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Neues Österreich – neue Menschheit

Vom Anarchismus zum Patriotismus: es ist eine wunderliche Entwicklung, aber man könnte eigentlich nicht sagen, daß sie gar so selten wäre. Ein starkes Gefühl für den Wert der eigenen Persönlichkeit baut diesem Übergang die natürlichste Brücke. Der jugendliche Mensch will nichts gelten lassen als sich selbst, sein allersubjektivstes Ich. Der Reifende spürt die unerbittlichen Bedingungen um sich her, leidet und kämpft oder duckt sich und paktiert. Der Gereifte hat die inneren und äußeren Notwendigkeiten, die ihn zwingen, erkannt und anerkannt, er sucht zwischen Dienen und Herrschen sich leidlich einzurichten. Er gebraucht nun – je nachdem – die Kräfte in sich und die Gewalten ringsum als ein schlauer Knecht zum selbstischen Vorteil, oder er fühlt sich stolz als ein sehr wertvoller Teil des Ganzen, an dessen Erhöhung und Vollendung er, nach seinem Sinne und seiner Art, sein Bestes wendet. Jener Knechtische verrät die Freiheit, der er früher anhing: dieser Stolze will sie in wohlverstandener Bedingtheit nur um so fester verankern. Von den äußeren Gewalten, die der unbändig jungen Sehnsucht entgegendrücken, ist die größte und nächste immer der Staat, das politisch organisierte Volkstum, die gesellschaftliche Zivilisation. Diese drei haben, wie sehr sie auch im Wesen verschieden sein können, für den Kämpfenden nur ein Gesicht und eine Bedeutung: Zwang der Vielen gegen den Einen. Wer schwach und feig ist, lernt nun alle Kniffe des Gehorchens, wird ein eifriger (oder grinsender) Bedienter dieser Mächte, ein Patriot von geläufiger Technik und tadelloser Routine. Der Starke und Aufrechte läßt nicht nach, bevor er erprobt hat, wieviel ihnen doch, mit Sturm und Trotz, abzuringen ist. Aus diesem Ringen Brust an Brust ergibt sich ihm unvermutet die Erkenntnis, daß einer sich selbst erstaunlich nahe kommen kann, wenn er so hart an die anderen herandrängt, und daß es im Grunde nicht seine eigene, sondern auch vieler Anderer Sache ist, um die er kämpft. Er findet sich auf einmal unter den Vielen, sieht ein, daß er anders nicht sein könnte, als mit ihnen und daß er, so einzig er sich fühlen mag, nie anders als mit ihnen gewesen ist. Und was ihm früher als Bedingtheit schmerzlich und verhaßt war, wird ihm nun als Verbundenheit wichtig und wertvoll. Er denkt seinem Wachstum nach, sieht sich dem größeren Verband unlösbar eingewurzelt und schließt sich mit Lust an die höhere Organisation: an die staatliche, die volkliche oder die gesellschaftliche Gemeinschaft. Aber jede hat in seinem Vaterland ihre ganz besondere Form, die Form, die auch seinem Wesen am vertrautesten ist. So führt ihn der Wille, sich selbst in Freiheit zu entfalten, geradewegs zu einem nationalen oder humanitären Patriotismus, indem er die Sache des Volkes und der Menschheit im Vaterlande als seine eigene erkennt. Dieser dient er auf seine besondere Weise, ist Patriot auf eigene Faust, mit manchem anarchistischem Zug, aber immer zum Guten und Ganzen strebend.

