Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fürst Eulenburg.

Genesis

Vor zwei Jahrzehnten hörte ich aus Bismarcks Munde die ersten Urtheile über den Grafen Philipp zu Eulenburg, der 1891, als Nachfolger des Grafen Kuno Rantzau, zum Preußischen Gesandten in München ernannt worden war. Im Lauf der nächsten Jahre sprach Bismarck oft über den Mann, der am Tag der Entlassung des ersten Kanzlers dem Kaiser Stunden lang seine amusischen Balladen vorgelesen hatte und der dem Entlassenen der gefährlichste Berather eines jungen, nach Bethätigungmöglichkeiten ausspähenden Herrn schien »Als Politiker nicht ernst zu nehmen. Als Diplomat auf wichtigem Posten nicht verwendbar. Aber sehr schicklich, belesen, liebenswürdig. Etwas wie ein preußischer Cagliostro. Augen, die mir das beste Frühstück verderben könnten. Werden will er nichts; weder Staatssekretär noch Kanzler. Die Zeitungen wissen da nicht Bescheid. Er denkt: L'amitié d'un grand homme est un bienfait des dieux (wie es ja wohl in dem Stück Voltaires heißt, das Napoleon in Erfurt vor dem Parquet von Königen aufführen ließ). Mehr verlangt er nicht. Schwärmer, Spiritist, romantisirender Schönredner im Stil von Radowitz (Vater), der so geschickt den Garderobier der mittelalterlichen Phantasie des Königs machte. Für das dramatische Temperament unseres Kaisers ist die Sorte ganz besonders gefährlich. Wenn er in der Nähe des hohen Herrn ist, nimmt Eulenburg Adorantenstellungen ein. Meinetwegen ganz aufrichtig. Nützlich ist Anbetung Unsereinem aber nie. Sobald der Kaiser aufblickt, ist er sicher, dieses Auge schwärmerisch auf sich geheftet zu sehen. ›Pater ecstaticus, auf- und abschwebend‹: Faust letzter Akt. Hier ists kein pater, sondern ein filius. Nicht Phili, sondern: fili. Einer von Denen, die mir das Geschäft störten, aber nie zu fassen waren. Mit allerlei Mystizismus und Spuk hat er sich wohl mehr beschäftigt als mit Politik; im diplomatischen Examen hats gehapert.« Auch auf das normwidrige Sexualempfinden des Mannes hat, zur Erklärung der besonderen Wesensart, Bismarck damals schon hingewiesen. Nicht wüthend, sondern ironisch; von ganz oben herab. Doch ungemein deutlich. Geheimrath Schweninger hat unter seinem Eid darüber gesagt: »Fürst Otto von Bismarck und sein Sohn Herbert haben das Wirken Eulenburgs, namentlich auf dem Gebiete der Personalien und in der Rolle eines befreundeten unverantwortlichen Rathgebers, für unheilvoll gehalten und wiederholt auch von einer geschlechtlich abnormen Veranlagung Eulenburgs gesprochen, die, verbunden mit einer Neigung ins Mystische, nebelhaft Schwärmerische, ihn nicht zum Vertrauten eines regirenden Fürsten qualifizire.« Eine höchst drastische Redensart, die Schweninger im Haus Bismarcks oft über Eulenburg gehört und vor dem ihm vernehmenden Richter, dem Staatsanwalt und dem Justizrath Bernstein bekundet hat, ist in das Protokol nicht aufgenommen worden. (Hier ist zu erwähnen, daß Bismarcks Arzt nicht den geringsten Grund hatte, dem Grafen Philipp persönlich zu grollen. Die Kunst dieses Arztes hatte in Eulenburg früh einen begeisterten Lobredner gefunden. Schon 1884 schrieb er an seinen homosexuellen Freund Fritz von Farenheid-Beynuhnen: »Eine Anleitung für diätarisches Verhalten würde Dir Keiner besser geben können als Dr. Schweninger, der dem Fürsten Bismarck im Lauf eines Jahres sechzig Pfund Körpergewicht entzog und ihn zu einem gesunden Mann machte. Ich bin mit Schweninger gut bekannt und wünsche sehr, daß Du seinen Rath hörtest. Gern übernehme ich die Vermittlung dieser wichtigen Sache.« Er übernahm sie, nachdem der »geliebte Fritz« dem »geliebten, theuren Freund« gedankt und ihn »aufs Innigste umarmt« hatte. »Mit Professor Schweninger sprach ich lange Deinetwegen in Berlin. Er wird sich freuen, Dir seinen Rath zu geben, und hofft, Dir helfen zu können, wenn Du seine vorgeschriebene Diät befolgst. An dem Kanzler habe ich einen staunenswerthen Erfolg seiner Kur gesehen.« Farenheid antwortet: »Also Schweninger für immer!« Und Beide rühmen nun gemeinsam die Heilkunst des Professors. Mit diesem Arzt, der Philipp Eulenburg und dessen Freunde genau kennt und dem Grafen Kuno Moltke durch Heirath verwandt ist, habe ich die ganze Angelegenheit mit all ihren Symptomen und Wirkungen oft bis ins Kleinste durchgesprochen. Das ist durch beeidete Aussage erwiesen. Die Vierte Strafkammer hatte sich um diese Aussage, die ihr in protokolirtem Wortlaut vorlag, nicht gekümmert und mir in ihrem ersten Spruch vorgeworfen, ich habe in strafbarer Leichtfertigkeit versäumt, Rath und Urtheil eines Arztes zu erbitten. Des juges ...) Besonders bitter wurde Bismarcks Kritik, seit (1894) Eulenburg als Botschafter nach Wien geschickt worden war. Auf diesen schwierigen, nach dem Verzicht auf den russischen Assekuranzvertrag doppelt wichtigen Posten passe er gar nicht; überhaupt nicht auf einen Platz ersten Ranges. Solche Plätze seien nicht nach persönlicher Gunst und Liebhaberei zu besetzen. Nach Wien gehöre ein erfahrener, nüchterner Mann, der das zu reichlicher Repräsentation nöthige Geld und eine dem österreichischen Hochadel imponirende Frau habe, den dem alten Kaiser bequemen trockenen Ton treffe, sich vor phantastischen Sprüngen hüte und jedes Techtelmechtel mit Alldeutschen oder Tschechen, Polen oder Magyaren, mit allen Förderern einer deutschen Expansion ins Böhmische oder Türkische ängstlich meide. Mit seiner tête de linotte, seiner komoediantischen Sucht, durch »Einfälle« an der maßgebenden Stelle Applaus zu finden, sei Philipp Eulenburg dort eine stete Gefahr. Geringes Vermögen; eine Frau ohne Salontalente; keine Ausdauer zu einförmiger Arbeit, der aller Reiz der Emotion und Sensation fehlt; und, als dem Kreis des Mystikers Rudolf Liechtenstein Angehöriger, Katholiken und Nationalisten ein Aergerniß. Man müsse schon froh sein, wenns nicht wieder üble Nachrede von der Art der aus Oldenburg, München, Stuttgart gehörten gebe. »Unter den Kinaeden sollen ja ganz gute Feldherren gewesen sein; gute Diplomaten habe ich in der Sorte noch nicht gefunden. Und ich kenne sie schon aus der Zeit, wo ich unter Brauchitsch als Auskultator beim Kriminalgericht gegen solche Leute eine Untersuchung zu führen hatte.« (»Die Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinauf. Es wurde dem Einfluß des Fürsten Wittgenstein zugeschrieben, daß die Akten von dem Justizministerium eingefordert und, wenigstens während meiner Thätigkeit an dem Kriminalgericht, nicht zurückgegeben wurden.« ›Gedanken und Erinnerungen.‹ Ob der Wunsch Wittgensteins hierbei wirksamer war als die Furcht, den Prinzen Heinrich von Preußen, den Sohn Friedrich Wilhelms des Zweiten, zu kompromittiren, oder ob Wittgenstein den Prinzen, den er vom Krieg her kannte, schützen wollte, ist heute nicht mehr festzustellen.) Gegen Philipps Ernennung zum Generalintendanten der Königlichen Schauspiele, die vor und während der Amtsthätigkeit des Grafen Hochberg in Frage kam, hätte Bismarck nichts einzuwenden gehabt; für eine Botschaft fand er ihn unzulänglich. Und ich war so leichtfertig, dem vor meinem Ohr oft in kühlem Ton wiederholten Urtheil zu glauben. Ich las Einiges von den Skaldensängen, Märchen, Erzählungen des Grafen; auch ein Drama. Durchschnittsdilettantenwaare. Ein peinlicher Gedanke, daß diese Kost dem regen Geist des jungen Kaisers kredenzt werde; daß er bei ihr in der Schicksalsstunde, die ihn von dem Reichsschöpfer trennte, Trost gesucht habe; daß die Kunstauffassung des Farenheidzöglings, den ein nachgemachtes Medicäerflorenz das Ziel artistischer Kulturwünsche dünkte, dem mächtigsten Deutschen das starke Schaffen mit ihm Lebender verleide. Restaurirte Burgen, Puppenalleen, deren Glanzpunkte den schlechten Berninistil geistlos wiederholen, Prunkceremonien, Aegirmusik, politisch-religiöse Allegorien, Wikinger mit den Gestalten eines Hadrian und Antinous nachgestümpertem Empfindungleben, bunter Opernplunder auf Marktplätzen und Schaugerüsten: Das ist philischer Geschmack; der Geschmack Eines, der vom Scheitel bis zur Sohle ein Theatermensch ist und oft der Hofschauspieler genannt ward. Mußte so auch der Geschmack des gekrönten Soldaten und Seemannes bleiben, der auf anderem Gebiet begierig nach dem Modernsten griff? Philipp Eulenburg war der erste nach Artistenstimmung langende Mensch, der dem im Heim der Makartbouquets, der Talmirenaissance, der Kunstverkündungen der Werner, Hertel, Seckendorff erwachsenen Prinzen Wilhelm näher trat: und die frühsten Eindrücke sind aus einer empfänglichen Seele niemals leicht weg zu harken.

In das Jahr 1894 fiel der Feldzug des Hannoveraners Polstorff (Redakteurs am Kladderadatsch) gegen die Trias Eulenburg-Holstein-Kiderlen, der den Namen des unschuldigen Ceremonienmeisters Lebrecht von Kotze umzüngelnde Hofskandal und die Entlassung des zweiten Kanzlers. Herr von Holstein wollte schießen, fand in Herbert und Henckel aber nicht die gesuchten Instigatoren; Herr von Kiderlen schoß; Graf Philipp Eulenburg, der Hauptangeklagte, rührte sich nicht: er wurde von der berliner Sittenpolizei schon damals den Männerfreunden zugezählt und mußte das Licht scheuen. Die an dem Briefskandal Schuldigen sind öffentlich nie genannt worden; die Thatsache, daß die Niedertracht sich gegen die schöne Frau eines homosexuellen Hofherrn richtete, konnte auf die Spur helfen. Am Sturz Caprivis hat Phili, wie Jeder weiß, mitgewirkt. Daß er ein paar Monate vorher über die Möglichkeit dieses Sturzes laut gestöhnt und den General von Hahnke als Caprivis tückischen Totfeind verdächtigt hatte, sieht ihm ganz ähnlich. Blieb das Auswärtige Amt. Herr von Marschall, der in den Personalien der willfährige Erfüller liebenberger Wünsche gewesen war, schien ein Bischen verbraucht und schon durch seine Vorbildung und die immer präsente Zungenfertigkeit für das Innere (wo Boetticher nun doch locker wurde) besser geeignet als für das Internationale. Wer sollte dahin? Herr von Holstein dachte an Eulenburg (welches Unheil dieses Planes Gelingen herautbeschworen hätte, hat er bald eingesehen). Der wollte nicht. Wollte lieber der unsichtbare, unfaßbare Freund des höchsten Herrn bleiben; und bat in Karlsruhe Chlodwig Hohenlohe, Holstein von diesem Gedanken abzubringen. Seitdem hatte Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein schlechte Zeit. Er wähnte sich von heimlich durchs Dunkel schleichenden Feinden bedroht, von Polizeiagenten umlauert; und die ihm ergebene Presse warnte täglich vor einer in der Finsterniß thronenden »Nebenregirung«, die den Verantwortlichen den Weg in starke Erfolge sperre. Wo die Häupter dieser unheiligen Schaar zu suchen seien, lehrte der Ertrag der landgerichtlichen Hauptverhandlungen gegen den Journalisten Leckert, den Polizeiagenten von Lützow, den Kriminalkommissar von Tausch. Der Kommissar sagte als beeideter Zeuge, er sei in der Sache Polstorff dem Grafen Philipp Eulenburg behilflich gewesen, der ihm, zum Dank dafür, in Wien den Orden der Eisernen Krone erwirkt, aber auch gebeten habe, Alles, was den Botschafter interessiren könne, brieflich zu melden. Als Angeklagter hat er hinzugefügt, ein Schutzmann seiner Abtheilung habe den Grafen Philipp oft besucht und Mittheilungen hin und her getragen. (Diesen Schutzmann hatte Graf Eulenburg als Matrosen auf der »Hohenzollern« kennen gelernt und als Diener an einen ihm aus der münchener Zeit als homosexuell bekannten Freiherrn empfohlen.) Der Polizeiagent Lützow sagte aus, Tausch habe bei ihm Berichte bestellt, die an Eulenburg gingen und deren Inhalt der Botschafter dann in persönlichen Briefen dem Kaiser übermittelte. Graf Philipp wurde in beiden Prozessen beeidet und gehört; seine Aussagen lauteten:

Im Dezember 1896:

»Ich habe absolut keine Beziehungen zu Herrn von Tausch gehabt als ganz äußerliche, gesellschaftliche bei der Begegnung im dienstlichen Leben. Ich habe ihm nur einmal geschrieben; in

Im Mai 1897: Ich halte es durchaus nicht für unwahrscheinlich, daß ich Herrn von Tausch aufgefordert habe, mir zu schreiben; denn ich habe mit ihm vertraulich verkehrt. Für den Laien hat ein freundlicher Weise für eine Aufmerksamkeit gedankt und gesagt, daß er mich vielleicht in Berlin sprechen könne. Schon damals hatte ich nicht die Absicht, Herrn von Tausch zu empfangen, trotzdem er mir ›interessante Mittheilungen‹ versprach; weil interessante Mittheilungen eines Polizeikommissars für mich uninteressant sind, wenn sie mich nicht angehen.«

Kriminalkommissar ja ein gewisses Interesse. Man denkt sich, daß er alle Geheimnisse der Erde kennt. Deshalb ist es mir nicht unwahrscheinlich, daß ich ihm einmal gesagt habe: Wenn Sie Interessantes haben, theilen Sie es mir mit! Das kann sich aber wohl nur auf das Interessante bezogen haben, was damals unser Leben mit sich brachte; die Reise Seiner Majestät des Kaisers und so weiter.«

Vor deutschen Gerichten lautet die Eidesformel: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde. So wahr mir Gott helfe!« Welche Aussage Eulenburgs war objektiv richtig? Die zweite hörte der Kriminalkommissar vom Sitz des Angeklagten aus; er hatte nichts Amtliches mehr zu verlieren und konnte in der Verzweiflung nach gefährlichen Mitteln greifen. Im Dezember 1896 hatte der bedrängte, gebrochene Mann mich aufgesucht, weinend seiner Unschuld versichert und den Ursprung des ihn umpfauchenden Verdachtes erzählt. Ein Mächtiger mochte ihn verpflichtet haben, Herrn von Marschall auf den Preßdienst zu passen; der Agentenbericht, der dem Staatssekretär eine den Oberhofmarschall Grafen August Eulenburg beleidigende Notiz zuschrieb, mußte den Gönner interessiren. Zwei Tage nach seinem Besuch wurde Tausch verhaftet und des Meineids beschuldigt. Nach seiner Freisprechung kam er wieder zu mir. Er hat mir Briefe von der Hand Waldersees und Philis gezeigt; der Botschafter spendete ihm darin die Anrede: »Mein lieber Herr von Tausch!« Den Erzählungen entnahm ich, daß es zwischen den beiden Briefschreibern Beziehungen gab (wie Bismarck immer vermuthet hatte); daß der Kommissar auch von dem Flügeladjutanten Grafen Kuno Moltke empfangen worden war; und daß Eulenburg mit Madais homosexuellem Nachfolger gut gestanden habe; unter dem nächsten Polizeipräsidenten sei er schon beobachtet, seien über ihn umlaufende Gerüchte notirt, Thatsachen, die zu einem (der Polizei recht unbequemen) Einschreiten zwingen mußten, aber nicht festgestellt worden.

Das war im Sommer 1897. Nach dem Prozeß hatte der Botschafter über Gicht und Neuralgie geklagt und den Freunden von der Absicht gesprochen, den Widrigkeiten des politischen Lebens bald zu entfliehen. Er erholte sich aber und blieb. Im Herbst mußte Herr von Marschall, der ihm so lästige Zeugenpflicht aufgebürdet hatte, Herrn von Bülow weichen, der unter Hohenlohe mit ihm in Paris Sekretär gewesen war. Um die selbe Zeit bewies Wilhelms Magyarenverherrlichung (die den Kroaten Zriny zu Arpads Söhnen zählte, in der Hofburg verstimmte und die Schwierigkeit austro-ungarischen Reichsausgleiches mehrte), wie ungenügend der Botschafter den Kaiser informire. Das schadete ihm nicht. Auch nicht, daß er mit Kasimir Badeni zu weit gegangen war und bei mancherlei Anlässen in übles Gerede kam: durch die Rolle, die er im moltkischen Ehezwist spielte, und durch seine Neigung ins Okkultistische; durch den auffallend freundschaftlichen Verkehr mit seinem Sekretär Kistler; durch das Legat, das ihm, dem Vertreter einer fremden Großmacht, Nathi Rothschild hinterließ. Nichts. (Der währet ewiglich, meinte Bismarck, der nicht immer fromm sprach, noch im letzten Lebensjahr, und nannte ihn den von Schillers Weisem gesuchten ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht). Am ersten Januar 1900 wurde er Fürst, am siebenundzwanzigsten Erbliches Mitglied des Herrenhauses. Als noch nicht Dreiundfünfzigjähriger; ohne je politisch Nützliches geleistet zu haben. Der erste Kanzler ist nach drei Kriegen, drei Siegen (1871) Fürst und als Einundsechziger (im Sommer 1876) Erbliches Mitglied des Herrenhauses geworden. Altes und neues Preußen. Das war die Gipfelhöhe philischen Glückes. Im neuen Jahrhundert ging es bergab. Verfeindung mit den Herren von Holstein und von Kiderlen. Im Lenz 1901 muß der Bruder des Fürsten, Graf Friedrich Botho, aus der Armee scheiden, weil seine Homosexualität ihn in arge Händel gebracht hat; zugleich mit ihm gehen, der selben Noth gehorchend, Graf Fritz Hohenau, ein Sohn des Prinzen Albrecht aus dessen zweiter, morganatischer Ehe mit Rosalie von Rauch, und der Prinz eines herzoglichen Hauses. Schon wird auf die Brüder der Geächteten als aut nicht minder Belastete gewiesen. Im letzten Monat schreibt Richard Dohna-Schlobitten (der am selben Tag wie Philipp in den Fürstenstand erhoben und auf einer Hofjagd in Liebenberg von dem ungeschickten Günstling Kistler verwundet worden war) als Rächer Hochbergs und seines Intendanzrathes Piersons den Brief, der mit der Anrede »Geehrter Fili!« beginnt, ohne die winzigste Höflichkeitfloskel schließt und die Sätze enthält: »Du bist ganz einfach so verlogen daß es mir schwer auf das Gewissen fallen muß, einen solchen Kerl in die Gesellschaft unseres geliebten Allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn gebracht zu haben. Wie soll denn dieser groß und vornehm, vor Allem aber durchaus gerecht denkende Monarch von uns denken, wenn das Alles einmal bekannt wird? Und daß Dies geschieht, wenn Bolko mit seinem Pierson die Generalintendantur auf Seiner Majestät Befehl verlassen müssen, dafür garantire ich Dir. Es sind nur Deine innigen Beziehungen zu Eberhard und die alte, bis jetzt ungetrübte Freundschaft unserer Familien, welche mich vermocht haben, in dieser traurigen Sache noch einmal an Dich zu schreiben. Hoffentlich bist Du mir für diesen Entschluß dankbar. Ich kann nun einmal aus meinem Herzen keine Mördergrube machen.« In dem selben Brief wird festgestellt, daß Graf Hülsen-Haesler, der wegen seiner urberlinischen Derbheit von Phili seit den wiener Militärattachétagen so oft bespöttelt ward, eine Angabe des Botschafters als Lüge erwiesen habe. Es ist nicht der einzige Brief dieser Art, den Eulenburg bekommen hat; nicht der schlimmste. Nach dem Empfang wurde er stets pünktlich krank. Diesmal half das Mittelchen nicht: er mußte, da ihm mit Strafantrag und Immediatbericht an den Kaiser gedroht ward, dem Geheimrath Pierson demüthig abbitten. Vielleicht sickerte Etwas durch und gab ihm den Rest. Vielleicht schienen seine Berichte, die einem Kenner das Wort »Operettenpolitik« in die Feder drängten, mit ihren hastig wechselnden Romantikerplänen nachgerade doch gar zu abenteuerlieh. Er stöhnte zum Erbarmen über Arterienverkalkung, mimte den Sterbenden und schlich nach Liebenberg.

A.D. Zu rechter Zeit. Den Kruppskandal, der bald danach begann, hätte er im Bannkreis der wiener Spottsucht nicht überlebt. Damals sagte ich: »Der Urning ist nach moderner Auffassung nicht ein Ehrloser, sondern ein Kranker; wäre es anders, dann müßten viele Diplomaten, Höflinge, gekrönte Herren sogar ihre Häupter in Schande betten.« Sagte auch; »Im ›Vorwärts‹ wurde die Legende der Grotta Azzurra (die widernatürlichen Geschlechtsakte, deren sich Krupp auf Capri schuldig gemacht haben sollte) ausführlich erzählt. Warum? Krupp war ein Großkapitalist, aber das Muster eines guten Arbeitgebers; und angeborene oder erworbene Homosexualität hätte seinen persönlichen Werth nicht gemindert. Wäre er beschuldigt worden, seine Unternehmermacht geschlechtlich mißbraucht zu haben, oder hätte er je den Chor der Keuschen geführt, dann wäre die Veröffentlichung in einem Proletarierblatt leicht zu begreifen gewesen; dann mußte der Katze die Schelle angehängt werden. So aber wars im schlimmsten Fall nach heute noch herrschendem Sittendogma eine Familienschande, die der politische Gegner nicht auf den Markt zerren durfte. Doch der Redakteur des ›Vorwärts‹ ist angeklagt. Der gute Glaube wird ihm, der an einen Wahrheitbeweis gewiß nicht mehr denkt, nicht zu bestreiten sein; und es ist unanständig, einen Angeklagten zu schelten. Das Vernünftigste wäre, nach einer offenen, reuigen Erklärung das Verfahren einzustellen.« (Das zu bewirken, wurde ich damals von vier Prominenten der Sozialdemokratischen Partei mit dringendem Eifer gebeten; habe es, ohne daß die reuige Erklärung nöthig ward, erreicht, von den Vieren überschwingende Dankreden gehört; und werde seitdem in der rothen Presse noch unfläthiger geschimpft als zuvor.) Diese Sätze, die allerlei Gentlemen nach ihrem Augenblicksbedürfniß flott umlogen, sollten meinen Thaten aus späterer Zeit schroff widersprechen. Hundertmal ists gedruckt worden. Ist es darum auch wahr? Nein; wider besseres Wissen erfunden oder leichtfertig nachgeschwatzt, ohne die Artikel, um die es sich handelt, vorher wenigstens zu lesen. Ich hätte das gute Recht jedes Menschen, sogar jedes Marxisten, gehabt, in fünf Jahren eine Meinung zu ändern. Habe es im Urtheil über die Homosexualität aber nicht gethan. Niemals freiwillig die Geschlechtshandlung eines Menschen ans Licht gebracht. Erst im Jahr 1908 habe ich die fürchterliche Verbreitung des Kinaedenthumes kennen gelernt und, wie der Referendar Bismarck, »die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des Verbotenen durch alle Stände hindurch« deutlich empfunden: vor den Haufen der Drohbriefe aus nahen und fernen Städten; vor den Zeichen einer Kameradschaft die stärker ist als die der Ordensbrüder und Maurer, fester hält und über alle Wälle des Glaubens, der Staaten und Klassen hinweg ein Band schlingt, die einander Fernsten, Fremdesten zu Schutz und Trutz in Brüderlichkeit vereint. Ueberall sitzen Männer aus dieser Sippe: an Höfen, in Armee und Marine auf hohen Posten, in Ateliers, in den Redaktionen großer Zeitungen, auf den Stühlen der Händler und Lehrer, der Richter sogar. Alle verbünden sich gegen den gemeinsamen Feind. Viele blicken auf den Normalen schon wie auf ein niederes Wesen von unzulänglicher »Differenzirtheit« herab. Tausende fühlen es wie Schmach und Rassengefahr; dürfen sich aber nicht regen, weil sie Einen in der Familie haben und »Rücksicht nehmen müssen«. Das hatte ich nicht gewußt. Seit ichs weiß, bin ich nicht mehr so duldsam gegen das endemisch gewordene Uebel, das die Pariser schon vor zehn Jahren le vice allemand zu nennen wagten. Habe es als eine Landplage erkannt. Noch aber kann ich die Sätze wiederholen, die ich 1907 schrieb: »Kranke soll man nicht strafen (die romanischen Gesetze thun es nur, wenn outrage public à la pudeur festgestellt ist); aber dafür sorgen, daß die Dienstgewalt nicht zu Sexualzwecken mißbraucht, Knaben, Jünglingen, zu Gehorsam verpflichteten Männern nicht zugemuthet werden darf, von Geschlechtsgenossen beischlafähnliche Handlungen hinzunehmen. Die Sache ist ernst. Mein Gefühl sträubt sich gegen die Vorstellung der ›Urningliebe‹. Mein Verstand muß zugeben, daß Menschen von starkem Sittlichkeitgefühl zu dieser Varietät gehörten. (Manche freilich auch, die, weil sie von Jugend auf Etwas zu verbergen hatten, von Jahr zu Jahr unwahrhaftiger wurden und schließlich, neben anderen Weibermerkmalen, auch die hysterischer Verlogenheit annahmen.) Soll man diese Menschen ächten? Das wäre unvernünftig und grausam. Darf man ihre öffentliche Propaganda dulden? Das wäre dumm und antisozial. Sie sind untüchtiger, doch nicht weniger ehrenhaft als wir Normalen. Die Geschlechtshandlung ist der privateste Akt. Nur wenn sie ein nationales oder soziales Recht antastet, darf der Fremde sie entschleiern. War sie das Ergebniß freier Uebereinkunft, die wohlthätig wirkende Rechtsgüter respektirt, so ist sie öffentlich hörbarem Urtheil entrückt. Ists auch das Geschlechtsempfinden, das alles menschliche Wollen färbt? Ich glaube: Nein. Wenn uns ein großer misogyner Künstler lebte, dessen Bildwerk den Leib des Weibes ausschlösse: wäre eine ausschöpfende Charakteristik seines Schaffens ohne Erwähnung seines sexualpsychischen Zustandes möglich? Wer ohne Fug eine Geschlechtshandlung ans Licht zerrt, ist ein Schwein oder ein Denunziant. Wer ohne Sittenrichterhochmuth, ohne den Schutzmann oder die Heuchelgendarmen herbeizuwinken, als Politiker oder als docteur ès sciences naturelles, auf das normwidrige Geschlechtsempfinden einer mächtigen Gruppe hinweist, kann nützlich wirken. Frankreich hätte, unter dem letzten Valois, die Schrecken des règne des mígnons nicht erlebt, wenn es zu rechter Zeit gewarnt worden wäre. Und Heinrich der Dritte kannte den Kitt, der seine Freunde zusammenhielt. Dem Herrscher, der von solcher Gefühlsperversion nichts ahnen, die Blutfarbe des eng um ihn gezogenen Kreises nicht sehen kann, schuldet Jeder, der zufällig davon weiß, warnende Wahrheit.« Da ist mein Standpunkt.

