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Während ich als junger Student mich in der Universitätsstadt H. aufhielt, verkehrte ich in verschiedenen angesehenen Familien, in deren Mitte ich häufig meine Abende zubrachte. Ich bewegte mich in diesen Kreisen mit der der Jugend eigenen, ihrer Unreife entspringenden, zwiefachen Haltung, bald in schüchterner Zurückhaltung, bald in unberechtigter Auflehnung gegen das Gewohnheitsrecht und die in der Gesellschaft eingebürgerten Sitten. Besonders fühlte ich mich zu einer Frau von Zylitz hingezogen, welche drei ältere, kluge und liebenswürdige, unverheiratete Töchter hatte, denn in diesem Hause wurde mein Erscheinen stets wie ein Ereignis behandelt. Jeder kennt ja den umstrickenden Zauber, den solche Form gesellschaftlicher Zuvorkommenheit birgt. Freilich liegt eine große Verführung darin, weil die Nachsicht mit allem, was man thut, das Nachdenken einschläfert, und die lose sitzende Anerkennung für das Geringste weckt über den eigenen Wert falsche Vorstellungen.

Ich war in der Familie zuletzt so bekannt und gern gesehen, daß die alte würdige Dame schon ein wenig vorwurfsvoll mir begegnete, wenn ich mehrere Tage nach einander ausblieb. Die Töchter nickten mir, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, wie einem lieben Bruder zu, für den der Platz am Tisch und der bequeme Stuhl immer bereit steht.

Es wehte in dem Hause ein steter anheimelnder Duft von getrockneten Rosenblättern; schon auf dem Flur schlug er mir allezeit entgegen und erhöhte meine Vorstellungen von der Vornehmheit des Besitzes und von der feinen Sitte und Denkungsart seiner Bewohner. Jeder kleinste Gegenstand in der Villa – sie lag gleich vor der Stadt in einem wundervollen Garten unter schönen alten Bäumen – war bewundernswert wegen eines eigenen Glanzes, der darüber lag oder war meist so geschmackvoll aufgestellt, daß ich immer von neuem bewundernd umherging, obgleich ich alle Zimmer genau kannte, und mich völlig zwanglos in ihnen bewegte.

Der treublickende Diener, welcher hier sein Amt übte, gehörte zu denen, die unsere Väter und Mütter mit einem seufzenden Rückblick auf die gute, alte Zeit herbeisehnen. Er hatte schneeweißes Haar, jenes, wo jedes Härchen wie ein feiner, weißer Silberfaden an dem Scheitel liegt; rücksichtsvoll leise war sein Schritt, wenn er sich näherte, so viel ungekünstelte Ehrerbietung lag in seinen Mienen, und andererseits erhöhte die Art und Weise, wie er die ihm gewordenen Aufträge entgegennahm und ausführte, so sehr das Ansehen derer, welche sie erteilten, daß schon sein Erscheinen mich mit einer stummen Scheu vor dem Hause erfüllte. Die Ruhe, die Ordnung, die glänzende Sauberkeit, das Fehlen jedes Mißtons, und die Unkenntnis oder die bewußte Umgehung alles dessen, was draußen in der Welt die große Lebenswelle täglich Gemeines an den Strand wirft, befestigten in mir die Vorstellung, daß sich unter diesem Dache ein Stück jener höchsten Lebensauffassung und jenes höchsten Glückes zusammengefunden habe, deren Zauber und Wert die meisten Menschen nicht einmal ahnen, viel weniger noch zu erstreben bemüht sind.

Und nun kam eines Tages die einzige Tochter des in St. Thomas als Arzt lebenden Sohnes der Wittwe zum Besuch. Sie – mit ihrer bezaubernden Weiblichkeit, Schönheit und früherrungenen Würde – schien den vornehmen Geist, der in den Räumen wehte, noch zu verfeinern. Ihr abgeklärtes Wesen erweckte in mir die Vorstellung, als ob zwar ein Mal auch vor ihren Augen ein Bild aufgetaucht sei, das ihr die Welt in ihrer eigentlichen, rohen Nacktheit enthüllte, daß sie aber mit sanftem Stolz den Blick von dieser ihrer vornehmen Sinnesart widerstreitenden Erscheinung abgewandt habe.