Von solcher Art ist der Patriotismus Hermann Bahrs: starkes Gefühl seiner selbst, das ins Weite wirken möchte. Sein Leben lang ist er auf der Suche nach dem konzentrierten, künstlerisch und menschlich gültigen Ausdrucke seiner Persönlichkeit. In dem Bemühen, ihr Wahrstes aufzufinden, findet er seinen Stamm und sein Vaterland. Das vollzieht sich mit einer auffallend jähen Wendung, an seinem Lebensmittag. Da beschließt er die Reihe der lustigen Wiener Theaterspiele, biegt unvermittelt aus der Enge dieser lokalen Heiterkeit und bekennt sich zu einer echteren, größeren Art von österreichischen Menschen. Diese Art, meint er, kann nur noch draußen, weit von der wirren Großstadt in Reinheit gedeihen. Er geht ihr zunächst in der eigenen Heimat nach, im oberösterreichischen Land. Er will überhaupt, daß die Provinz sich auf sich selbst besinne und, unabhängig von den anders begründeten und anders gerichteten Wiener Interessen, ihre besondere Kunst erschaffe. Den jungen Leuten draußen, die solcher Losung begeistert folgen, wird er Führer, Berater, Freund. Und der »Oberösterreicher Jugend, denen vom Pan« ist das Buch gewidmet, in dem er zum ersten Male das Bild des heimatlichen Menschen, wie er ihn liebt und wie er ihn möchte, hinstellt. Dieses Buch ist »Der Franzl«. Bahr selbst nennt es das Denkmal eines guten Mannes: es enthält fünf szenische Bilder aus dem Leben Franz Stelzhamers. In Stelzhamer sieht er die Kraft und die Echtheit der heimischen Art am schönsten und freiesten vollendet. Er sagt einmal von ihm: »Sein Volk, unter dem er lebte, will vom Dichter, daß er die Kraft haben soll, die paar Gefühle auszusprechen, welche das bäuerische Leben bringt: Die Lust am Weibe, am Tranke, am Boden, die Empfindung für das Haus, für Eltern und Kinder, für die Heimat, die Gedanken an Geburt und Tod. Davon hat auf unserer Erde keiner jemals mächtiger und zärtlicher gesungen. Innigere Laute hat niemand unserer schwer und groß dahinrauschenden oberösterreichischen Sprache entrungen, als, süß und tief, in seinen Gesängen tönen. Niemals hat unsere alte Landesart im Hohen und im Geringen, im Strengen und im Milden, im Kühnen und im Sanften einen reiner nachhallenden Sänger gehabt.« Aber es ist nicht nur der heimische Sänger, an dem die Liebe des Späteren hängt, sondern auch der große Landsmann, der echte, erdverwandte Mensch. Diesem ist das Denkmal gesetzt. Es zeigt seine jauchzende Weltlust und seine tiefe Frömmigkeit, seinen Trotz, seine Schlichtheit und seinen Glanz, sein selig versöhntes Ende. Es zeigt das ganze Land und seine Leute, wie sie lustig, bockig oder herzlich sind: und zwischendurch einen Widerschein aus jener trüben Zeit politischer und sozialer Enge. Ein Denkmal, eine Mahnung, eine Hoffnung. Alles Menschliche und Sachliche steht fest und voll, in blühender Unmittelbarkeit, auf seinem Boden und ist doch zugleich Sinnbild und höheres Beispiel. Denn die innerste Seele dieser Dichtung ist zärtliche Treue zur Heimat und der Stolz auf die eigene Art, der im geliebten Vorbild sich selbst verherrlicht. Darum kann er sich auch mit der einen, historisch darstellenden Form nicht begnügen. Die freie und trotzige Art solcher Menschen erscheint ihm nicht nur als ein bedeutsames Bild der Vergangenheit, sondern auch als ein Problem des gegenwärtigen Lebens. Es ist ja der innerste Kern seiner bäuerisch starken und eigenwilligen Natur, den er da gestaltend entdeckt. In seiner vollen Lebensmitte wird ihm die Frage wichtig, wie solche selbstherrliche und nur auf sich vertrauende Kraft das Leben zwingt und beherrscht. In zwei Dramen von tragischem Charakter behandelt er dies Verhältnis vom starken Willen zum stärkeren Schicksal. In zwei Dramen, deren Handlung denselben Grundzug, deren Motiv denselben Leitgedanken hat, so daß das spätere eigentlich nur die gereinigte und erfüllte Form des ersten ist. Sie heißen »Der Athlet« und »Der Meister«. Schon aus der Verschiedenheit der Titel läßt sich der Unterschied in den Werken erdeuten. Im Athleten lebt diese Kraft fast nur ihrer Eigenheit und ihrem Herrschgelüste. Ein starker, stolzer Mensch steht da, vollsaftig, von allem Segen seines Heimatbodens angefüllt, in einem frohen Rausch von Macht und Unbezwinglichkeit. Er und alles was zu ihm gehört, ist eine eigene, unnahbare Welt, das weiß er. Und er lacht über die ängstliche Ordnung der Unfreien draußen, die ihn an ihr kleines Sollen festbinden möchten. Anarchist von Geblüt und Patriot auf seine besondere Weise. Das Schicksal packt ihn da, wo er sich am besten geschützt meint, im Gefühl seiner Unnahbarkeit. Er erfährt die Untreue seiner Frau. Sein Stolz bäumt sich auf und will Rache. Sowie er sich aber zum Richter über andere macht, unterstellt er sich selbst auch den Gesetzen der Gesellschaft und braucht für seinen Zweikampf die korrekten Menschen, die er für sein Leben nie brauchen konnte. Von diesem Widerspruch aufgeschreckt, findet sich seine selbstherrliche Natur wieder – und versagt nur dort, wo ihr Bestand eben am tiefsten angegriffen ist: im Gefühl für diese Frau. Das zweite Drama stellt den gleichen Menschen vor ein gleiches Schicksal. Aber aus dem Athleten, der nur zur eigenen Lust mit seinen Kräften spielen will, ist nun der Meister geworden, der sie in Weisheit beherrscht und nach seinem Sinne dienstbar macht. Die Freiheit ist ihm nicht bloß ein unentbehrliches Element der persönlichen Entfaltung, sondern ein geheiligtes Gut aller. Dies bestimmt den Ausgang des Stückes so, daß der Meister sich dazu vermag, der Frau nicht etwa erst zu verzeihen, sondern sogleich recht zu geben. Sie aber, gegen dieses Übermaß von Willen und Vernünftigkeit eher erbittert als erkenntlich, verläßt ihn. Es ist die Tragikomödie der Selbstherrlichkeit, die sich aus jener Tragödie des Herrenstolzes entwickelt hat. In beiden ist die eigenwillig schaltende Kraft des Freien gegen die enge Ordnung der Geringen gestellt. In beiden ist das trotzig wilde, tätig frohe Bauernblut verherrlicht, das Bahr als den Urquell seiner besten Triebe in sich selber spürt. Beide sind – in diesem persönlichen Sinne – revolutionär und patriotisch: in beiden richtet sich, hinter dem sittlichen und dem geistigen Problem erst noch vage angedeutet, eine bestimmte politische Gesinnung empor.

Vom politischen Radikalismus war ja der junge Eifer Hermann Bahrs zunächst ausgegangen; und auch in den späteren Zeiten hat er oft, im eigenen Werk oder in der kritischen Arbeit, aus den Gebieten der Kunst auf die Menschen und die Fragen der politischen Welt hinübergeblickt. So zeigt er etwa in den Wiener Erzählungen und Komödien da oder dort Figuren und Stimmungen aus dieser österreichischen Öffentlichkeit. Und seine Anfänge im Journalismus bringen eine Sammlung politischer Interviews: »Der Antisemitismus«. Es sind unübertreffliche Muster ihrer Gattung. Lebhaft im Geist, glänzend in der Form, bunt und reich, amüsant und gehaltvoll. Anzumerken ist, daß Bahr in seiner Vorrede den Antisemitismus aus einer Wollust des Hasses erklärt, der das Objekt im Grunde gleichgültig und nur die Aufregung unentbehrlich ist; er hat auch diese Meinung nachher um einiges abgeändert. Später einmal versucht er die Technik der politischen Intrige und des parlamentarischen Kampfes für die Szene zu verwerten: »Der Apostel« (im Herbst 1901 am Wiener Burgtheater aufgeführt. Es war das erstemal, daß ein Stück von Bahr dort gegeben wurde. Dann 1906 der tragische Einakter »Der arme Narr«, und dann nichts mehr). »Der Apostel« ist ein lautes, auf den Effekt hergerichtetes Theaterstück. Ein kindlich guter Mensch, den die giftige Grausamkeit der politischen Maschinerie zu Boden reißt: das wird, zwischen Pathos und Sentimentalität, in starken Szenen gezeigt. Nach Jahren nimmt dann Bahr das Thema von der politischen Intrige wieder auf. Diesmal als ein Spiel seines dialektischen Witzes, der es spöttisch um und um wendet: von der bedeutenden Seite auf die gewöhnliche, aus der tragischen Perspektive in die heitere. Denn im Lichte der gesunden Vernunft hat das alles eine viel günstigere Spiegelung und der helle Witz kann bald über die gefährlichen Tatsachen weg, vor denen Grundsatz und Theorie in ratloser Verzweiflung stehen. Das ist der Sinn der Komödie »Das Tänzchen«, die sie ihm in Berlin so erbittert abgelehnt haben. Dort meinten sie, er habe was gegen die preußischen Politiker und wolle überhaupt mit ihren kostbarsten Skandalgeschichten unerlaubten Spaß treiben. Das war ein Irrtum, wie mir scheint, der aber freilich schon bei der Formung des Stückes eingesetzt hat. Ich meine, Bahr selbst war in einer Täuschung, als er diese lockere und sehr gescheite Anekdote nach Berlin verlegte. Diese Pointe ist nun einmal nicht norddeutsch. Nur der Zufall der ersten Anregung oder sonst ein äußerer Anlaß hat Bahr dazu vermocht, diese Komödie preußisch zu verkleiden. Denn im Kern ist sie gut österreichisch und gehört trotz dem fremden Kostüm doch eigentlich in diese Gruppe seiner Werke. Sie hat die nämliche Art von geistreich erfundenen und kräftig hingezeichneten Figuren, die wieder um einen starken, selbstherrlichen, eigenwilligen Menschen agrarischen Gepräges gestellt sind. Es ist wie in jenen Stücken, die Bahr wissentlich aus seinem persönlichsten Rassegefühl aufgebaut hat. Er kann davon nicht los, selbst wenn er möchte; es spielt ihm den Streich, selbst gegen seinen Willen in seinem Werke mitzureden.

