unverschämte, intrigante Person – natürlich unter der Maske einer frommen Dulderin. Sie würde Papa noch ganz umstrickt haben, wenn ich der Sache nicht energisch ein Ende gemacht hätte. Wahrhaftig! sie fühlte sich schon als Frau Generalin, Excellenz, diese Mamsell mit ihren Morgenschuhen und blaßroten Schleifen –«

In diesem Tone sprach meine Begleiterin noch eine Weile von der Fremden, aber ihre Worte berührten mich so wenig angenehm, und die Erinnerung an die wegwerfende Art und Weise, mit der sie nur allzu oft Personen und Dinge behandelte, reizte mich so sehr, daß ich es nicht unterdrücken konnte, ihr zu erwidern.

»Wenn man Sie so reden hört,« begann ich, »sollte man glauben, es wiederhole sich wirklich eine jener traurigen Geschichten, die wir in den Büchern lesen –«

Sie ließ mich nicht vollenden und sah mich mit trotzigem Blick an: »Ich verstehe Sie nicht, Graf Rauch, bitte –«

Aber ich that ihr den Gefallen nicht, den ihre Umgebung ihr in solchen Fällen erwiesen. Statt mich durch ihr Wesen einschüchtern zu lassen und einzulenken, sagte ich strenge:

»Nun, ich kannte die Dame nicht, die Ihr Haus verlassen hat, aber – offen gestanden – die Art, wie Sie über die Person« – dieses Wort betonte ich – »sprachen, erinnert stark an Vorgänge, denen abhängige junge Mädchen in vornehmen Häusern nur zu häufig ausgesetzt sind.«

»Nun gut, Sie gestehen selbst zu, daß Sie die Betreffende nicht kannten. Wie vermögen Sie denn zu urteilen, und welcher Umstand veranlaßt Sie, sich auf deren Seite zu stellen?«

»Nicht das, was Sie über das junge Mädchen äußerten, sondern wie es geschah – Thekla! befremdete mich! Sollte man den Armen nicht goldene Brücken bauen?« Ich sagte dies freundlicher und redete sie absichtlich ohne Förmlichkeiten an.

»Nun eben,« entgegnete sie rasch und entschieden. »Sie haben eine Frauen- und ich eine Männerseele. Bei Ihnen spricht gleich ganz unnötig das Herz mit. Sie haben den Busen eines Gottes, – ich bin ein Marmorgebilde.«

Sie sprach das halb ernsthaft, halb sarkastisch, aber was sie sagte, reizte mich zu einer Erwiderung: »Wenn das Gefühl der Nächstenliebe, wenn Teilnahme an dem Schicksal anderer, wenn der Drang zu helfen, zu fördern und jeder Eigenart nach Kräften Rechnung zu tragen, kurz, wenn das wirklich Menschliche immer nur in einer Frauenseele emporsteigen kann, nun, dann haben Sie Recht! Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen. Ich will nicht behaupten, daß ich mich rühmen kann, immer so zu handeln, aber ich bemühe mich –«

»Und der Folgeschluß auf mich?« fragte das stolze Mädchen, rascher neben mir herschreitend.

»Ich gab Ihnen meine Ansicht in der Rüge, die ich mir vorher auszusprechen erlaubte. Sie sind der Mittelpunkt der Welt, Thekla. Was sonst noch sich die Freiheit nimmt, zu existieren, ist nur Ihr Schemel, die Lehne Ihres Sessels –«

»Sie sagen mir nichts Neues, Graf Rauch. Schon andere vor Ihnen nannten mich mit Unrecht herrisch und gefühllos. Aber gleichviel, ich deutete Ihnen selbst schon an, daß ich nicht blind über mich bin.«

Aber nach einer Pause fuhr sie langsam und sinnend fort:

»Und doch, vielleicht, es wäre schon besser, wir tauschten unsere Seelen aus –

Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen!« setzte sie, als ich eine zweifelnde Bewegung machte, rasch hinzu. »Und dennoch werden Sie sich meiner Worte einst erinnern! Welch ein Mann würden Sie sein, wenn Sie zu Ihren Eigenschaften etwas von einem Napoleon in sich hätten –«