Und doch nichts von jener Mißtrauen erregenden Prüderie! Ihr Gemüt war so sanft, ihr Auge so rein, ihre Stimme so hell, ihr Herz so gut und edel, daß niemand, der in ihre Nähe trat, sie auf diese Eigenschaft durch ein unbedachtes Wort auch nur hätte prüfen können.

Ich sagte, sie sei schön gewesen! Ja, sie war so bezaubernd lieblich, daß ich bei ihrem Anblick an ein Bindeglied zu glauben gedrängt wurde, das den Übergang zwischen den Menschen und einer himmlischen Erscheinung darstellte. Es ist ja keine thörichte Übertreibung, daß uns kleine, weiße Hände und ebenso kleine, zierliche Füße zu verwirren vermögen, daß in dem Auge der Frau sich oft ein Ausdruck verbirgt, vor dem der Mann errötend die Augen niederschlägt, daß irgend etwas, Gesichtsfarbe oder Haar, unsern Schönheitssinn so anregt, daß wir ein besonders geartetes, unnahbares Wesen vor uns zu haben glauben, und die Gesammterscheinung einen Eindruck weckt, welcher das gleiche unsichere, beklommene Gefühl hervorruft, das den Unbewanderten bei der Annäherung hochgestellter Personen beschleicht. Und ich mußte dieses sanfte, kluge, schöne Mädchen lieben, und ein Aufleuchten ihres Auges, wenn ich kam, und ein gewisser Blick schamhafter Glückseligkeit, wenn ich ihr besondere, ehrerbietige Aufmerksamkeiten erwies, bestätigten mir, daß die Zuneigung nicht nur auf meiner Seite war. Es schien – ohne Erklärung – unsere Zusammengehörigkeit besiegelt, und nur jenes zaghafte Schwanken ließ das entscheidende Wort unausgesprochen, das einmal der stummen Liebe steter Begleiter ist.

Um jene Zeit, da sie ins Haus trat, lernte ich einen Studiengenossen kennen, der das Familienleben haßte und über diese ›Simpeleien‹ seinen Spott ergoß. Jeden Abend saß er im Wirtshaus, wo er ein Stück wahrer Poesie zu finden vorgab und als eine erstrebenswerte Aufgabe des Daseins größte Unabhängigkeit von anderen und ungebundenste Lebensweise pries. Dennoch ging er seinem Beruf mit Fleiß nach, da er ein ernstes Wissen über alles schätzte.

Selten bin ich wieder einem Menschen mit so hervortretenden Eigenschaften begegnet. Sein Verstand war glänzend, sein Geist und Witz waren hinreißend, und sein Herz war, trotz einer gewissen Vernachlässigung in der Erziehung, so gut, und die Gesinnung so vornehm, daß ich mit Eifer seinen Umgang zu pflegen suchte.

Ich theilte nun meine Abende ein, gab den übrigen Familienumgang auf und beschränkte mich auf die Besuche in der Familie Zylitz oder folgte meines Freundes Aufforderung, abends die Stammkneipe der Verbindung zu besuchen, der er angehörte, und in der er als erster Chargierter seinen Platz hatte.

Ich selbst trat in das Corps ein und ruhte nicht eher, als bis ich einen Schmiß auf der linken Wange hatte, der mein Ansehen in den Augen der Welt, wie ich glaubte, erhöhen mußte.

Allerdings fand ich dieses Ansehen nicht bei meinen Freunden in der Villa. – Die älteren Damen waren freilich eher besorgt, als daß sie tadelten, aber Columba, die Enkelin und Nichte des Hauses, war an jenem Tage, an dem ich von meinen Heldenthaten sprach, wortkarg, zeigte deutlich ihre Mißbilligung, und hatte sich schon zur Ruhe begeben, als ich beim Aufbruch mich nach ihr erkundigte, und schmerzlich, ja, in meiner gekränkten Eitelkeit zornig bewegt, Abschied nahm.

Nach acht Tagen aber war schon aller Unmut wieder verflüchtigt; Columba war ganz die alte, ja, es schien, als ob sie innerlich mir die Entfremdung abbitten und nun gut machen wolle, was sie an jenem Abend mir zugefügt. Ich befand mich damals in einer glückselig stolzen Stimmung.