Wir sind in der Kinaedenkultur schon so weit gekommen, daß die infamste Jünglingschändung mit dem Sexualabenteuer eines freien Paares auf eine Stufe gestellt werden darf. Auf abertausend Bogen ist gedruckt worden, ich habe politischen Gegnern durch die Enthüllungen ihrer Geschlechtsakte den Sturz bereitet. Ein dummer Schwindel. Erstens hockten in dem Grüppchen keine »politischen Gegner«; überhaupt keine Politiker. Auch der Häuptling war keiner. Er hat nie eine Sache gewollt; immer nur Glanz und Gloria für sich und seine Kreaturen. Gab sich vor den Nachbarn für einen Agrarier, in Privatbriefen für einen Liberalen aus; spielte in Wien den katholisirenden Polenfreund und in Moabit den lutherischen Kulturkämpfer. Der mein politischer Gegner! Welche Politik vertrat er denn je ernsthaft? Vier Kanzler kannten und verachteten ihn als einen Geberdenspäher, Geschichtenträger und Hofkomoedianten. Zweitens habe ich niemals irgendeine Geschlechtshandlung dieser Leute entschleiert, bis ich durch ihre dreisten Gerichtsprozeduren dazu gezwungen wurde. Vorher hatte ich ganz behutsam auf ihren Salonmystizimus, ihre Gesundbeterei, ihr in harter Zeit gefährliches Gewinsel und Geflöte hingewiesen; auch erst, als in den Bund der Vertreter einer fremden Großmacht aufgenommen worden war. Ein nationales Rechtsgut war angetastet. Wenn der Botschafter eines in Rüstung lauernden Staates durch sein Verhältniß zu einer Königin, Maitresse, Ministerfrau die Möglichkeit zu ungebührlicher Einwirkung auf die Landesgeschäfte fände, würde nur ein feiger Tropf dazu schweigen. Und bei uns sollten zwei alte homosexuelle Freunde in gefährlichster Stunde den Verantwortlichen den Strom aus der Leitung schalten? Eine deutsche Schande ists, daß solche Frage nur gestellt werden kann. Daß eine Bubenschaar sich erfrechen durfte, Monate lang öffentlich zu greinen, weil der Hohenzollernhof von fünf Männern befreit ist, die unter Ausnützung ihrer dienstlichen, geldlichen, gesellschaftlichen Macht Jahre lang den ekelsten Geschlechtsunfug getrieben hatten. Da war Anderes als der nach freier Selbstbestimmung vereinbarte Geschlechtsverkehr abnorm empfindender Männer: die listige Verführung argloser, dienstlich oder ökonomisch abhängiger Jünglinge. Gräuel, dessen Schilderung alten Soldaten, grauen Polizeiratten selbst das Blut in die Schläfen jagte. Was da ans Licht kam, kannte ich längst. Hatte den Thätern eine leise Warnung zugedacht, nicht den Schrecken persönlicher Infamirung; aus dem hellsten Bezirk sollten sie weichen, nicht in den Abgrund stürzen. Daß es dahin kam, ist nicht meine Schuld: die ihres Uebermuthes. Nur für das bis zum dritten Mai 1907 Geschehene trage ich aus freiem Entschluß die Verantwortung; trage sie gern.

Qualis artifex!

»Ich war weder Soldat noch Politiker, trotzdem ich im Regiment Garde du Corps gedient und hohe diplomatische Posten erlangt habe; im Grund meines Herzens war ich immer nur Künstler und kann mich heute noch rühmen, der beste Führer durch die Kunstschätze von Rom und Florenz zu sein.« So (ungefähr) sprach Fürst Eulenburg als Angeklagter vor dem Schwurgericht. Daß er die römische Herrlichkeit, Uffizien, Pitti, Bargello genau kennt, ist nicht zu bestreiten; eher schon die Sicherheit seiner Werthung, an der das Farenheidbuch (»Fünf Jahre der Freundschaft«; Eulenbürg hats im Jahr 1907 aus dem Buchhandel beseitigt) den Leser zweifeln lehrt, auch wenn die stete Antinoosschwärmerei ihn nicht auf schlimme Gedanken bringt. (Ein Beispiel. »Wie konnten Sie nur, mein lieber, theurer Freund, errathen, daß es mein langjähriger Wunsch, ein sehr hoffnungloser Wunsch, war, diesen Antionuskopf zu besitzen? Diesen Kopf wunderbarsten Zaubers, von einem Liebreiz ohnegleichen, den der zarte, tadellos weiße Marmor mit tausendfachen Reizen schmückt!« Und Fahrenheid, der den Gedanken, mit Philipp zu reisen, »traumhaft schön« nennt, schreibt: »Möge auf uns der ganze Griechenhimmel lächeln und die anmuthigste Göttin ihre schönsten Gaben spenden! Von Herzen umarme ich Sie! Sie haben mich mit einem Sonnenschein von Liebe und Freude überschüttet; mein ganzes Sein schlägt Ihnen voll entgegen im Zusammentönen unserer wahren und tiefen Lebensakkorde! Wie hat mich Das beglückt, was Sie mir, theurer, lieber Freund, über den Antinous sagen! Ein Mysterium sehnsuchtreicher Liebe. Sie lieben ihn so innig, daß er Ihnen reiche Gewährung zollen wird.«) Den Künstler dürfte gewissenhafte Kritik nur gelten lassen, wenn er nie laut gesprochen hätte. Er thats. Ich will zwei fast unbekannnte Gedichte anführen, die in Starnberg entstanden und, als Gelegenheitpoesie im goethischen Sinn, das Persönlichste aus den Hüllen der Konvenienz schälen müßten. Ein Freund Philipps hat sich erschossen: Konstantin von Dziembowski, Hauptmann in der sächsischen Armee. »Ein dunkles, grausames Geschick endet gewaltsam das Leben eines Freundes, den ich unendlich lieb gehabt habe und mit dem ich drei Jahre meines Lebens unzertrennlich verbunden war.« Der Ueberlebende versucht, den Entwickelungsgang des Freundes zu schildern, und schreibt an Fahrenheid: »In einigen Tagen ist die Arbeit vollendet. Ich theile Dir daraus ein paar Verse mit; Dir, der Du so namenlose Qualen durch den Verlust Deines Herzensfreundes littest, der dem gleichen dunklen Verhängniß zum Opfer fiel. Du wirst den Gedanken dieser Verse inniger erfassen als Andere! Möchten sie Deinem verwundeten Herzen wohlthun!

Wenn heilige Ströme der Liebe
Im Herzen quellen und gehn,
Was wollen die dunklen Gestalten,
Die an ihrem Ufer stehn?

Sie neigen sich über das Wasser
Und senken tief in die Fluth
Der neidischen Zauberblicke
Dämonische Sehnsuchtgluth.

Sie wachen im schwarzen Gewande
Wie Wächter im Totenhaus
Und breiten wehende Schleier
Still über die Wellen aus.

Doch leise schimmern die Wasser
Tief unter der Schleier Nacht,
Sie schimmern und flimmern und blinken
In süßester Liebesmacht.

Und richten die schwarzen Gestalten
Auch dunkle, grausige Wehr:
Die heiligen Ströme der Liebe,
Sie rauschen Ins ewige Meer!«

Die Verse lassen freilich das »dunkle Verhängniß« ahnen, dem der Freund »zum Opfer fiel«. Ist dieses Gefüge tönender Worte aber Poesie? Ich habe, spricht Goethe, »in meiner Poesie nie affektirt. Was ich nicht lebte und was mir nicht auf die Nägel brannte und zu schaffen machte, habe ich auch nicht gedichtet und ausgesprochen«. Philipp schreibt: »Die Mittheilung so schmerzlicher Eindrücke ist mir unüberwindlich peinlich. Ich kann diese stilisirte Wiedergabe von Herzenskummer kaum ertragen!« Stilisirt und versifizirt ihn dann aber con amore schluchzend weiter. Das zweite Gedicht trägt die Widmung:

Seinem lieben, theuren Fritz zugeeignet.

Kennst Du es wohl, das wunderbare Zwingen,
Das gleiche Menschen zu einander führt?
Das weihevoll, geheimnißvolle Klingen,
Wenn unser Herz sich seinen Freund erkürt?

Das ist wie Sehnen tief im Waldesschatten
Und wie Verstummen vor der Sterne Licht.
Als wenn aus Abendtönen, gluthensatten,
Ein Flammengruß der ewigen Heimath bricht.

Dem ewig Schönen und dem ewig Guten
Gehören Herzen, die sich treu erkannt –
Denn in uns flammen goldne Sonnengluthen
Aus einem ewig hellen Vaterland!

Die Reime werden gewaltsam herbeigezwungen und auch Etwas wie ein Rhythmus stellt sich ein. Nur kitzelt den Leser das Epigramm Grillparzers (der, Ihr Pruden, von Platens Kehr- und Rückseite gesprochen und Wagner den Lolo Montez des neuen München genannt hat): »Ob Längen sich und Kürzen in rechtem Maße mengen, kann ich entscheiden nicht: für mich sinds lauter Längen.« Und so schreiben sie Alle; in Vers und Prosa. Alle, denen nicht, wie Platen und Wilde, ein Gott gab, in eigenen Lauten ihr Leid auszusprechen. Farenheids Antwort: »Dein Grüßen tönte mir wie wunderbare, mystische Musik herüber und ich empfand ein inniges Zusammenstimmen der Geister. Ich lenkte meinen Lebensnachen zu dem Deinen, der mir entgegenglitt; und begegneten wir auch wohl mancher dunklen Wolke, mancher dunklen Klippe, die drohend vor uns lag, so mußten sie doch schnell dem lichten Himmelsbogen weichen, der seinen heiteren Sonnenglanz bald durch das weite Firmament entgegenstrahlen ließ. So treiben neben einander unsere Lebensnachen. Vor uns das wunderbare Leuchten der Sonnengluthen, das ferne Grüßen jenes Vaterlandes, wo die Sehnsucht getröstet wird und ein heiliger Friede die geängstete und gequälte Brust durchzieht. Du sollst mir für den Rest meines Lebensganges die Lebensblume sein, die ich um so lieber, um so treuer pflegen werde, je inniger und reicher die Vertiefung ist, welche unser Freundschaftverhältniß in meiner Seele so hoffnungreich entzündet. ›Denn in uns flammen goldne Sonnengluthen aus einem ewig hellen Vaterland!‹« Ueber diesem Vaterland wölbt sich der Griechenhimmel; es ist das Hellas der klassischen Zeit, das, nach Nietzsches Wort, »eine Kultur der Männer« hatte. »Die erotische Beziehung der Männer zu den Jünglingen war in einem unserem Verständniß unzugänglichen Grade die nothwendige, einzige Voraussetzung aller männlichen Erziehung (ungefähr wie lange Zeit alle höhere Erziehung der Frauen bei uns erst durch die Liebschaft und Ehe herbeigeführt wurde). Aller Idealismus der Kraft der griechischen Natur warf sich auf jenes Verhältniß; und wahrscheinlich sind junge Leute niemals wieder so aufmerksam, so liebevoll, so durchaus in Hinsicht auf ihr Bestes (virtus) behandelt worden wie im sechsten und fünften Jahrhundert. Je höher dieses Verhältniß genommen wurde, um so tiefer sank der Verkehr mit der Frau. Die Weiber hatten weiter keine Aufgabe, als schöne, machtvolle Leiber hervorzubringen, in denen der Charakter des Vaters möglichst ungebrochen weiterlebte, und damit der überhandnehmenden Nervenüberreizung einer so hochentwickelten Kultur entgegenzuwirken.« Wollte die Natur einst (daran zu zweifeln, muß erlaubt sein) diesen Gefühlsstand, so will sie ihn heute, unter unserem Himmel, gewiß nicht mehr. Ein Grieche hätte nicht über das »dunkle Verhängniß« gestöhnt, das ihn zum »gleichen Menschen« trieb; wäre auch nicht dieses Verhängnisses Opfer geworden. Von den Varietäten des Geschlechtsempfindens wissen wir noch immer nicht viel. Glauben aber, zu wissen, daß in beiden Geschlechtern Bau und Leben des Charakters durch einen Hauptzweck determinirt ist: durch die Pflicht, die Gattung zu fördern. Wo dieses Telos fehlt und, wie in urchristlicher Zeit, ein frommer Wahn das Hindämmern, Hinsterben der müden Menschheit ersehnt, kann Keuschheit das Ideal sein. Wo das Gedeihen der Gattung das höchste Ziel ist, muß die Sexualität als die unter allen Koordinaten wichtigste gelten. Begreift endlich (wenn Ihr nicht taub sein wollt), daß Einer, der von Sexualität spricht, nicht an Handlung noch gar an Verfehlung zu denken braucht; daß Sexualität die stärkste Wurzel des Wesens ist und jeder Lebensregung, dem Thun und dem Sinnen, dem Willen und der Vorstellung, Form und Farbe giebt. Daß eine Menschengruppe von normwidrigem Geschlechtsempfinden sich auf dem Gipfel des Staatsgebirges nicht festnisten darf. Und daß der Mann, dem, in dem krankhaften Streben, ungestehbares Leid wenigstens den Schicksalsgenossen anzudeuten, eine gebildete Sprache zu leidlichen Versen verhilft, noch kein Dichter ist.

Hier ist ein Wort über die Freundschaft zu sagen, die Fürst Eulenburg vor drei Gerichtshöfen als den herrlichsten Besitz der Germanenwelt gepriesen hat. Der Superlativ mag hingehen (obwohl er die Frau nicht freuen wird). Ist das Gefühl, das in Eulenburgs Briefen und Reimereien keucht und schreit, schwatzt und kost, aber das gesunder, männlicher, gar das germanischer Freundschaft? Seit wann will die Sitte, daß deutsche Männer einander anhimmeln, ihre Rufnamen ins Zärtlich-Niedliche kürzen, den fernen Freund »meine Seele«, »mein Alles« nennen, einen Thronenden, dem sie sich befreundet fühlen, als »Liebchen« bezeichnen, sich in ein Antinoosglück träumen und die Feder in die Verheißung »warmer Umarmung« abirren lassen? Das ist der Ton der Liebe; und in allen Formen schlüpft denn auch das Wort durch den Briefwechsel und das Gedichte dieses Kreises. »Mein Guter«, »mein Theuerster«: auch der alte Goethe hat an die paar Menschen, die er sich nah kommen ließ, manchmal so geschrieben; Zelter, als dessen Stiefsohn sich getötet hatte, sogar als den »geliebten Freund« angesprochen. (Nur achte man auf die Tonfarbe des ganzen Briefes. »Du hast Dich auf dem schwarzen Probirstein des Todes als ein echtes, geläutertes Gold aufgestrichen. Wie herrlich ist ein Charakter, wenn er so von Geist und Seele durchdrungen ist, und wie schön muß ein Talent sein, das auf einem solchen Grunde ruht!« Selbst der »Geliebteste« könnte da nicht auffallen. Wer den Unterschied nicht merkt, ist mindestens halb taub.) Einen ruhigen Freund wünschte sich Iphigeniens Schöpfer; und hat in langem Erleben nicht oft einen gefunden. Der Herr von Liebenberg fand ihrer Dutzende, in allen Zonen internationaler Geselligkeit; und jeden, Grafen und Fischer, Mimen und Matrosen, hat sein Mund geduzt, sein Gruß zärtlich gestreichelt. Nur an Jüngferchen kannten wir solche Freundschaft; nur sie sahen wir, wie Shakespeares athenische Mädchen, zu einer Doppelkirsche zusammenwachsen (seeming parted, but yet a union in partition); »dem Scheine nach zwei Körper, doch ein Herz«. Die Freundschaft reifer Männer glaubten wir durch ein unübersteigliches, fest verschlossenes Gitter von den Bezirken der Liebe getrennt. »Welch ein Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe! Die eine ein schöner milder Herbstabend von gesättigtem Kolorit, die andere ein schaurig entzückendes Frühlingsgewitter; die eine die klare und reine Harmonie, die andere das geisterhafte Klingen und Rauschen der Aeolsharfe, das ewig Unfaßbare, Unaussprechliehe; die eine ein lichter Tempel, die andere ein ewig verhülltes Mysterium.« So stehts in Hartmanns »Philosophie des Unbewußten«; und ungefähr so hats jeder gesunde Mann empfunden. Erst wenn die Sinne mitsprechen, wenn eine erotische Wallung den Blutlauf beschleunigt, wird die Schwärmergemeinschaft, die Brautstandsekstase, das Sehnen nach Hingabe, Hinspreitung möglich, die wir in der philippischen Literatur finden. Im Dorerlande des Wahnes, die Stammestugend werde von dem liebenden Mann in der Umarmung auf den geliebten Jüngling übertragen, mochte mans Freundschaft nennen. Wers in Deutschland heute so nennt, schändet in einem Athemzug zwei blühende Provinzen im Reich männlichen Gefühls. Freundschaft fordert Wahrheit; der Liebende langt gern nach holdem Trug. Ein Unwahrhaftiger kann bis zur Selbstvergessenheit lieben; niemals wird er ein Freund, der in Wirbelstürmen die Nothprobe besteht.

Eulenburgs Briefe sind nicht schlecht. Ein Bischen schwülstig; im Stil pretiöser Damen, die im Hotel Rambouillet in der hintersten Reihe saßen. Manche Bilder sind abgeguckt; manche gehen nicht zusammen, wie die Maler sagen. Und die Interpunktion ist merkwürdig mangelhaft. Immerhin: mehr Talent fürs Schreiben als für Politik. Da hats schon im Examen gehapert; und später fehlt es an Sitzfleisch und Ernst. Auch an Kenntniß der geschichtlichen Entwickelung, an Erkenntniß des aus dem Kreis der Möglichkeiten vom nächsten Bedürfniß Empfohlenen; des just Nothwendigen. Poesie, Musik, Spirits, Antinouskult, Indermagie, Germanenmythos, Gesundbeterei, Edda und Eddy: Das irrlichtelirt und stümpert durch alle Künste hin, alle Kulturen, holt sich die Reichskleinodien der Mythenheimath zum Spielzeug und pfuscht, wenn die Glocke zum Dienst ruft, zwischen einer Seance und dem Besuch eines schlanken Buhlen, auch in die Politik hinein. In München, als junger Dachs unter Werthern, mags genügt haben. Doch er hat, leider, nicht zugelernt. Als Gesandter schuf er sich, in Oldenburg und im geliebten München, selbst Schwierigkeit, In beiden Städten umspann ihn auch schon das Sexualklatschgewebe. Als Botschafter in Wien: unmöglich. Taktfehler, Mißgriffe, abenteuerliche Pläne, die von Wedel und Lichnowsky mit sprachlosem Staunen aufgenommen wurden und den zu romantischer Politik gar nicht gestimmten Holstein zwangen, mit schroffer Wendung sich von dem Skalden zu lösen.

In dem Brief, den er am siebenzehnten Juli 1886 an Farenheid schrieb, ist ein beträchtliches Stück seines Wesens zu wittern. Nach König Ludwigs Tod hat er in Liebenberg Ruhe gesucht, statt den »geliebten, theuren Fritz« in Beynuhnen ans Herz zu drücken. Halsentzündung. »Ich mußte entsetzlich leiden«: der übliche Superlativ. Er kehrt nach Starnberg zurück, wo seine Frau im Wochenbett liegt. Das Königsdrama hat ihm »unerhörte Aufregungen« gebracht. Fritzens Schwester aber einen »herrlichen Brief« über sein Gobineaubüchlein geschrieben. Unerhörte Aufregungen; die Frau, die stets gütig verzeihende Familienmutter aus dem schwedischen Haus der Grafen von Sandels, vier Tage nach der Entbindung. Doch in dem Brief an den geliebten, theuren Freund wird der Fischer Jakob Ernst nicht vergessen. »Mein Fischer.« Der hat ihn an Ludwigs Todesstätte gerudert (just an die Stätte, wo dieser unselige König erstickt war). Rudert ihn täglich hinaus. Und vom Strandfenster eines Prinzenpalais sieht durchs Fernrohr Einer, was die Beiden im Boote treiben. Allzu deutlich. Ein Mann ohne Nerven; trotz der Wehleidigkeit. Das Gewissen hat dieser Enkel Samuels von Hertefeld sich früh weggedrillt. Sonst fände er sich zwischen der Frau, den Freunden und seinem Fischer nicht so leicht zurecht. Schritte er nicht gerade aus Jakobs Kahn ans Lager dieser Königsleiche. Rüstigen Fußes. »Ich fühle mich ungleich wohler, körperlich und geistig, als im vergangenen Jahr«: elf Tage nach den »entsetzlichen Leiden«, drei Wochen nach den »unerhörten Aufregungen« schreibt ers. Worte; immer Worte nur. Mit seiner dienstlichen Leistung ist er »nicht unzufrieden«. Wars nie; auch wenn der Gnädigste derb den Kopf geschüttelt hatte. Und den Politiker, der »die unglaublichste aller Katastrophen der Neuzeit« erlebt, den Gatten, den verfrühte Wehen in eine fast zu enge Wochenstube gerufen haben, unterbricht geschwätzig stets wieder der homme de lettres. Daß der Bayernkönig nicht warten konnte, bis das Drama »Seestern« vollendet ward! »Ich war bei bester Stimmung und Disposition.« Nun kommt der letzte Akt dran. Und eine Novelle. »Eine Aufzeichnung meiner Erlebnisse bin ich im Begriff zusammenzustellen.« »Ein neues Balladenheft bin ich im Begriff zusammenzustellen.« Ist Dieser noch echter Empfindung fähig? Hat er nicht nur entlehnte Gedanken, Gefühle? L'esprit d'autrui, das Mimenvermächtniß? Ein ungemein begabter Schauspieler; Tragoede, Komoede: je nach Bedarf. Keine Persönlichkeit (auch nicht in seiner nordischem und südlichem Muster nachgeahmten Literatur und Komposition, die gedruckt und gekauft wurde, weil ein alter Preußenname sie deckte). Keine Eigenwärme. Noch die überschwingende, übersprudelnde Rede fühlt sich eiskalt an; funkelt manchmal wohl (von geliehenem Glanz), wärmt aber nie. Das Auge will eines Schwärmers scheinen und erinnert doch ans unheimliche Glotzen stacheliger Raubfische; »Augen, die Einem das beste Frühstück verderben könnten«, sprach der Feinschmecker in Friedrichsruh. Und meinte Diesen, als er das Wort vom Hyänenauge über den Tisch warf. Der hat nie eine Sache um ihrer selbst willen betrieben. Nie eine Sache, ins Allgemeine fortwirkende That gewollt. Immer nur sich; seinen Vortheil.

