Gerhart Hauptmann
Die goldene Harfe
Gerhart Hauptmann

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Vierzehnte Szene

Das Musiksälchen.
Abendröte.
Komteß Juliane spielt die Harfe, Jutta hat das Violoncell zwischen den Knien.

Komtess Juliane, nachdem sie geendet. Wie lange ist Graf Günther eigentlich nun schon auf der Jagdhütte?

Jutta. Es wäre heute die vierte Nacht.

Komtess Juliane. Du sagtest mir zwar schon, wie du ihn gefunden hast, als du ihm meinen Brief übergabst. Aber ich möchte gern noch mehr hören.

Jutta. Ich traf ihn, die Ellenbogen auf dem Tisch, das Gesicht in beide Hände vergraben, Melodien aus »Adelaide« in sich hineinsummend. Als ich ihn anrief, nahm er die Hände weg. Zuerst blickte er mich entgeistert an, dann las er den Brief, den ich ihm überreicht hatte, und sagte, als dies geschehen war: »Ich höre und gehorche!«

»Wollen Sie mir nicht eine Zeile an Komteß Juliane mitgeben, Herr Graf?« fragte ich. Darauf hatte er nur ein langsames Kopfschütteln. »Wiederholen Sie nur der Komteß, was ich eben gesagt habe. Sie braucht sich keiner Besorgnis hingeben, Torheiten, die sie in Mitleidenschaft ziehen könnten, begehe ich nicht.«

Komtess Juliane. Und auch du, Jutta, bist der Meinung, ich könne nun in dieser Beziehung beruhigt sein?

Jutta. Felsenfest bin ich dieser Meinung.

Komtess Juliane. Du willst mir nicht sagen, was sonst noch zwischen dir und ihm vorgefallen ist?

Jutta. Sagt' ich, es sei etwas vorgefallen?

Komtess Juliane. Das sagtest du, wolltest es aber für dich behalten.

Jutta. Es war so eigentümlich, so seltsam, Komteß, daß es kaum richtig zu schildern ist.

Komtess Juliane. Versuch doch einmal, es richtig zu schildern.

Jutta. Ich werde mein Lebtag daran denken, als des Allerwunderbarsten, das mir jemals begegnet ist und begegnen wird.

Komtess Juliane. Nun also.

Jutta. Wenn Sie es nur auch richtig auffassen. Falsch aufgefaßt könnte an eine Verletzung von Treu und Glauben gedacht werden. Es könnte mich belasten als Ihre ergebene Dienerin, es könnte den Grafen Günther belasten, obgleich es doch nur von seiner grenzenlosen Liebe zu Ihnen, Komteß Juliane, spricht.

Komtess Juliane. Was könnte das aber gewesen sein? Ich ahne es nicht, wohin ich auch denke. Ich weiß nur von deiner stillen Liebe zu Günther: um die Bestimmtheit dieser Empfindung, wie du weißt, beneide ich dich. Hängt das Geschehnis damit zusammen?

Jutta. Das wäre Glück und Jammer zugleich. Nein, zwischen mich und Sie trägt das Geschehnis keine Zwiespältigkeit. Denn das Entzücken, das meine Seele überkam, ging in eine ganz neue Empfindung über: einen Zustand, in dem ich war und nicht war, Jutta war – aber zugleich und mehr eine andere . . .

Komtess Juliane. Kurz: Graf Günther hat zu dir gesprochen, Kind. Was geschah, nachdem er gesprochen hatte? Ich will es wissen, ich muß es wissen – oder ich werde denken, daß du meines Umgangs ferner nicht mehr würdig bist. Was tat der Graf, als er gesprochen hatte?

Jutta. Graf Günther nahm mich beim Handgelenk, er streifte mir den Ärmel vom Arme, er drückte mir einen Kuß hierher, hier, dicht unter der rechten Schulter. Er faßte dann meine linke Schulter mit der rechten Hand, zog mich mit ehernem Griffe an sich heran, legte seine Lippen auf meinen Mund und drückte mir langsam, langsam das Haupt in den Nacken, wobei er »Adelaide!« stammelte. Dann trat er zurück, zwar tief atmend und totenbleich, sagte aber mit kalter und fester Stimme: »Du kommst von Adelaide, Mädchen. Du hast das Glück, fast immer in ihrer Nähe zu sein. Du hast das Arom ihres Körpers und ihrer Kleider. Du hast ihr süßes Bild in den Augen. Dies alles ist mein und nicht dein, armes Kind! Und weil es mein ist, nahm ich es mir. Das magst du Adelaide sagen, sobald du ihr gegenübertrittst.«

Komtess Juliane ringt die Hände. O Jutta! o Mutter! o Vater! was soll aus mir werden?! Rettet mich!