Oft befragte ich den Spiegel und überlegte, ob es wirklich denkbar sei, daß Columba mich liebe. Jeden Tag stiegen auch wieder Zweifel in mir auf, denn wenn ich ihr gegenüber stand, erschien es mir unmöglich, daß ein so vollendetes Geschöpf gerade mich in ihr Herz hatte schließen können.

Sie brauchte nur ihre Seitenwimpern empor zu schlagen, und – deß war ich gewiß – Schaaren der besten und würdigsten Männer rangen mit Schwert und Lanze in erbittertem Kampfe um ihren Besitz.

Columba! Noch sehe ich das feine Rot auf Deinen Wangen, und noch heute sehe ich Deine tiefen, dunklen, wahrhaft unergründlichen, und doch so reinen Augensterne vor mir! –

Einmal, nur einmal, blitzte der Zorn der Entrüstung in ihrem Gesicht auf, als man ein Hündchen aus Nachlässigkeit fünf Tage in einem Stall ohne Futter gelassen hatte. Da sprühte es aus diesen Augen, als ob sie sich plötzlich in Sonnen verwandelt hätten; silberne Strahlen schossen aus blaudunkler Nacht, aber unvergleichlich schöner, rührender, hinreißender war es, als sich diese Augen mit mitleidigen Thränen füllten! Daß ich damals, Columba, nicht im Staube vor Dir niedergesunken bin und Dein Händchen nicht mit ehrfurchtsvollen Küssen bedeckt habe, ist mir ebenso unfaßbar, als daß mein Herz sich jemals von Dir abwenden konnte –.

*

Nachdem ich in die Verbindung eingetreten war, wurden Baron Unzer – so hieß der Vorerwähnte – und ich unzertrennlich. Wir besuchten zusammen das Kolleg, machten nachmittags häufig Fußtouren und saßen abends nebeneinander am Biertisch. Ich wurde zudem sein Leibfuchs und er taufte mich mit einem Spitznamen, den ich noch bis in spätere Zeiten behalten habe.

Unzer übte bald einen solchen Einfluß auf mich aus, daß ich meine Lebensweise und Lebensanschauungen völlig veränderte. Ich fand abgeschmackt, was ich früher mit Vorliebe getrieben hatte, und Ansichten über Menschen, Verhältnisse und Dinge, die ich bereits in meiner fertigen Weisheit für unerschütterlich hielt, stieß Unzer um und lenkte mich auf seine Pfade.

Dabei zeigte sein Wesen, wie es bei solchen rege auffassenden Naturen nicht ungewöhnlich ist, eine seltsame Mischung von Vernunft und Leichtsinn; keineswegs war er stets konsequent, oft widersprach er sich in den nämlichen Dingen an demselben Tage.

Während er im gewöhnlichen Leben ein gewisses Phlegma an den Tag legte, war er bei unseren Gelagen oft von einer knabenhaften Ausgelassenheit, gab Veranlassung zu den tollsten Streichen, und war meistens der letzte, der dem leuchtenden Hausdiener ein Gute Nacht zubrummte.

Und dann fand ich ihn wieder in seinem Zimmer in den allerernsthaftesten Beschäftigungen. Bald vertiefte er sich in die sensualistische Philosophie eines Baco von Verulam, von dem er sich einen Band aus der Universitätsbibliothek herbeigeholt hatte, bald fesselte ihn der Geist der französischen Encyklopädisten derart, daß er, durch solcherlei Studium gefesselt, alles übrige vergaß und erklärte, für andere Dinge keine Zeit zu haben.

Eines Tages, am Spätnachmittag, holte er mich aus meiner Wohnung ab und lud mich ein, ihn auf einen Jahrmarkt zu begleiten, der seit einigen Tagen Alt und Jung beschäftigte und in unserer Universitätsstadt gewissermaßen als ein Volksfest gefeiert wurde. Die Schulen waren an zwei Tagen geschlossen, und wer einen Sparpfennig besaß, trug ihn vor die Stadt in die Buden und Panoramen, zu Kunstreitern und Akrobaten, die jedes Jahr um diese Zeit eintrafen und ihre Künste zeigten.