Den fand er im dichtesten Nebel. Den erspähte er über Ozeans Weite hin. Juli 1886. Noch lebt der alte Kaiser mit seinen Soldaten. Der Kronprinz strotzt von männlicher Kraft. Ist Graf Philipp, der überall Fädchen anknüpft, oben und unten, auch hier schon im Esoterikergeheimniß? Verrieths ihm ein Magiermenetekel? Er heftet sich an den Herrn der Zukunft: und ist, mit seinen Amuseurkünsten und Amateurwissenschaften, mit seinen mannichfachen Hofmannstalenten, der Weisheitallure und Schwärmerekstase, dem darbenden Thatendrang willkommen. Ein Idealist. Draußen fröstelt man in all der Realpolitik. Im Elternhaus gehts gar zu englisch nüchtern zu. Rationalismus und kein Ende! Auch einmal die Probe von dem Gegentheil. Von Farenheids Skulpturensammlung, Gobineaus Rassentheorie, Baligands Wagnervereinssektion, Dörnbergs Erlebniß in Japan, Liechtensteins Geistercitirungen wird erzählt; Dziembowskis »unbeschreiblich liebenswürdiges« Wesen als Polenerbe erklärt; eine Wikingerballade, ein Rosenlied vorgetragen; über Architektur geplaudert; ein Schatten beschworen. Wie ein zwischen Britenfräuleinromane geschleuderter Band Hugo oder Dumas wirkt es hier: der Wunderhof thut sich auf; Monte Christo steigt aus der Gruft in den Nachen. Graf Philipp war in Afrika. Hat von den Heiligen Stätten eine Reliquie in die hertefeldische Kunstherberge heimgebracht. Ueberreichlicher Stoff für dienstfreie Stunden. In Schlobitten oder Pröckelwitz hat Eberhard Dohna ihn dem Prinzen Wilhelm empfohlen. Der lädt ihn nun nach Reichenhall. »Der Prinz zeichnet mich durch Vertrauen aus und es macht mich stolz und glücklich, daß dieser herrliche Mensch Gefallen an mir findet! Ich hoffe für Preußens Zukunft unendlich viel von ihm. Seine Klarheit, seine Energie und der Reiz seines unbeschreiblich eigenartigen Wesens machen ihn zu einer ganz außergewöhnlichen Erscheinung. Er hat enthusiastische Freude an meinen nordischen Balladen und mir die Ueberraschung bereitet, eine meiner Balladen, ›Atlantis‹, zu illustriren! Er hat ein schönes Talent für die Malerei.« Schnell muß der geliebte Fritz Alles hören. Der Psychiater spricht:

»Eine eigenartige Umwandlung der geschlechtlichen Neigungen hat Westphal, nach ihrem wichtigsten Zeichen, als ›konträre Sexualempfindung‹ bezeichnet. Es handelt sich hier um eine meist in früher Jugend bereits hervortretende geschlechtliche Zuneigung zu Personen des selben Geschlechtes, während das andere Geschlecht den Kranken in dieser Hinsicht gleichgiltig bleibt oder sogar Abscheu und Ekel einflößt. Fast immer ist angeborene, häufig ererbte psychopathische Veranlagung vorhanden. In manchen Fällen bestehen zunächst gesunde, ›heterosexuelle‹ Neigungen, die erst später durch den stärker anwachsenden Trieb überwältigt werden. Meist aber beziehen sich die wollüstigen Begleitbilder der geschlechtlichen Erregung im Wachen und Träumen von vorn herein auf das gleiche Geschlecht und alle Versuche natürlichen Geschlechtsverkehrs mißglücken vollständig oder gewähren doch wenigstens keine Befriedigung. Entscheidend ist für die weitere Entwickelung die Bekanntschaft mit irgendeiner Person gleichen Geschlechtes, die entweder einfach durch ihre körperlichen und geistigen Vorzüge die Sinnlichkeit des Kranken mächtig erregt oder geradezu die gleichen Neigungen hat und ihn verführt oder sich von ihm verführen läßt. Es kommt zu einem leidenschaftlichen ›Freundschaftsbündniß‹ mit allen Ueberschwänglichkeiten eines Liebespiels: schwärmerischen Briefen, Blumensendungen, Geschenken, Eifersuchtausbrüchen und Händedrücken. Meist schreitet es zu wollüstigen Umarmungen, gegenseitiger Masturbation und allen möglichen anderen ›beischlafähnlichen Handlungen‹, seltener zu wirklicher Päderastie vor. Ganz wie bei den Beziehungen verschiedener Geschlechter bestehen solche ›Verhältnisse‹ bisweilen längere Zeit, selbst viele Jahre hindurch, fort. Weit häufiger ist jedoch ein Wechsel der Neigungen oder sogar große Unbeständigkeit. Meist sind beide Theile homosexual; doch giebt es manche Kranke, die gerade nur mit gesund fühlenden Personen zu verkehren lieben. Standesunterschiede scheinen, genau wie im gewöhnlichen Geschlechtsleben, hier eine weit geringere Rolle zu spielen als etwa beim rein gesellschaftlichen Verkehr. Einzelne Kranke der besseren Stände fühlen sich sogar am Meisten zu Fabrikarbeitern, Kutschern, Lastträgern und ähnlichen Männern hingezogen. Einer besonderen Beliebtheit erfreuen sich auch hier die Soldaten. Aus allen diesen Umständen erklärt es sich, daß in größeren Städten gewöhnlich auch eine männliche Prostitution mit allem Zubehör zu bestehen pflegt, die sich nicht nur aus homosexualen, sondern auch aus geschlechtlich normalen Personen zusammensetzt. Neben den körperlichen Reizen werden aber meist auch zusagende Eigenschaften des Gemüthes und des Verstandes gefordert, mit denen freilich die Einbildungskraft des Homosexualen den Gegenstand seiner Liebe eben so freigiebig ausstattet wie der gewöhnliche Liebesrausch. Der Unbefangene begegnet in seinem ganzen Leben nicht einer solchen Schaar von ›hochgebildeten‹, ›edel denkenden‹, ›charaktervollen‹ Männern, wie wir sie in der Schilderung eines einzigen Freundekreises solcher Kranken anzutreffen pflegen. Den Homosexualen gelingt es sogar, Nachkommenschaft zu erzeugen; allerdings nur, wenn sie sich während des Geschlechtsaktes mit Aufbietung ihrer Einbildungskraft in die Arme einer jungen und schönen Person gleichen Geschlechtes zu versetzen vermögen. Daneben unterhalten sie vielfach noch gelegentlichen oder regelmäßigen homosexualen Verkehr. Ihr Verstand ist meist normal entwickelt; doch macht sich oft neben guter Auffassungsgabe große Ermüdbarkeit, geringe Ausdauer bei geistiger Arbeit und Neigung zu Träumereien geltend. Die Einbildungskraft pflegt stark über die Fähigkeit zu rein verstandesmäßiger Thätigkeit zu überwiegen. Besonders auffallend ist gewöhnlich die erhöhte Erregbarkeit im Gemüthsleben. Die Kranken sind empfindlich, von Stimmungen und Eindrücken in besonderem Maße abhängig, schöngeistig und künstlerisch, namentlich musikalisch veranlagt, zu Schwärmerei und Gefühlsausbrüchen geneigt, manchmal auch auffallend schüchtern und unsicher. Ihr Charakter ist meist weich, lenksam, unselbständig, oft sogar schlaff und haltlos. Ihre Lebensführung weist daher häufig eine gewisse Zerfahrenheit und Abenteuerlichkeit auf. Unzuverlässigkeit, Mangel an Wahrheitliebe, Neigung zum Prahlen und kleinliche Eitelkeit sind gewöhnliche Untugenden. Die geschlechtlichen Beziehungen spielen vielfach eine namentlich für Männer ganz merkwürdig wichtige und entscheidende Rolle in ihrem Leben und können ihre Schicksale in durchaus maßgebender Weise beeinflussen. Bei ausgeprägter Homosexualität zeigt sich häufig eine Veränderung der ganzen Lebensführung im Sinn des anderen Geschlechtes. Der Mann wird weibisch in seinen Bewegungen, seinem Gang, seiner Haltung, seiner Geschmacksrichtung. Er zeigt ein süßliches, geziertes Wesen, wird eitel, gefallsüchtig, legt großen Wert auf Aeußeres, kleidet sich mit besonderer Sorgfalt, nach der Mode, trägt Blumen im Knopfloch, parfumirt, schminkt sich, läßt sich frisiren, schreibt zierliche Briefe auf duftendem Papier, schmückt sein Zimmer nach Art der weiblichen Boudoirs aus. Vielfach besteht die Neigung, sich mit weiblichen Handarbeiten zu beschäftigen, weibliche Kleidung (Korset) zu tragen, Busen und Hüften auszustopfen, in Fistelstimme zu sprechen, kurz, sich in allen Stücken auch äußerlich möglichst der erwünschten geschlechtlichen Stellung zu nähern. Es kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die konträre Sexualempfindung auf dem Boden einer krankhaft entarteten Persönlichkeit erwächst. Die überwiegende Mehrzahl der Homosexualen besitzt aber vollständig alle körperlichen Eigenschaften ihres Geschlechtes. Möglich wäre, daß bestimmte Charaktereigenschaften wegen der gesammten Stellung, die sie dem Einzelnen in seiner Umgebung anweisen, von vorn herein die Entstehung homosexualer Neigungen begünstigen. Die Erfahrung hat im Lauf der letzten Zeit gezeigt, daß bei nicht wenigen Kranken eine sehr weit gehende Besserung und sogar Heilung möglich ist. Das Endergebniß wird natürlich auch nach dem allmählichen Schwinden der homosexualen Neigungen eine krankhaft entartete Persönlichkeit sein.«

So urtheilt, in seinem Lehrbuch der Psychiatrie, Professor Kraepelin. Ihn können die »edel denkenden«, »charaktervollen« Männer nicht täuschen; nicht in den Glauben an die feinste Blüthe germanischer Freundschaft schwatzen. Kranke sind sie ihm, krankhaft Entartete; und die Frage, ob sie als Gruppe sich auf dem Gipfel des Staatsgebirges festnisten dürfen, müßte er schroff verneinen. Nicht Eulenburgs Handeln nur: schon sein Schreiben verräth ihn dem Kenner als zu dieser Varietät Gehörigen. (Nur dem Kenner? Als Eulenburgs Drama »Der Seestern« im berliner Hofschauspielhaus aufgeführt worden war, schrieb Herr Karl Frenzel, der sich wohl nie mit Sexualpsychopathie beschäftigt hatte: »Man kann sich kaum zu der Annahme entschließen, daß ein Mann diese unmöglichen Männer gezeichnet hat«; der Satz steht in dem Theaterbericht, den die Deutsche Rundschau im Februar 1888 brachte. Graf Philipp selbst, der damals vier Tage lang beim Prinzen Wilhelm in Potsdam gewohnt hatte, schrieb über sein Stück: »Es wurde tüchtig applaudirt und der Erfolg war unleugbar. Darum will ich mich über die Kritiken nicht ärgern, die mich abscheulich mitnehmen. Romantischer Stoff, blumenreiche Sprache und ein moralischer Hintergrund: Das sind unserer modernen Welt zu viele unerträgliche Zumuthungen. Der Beifall aber hat mir bewiesen, daß ich Recht hatte, wenn ich in dem Publikum trotz Alledem einen Rest von Romantik vermuthet habe. Wir sind eben Deutsche!« Semper idem vultus. Der Künder deutscher Romantik kam aus der münchener Intimität mit den Gesandschaftsekretären Raymond Lecomte und Johann Grafen von Lonyay, deren Homosexualität an der Isar und an der Spree polizeikundig war. Der Ungar wurde, weil seine Vorliebe für Soldaten allzu unliebsames Aufsehen machte, früh aus dem Diplomatendienst entfernt; der Franzos, dessen Wandel schon in München zum Aergerniß geworden war, nach dem Lärm von Clemenceaus witziger Laune zuerst in die dorische Heimath der Knabenliebe, dann nach Teheran versetzt, wo an jeder Ecke Männer aller Sorten sich dem Mann anbieten und der Schah den Jünglingen die prächtigsten Räume im Harem reservirt.) Heute, mit ergreisendem Bart und ins Barytonale hinabgezwungener Stimme, die den süßen Klang der viola d'amour kaum noch erkennen läßt, wirkt Philipp, der auf einem liebenberger Jugendportrait einem ins Kürassierkoller vermummten Mädchen gleicht, durchaus nicht unmännlich. Sein Geist aber hat die Wesenszüge der Weiblichkeit bewahrt; sogar Etwas von ihrer Anmuth, die dem Urning fast immer fehlt. Er assoziirt und spekulirt wie eine Frau (nicht eine freilich, die sich dem Herd verlobt hat: wie eine der grandes amoureuses); hat ihre Hyperaesthesie, als Nothwehrmittel ihre jeder Anpassung fähige Trugkunst und ihren tollkühnen Muth zur Unwahrhaftigkeit, ihren bequemen Fatalismus und, in ärgster Fährniß noch, den unausrodbaren Glauben an die Wirksamkeit persönlichen Reizes. (Gegenbilder sind Christine von Schweden und Emma Hamilton, die Freundin der Königin Maria Karolina von Neapel; auch sie äugelten, Jede auf ihre Art, mit der Kunst, waren in Wollen und Handeln von einem kranken Geschlechtstrieb determinirt und strebten auf den seltsamsten Schleichpfaden nach verantwortungloser Macht.) »Im individuellen und im sozialen Dasein,« sagt Krafft-Ebing, »ist das Geschlechtsleben der gewaltigste Faktor, der mächtigste Impuls zur Bethätigung der Kräfte. In den geschlechtlichen Empfindungen wurzelt, in letzter Linie, alle Ethik; zum guten Theil vielleicht auch Aesthetik und Religion.« Die ihres Reizes sichere, mit ihrem Reiz nicht kargende Frau erbebt nie vor der Gefahr; läuft ihr im Uebermuth gar noch entgegen. Sie ward auf einem Spelunkenfest gesehen? Verwechselung. Mit der Hoheit einer Heiligen streift sie, wie staubige Herbstfäden, den Verdacht von ihrem Feiertagskleid. Ein Mann, an dem ihre Brunst Jahre lang hing, tritt auf den Weg, den sie nun als tugendhafte Ehegefährtin wandelt. Ihm ists Verlegenheit. Ihr? Sie ruht nicht, bis er dem Legitimen vorgestellt ist, an dessen Tisch sitzt und von der fernen Zeit ihrer harmlosen, nur von Lästermäulern begeiferten Freundschaft erzählt; und küßt ihn, dem Angstschweiß die Haarwurzeln feuchtet, mit heißer Lippe rasch, wie einst, aufs Ohr, während der Eheherr Cigarren aus dem Rauchzimmer holt. »Schmeckts noch?« Der Wiederkehrende kann nicht ahnen, daß der Gast, den sie mit so gelassener Herzlichkeit behandelt, ihr je mehr war als ein angenehmer Ballkamerad. Neben dem Bett ihres Kindes umfinge sie den Geliebten. Sorge würzt ihrer Gier nur das Mahl. Sie kann kichern und schluchzen, die Grillen weglachen und nach verzücktem Aufblick zwischen den Wimpern ein Tröpflein zerdrücken, in Zorn erlodern und in Ohnmacht fallen; und hat stets das dreimal glühende Licht eines Leidens bereit, das ihrer Kunst eine ganze Fakultät nicht abzustreiten vermöchte. Unwiderstehlich. Sie weiß es und vertraut blind ihrem Glück. Wenn die Rede des Hypereides versagt: die dem Auge der Richter enthüllte Brust sichert, vor dem strengsten Tribunal, Phrynen den Freispruch.

Auch Fürst Eulenburg ist der Gefahr muthwillig entgegengelaufen. Er konnte behaglich in Liebenberg oder Territet, auf Capri oder bei Albert Honorius von Monaco sitzen; wenn er nur den Verantwortlichen nicht mehr das Geschäft erschwerte. Brauchte die Freunde dann, die ihn vergötterten, nur um stille Beilegung des Handels zu bitten oder aus der Fremde Krankheitatteste zu schicken. Niemand hat ihn zum Schwur gezwungen. Der Fürst meinte, Eidespflicht und Meineidsgefahr gebe es nur für das Gehudel der Kleinen da unten; ein Großer brauche sich nicht ins Joch der Massengesetze zu krümmen. Und verließ sich auf seinen von glatten Zungen so oft gepriesenen »Charme«. Zweimal hob er die Hand; beschwor, wider besseres Wissen, zweimal Falsches; und erbot sich, es zum dritten Mal zu thun, um die Verurtheilung zweier von ihm Angeschuldigten herbeizuführen. Zum berliner Oberstaatsanwalt sprach er: »Ich bin rein, völlig, und ein Jahrzehnt schon verfolgt mich auf allen Wegen der häßliche Verdacht. Was soll ich thun? Helfen Sie mir! Ich habe geschworen. Rufen Sie Jeden auf, der meinen Eid anzweifeln zu dürfen wähnt, und stellen Sie mir ihn im Gerichtssaal gegenüber!« Durchlaucht, Botschafter, Ritter des Schwarzen Adlers: das Haupt der Anklagebehörde vergißt, daß der Mann, der die Konfrontirung herbeizusehnen scheint, vor drei Tagen dem Antrag, die Haltbarkeit seines Eides durch Zeugenbeweis nachzuprüfen, ausgewichen ist, und wird selbst ihm zum Bürgen der Reinheit. Ein Kriminalkommissar bringt aus der Ukermark das Ehrenwort des Fürsten mit: Verleumdersinn erfand und verbreitete die bösen Gerüchte. Philipp ist mit seinem Bruder, auch mit einem Erzherzog verwechselt worden. Daß er mit seinem Haushofmeister das Hotelzimmer getheilt habe, könne nicht auffallen; er war krank, der alte, treue Diener wegen eines Nierenleidens nicht reisefähig: da mußte der junge Haushofmeister ihn, als geschickter Mann, ersetzen. In das anrüchige wiener Badhaus ist der Botschafter zufällig gerathen; weil er ein vom Arzt vorgeschriebenes Bad zu Haus nicht haben konnte. Erpressungversuche? Nicht einer. »Ich habe nichts zu fürchten als Hardens falsche Zeugen.« Die Zeugen Ernst und Riedel, deren Vernehmung Justizrath Bernstein vier Wochen vorher beantragt und Eulenburg nicht gewünscht hat. Das klingt dem Kommissar nicht verdächtig. Den Müller oder Levi, der Angst vor »falschen Zeugen« merken ließe, würde er auffordern, keine Flausen zu machen. Hier aber hat er das Ehrenwort eines Fürsten. Der dritte Erfolg. Gericht, Staatsanwalt, Polizei. Noch wirkt der Charme; wird auch weiterwirken. »Die Wahrhaftigkeit des Fürsten Eulenburg ist außer Zweifel«: Das steht im Urtheil der Vierten Strafkammer; und in der Deutschen Tageszeitung: »Wie ein Schwan aus schmutzigem Schlamm tauchte Eulenburgs Ehre schneeweiß und silberblank aus allen Anwürfen empor. Weder politisch noch sittlich blieb ein Stäubchen des Verdachtes an ihm hängen. Ein Reinigungeid in des Wortes heiligstem und edelstem Sinn und eine Erquickung für alle deutschen Herzen! Ein Zeugniß für das Schönste und Herrlichste, was wir Deutsche unser Eigen nennen: für die Freundschaft!« So viel ward erreicht; constantia et virtute. Wer bebt noch? Hell strahlt der Stern. Die Zeugen mögen nur kommen.

Der Richter.

Königliches Amtsgericht München I. Mariahilfstraße; weit draußen an der Au. Ein nüchternes Haus. Thierschs Justizpalast hat mehr Physiognomie. Doch an Raum, Luft, Licht fehlts hier nicht. Grundriß und Anlage scheinen dem Bedürfniß fürs Erste zu genügen. Saal 5. Hell, groß, einfach. Auf dem Gerichtstisch der Kruzifixus; drüber der Bayernkönig. Kein Stuck noch Putzgeräth. (Kleiderhalter. Könnte Preußens Justizetat die nicht auch endlich leisten?) Schon sind die meisten Plätze besetzt. Richter, Anwälte, Schriftsteller; auch Nichtalsneugierige, die kamen, »um das Rhinozeros zu sehen«. Vorstellung, Händedrücke, nervöses Geplauder. »Wirds lange dauern?« Keine Ahnung. »Mehr als einen Tag?« Nur wenn Fürst Eulenburg sich als Zeugen meldet; sonst nicht. Die Bedeutung dieses Gerichtstages kennt er; hat auch einen Anwalt bestellt, der ihm ausführlich berichten soll und (der kleine Herr da drüben ists) schon sein Schreibzeug in Ordnung bringt. Ganz fern klingt mir das Gesumm; wie das sinnlose Rauschen aus einer Muschel. Wieder in einem Gerichtssaal. Im Laufe von sechs Monaten der dritte Strafprozeß. In den Pulsen pocht, in jedem Nerv zuckt noch die Erinnerung an das grotesk Ungeheuerliche, das die Vierte Strafkammer des berliner Landgerichtes mich erleben ließ. Halte Dich in Zucht, rufts drinnen; was Du sprächest, klänge gewiß viel zu schrill und verriethe das Leiden der Physis. Was nöthig ist, wird Dein Anwalt sagen. Zwinge Dich zur Zurückhaltung Eines, der nur kam, zu hören.

Neun Uhr. Der Gerichtshof tritt ein und das Summen verhallt. Die Schöffen werden beeidet. Bankoberinspektor Martin Lindinger und Chemiker Dr. Karl Heim. Gebildete Männer: ein gutes Omen. Ein Molkereibesitzer ist Ersatzschöffe. Der Richter rechnet also mit der Möglichkeit langer Verhandlung. Der Richter: Oberlandesgerichtsrath Wilhelm Mayer, der dem münchener Schöffengericht vorgesetzt ist. Endlich sehe ich ihn also, von dem ich so viel gehört habe und den die Zunge skeptischer Anwälte mir oft pries; solcher sogar, deren Klienten er hart verurtheilt hatte. Groß, schlank, sehnig; ein ernstes Antlitz (eines Niederdeutschen eher als eines Bayern), doch mit milden Augen und einem Munde, der das Allzumenschliche belächeln gelernt hat. Pflichtbewußtsein leuchtet, der stolze Glanz einer Persönlichkeit aus dem über die Schöffen herragenden Haupt; und der Schauer empfindet: Dieser sucht und besinnt nur das Recht. Nach dem Prozeß Karl Peters nannte ich ihn, vor dem ich nie als Prozeßpartei stehen zu müssen glaubte, den bon juge von München. Wird er auch heute der gute Richter der Legende sein? Schon mahnt er die Zeugen zur Wahrhaftigkeit. Die Sache ist besonders ernst und an ihren Grenzen allzu viel beschwatzt worden; nichts von Allem, was Sie darüber gehört und gelesen haben, darf Sie jetzt beirren. Den falschen Eid ahndet der Herrgott; und hienieden straft ihn der Staat. Kurze Sätze; männlich schlicht. Magnaud, der pariser bon juge, hat nicht diese Wucht der Persönlichkeit, diese germanische virtus, nicht den stillen Ernst zur Sache; schielt mehr nach der Effektmöglichkeit und freut sich zu laut, wenn sein billiger Salonsozialismus den Kleinbourgeois verblüfft. Die Personalien des angeklagten Redakteurs Anton Städele aus Amberg sind rasch festgestellt. Er ist für den Inhalt der Neuen Freien Volkszeitung verantwortlich, eines Bauernbundorganes, in dem das Gerücht erwähnt worden war, Harden habe eine Million Mark als Schweigegeld erhalten und deshalb die Eulenburg und Genossen geschont. Diese Sätze hatten den Anlaß zu der vom Justizrath Max Bernstein (in meinem Namen) eingebrachten Klage gegeben. Während die beanstandeten Artikel verlesen werden, kann ich den Gegner betrachten. Wohlgenährt, jung, mit dem klugen Gesicht eines Redlichen, der gern was Gutes schmaust und mit manchem kräftigen Tropfen die Kehle tränkte. Er trägt eine Sammetweste. Wer löst die Räthsel willkürlicher Assoziation? In dieser wichtigen Stunde, vor der Entscheidung eines Kampfes, dem seit einem Jahr all meine Kraft hingegeben ist, klammert der überreizte Sinn sich an dieses gleichgiltige Kleidungstück; muß ich, wider Willen, denken: Solche Weste habe ich auch; und, ohne Wehmuth, der Abende mich erinnern, da ich sie, auf noch gesunder Brust, trug. Unbegreiflich dumm. Zolas Saccard fällt mir ein, der, während ein Börsenorkan ihn aus Besitz und Ansehen fegt, der in seinem Hof erfrorenen Kamelie nachjammert. (Ein gar so schlechter Psychologe war der allzu eitle Spätromantiker von Medan doch nicht.) Nun spricht Herr Städele; und zwingt mich, aufzuhorchen. Daß ich Eulenburg und dessen Leute geschont habe, will ihm nicht in den Kopf. (Nicht, daß man zaudert, Menschen zu vernichten und Einen, der dem im Reich höchsten Mann Jahrzehnte lang der Nächste war, als meineidigen Jünglingschänder zu erweisen? Thus conscience does make cowards of us all, Herr Anton Städele; und ich dürfte Ihnen ein robusteres Gewissen gar nicht einmal neiden.) Wenn Harden Material dazu hat, soll er den Meineid des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld rächen. Der Ton des Sprechers ist energisch, doch nicht von Haß gefärbt; und manchmal ists, als wünsche der Mann aus Amberg, dem Gegner, dessen gerichtliche Aechtung er wie eine dem ganzen Schreiberstand angethane Schmach empfindet, in einem von Vorurtheilsdunst freien Klima zu seinem Recht zu helfen. Bernstein antwortet. Wiederholt die Aussagen, die Fürst Eulenburg als beeideter Zeuge zwei Gerichtshöfen zu bieten gewagt hat. Erwähnt, daß die Vierte Strafkammer uns die Protokolirung dieser (dennoch, dank dem Oberstaatsanwalt Isenbiel, klar erweislichen) Aussage weigerte und den zur Entkräftung dieses Eides gestellten Beweisantrag Tage lang nicht beschied. Und bittet, die in Berlin nicht vernommenen Zeugen (Riedel, Ernst und andere Starnberger) hier zu hören, damit das Gericht über Hardens Handeln sich selbst ein Urtheil bilden könne. Die Worte sickern; als fürchte der Redner, seinem Empfinden die Schleußen zu öffnen. In dem rothwangigen Weißkopf zitterts von verhaltener Erregung; und ich muß bedenken, wie erbärmliche Niedertracht auch diesen gewissenhaften, tüchtigen, grundgescheiten und reinlichen Menschen besudelt hat, seit gerechte Empörung ihn auf einen Schelmen anderthalb setzen ließ. Daß Vernunft nicht mehr galt, die Verurtheilung in der ersten Stunde sicher schien und der kranke Klient von ihm forderte, in einer Rechtssache sich politischer Erwägung zu fügen, nahm ihm vor dem Landgericht dann den Athem. (Er hatte nicht zum ersten Mal in Berlin plaidirt und weiß, daß auch wir, Gott sei Dank dafür, nicht nur Richter vom Schlage der Herren Lehmann, Gohr und Genossen haben.) Heute lähmt die Last der Verantwortung, die Ungewißheit des Kommenden noch die Kraft des Antaios, der wieder auf heimischem Boden ringt. Jetzt muß ich sprechen. Laß Dich nicht hinreißen, mahnts mich; gedenke der Schwierigkeit, die Du selbst Dir schaffst, wenn Du um Haaresbreite über den engen Bereich dieses Prozesses hinausgehst. »Der Herr Beklagte hat ein Gerücht verbreiten zu müssen geglaubt, das meine Ehre in der schlimmsten Weise verdächtigt; die Ehre eines Menschen, der in einer bitter ernsten Sache angeklagt, einstweilen verurtheilt, mit Verleumdungen jeder Art überhäuft worden ist. Der Gerichtshof wird in der Lage sein, zu prüfen, ob ich in dieser Sache frivol oder anständig, feig oder menschlich gehandelt habe. Diese Prüfung glaube ich als mein Recht vom Gericht erbitten zu dürfen und unterstütze deshalb inbrünstig den Antrag meines Vertheidigers, wenigstens den kleinen Theil des Beweises, der uns in diesem Saal möglich ist, zuzulassen.« Ueberstanden. Keine Replik. Der Gerichtshof wird berathen.