 

Gefühl für seine Rasse, Gefühl für seine Heimat; das entkeimt jetzt dem geklärten Wissen um die eigene Persönlichkeit, durchdringt ihn mit der Kraft einer Religion, weitet sich bis zu großen Bildern einer neuen Menschheit. Aus diesem Glauben erwachsen nun fast alle seine Arbeiten. Er spürt den starken, freien Menschen in sich, spürt ihn als ein Geschenk seines vaterländischen Bodens und möchte ihn rings um sich her auf diesem ganzen Boden in lebendiger Wirkung sehen. Nun findet er aber, daß diese Wirkung beengt und zugedeckt, daß der wahre Mensch der österreichischen Erde gewaltsam verheimlicht wird. Er wendet sich mit Haß und Hohn gegen die Mächte, die er anschuldigt, dies zu wollen und zu tun. Es entsteht die Reihe der leidenschaftlich glühenden, bedenkenlos gehässigen Schriften gegen die Verwaltung in Österreich; und damit entsteht neuerlich wütendes Geschrei und böser Ansturm gegen ihn. Er hat nun, zu den alten Feinden in der Gesellschaft, in den Künsten und in der Kritik, auf einmal auch politische Feinde. Das erste in der Reihe dieser Bücher heißt »Wien«; es behandelt in seltsamen und kühnen Geschichtsphantasien die Herkunft und Entwicklung der heutigen Wiener Art. Es ist ein ungeduldiger Aufschrei, überstark in dem Bewußtsein, allerlei Knirschen und Seufzen fremder Sehnsucht in sich aufgenommen zu haben. Nach Leben sehnt sich dieses heutige Wien, nach einem großen und heftigen Andrang von Taten, von Begebenheiten, nach wirklichem, mitreißendem Geschehen, – nach einer sichtbaren Entwicklung. Aber nichts wird. Und die Enttäuschten fragen sich, nervöser und nervöser, wo denn im tiefsten Wiener Wesen das Gift sitzen mag, das alle die Kraft, den Geschmack, die Lust am Leben und das bewegliche Gemüt dieser Menschen in Untätigkeit und Unfruchtbarkeit niederhält. Die zahllosen melancholischen Vergleiche mit Berlin wurzeln alle irgendwie in diesem unruhigen Gefühl. Aber den wahren Grund treffen sie kaum. Diesen aufzudecken unternimmt nun die Schrift Hermann Bahrs. Wie der Wiener heute ist, gefällt ihm nicht. Oder besser: es mißfällt ihm, daß der Wiener heute überhaupt nicht ist. Denn die Echtheit dieses Schlages ist längst vernichtet und verschwunden. Sie wird im besten Falle noch täuschend nachgespielt. Die Leere eines solchen Spieles, diese Unfähigkeit, was Eigenes zu sein, Eigenes zu empfinden, Eigenes zu ertragen, sieht Bahr als den Fluch des Wiener Wesens an. Als einen historischen, von uralten Zeiten her ins Jetzt hinübergreifenden Fluch. Und er unternimmt es, die Geschichte dieses Fluches zu schreiben. Nun, die Geschichte einer Volksseele auf hundertundzwanzig schmalen Seiten, von den Jahren der keltischen Einwanderung bis auf Gustav Klimt – es ist verständlich, daß da manch einer kopfschüttelnd abwehrt. Nur muß man nicht wissenschaftlich entrüstet tun, als ob ein unsicherer Historiker eine schlechte Dissertation geschrieben hätte. Nur muß man nicht verkennen, daß da eine Empfindung von schmerzhaftester Bitterkeit verzweifelt in die Geschichte rückwärts greift, um ihrem Leid den Trost und Halt einer erklärenden Notwendigkeit zu finden. Natürlich wird, was immer sie erfaßt, von ihrem Dunkel angefärbt. Zwischen die Kapitel wäre etwa einzufügen: In meinem zornigen Erstaunen, die Wiener so zu finden, wie ich sie fand, erscheint mir nun auch alles aus ihrer Vergangenheit, an ihren Herrschern, in ihrer Gesellschaft, an ihren Künstlern, an ihren Freuden und Aufregungen nur mehr als beweisendes Beispiel oder historische Bedingung für diese unglückselige Wiener Art. Und mit einer Wut, die hinreißend aufflammt, macht er das System der Verwaltung und die Menschen dieses Systems für die jahrhundertelange Verwüstung der österreichischen Echtheit verantwortlich. Er erzählt von der Nation der Hofräte, die zwischen den Herrschern und dem Volke sitzen, um das »System« zu handhaben, das heißt, die Lebendigen vom wirklichen Leben wegzutäuschen und listig niederzuhalten, damit die Routine der Regierungskünstler möglichst wenig gestört werde. Was er nicht etwa für einen Zustand der Gegenwart, sondern für eine dauernde Erscheinung der ganzen österreichischen Geschichte hält; ja gewissermaßen für das Wesen dieser Geschichte selbst, soweit sie in dem Verhältnis des Volkes zu den staatlichen Gewalten erscheint. Es mag bedenklich sein, auf diese Art Geschichte zu sehen und zu schreiben; aber für jeden, der das Resultat – diese planlose Leere der Wiener Menschheit – anerkennt, ist es von einer ungeheuer suggestiven Kraft. Von ihr unwiderstehlich ergriffen, läßt man sich überreden, so zu denken, so zu betrachten, wie das Buch es vorzeichnet. Und fühlt dann, mag das Historische auch anzuzweifeln sein, nur um so stärker und inniger das gegenwärtig Wahre und die schöne Verkündigung des Buches: daß nun die Zeit kommen muß, da irgend etwas die Wiener in ihrem Wesen stärker, gerader, eigener – fast wäre zu sagen: deutscher! – macht, sollen sie nicht ihre Stadt zu einer antiquarischen Kuriosität, zu einem Museum ehemaliger Schönheit versinken sehen – »eine Art Venedig, eine Art Toledo«. Bahr hofft vor allem auf die politische Arbeit des ganzen Volkes, auf die demokratische Erneuerung des Staates. Von einem Neuwerden Österreichs geht ja jetzt mancherlei Rede. In jedem Winkel dieses seltsam gefachten und durchmauerten Hauses feindseliger Völker will irgend eine Hoffnung aufgewacht sein. Hoffnung auf einen Namen, auf einen Mann, auf ein Ereignis; Hoffnung für den Staat oder gegen den Staat, auf straffere Bindung der Nationen oder auf Lösung des Ganzen, damit der Teil gedeihe. Überall gärt das, drängt gegeneinander und gegen den Bestand des Bestehenden überhaupt. Anders soll es werden! Anders als es bisher war und anders als es die anderen wollen. Denn das ist an diesem hundertfachen Hoffen und Begehren im heutigen Österreich so ziemlich das einzig Gemeinsame: daß jeder von der Zukunft eine Gewährung für sich selbst und zugleich eine Schädigung des anderen verlangt. Und ohne diese Schädigung hätte jene Gewährung für ihn schon nicht mehr den rechten Wert. Darum kann ja für jetzt kein einziger von diesen Träumen in die Wirklichkeit gebracht werden; denn jede Erfüllung wäre tödlich. So bleibt Österreich einstweilen, bis die Gewalt der Entwicklung es umschafft, das Land des unbefriedigten Wollens, der nie gelockerten Spannungen, von Rätseln voll, deren Lösung wiederum nur Rätsel wären – eine Wirrnis undurchdringlicher Probleme. Und die Deutschösterreicher, in diesem Wirrwarr der Probleme tief verstrickt, schauen und schauen seit Jahrzehnten erstaunt auf das Wachsen und Schwellen, Drängen und Drohen all der Fragen. Denn fast jede, die während dieser Jahrzehnte bei irgend einem der anderen Völker aufgekommen ist, hatte ihren Stachel gegen die Deutschen im Lande. Oft sieht das schon so aus, als könnte allen übrigen gleich geholfen sein, wenn nur erst die Deutschen gehörig ausgeplündert und zerbröselt würden. Sie sind das ewige Unbehagen der benachbarten Stämme. Jedes Verschulden im Land soll irgendwie das ihre sein; was dem und jenem fehlt, das sucht er am liebsten aus deutschem Besitz zu ergänzen. Wenn es im Gedränge nicht recht vorwärtsgeht, dann sind es immer die Deutschen, die zuerst aus dem Wege sollen. Mit einem Wort: im Umkreis der österreichischen Welt sind sie nicht sehr beliebt. Es ginge hier nicht an, die Gründe und das geschichtliche Werden dieser unheimlichen Konvergenz von Gehässigkeiten aufzuzeigen. Das eine ist über allem Zweifel, daß diesem Staate seine Deutschen bisher das meiste an Kultur und Organisation gegeben haben und daß sie sich darum eine Zeitlang auch die größte Bedeutung für ihn beimessen durften. War das Überhebung, so ist sie ihnen schlimm genug bekommen. Von allen Seiten werden sie jetzt geschmäht, geduckt, geschädigt. Aber das hat sie wiederum gezwungen, fester als bisher zueinander zu stehen, sich auf ihr Volkstum zu besinnen und national zu sein. Und während sie voll Zorn und Besorgnis dem feindlichen Andrang entgegentrotzen, spüren sie doch mit neuer und stärkerer Lust das eine wieder: daß sie Deutsche sind und zu Deutschen gehören.