Am Ende des Marktplatzes befanden sich Zelte, in denen Wandertruppen Spiel und Gesang zum besten gaben, und wo sich – wie Unzer bemerkte – die ewige Wahrheit wiederholte, daß allen Jahrmarktssängerinnen die Hauptsache, nämlich die Stimme, fehle.

Als wir das Marktfeld erreicht hatten, schritt Unzer sogleich auf eines der größten Zelte zu und trat mit den Worten: »Du, Detlef! Hier ist eine reizende kleine Schlange, die muß ich Dir zeigen« – in den Hintergrund, wo auf einem Podium eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft mit Gesang, Harfe, Violin- und Klavierspiel die Gäste zu erheitern suchte. An einem langen Tische, unmittelbar zu ihren Füßen, saßen bereits meines Freundes Verbindungsbrüder bei einem vollen Faß und bewillkommten ihn in so auffallender Weise, daß sich unwillkürlich aller Augen auf uns richteten.

Nur eine einzige Person nahm, wie ich bei rascher Umschau bemerkte, gar keine Notiz von uns, schien vielmehr einen gewissen trotzigen Ärger zu empfinden und ihre völlige Gleichgültigkeit über unser Erscheinen sichtbar an den Tag legen zu wollen, – und diese war eben die kleine, hübsche Schlange, die dort droben unter den Künstlern saß.

Sie glich der Adelheid aus dem Götz von Berlichingen, wie sie uns Kaulbach in jener Schachszene dargestellt hat. Nur jugendlicher war das Harfenmädchen, und es fehlte ihr der teuflischgefallsüchtige Zug, der dieses Bild so charakteristisch macht. Aber hier und da schienen doch ihre schönen Augen lebhafter umherzuspähen, wenn sie einmal weniger teilnahmlos und weniger trotzig dasaß. Gelang es, ihren Blick zu fesseln, so tauchte etwas in ihren Zügen auf, das jeden verwirren mußte, und unwillkürlich zog sie die Beachtung aller auf sich, denn ihr Körper zeigte bei unbewußter Anmut der Bewegungen jene schlanke Fülle, die für fein organisierte Naturen so bestrickend ist.

Nachdem wir schon einige Stunden dagesessen und aller Köpfe vom Trinken und Reden erhitzt waren, machte Unzer den barocken Vorschlag, die goldene Schlange – wie er sie getauft hatte – zu veranlassen, ihre jetzige Beschäftigung aufzugeben, um dauernd der Verbindung beigesellt zu werden. Er würde, wenn alle einverstanden seien, sie fragen, ob sie aus dem musikalischen Künstlerverbande austreten wolle, um fortan in der für eigene Rechnung der Verbindung geführten Stammkneipe die Honneurs zu machen.

Diesem Vorschlage, der, abgesehen von der Ungewißheit über des Mädchens Zustimmung und Befähigung, sich am nächsten Tage schon als ganz unausführbar herausstellen mußte, und dem ich auch meine Bedenken entgegenstellte, jubelten die übrigen bereitwillig zu. Der Kellner mußte Papier herbeischaffen, und vor den Augen des Mädchens und der Gesellschaft ward von Unzer ein schriftlicher Antrag an sie aufgesetzt.

Nachdem dann noch ein Kouvert gebracht war, wartete er ein Weilchen, um die Sache für diejenigen, die es garnichts oder sehr viel anging, weniger bemerkbar zu machen, schob aber, als die Sängerin wie eine zum Dienen gezwungene Königin erschien, um Beiträge für die Musik einzusammeln, das Schriftstück in ihre Hand.

Als sie wieder auf ihren Platz zurückgekehrt war, beobachteten wir gespannt, was erfolgen werde, aber zu unser aller Überraschung zeigte sie, daß von dem Erbe ihrer Urmutter Eva wenig auf sie übergegangen sein müsse, denn sie zerriß, nachdem sie einen Augenblick völlig teilnahmlos die Adresse betrachtet hatte, das Kouvert in kleine Fetzen und warf diese hinter den Stuhl.