Beräth lange. Der Ungeduld schleichen die Minuten. Vielleicht wünschen die Schöffen noch Auskunft über die Vorgeschichte des Streites; um mit hellerem Verständniß folgen zu können. Vielleicht meint Einer, der Verbreiter des kränkenden Gerüchtes, ich habe eine Million als Schweigegeld bekommen, müsse den Beweis der Wahrheit, nicht der Gekränkte den Beweis der Unwahrheit führen. Schon sind zwanzig Minuten verstrichen. Ists möglich, daß unser Antrag abgelehnt wird? Dann sind wir auf dem alten Fleck; immer noch vor der Frage, ob ich die Staatsanwaltschaft zur Verfolgung der Meineide aufrufen oder die Entscheidung des Reichsgerichtes abwarten solle. Um keinen Schritt weiter. Da öffnet sich, endlich, die Thür des Berathungzimmers. Noch stiller als vorher wirds: denn nun muß sich zeigen, ob die Neugier auf ihre Kosten kommt. Die Richter sitzen; und der Präsident kündet:

»Auf Antrag des Privatklägers wird Beweiserhebung durch die von ihm benannten und vom Gericht geladenen Zeugen angeordnet darüber, ob die Behauptung des beanstandeten Artikels, Harden habe von seinem Gegner Fürsten Philipp Eulenburg eine Million erhalten, damit er schweige und nichts Weiteres aufdecke, unwahr ist oder ob Harden Beweismittel, die ihm zum Nachweis der homosexuellen Bethätigung des Fürsten Eulenburg geeignet erscheinen konnten, besaß und davon nach Möglichkeit Gebrauch gemacht hat.«

Ein Satz: und Alles, was gesagt werden mußte, steht drin. Da die Sittlichkeit gefährdet werden kann, wird bis zur Urtheilsverkündung die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Justizrath Bernstein bittet, im Interesse des Klägers, der öffentlich beleidigt worden sei, und des Beklagten, der sich öffentlich rechtfertigen wolle, die Berichterstatter, deren Takt und Geschicklichkeit man vertrauen dürfe, im Saal zu lassen. Beschluß: Dem Gericht Angehörige, Rechtsanwälte und Inhaber von Pressekarten dürfen bleiben. Noch einmal verliest Bernstein die beiden beeideten Aussagen Eulenburgs, für deren Unwahrheit er der Vierten Strafkammer mit lauter Stimme (vergebens) Beweis angeboten hat. Die im frühsten Prozeß gemachte lautet nach dem Sitzungprotokoll:

»Ich habe mir niemals Handlungen, die gegen den Paragraphen 175 verstoßen, zu Schulden kommen lassen. Zwar bin ich in meiner Jugend ein enthusiastischer Freund meiner Freunde gewesen, zwar habe ich Briefe geschrieben in überschwänglich freundschaftlicher Empfindung. Etwas Böses, etwas Schlechtes, etwas Schmutziges hat aber nie dahinter gelegen.«

Leugnet also jede schmutzige Geschlechtshandlung; und daß der Fürst die Mutualbefriedigung zweier Männer zu den »Schmutzereien« rechnet, lehrt sein gegen mich geleisteter Eid. Daß er solche Schmutzereien getrieben hat, werden die geladenen Zeugen beweisen. Werden sies? Zeugen und Kredit, spricht der weise Humorist Karl Fürstenberg, sind meist nur werthvoll, so lange man sie nicht braucht. Gar in dieser eklen Sache. Zu Homosexualakten werden nicht Schaugäste geladen. Nur vier Augen sahen sie. Und beinahe Jeder scheut die Entschleierung verirrten oder überrumpelten Sinnentrieblebens. Darauf hat die Sippe gebaut ... »Ich bitte, mich beim Zeugenverhör nicht mit Zwischenfragen zu unterbrechen. Die Parteien kommen nachher zu ihrem Fragerecht. Zuerst aber will ich mit dem Zeugen von Mann zu Mann verhandeln. Dabei wird Keiner benachtheiligt. Rufen Sie den Zeugen Georg Riedel in den Saal.«

Kaum mittelgroß; ein verwettertes Gesicht unter ergrauendem Haar; das Gesicht eines gutmüthigen Oberbayern, der Zunge und Faust nicht gern feiern läßt, wenn ihm ein Läuslein über die Leber gelaufen ist. Sechsundvierzig Jahre Katholisch. Verheirathet. Vater von fünf Kindern. Milchhändler in München. Er wird eindringlich ermahnt, kein vor Gott und Menschengericht unverantwortbares Wort zu sagen; und soll, bevor er auf das Beweisthema kommt, seinen Lebensgang schildern. (So lernt der Richter ihn zunächst auf neutralem Gebiet kennen, gewöhnt sich in seines Wesens besondere Ausdrucksweise und läßt ihm Zeit, in der beklemmenden Gerichtssaalluft heimisch zu werden. Jeden Zeugen, der zur Sache Wesentliches zu sagen hat, sollte man so behandeln.) Der Vater war Fischer und Landwirth in Feldafing und hatte ein schönes Anwesen am Starnberger See. Der siebenzehnjährige Georg wird nach Tutzing in die Lehre geschickt, kommt aber schnell wieder heim, weil des Meisters Frau findet, er tauge nicht zum Fischen (»daß ich nicht das Kraut auf dem Hafendeckel verdiene«, sagt Riedel). Der Neunzehnjährige fährt »Herrschaften« gegen den im Tarif bestimmten Entgelt. Militärzeit beim Vierten Chevaulegersregiment in Augsburg. Schon als Knabe hat er den Vater verloren; auf dem feldafinger Anwesen haust, als der vom Militär Freie heimkehrt, der Stiefvater. Heirath. Austausch des erheiratheten überschuldeten Hofes (»meine Braut hatte mich angelogen«) gegen einen kleineren. Entschluß, in München ein Milchgeschäft aufzumachen. »Hier in der Au.

Da geht mirs nicht schlecht.« Ein Vergnügen, dem Mann zu lauschen. Hold wuchs ihm der Schnabel nicht; aber er ziert sich auch nicht und jedes Wort hat den Schmack des Erlebten. Fürchterlich, wenn dieses urwüchsige Gebirgsdeutsch in den Staub der Aktensprache geschleift würde. Unser Richter thuts nicht. Sucht bei der Uebertragung ins Hochdeutsche dem Wort seinen Wesensruch zu wahren. Und schon jetzt fällt mir auf, wie präzis er, ohne das Kleinste zu übergehen, jede Aussage zusammenfaßt. Dazu eine Sprachtechnik, die noch im raschsten Redefluß das winzigste Satztheilchen zu plastischer Klarheit gelangen läßt. Kein Konsonant geht verloren. Dieser Richter hat nicht nur Strafrecht und Prozeßordnung studirt. So meistert die (in Deutschland noch allzu seltene) Rednerkunst nur Einer, der im Hofschauspielhaus von Possart und Kainz zu lernen verstand.

Riedel ist bei den Hörern schon in Gunst. Der lügt nicht, denkt man; und harrt der Dinge, die er bekunden will. Nun aber droht ihm Gefahr. Seine Strafliste wird (auf Bernsteins Antrag) verlesen. Ungefähr dreißigmal haben Polizei und Gerichte ihn gepönt. (Was hätte der Lehmann aus dieser Liste gemacht! Und was beweist sie gegen die Glaubwürdigkeit eines vom Schicksal herumgestoßenen Menschen?) Nicht für schlimm makelnde That. Eine Gefängnißstrafe von fünfeinhalb Monaten ist dabei. Vor vierzehn Jahren ist am See geraunt worden, einem Bauernhofsbesitzer lächle vor Gericht stets das Glück, weil seine Frau den Oberamtsrichter mit Eiern und Schmalz für ihn stimme (»abschmiere«). Riedel hats weitererzählt, ist, weil die Zeugen ihn im Stich ließen, als Beamtenbeleidiger verurtheilt worden und hat, weil er, nach lieber Gewohnheit, den treulosesten Zeugen weidlich verprügelt hatte, eine Zusatzstrafe erhalten. Das ist der ärgste Posten; alles Andere Läpperei. Der Mann hebt die Schultern. »In unserer Familie sind Alle immer gleich ›narret‹, wenn sie was ärgert.« Hitzköpfiger Schlag. Eines reuigen Sünders kann die Gottheit sich hier nicht freuen. Riedel würde drauf schwören, daß er stets für das Recht gerauft und nie einem Unschuldigen die Jacke vollgehauen hat. Gesteht auch, noch gar nicht so sicher zu sein, daß die Abschmierung nicht versucht worden ist. Und schweigt erst, als der Richter ihn warnt, durch so dumme Rede sich neuer Verfolgung auszusetzen. »Dafür, daß der Oberamtsrichter von Starnberg sich nicht abschmieren läßt, brauchen wir keinen Beweis.« Ein tüchtiger Kerl bekennt sich auch zu den Kindern seiner Wuth. Riedel hehlt nicht, daß er mit zärtlichem Wehmuth auf sie zurückblickt. Und den Vielbestraften lieben noch immer alle Männer im Saal.

Nun erzählt er, wie dem Neunzehnjährigen auf dem See der Versucher nahte. Ein feiner Herr, der sich von dem strammen Fischerknecht hinausrudern läßt. Fragt, woher er sei; obs ihm nicht an Biergeld fehle; ob er auch schon ein Mädel habe. Mit dem Geld haperts (der Stiefvater hält ihn knapp); aber sein Mädel hat er. Auch schon mit Liebchen geschlafen? Einmal, Herr. (So treibt man sacht die Scham aus der jungen Seele und stellt zugleich fest, daß des Sexualtriebes Befriedigung sie schon gekitzelt hat.) Der Feine zahlt den dreifachen Fahrpreis, zwingt den redlichen Burschen, den Ueberschuß zu behalten, und kommt am nächsten Mittag wieder ins Boot. Er war bei den Kürassieren, plaudert er, konnte die Soldatenschinderei (die Gardes du Corps mögen sich für den Schimpf bei dem fürstlichen Kameraden bedanken) aber nicht mitansehen und ging drum ins Civile. Wenn Riedel heran müsse, wolle er ihn nach Breslau zu den Leibkürassieren bringen, wo sein Freund Offizier sei. (Diesen Freund, den Grafen Kuno Moltke, hat er dem Fischerknecht später gezeigt und als seinen »Spezi« bezeichnet.) Da werde ers gut haben. Dem Feldafinger ists zu weit weg. Wieder wird vom Mädel geredet. Wieder überreichliches Trinkgeld gegeben. Auf der vierten Fahrt tastet der Feine sich ein Streckchen weiter. Ein ganz Feiner. War schon bei den Schwarzen und sagt, der Anblick der nackten Körper sei wunderschön. Ist jetzt Rath bei der Preußischen Gesandtschaft in München. Aber nicht hochmüthig. Nach kurzer Bekanntschaft mit Riedel auf Du und Du. Ob Georg schon einmal versucht habe, die Geschlechtsgier aus eigenem Vermögen zu stillen. Nein. Ob er mal Wein trinken wolle. Ja. Am nächsten Tag liegt eine Flasche im Boot. »Ich heiße Graf Philipp zu Eulenburg; nenne mich nur Philipp, lieber Georg.« Hinaus nach Leutstetten. Hinter dem Galgensee, wo das Holz haushoch steht, wird gelandet. Auf den Waldboden gelagert und Wein getrunken. Jetzt ist der Rüpel wohl zugerichtet. Läßt sich befühlen, streicheln und duldet schließlich den vom Gesetz straflos gelassenen Geschlechtsakt. Warum? »Weil er ein so feiner Herr war und es ihm Vergnügen zu machen schien; mir hats keins gemacht.« Und die Willfährigkeit ward nicht bezahlt. »Was dachten Sie sich danach?« »Nichts Gutes. Er hatte ja Frau und Kinder daheim; und nun mit einem Mann! Aber es kam so.« Von der Leutsäligkeit, den blanken Markstücken, vom Wein. Mayers milder Baryton tönt sich härter. »Hüten Sie sich vor jedem Wort, das Sie nicht auf Ihren Eid nehmen könnten! Seit diesen Vorgängen ist viel Wasser durchs Würmbett gelaufen. Wenn Sie etwa aus trüber Gedächtnißquelle schöpfen, verspielen Sie Ihr Leben und bringen Weib und Kinder ins Unglück. Noch ists Zeit zu ehrlicher Vorsicht.«

Weiß eh schon, sagt Riedel ruhig; aber was ich erzähle, ist wahr; weshalb sollte ich lügen? Etwa achtmal habe ich den Grafen dann noch gefahren. Drei Wochen nach dem Herbstnachmittag im Galgenseewald bin ich wieder heimgegangen. Weil ich auch die Ordonnanzen an das Schloß unseres Königs Ludwig hinübergerudert und gute Biergelder bekommen habe, brachte ich ungefähr hundertachtzig Mark mit. Der Graf hatte mich in seine münchener Wohnung eingeladen und suchte mich, da ich ihn zu lange warten ließ, um Mariae Lichtmeß auf Stiefvaters Hof, dann in der Bierwirthschaft, wo ich den Feiertag versaß. Der Fischer Jakob Ernst war bei ihm. Fischerjackl hieß er am ganzen See. Der Graf bat mich, zu Fuß mit ihm nach Starnberg zu gehen, gab mir bei der Sandgrube jenseits vom Bahndamm ein Zweimarkstück (das Geld nahm er stets aus der Hosentasche; einen Beutel hatte er nie) und schickte mich von dort weg, weil er mit dem Jakob bleiben wollte. Bald danach wurde ich zum Militär ausgehoben. Vor der Musterung, hatte der Graf gesagt, solle ich ihn besuchen; Promenadeplatz 21, im Zweiten Stock. Zwei Stadtrekruten führten mich hin; denn ich kannte München noch nicht. In dem Haus (neben dem Hotel Bayerischer Hof) wars fein. Der Graf zeigte mir Alles, auch, nicht weit davon, ein Atelier mit gemalten Menschen, sagte, daß er nebenbei Schriftsteller sei, und schenkte mir zehn Mark. Bei der zweiten Musterung meldete ich mich, auf seinen Wunsch, zur Kavallerie, kam auch, trotzdem ich mit Pferden noch nicht umgegangen war, zu den Vierten Chevaulegers und erhielt von dem Grafen wieder ein Zehnmarkstück. Noch mehr Geld in Starnberg, wo ich ihn wieder besuchen mußte. Einmal bestellte er mich an den Bahnhof, gab am Schalter einen Zettel hinein und bekam einen Haufen Geld heraus, von dem er mir dreißig Mark gab. »Wars denn anständig, so viel Geld zu nehmen?« »Nein. Ich wußte auch, daß es nicht recht war, und habe den Grafen angelogen: ihm gesagt, ich brauche das Geld, um mein Mädel beim Tanz zu bewirthen; aber der Stiefvater ließ mir die Tasche leer: und leichtsinnig ist man. Erpreßt habe ich nicht. Nie an eine Anzeige gedacht. Nie ihm gedroht noch überhaupt von der Waldgeschichte gesprochen. Nur um ein paar Mark gebeten, wenns wieder mal knapp war. Und nie vergebens. Im Ganzen werde ich so ungefähr fünfzehnhundert Mark erwischt haben. Als ich aus Augsburg zum dritten Mal schrieb, antwortete er, ich solle mirs holen. ›Ich möchte Dich in der Uniform sehen, lieber Georg.‹ Ich hatte eine schöne Uniform. Bekam, während des Schwadronexerzirens, als Rekrut aber keinen Urlaub, obwohl ich meinem Rittmeister den Brief des Grafen gezeigt hatte. Nach dem Rapport habe ich mein Sattelzeug geputzt und studirt, was zu thun sei. Ein Kamerad überredete mich, durchzubrennen. Los; nach München. Auf dem Bahnhofe wartet der Graf mit einem feinen, weißgesichtigen Herrn in den Vierzigern. Ich mußte erzählen, verschwieg aber, daß ich schwarz gefahren sei. In der Wohnung am Promenadeplatz war der Tisch gedeckt. Wir Drei aßen und tranken. Schinken, Obst, Kuchen, Wein; nur kalte Speisen gabs. Dann meinte der Graf, er müsse nun fort. Ich wollte meinen Säbel von der Wand nehmen, umschnallen und mitgehen; aber der Graf wollte, daß ich bei seinem Freund bleibe, und gab mir zehn Mark. Der Herr sei mir doch fremd; auch werde auf mich der Verdacht fallen, wenn aus der Wohnung was wegkomme. Da lachte der Graf. Das sei nicht zu fürchten; und der Herr werde schon freundlieh zu mir sein. Das wurde er auch, als wir allein waren. Nahm mich um den Hals, zog mich an sich, wenn ich fortrückte, gab mir viel zu trinken und forderte endlich ... (die gröbste Art aktiver Sexualleistung zwischen Männern). Er suchte mirs auf alle Weise bequem zu machen (unwiederholbare Details) und schenkte mir ein Zehnmarkstück.

Schon zwanzig heute, dachte ich; hatte beim Militär aber oft von der Strafbarkeit solcher Dinge gehört und war auch sonst nicht recht in Ordnung. Der Herr wurde bös, weil er glaubte, ich möge ihn nicht. Da nahm ich den Säbel vom Wandhaken und lief aus der Stube. Der Graf, meine ich, hat die ganze Geschichte angerichtet. Geschwind nach Augsburg zurück. Da setzte es fünf Tage Kasernenarrest, trotzdem ich nicht sagte, daß ich in München gewesen sei; sonst hätte es wohl zehn Tage strengen Arrest gegeben. Danach habe ich noch dreimal an den Grafen geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten; auch kein Geld mehr. Alles war aus. Das mit dem Freund hat er mir übelgenommen.«

Wie einen Kontraktbruch, die Weigerung, nach hohem Vorschuß die Waare zu liefern? ... Ein Schaudern war durch den Saal gegangen; durch abgehärtete Männerherzen ein Beben vor solchem Gräuel. Hier war, erst wenige Wochen ists her, der Brief eines Grafen verlesen worden, der unter den Standesgenossen einen Bund vornehmer Urninge stiften, dem Eros Platens und Farenheids einen Tempel schaffen wollte. Schulenburgs Brief:

 

Haus Oeft, Post Kettwig, Rheinland.
14. 2. 1901.

Sehr verehrter Graf! Euer Hochgeboren bitte ich, einem in gleicher Weise veranlagten Standesgenossen zu gestatten, seine Ideen über einen Zusammenschluß der adeligen Urninge in Folgendem zu entwickeln.

Zur Erklärung jedoch, daß ich so mit der Thür ins Haus falle, bemerke ich, daß der Doktor Hirschfeld in Charlottenburg, der intelligente Vorsitzende des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees, mit dem ich mich, nachdem ich erst lange Zeit gebraucht hatte, um meine durch und durch homosexuelle Natur zu erkennen, und dann auch noch lange Zeit abwartend, zögernd und mißtrauisch, Letzteres insbesondere als gläubiger Katholik, der befürchtete, daß die Homosexualität nur zu anderen, antikirchlichen Zwecken ausgeschlachtet werden könnte, bei Seite gestanden, dann endlich in Verbindung gesetzt und der Doktor mir dann auf Befragen nach anderen adeligen Urningen auch Ihren Namen nannte.

Ich möchte nunmehr meine früheren Versäumnisse gut machen und das Meinige dazu beitragen, eine größere Einigung der Urninge herbeizuführen. Wir sind ja so zahlreich, wissen gar nicht unsere Kraft! Wenn alle die furchtsamen, verkappten, sich selbst nicht recht auskennenden Urninge geschlossen daständen, würde die Welt mit Staunen wahrnehmen, daß fast jeder zehnte Mann ein Urning ist und kaum eine größere Familie existirt, die nicht mindestens einen Urning unter den Ihren zählt.

Durch hervorragende Vertreter der medizinischen Wissenschaft, durch die Propaganda des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees und last not least durch so manche »Fälle« ist nun schon seit zehn Jahren ein großer Umschwung in den Ansichten erzielt worden. Es liegt nun an uns, weiter zu arbeiten, so weit in des Einzelnen Kräften steht. Dem Centralkomitee zu helfen suchen müssen wir; aber, meine ich, uns auch mehr zusammenschließen. Ich denke hierbei vorzüglich an die homosexuellen Edelleute, welche in Folge der strengen Ehrbegriffe im Adel am Ungünstigsten oft gestellt sind; und wenn so ein armer Urning wegen eines Unfalles, vielleicht nur die Erfindung eines von politischem Haß oder Neid geschwollenen Revolverjournalisten, von den Standesgenossen in die Acht erklärt worden ist, so muß er geistig und körperlich oft verkümmern; oder er zieht halt in eine Großstadt und geht dort im Sumpf jenes männlichen Dirnenthums, faute de mieux, unter. Diese meistens ja heterosexuellen Blutsauger sind es, au£ welche man mit Recht den oft falsch citirten Spruch des Heiligen Paulus anwenden kann, daß »sie Mann mit Mann Unzucht treiben, den natürlichen Gebrauch ihres Leibes in den verkehrten verwandelnd« und so weiter. Was aber hier Unnatur, ist doch beim geborenen Homosexuellen seine ureigenste Natur.

Um nun uns adelige Urninge aus der Vereinzelung und Thatenlosigkeit herauszureißen, andere zum Bekenntniß ihrer Natur zu bringen und uns einen geselligen und schaffenden Mittelpunkt zu verschaffen, habe ich den Plan gefaßt, einen »Adelsbund« ins Leben zu rufen, welcher unter diesem ganz unverfänglichen Namen Homosexuelle des ganzen deutschen Sprachgebietes, deshalb einschließlich Oesterreichs, der Schweiz und Luxemburgs, umfaßt mit eben so harmlosen Statuten und einem Jahresbeitrag von vierzig Mark, welcher zum Bezug eines Jahresheftes und kostenfreier Korrespondenz aller das Vereinsleben berührenden Fragen berechtigt. Jedes Jahr fände abwechselnd, zum Beispiel: einmal Wien, dann München, Berlin, Frankfurt a. M., eine Generalbesprechung mit anschließendem Diner statt. Die Mitglieder zerfallen in eigentliche Mitglieder und Freunde; Letzterer Namen würden aus Rücksicht auf ihre Stellung (zum Beispiel: Offiziere) nie genannt werden. Der gebildete Urning fände dergestalt überall, wohin er käme, Adressen seiner gleichfühlenden Standesgenossen. Ich habe schon mehrere Herren für diesen Bund gewonnen; juristische Bedenken liegen nach Rücksprache mit einem homosexuellen Juristen nicht vor. Ich persönlich bin geborener und angesessener Rheinländer, der Abstammung nach Hannoveraner, auch in Tirol seßhaft, habe Familienbeziehungen nach Flandern, Hessen, Sachsen, Altpreußen und komme daher viel herum, womit ich hoffentlich unserer Sache dienen kann. Ohne die Unterstützung edelgesinnter Urninge vermag ich aber nichts zu erreichen. Wollen Sie, verehrter Graf, daher mich nicht auch durch Ihren Rath, Erfahrung und Beitritt unterstützen? Ich komme den zwanzigsten Februar nach Wien. Wäre es nicht möglich, Sie etwa in Graz oder sonst, wenns nicht zu weit ist, sehen zu können? Mündlich kommt man immer noch weiter. Ich möchte Ihnen in keiner Weise lästig fallen und meiner Verschwiegenheit dürfen Sie vollständig versichert sein; es liegt ja im eigensten Interesse!

Darf ich im Anschluß hieran noch fragen, ob Sie folgende mir von Herrn (im Original des Briefes folgt eine Adresse) als wahrscheinlich homosexuell genannte Herren vielleicht kennen? (Im Original des Briefes folgen sieben Namen adeliger Herren mit genauen Adressen.) Ich schließe, sehr verehrter Graf, mit der Bitte, mir mein langes Schreiben mit dem Interesse an der Sache zu Gut halten zu wollen und mir Ihre Ansichten zu übermitteln.

Genehmigen Sie den Ausdruck meiner besonderen Verehrung, mit der ich bin Ihr ergebener

Günther Graf von der Schulenburg.

 

Für jeden noch nicht in hadrianisches Fühlen Gereiften wars schon genug. Doch sollte es immerhin bei der Verabredung Gleichgesinnter bleiben. Jetzt sieht der selbe Saal einen Menschen, der zur Unzucht von Mann zu Mann verleitet ward, zu widernatürlichem Leibesgebrauch verkuppelt werden sollte. Verleitet und verkuppelt gegen blankes Geld von dem lieblich säuselnden Skalden, dem Sänger der süßen Rosenlieder, die der »Spezi« komponirt hat. Das liegt hinter dem Klingklang der Wald- und Seemärchen? So sieht das Lieb aus, das in der Fischerhütte am Seestrand des Buhlen harrt? In der Zeit des Verkehrs mit Riedel schrieb Eulenburg an Farenheid: »Plötzlich steigt der Gedanke in mir auf, Sie könnten mich für einen ›Charakter‹ halten. Ich bin nur ein Gefühlsmensch, der wohl unbeschreiblich lieben, aber kaum hassen kann und dem selbst das Verachten schwer wird: und Das sind Eigenschaften, die mit einem Charakter nicht in Einklang zu bringen sind! So sehr fühle ich mich als Gefühlsmensch, daß ich mich instinktiv Charakteren gegenüber in innere Opposition gedrängt sehe. Auf der Bühne sind Charaktere nothwendig, in der Geschichte machen sie mir Freude! Im Verkehr sind sie unbequem, ja, unerträglich, speziell, wenn sie in Norddeutschland zu Hause sind! Das, was die Welt einen Charakter nennt, ist mir im Verkehr und Alltagsleben zuwider. Charaktervolle Menschen berühren mich unsympathisch.« (Graf Kuno Moltke, der »alte General«, mag sich mit diesem Bekenntniß Philis, des durch vierzigjährige Freundschaft ihm Verbundenen, abfinden; mag betonen, daß er nicht aus Norddeutschland, sondern aus der württembergischen Nebenlinie stammt und mit dem großen Marschall, der ein unbequemer Charakter war, kaum mehr als den Namen gemein hat.) Als Riedel den Reiterrock auszog, schrieb Philipp Eulenburg, »unter dem Eindruck erregender Zigeunermusik«, am Ufer des Starnberger Sees aus süßem Traum diese Verse:

Liebe.

Ihr Schmerzenswogen, die in brausender Gewalt
Mein Herz umfluthet, haltet nicht ein!
Laßt Eurer Schmerzenswonne taumelndes Entzücken
Für ewig mein sein – für ewig mein!

