Gerhart Hauptmann
Die goldene Harfe
Gerhart Hauptmann

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Elfte Szene

Das Musiksälchen, ohne die goldene Harfe.
Komteß Juliane und Graf Friedrich-Alexis, dieser im Reiseanzug, treten vom Garten her ein.

Graf Friedrich-Alexis. Endlich stehe ich nun also wieder vor Ihrem . . . oder sage ich: vor unserem Heiligtum.

Komtess Juliane. Und zum erstenmal, seit Sie weg sind, ist es in diesem Augenblick aufgeschlossen.

Graf Friedrich-Alexis. Wollen Sie damit sagen, diese ganze Zeit über seien Fortepiano, Streichinstrumente und Harfe zum Schweigen verurteilt gewesen?

Komtess Juliane. Die Harfe nicht. Sie steht in der Sakristei der Schloßkapelle. Wir haben dort, Gherardini, Jutta und ich, öfters musiziert.

Graf Friedrich-Alexis. Die herrliche Mondscheinpartie nicht zu vergessen . . .

Komtess Juliane. Woher wissen Sie das? Ja, ja, auf dem See.

Graf Friedrich-Alexis. Günther gab mir in seinem letzten Briefe eine wundervolle Schilderung. Sie müssen sie hören, man muß sie vorlesen.

Komtess Juliane. Ist Ihnen das so eilig, Alexis?

Graf Friedrich-Alexis. Eilig ist es mir gerade nicht. Ich hätte nur gern von Ihnen gewußt, was die Worte über das Grab des Schwans bedeuten . . .

Komtess Juliane. Über das Grab des Schwans? und was für Worte?

Graf Friedrich-Alexis. Es seien ihm immer, schreibt Günther, diese Worte durch den Kopf gegangen: Der heißeste Ort der Erde sei unter der Ulme, beim Grabe des Schwans.

Komtess Juliane. Dort unter der Ulme ist in der Tat ein Sockel mit einer Aschenurne. Darunter soll ein Singschwan begraben sein, der einst länger als ein Jahrzehnt mit jedem Frühjahr auf dem großen Weiher im Park erschienen ist. Schließlich ist er dort mit dem üblichen Schwanengesang verschieden.

Graf Friedrich-Alexis. Das kühle Grab und dabei die Glut . . . was brachte den Dichter zur Betonung der Gegensätze?

Komtess Juliane, errötend. Fragen Sie seinen Genius.

Graf Friedrich-Alexis. War es eine ganz reine Freude, als Sie erfuhren, ich käme wieder, um noch einmal mit Ihnen unter dem gleichen Dache zu sein?

Komtess Juliane. Ich hatte niemals Zweifel daran.

Graf Friedrich-Alexis. Ich wollte noch einmal mit Ihnen die gleiche Luft atmen. Vielleicht hätte ich müssen stärker sein und Ihnen höchstens noch auf einigen Notenblättern aus der Ferne den Nachhall meines Schwanengesanges zu Gehör bringen.

Komtess Juliane. Ich nehme an, daß Sie auch um Ihres Bruders willen gekommen sind, weil doch im Grunde keiner von Ihnen ohne den andern wahrhaft atmet. Sie hatten ja auch die Seele Günthers zur einen Hälfte mit sich genommen, während Ihre Seele zur Hälfte bei uns geblieben ist.

Graf Friedrich-Alexis. Demnach wären wir Bürger des Geisterreiches, die sich auf der Grenze zwischen beiden Reichen befinden, dem sichtbaren und dem unsichtbaren, meine ich. Ich habe in der Tat mittels der hiergebliebenen Hälfte meiner Seele mit dem, was hier geschah, in Rapport gestanden. Als ich eines Nachts aufwachte, bemerkte ich, daß die Harfe nicht mehr an ihrem Platze in diesem Musiksälchen war. Ich konnte dann bis zum Morgen nicht einschlafen, weil ich wissen wollte, wo sie geblieben sei. Am Morgen ist dann der Brief meines Bruders gekommen. – Haben Sie manchmal meiner gedacht?

Komtess Juliane. Oft, wie ich durchaus nicht bestreiten werde.

Graf Friedrich-Alexis. Und gehören Sie auch noch zu denen, die durch kein Gelübde gebunden sind?

Komtess Juliane. Ich bin durch kein Gelübde gebunden.

Graf Friedrich-Alexis. Sie nehmen mir eine bleierne Last von der Brust. Ich bin erlöst, wenn mir nur eine Hälfte Ihrer Seele noch nicht genommen ist. Er nimmt am Fortepiano Platz. Ist sie mir wirklich noch nicht genommen? . . . Wenn Sie schweigen, Juliane, zittre ich. Oder habe ich recht gesehen, und Sie hätten Ihr schönes Haupt kaum merklich leise verneinend bewegt? Ich bin ja zufrieden, Juliane, wenn es nicht anders sein kann, mit jeder kleinen Gnadenfrist oder Galgenfrist. Ich will ja nichts weiter als das, was ist . . . Ich wollte ja gar nicht mehr, als es fort und fort auf ewig genießen. – Wissen Sie, daß ich fern von hier stundenlang, besonders des Nachts, im Geiste mit diesen Instrumenten musiziert habe?

Komtess Juliane. Und ich hörte es, wenn die Fledermäuse ums Schloß schrillten, auf dem Teiche die Schwäne im Traum ihre klagenden Töne ausstießen. Einmal habe ich sogar meine Mutter geweckt: so hat es hier innen musiziert. Aber Mutter konnte nichts hören.

Graf Friedrich-Alexis. Und darum war ich auch so verzweifelt, und darum brachte es die Entscheidung mit, als plötzlich die Harfe fehlte, ohne die doch keines der übrigen Instrumente mehr klang. Da trieb es mich unwiderstehlich hierher, Juliane, in einer Fahrt, die für mich ein wahres Fegefeuer war, weil Zweifel, Befürchtungen, Einbildungen und Ängste mich nahezu bis zum Wahnsinn peinigten . . . Es ist vorbei, und nun bin ich hier! Man ist geborgen in Ihrer Nähe.

Komtess Juliane. Aber, aber . . . haben Sie wirklich so viel gelitten um mich?

Graf Friedrich-Alexis. Muß es nicht sein bei einem, der fern von Ihnen dem Erstickungstode preisgegeben ist? Manchmal war mir, als könnt' ich entsagen, weil die Erinnerung nie verblassen würde, hätte ich nur einmal den Mund auf Julianens Stirn gedrückt . . .

Er nähert sich ihr, magisch angezogen.

Komtess Juliane. Tun Sie es nicht – ich warne, Alexis!

Graf Friedrich-Alexis, ausbrechend. Soll ich nur immer mit den Tasten buhlen müssen, die Ihre Fingerspitzen berührt haben? . . . wo doch mein Bruder, wie ich weiß, sein Wort gebrochen hat! mein Bruder lügt! Mein Bruder wäre der Liebe unwürdig, ich müßte meinen Bruder verachten, wenn er, mit Ihnen, Juliane, so lange allein, nicht tausend Eide gebrochen, nicht seinen Bruder tausendfach verraten hätte. Aber soll ich darum darben, der ich gedarbt, gehungert und gedürstet habe und in Sehnsucht nach Ihnen fast zugrunde gegangen bin?

Komtess Juliane. Seien Sie gnädig! Gnade, Alexis! Er umschlingt sie und preßt seine Lippen auf ihren Mund.

Graf Friedrich-Alexis. Nein, gegen niemand Schonung! gegen niemand Gnade!

 


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