»Sie meinen?«

»Nun!« sagte Thekla von Barca und schlug mit der Reitgerte, die sie fast immer mit sich trug, die Blätter der jungen Waldbäume ab. »Wollen Sie mein Urteil über Ihre Person wissen?«

»Ich bin in der That neugierig, aus dem Munde eines so ausgezeichnet klugen und schönen Mädchens« –

Sie blickte rasch zu mir empor, weil sie den Ausdruck meines Gesichtes beobachten wollte und zuckte, als sie nichts besonderes darin entdeckte, ein wenig verächtlich die Achseln.

»Also?« hob ich zur Wiederbelebung des Gespräches an.

»Nun ja, also! Ich halte Sie für einen Menschen, der nicht nur eine Frauen-, sondern auch eine Kinderseele besitzt, und das allerdings im besten Sinne! Sie haben eine lebhafte Empfindung für alles Gute und Schöne, und namentlich für alles Natürliche, aber Sie geraten, indem Sie sich von Ihren Herzen hinreißen lassen und dessen Impulsen folgen, ohne Zweifel allzuleicht mit Ihren Grundsätzen in Konflikt. Sie sind über sich selbst gerührt, während Sie doch nur einem in Ihnen ruhenden Drange folgen; Sie handeln unter den Regungen ihres Gemüts, während Sie Ihren Verstand, mit dem Sie der Schöpfer reichlich begnadigte, nur allzuoft als einen pensionierten Kammerdiener behandeln. Sie bedenken nicht, daß wir oft eine größere Tugend in der Unterdrückung unserer Herzensschläge üben, als umgekehrt, und vergessen zweierlei: erstens, daß die Welt mit dem Verstande angepackt werden muß, und ferner – und das ist ein Ergebnis der Erfahrung, – daß die spärlichen Brosamen, die man von seinem Tische fallen läßt, als weit höhere Gaben betrachtet werden, als das fortwährende Spenden aus dem Vollem. Man nennt gute Menschen deshalb meist Schwächlinge, selbst wenn man Vorteile von ihnen zieht; die Egoisten aber, die doch auch gar oft ein menschliches Rühren überfällt, aus deren Herzensfalten dann bei solcher Regung eine neue, anders geartete Form der Selbstsucht auftaucht, stellen allein die starken männlichen Naturen dar. Sie müßten einen Mentor haben, der Ihnen ein Halt zuriefe, der Sie bei Gelegenheiten, wo Ihr Herz über den Verstand siegen will, an dem Arm nähme und seitab führte.«

Ich hörte mit Erstaunen zu, was Thekla in so wohlüberlegten Worten mir sagte. Vielleicht übersah sie, daß ich noch jung war und vom Leben, von seinen Härten und Enttäuschungen wenig kannte. Aber sie hatte ja nicht Unrecht; Beweise lagen eben hinter mir, und ich fühlte das mit nur allzugroßer Beschämung.

Inzwischen hatten wir unser Ziel erreicht.

Durch den Wald zog sich ein munteres Wasser, an dem ein Fußsteig entlang ging, den wir bei unserer Wanderung eingeschlagen hatten. Der Bach mündete in einen größeren Waldsee, der sich an dem südlichen Ausgange des Gehölzes zu einem kleinen Flüßchen erweiterte. Man vermochte vom Gute aus, wo das Gewässer das Herrenhaus gleich einem Burggraben umschloß, die ganze Strecke im Boot zurückzulegen, so daß man am Herrenhaus an der östlichen Front einstieg, und an der westlichen wieder zurückkehrte. In einem großen Halbbogen sich hinziehend, schloß das Wasser das dazwischenliegende Land wie eine Insel ein.

Als wir ans Ufer traten, fragte mich Thekla, ob ich Neigung habe, mit dem Boote zu fahren, und als ich bejahte, ließ sie einen eigentümlichen Pfiff vernehmen, der zur Folge hatte, daß ein junger Bursche aus einem hölzernen Bau heraustrat, der als Fischerhütte und bisweilen auch als Badeanstalt benutzt wurde.