Des wilden Schäumens zitterndes Gekose,
Das Beben Eurer Wogenwucht
Und Eurer Schmerzensfluthen trunkenes Gebrause,
Es ist mein Lebensodem, ist mein Sein!

In tiefe Nacht muß ich versinken, wenn Ihr schweigt,
Denn meine Liebe lebt in Euch allein.

In tiefe Nacht muß ich versinken, wenn Ihr schweigt,
In eine Totenstarre ohne Tod,
Bewußt bewußtlos, ein verzerrter Schatten
Bin mehr ich als ein Nichts – und weniger
Ohne mein Leid, ohne mein süßes Leid!

O Schmerzenswogen! Euren Liebeskuß,
Brennt ihn auf meine Lippen tausendmal!

Laßt mich vergehen, in Euch versinken!
O sprengt dies Herz entzwei, das leben nicht
Und – wehe, wehe! – sterben nicht kann!

Am Gestade ferner Welten
Sollen ewig widerhallen
Meiner Liebe Schmerzensklagen,
Meiner Schmerzen süße Pein!

Farenheid nennts den »lieben Gruß aus Starnberg«. Und das ungleichalterige Paar schwärmt von Antinous und von hellenisch-germanischer Männerfreundschaft. Inzwischen wurden dralle Fischer in den Onanskult eingeweiht. Hier steht Einer, dem Ekleres zugemuthet ward. Wenn er in den »Sumpf des männlichen Dirnenthums versank« und, der verzärtelte Bursche, zum Erpresser wurde? Achtung, Ihr Herren, vor Einem, der solcher Versuchung widerstand, nie mühsälige Arbeit verlernte und heute die Frau und fünf Kinder anständig ernährt. Achtung: und wenn er, statt der dreißig, sechzig Strafen auf der Liste hätte. Neunzehnjährig war er, unschuldig, als die Hand dieses Grafen ihn schändete. Und ist dennoch ein ganzer Kerl geworden. Achtung auch vor einem Rechtsgefühl, das ihn trieb, unter Opfern für die Wahrheit zu zeugen. Im November 1907 arbeitet er am Neubau der Vereinsbank mit (das Milchgeschäft kann die Frau ziemlich allein besorgen), hört von der »Kamarilla« reden (»Das ist nichts Gescheites!«), sieht in einer illustrirten Zeitung den Kopf Eulenburgs und sagt: »Von Dem könnte ich auch was erzählen!« Nun setzen die Arbeitgenossen ihm zu: er müsse sein Erlebniß dem Justizrath Bernstein melden; dürfe nicht dulden, daß durch den Eulenburg ein Unschuldiger ins Gefängniß komme. Einer nur räth, sich lieber heimlich an den Fürsten zu wenden, der für Riedels Schweigen gewiß fünfhundert Mark (die gute Seele konnte getrost noch zwei Nullen anhängen) zahlen werde. Nix da. Zum Bernstein geht er. »Wie kann der Fürst beschwören, daß er mit der Kramilla nie was zu schaffen gehabt habe? Mit mir hat er ja die Kramilla gemacht!« (Kamarilla, denkt er, ist der technische Ausdruck, mit dem die feinen Herren ihre »Schmutzereien»bezeichnen.) Wenn er vor Strafe sicher sei, wolle er als Zeuge vors Gericht treten. Die Vierte Strafkammer hält schon den Versuch,einen eulenburgischen Eid anzufechten, für schnöden Frevel und langt nicht erst nach Riedels Zeugniß. Die Königliche Staatsanwaltschaft am berliner Landgericht I aber ist ihrer Sache nicht ganz so sicher. Zuerst wird, ein paar Wochen nach meiner Verurtheilung, der Kriminalkommissar Hans von Tresckow (dessen diskrete Aussage genügt hätte, um jedem kleinen Beamten den Hals zu brechen, der Durchlaucht aber nicht schaden konnte) nach Liebenberg geschickt, um zu ermitteln, ob der »Gottbegnadete, den man lieben muß, wenn man ihn sieht« (dixit Hugo Isenbiel), nicht am Ende doch Etwas auf dem Kerbholz habe. »In dienstlicher Angelegenheit« weilt Herr von Tresckow von Sonnabend bis Montag auf dem Schloß; und bringt neue Wintermärchen heim. Dann erinnert der in der Thurmstraße Gebietende sich des münchener Milchhändlers und läßt ihn vernehmen. Vom Ersuchten Richter? Nein. Von der Polizei. Viermal. Sogar am Sonntag muß Riedel aufs Bureau. Ein Zettel, auf dem der Vermerk »Meldesache« durchstrichen ist, ruft ihn zu einer Vernehmung, die erweisen soll, ob ein Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, ein durch kaiserliches Vertrauen über alle Standesgenossen hinausgehobener preußischer Fürst Zuchthausstrafe verdient hat. Riedel steht Rede. Mag aber wohl finden, daß Einem hienieden das Zeugniß für die Wahrheit nicht gerade bequem gemacht wird. (»Was gings Dich an, Tropf, damischer?« fragt Frau Riedel.) Und gilt in Moabit drei Wochen lang als ein Mann, auf den nichts zu geben sei. Weil er so viele »Vorstrafen« hat? Hier, nah der Heimath, kennt man den Typus und glaubt dem Oberbayern, trotz Raufhändeln und Grobem Unfug. Ich will schon jetzt die Hauptsätze aus dem Urtheil citiren:

In der Hauptverhandlung gegen Harden brachte Fürst Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, den die Ausführungen der 'Zukunft' in nahe Verbindung mit dem Grafen Moltke gesetzt hatten, unter dem Zeugeneid zum Ausdruck, er habe nie mit Männern geschlechtlichen Verkehr gehabt, überhaupt nie zu Männern geschlechtliche Neigung empfunden. Fürst Eulenburg bekundete, er habe sich nie gegen § 175 StGB verfehlt; er habe niemals Schmutzereien getrieben. Zur Widerlegung dieser Bekundungen bot Harden Beweis an; insbesondere auch durch das Zeugniß des Milchmannes Georg Riedel in München. Die Erhebung dieses Beweises fand nicht Statt.

... Die Aussagen der Zeugen Georg Riedel und Jakob Ernst erschienen dem Gericht vollkommen glaubwürdig. Georg Riedel ist ein Mensch mit einer sehr rauhen Außenseite. Er hat eine große Anzahl von Vorstrafen wegen Körperverletzung, Groben Unfugs, auch wegen Beleidigung erlitten, weil er seinem Temperament und seinem jähzornigen Naturel offenbar niemals Zügel anlegen gelernt hat und gegen jede vermeintliche oder wirkliche Unbill, die ihm widerfährt, in rücksichtloser Weise aufbraust und vorgeht. Daraus erklärt es sich, daß er bei den Sicherheitorganen seines Bezirkes in keinem guten Ruf steht; und so kam es denn auch, daß Bezirkskommissar Seuffert eine anscheinend für Riedel sehr nachtheilige Zeugenaussage abgab. Er bezeichnete ihn als rach- und streitsüchtig und zur Denunziation geneigt ... Seuffert erklärte hierzu, er selbst habe Riedel noch nie vernommen, er habe keine eidlichen oder unbeeideten unwahren Angaben Riedels mitangehört; seine Annahme von Riedels Charakter und dessen Unglaube Würdigkeit stütze sich nur auf die Mittheilungen der Nachbarschaft und der Schutzleute. Die Folgerungen, die Seuffert aus den ihm gewordenen Mittheilungen zog, mußten gegenüber der mehrstündigen unmittelbaren Beobachtung an Riedel durchaus zurücktreten; sie stellten sich als nicht begründet dar. Riedels ganze Erzählung, mit einer Unmenge von Einzelheiten, wie sie der raffinirteste Lügner kaum ersinnen und der gewandteste Betrüger nicht mit solcher Fertigkeit, Sicherheit und Widerspruchlosigkeit zum Vortrag bringen könnte, machte den Eindruck unbedingter Glaubwürdigkeit. Rücksichtlos gegen sich und Andere schilderte Riedel sein ganzes Vorleben und alle die Vorgänge mit Eulenburg. Keine an ihn gestellte Frage ließ ein Zögern, Schwanken oder Suchen nach Ausflüchten erkennen. Mit der urwüchsigen Naivetät, die den Grundzug seines Charakters bildet, gab er über Alles, auch das für ihn selbst Peinlichste, Auskunft. Und dieser Eindruck der unbedingten Glaubwürdigkeit seiner Angaben wurde noch dadurch bestärkt, daß für ihn jedes Motiv zu einer unwahren Angabe (wie etwa Geldgier, Haß, Rachsucht, Streben nach Anerkennung) fehlte. Zudem fand die Aussage Riedels eine mächtige Stütze und Bestätigung in den Angaben Ernsts.

Die Art und Weise, wie die Bekundungen des Zeugen Ernst zu Stande kamen, schließt jeden Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aus. Der Zeuge, der sich als junger Bursche zu den von ihm bekundeten Unsittlichkeiten verleiten ließ, ist seitdem zu einem vermöglichen und angesehenen Bürger Starnbergs geworden. Der Kampf um dieses Ansehen ließ ihn in der heutigen Hauptverhandlung Stunden lang, trotz eindringlichen Ermahnungen, dabei beharren, zwischen ihm und Eulenburg sei nie das Geringste vorgekommen. Erst der vielmalige und nachdrückliche Vorhalt des auffallend intimen Verkehrs des hochgestellten Mannes mit dem schlichten Schifferjungen, ihrer gemeinsamen Reisen, der großen Vortheile, die Ernst zugewendet wurden, brachen den Widerstand, den Scham und Furcht vor Entdeckung der Wahrheitliebe und dem Pflichtgefühl in dem Zeugen entgegensetzten, und plötzlich schafften sich die thatsächlichen Geschehnisse in den Aeußerungen Ernsts in einer Weise Durchbruch, die zugleich ergreifend und überzeugend wirkte. »Dann muß ich es sagen. Es ist so, wie die Leute sagen«: so begann Ernst sein Geständniß; und auch hier noch kostete es ihn Schritt vor Schritt schwere Ueberwindung, die Thatsachen anzugeben, um die es sich handelte, und bis zum Schluß machten die Aussagen des Zeugen noch den Eindruck, daß sie (wenigstens in Bezug auf Einzelheiten) zurückhaltend seien.

Auf Grund der vorgeschilderten Beweiserhebung gelangte das Gericht zu der Ueberzeugung, daß der Privatkläger Maximilian Harden Beweismittel besessen und nach der ihm gebotenen Möglichkeit geltend gemacht habe, die nach ihrem schwerwiegenden und ernsten Inhalt die Annahme, als habe Harden trotz ihrer Geltendmachung schweigen wollen und als sei er auf eine Entschädigung von dem Fürsten Eulenburg ausgegangen oder thatsächlich bestochen worden, vollkommen ausschlossen. Das Gericht erachtete somit die in der Neuen Freien Volkszeitung gerüchtweise aufgestellte Behauptung als unwahr erwiesen.

So weit sind wir noch nicht. Riedel steht noch im Kreuzfeuer. Kein Irrthum möglich? Keiner. Ein Eulenburg mags gewesen sein; der vielleicht, den die Homosexualität einst den Dragonerkragen und das Eheband gekostet hat: Philipps Bruder. (Daß nur diese Verwechselung an seinem üblen Ruf schuld sei, hat der Fürst, der zärtliche Bruder und Altruist, ja dem Kriminalkommissar, der bei ihm zu Gast war, erzählt.) Ich kenne nur den einen, Herr Richter. Und dieser Eine hieß sicher Philipp von Eulenburg? Nicht »von«: »zu«; Philipp Graf zu Eulenburg; ich habe ja oft genug den Namen auf Briefumschläge geschrieben. Ist die Wohnung richtig angegeben? Vom Meldeamt kommt die Auskunft, Graf Philipp zu Eulenburg habe von 1882 bis 1884 am Promenadeplatz 21, im Zweiten Stock, gewohnt. Stimmt. Lebt der Kamerad noch, der Ihnen damals aus Augsburg durchbrennen half? Ja; er ist Blumenhändler und wohnt hier am Viktualienmarkt. Wird geladen und erzählt: »Riedel war in meiner Schwadron. Ein guter Kamerad, der nur oft abends zu spät einpassirte und ohne Urlaub nach München fuhr. Sonst hielt er sich ordentlich (wir lagen in einem Zimmer), stand im Dienst seinen Mann und war bei den Vorgesetzten nicht schlecht angeschrieben. Verlogenheit habe ich an ihm nicht bemerkt. Uns fiel auf, daß er immer Geld aus München mitbrachte. Das, sagte er, schenke ihm dort ein Baron. (Aelteren Freunden hat Riedel schon damals den Namen Eulenburgs als des Geldgebers genannt.) Das Billet zu der unerlaubten Fahrt habe ich ihm gekauft und erinnere mich noch genau der Vorgänge auf dem Exerzirplatz und am Bahnhof.« (Ein Beweis, daß auch Kleinigkeiten manchmal fest im Gedächtniß haften. Und ein feldafinger Fischer sollte nicht mehr wissen, wie ein Graf ihn verführt und verkuppelt hat? Schildern nicht Greise noch bis ins Kleinste ihr erstes Geschlechtserlebniß?) Was zu prüfen war, ist geprüft, der Zeuge zehnmal streng und mit Vaterssanftmuth vor jeder Abweichung von lauterer Wahrheit gewarnt worden. Er darf niedersitzen und verschnaufen. Der nächste Zeuge!

»Jakob Ernst!« Der Fischerjackl. Seit Jahren hatte ich von ihm gehört. In zwanzig Briefen, dreißig, war er als Zeuge empfohlen worden. Adelige und Künstler, die am Starnberger See übersommert oder ihn als Eulenburgs Reisebegleiter betroffen hatten, riethen: Da brennts! Wunderlicherer Verkehr läßt sich nicht denken. Die Kühlsten schrieben: Der schwatzt nicht; mit Schraubenziehern holt Ihr aus Dem nichts heraus; wie auf Granit kann Phili auf ihn bauen. Dennoch haben wir sein Zeugniß der Vierten Strafkammer angeboten. Da hätte man ihn, wie andere Philiner, kurz gefragt, ob er von Seiner Durchlaucht je Unziemliches gehört und erfahren, in Seiner Durchlaucht nicht stets vielmehr den gütigen Brotherrn verehrt habe. Den Vertheidiger gehindert, heikle Fragen zu stellen. »Der Zeuge hat uns ja gesagt, was er weiß, und ich kann nicht zulassen, daß er bedrängt wird.« (Bedrängt aber, geschmäht, zehnmal mit Zuchthaus geängstet und von der Skrupellosigkeit eines Wichtes mit Entschleierungen der Scham bedroht wurden die der Anklage unbequemen Zeugen.) Und re bene gesta ans starnberger Gestade heimgeschickt. Dann hatte er nach der Schnur geschworen und war kaum je noch in die Wahrheit zu führen. An welche Fädchen hast Du, Themis, Deine Wagschalen gehängt!

Ein Hagerer schiebt sich vor. Ein Defreggerkopf lächelt schlau, lächelt bang. Scheint entschlossen, für die Stunde der Inquisition dieses Lächeln nicht von der Lippe zu schicken. Auch während die Zunge die Eidesformel nachstammelt, nistet es unter den Nasenflügeln. »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde. So wahr mir Gott helfe!« Die Stimme klingt dünner als Riedels; unsicherer. Jakob Ernst; dreiundvierzig Jahre alt; katholisch; Witwer. Von Jugend auf in Stamberg Fischer und Oekonom (Bauer, würde der Norddeutsche sagen). Zum Militär brauchte ich nicht, weil ich allein war, auf dem Anwesen Alles sonst ausgestorben, und weil ich mit dem Gehör nicht so recht in Ordnung bin. Taub? Nicht ganz. Aber schwerhörig. Also müssen wir laut sprechen. »Den Fürsten Philipp zu Eulenburg kenne ich seit ungefähr sechsundzwanzig Jahren. Als ich ihn kennen lernte, war er Rath bei der Preußischen Gesandtschaft in München und verlebte fünf oder sechs Sommer in Starnberg. Da habe ich ihn täglich auf den See hinaus gefahren. Ob ich mit ihm 1882, um Mariae Lichtmeß, bei Riedel war, weiß ich nicht mehr. Ist zu lange her. (Ist aber wahr, ruft der Milchhändler; wird dem jüngeren Mann gegenübergestellt und spricht: Der ists; ganz bestimmt. Der Fischerjackl kam mit dem Grafen zu Eulenburg auf meines Stiefvaters Hof, suchte mich dann in der Bierwirthschaft und blieb bei dem Grafen, als Der mich mit einem Zweimarkstück weggeschickt hatte.) »Was hier gemeint ist, weiß ich. Kann aber nichts aussagen. Nix is geschehn. Mit mir hat der Fürst nichts Unrechtes gemacht. Gar nichts. Auch keine Andeutung, ich solle ihm was zu Liebe thun. Nie hat er mich auf schlechte Art angefaßt. Nie gestreichelt, geküßt, um den Hals genommen. Nie von Schmutzereien geredet. Auch, meines Wissens, mit Anderen nicht. Das nehme ich auf meinen Eid. Freilich. Warum denn nicht? Nein: ich halte nicht zurück; bleibe streng bei der Wahrheit. Geschwatzt ist ja über uns worden. Aber ohne Grund. Wie die Leute so sind: weil der Graf gut zu mir war, sollte Schlechtes dahinter stecken. Was Besonderes habe ich von dem Fürsten nicht gehabt. Meine Kinder? Ja, die bekamen zu Weihnachten Spielzeug, auch wohl Geld. Das verdroß die Nachbarn. Und so wurde geredet. Aber mit mir hat der Graf nichts vorgehabt. Nix ist geschehn. Nix.«

Die Rede strömt nicht; fließt auch nicht ruhig dahin. Tröpfelt jetzt und überstürzt sich nun in ängstlicher Hast. Aengstlicher? Ein Bauer, vor Gericht, in solcher Sache: kein Wunder, daß er nicht so sicher und ruhig redet wie auf seinem Hof, in seinem Kahn. Daß er sich Alles abfragen, jedes Erinnern aus dem Fuchsbau seines Mißtrauens ausgraben läßt, ist hier noch kein Verdachtsgrund. Nur mit dem Gericht nichts zu thun haben: denkt auch der Unschuldige. Oberlandesgerichtsrath Mayer faßt den Fischermeister sanft an. Spricht zu ihm wie ein gütig mahnender Vater. »Nicht wahr: Sie verschweigen uns nichts? So unangenehm es Ihnen sein mag: die Wahrheit muß heraus; wir haben das Recht, sie zu fordern.« Glaubt er dem Zeugen? Kein Zug in dem stillen Antlitz, nicht die winzigste Tonschwingung verräths. Nun darf Justizrath Bernstein des Fragerechtes walten. Und sogleich ists, als spüre der Zeuge das Nahen, auf leiser Sohle, des Feindes und setze des Wesens Festung in Vertheidigungzustand. Die linke Hand bohrt sich in die Joppentasche (die Bewegung des Tuches läßt mich erkennen, daß die Finger nicht ruhig liegen); die rechte ist auf dem Rücken geballt (und ich sehe sie zucken, sehe, wie der braune Daumen die Innenhaut des Zeigfingers ruhelos reibt). Soll, nach uraltem Bauernaberglauben, der Eid »kalt«, unwirksam gemacht, aus der hohlen Hand in des Teufels Küche gewiesen werden? Der Kopf, graugelb unter dünnem Haar, neigt sich vor, als wolle er früh des Nahenden Absicht erspähen. Manchmal entballt sich die sichtbare Faust und die Finger umspannen die Ohrmuschelwand. Schwerhörig: Das dürfen die Herren vom Gericht ja nicht vergessen. »Herr Ernst, wissen Sie, wo Fürst Eulenburg sein Gut hat?« »Freilich. Liebenberg heißts. Zweimal war ich dort; oder dreimal. Zuerst 1888. Der Graf hatte mich eingeladen. Ich sollte für ihn fischen.« »Hatte er denn dort keinen Fischer?« »Freilich. Er meinte nur, ich verstehe mich besser drauf und könne seinen Mann noch Etwas lehren.« (Unwahrscheinlich. Im Starnbergersee wird die Fischerei anders betrieben als in der ukermärkischen Großen Lanke. Jeder Sachverständige weiß es. Der Punkt wird aber nicht berührt.) »Die Reisen hat Graf Eulenburg bezahlt?« »Freilich. Auch extra noch für die Fischerei. Ich hatte ja all meine Netze mit und arbeitete für ihn.« »Haben Sie sich mit dem Grafen, dem Fürsten geduzt?« »Das wär' noch schöner! Er sagte zu mir Du, aber ich nicht zu ihm.« »Sie waren doch sehr vertraut mit einander. Hat er nicht, zum Beispiel, mit Ihnen am selben Tisch Kaffee getrunken?« »Ih wo denn! Das heißt: auf der Terrasse des Hotels Bayerischer Hof ists vorgekommen; aber nicht im Zimmer des Fürsten. Da giebts nix.« »Sie haben heute ein Haus. Das zum Kauf oder Bau nöthige Geld hat Ihnen der Fürst gegeben?« »Nein. Die zwölftausend Mark, die ich brauchte, hat mir die Mutter des Fürsten geliehen; nicht geschenkt. Als der Fürst dann die Villa in Starnberg kaufte, wurde mir das Geld gekündigt und ich mußte es zurückzahlen. Erst dachte ich, er solle es mir geben; doch meinte er, ich solle mich an seine Mutter wenden. Da habe ichs halt probirt; er hat für mich gebeten und sie hat es mir gegeben. Nach der Kündigung habe ichs dann zurückgezahlt; ich hatte zehntausend Mark erheirathet und zweitausend erspart.« (So wars nicht. Als ein Starnberger, der mit Getreide handelt, die auf Ernsts Anwesen lastende Hypothek gekündigt hatte, wandte der Fischerjackl sich an den Grafen Eulenbürg, der, angeblich von seiner Mutter, ihm das Geld verschaffte; ohne jede Sicherung; gegen drei Prozent Zinsen, deren Zahlung noch nicht nachgewiesen ist. Die Mitgift seiner Frau, einer Waise aus Wengen, gab Jakob Ernst in die Bank. Antwortete auf die Frage, ob ers nicht zur Rückzahlung des Darlehns benutzen wolle: »Nein; der Zins, den die Bank mir zahlt, ist um ein halbes Prozent höher als der, den ich dem Grafen zu zahlen habe: also verdiene ich, wenn ich das Darlehn behalte.«) Wunderlich. Ein Fischer trinkt mit einem Grafen von der Preußischen Gesandtschaft Kaffee, wird aus Oberbayern von ihm mehrmals in die Ukermark geladen, erhält von ihm oder doch unter gräflicher Bürgschaft ohne jede Sicherheit zwölftausend Mark. Alles in Ehren. »Sie haben mit dem Fürsten auch Reisen gemacht?« »Freilich. Wann er ins Gebirg ist, bin ich mit ihm. Machte ihm, so zu sagen, den Diener. Putzte seine Kleider und sorgte für ihn.« »Damals lebte Ihr Vater noch. Sie waren Fischerknecht. Hatten Sie denn Zeit und Schick zu solchem Dienst?« »Mein Vater kam bei der Fischerei auch ohne mich aus. Das war nicht schlimm. Der Fürst konnte mich brauchen. Deshalb ging ich mit ihm. Das Bischen Kleiderputzen lernt sich schnell. Bezahlt? Na, mit dem Bezahlen wars nicht gar so gefährlich. Aber ich habe ein Stück von der Welt gesehen.« »Welches Stück?« »Wir waren in Garmisch, in Meran ... Auf Anderes kann ich mich nicht besinnen.« »Haben Sie den Fürsten auf der Reise auch aus- und angekleidet?« »Freilich. Ich machte halt den Kammerdiener.« »Hatte er keinen?« »Doch. Der wurde nach Haus geschickt. Der Fürst fand mich brauchbarer.« »Den Fischerknecht? Schön. Hat er Sie geküßt? Ist er zärtlich mit Ihnen gewesen? Wollte er Sie zu geschlechtlichen Sachen verführen?« »Woher denn!« »Ich bitte Sie um eine bestimmte Antwort: Ja oder Nein?« »Nein ... Die starnberger Villa des Fürsten ist noch unter meiner Aufsicht; ich bin der Verwalter. Ihn selbst habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gesehen. Nein: ich halte nicht zurück. Nein. Da giebts nix. Was die Leute auch reden: der Fürst kann mir nichts nachsagen und ich kann dem Fürsten nichts nachsagen«.

Das ists. »Der Fürst kann mir nichts nachsagen und ich kann dem Fürsten nichts nachsagen.« Bei jeder gefährlichen Wendung des Verhörs schlängelt der Satz sich von der Lippe. Niemand hats gesehen. Nicht Einer wenigstens, der nicht, als zugehörig, Grund genug hat, seine Zunge zu hüten. Wenn wir einander nicht belasten, giebts keine Gefahr der Entdeckung. Er sagt nichts, ich sage nichts; und wer meinen Eid etwa anzweifelt, wird doch dem eines Fürsten und Adlerritters trauen. So arbeitet dieses Gehirn; assoziirt es im Gangliondunkel die Möglichkeiten. Der Rumpf bebt nicht. Der braune Daumen reibt die Innenhaut des Zeigfingers, dessen Nachbarn sich in den Handteller graben. Ein Alltagsmittel, um die Nerven in Ruhe zu zwingen. Im Examen macht mans so; beim Zahnarzt; auf dem Strohstuhl des angeklagten Sünders. Jakob Ernst will gelassen scheinen. Gelingts? Das Lächeln hält noch und die Augen mühen sich, spöttisch zu blicken und dem Ausfrager zu sagen, was die Zunge verschweigen muß: »Redst damisch daher, Tropf Du, eiskalter.« Wer scharf hinschaut, ahnt in dem ganglion ciliare aber die Furcht, hinter dem pupillarischen Spottversuch die ängstliche Frage, was die nächste Minute wohl bringen könne. Aus der Unterlippe scheint jeder Blutstropfen gewichen. Blaß hängt sie und zittert. Zittert nur stärker noch, sobald der Zeuge sein Gemurmel unterbricht. Und drüber das erzwungene Lächeln. Wie über einem welk sich bräunenden Blatt ein fröstelnder Strahl der Herbstabendsonne. Mich dauert der Mann. Ich weiß, daß ein Herzleiden ihn quält. Was mag sein Innerstes heute ausstehen? Jetzt darf er sich neben Riedel setzen. Fertig! Aus der Brusttiefe holt er Luft.