Es erhob sich nun ein halb beifälliges, halb ironisches Bravo, Händeklatschen und Gelächter, und unter dem Rufe: »Es lebe die goldene Schlange!« ward mit so lautem Getöse auf ihr Wohl ein Salamander gerieben, daß der Dirigent der wandernden Kapelle aufstand und zornig um Ruhe bat. Sie aber saß da, als ob die Sache sie gar nichts anginge.

Unzer wurde nach diesem Zwischenfall sehr schweigsam, verließ bald nachher den Tisch und kam, obgleich wir seine Rückkehr vermuteten, an diesem Abend nicht mehr wieder.

Ich aber wurde durch das Benehmen des schönen Mädchens, das sich während des ganzen Abends kaum durch einen ermunternden Blick in seiner Weiblichkeit etwas vergeben hatte, vielmehr ernst und zurückhaltend dasaß und manche Zudringlichkeit, ja manche Rohheiten schon durch seine natürliche Würde taktvoll zurückgewiesen hatte, so angezogen, daß ich mich nicht entschließen konnte, das Zelt zu verlassen.

Den Blick wie verzaubert auf sie gerichtet, harrte ich aus, bis die letzte Nummer des Programms zu Ende geführt war, die Gäste aufstanden, die Sänger sich selbst erhoben und ihre Instrumente in die Hüllen und Kasten einpackten. Die jungen Mädchen sahen blaß und übernächtig aus, und als sie ihre zerdrückten, stark aufgeputzten Hüte aufsetzten und ihre schon etwas fadenscheinigen Mäntel umhingen, schwand die letzte Illusion, die durch das leer gewordene Zelt, durch die von Bier- und Weinresten beschmutzten Tische, durch Dunst und Tabaksgeruch und durch die umhereilenden, die unsauberen Servietten abräumenden Kellner bereits einer unschönen Wirklichkeit gewichen war.

Von draußen kam, obgleich Sommerzeit war, eine kühle Luft hereingezogen; die Wirtin guckte mit scheelen Augen auf mich und einige ganz in ihren trunkenen Unsinn vertiefte, laut sprechende Kommilitonen, dann fuhr der Wind unter das lose befestigte Zeltdach, flatterte an den Tischtüchern und bewegte die Gardinen am Buffet. Ich sah, wenn die Leinewand sich hob, draußen am mondhellen Himmel die Sterne und blickte dann doch wieder in mein halbleeres Glas, unschlüssig, ob ich mich nun auch fortbegeben, oder noch abwarten solle, bis die Gesellschaft aufbrechen würde, deren männliche Mitglieder an einer Tafel saßen und Geld zählten, während die jungen Mädchen, die Mäntel frierend um die bloßen Schultern und ihre dünnen Gesellschaftskleider gezogen, gähnend daneben standen. Es waren im ganzen neun Personen, unter denen neben dem unruhig auf und abgehenden Komiker eine ältere Frau mit rotem Kopf, lang herabbaumelnden altmodischen Ohrringen und einer großen brandroten, auf der starken Brust sitzenden Schleife besonders auffiel.

Das dunkle Mädchen saß von mir abgewandt etwas seitab, stützte den schlanken, weißen Arm, der aus dem schwarzen Mantel seltsam hervorguckte, auf den Tisch, und hatte ihr Haupt an die hübsche Hand gestützt.

Da sie den ganzen Abend meine stumme Huldigung bemerkt haben mußte, auch mit dem manchmal rasch aufblitzendem Blick, mit dem sie alles scharf zu beobachten schien, den Tadel über die wüste Zudringlichkeit meiner Freunde in meinen Mienen gesehen hatte, beschäftigte es mich, daß sie nun mich behandelte, wie alle übrigen. Es war, als ob wir Luft für sie seien, und als ob etwas ganz anderes, etwas weit über den Dingen und diesen Verhältnissen Stehendes in ihr vorginge, als ob etwas, für das namentlich uns Begriff und Verständnis völlig fehlte, sie ausschließlich beschäftige.

Freilich maß sie auch den Komiker, der sich ihr mit einer gewissen Vertraulichkeit näherte, von oben herab, und wußte ihn mit einem einzigen ihrer vornehmen Blicke zurückzuweisen.