»Hole das Boot an die Brücke, Friedrich,« – rief sie – »thu' die Ruder hinein und gieb uns Nachricht, wenn's soweit ist!«

»Wie geht es zu, daß wie durch Zauber ein dienstbarer Geist zu unserer Verfügung steht?« fragte ich. »Als wir Kinder waren, als wir hier zusammen umherfuhren, – erinnern Sie sich? – hatten wir Scheu vor dem See, und wenn wir einmal vom Schlosse fortruderten, wagten wir uns nicht weiter, als bis an das jenseitige Ufer.«

Sie überging den letzten Teil meines Satzes und sagte, während wir uns auf einer Bank am Waldesrande niederließen:

»Sie meinen den Friedrich? Er ist der Sohn unseres Kutschers, und ich sandte ihn unter der möglichen Voraussetzung, daß wir seiner bedürften, voraus. Er ist schon seit heute früh hier, da wir doch anfänglich nach dem Frühstück unseren Spaziergang antreten wollten.«

»Und nun hat der Bursche die Stunden hindurch, seit dem Morgen, hier gewartet? Kam er nicht zur Mittagszeit nach Haus?«

»Nun, er wird keinen Hunger gelitten haben, ist, wie Sie sehen, jedenfalls nicht an Entkräftung gestorben,« antwortete sie in einem kalten Ton. »Steigen schon wieder Mitgefühle für die Menschheit in Ihnen auf?«

Mich ärgerte diese Antwort und noch mehr die fast beleidigende Art und Weise, in der sie gegeben ward. Ich antwortete deshalb:

»Ich bitte, gelangen wir nicht auf das alte Kapitel, Baronesse. Weder auf dies, noch auf etwas anderes, was unsere Eigenart betrifft. Sie werden Ihre schlecht-parfürmierten Füchse und Ihre Seelöwen nicht abschaffen, und ich kann meine Natur nicht umwandeln –«

»Ah, wieder der Fuchs – und meine Tierpassionen!«

Sie schwieg einen Augenblick, dann sah sie mich mit ihrem herrischen Blick an und sagte, statt einzulenken, kurz:

»Früher waren Sie weder empfindlich, noch streitsüchtig, Graf Rauch –«

Es brannte mir eine heftige Erwiderung auf der Zunge, aber ich wollte nicht das letzte Wort behalten und das unbequeme Gespräch nicht noch schärfer zuspitzen, weil ich einer Dame gegenüber saß. Ich entgegnete deshalb nichts, und da sie mein Schweigen wohl nicht erwartet hatte, verharrten wir nun beide stumm.

Sie riß einige Blätter von den Bäumen ab und zupfte daran, auch schlug sie abermals unbarmherzig auf das umstehende Gebüsch.

Endlich ward die peinliche Pause durch die Ankunft Friedrichs unterbrochen, der meldete, daß alles zur Abfahrt bereit sei.

»Wir rudern doch selbst, Graf Rauch?«

Ich verbeugte mich mit steifer Höflichkeit.

»Ganz wie Sie befehlen, Baronesse.«

Ich sah, daß meine Förmlichkeit sie erboste und daß sie etwas erwidern wollte, aber sie unterdrückte ebenfalls ihre Gedanken und lief mir voraus. Wir bestiegen sodann wortkarg das Boot und ich ergriff die Ruder.

»Du kannst hineingehen,« rief sie dem Burschen zu. »Eile Dich und bestelle, daß wir auf diesem Wege nach Hause zurückkehren.«

Es war mir unbehaglich, daß sie den Knaben fortsandte, aber ich machte keine Einwendungen.