Der dritte Zeuge. Baumeister Joseph Fischhaber aus Starnberg. Ueber Eulenburgs Intimität mit Ernst ist schon vor einem Vierteljahrhundert am See Allerlei gemunkelt worden. Noch mehr, als im vorigen Jahr die Prozesse gegen Harden anfingen. Bestimmtes weiß der Baumeister nicht. Einmal, als ein Stamberger Arges andeutete, zog der Fischerjackl sein Messer, stieß es in die Wirthshaustischplatte und schrie aus rothem Kopf, den Nächsten, der ihm so komme, werde er vor den Richter schleppen. Ernst ist ein angesehener Mann, dem der Zeuge nichts Böses zutraut. Solchen Verkehr unter Männern kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Als er nach siebenjähriger Abwesenheit aus München heimkam, hörte er, daß Eulenburgs Garten das »Spinatgärtl« genannt werde. (Das Wort erinnert an den bayerischen Ekelnamen der Herren, die vom Manne heischen, was dem Normalen das Weib gewährt.) Dabei wurde auch wieder von Ernst gesprochen. Herr Joseph Fischhaber nahms für einen Witz. Kann also nichts Erhebliches bekunden. Die Nerven der Hörer entspannen sich. Redakteur Städele ordnet Ausschnitte, die er auf gelbes Papier geklebt hat. Eulenburgs Anwalt stützt müde das Haupt und deckt mit der anderen Hand ein Gähnen. Ich bedenke, wie sinnvoll, wie expressiv diese Bauernnamen sind. Fischhaber: uralte Geschlechter fleißiger Fischer winken von solcher Wesensfirma her. So lange man Fische hatte und die Fangarbeit nicht scheute, ließ sich leben. Nun steht ein starnberger Fischhaber hier und muß, vor Gericht, die Spinatgartenschande ausspreiten. Dahin hat sein Fürst ihn gebracht.

Pause. Vor der Einlaßthür in der Mariahilfstraße knäuelt sichs. Cigaretten werden angesteckt; Meinungen ausgetauscht. »Was sagen Sie zu unserem Mayer?« »Mit all seinen Vorstrafen ist dieser Riedel ein Prachtkerl. Der Prototypus des ungebändigten oberbayerischen Bauern von unausrodbarem Rechtsgefühl.« »Bernstein war anfangs matt. Wenn er so durch die Zähne murmelt, will er nicht recht.« »Oder thut, als ob er nicht wolle.« »In Riedels Aussage ist jedes Wort wahr; jedes im Saal von Jedem geglaubt worden. Und was von Ernsts Vorwänden haltbar ist, fühlt ein Blinder doch mit dem Krückstock. Aus is.« Darin stimmen alle Urtheile überein. Wirklich aus? Ich sehe schon die berliner Berichte. »Ein Fall. Ein Vierteljahrhundert her. Der Zeuge ein vielfach vorbestraftes Subjekt. Der andere, ein angesehener Mann, hat allen Advokatenkniffen Stand gehalten und mit der größten Sicherheit für den Fürsten ausgesagt. Das Manöver ist also mißlungen.« Die Sippe kennt Ihr Bajuvaren nicht. Auch nicht die Verästelung der Kinaedeninternationale, die in allen Winkeln ihre Geschäftsführer hat. Noch ists nicht aus. Wenn wir auf diesem Fleck bleiben, muß die Leporelloliste, die meine Zeugen aufzählt, morgen ans Licht. Staatsanwaltschaft und Untersuchungrichter werden ihre Pflicht thun. Gehen aber von dem Vorurtheil aus, daß ein Fürst nicht falsch schwören könne; zu klug sei, um sich in solche Gefahr zu begeben. Ueber diesen Wall kommt man nicht leicht. Und dann steht der Zeuge im stillen Zimmer vor dem Richter oder Kriminalbeamten, der am selben Tag vielleicht noch ein Dutzend anderer Sachen erledigen muß und froh ist, wenn er den Namen des Vernommenen unter dem Protokol hat. Wird nicht in die Enge getrieben noch vom wachsamen Ohr guter Freunde und getreuer Nachbarn kontrolirt und kann der weithin ruchbaren Falle ausbiegen. Schließlich muß es gelingen. Der Schuldbeweis ist zu dick und kann nicht verkrümeln. Noch aber liegt schwere Arbeit vor uns ... Drei Stunden Pause. In die Stadt zurück. Wie durch Nebelschleier blickt das brennende Auge. Lautlos, wie über wattirte Schienen hin, scheint die Straßenbahn zu gleiten; das Ohr lauscht ins Innerste hinein und läßt von außen her keine Schallwelle durch das ovale Fenster ins knöcherne Labyrinth. Nun hält der Wagen. In die Odeon-Bar. Um diese Stunde ists überall leer. »Geröstete Nieren.« Aus dem Gerichtshaus kommen wir, von der Zurüstung eines Scharfrichterwerkes: und schmausen. Geröstete Nieren.

Hastig und still. Die Magennerven langen nach Futter. Lebhaft wird das Gespräch erst beim Kaffee. Noch neun Zeugen. Trotzdem werden wir heute fertig. Ich zweifle. Ohne triftigen Grund hätte der Vorsitzende nicht eine so lange Pause verfügt. Gewiß hat Eulenburgs Anwalt darum gebeten. Um Zwölf muß die Aussage Riedels in Liebenberg gewesen sein. Wenn wir in die Au zurückkommen, ist des Fürsten Antwort wohl längst eingetroffen. Vertagung; weil er vernommen werden, das Zeugniß des Milchhändlers entkräften will. Krank? Ist er, schon seit den Tagen des Tauschprozesses, immer, wenns an irgendeiner Ecke brenzlich riecht. Doch wenns die letzte Reise wäre: in solchem Fall macht selbst der Siechste sich auf die Beine. Auch kann er Gericht und Parteien ja zur Vernehmung nach Liebenberg rufen. Ein schöner Gedanke, sagt Bernstein; aber es kommt anders. Den vor Mayer als Zeugen: Besseres könnten Sie sich nicht wünschen. Der hütet sich aber. Ich wette, daß er nichts sagt und froh ist, wenn er nicht gefragt wird. Daß unser Oberlandesgerichtsrath daran gedacht hat, ihm Zeit zur Vertheidigung zu lassen, glaube ich. Der denkt an Alles. Da könnten wir lange warten. Dennoch: Reinekes Fuß steckt in der Klemme des Fuchseisens. Das Tollste, meint der Dritte am Tisch, ist die Kuppelei am Promenadeplatz; mir das Unverständlichste. Sind diese Leute auf ihre bärtigen Liebsten denn gar nicht eifersüchtig, wie Unsereins auf sein Mädel? Selten, muß ich antworten. Für diese Zunft gilt vielfach noch die Sittensatzung polyandrischer Zeit. Wie an der Sohle des Himalaja bei manchen Volkssplittern, gehört das Lustobjekt der ganzen Bruderschaft. Sobald eins eingefangen ist, wird geschrieben oder die Telephonkurbel gedreht: Neue Jagd! Warum soll der Bruder dem Bruder die allzu rare Freude nicht gönnen? Das Gefäß, dem ein Kindlein entbunden werden kann, mag Eifersucht bewachen. Der Urning ist auch unter der Erotenfuchtel nicht (nach Schopenhauers Schlagwort) Dupe der Gattung. Von dem danziger Weltweisen, dessen Metaphysik der Geschlechtsliebe ohne die Nachwirkung der Lues vielleicht nicht entstanden wäre, darf man über Evas Töchter kein unbefangeneres Urtheil erwarten als von einem anderen Verwundeten über den Feind, der ihm Arglosen den Lebensquell abdämmte. Ueber kinaidisches Wesen hat er ein paar gute Worte gesagt. Ich könnte Ihnen Briefe zeigen, in denen ein Freund dem Winkelantinous für die dem fernen Freund gespendete Zärtlichkeit dankt und den Kuß des Jünglings ersehnt, der ihn auf dem Pfühl des Geliebten ersetzt; Briefe hochgeborener Herren. Eine andere Welt als unsere; mit anderem Moralgesetz, anderen dominirenden Vorstellungen. Deshalb so oft auch die Neigung zu okkulter Wunderkunst, Magierthum, Spiritismus. Der Gott, der Schwefel und Feuer auf Sodom herabregnen ließ, der Heiland, dessen Apostel wider die Männerpaarung als wider die schwärzeste Geschlechtsschande wetterten, taugen nicht für den Kult dieser Gemeinde. Die zu Heuchelei, zur Bergung der Gefühlsdominante auf Schritt und Tritt Genöthigten stellen sich manchmal fromm. Lüge ist ihre Ehe, die fremdem Blick als Spektakel und Weide gebotene Liebe zu ihren Kindern, der im Pflichtbett lieblos gezeugten Brut; warum nicht der himmelan schwellende Glaube? Alles ist, Wort, Geberde, Handlung, nur dem einen Zweck unterthan: die weit von der Norm abbiegende Wesenskurve zu verhüllen. Hier Der von heldischem Wuchs im Generalsrock nahm ein Weib und schuf ächzend im Schoß der Ungeliebten die Frucht, auf daß Keiner ahne, an welchen mißduftigen Stallreizen die Excellenz sich ergötze. Da erniedert Einer die erwachsenden Söhne zu Schaugeräth, auf daß der Abglanz des Familienglückes den dämmernden Verdacht überstrahle. Der dort mit dem hohen Titel, aus altem Dynastenhaus, ist der Erste im Kirchengestühl und scheint ganz in Andacht versunken; abends schleicht er im Reitknechtskittel um die Nothdurftstätten der Männer und lockt sich Kunden herbei: denn seinen kranken Trieb kitzelt wollüstig die Vorstellung, die heimliche Huld sich bezahlen zu lassen, einmal doch im Wettbewerb gemeiner Menschheit den Preis zu erringen. Jedes unzarte Wort verletzt sie. Auf ihrer Lippe lebt nur das Ideal. Aus ihrem Auge leuchtet das Sehnen, auch den Nächsten auf die von ihnen erkletterte Stufe der Kalokagathie zu heben. Dicht unterm Auge aber saugen die Nüstern den Schweißgeruch eines wollenen Fischerhemdes oder Kommißrockes wie ambrosischen Balsam ein. (»Das herbige Hemd, das ich trug, hat am Promenadeplatz den feinen Herrn so gut gefallen,« sagte Riedel.) Das laute Bekenntniß zu Venus Urania würde Verdacht wecken. Lieber bleibt man drum im alten Glauben; klebt das Bekenntniß zu ihm an alle Zäune und Mauerecken. Hinter den Plakaten ist Raum für tolerantere Götter. Der kränkelnde, in der schweren Schule der Verstellung scheu gewordene Sinn schweift über das seiner Brunst widerstrebende Diesseits hinaus; mag sich in einer Welt nicht bescheiden, die ihn als unfruchtbar und deshalb feindlich ablehnt, und sucht eine Vorsehung, die ihm gnädiger ist als das harte Gesetz der westlichen Sittenzone. Geister werden beschworen, Indiens und Griechenlands Götter herbeigefleht. Herr Edmund Jaroljmek, einst »Seiner Durchlaucht des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld Privatsekretär« (so stands auf der Karte), jetzt sein (ungern anerkannter) Eidam, las aus Büchern vor, die er nicht kannte, mit dem Hinterkopf berührte, und war in den Fußtapfen der Frau Blawatsky ziemlich weit ins Nebelland des Esoterischen Buddhismus vorgeschritten. Ein Magus aus Rumänien oder der Bukowina. Schon vor zwanzig Jahren schrieb Philipp an den »geliebten Freund« Fritz von Farenheid, wie selig er sei, seit Fürst Rudolf Liechtenstein ihm die Gnadenpforte in den Okkultismus geöffnet habe. »Dieser selten begabte und hochinteressante Mann, an dessen Physis sich räthselhafte Erscheinungen ketten, bietet mir durch seine Glaubensgewißheit einer individuellen Fortdauer nach dem Tode so unendlich viel auf dem Gebiete der Religion, der Philosophie und der Mystik, daß ich nicht satt werde, mit ihm von seinen Erfahrungen zu reden. Räthselhafte Erscheinungen umgeben uns, Schriften entstehen, die so weit über der Anwesenden Können und Denken hinausgehen, daß das Einwirken einer höheren Intelligenz zur zwingenden Gewißheit werden muß; denn im täglichen, vertrauten Freundesverkehr ist jede Täuschung vollkommen ausgeschlossen.« Flink ists dann weitergegangen. »Das Geheimniß des Geistes Emanuel.« Spiritisten, Theosophen, Magier aller Sorten müssen herbei. Große Preußenherrscher werden citirt und gewähren politischen Rath. Anno 1906. In Fritzens hellem Staat. Adoranten knien im Halbkreis; und sieben aus dem Staub noch die Botschaft, der Angebetete, von dem so »unendlich viel« zu hoffen ist, habe zu dem »unbeschreiblich eigenartigen Wesen« auch das Zweite Gesicht der Stuarts ererbt.

Aus dem Seitenpfad zurück auf die Hauptstraße. Eifersüchtig sind diese Herren meist nur auf Frauen gewährte, von Frauen erlangte Gunst. Männliche theilen sie gern. Riedels Kuppelgeschichte hat nichts besonders Auffälliges. Riedel war, während der Gesandtschaftsekretär sich an dem achtzehnjährigen Jakob Ernst letzte, nur eine Episode. Wenn ein Anderer an dem stämmigen Feldafinger Gefallen fand: unter Brüdern wird nicht geknickert. Der Zunft gebührt Mitleid? Sicher. Nur soll sie im Schatten bleiben. Nicht den jungen Trieb Gesunder vergiften. Nicht als Trägerin höherer Kultur auf uns herabsehen. Ihre Organisation meinetwegen zum Interessenschutz, nicht zum Angriff nutzen. Mit ihrer angeborenen oder anerzogenen Unwahrhaftigkeit und Verhetzungsucht, mit all dem süßlich parfumirten Wunderkram, der die stärkste Instinktregung in Mysterien schieiern soll, nicht dahin drängen, wo sie gefährlich werden und ein tapferes, seiner Tapferkeit noch auf lange hinaus bedürftiges Herrenvolk sacht, ehe das Auge der Nation Etwas merkt, entmannen müßte. Dann heißt die Losung: Kampf; auf Leben und Tod. Schon ist ein Theilchen der Kriegerkaste, das sichtbarste, zu weibischer Putzsucht verführt. Schmückt Mancher die Hand und den Arm, die in Schlachtgewittern das Schwert schwingen sollen, allzu üppig mit Goldreifen und glitzerndem Gestein. Schenken Männer in festlicher Stunde einander Blumen. Tauschen Kosenamen und Küsse, die von Gethsemane her unter Männern doch in Verruf sind. Schnüren den Leib über der Hüftengegend und umschlingen so effeminirtes Mannsvolk zum Kasinoreigen. Das säuselt, klimpert, girrt, poetelt, tätschelt, hat im Hagestolzenheim, das dem Tarifeden einer Luxusdirne ähnelt, neben dem breiten Himmelbett das neuste Buch des just in die Mode gelotsten Sexualmystagogen und strömt auf zwanzig Schritte die Wohlgerüche Arabiens aus. Müssen wir einen Kriegssturm ersehnen, der diesen schwülen Spuk mit eisigem Athem wegfegt? Soll der starke Schoß deutscher Frauen aus edel gezüchtetem, unerschöpftem Stamm verdorren, weil dem Herrn Gemahl Ephebenfleisch besser schmeckt? Empfindet Jeder denn nicht die Verleitung auch nur eines Soldaten oder anderswo fronenden Burschen zu solchem Gräuel als eine Nationalschande? Halb Drei. Und was wird aus Jakob Ernst? Der Justizrath fältelt die Wangen. Viel Hoffnung scheint ihm da nicht. Der Fischermeister ficht um seine Existenz, um Alles, was er durch Fleiß, Redlichkeit, äußeren Anstand in Jahrzehnten erworben hat. Drum muß man ihn, sage ich, lehren, daß er in diesem Spiel noch höheren Einsatz verlieren kann. Bisher hat er die Wahrheit gehehlt. Sind wir darüber einig? Gut. Und ein Zeuge, der vor einem unbefangen das Recht suchenden Tribunal, vor einem Musterrichter gar unter seinem Eid auszusagen hat, soll nicht zu offenem Eingeständniß zu bringen sein? »Schon recht; gerade der Musterrichter würde aber eine lange Schinderei des Zeugen nicht dulden; übrigens bin ich mit mir selbst noch nicht schlüssig.« Und ich nicht so anmaßend, Ihrer Erfahrung Rath aufdringen zu wollen. Schinderei wäre mir selbst widrig. Doch vormittags haben Sie, dünkt mich, den Mann nur mit sanfter Hand angefaßt. Das war vernünftig. Jetzt wankt er. Ein Stoß: und er fällt. »Der Fürst kann mir nichts nachsagen und ich kann dem Fürsten nichts nachsagen«: noch glaubt er sich von dieser Gewißheit bis ans Ende seiner Tage geschirmt. Sobald er zu fürchten anfängt, daß ihm dennoch Etwas nachgesagt werden könne (weils Einer gesehen hat oder ein Brief zum Verräther ward), stürzt die zurückgestaute Wahrheit über die Beinpfosten der Mundschleuße. Im Eid ist ungeheure Wucht akkumulirt. Den Ruch der Männerminne wird Ernst doch nie wieder los. Die Last eines Meineides trüge sein morsches Gewissen nicht; die würde ihn früh in die Gruft drücken. Noch einen Versuch, Herr Justizrath. Nach Riedels Aussage kann er gelingen. Ein Zeuge stützt den anderen; stählt ihm den Willen zur Wahrhaftigkeit, wie zur Lüge. Auch müßte ich mich auf die Physiognomie spottschlecht verstehen, wenn die Starnberger ihrem Gevatter nicht während der Pause in unserem Sinn zugesetzt hätten. Das mühsam in die Backen geknitterte Lächeln barg ja kaum noch die schwarze Sorge ... »Lassen Sie mich nur machen. Was möglich ist, geschieht. Ich will nur erst sehen, wie nachher die Luft ist. Versäumt wird nichts.« So trennten wir uns. Für eine halbe Stunde.

Im Hotelzimmer fällt der Blick auf den Schreibtischkalender. Einundzwanzigster April: Huttens Geburtstag. »Da laß' ich Jeden reden und lügen, was er will; hätt' Wahrheit ich geschwiegen, mir wären Hulder viel.«

Die vierte Tagesstunde ruft zurück in die Au. Bernstein hätte seine Wette gewonnen: kein Wörtchen aus Liebenberg. Wozu? Wer so mächtig ist, läßt die Dinge an sich kommen. Den Milchhändler kriegen sie in Berlin schon klein. Und wenn der Herr Harden mehr wüßte, wäre er vor dem Landgericht damit angerückt. Der wird eingesperrt und von verschleimten Preßpäderasten bespien; sein Vertheidiger folgt ihm hinters Eisengitter: und die liebe Seele des letzten Idealisten hat wieder Ruhe. Mein Fischer? Der plaudert nicht. Dem könnten sie das Hirn entschälen, bis ins Spinalsystem hinein leuchten: und fänden nichts, was gegen mich je zu brauchen wäre. Ich habe geschworen. Dr. juris Fürst Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, Graf von Sandels, Erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses, Kaiserlicher Botschafter, Wirklicher Geheimer Rath, Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler. Wer wagt, Rittersmann oder Knappe, mit schnödem Zweifel meinen Schwur anzutasten? Den Wappenspruch Constantia et virtute zu höhnen? Standhaft und tugendsam war ich immer. Auch vorsichtig. Und Eurem Gerichtskram nicht fremd. Ein Doctor juris schwor den Eid.

Friedel, der Blumenhändler, der bei den Chevaulegers gedient hat, bestätigt, Punkt vor Punkt, Riedels Durchbrennergeschichte. Auch den stumpfen Vorstoß eines Bezirkskommissars, den der Vorsitzende, um nichts zu versäumen, geladen hat, wehrt der aufrechte Milchmann ohne besondere Mühe ab. Er hat die Behörde behelligt, doch nichts Uebles gethan. Der beamtete Leumundzeuge trägt keine Mehrung des Ansehens heim. Die Stimmung will schon ins münchenerisch Lustige umschlagen. Ein abgestochener Kommissar: eine Hetz! Da bittet der Justizrath Bernstein, mit höflicher Stimme, in ders von fern her aber schon gewittert, an den Zeugen Jakob Ernst noch ein paar Fragen richten zu dürfen. »Bitte!« (Im Ton liegt: »Sie verschwenden Ihre Kraft; aber ich will Sie nicht hindern.«) Scharren. Räuspern. Stuhlrücken. Dann wirds im Saal feierlich still. »Wollen Sie noch einmal hervortreten, Herr Ernst!« Da ist er. Scheint noch immer gelassen. Die Haltung wie zuvor. Genau; als wäre sie vor dem Spiegel eingeübt. Auch das Lächeln und der Wille zu spöttischer Ueberlegenheit ist ihm nicht geschwunden. Doch die Gesichtsfarbe ist noch fahler; und die Unterlippe hängt bläulich und zittert von schnellerem Puls. Der Eid? Freilich: auf den nimmt er auch, was er jetzt sagen wird. Ist ja die Wahrheit. Der Justizrath möchte wissen, wie es mit den zwölftausend Mark gewesen ist. Ist das Darlehn wirklich, in barem Geld, zurückgezahlt worden? Ein gedeckter Laut, der ein Ja sein könnte; hastiges Nicken giebt ihn dafür aus. An die Mutter des Fürsten? Freilich. In barem Gelde, Herr Ernst? Fr ... Das heißt: in Papieren. Gut. Mit der Aufzählung der Papiersorten will ich Sie nicht quälen. Ein anderer Punkt. Sie sind mit dem Fürsten gereist. Wie oft? Ja, meiner Seel', so genau weiß ichs, nach zwanzig Jahren, nicht mehr; sechsmal, denke ich, oder achtmal; kann aber irren. (Unsicherer als vorher also; draußen haben sie gewiß von der Fährniß beeideter Aussage gesprochen.) Ein starnberger Fischer, der mit einem preußischen Grafen, dann gar mit einer Durchlaucht reist, sollte sich solcher Erlebnisse rascher erinnern. Wo waren Sie mit dem Fürsten? Die Hand tastet nach der Schneckenhöhle des Ohres. Schwerhörig; bitte, zu bedenken. (Die unrichtig beantwortete Frage war eben falsch verstanden worden. Bauernschlauheit oder Rathschluß von der Höhe?) Wo Sie waren, möchte ich wissen. In Garnisch; in Meran. Habs eh schon gesagt. In Liebenberg. Weiter. Ja, auf der Durchreise in Berlin. Fünf Tage lang. Ich sah mir die Stadt ordentlich an; und der Fürst hat natürlich gezahlt. Ich sollte ja für ihn fischen und seinen Fischer unterrichten. Sonst nirgends? Zürich fällt mir noch ein. Nun ists wohl völlig; aber ich kann den einen oder anderen Ort vergessen haben. (Unvorsichtig. Ernst hat lebenden Nachbarn von der Riviera, von Rom, besonders oft und anschaulich von Egypten erzählt. Wenn die Leute vorträten und es bezeugten, stünde es um den Glauben an seine Wahrhaftigkeit schlecht. Der Justizrath bedrängt ihn aber nicht; läßt ihn ruhig gehen und müht sich um sanfte Tonart.) Sie sagten, der Fürst habe Sie als Kammerdiener mitgenommen? Freilich. Hat er seine Diener heimgeschickt? Nicht doch. Die blieben in Starnberg. Warum zog er Sie vor? Weiß nicht. Werde ihm wohl gefallen haben. Das, konnte ich mir denken, ist seine Sache und geht mich nicht an. Ganz richtig. Nur (ich will Ihnen nicht wehthun und Ihre Tüchtigkeit nicht bezweifeln) ists immerhin auffällig, daß ein verwöhnter Herr einen Fischerknecht dem erprobten Kammerdiener vorzieht. Mag schon sein. »Hat er, bevor er Sie engagirte, denn gefragt, ob Sie sich drauf verstehen?« »Das weiß ich heute nicht mehr. Möglich, daß er gefragt hat; möglich, daß ers nicht that.« »Aufgefallen ist Ihnen nichts dabei?« »Was sollte mir denn auffallen? Er konnte mich brauchen und ich wollte die Welt sehen.« »Sie leben lange in Starnberg; kennen Sie einen ähnlichen Fall? Ich meine, ob Ihres Wissens schon einmal ein Fischerknecht als Kammerdiener mit einem Grafen oder Fürsten auf die Reise gegangen ist.« »So vom Fleck weg kann ich da weder Ja noch Nein sagen; ich habe geschworen.« (Wieder das Angstsymptom.) »Denken Sie nur in aller Ruhe nach. Wir haben Zeit.« »Nein. Einen anderen Fall, einen, wo es auch so lag, weiß ich nicht anzuführen. Aber der Fürst kann mir nichts nachsagen und ich kann dem Fürsten nichts nachsagen; und auch die Leute können nichts beweisen.« (Da ists heraus. Beweisen: so hat er vormittags nicht geredet. Aber beweisen können nur wir Zwei einander was. Keiner sonst. Was die Leute tratschen, gilt nicht gegen unsere Eide.) Der Mann ist noch immer, unfaßbar, in sein Gehäus verkrochen.