Endlich erhoben sie sich drüben; ich zahlte deshalb meine Zeche, ging langsam voran und schritt wartend vor dem Zelt auf und ab. – Es flüsterte mir zwar eine mahnende Stimme zu, mich nach Hause zu begeben; sie sagte mir, daß diejenige, die meine Sinne am heutigen Abend berückt habe, mir morgen in einem andern Lichte erscheinen würde, daß der Schimmer, mit dem ich sie umhüllt fand, abgestreift sein werde, wenn die Nacht meinen Gedanken und Vorstellungen eine andere Richtung gegeben haben würde, aber ein unbezwingbarer Reiz, ein seltsam unruhiges, unbefriedigtes Gefühl hielten mich zurück und ließen mich nicht gehen.

Einmal schaute ich, da sie noch immer nicht hervortraten, verstohlen durch die Leinewandritzen. Die jungen Mädchen standen im Kreis um die Wirtin, schwatzten, gähnten, steckten sich das herabgefallene Haar auf, oder stopften an ihren Handtaschen; nur die goldene Schlange saß, wiederum den Arm gestützt, an einem Tisch näher dem Ausgange, und las einen Brief, las ihn mit veränderten, aufmerksamen Augen und mit einer sichtlichen neugierigen Spannung. Das beschäftigte mich dermaßen, reizte so sehr meine Eifersucht, daß ich beschloß, mich ihr zu nähern, es möge daraus entstehen, was wolle.

Plötzlich erhob sich in der Gruppe ein allgemeines Gelächter; der Komiker erzählte mit lebhaften Geberden eine Geschichte. Das dunkle Mädchen hörte ebenfalls zu, lachte aber nicht wie die übrigen, wandte sich teilnahmlos wieder ab, las nochmals den Brief, und machte endlich eine ungeduldige Bewegung und ein Zeichen, daß man aufbrechen möge. Da alles erfolglos blieb, wandte sie sich langsam dem Ausgange zu.

Die beiden Studenten, die zurückgeblieben waren, schienen diesen Augenblick, gleich mir, nur abgewartet zu haben, denn sie schnellten rasch empor, und waren, kaum bevor jene die Zeltthür erreicht hatte, an ihrer Seite.

Ich hatte mich um die Ecke geflüchtet, um zu erspähen, was vor sich gehen werde. Von drüben erscholl noch das Geräusch einer Trommel und die Orgelmusik eines Karoussels. Ich sah, während sonst alles wie ausgestorben auf dem Platze erschien, die in der Ferne eilig wandernden Lichter seiner runden Bedachung sich drehen. Und gleichzeitig erfolgte nun neben mir ein lautes, zorniges Sprechen.

Die Studenten hatten dem Mädchen den Arm geboten, und als sie dies bestimmt, aber höflich ablehnte, und einer von ihnen trotzdem zudringlich ward, riß sie sich mit dem Ausruf: »Unverschämter Geselle!« (der Ausruf Geselle ließ mich stutzen, einen solchen Ausdruck gebrauchte nur eine Dame, die zu befehlen gewohnt war, kein Harfenmädchen, wie mir scheinen wollte) von ihm los, und schleuderte ihn, da er nun doch nicht von ihr ließ, zornig zur Seite.

Und nun war ich auch mit zwei Schritten neben ihr, flüsterte rasch, bestimmt und eindringlich den beiden zu, sie möchten sich entfernen, und bot ihr meinen Arm. »Ach, Sie!?« sagte sie, ihren durch die heftige Bewegung verschobenen Hut ordnend, und schaute mir halb neugierig, halb überrascht ins Gesicht.

»Darf ich Sie begleiten?« fragte ich und fügte, um allen Mißdeutungen zu begegnen, rasch hinzu: »Ich bitte darum, da Ihnen ähnliches, wie eben, begegnen könnte und wir, wie ich vermute, denselben Weg in die Stadt haben.« –

Sie neigte, ohne etwas zu erwidern, vornehm das Haupt und schritt, sich noch einmal vergeblich nach den übrigen umschauend, rasch an meiner Seite vorwärts. –

Als ich ihr nach einsilbigem Gespräch Lebewohl sagte – sie wohnte in der Nähe in einem anständigen Hause, wo junge Gymnasiasten sich häufig in Kost gaben – fragte ich, noch einen Augenblick an der Thür stehen bleibend: »Darf ich Sie einmal Wiedersehen?«

Aber unter gemessenem Dank und kurzer Ablehnung, suchte sie rasch nach ihrem Schlüssel, verbeugte sich förmlich und verschwand in der Hausthür.