Nachdem wir eine geraume Weile, ohne zu reden, die stille Flut durchschnitten hatten, sagte sie, den Blick zu mir erhebend:

»Verzeihen Sie mir, Graf Detlef, wenn ich Sie durch meine Worte unangenehm berührte. Sie bezweckten nicht, Ihnen eine Verstimmung zu bereiten –«

Ich sah ihr erst in die Augen und zwang sie die Lider zu senken. Dann sagte ich mit starker Betonung:

»Wenn es Ihnen Recht ist, wollen wir uns die Tage, welche wir hier zusammen verleben, nicht durch praktische Anwendungen der Tugend- und Weisheitslehren verderben. Wir weichen nun einmal nach verschiedenen Richtungen in unseren Ansichten von einander ab, werden uns ja sicher nicht so rasch ändern, und ich glaube auch, daß Sie bei Ihrer ganzen Veranlagung wenig Absicht und Willen dafür mitbringen. Sie bewiesen mir, daß ich nichts von einem Napoleon an mir habe, – ich vermisse einige Züge der heiligen Cäcilie an Ihnen –«

»Finden Sie denn, Graf Rauch,« unterbrach sie mich, den Sinn meiner Worte aufnehmend, »daß die vollkommene innere Übereinstimmung zweier Personen gerade eine Bedingung für den Reiz des Zusammenlebens ist? Zeigt sich nicht vielmehr, daß nur die gegenseitige Ergänzung auf die Dauer befriedigt?«

»Sie haben vollkommen Recht, aber Sie vergessen, daß das Grundwesen der beiden Geschlechter, das, was sie in ihrer Eigenart an sich unterscheidet, was die Natur so stark ausprägte, daß sich diese Grundeigenschaften nicht nur in den Menschen, sondern auch in den übrigen lebenden Wesen beobachten lassen, keine hervortretenden Absonderlichkeiten zeigen darf. Sie werden einräumen, es wäre abgeschmackt, wenn ich mich an den Spinnrocken oder an den Stickrahmen setzte, und ebenso –«

»Aha, mein gestrenger Herr Richter! Immer wieder derselbe Punkt.«

Sie sah sinnend vor sich nieder, während das Geräusch der aufschlagenden Ruder allein die nun eingetretene Stille unterbrach. Und dann nach einer Pause sagte sie plötzlich leise mit ernster, weicher Stimme:

»Nun, Ihnen zu Liebe. – Graf Detlef, will ich mich ändern! – Ich verspreche es. Ist's recht so – –?«

Es erschien, während sie dies sagte und mich anschaute, ein hinreißender Blick in ihren wunderbaren Augen, ein hinreißender Blick, denn es fehlte ihm jeder Anhauch einer unzarten Berechnung, einer hervorgesuchten Demütigung. Es blitzte darin ein so rührendes Gemisch von Hingebung und Zärtlichkeit, daß ich von der Wirkung berührt, unwillkürlich die Ruder einzog und in stummer innerer Erregung vor mich hinstarrte. Meine Gedanken, meine Erinnerungen wurden wach. Ich vergaß für Augenblicke das nächste, auch die äußere Beachtung, diejenige, die eben in hervorbrechender Leidenschaft mir ihr Herz aufgeschlossen hatte.

Columba, Manja, und die, welche neben mir saß und meinen Blick gesucht hatte, erhoben sich in wechselnder Erscheinung vor meinem inneren Auge, und während mich ein beklemmendes Gemisch von Unruhe, Angst und Sorge befiel, durchrieselten meine Seele doch jene namenlos süßen Empfindungen, da nun nach langem Kampfe das schöne und stolze Weib die Siegel ihres Innern löste. Aber da ich noch immer schwieg, sah ich, daß ein heißer Strom der Ungeduld, Enttäuschung und Erregung jählings über Theklas Angesicht schoß. Sie hätte im Zorn des Augenblickes wohl ein Stück ihres Lebens eingesetzt, um Geschehenes ungeschehen zu machen, und so gewaltig bäumten sich gekränkter Stolz und verschmähte Liebe in ihr auf, daß sie mir jählings den Rücken wandte und unbeweglich in die Gegend starrte.

Inzwischen war die Sonne in die heilige Ruhe des Sees hinabgetaucht. Am fernen Horizont barst aus dem versinkenden Gestirn die strahlende Glut und überflutete, langsam verscheidend, den Himmel und den Saum der Erde.