Jutta erschrickt, blickt durchs Fenster. Komteß, sehen Sie, was das ist: die Zwillinge, wiederum Arm in Arm, wie man es seit Wochen nicht mehr gesehen hat!

Komtess Juliane. Ahnst du, was das bedeuten könnte? Werden sie einig – malmt dann das Schicksal nicht über mich hinweg?

Jutta. Sie kommen hierher, gleich werden sie eintreten.

Graf Friedrich-Alexis und Graf Friedrich-Günther treten ein.

Graf Friedrich-Alexis. Bitte entlassen Sie Ihre Freundin, Komteß.

Komtess Juliane. Ich lasse dich später bitten, mein Kind. Jutta ab. Wo kommen Sie her?

Graf Friedrich-Alexis. Gerades Weges aus Günthers Jagdhütte.

Komtess Juliane. Was ist? Sie sind beide so feierlich.

Graf Friedrich-Alexis. Vielleicht. Wir mußten einen Entschluß fassen.

Graf Friedrich-Günther. Ja, liebe Juliane, wir haben einen Entschluß gefaßt. Es muß Klarheit in unsre Sache gebracht werden.

Komtess Juliane. Sie machen mir Angst – bitte, wollen wir Platz nehmen.

Graf Friedrich-Alexis. Wer von uns beiden soll Sprecher sein?

Graf Friedrich-Günther. Du! ich glaube, daß du dazu geeigneter bist.

Graf Friedrich-Alexis. Muß ich Ihnen, Komteß, erst erklären, welchem Verhängnis wir verfallen sind? Du wirst es . . . Sie werden es kaum für möglich halten. Ob Sie es übersehen können, inwiefern unsre Lage unerträglich schmerzlich geworden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlen wir beide, Günther und ich, wir können so nicht mehr weiterleben . . .

Komtess Juliane. Und nun kommen Sie her, um mich, wie eben erst meine Mutter, anzuklagen.

Graf Friedrich-Alexis. Es kann keine Rede sein von anklagen. Dagegen sind wir gekommen, Juliane, um die Entscheidung von Ihnen zu fordern, die doch nun einmal fallen muß.

Graf Friedrich-Günther. Ja, Juliane, um sie zu fordern.

Graf Friedrich-Alexis. Es sind Empfindungen in uns Brüdern aufgestanden, die mit Brüderlichkeit nichts mehr zu tun haben und die wir nicht dulden dürfen, da wir Brüder sind. Meine Rückkunft war die größte Niederlage meines Ehr- und Anstandsgefühls, ein Verrat an der Bruderliebe. Aber ich verlor leider alle Gewalt über mich: ich war in Geisteszerrüttung verfallen. Auch jetzt hat keiner von uns sie wiedergefunden, ich meine, über sich selbst die Gewalt.

Graf Friedrich-Günther. Wären wir einander fremd, es gäbe nur eine Lösung für alles das.

Graf Friedrich-Alexis. Freilich, dann hieße es: du oder ich!

Graf Friedrich-Günther. Dann würde es heißen, für uns beide ist nicht genug Platz auf der Erde, einer von uns beiden muß weichen.

Graf Friedrich-Alexis. Und dann gäben wir unsere Pistolen zum Waffenschmied, ließen sie prüfen, ließen sie nachputzen, und in einem entschlossenen, einem befreienden Haß würden wir aufeinander losdrücken.

Graf Friedrich-Günther. Einem entschlossenen, einem befreienden, einem grenzenlosen Haß! – Aber wo sind wir hingeraten?!

Graf Friedrich-Alexis. Also, wir sind gekommen, Juliane, um alledem ein Ende zu machen und die Entscheidung von Ihnen zu fordern. Wir wollen gemeinsam den starken, heroischen Geist von einst aufrufen, der unzweifelhaft in Ihnen verborgen ist. Sie sollen ein klares Machtwort aussprechen, dem wir uns willenlos zu beugen, in Ehrfurcht zu beugen fest entschlossen sind. Wir brauchen den Spruch einer göttlichen Richterin . . .