*

Acht Tage später erklärte mir Unzer, er werde sich mit der goldenen Schlange verloben! Sie sei ein vortreffliches, gebildetes Mädchen, das durch ein Wirrsal von Schicksalsfällen in diese Verhältnisse geraten sei, und bei näherer Bekanntschaft gleichsam seinen Schutz angerufen habe.

Ich schüttelte, im höchsten Grade erstaunt über diese ganz unerwartete Eröffnung, den Kopf und machte tausend Einwendungen, denn abgesehen von gewissen Zweifeln, die ich hegte, erschien mir die Verlobung eines Menschen, der noch einige Semester vorm Examen stand und zudem die juristische Karriere einschlagen wollte, ein mehr als unbesonnener Streich.

»Ach, Thorheiten,« rief Unzer. »Mein Vermögen erlaubt mir auch ohne die Handschuhrechnung-Vergütung des Staates, denn mehr ist's ja beinahe nicht, was man uns hinwirft – zu leben. Wer weiß, ob mein schon angenagtes Herz je wieder so aufrichtig einem kleinen, lieben stolzen Mädchen, wie dieses ist, zugethan sein kann.« –

»Wann hast Du Dich ihr denn genähert?« fragte ich, immer mehr überrascht über diesen ganz ernsthaften, bereits mit allerlei philosophischem Aufputz gefaßten Entschluß.

»Nun, morgens in ihrer Wohnung. Nach jenem Abend, wo sie sich so verteufelt nett und klug benahm, reizte es mich, sie kennen zu lernen. Ich klopfte an ihre Thür, trat ein, ohne daß mir geöffnet ward, blieb, ohne daß sie es mir gestatten wollte, und kam wieder, obgleich sie mich beschwor, sie in Ruhe zu lassen.«

»Ja, allerdings!« – sagte ich, mich der Scene mit dem Brief erinnernd, »daß sie neulich Deinen Unsinn ungelesen zerrissen, war sehr brav, ließ vermuten, daß sie ein anständiges Mädchen sei, und war die beste und taktvollste Antwort auf alle die maßlosen Ungebührlichkeiten, mit denen man ihr begegnete.«

»Manja hat ihn ja gar nicht zerrissen« – platzte Unzer übermütig heraus. »Das Schreiben, das sie vor unseren Augen zerfetzte, hatte sie zufällig bei sich. Sie tauschte es in ihrer Tasche und behielt, was ich ihr zusteckte.«

»Du scherzest, Unzer?«

»Keineswegs, sie hat's mir ja selbst erzählt; noch mehr, ich habe meine Kritzeleien noch gestern bei ihr gesehen, und wir haben beide über die Düpierung der jugendlichen und unerfahrenen Welt weidlich gelacht.«

»Siehst Du wohl, Unzer,« rief ich rasch und triumphierend. »Ich habe es nie bezweifelt, daß noch irgend eine ganz raffinierte Koketterie bei ihr zum Vorschein kommen werde.«

Was ich äußerte, entsprach durchaus nicht dem, was ich bisher gedacht hatte, aber nun schien sie für mich verloren, und der Ärger über ihren Verlust ließ mich sie abfällig beurteilen.

Unzer aber sprang bei meinen Worten zornig empor und rief: »Du nimmst augenblicklich zurück, was Du gesagt hast! Das Mädchen wird meine Braut, und ich dulde nicht, daß man sie angreift.«

Da ich erkannte, daß ich unbesonnen gehandelt hatte, machte ich eine entschuldigende Bemerkung, die auch Unzer vollkommen versöhnte; alsdann bat ich ihn, mir von ihren Lebensschicksalen, etwas zu berichten.

»Ja, Bester, das ist eine lange Geschichte. Sie ist eine Komtesse von –«

Ich wollte ihm zurufen: »Natürlich, eine Komtesse! Das versteht sich von selbst, in solchen Fällen ist's immer eine Komtesse!«, aber ich schwieg.