»Ich glaube nicht, Herr Justizrath, daß wir viel weiter kommen.« Diesmal sprichts der Oberlandesgerichtsrath aus. Dann, zu dem Zeugen: »Herr Ernst, Sie sind ein verständiger Mann, der seine Pflicht kennt. Sie dürfen nichts, was zur Sache gehört, zurückhalten. Die Folgen wären sehr arg für Sie. Wollen Sie noch Etwas sagen?« Ich hab' nix mehr zu sagen. Was ich zu sagen hatte, hab' ich gesagt. »Herr Justizrath, geben Sies auf?« »Ich möchte von dem Zeugen nur erklärt hören, warum gerade ihn, einen nur an grobe Arbeit gewöhnten Fischerknecht, der Fürst zu persönlicher Dienstleistung nahm, die doch gelernt sein will.« Die Finger der rechten Hand, die Schwurfinger, krümmen und steifen sich hastig. Die Sucht, unbefangen zu scheinen, hat auch in den Rumpf nun Bewegung gebracht. Der windet sich wie in wirrem Traum. Der Kopf wippt nach vorn; neigt sich auf die Seite. Die Schultern heben sich. Jetzt ists, als recke der Mann sich auf die Zehen. Nur einer Fettspur gleicht noch, was vorher ein Lächeln war. Bernstein tritt dicht neben ihn. »Herr Ernst, ich will Ihnen Etwas sagen. Der Herr, der hier sitzt, ist mein Klient. Der soll, auch mit wegen des Fürsten Eulenburg, eingesperrt werden. Wenn Sie jetzt die Unwahrheit sprechen: früh oder spät kommts doch heraus; und, so leid mirs thut, ich müßte Sie dann ins Zuchthaus bringen,« Auge in Auge. Ganz ruhig; fast zärtlich. Dennoch: der Blick des Fischermeisters wird stier; irrt nun von den Richtern zu diesem Ankläger, von ihm zu den Richtern zurück; möchte aus der Höhle ins Erdreich fliehen: und muß den Augenpaaren, die ihn suchen, Stand halten. »Warum?« »Warum er gerade mich mitgenommen hat? ... Ja ... Das sind so Sachen ...« »Von den Sachen wollen wir reden, Herr Ernst!«

Der Richter ist aufgestanden. Ragt mit dem Barrett bis ans Gebälk. Der Größte im Saal. Auch der Weiseste. Der sicherste Menschenbehandler. Ein Richter. Er winkt den Fischermeister dicht vor den Gerichtstisch. Will er ihn hüten? Will strafen? Wie ein Kindchen ist der Starnberger nun in der Hand dieses Starken. »Ernst! Der Herr Justizrath hat da vom Zuchthaus gesprochen. Das war nicht so gemeint. Nicht als Drohung. Sollte nur heißen, daß er selbst eine schwere Pflichterfüllung nicht scheuen würde. Das dürfen wir Alle nicht. Sie auch nicht, Ernst. Niemand bedroht Sie hier. Niemand will aus Ihnen herausholen, was nicht in Ihnen ist. Niemand kann und darf es. Hier kommt Jeder zu seinem Recht. Jeder auch zu seiner Pflicht. Ich verstehe ja, daß es Ihnen nicht leicht werden könnte, die Wahrheit zu sagen, wenn diese Wahrheit so wäre, wie Mancher in diesem Saal glaubt. Sie sind ein geachteter Mann, haben Kinder: und müßten nun unsaubere Geschichten ausgraben. Das Leben erspart uns so schwere Stunden nicht immer, Ernst. Es muß sein. Sie haben uns schon viel Geduld und Lungenkraft gekostet. Ueberlegen Sie. Wollen Sie eine Pause? Jetzt sind Sie erregt. Man soll nicht sagen, hier sei in Sie hineingepulvert worden. Das kommt auch vor. Viel kommt vor. Beruhigen Sie sich zuerst einmal. Wenn Sie als anständiger Mann handeln, kann Ihnen nichts geschehen. Wollen Sie für eine Viertelstunde hinaus?« Langsam gurgelts hervor: »Ich brauch' keine Pause.« Still steht der Richter. (Eines Holbein Haltung und Haupt.) Unter flammendem Auge tönt es nun gütig, fest, zum Bittersten entschlossen: »Ich muß jetzt Ihre Vernehmung abschließen. Zum letzten Mal bitte ich Sie, wahrhaftig zu sein. Haben Sie wirklich weiter nichts zu sagen, so that unser wiederholtes Mahnen Ihnen Unrecht. Wir sind Menschen und irren menschlich. Allwissend ist Einer nur. Der sieht, was Ihres Herzens Falte dem Licht birgt. Denken Sie daran, Ernst. Den letzten Richter betrügt Keiner. Noch Anderes müssen Sie bedenken. Wenn Sie als junger Bursche von einem vornehmen Herrn zu häßlichen Sachen verleitet worden sind: kein Rechtschaffner kann Sie darum schelten. Keiner, der je in Gefahr stand und sich selbst erkannt hat, wirds thun. Und die Anderen zählen nicht. Das offene Eingeständniß macht Sie der Achtung nur würdiger. Wenn Sie aber, geschähe es auch aus Scham, triebe Sie auch der an sich lobenswerthe Wunsch, einen Anderen, dem Sie vielleicht Dank schulden und der um sein Leben ringt, zu schonen, wenn Sie hier Falsches beschwüren: Ernst, Sie wären für all die Jahre, die Ihnen noch bleiben, ein unglücklicher, friedloser Mann, der vor jedem Zufall zittern müßte; denn jeder Zufall könnte Sie in die Gefahr furchtbar strenger Strafe bringen. Noch ist es Zeit. Antworten Sie, ganz ruhig, wie Ihr Gewissen befiehlt. Ich frage Sie nur dieses eine Mal noch: Ist zwischen dem Fürsten zu Eulenburg und Ihnen niemals etwas Unsittliches vorgekommen?« Man hört den Athem. Des Fischermeisters Rechte krallt sich, über dem Herzen, in die Brust. Wie in Wehen schüttelt er sich. Die Zunge strauchelt im trockenen Schlund; sucht sich an der Lippenwand einzuspeicheln; und stammelt nun:

»Jetzt ... Gar nie ... Das kann ich nicht sagen.«

Wie durch feuchte Schleier sehe ich den Fischermeister. Sehe den bleichen, hohen Mann vor seinem Richterstuhl. Jedem Hörer fliegt der Puls. Kein überlautes Wort ist gesprochen, Keiner majestätisch angewettert worden: und Jeder hat Unvergeßliches erlebt. Der Richter setzt sich. Noch bebt auch in ihm die Erregung nach. Die Mahnung, die inniges Pflichtbewußtsein ihm abzwang, hat einen Menschen getötet. Einen Mächtigen. Einem Kleinen wohl die Alterspfründe geschmälert. Er dämpft die Stimme; als sei eine Leiche im Haus. »Sprechen Sie, Ernst. Was also ist vorgekommen.« Noch einmal bäumt sich die Kreatur. »Ich weiß gar nichts.« Mancher Richter wäre nun wild geworden. Dieser hebt nur den Blick. Misereor supra turbam. »Zu spät, Ernst. Sie können Keinen mehr retten. Der Stein ist im Rollen. Trachten Sie, daß er nicht auch Ihr Glück noch begräbt!« Nun tröpfelts wieder; wie vor der Mittagsstunde. »Wenn ichs dann sagen muß: wie die Leute reden, so wars. Wie mans nennt, weiß ich nicht. Er hat michs gelehrt. Die Gaudi. Die Lumperei. Ja, keinen richtigen Namen weiß ich nicht. Wenn wir so hingefahren sind, haben wirs im Kahn gemacht. Er hat angefangen. Wie hätte ichs wohl gewagt! Einem so feinen Herrn! Und ich wußte ja nichts davon. Zuerst fragte er, ob ich ein Mädel habe. Da gings dann weiter.« Zweimal, dreimal noch der Versuch einer Retizenz. Nicht lange. Allmählich wirds klar: Einleitung und Verlauf ganz wie bei Riedel. Nur: Jahre lang; bis in die neuste Zeit. Ekel würgt das Mitleid. Ekel vor dem Schänder ehrlich reifender Mannheit. Auch der Richter ist wieder ruhig. »Sie sehen, Herr Justizrath, man lernt nicht aus!« Die Stimme klingt hell und ein liebenswürdiges Lächeln deute die Worte: Zweimal wollte ich Sie hindern, das Verhör fortzusetzen; zweimal Ihnen wehren, der Wahrheit ans Licht zu helfen. Ich hatte zu hoffen aufgehört. Man lernt nicht aus.

Jakob Ernst taumelt. Wie Einer, unter dem der eben noch feste Grund wankt. Die Herzensangst greift nach der Kante des Richtertisches. »Ich möcht' wohl hinaus. Jetzt.. Ein Wasser wär' gut,..« Wilhelm Mayer füllts ihm in sein Glas. Dem Menschen der Mensch. Wartet, bis die kleinen Schlückchen durch den klebrigen Kehlraum sind. »Nimm Dich nur vorm Meineid in Acht, Du!« hat Ernst morgens zu dem poltersüchtigen Riedel gesagt. Jetzt ist Abend geworden.

Verzicht auf alle weiteren Beweismittel. Kurze Schlußvorträge. Wir sahen einen Menschen bis in die tiefste Wesenswurzel erzittern, sahen einer Wahrheit schwere Entbindung: wie wirkte da noch ein Wort? Das Allernöthigste nur. Berathung. Urtheil. »Ich schließe die Sitzung.« Der Richter.

Satyrspiel.

Den Grafen, den Fürsten Philipp zu Eulenburg habe ich seit dem Jahr 1894 oft heftig angegriffen; nicht als politischen Gegner (wußte doch Keiner je, woran Der glaube), sondern als den unwahrhaftigsten, skrupellosesten, gefährlichsten Höfling im Reich. Von seinen persönlichsten Verhältnissen hörte ich aus dem Mund seiner Freunde und Feinde nur allzu viel: von den ostpreußischen, bayerischen, oldenburgischen Geschichten; vom Unglück des Bruders, von der Flucht zweier Kinder, die im schrillsten Ton über den Vater sprachen. Nicht ein Wort davon wurde hier erwähnt; nicht eins über seine weitere Verwandtschaft gesprochen. Erst als er im Marokkojahr den alten Freund Raymond Lecomte wieder herangewinkt und bald danach die Perversität eines dritten Albrechtsenkels Zungen und Federn in Bewegung gesetzt hatte, fragte ich, ob für den neuen Ritter des Schwarzen Adlers mildere Satzung gelte als für den preußischen Prinzen, der wegen geringeren Fehls der Johannitermeisterschäft unwürdig sein sollte. Der Kluge war klug genug, nicht klug zu sein. Zwar schickte er (nicht zum ersten Mal) Friedensboten; brach dann aber den von ihm erbetenen und schriftlich bestätigten Waffenstillstand. Zwar klagte er, der allein, nach dem letzten Angriff, Grund dazu hatte, nicht, sondern begnügte sich mit dem Spuk einer Selbstanzeige; schickte aber den Freund vor, der gar nicht beleidigt, nur als Philis Vertrauensmann und kritiklos williger Hofberichterstatter genannt worden war. Was ich wünsche, ist seit dem Maimond erreicht. Noch immer will ich die Herren schonen; und verzichte vor dem Landgericht am ersten Tag auf alle aggressiven Beweise. Eulenburg schwört. In einem anderen Verfahren hatte er mit schlau gefügten Worten und plumpen Schimpfreden gegen mich seine Richter und Landsleute zu täuschen versucht und vermocht. Ein Eid, der das Wesentlichste verschwieg: ein Meineid. Jetzt trieb Tollkühnheit den von den alten Feinden aus der Holzpapierwelt plötzlich Gehätschelten ins Verderben. Einen unter Anerkennung der reinen Motive verurtheilenden Gerichtsspruch hätte ich hingenommen. Nun gings nicht. Eine Arbeit, die leicht wiegen mag, aber mühsam und sauber geleistet wurde, war zu vertheidigen. Ich habe den Meineidigen nicht angezeigt. Das Ergebniß des münchener Prozesses zwang zur Verhaftung des Fürsten. Und als beeideter Zeuge durfte ich nichts mehr verschweigen.

Fürst Philipp zu Eulenburg und Hertefeld hat a) in dem Strafverfahren gegen den Schriftsteller Adolf Brand, b) in dem zweiten erstinstanzlichen Verfahren gegen mich wissentlich ein falsches Zeugniß mit einem Eide bekräftigt; in dem Fall sub b wissentlich zum Nachtheil des Angeschuldigten, dessen Verurtheilung er herbeiführen wollte und herbeigeführt hat. Beweise: in dem Fall sub a das Sitzungprotokol, das Zeugniß der Prozeßbetheiligten und der Kriminalkommissare von Tresckow und Dr. Kopp (die erweisen werden, daß der Fürst wissentlich das Wesentlichste verschwiegen und dadurch den Glauben zu schaffen und durch einen Eid dem Gericht zu suggeriren versucht hat, seine vita sexualis sei vollkommen normal); in dem Fall sub b das in meiner Sache von der Vierten Strafkammer verkündete Urtheil und das Zeugniß der Prozeßbetheiligten (die erweisen werden, daß der Fürst jede Geschlechtsneigung zu männlichen Personen, jede mit solchen Personen jemals begangene »Schmutzerei« [insbesondere mutuelle Onanie] abgeschworen, sich als durchaus normal hingestellt, also wieder wissentlich einen falschen Eid geleistet hat). Den stärksten Beweis für Art, Umfang und Wirkung der eulenburgischen Aussage liefert die »namens des Fürsten« abgegebene Erklärung des Herrn Oberstaatsanwaltes Dr. Isenbiel, der in öffentlicher Gerichtssitzung gesagt hat, wer nach dieser Aussage auch nur noch den allergeringsten Zweifel an der Normalität des eulenburgischen Sexuallebens äußere, beschuldige den Fürsten direkt des Meineides. Durch zwei wissentlich falsche Eide hat Fürst Eulenburg den Glauben (zu meinem Nachtheil) geschaffen, er habe sich nicht nur niemals gegen § 175 StGB vergangen, sondern auch nie irgendwelche Neigung zum Sexualverkehr mit männlichen Personen gehabt. Daß diese beiden Aussagen wider besseres Wissen dem Gericht vorgetragen wurden, mußte bewiesen werden.

Ist bewiesen worden; trotzdem die Hauptverhandlung nach achtzehntägiger Dauer abgebrochen und ein Halbdutzend der wichtigsten Zeugen gar nicht verhört worden ist. Bewiesen, daß der Angeklagte den Diener Franz Dandl an die Waden gefaßt, ihm später den Arm um die Schulter gelegt und seine schlanke Schönheit gepriesen hat. Als Gast des Kaisers auf der »Hohenzollern« im Sommer 1898 den Matrosen Trost in eins der Gespräche zu ziehen versuchte, mit denen Homosexuale ihre Anbändelungen einzuleiten pflegen, und sich dem jungen Mann mit einer Frage näherte, deren unfläthiger Wortlaut die öffentliche Wiedergabe nach unserem Strafgesetz unmöglich macht. Den Fischer Georg Riedel zu widernatürlichem Geschlechtsverkehr verführt und in der gräflichen Wohnung einem Freund zum gröbsten päderastischen Akt zu verkuppeln versucht hat. Mit dem auf die selbe Weise umgarnten Fischer Jakob Ernst Jahre lang (ungefähr zweihundertmal) homosexuell verkehrte und oft, in verschiedenen Städten, unter einer Decke schlief. Das sind die Hauptergebnisse der Beweisaufnahme. Festgestellt ist ferner, daß Fürst Eulenburg dreimal versucht hat, Jakob Ernst zum Meineid zu verleiten: durch einen Brief, den der Untersuchungrichter in Starnberg fand; durch einen zweiten Brief, den Hofrath Kistler dem Fischer bringen mußte, aber nicht zurücklassen durfte; und durch eine Botschaft, die der von Philis Gnaden mit zwölf Orden geschmückte Hofrath auf seiner Lippe ins Fischerhaus trug. Die Geschworenen kamen nicht zum Spruch. Untersuchungrichter und Oberstaatsanwalt haben erklärt, daß sie an der doppelten Schuld des Angeklagten nicht den geringsten Zweifel hegen. Weil Eulenburg die Welt seines Empfindens, in der andere Sittlichkeit, Schönheit, Tugend gilt, andere Gottheit wirkt als in unserer, den auf die Höhen und die Tiefen der Uraniermystik nicht zugelassenen Richtern nicht schildern konnte und doch trachten mußte, die Seltsamkeit seines Wesens irgendwie zu erklären, gab er sich für einen Künstler, einen allzu gutmüthigen und allzu enthusiastischen Freund aus (vor Geschworenen, wie pfiffige Schlauheit empfehlen mußte, auch für einen Mann des Volkes, der einem Dorfbewohner im schlichten Rock nie einen geschniegelten Hofherrn vorgezogen habe). Ob er sich Güte und Enthusiasmus mit Recht zusprach, braucht nicht geprüft zu werden. Der Kranz, den er sich in foro gewunden hatte, welkte schnell. Als Landgerichtsdirektor Kanzow, der dem Schwurgericht vorsaß, den Angeklagten aufforderte, der ausführlichen Darstellung seiner Vorzüge nun auch ein offenes Wort über seine Fehler folgen zu lassen, wurde ihm, zwischen Seufzern, nur das Uebermaß an Gutmüthigkeit und Enthusiasmus bekannt. »Diese Eigenschaften«, sprach er, »meinte ich nicht; würde sie auch kaum zu den Fehlern rechnen. Ich dachte, Sie würden selbst das Bedürfniß haben, über die Mängel Ihrer Wahrhaftigkeit uns Etwas zu sagen.« Das härteste Wort, das der des Meineides und der Verleitung zum Meineid Angeklagte in achtzehn Verhandlungtagen hörte. Er hatte es verdient. Von dem unentreißbaren Recht des Angeklagten, Unwahres auszusagen, gar zu reichlichen Gebrauch gemacht. Schon als Zeuge, der doch schwor, die reine Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen und nichts hinzuzusetzen, hatte er eine Fülle wissentlich falscher Angaben aufgetischt. »Der Reichskanzler ist bekanntlich mein Freund. Mit Herbert Bismarck war ich eben so befreundet wie mit dem Grafen Kuno Moltke. Zu männlichen Personen habe ich in meinem Leben nie auch nur die geringste Geschlechtsneigung gehabt. Seit ich nicht mehr Botschafter bin, beschäftige ich mich absolut nicht mehr mit Politik. Mit Herrn Lecomte (der im Lauf eines Jahres zehnmal in Liebenberg war und den Fürsten auch in Berlin sah) habe ich über den Marokkostreit und über deutsch-französische Friktionen nur ein einziges Mal, bei flüchtiger Begegnung auf der Straße, gesprochen. Herrn Harden hätte ich verklagt, wenn nicht alle Juristen, die ich fragte, mir gesagt hätten, diese Angriffe seien gerichtlich nicht faßbar.« Das wurde in der Hauptverhandlung gesagt, in der ich mich gegen die Anklage, den (im Kampfe wider den Lieberberger nur gestreiften) Grafen Moltke beleidigt zu haben, zu wehren hatte; und vom Gericht als ein unantastbares Zeugniß hingenommen. »Die Behauptung, mein Geschlechtsleben sei abnorm, hat der erste Reichskanzler aufgebracht und verbreitet, um sich dafür zu rächen, daß ich in der Zeit des Konfliktes nicht zu ihm gehalten hatte, sondern zu Seiner Majestät. Das war der Partherpfeil.« Der in Gift getauchte Pfeil, hörts, den der fliehende Bismarck gegen den tugendsamen Helden Philipp Eulenburg von der Sehne schickte. Und so weiter. Alles wider besseres Wissen. Alles beschworen. (Shakespeares Wintermärchenszene zwischen dem alten und dem jungen Schäfer. Der Alte: »Sagen magst Dus; darfst aber nicht schwören.« Der Rüpel: »Nicht schwören, da ich jetzt ein Edelmann bin? Bauer oder Bürger mögens sagen; ich wills beschwören.« Der Alte: »Wenn es nun aber falsch ist, Junge?« Der Rüpel: »Und wenns noch so falsch wäre, dürfte ein echter Edelmann es, zum Besten seines Freundes, beschwören.« Das hörte Englands hoher und höchster Adel lächelnd; der brave Bill, der dem Haufen nie eine bittere Wahrheit ersparte, war ja kein Demokrat. Heute weiß jeder Unbefangene, daß der Edelmann nicht mit leichterem Herzen schwört als der Bauer und Bürger. Daß der Adel noch die Kraft und den Willen zur Ausscheidung unwürdiger Standesgenossen hat.) Von dem Angeklagten, den keine Schwurpflicht schreckt, war also Manches zu erwarten. Und er hat nicht enttäuscht; hat die Erwartung übertroffen.

Gegen die Thatzeugen Georg Riedel und Jakob Ernst schien nicht viel zu machen. Sie waren in München, Berlin, Liebenberg, Starnberg und abermals in München bis ins Winzigste vernommen und ihre nachprüfbaren Angaben beim Augenschein als richtig befunden worden. Der Untersuchungrichter, Landgerichtsrath Schmidt, ein gescheiter, energischer und durchaus nicht weltfremder Herr, erklärte unter seinem Eid, er habe nicht den allergeringsten Grund, nach den ausführlichen und oft wiederholten Verhören die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen anzuzweifeln. Die Verhaftung des Fürsten habe er, trotz dem Drängen des Oberstaatsanwaltes, erst beschlossen, als die Zeugen bei der Konfrontirung in Liebenberg aufrecht geblieben waren. »Das Resultat bestärkte mich so in meiner Ueberzeugung, daß ich sofort die Verhaftung anordnete.« Im Fürstenschloß liegt der Herr im Bett; der preußische Richter kommt mit zwei einfachen Männern aus Bayern: und das Ergebniß ist, daß die Durchlaucht verhaftet wird. Was war vor dem berliner Schwurgericht danach zu thun? Riedel hat viele Vorstrafen; nicht mehr freilich als mancher grobe, rauflustige Landsmann, dem die Kirchweihabenteuer bei den Mitbürgern die Achtung nicht schmälern, und nur eine, die seine Zeugnißfähigkeit herabsetzen könnte. Der fünfundsechzigjährige Oberlandesgerichtsrath Jehle, der den wilden Georg oft vor seinem Richterstuhl sah, oft strafen mußte und durch üble Nachrede von ihm gekränkt worden ist, tritt vor das Gericht und spricht also: »Riedel ist streitsüchtig, kann Zunge und Faust nicht zügeln; was man so ein Rauhbein nennt. Er sagt einfach heraus, was er denkt, ohne zu fragen, ob es ihm Nutzen oder Schaden bringe. Gegen seine Ehrlichkeit liegt kein Verdacht vor. Die schwerste Strafe bekam er, weil er mich beleidigt hatte. Man glaubte ihm damals nicht, daß er das dumme Gerede Anderen nachgesprochen habe, sondern nahm an, er habe es erfunden und wider besseres Wissen verbreitet. Wenn ich der Verhandlung beigewohnt hätte, wäre es anders gekommen; denn ich traue dem Riedel nicht zu, daß er etwas Verleumderisches erfindet.« So spricht ein alter Richter über den Mann, den er oft verurtheilt und der ihm Bestechlichkeit nachgeschwatzt hat. Das Urtheil zweier anderen Richter, Mayers und Schmidts, lautet eben so günstig. Nord und Süd sind einig. Einen so stark gestützten Zeugen umzuwerfen, hofft wohl nur der Verzweifelnde. Riedel hat, weil er durch Eulenburgs Eid einen Unschuldigen geschädigt glaubte, die Wahrheit gesagt und sich selbst dadurch Geschäftsverlust, Unbequemlichkeit und Aerger aller Art zugezogen. Für die Richtigkeit seiner Aussage zeugen innere Gründe mit überwältigender Kraft: was er bekundet, kann nicht falsch sein, weil nur Einer, ders erlebt hat, diese Einzelheiten anzugeben vermochte. Und der trotzige Grobian läßt nicht ein Wort mehr, als das Gewissen erlaubt, von der sonst so flinken Zunge und scheut vor dem Aergerniß der Selbstbelastung nicht zurück. Er ist von dem Grafen Philipp verführt, mit einem ansehnlichen Häuflein Geld beschenkt worden und, trotz naher Aussicht auf noch höheren Gewinn, weggelaufen, als ihm zugemuthet ward, in Eulenburgs Wohnung mit dessen feinem, weißhäutigem Freund wie mit dem Weibe der Mann zu verkehren. Daß er den Mann kenne, muß Eulenburg, dessen Aussagen einander vorher widersprochen hatten, jetzt ja selbst zugeben. Nur: »Mein Leben war so reich, so bewegt; da war dieser Riedel nur eine vorüberhuschende Figur, an die ich mich kaum noch erinnere.« Natürlich ist nichts Schmutziges vorgekommen. Und der Fürst faßt nicht, warum der Mann ihn belastet.