Das bedeutet ja allerdings nicht für einen jeden dasselbe; es differenziert sich nach Verständnis und Temperament. Das eine Gefühl scheint aber doch bei allen zu sein, daß es, ob im Kampf, ob im Vergleich, um ein neues Leben geht, und daß es gilt, zum Kampf oder zum Vergleich, den gesunden Entschluß zu haben und tätig und trotzig und fest zu sein. Diese Mahnung ist auch immer der gedankliche Gipfel und der sachliche Kern in den politischen Büchern von Hermann Bahr. Und im übrigen meint er, vom Gefühl seiner eigenen Kraft und inneren Freiheit durchdrungen, daß es die Deutschen in diesem Staate gar nicht notwendig haben, den anderen Völkern irgend etwas zu mißgönnen. Jedes Volk, für sich selbst nach seinen Bedürfnissen verwaltet, aus sich selbst einer ungehemmten Entwicklung zugeführt, möge zeigen, was es werden und leisten kann. Der bedeutende Gewinn an vielfältiger und farbenfroher Kultur, der sich so ergeben muß, mag für die Verluste an Macht hinreichend entschädigen. Das ist, wenn man es in eine Formel für den geschulten Politiker bringt, der Gedanke der nationalen Autonomie, die ja jetzt, in verschiedenen Varianten der Durchführung, auch von sehr nüchternen und gewiegten Praktikern der Politik als die einzig mögliche Lösung des österreichischen Problems dringend angeraten wird. Und ist diese Lösung die richtige – alles scheint darauf hinzudeuten! – dann hätte ja Bahr auch damit recht, daß nur ein falsches System der Verwaltung – freilich im allerweitesten Sinne – die schleichenden Krankheiten dieser Völker und dieses Staates verschulde.