»Eine Livländerin und heißt eigentlich – Aber lieber Junge, das ist ja alles ganz gleich. Ich mache Dir einen Vorschlag! Wir wollen jetzt beide zu ihr gehen. Ich habe ihr schon so viel von Dir erzählt, daß sie es nicht erwarten kann, Dich kennen zu lernen. Komm, mein Alter, komm!«, und er zog mich mit sich fort.

Ich wollte ihm mitteilen, daß wir uns bereits kennen gelernt hätten, und daß ich sie an jenem Abend nach Hause gebracht habe, aber ich unterdrückte abermals, was mir auf der Zunge schwebte.

Als wir an diesem Tage Manja besuchten, blinzelte sie mir verständnisvoll mit den Augen zu und gestattete, daß mich Unzer ihr vorstellte, als ob sie nie ein Wort mit mir gewechselt habe. Wenn mein Mißtrauen schon durch die Briefangelegenheit wachgerufen worden war, so mußte es nun erst recht verstärkt werden, aber sie wußte den Vorfall an jenem Abend in so drolliger Weise als eine harmlose Laune hinzustellen, und verwies im späteren Gespräch bezüglich unseres kleinen Geheimnisses so ernsthaft auf die Eifersucht ihres Bayard, wie sie Unzer nannte, daß ich in meiner von neuem erwachten Zuneigung und mit der Veranlagung, stets nur das beste bei meinen Nebenmenschen vorauszusetzen, alle bösen Gedanken zurückdrängte. Jetzt erschien sie in der That so, wie ich sie mir in meinen Vorstellungen ausgemalt hatte. Ihr Lächeln mit einem leisen Anhauch von Koketterie war bezaubernd, ihre Denkungsart war vornehm, ihre Laune war hinreißend, und zudem machte sie in der That durch ihr Benehmen und Auftreten den Eindruck einer Dame der guten Gesellschaft, zu der sie zu gehören vorgab.

Was sie von sich selbst erzählte, ist kurz wiederzugeben. Sie sei, berichtete sie, eine Waise, habe ein erhebliches Vermögen gehabt, das aber bei der übermäßigen Verschwendungssucht ihrer Tante, die sie nach dem Tode der Eltern zu sich genommen habe, in kurzer Frist verpraßt wäre. Sie habe dann nach einer heftigen Scene mit ihrer Verwandten einen thörichten Streich begangen und sich von einem russischen Adligen nach Paris entführen lassen, der ihr die Ehe versprach. Da aber die Angehörigen große Schwierigkeiten erhoben hätten, habe er – wie ein Schurke handelnd – sie verlassen. Sie sei dann noch kurze Zeit dort geblieben, um endlich, teils aus Verzweiflung, teils aus einer eingestandenen Neigung für die Bühne, in Dresden eine Stellung bei einem kleinen Theater anzunehmen. Dies Vorhaben sei aber im letzten Moment gescheitert, und nun habe sie, einer zufällig gemachten Bekanntschaft folgend, vor wenigen Tagen diesen, wie sie sagte, unbegreiflichen Leichtsinn begangen, und zu spät eingesehen, welchen Gefahren und Mißdeutungen sie sich als Mitglied einer solchen Truppe aussetzen werde.

Ihren gleich am ersten Tage erhobenen Einwänden und Bitten, sie wieder zu entlassen, sei keine Folge gegeben und – die Gesellschaft heimlich verlassen –, hätten ihr die Mittel gefehlt. »Aber ich blieb immer brav, Bayard, ich schwöre es Dir«, – hatte sie, wie Unzer erzählte, ausgerufen, und er glaubte es.

Das erste, was mein Freund durchsetzte, war das Scheiden Manjas aus dem Künstlerverbande, dessen Direktor sich, so wenig dies auch zu erwarten stand, in der Angelegenheit anständig und zuvorkommend benahm. Sodann mietete er eine Wohnung für sie und begegnete ihr – bis auf die leichtsinnige Abweichung, daß er einige Male zum Mittag- und Abendessen bei ihr erschien – so, wie ein Gentleman mit einer Dame während der Verlobungszeit verkehrt.

* * *

 


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