Auch nicht, wie Jakob Ernst zu seiner Aussage gelangt sein könne. Oder doch? Der getreue, dem hohen Herrn fast knechtisch ergebene Fischermeister ist ihm nicht nur durchs reiche Leben gehuscht; hat ein Vierteljahrhundert lang mit ihm verkehrt, viele Reisen gemacht, oft das Lager getheilt und galt schon in Jehles starnberger Richterzeit als »Eulenburgs Verhältniß«. Gegen Den ist auch kein Kriminalverdacht vorzuflunkern. Trotz dem Gerede über das Verhältniß hat ers zu besonderem Ansehen gebracht; und auf dieses Mannes Verschwiegenheit hätte der Fürst (diesmal nicht wider besseres Wissen) geschworen. Der schien ihm der Treuste der Treuen. Erstens hat Durchlaucht dem Fischerjackl Jahrzehnte lang Wohlthat erwiesen. (Wohlthat darf mans vor einem deutschen Gerichtshof heißen, wenn ein Höfling Einem, den er listig zur Mutualbefriedigung verleitet und in sein Bett genommen hat, mit Sümmchen, deren Verlust ihn nicht drückt, vorwärtshilft. Wer dem verführten Mädchen aus voller Kasse des Lebens Nothdurft bezahlt, ward bisher nicht als Wohlthäter gefeiert.) Zweitens hat er ihn in einem herzlichen Brief gebeten, nichts zu sagen, da »doch Alles verjährt ist«; in einem Brief, der nach der landgerichtlichen Hauptverhandlung in Sachen wider Harden (also nach dem Antrag, Riedel und Ernst zu vernehmen) geschrieben war, Drittens hat er ihm den Hofrath Kistler geschickt, der einmal einen Brief des Fürsten brachte (und, als Jakob ihn gelesen hatte, in einem vorbereiteten Umschlag dem Schreiber zurückschickte) und bei dem anderen Besuch mahnte: »Wenn Du nach Berlin kommst, sagst nichts von den Sachen« (mit einer Handbewegung, die keinem Zweifel ließ). All dieser Liebe Mühen war nun als nutzlos erwiesen? Das münchener Amtsgericht hat Ernsts Geständniß »zugleich ergreifend und überzeugend« genannt und Oberlandesgerichtsrath Wilhelm Mayer (der erwähnte, das Urtheil sei einstimmig beschlossen und die Stimme des Vorsitzenden zuletzt abgegeben worden) hat vor dem berliner Schwurgericht als beeideter Zeuge gesagt, der Augenblick, da Ernst im Kampf gegen Scham und Furcht den Muth zur Wahrhaftigkeit fand, habe ihn plötzlieh an die Minute erinnert, in der ein Mörder sich, nach hartnäckigem Leugnen, vor ihm endlich zum Schuldbekenntniß entschloß; in Ernsts Augen und Antlitz seien die selben Vorgänge sichtbar geworden. Zu solcher Bestimmtheit wagt nur ein völlig überzeugter Richter sich vor. Fürst Eulenburg aber sagt, Ernst sei in der münchener Verhandlung das Opfer »geistiger Nothzucht« geworden; Justizrath Bernstein habe ihm so zugesetzt, daß der Zeuge die Wahrheit widerrief. Also, weil der Anwalt ihn dringend vor den Folgen des Meineides warnte, rasch einen Meineid leistete und Unwahres beschwor, das ihn schwer belastete und schädigte? Das ist ein vollkommener Unsinn. Schon die innere Wahrheit dieser Zeugenaussage mußte jeden Zweifel verscheuchen. Wie das Bekenntniß einer Ehefrau wars, die nach langem Sträuben, langem Tasten von einem ins andere Versteck zugeben muß, daß der geliebte Mann Schuld auf sich geladen hat. Ernsts Aussage muß wahr sein, weil sie, nach der Art Ihrer Entstehung und mit der kunstlosen Fülle ihrer Details, nicht unwahr sein kann. Den Anwalt (dem Ernst nach freimüthiger Bekundung fröhlich ins Gesicht lachen durfte) soll der vom Richter geschirmte Zeuge mehr gefürchtet haben als seinen Fürsten? Wenn er dabei blieb, daß nichts Schmutziges geschehen sei, mußten die Starnberger schweigen und er konnte fürstlichen Lohn von der Gnade des Herrn heischen. Er soll Vermögensverlust, Schande, Meineidsgefahr vorgezogen haben? Und die zärtlichen Briefe von Eulenburgs Hand, die bei der Haussuchung gefunden wurden? Das verleitliche Schreiben von den verjährten Sachen? (»Der Ausdruck hat sich nur, ich weiß selbst nicht, wie, hineingeschlichen«, sagte der Angeklagte; und wähnt, damit das gröbste Verleitungmerkmal weggewischt zu haben.) Kistlers Missionen? Ist es nicht Wahnsinn, gegen einen so stark gepanzerten Zeugen anzurennen? Doch Philipp kennt seinen Jakob. Den kranken, schwerhörigen, scheuen Menschen, dem die Zeugenpflicht ein Martyrium ist, der immer noch der so lange angestaunten Macht des Herrn zu erliegen fürchtet. Den kann ein schlauer Dialektiker am Ende verwirren, in Wortfallen locken, als einen allzu schweigsamen, zu viel zurückhaltenden Zeugen verdächtig machen. Nicht dem Richter von inneren Berufes Gnade; dem kriminalpsychologisch unerfahrenen Laien vielleicht, der den Schwurgerichtsspruch bestimmt. Auf solche Möglichkeit baut der angeklagte Fürst vor der Zuchthauspforte seine Hoffnung.

Skrupel plagen ihn nicht. In Liebenberg wurde ein Häuflein vergilbter Homosexualliteratur gefunden; auf dem Einpackpapier stand, von Philipps Hand geschrieben, der Name »Graf Edgar Wedel«. Ist der Graf, den die Enthüllung des in den Isaranlagen und auf der Sendlingerthorwache Erlebten das Kammerherrnamt und die Dienstwohnung im berühmten Prinzessinnenpalais gekostet hat, der Besitzer so verdächtiger Waare? Vor dem Untersuchungrichter bestreitet ers wüthend (und erzählt im Zorn, Eulenburg habe ihm aus China stammende Bilder, die päderastische Akte darstellen, gezeigt und verheißen). Der Angeklagte wird gefragt. »Ja, die Bücher gehören mir; da es aber leicht zu Mißdeutungen gekommen wäre, wenn man sie in meinem Nachlaß gefunden hätte (ich bin ja schon sehr lange krank und kann jeden Tag sterben), habe ich den Namen meines alten Freundes Edgar Wedel draufgeschrieben.« »Halten Sie solchen Versuch, von sich den Verdacht auf einen Anderen abzulenken, der davon nichts ahnt, denn für anständig?« »Ja... Ich muß zugeben, daß es nicht schön von mir war; aber Wedel ist Junggeselle: Dem hätte es nicht so geschadet wie mir.« Dem Fürsten zu Dohna-Schlobitten, der ihn einen verlogenen Kerl genannt hat, sagt er nach: »Dieser Fürst ist das Aergste an Neid und Mißgunst, was mir auf der Erde je vorgekommen ist, und außerdem in seinen Urtheilen ganz unzuverlässig.« Als er den Diener Dandl ans Bein faßte, trieb ihn nicht etwa sinnliches Wohlgefallen, sondern der Wunsch, den schlecht riechenden Mann wegzuschieben; als er ihm später den Arm um die Schultern legte und Dandls schönen Wuchs rühmte, war der Geruch wohl verflogen. Auf der »HohenzoUern« will er, bei der zotigen Annäherung an den Matrosen Trost, morgens um zehn Uhr bezecht gewesen sein. »Auf Befehl Seiner Majestät gab es schon morgens an Bord eine kräftige Mahlzeit mit starken Getränken; da mein Magen mir Mäßigung im Essen gebot, hielt ich mich manchmal an die Getränke.« Oberhofmarschall Graf August Eulenburg beschwört, daß es morgens zwar, wie auf allen Schiffen, Fleisch und Fisch, an Getränken aber nur Thee und Kaffee gebe, und erklärt es (nachdem sein Vetter Etwas von Seekrankheit und Portwein gemurmelt hat) für »absolut ausgeschlossen«, daß ein vom Kaiser eingeladener Herr der engsten Tafelrunde um zehn Uhr früh nicht mehr nüchtern gewesen sein könne.

Der verirrte Geschlechtstrieb scheut so ängstlich das Licht, daß selbst in Polizeiakten meist nur Gerüchte sickern. (Daß über Eulenburg seit Jahren solche Gerüchte umliefen, hatte Herr von Tresckow schon vor der Vierten Strafkammer bezeugt; sie im Einzelnen wiederzugeben, war ihm verboten. Wenn polizeilich notirte Gerüchte, die ja nicht unter den Biertischen aufgelesen sind, einen Bureauschreiber oder Commis unnatürlichen Geschlechtsverkehres beschuldigten, würde der Mann leise gebeten, sich einen anderen Platz zu suchen. »Ich bedaure Sie und bin von Ihrer Schuld nicht etwa überzeugt; doch Sie verstehen, daß der Ruf des Hauses nicht leiden darf.« Dem Fürsten und Adlerritter hats, Jahre lang, nicht geschadet.) Stellt sich ein Thatzeuge ein, so ists fast immer ein Erpresser aus der Lustknabenzunft. Hier sind anständige Männer, die nicht Eigennutz zur Aussage drängt; denen die Zeugenpflicht nur Verlust bringt. Sind Briefe, die lauter zeugen als Menschenmund, und erwiesene Verleitung zum Meineid. Ein so lückenloser Schuldbeweis, wie er bei nicht eingestandenen Kapitalverbrechen fast nie möglich ist, von Gerichtshof und Jury kaum je verlangt wird. Ein Mann, gar einer von hohem Rang, miede vielleicht den Kampf, den erniedernden Versuch, Unbestreitbares mit Wortgespinnst zu umschleiern und das Geständniß einer Verführung und Geschlechtsverkehrsart listig zu widerlegen, die diesen Menschen zu unvergeßlichen Erlebnissen geworden sind. Der Fürst wagt den Versuch. Er leugnet Alles. Das unterscheidet ihn nicht von manchen anderen Angeklagten. Davon hofft er auch nichts Rechtes. Nichts von dem schwachen Widerhall seines Leugnens, der die dröhnende Stimme der Wahrheit nicht übertönen kann: nur von dem besonderen Reiz seiner Persönlichkeit. Ein Mann, der aus solcher Höhe stürzt, so reich begabt ward, der so angenehm plaudert, von Hochmuth so fern und dem dunklen Grab jetzt so nah ist...

Frauentaktik. »Ich bin vornehm, graziös, liebenswürdig, leidend; wo ist der Entmenschte, der ein so interessantes Wesen verurtheilt?« Ein Buchstabenrichter thäte es vielleicht; niemals ein Laie, dem des Mitleids holde Stimme ins Ohr drang. Die schönste Frau hat mit schlauster Kopfkissenkoketterie nicht mehr erreicht als dieser Kürassier a. D. mit seinen Krankheitkünsten. Aus jeder Lebensgefahr rettete er sich ins Siechenbett. Auch diesmal hats ihm geholfen. Ein des Meineides oder eines anderen mit Zuchthausstrafe bedrohten Verbrechens dringend Verdächtiger kommt nach bei uns geltender Vorschrift in eine Sträflingszelle, in der er, oft Monate lang, von der Außenwelt abgesperrt ist und mit ihr nur durch die Organe der Gefängnißverwaltung verkehren darf. Besuche, auch der nächsten Angehörigen, werden selten gestattet. Jede Möglichkeit zu unbewachten Gesprächen zu irgendeiner Kollusion wird mit dem Aufwand äußerster Sorgfalt vereitelt. Zwar bestimmt § 116 der Strafprozeßordnung: »Dem Verhafteten dürfen nur solche Beschränkungen auferlegt werden, welche zur Sicherung des Zwecks der Haft oder zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Gefängniß nothwendig sind. Bequemlichkeiten und Beschäftigungen, die dem Stand und den Vermögensverhältnissen des Verhafteten entsprechen darf er sich auf seine Kosten verschaffen, so weit sie mit dem Zweck der Haft vereinbar sind und weder die Ordnung im Gefängniß stören noch die Sicherheit gefährden.« Doch solche Erleichterungen werden nicht oft gewährt. Löwe sagt: »Ohne Genehmigung des Richters darf der Verhaftete weder Unterredungen haben noch Briefe oder sonstige schriftliche Mittheilungen empfangen oder absenden noch auch sich im Besitz von Schreibmaterialien befinden.« Hier handelt sichs um einen Mann, der nicht nur der Thatbestandsverdunkelung verdächtig und dessen Enthaftung deshalb, trotz dem Angebot ungewöhnlich hoher Kaution, von drei Instanzen verweigert worden, sondern der auch einer schon unternommenen Kollusion (Verleitung zum Meineid) beschuldigt ist. Da würde jeder Wunsch nach Vergünstigungen wohl zehnmal geprüft. Doch der Untersuchungrichter, der schon den Transport des Verhafteten gegen das Sträuben der Aerzte beschließen mußte, will noch schwerere Verantwortungslast nicht auf sich nehmen. Schickt seinen Häftling drum, statt ins Gefängniß, in die Charite, wo sichs gewiß nicht unbequemer haust als in dem Gastzimmer eines Gebirgsdorfes, und erlaubt ihm, einen Diener zu halten und die Seinen, so oft ers will, zu sehen. Freilich: zwei Kriminalschutzleute wachen; sind aber so lange beim Fürsten, daß seine bewährte Umgangskunst sie wohl vertraulich gemacht hat; und die Annahme, daß sie fremde Sprachen nicht meistern, kann die braven Männer nicht kränken. Zwei Monate gehts so; drei Aerzte, ein Diener, Krankenhauszucht und Verkehrsfreiheit. Konnte irgendwo noch verdunkelt werden, so ists inzwischen geschehen: und der Schwurgerichtspräsident hat deshalb keinen Grund, für die kurze Zeit seiner Machtvollkommenheit die Privilegien abzuschaffen. Ihm liegt nur daran, die Verhandlungfähigkeit des Angeklagten zu sichern. Der wird täglich nun in einem Automobil vors Gerichtshaus gefahren, auf einer Bahre in den Saal geschleppt, in weiche Kissen gebettet, vor und nach der Verhandlung und während der Pausen von seiner Familie umringt; von Familienmitgliedern, die in der selben Strafsache noch als Zeugen gehört werden sollten. Ein Angeklagter, der unter einer Tag und Nacht bespähten Glasglocke sitzt, von draußen nur erfährt, was der Schließer hereinläßt, zur Hauptverhandlung von Gerichtsdienern vorgeführt wird und auf dem Sünderstuhl sitzen muß, darf die Durchlaucht beneiden. Dieser Angeklagte gab sich als einen Schwerkranken, der um keinen Preis aber die Verhandlung aufgeschoben sehen, viel lieber mit dem Aufgebot letzter Kraft für seine Ehre fechten wollte: und die Aerzte glauben ihm. Ein alternder Mann, der üppig gelebt, vor Jahrzehnten schon über allerlei Gesundheitstörungen geklagt hat, von damenhafter Empfindsamkeit und an Morphium gewöhnt ist, Physis und Psyche meisterlich beherrscht und, nach dem Spruch dreier Instanzen fast überführt, dicht vor dem Zuchthausthor steht, hat immer Grund, über Neuralgie, Hitze, Kachexie zu stöhnen. Und die Welt der psychophysischen Möglichkeiten ist den meisten Aerzten heute noch mit vernagelten Brettern gesperrt. Jeder Tag brachte also Bulletins, die manchmal, wenn sie den Heldenmuth des Angeklagten rühmten, Plaidoyers ähnelten; als der Transport gefährlich schien, wurde im Charitésaal verhandelt; und schließlich den Geschworenen ein Lichtbild des geschwollenen Beines (als Beweismittel) vorgelegt. Warum? Weil der Angeklagte im Juli verhandeln und auf die Krankenrolle doch nicht verzichten wollte. In Amfortaspose auf einer Tragbahre oder gar im Bett, aus dem man sich an einer Leine aufrichten muß und in das der entkräftete Leib, wenns ihm bequem ist, zurücksinken kann: der Stärkste könnte sich in Schwurgerichtsnoth nichts Wirksameres wünschen. Jede Aufregung, spricht der Arzt, bringt hier vielleicht Lebensgefahr. Und welche Aufregung, fragt sich der Laienrichter, wäre wohl heftiger und ginge tiefer als die durch unsere Bejahung der Schuldfragen bewirkte? Soll der Wahrspruch, der Freiheit und bürgerliches Ehrenrecht nimmt, den feinen Herrn noch das Leben kosten? Als die Verhandlung, deren vorbedachter Plan dem Druck ärztlicher Befehle weichen mußte, zum zerflatternden Zerrbild geworden war, kams noch zu einem Schlußeffekt. Die Vertheidiger empfahlen die Vertagung, der Klient wehrte sich ungestüm gegen jeden Aufschub; und von seiner Stimme Gewalt bebte das Gebälk. Hält ein Schwerkranker, selbst mit der größten Willenskraft, achtzehn Verhandlungtage aus, in denen es um die ganze Existenz geht? Weiß ein Doktor der Rechte, der mit drei Anwälten den winzigsten Schritt besprochen, auch die Vertagungmöglichkeit erörtert hat, nicht, was ein Angeklagter heischen darf? Nein, flüstert der Fürst. »Ich kenne die Rechte des Angeklagten nicht.« Zwei Stunden zuvor hat sein Vertheidiger ihm die Wahrscheinlichkeit des Abbruches angezeigt; und hätte auf die Frage, ob es dagegen kein Mittel gebe, erwidert: »Euer Durchlaucht brauchen nur ruhig zu sagen, daß Sie sich zur Fortsetzung fähig fühlen; alle Betheiligten werden solche Versicherung dankbar hinnehmen.« Statt ruhiger Rede kommt ein wilder Ausbruch (dessen erstes Brodeln der besorgte Arzt von Pflicht wegen ersticken müßte): »Das Grab kann sich über mir schließen, ehe meine Unschuld erwiesen ist!« Jede Aufregung bringt hier vielleicht Lebensgefahr. Die in achtzehn heißen Tagen aufgewandte Mühe ist verthan.

Ist sies? Der Mann, der, als Verführer geschlechtlich gesund empfindender Jünglinge, auch redlichen Homosexualen ein Gräuel sein müßte, hat sich Mitleid erworben. Er wollte zwei Gegner, die ihn, gegen ihr Interesse, doch lange geschont hatten, mit seinen Meineiden ins Gefängniß schwören, zwei Zeugen, deren Aussage ihn gefährdete, ins Zuchthaus bringen: und galt nun als Totkranker, den in der nächsten Stunde die Sichel aus der Zeitlichkeit mähen wird. Erster Vortheil. Der Gesunde wäre am dritten Tag verloren gewesen; der Kranke konnte sich immer darauf berufen, daß Siechthum seine Selbstvertheidigung lähme, und das Gefecht vor der letzten Entscheidung abbrechen. Wer packt einen martyrisch Leidenden rauh an? Den Zeugen, nicht dem Angeklagten wurde Meineid vorgeworfen; die Glaubwürdigkeit der Zeugen, nicht des Angeklagten wurde mit kränkendem Wort angezweifeit. Zweiter Vortheil. Dritter: Die Möglichkeit, ohne ernste Gefährdung sich an die Schwurgerichtsluft zu akklimatisiren. Vierter: Die Gewißheit, fortan die Entwickelung der Sache mitbestimmen zu dürfen. Nur als leidlich Gesunder wird Eulenburg wieder vor die Jury gerufen; nur, wenn er nach ärztlichem Ermessen die Hauptverhandlung erträgt. Dann war die erste eine nützliche Generalprobe. Dann kennt der Angeklagte die Zeugen, hat im Krankenbett Antworten und Ausflüchte ersonnen und weiß genau, womit er zu wirken vermag. Nein: nicht ohne Nutzen für ihn ward der große Aufwand verthan.


Vom Genius hat er nichts; doch in einem bewegten Doppelleben, dessen Schauplätze Kaiserpaläste und Fischerhütten waren, die Geschicklichkeit des Mannes von vielen Graden erworben. (Richtiger hieße es: der amoureuse, die mit Szeptern gespielt und sich in geiler Wonne aufs verschwitzte Laken des Kutschers geworfen hat.) Kein Schöpfer: ein Mächler, Höfling, Magus, Artifex und Lagergenosse von Knechten. In alle Sättel gerecht. Stets auf sichtbaren Effekt und heimliches Glück bedacht und in allen Künsten der Verstellung zur Meisterschaft gereift. Nun sitzt er (oder liegt) vor Leuten, die ihn nie sahen, in deren Sinnen Name, Rang, Gunst ihm einen Nimbus dichtet und die nicht ahnen, wie oft er, seit Dezennien, im Kreis der Standesgenossen mit ärgerem Schimpf gezüchtigt ward als in Dohnas und Hochbergs Briefen. Was kann er ihnen sagen? Nichts, was die Last der Zeugenaussagen zu mindern vermöchte. Was wollen sie von ihm hören? Wie sein Erleben war (von dem sie dann träumen dürfen). Ein leidender Künstler, der sich in Kasernendrill, Diplomatenarbeit, Hofdienst schicken mußte. Der gütigste Herr, der, um den gemietheten Mann nicht zu demüthigen, das Schlafzimmer mit ihm theilt; das Bild eines treuen Dieners in seine Schreibstube hängt und aus feuchtem Auge betrachtet. Der Enthusiast, dessen heiligstes Gefühl in den Koth gezerrt wird, (»Jetzt kann ich Jedem nur rathen, keine Freundschaft zu schließen und bis in die Knochen Egoist zu sein!«) Das Opfer dunkler Ränke. Daß er in den Ruf der Homosexualität kam, hat erstens Bismarcks Haß, zweitens die Rachsucht der Klerikalen bewirkt. »Ich hatte in München Preußen nicht nur politisch, sondern auch kirchlich zu vertreten. Mein Leben lang bin ich ein Verfechter des protestantischen, in Norddeutschland wurzelnden Kaiserthumes gewesen. Das hat mir namentlich im Süden viele Feinde gemacht. Wir haben nicht in Berlin, sondern in München den Nunzius des Papstes; dort sind also wichtige Verhandlungen zu führen und ich habe sie im Sinn der protestantischen, der norddeutschen Kaiserreichsidee geführt. Dadurch bin ich dem Klerikalismus eben so wie dem bayerischen Partikularismus verhaßt geworden. Vielleicht bin ich jetzt eins der Opfer dieser großen Idee. Ich will nichts Bestimmtes behaupten; aber aus diesem Milieu heraus könnten so infame Verdächtigungen entstanden sein.« Der Vorsitzende unterbricht den Redner mit der Frage, ob er glaube, daß solche Strömung den frommen Katholiken Jakob Ernst in den Meineid getrieben habe. »Nein. Das nicht. Aber der Klerikalismus hat mir nie verziehen, daß ich ihn mit der ganzen Energie eines norddeutschen Protestanten bekämpfte.« Neue Unterbrechung. »Wollen Sie etwa die Behauptung aufstellen, der Klerikalismus habe die Briefe veranlaßt, die Sie selbst an Ernst geschrieben haben und aus denen die Art Ihrer Beziehungen zu diesem Mann hervorgeht?« Schweigen. Bayerns Ministerpräsident sagte, dem Angeklagten sei solche Diversion zu verzeihen; Graf Eulenburg habe in München kirchliche Geschäfte von irgendwelcher Bedeutung nicht zu führen gehabt und hätte sich durch konfessionelle Parteinahme eines Dienstvergehens schuldig gemacht; was er als Gesandter mit dem Nunzius zu erledigen hatte, war so unbeträchtlich, daß ers einem seiner Räthe überließ. Und als er, in seiner ersten münchener Zeit, Wertherns Sekretär war, hat er wohl auch nicht für lutherische Kultur gegen Roms Macht gekämpft. Er lebte in einem Kreis »hochgebildeter,« »edel denkender,« »charaktervoller,« »seltener« Männer, denen »innige Sympathie« ihn verband, und trachtete eher nach literarischem als nach politischem Erfolg. Was ihn beschäftigte und wer ihn in München hielt, zeigt ein Brief aus dem Sommer 1887. »Die Frage der mir angebotenen Theaterintendantur zu Weimar hat mich eine Zeit lang schwankend bewegt. Während des Besuches, den Prinz Wilhelm in Liebenberg machte, fand eine Klärung Statt. Das drohende Gespenst meiner Versetzung auf einen andern diplomatischen Posten, der ich unter den obwaltenden materiellen Verhältnissen nicht hätte folgen können, hat der Prinz, ohne mein Zuthun und durchdrungen davon, daß ich in München nützlich sei, von mir abgewendet. So bleibe ich denn in Gottes Namen, wo ich bin!« Sonst wäre er weimarer Theaterintendant geworden (und säße heute dann wohl in Hülsens Loge). So sehen die Fanatiker des Glaubenskampfes nicht aus. Und wollte der Prinz, der ihn nützlich fand, am Hof des Prinzregenten etwa einen Katholikenfeind und Stockpreußen haben? Hätte er Einen dieses Kalibers später nach Wien geschickt? Thut nichts: die Augenblickswirkung ward erreicht. Daß ein perversen Verkehres, ein des Meineids und der Verleitung zum Meineid Angeschuldigter sich für das Opfer des protestantischen Reichsgedankens ausgiebt, ist immerhin neu.

Neu (und nicht gerade würdig) auch, daß ein in solche Lebensnoth Gerathener täglich den Kaiser in die Erörterung zieht. »Seine Majestät baten mich, kräftige Nahrung zu mir zu nehmen.« »Ich stand Seiner Majestät sehr nah.« »Vor Seiner Majestät hatte ich nie ein Geheimniß; auch nicht als Privatmann.« »Herr Kistler war auf allen Nordlandreisen, die ich im Gefolge Seiner Majestät mitmachte, bei mir an Bord.« Und so weiter. Das ist der Takt des Günstlings, der einst schrieb, noch sein letzter Athemzug sei ein Gruß an Seine Majestät. In einen Brief, der ein Testament sein sollte, Herrn Kistler zur Uebergabe an den Kaiser anvertraut war und auf dessen Schutzhülle der junge Sekretär geschrieben hatte: »Nach Philipps Tod zu öffnen.« In einen Brief aus dem Jahr 1888. Damals wußte Phili, daß, wann er auch sterbe, sein letzter Athemzug ein Gruß an den Kaiser sein werde. Comediante, tragediante: wie es die Noth der Stunde heischt.


Nach achtzehn Sitzungtagen mußte, im August 1908, die Verhandlung abgebrochen werden. Im nächsten Jahr wurde der Versuch erneut, die Sache zu Ende zu führen. Auf Isenbiels Prokuratorstuhl saß nun Oberstaatsanwalt Dr. Preuß. Der hatte neue Verleitung zum Meineid festgestellt; schien entschlossen, sich weder durch Rang noch durch Mimenkunst hemmen zu lassen, und forderte die Wiederverhaftung des Angeklagten. Da kam der »große Anfall«. Als Fürst Eulenburg aus dem Schwurgerichtssaal getragen wurde, glaubten die Zuschauer, eines Sterbenden Antlitz zu sehen. Die dem Krankenwagen nachgeschickten Beamten konnten beobachten, daß Philipp in leidlicher Haltung ausstieg und fast ohne Stütze die Stufen seiner Haustreppe erkletterte. Vier Jahre lebt er seitdem; nicht in der Krankenabtheilung des Untersuchungsgefängnisses, sondern in Liebenberg, wo von Zeit zu Zeit eine Aerztekommission bescheinigen muß, daß er nicht verhandlungfähig ist. Mit Besuchern und in sein Schloß einquartirten Offizieren plaudert er über Politik, Kunst, Tagesvorgänge. Wenns nach meinem Willen gegangen wäre, hätte er die Fährniß des Angeklagten nie kennen gelernt. Niemals habe ich der Forderung zugestimmt, ihn noch einmal vors Gericht zu zerren. Unter Salomos Weisheitsprüchen ist dieser: »Freue Dich nicht, wenn Dein Feind fällt, und lasse nicht über sein Unglück Dein Herz jauchzen.« Auch die strengere Warnung aber, die Fürst Philipp zu Eulenburg im Uebermuth des, trotz innerer Schwachheit, sich allmächtig und unverwundbar Dünkenden vergaß, sprach des Predigers Mund: »Sei nicht ohne festen Grund Zeuge wider Deinen Nächsten und betrüge nicht mit Deiner Lippe. Die Untreuen werden ausgerodet und nur die Gerechten dürfen im Lande wohnen.«


 << zurück weiter >>