Wie er sich das neue Österreich denkt, wie tätig und voll wirklichen Lebens, wie froh und versöhnlich, das ist aus seiner »Dalmatinischen Reise« wieder zu spüren. Das Buch will der europäischen Welt mitteilen, wie die Menschen eines guten und in Schönheit leuchtenden Landes beglückt und an den Staat gebunden werden könnten, wenn ihnen ein Leben eingerichtet würde, wie es ihre Art und ihr Land verlangt; aber die österreichische Verwaltung, dem alten System folgend, regiert wieder über die wirklichen Notwendigkeiten weg ins Leere, verlangt von den aufgeregten und mißtrauischen Leuten zunächst einen abstrakten Patriotismus und vergißt, daß dieser erst aus einem konkreten und gesunden Verhältnis des Bürgers zum Staate geboren werden kann. So sagt das Buch: es ist im Jahre 1909 erschienen. Und seither ist ja die Frage sehr ernst geworden, was in Österreich zu geschehen habe, damit seinen Kroaten und Serben der Widerstand gegen die nationalen und politischen Verlockungen der nächsten Nachbarschaft nicht allzu schwer werde. Behördlicher Druck und bewaffnete Gewalt dürfte doch wohl auf die Dauer nicht das Rechte sein. Und so kann es sich immer wieder nur um eine Methode handeln, bei der auch diese Völker ihre Zugehörigkeit zur habsburgischen Monarchie als einen Segen, ja als den einzig möglichen Schutz vor fremder Herrschsucht empfinden – wie die Polen und auch die Ruthenen in Galizien. Das kann aber dort nur durch Freiheit, Anerkennung, Förderung, durch möglichst weitreichende nationale Autonomie geschehen.

Wie sehr die Menschen des »Systems« mit ihrem hochmütigen Mißtrauen daneben greifen könnten, hat sich ja gerade in einer kroatischen Sache, in jenem beschämend überflüssigen Hochverratsprozesse, gezeigt. Von ihm spricht Bahr in einem anderen Buche, das er »Austriaca« genannt hat. Es enthält eine zwanglos bunte Folge von Aufsätzen über menschliche und sachliche Probleme der österreichischen Welt. Die Zeichnung der großen politischen Figuren ist oft von dichterischer Kühnheit und Kraft. Es entstehen anschauliche Skizzen, gedrungen im Umriß und überraschend in den Perspektiven, da und dort vielleicht unvollkommen oder unverläßlich, aber immer von einer packend subjektiven Wahrhaftigkeit. So wirft er, in phantastischer Verkürzung, die Lebenslinie des Doktor Karl Lueger hin, der natürlich viel mehr und vieles andere noch war, als was Bahr in ihm anerkennen will. Dennoch überzeugt die willkürlich stilisierte Knappheit dieser Skizze; ein starker Zug aus der verwirrenden Vielfältigkeit der Erscheinung ist kunstvoll entwickelt und in deutsamer Vergrößerung für die Dauer bewahrt. Politische Feststellung, mit wesentlich dichterischen Mitteln erzielt. Packender noch, weil die umschriebenen Rätsel noch viel tiefer mit den Geheimnissen dieses staatlichen Lebens zusammenwachsen, sind seine Versuche über Aehrenthal und Franz Ferdinand. Hier können ja, über einem schwanken Grund von unsichtbaren und ungreifbaren Dingen, kaum mehr feste Erscheinungen nachgezeichnet, sondern nur die psychologischen und politischen Probleme abgesteckt werden. Als der Kern- und Angelpunkt aller Probleme steht aber in dem Buche immer die eine Frage da: Wo ist der große Wille, der die großen Kräfte dieser Völker führt, wo ist der neue Mann für dieses neue Österreich? Denn sein Glaube hält es für ausgemacht, daß dieses neue Österreich da ist, bereit steht und nur zum Leben zugelassen zu werden verlangt. Aber die Menschen, die diese Tat vollbringen wollten, hätten zunächst die Herkulesaufgabe, mit der jetzigen Verwaltung in Österreich fertig zu werden. Denn diese Verwaltung – so sagt er auch hier wieder – die sich selbst als den höchsten Inhalt des Staates und den Staat als ihr eigenstes Geschöpf betrachtet, verhindert die Anwendung der guten Gesetze, die schon da sind, verhindert den Frieden der Völker, verhindert das neue Österreich. Wiederum beschwört er das Gespenst jenes hofrätlichen Geistes herauf, mit dem er in den früheren Büchern schon so erbittert gekämpft hatte; wäre es erst verscheucht, so wäre für den Staat und für seine Völker das neue glücklichere Leben gewonnen.

Das ist eine feste Überzeugung. Sie hat sich überraschend bestätigt, denn Österreich will ja jetzt wirklich daran gehen, seine Verwaltung zu »vereinfachen«: und vielleicht heißt das im Grunde doch nur, daß sie den wirklichen Verhältnissen und Bedürfnissen der Länder und Völker näher gebracht werden soll. Freilich, daß sich dann, wie er meint, auch die nationalen Schwierigkeiten in aller Gemütlichkeit und ganz von selbst lösen könnten, das ist doch sehr zu bezweifeln. Er hat ja recht, wenn er behauptet, daß eigentlich gar kein Haß von Volk gegen Volk besteht, daß die Sehnsucht nach innerem Frieden und gesicherter Entwicklung mächtig anwächst und fast bei allen schon größer ist als die Lust am Streit. Er hat recht, wenn er sagt, daß diese Völker ihr Verlangen nach Freiheit, Ordnung, Leistung nur zusammenzuschließen brauchten, um die politische Lähmung zu brechen und für sich und für den Staat zu erschaffen, was beiden not tut. Es käme nur auf eine ehrliche und herzliche Verständigung an, das ist wahr. Er übersieht aber, wie furchtbar schwer diese Verständigung heute noch ist; weil die Begriffe von Freiheit, Gerechtigkeit, Notwendigkeit bei den verschiedenen Nationen noch ganz verschieden sind. Von den Gewohnheiten jener alten und zwecklosen Staatskünste hat sich so manches auch in den Geist der Völker tief eingefressen; sie hängen oft zäh an Vorstellungen und Ideen, die heute keinen Sinn mehr haben, und es kann immer wieder kommen, daß irgend ein gewesenes Recht die neue Ordnung, die sich schon froh vollenden wollte, mit der Kraft einer angemaßten Wirklichkeit verhindert. Noch bitterer wird der Kampf, wenn sie um den Boden streiten und nationale Grenzen aufrichten oder verschieben möchten. Da nützen die persönlichen Sympathien gar nichts, und die nationalen Sympathien, die so natürlich und so praktisch wären, können doch über gewisse gespenstische Formeln nicht hinweg, die wie ein entzündliches Gift im Bewußtsein der Völker sitzen. So ist es in Böhmen, wo die beiden Nationen einander wohl kennen und schätzen, weil sie ja durch tausendfache Vermischung des Blutes beinahe schon verschwistert sind; und doch von der friedlichen Einigung vorläufig nur um so weiter abkommen, je weiter die Aussprache vorwärtsgeht. Denn diese führt sie nur immer näher an die eigentliche Wurzel des Streites heran, und sie halten plötzlich vor ganz verschiedenen Ideen von Staat und Recht und Gleichheit und verstehen einander überhaupt nicht mehr. Da nützt der beste Wille nichts. Den hätten sie schließlich alle: die Arbeiter, die erwerbenden Bürger, der große Besitz und der Adel würden nichts sehnlicher wünschen, als daß Friede würde. Die Politiker vor allem; denn sie wären dann ja wirklich die Träger einer Macht und eines Willens im Staate. Aber jene Gespenster der Vergangenheit sind bisher immer noch stärker gewesen, als die Sehnsucht und die Kraft des wirklichen Lebens. Sie weichen nicht vor guten Worten und nicht vor guten Absichten; die Zeit muß abgewartet werden, bis sie von selbst vergehen. Bis dahin bleibt nur die Hoffnung, daß die Kultur dieses Staates an menschlichen Werten immer noch reicher werden kann, wie schlecht auch ihr politischer Unterbau zusammengefügt sein mag. Solche Hoffnung bekräftigt sich in den politischen Büchern von Bahr.