Sie schuf aus den in Schönheit prangenden Wolken brennende Berge. Sie schuf auf Auen und in sanften Windungen die Landschaft durchschneidenden Bächen metallne Wasser und versenkte sie in eine traumvergessene Verzauberung. Sie bannte die ganze Gegend, drückte ihr den goldenen Abendschlaf aufs Auge und verklärte durch ihre Scheidegrüße Wälder und Felder, Ufer und Höhen.

Und aus dem stillen Glanz löste sich langsam ein wunderbar zartes Seidenrot. Das färbte die langgestreckten Inseln und Berge, die am Himmel schwammen und berührte die unzähligen Wolkenflocken, die wie silberner Schnee im Äther hingen.

Und nun zog auch der See in brennendem Verlangen die Abendsonne auf seine Bahnen und seine Wellen erzitterten, als ob unter ihm aus dem Meeresgründe, eine Riesenesse ihre Flammen emporsende.

Doch seltsam! Plötzlich lag der Wald in einem unheimlich schwarzen Dunkel. Das Gestirn wich mehr und mehr; das Gold am Himmel umsäumte nur noch die Gebirgskämme der Wolken, während drunten alles in die rote Glut eines stillen Feuers versank.

Das Widerspiel des scheidenden Sonnenlichtes wechselte auf dem See in Silber, Violet und Schwarz, bis auch diese Farben allmählich mehr und mehr zurücktraten und nun noch einmal – ein unbeschreiblicher Anblick! – eine einzige, hellgoldene Flamme die Ufer, das Land und die Wälder umarmte und durchleuchtete. –

Schweigend lag hinter uns die Natur und rüstete sich für ihre stillen Abendkammern. Zum letzten Mal tauchten die Strandwälder ihr Angesicht in den verzauberten Spiegel des Sees, und er sog wie im düsteren Sehnsuchtsdrängen alle die Schatten auf, deren Bilder in schweigender Majestät seine Ufer behüteten. Am kleinen Kiel des Bootes ließen laue Wellen ein leises Plätschern ertönen, es klang wie zärtliches Schwatzen. Allmählich entstieg ein feiner, grauer Dunst unsichtbaren Erd- und Himmelsquellen und legte sein durchsichtiges Schlummertuch auf das Antlitz des ganzen Landes.

Wir lagen wie festgeankert an der Mündung des Flusses und schauten auf den schlafenden Frieden der Natur. Und da endlich fand ich Worte und flüsterte leise ihren Namen: Thekla! und rief ihn abermals mit sanfter Stimme. Langsam zögernd, wandte sie sich zu mir und schaute mich an, und als ob das Dämmerlicht die heimlichen Wege geebnet habe, um aus den Verstecken unseres Innern hervorzutreten, suchten sich jetzt mit trotzigem Begehren unsere Blicke und blieben wie gebannt an einander haften. Und immer zudringlicher drängte sich Auge an Auge, Seele an Seele in stummer Leidenschaft. – – Aber endlich fielen fast schon dunkle Nachtschatten über die Gegend. Das rüttelte uns beide auf aus unserer Verzauberung. »Ich bitte, Graf Rauch; eilen wir uns! Ich wünsche nach Hause zurückzukehren. – Es ist die höchste Zeit.« Thekla sprach's herrisch. Der Ton ihrer Stimme klang rauh. Alles war also nur eine Vorstellung meiner Phantasie gewesen! Ich hatte mich mit meinem Innern zu ihr gedrängt, sie aber nicht zu mir!

Als wir nach Verlassen des Bootes eilend durch den dunklen Park schritten – zwischen den schwarzen Bäumen schimmerten bereits die erleuchteten Fenster des Gutshauses – redete ich meine Begleiterin zum ersten Male wieder an. Ich konnte es nicht erwarten, ihre schweigsamen Gedanken ans Licht zu bringen.

»Ach, es ist ja alles gleich –« erwiderte sie gefühllos bitter, und dann wechselten wir kein Wort mehr.

*

Seit dieser letzten Unterredung war Thekla völlig verändert. Nichts verriet, daß jemals eine Flamme in ihr emporgelodert sei; nichts trat zu Tage von ihrem freiwilligen Verzicht. Im Gegenteil! Sie schien in den folgenden Wochen mit einer geflissentlichen Absicht alles herbeizusuchen, was mir beweisen sollte, sie bestehe mehr denn je auf ihrer Eigenart.