Komtess Juliane. Ich bin keine göttliche, bin keine menschliche Richterin . . . Aber sprechen Sie nur, es bringt ja immerhin eine Art von Erleichterung.

Graf Friedrich-Alexis. Es bringt uns keine Erleichterung. Reden brachte mir und Günther keine Erleichterung. Was wir entwirren wollten, dahinein haben wir uns nur immer tiefer verwickelt, stets in Gefahr, uns zu strangulieren.

Komtess Juliane. Was euch nicht gelingt, das soll ich durchführen? Habt ihr denn nicht beide Beweise genug, wie schwach ich bin?

Graf Friedrich-Alexis. Jetzt mußt du dich stark erweisen, Juliane.

Komtess Juliane. Ich war immer bereit zu tun, was ich kann, so viel oder wenig, wie ich kann. Übermenschliches darf man von mir nicht fordern.

Graf Friedrich-Günther. Deine Entscheidung wird ein Gebot für uns sein. Wer von dir den Kelch des Lebens erhält, wird ihn in Demut und ohne Triumphgefühl entgegennehmen. Der, dem du den Kelch mit bitterer Galle füllen mußt, wird deine Hände trotzdem segnen und sich am Opfer schadlos halten, das er dir bringen darf. Ich konnte sie nicht auf den Händen meines Herzens durchs Leben tragen, wird er sprechen, aber dieses wenigstens, nämlich ihrer Entscheidung gehorchen, konnte ich für sie tun.

Komtess Juliane. Und wenn ihr mir nun Unmenschliches zumutet?

Graf Friedrich-Günther. Dann richte dich nur einmal zur Größe einer antiken Heldin empor, als Stimme des unerbittlichen Schicksals. Oder löse, wie eine unsterbliche Göttin, mit einem Schwertstreich den gordischen Knoten auf.

Komtess Juliane. Nein! nein! nein! nein! Ihr umstellt mich wie Jäger ein Wild. Gebt mir Raum! Laßt mich fort! Ich muß Luft schöpfen. Ich bin keine Göttin – ich habe kein Schwert: hätte ich es, würde ich mich hineinstürzen.

Graf Friedrich-Alexis. Es gibt keinen Ausweg, Juliane. Du mußt das entscheidende, mußt das erlösende Wort, jetzt im Augenblick mußt du es sprechen.

Komtess Juliane. Warum nehmt ihr nicht aus euch selber die Kraft und preßt sie heraus aus mir schwachem Weibe?

Graf Friedrich-Alexis. Nur durch dein Wort wird die Kraft zum Nein und zum Ja in jedem von uns beiden entfesselt sein. Nur einem von uns kannst du angehören. Nenne also den Namen des einen, und alles wird für immer entschieden sein.

Komtess Juliane. Nie und nimmer werde ich tun, was ihr wollt und was grausam und nichtswürdig sein würde. Lieber soll ein jeder von uns dreien den Becher trinken, der voll Galle ist. Laßt uns alle auf alles verzichten.

Graf Friedrich-Alexis. Die Zeit ist versäumt, dazu ist es zu spät, liebe Juliane. Es kann wohl deine Entscheidung geben, aber nimmermehr ein Zurück. Wir beide, wir Zwillinge, kennen uns gut genug: ohne dein entscheidendes Wort, das einzig uns noch in Brüderlichkeit voneinander lösen kann, sind wir zu unversöhnlichen Feinden geworden.

Komtess Juliane. Du hast es gewollt, so helfe dir Gott: – dann trinke den Becher aus, Alexis, trinke ihn bis zur Neige aus, wenn du danach so lüstern bist! ich meine den Becher voll bittrer Galle! und versuche dich fernerhin an Frauen, die solchen Quälereien besser als ich gewachsen sind.

Sie geht schnell ab. Die beiden Brüder bleiben verblüfft und erstarrt zurück. Nach einer Weile beginnen sie, auf und ab zu gehen. Endlich

Graf Friedrich-Alexis. Ich nehme doch an, daß ich recht gehört habe, Günther . . .

Graf Friedrich-Günther. Du hast ohne Zweifel recht gehört.

Graf Friedrich-Alexis, formell, kalt. Leb wohl, Günther! Er reicht Günther lässig die Hand.

Graf Friedrich-Günther, ebenso. Leb wohl, Alexis.

 


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