In dem wunderschönen »Buch der Jugend« spricht er dann von den Menschen und Dingen, in denen sich ihm das ersehnte neue Österreich schon zu verkündigen scheint: von Burckhard und Olbrich und Mahler, von Musik und von Büchern, von den Kindern und von der Politik. In der Vorrede aber, die sich mit gelassener Heiterkeit an einen zweijährigen Buben wendet, heißt es: »Ich meine sogar, daß wir, in der Wirtschaft, in den Künsten, in der Wissenschaft, überall, an Geist, Talent und Gemüt so stark sind, es mit allen Völkern aufzunehmen und in freier Menschlichkeit neben allen zu bestehen. Wenn wir trotzdem bei den anderen wenig Achtung haben, sie überall vorlassen müssen und immer noch im Winkel sind, so muß es an unseren Einrichtungen sein, die uns den Atem nehmen. Diese sind nämlich so, daß sie den Österreicher hindern, die Kraft zu haben, die er hat.« Und weiter: »Ich kann euch nur wünschen: Habt den Mut zu Österreich! Seit Jahren rufe ich hinaus: Habt den Mut zu Österreich! Noch mein letztes Wort wird sein: Habt den Mut zu Österreich! Österreich ist noch nirgends als in unserer Sehnsucht und in unserer Zuversicht. Tief in den arbeitenden Menschen versteckt ist Österreich. Eine junge Jugend muß kommen, es zu heben … Denn Österreich ist in dir, Jugend! Sei nur, was du bist, lasse von dir nicht ab und lerne dein Wesen vollbringen mit geballter Faust!«

So ruft er unablässig in die Zukunft hinaus. Wie sie auch wird: das helle Bild, das dieser Mutige vor ihr aufgestellt hat, kann nicht mehr verlöscht werden.

 

Auch seine dichterisch gestaltende Kraft wird von der Frage um Österreichs politische Gegenwart vielfach angereizt. Nun, da ihn der Kampf um die Erneuerung Österreichs ganz ausfüllt, muß er das, wovon seine zornigen Schriften reden, auch in dramatischen und epischen Schöpfungen gestalten. Er malt in Bildern von gedrängter Fülle die Welt hofrätlicher Tyrannei, aus der er alles österreichische Elend herleitet. Das Lustspiel »Der Krampus« zeichnet diesen Typ zum ersten Male, ganz ausführlich und mit ironisch lächelnder Überlegenheit. Die Fabel rückt merklich zurück, um der vollen Entfaltung einer Menschlichkeit Platz zu machen, die Zug um Zug, mit ihrem, lächerlichen Hochmut und ihrer heimlichen Angst, mit ihrer steifen Erhabenheit, unnahbaren Selbstsucht und weltfremden Feinschmeckerei gezeigt wird. Eine Lebendigkeit, die um und um ausgestaltet ist; und von der doch ein unüberwindliches Grauen, wie von etwas Gespenstischem, ausgeht. Das wirkt um so tiefer, je harmloser sich die kokett verliebten Vorgänge ringsum entfalten. Ihre spielerische Verlogenheit und ihr absichtlich gespreizter Ton bestärken nur, so lieb sie auch erscheinen, jenes Grauen vor einer entstellten und unwirklichen Menschheit. Und bloß die historische Ferne – die Zeit der ersten Werther-Schwärmerei – ermöglicht es, die Stimmung dieser feinen Komödie trotz ihres bitteren Grundgeschmackes in einer so gleichmäßig schwebenden Heiterkeit zu halten.

Um so beklemmender ist dann die Atmosphäre in dem tragischen Drama, das er aus derselben Umwelt nimmt. Es ist uns um ein paar Jahrzehnte näher; in »Sanna« gestaltet er die Tragödie der vormärzlichen Dumpfheit. Nicht an einem eigentlich politischen Motiv, das allzuleicht in Tendenz entarten könnte. Es ist im Grunde eine furchtbar einfache Geschichte, in den Kreis einer Familie eingegrenzt, zwischen Menschen von bürgerlich schlichter Art und greifbar nahen Absichten. Aber das alles wird zerdrückt, weil eben in dieser Atmosphäre kein Glück und kein Gefühl gerade und herzhaft gedeihen darf. Dumpfe Abhängigkeit lastet auf allem, was leben will. Die einen tragen sie auf mürben Schultern, bitterlich vergrämten Gesichtes; andere haben ihre Triebe einwärts gekrümmt, so daß sie insgeheim zu bösen Lastern und teuflischer Schlechtigkeit verderben; aber wer sich frei auflehnen will, zerbricht. Wo die fürchterliche Willkür versagt, da hilft der fürchterliche Gehorsam nach; was sie nicht zu Tode peinigen können, das wird zu Tode beschwichtigt. Und der Hofrat ist die oberste Gewalt. Vergreist und verängstet, filzig und geil, komödiantisch stolz und starr, hält er alles an seinen Launen. Er selber ist ja unter solchem Zwang geworden, in verborgenen Tränen und Bitternissen. Nun sollen die anderen auch, wie er gemußt hat; was hätte sein ganzes Leben sonst für einen Sinn? So wirkt das Verhängnis von alters her, aus dem Geist und Ursprung der ganzen Zeit. Es redet aus jedem Satz und aus jeder Figur, aus jedem Vorgang und aus jedem Geheimnis in diesem Drama. Daher die atmosphärische Dichte, die lückenlose Einheit der Stimmung; daher die Selbstverständlichkeit des tragischen Vorganges, der sich unheimlich und hemmungslos, wie ein von höheren Gewalten bestimmtes Schicksal vollzieht. Diese gedankliche Annäherung an die antiken Schicksalstragödien und die Reinheit der gleichmäßig erfüllten Form geben dem Stück eine klassische Würde und Schönheit. Es gehört, technisch und dichterisch, zu den vollkommensten Schöpfungen von Bahr. Ein Meisterwerk, in dem die tragende Idee und die formende Bildnerkraft zu einer wunderbaren, sinnlich-geistigen Einheit verbunden sind.