Gleich am nächsten Morgen ließ sie sich einen störrischen schwarzen Hengst satteln, der im Stalle stand, und ritt, nachdem sie das Tier mutwillig gereizt hatte, so daß es heftig courbettierte, im Galopp über den Schloßhof. Hinter ihr jagte der Fuchs mit fletschendem Gebiß und glühenden Augen; ein Bild, das mich lebhaft an die wilde Jagd in alten Sagen erinnerte.

Wir hatten bisher stets das erste Frühstück gemeinsam eingenommen und unsere Pläne für den Tag gemacht, fanden auch durch stilles Gewähren Ermunterung bei unserer Umgebung, die sich unseres engeren Verkehrs nur allzu sehr freute. Heute aber ließ sich Thekla vor Tisch gar nicht blicken. Dieser Umstand gab zu einer Auseinandersetzung mit meiner Mutter Veranlassung, die mich ohne Einleitungen fragte, ob sich etwas zwischen uns gelegt habe. Ich berichtete ihr von unserem Gespräch und ließ mein Interesse für Thekla unverhohlen durchblicken.

»Ich neige immer mehr zu der Ansicht, daß sie die rechte Frau für Dich ist,« nahm meine Mutter das Wort. »Thekla wird Dich vorteilhaft ergänzen. Du wirst in der Ehe finden, was Du erwartest, und was Dein Glück befestigt! Ja, Detlef, denn was Dir dieses kluge Mädchen sagte, ist nicht unbegründet. Du bedarfst einer Frau, die verhindert, daß sich die Regungen Deines Herzens allzu rasch in Thaten umsetzen, und sie wird durch Eure Vereinigung gewinnen, da sie lernen wird, das Gemüt mehr sprechen zu lassen. Columba und Manja würden Dich schwerlich glücklich machen; die Südländerin würde, mit ihrer zarten Seele leicht verletzt, sich scheu in sich selbst zurückziehen, jene, Manja, aber ist zu sehr ein Teil Deiner selbst. Ihr Anpassen an die Gelegenheiten des Augenblickes, ihre freie Auffassung der Dinge, sind gefährlich für Dich, weil Du ohnedies Neigung besitzt, dem Herkömmlichen entgegenzutreten. Aber gerade in diesem Punkte ist Dir wieder Thekla verwandt, die, mit einem weiteren Blick ausgestattet, auch stets vorurteilsfrei und hochherzig handeln wird. Beunruhige Dich nicht über ihre Passionen! Eine gute Mutter ist gewissermaßen stets die Magd ihrer Kinder; ihr bleibt wenig Zeit für andere Dinge. Daß sie aber eine gute Mutter werden wird, dafür sprechen viele Umstände, die ich als Frau zu beurteilen im Stande bin. –

Forsche auch nicht ferner den Rätseln Deines Herzens nach! Glaube mir, Du teilst Dein Schicksal mit vielen Männern und Frauen, wenn es sich auch nicht bei allen so zu Tage fördert. Du begingst seiner Zeit den Fehler, Dich zu wenig zu prüfen, nicht sorgfältiger zu überlegen, bevor Du ans Licht brachtest, was in Deinem Innern vorging. Aber den Qualen der Enttäuschungen, denen Ihr ausgesetzt waret, sind die meisten unterworfen, die, um sich ein Herz zu gewinnen, den großen Liebesmarkt betreten. Wir müssen alle den Kampf gegen unsere Veranlagung auskämpfen. Einer gewinnt früher Oberhand über sich selbst, als ein anderer, und bei vielen endet der Widerstreit nie. Nütze Deine Erfahrungen; sie machen uns weise, nicht unsere Vorsätze und unsere Jahre! Und hier – ich glaube es, ich weiß es – ist in der That Dein Glück! Greife zu, Detlef!«

Aber die Pläne, mit denen meine Mutter sich trug, schien Thekla selbst durchkreuzen zu wollen. Sie ward in ihrem Benehmen mit jedem Tage schroffer, schützte mehrmals Unwohlsein vor und erschien zuletzt gar nicht. An einem Nachmittage, kurz vor der endlich beschlossenen Abreise, als ich ihr durch die Veranda folgte, wandte sie sich sogar auffällig von mir ab, beschritt schnell die Stufen der Treppe und verschwand in den Laubgängen des Gartens. Wußte sie, daß mich ihr Widerstand reizte, daß mich gerade ihre Gleichgültigkeit mit heißem Verlangen nach ihr erfüllte? Nun, sie wußte es wohl nicht, denn Berechnung lag ihrer vornehmen Natur fern. Aber es war dem so! Ich konnte den Augenblick nicht erwarten, mit ihr allein zu sein, um mir ihr innerstes Denken zu enthüllen. Und so trieb es mich, ihr nachzueilen, und selbst auf die Gefahr hin, hochmütig zurückgewiesen zu werden, eine Unterredung zu erzwingen.

Hinter den Boskets zog sich eine schöne, alte Allee mit scharf beschnittenen Bäumen. Der Gärtner, der sie einst angelegt hatte, schuf Gelegenheit zum heimlichen Schwatzen; allerlei Neben- und Irrgänge mit niedrigen, aber dichten Buchsbaumhecken machten es schwer, jemanden zu finden, der hier ein Versteck suchte. Um so reizvoller war dieser Teil des Gartens, als zahlreiche weiße Marmorstatuetten aus dem Grün hervorlugten, deren Gestalten jener mythischen Zeit angehörten, da die Götter auf die Erde stiegen, um mit Nymphen und Dryaden Liebeshändel anzuknüpfen.

Ich kannte Theklas Lieblingsplatz und wandte meine Schritte auf geradem Wege dorthin. Aber ich fand sie nicht, wo ich sie suchte, und wenn es mir auch so vorkam, als ob in nächster Nähe ein Gewand gerauscht sei, so schritt ich doch nicht weiter.

Doch rief ich laut ihren Namen: Thekla, Thekla! Der Ton meiner Stimme klang mir selbst befremdlich in der Stille des heißen Tages. Nichts! Keine Antwort! Doch als ich nach einer Pause nochmals rief, hörte ich ein Knistern auf dem Sande des Gartenweges, und plötzlich stand sie vor mir.

»Verzeihen Sie, Thekla, wenn ich Ihre unverkennbare Absicht, allein zu sein, durchkreuze –« begann ich.

»Wodurch bewies ich das, Graf Rauch,« unterbrach sie mich zu meiner Überraschung in einem freundlichen Tone. »Waren es die letzten Tage? Ich fühlte mich wirklich unwohl, und meine Zurückhaltung war nur Rücksicht gegen meine Umgebung. Mein Seelenzustand wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn mein Körper krankt. Weshalb ein schlechtes Gesicht zeigen, zumal lieben Gästen?« – – Und nach einer Pause: »Mich trieb ein neulich entdecktes Nestchen hierher. Ich wollte nach meinen kleinen Freunden sehen!«

Mit diesen Worten schritt sie mir voran, trat an ein Seitenbosket und schlug das Gebüsch vorsichtig auseinander. Die großen, embryonischen Augen einer Schar kleiner Vögel richteten sich ängstlich auf uns, und in demselben Augenblick hörten wir auch unruhiges Zwitschern und Flattern, sodaß meine Begleiterin sich rasch und vorsichtig zurückzog.

»Es ist die Alte, wir wollen die Kleinen nicht stören. Bitte kommen Sie,« sagte sie besorgt, fast dringlich.

Ich sah sie an. In ihrem Auge leuchtete in diesem Augenblick soviel Herzensgüte, daß ich mich unwillkürlich der Worte meiner Mutter erinnerte.

Und Thekla schien zu fühlen, daß ich etwas Freundliches über sie denke, denn als sie mein Blick streifte, flog ein gutes, verlegenes Lächeln über ihr Gesicht, und in ihren Augen blieb ein Ausdruck kindlicher Freude, den man sonst selten darin fand.