Ihm ähnlich an schwerem Gehalt und an ausdruckstarker Gedrungenheit ist »Der arme Narr«. Ein Einakter; aber ein volles Drama in einem Akt. Aus einem besonderen Lebensgefühl erschaffen, Menschen aufbauend, Menschen auflösend, mit Erkenntnissen, die Endgültiges wollen. Auch dieses Werk hat seine geschlossene eigene Atmosphäre; und daß sie so spezifisch österreichisch schmeckt, liegt nicht nur am technischen Zuschnitt oder an der äußeren Formung der Menschen. Die Tragik des Zwanges zum leeren Schein, des entstellten und verheimlichten Lebens ist auch hier wieder das dramatische Grundmotiv. Die kämpfenden Gewalten sind zufällig in einem Kaufmann und in einem Künstler vermenschlicht. Aber es handelt sich keineswegs um die Verteidigung des Genies gegen den Philister. Woran dieser achtbare Kaufmann und kaiserliche Rat so kläglich niedersinkt, das ist nicht die Feindseligkeit gegen seinen Bruder und die Musik seines Bruders, sondern der Haß gegen sich selbst und seine eigene Musik, die er überall verfolgt, wo sie ihn von seiner vorerwogenen Starrheit weglocken möchte: in sich, in seinen Brüdern, in seiner Tochter, in der ganzen Welt, die er pflichtmäßig, streng, melodielos haben will. »Aushungern, es gibt sonst nichts« und: »Ich bin mit dem bösen Tropfen fertig geworden, ich!«. Er ist kein unverständiger Philister, er ist ein Feindseliger; eine aufklärende Vorstudie zu jener hofrätlichen Tragik in der »Sanna«. Nicht das Genie, in Krankheit und Zerrüttung noch stärker als er, drückt ihn an die Erde, sondern die Musik des Lebens zerstört ihn und seinen Plan. Es brauchen keine Genies zu kommen. Es lebt noch ein anderer Bruder in seiner Gewalt; der ist gar nicht genial und läßt sich doch nicht unterkriegen. »Ich sollte zerknirscht sein. Dann wäre alles gut … Und gerade das aber kann ich nicht.« Dieser glaubt an seine innere Musik, an das, was ihm einmal das ganze Leben gewesen ist. »Das andere ist gar nicht wahr, nur dies. Und alles, was sonst im Leben gilt, scheint uns bloß, dies aber ist.« Dies ist. Und wer sich vermißt, dagegen zu wollen, hat sein Leben verspielt, ein tragischer armer Narr. Denn das Leben nimmt sich schließlich doch, was sein ist, bestiehlt ihn, saugt ihn aus, entleert ihn ganz. Er meint, sich selber festzuhalten und hält doch nur einen Schein von sich, an den er nicht einmal glaubt. Die einzige Wahrheit ist, nach sich selbst zu leben, sich selbst zu suchen, und wäre es auf die Gefahr, vernichtet zu sein. Wer dies nur einmal besessen hat, diesen völligen Zusammenklang seiner Natur mit seinem Leben, dem kann es nicht mehr genommen werden. Es bleibt ihm, als die tiefste Offenbarung menschlicher Dinge, als das einzige wahre Gottesgeschenk, das uns hier werden kann; es bleibt ihm, und fiele er auch in Verachtung, in Entbehrung oder in tiefste Nacht des Geistes. So arm kann gar kein Narr sein, daß er ärmer wäre als die Narren, die aus böser Furcht dem Leben nicht trauen wollen. Das ist der Sinn dieses wunderbaren kleinen Dramas; so sieht, so fühlt Hermann Bahr das eigentliche Verhängnis der österreichischen Welt.

 