»Ich eilte Ihnen nach, weil ich das Bedürfnis empfand, mich mit Ihnen auszusprechen,« hob ich im Weiterschreiten an.

Thekla sagte nichts und senkte den Blick zu Boden.

»Seit unserem Ausflug nach dem Wasserholz sind Sie nicht mehr dieselbe, Thekla, und da ich nun endlich an die Rückkehr denke, möchte ich –«

»Nun, Geschwister zanken sich wohl einmal,« fiel sie rasch mit unzweideutiger Betonung, und ohne Beimischung von Spott oder Empfindlichkeit ein. Ich umfing mit meinen Blicken ihre Erscheinung. Sie trug ein knapp anliegendes schweres Kleid, das ihre stolze Figur noch mehr hob. Sie strotzte in Jugend, Schönheit und Fülle, aber es war jene zartere Fülle, der durch die Sittsamkeit der Denkungsart der Stempel schamhafter Verfeinerung aufgedrückt ward.

Und wie an jenem Abend auf dem See drängte ich meine ganze Seele zu ihr, faßte plötzlich ihre Hand und sagte:

»Ich war voreilig, Sie um Ihre geschwisterliche Zuneigung zu bitten, Thekla – Ich liebe Sie – –«

Der kleine Vogel flog eben zwitschernd an uns vorüber aus dem Nest; die heiße Sonne förderte den Duft der Buchsbaumhecken; von irgendwoher drang ein anderer feiner Hauch aus Blumen und Gebüsch; wir standen im Schatten der dichten Alleen, einsam, ohne Lauscher.

Und da schoß es über ihr Angesicht, als ob alle Himmel ihres Innern sich geöffnet hätten: Die Augen verloren ihren herrischen Glanz, es erschien ein Ausdruck von unsagbarer Milde und zärtlichster Hingabe darin, und ihre Arme schlangen sich um meinen Nacken.

»O, Du böser, einziger Mann, wie hast Du mich gequält,« flüsterte sie und zog mich auf eine Bank in der Nähe. Und hier kniete sie nieder, und während die Welt um uns her ein stilles Fest der Teilnahme zu feiern schien, zog sie mich immer von neuem an ihre Brust.

»Detlef, Detlef! Wie habe ich diesen Augenblick ersehnt! Wie hat mein Herz in Bangen gezuckt! – Und nun höre es! Es giebt niemanden auf der Welt, der Dich so heiß zu lieben vermag, immer, für alle Ewigkeit.«

Während wir uns dieser stürmisch leidenschaftlichen Umarmung hingaben, war es mir, als ob ich Manja gehört habe, und unter den süßen Berückungen der Liebesbeweise dieses stolzen Kindes durchzogen mich Schauer einer angstvoll unheimlichen Empfindung.

Aber doch war's nur ein Blitz! Thekla war mein! Ich durfte diesen schönen, junonischen Körper umfassen, diesen reizenden Mund küssen, und ich hatte es verstanden, aus diesen tiefen Augen alles zu verbannen, was nicht zärtliche, demütige Hingebung war. Darin lag eine Wonne ohne Namen!

»Thekla, Thekla! rief ich. »Jetzt begreife ich erst, was Liebe ist! Bei Dir ist Glück, Ruhe, Stolz und höchste Seligkeit, denn ich habe Dich unter tausend Zweifeln erkämpft. Ich fühle es in diesem Augenblick, daß Du mir alles geben wirst! An Dir werde ich erstarken, an Deiner Seite alles Ungleiche abstreifen. Liebst Du mich? O, sag' es mir noch einmal!«

»Ob ich Dich liebe?« erwiderte sie und beugte sich mit vor Leidenschaft stockendem Atem zu mir. »Ob ich Dich liebe?« wiederholte sie und riß mit ihren verzehrenden Augen meine Seele an sich. »O, Detlef, wie karg ist menschlicher Laut, wenn man liebt, wie ich Dich – –«

Das Vöglein zwitscherte, der Buchsbaum brannte im Sonnenlicht, wir saßen im Schatten und vergaßen im holden Rausche Zeit und Welt. Das war Thekla! –

* * *

 


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