Und endlich geht er daran, dieses verhaßte und verfluchte Verhängnis auch in seiner gegenwärtigen Erscheinung zu gestalten. Sein Roman »Drut« gehört in die Reihe der Bücher, in denen er ein Bild der heutigen Gesellschaft, in einfache menschliche Grundtypen aufgelöst, geben will. Vom Künstler sprach das erste Buch, den politischen Beamten, den Menschen der Verwaltung enthält dieses zweite. Es ist eine große künstlerische und menschliche Abrechnung mit dem, wovon er Österreich erlöst sehen möchte. Eine bündige Aufzeichnung der Typen und der Bräuche, die bisher dieser Menschheit den barocken Zug, den Zug von Unwahrscheinlichkeit und ungewisser Laune gegeben haben. Ein groß entfaltetes episches Werk, in dem – wie fürchterlich und wie lächerlich! – die Schicksale der Menschen von nichts so sehr bestimmt werden, wie von dem System der österreichischen Verwaltung. In den früheren Büchern hat er mit Haß von der »Nation der Hofräte« gesprochen, der wurzellosen Beamtenschicht, in der sich das Geschäft des Verwaltens durch Generationen vererbt. Hier nimmt er nun den Typus, stellt ihn vor ein Erlebnis, das kein Schema vorsehen und keine Tradition bewältigen kann; und zeigt, daß dieser Mensch des Dienens und der Bräuche, sowie er sich als ein Eigener fühlen und gebärden will, unrettbar verloren sein muß. Denn in diesem k. k. Bezirkshauptmann ist das Blut und der Geist einer vielverzweigten Reihe von Ahnen lebendig. Er ist aus der Familie jenes furchtbaren Hofrates in der »Sanna«, trägt denselben Namen und spürt, ohne es recht zu wissen, den Druck der Tradition in sich. Bahr unternimmt es jetzt gerne, den großen sinnvollen Zusammenhang, den er in dieser Welt erkannt hat, auch äußerlich darzustellen, indem er seine Typen derart aus einem Werk in ein nächstes umpflanzt und fortentwickelt. So ist auch dieser Beamte nur der Erbe und das Opfer des überkommenen Systems. Überhebung, Verschlagenheit und Glätte, kalte Verachtung des wirklichen Lebens und dumpfe Furcht davor haben sich von den Früheren auf ihn übertragen und in ihm zu einer fröhlichen feschen Frechheit ausgeglichen. Und alles, was auf das österreichische System eingerichtet und von ihm erzogen ist, versteht sich bald irgendwie mit diesem hübschen, klugen, geschickten jungen Mann und normalen Beamten. Sein Verhängnis wird es, daß plötzlich, aus wilden unbürgerlichen Gegenden heraufgestiegen, eine Frau vor ihm steht, die sich ihre Art und Freiheit gegen Brauch und System bewahren will. Und dieses bißchen Menschlichkeit außerhalb des Systems, gar nicht übermächtig und grandios, nur eigenwillig und unbeugsam, wühlt ihn ganz um, weckt alle Gier nach wirklichem Leben auf, die gegen die uralt ererbte Lebensfremdheit in ihm andrängt, und stürzt ihn kopfüber in das Abenteuer, das ihm tödlich wird. Vor dieser seltsamen Ehe werden die Untertanen rebellisch, die Vorgesetzten schwierig; er selber kennt sich nicht mehr aus, kann das Geschehene nicht fassen, nicht festhalten und verteidigen. Sein Schicksal wird ihm entrissen, er treibt in den gefährlichsten Wirbeln politischer Intrigen, wird als Opfer hingeworfen und geht zuletzt eigentlich darum zugrunde, weil irgendwo die katholische Geistlichkeit für ihre Schnapsfabriken keine Steuern zahlen will. Lächerlich und fürchterlich. Österreichisch. Um die Hauptfiguren gruppiert sich dann die österreichische Menschheit, wie Bahr sie unter dieser Perspektive sieht und braucht, in scharf abgesetzten Typen. Im Vordergrund das Häufchen der Honoratioren aus der Provinz: dumpfes, enges, halbschlächtiges Spießbürgertum, kleinlich giftige Bestien, die einander helfen und einander hassen. Dazwischen einmal ein einzelner, der scheu für sich bleiben will, ohne Pflicht und ohne Dank. Dann die Schattenrisse aus der Beamtenschaft. Der gemeinsame Zug dieser Menschen ist der soziale Auftrieb, der Wille zur Macht. Nur wie jeder sich unter Macht doch etwas ganz anderes vorstellt und jeder sein besonderes Geheimnis des Aufsteigens, des Überlistens und Überwältigens hat, das unterscheidet sie lehrreich voneinander. Streber sind sie alle. Schlaue Streber, freche Streber, faule Streber, gewaltsame Streber, gestürzte und wehklagende Streber. Und jeder hat sein besonderes kleines Rezept dafür, wie man die Menschen einfangen und beherrschen müsse. Jede Figur ist von plastischer Fülle, aus eigenen Kräften beweglich, ein Leben für sich und doch wieder voll Beziehung zum Ganzen. Dahinter, in zwielichtigem Dämmer, ballt sich die Menge des Volkes, die wartet und trotzt, den gleichgültigen Hochmut mit stumpfem Haß vergilt und doch die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht aufgibt. Aus allen Gestalten, Gesprächen, Schilderungen, Vorgängen der Dichtung schließt sich die gewollte Stimmung einheitlich und lückenlos zusammen. Das war eine kleine Skandalgeschichte aus der Provinz; und wird zur anklagenden Darstellung gegenwärtiger Zustände; und vollendet sich als großes tragisches Epos. Aus dem Kern seiner Menschen her entwickelt, wohlgefügt und schwer von Gedanken, steht dieser Roman als ein bedeutendes Kunstwerk da, als das stärkste und schönste dichterische Dokument dieses Überganges vom veralteten zu einem erneuten Österreich.

 

Fragen der Persönlichkeit haben Bahr zu den Fragen der Heimat weitergeführt; und von diesen greift er schließlich zu den großen und wichtigen Fragen der gegenwärtigen Menschheit aus. Fast in jedem Abschnitte seiner Entwicklung geschieht es einmal, daß er zwischen den Formen und Bewegungen, die ihn eben interessieren, tiefer in den Urgrund menschlichen Wesens, menschlichen Schicksals eindringen will. Die wichtigsten Äußerungen seines Lebens sind, künstlerisch und persönlich, immer von unantastbar subjektiver Wahrheit; darum haftet ihre Wurzel auch fest im innersten Kerne seiner Natur, und wenn er es versucht, sich in letzten Auseinandersetzungen zurechtzufinden, dann rufen ihn immer wieder die geheimsten Probleme persönlichen Seins: die Stimmen des Blutes. So wendet er sich schon in den jugendlichen Jahren der nervösen Kultur und der erotischen Libertinage plötzlich von den brillanten stilistischen Gefechten und von aller witzigen oder leidenschaftlichen Verherrlichung der Sinnlichkeit weg in die gotische Finsternis einer Tragödie, die dem Sinnlichen flucht und das Glück bei denen wissen will, die alle Gier und allen Haß der Liebe überwunden haben. Es ist für das Schicksal ungewöhnlicher Bücher bezeichnend, daß gerade dieses Stück – »Die Mutter« (1891) – damals vom allgemeinen Unverstand als ein Ausbund von Wüstheit und Geilheit erklärt worden ist. Er selbst aber sagt um jene Zeit: »Ich habe ja in der Tat kein Buch, kein Stück, wo die anderen mich fänden, wie ich bin, und ich habe nur eines, wo ich wenigstens mich finde und ich mir wenigstens genüge: die Mutter.« Und ähnlich hat er damals, als ihn die Technik der Wiener Komödie ganz in Witz, die Betrachtung gegenwärtiger und antiker Künste ganz in sublime Geistigkeit aufzulösen schien, plötzlich aller Herrschaft des Geistes heftig abgesagt und dieses verwirrend und beängstigend düstere Drama »Die Andere« geschrieben, in dem er nur mehr die Sinne, nur das Unbewußte in der Menschennatur als das einzig Verläßliche gelten lassen will. Das Stück, dessen innerstes Leben hinter manchen technischen Unzulänglichkeiten stockt und nicht zu Atem kommt, ist ebenfalls von Freunden und von Gegnern gründlichst mißverstanden worden. Er selbst erklärt es so: »Thema: Geist und Natur. Unsere Sehnsucht: den Geist mit unserer Natur einzustimmen. Unser Leid, daß, was der Geist verlangt, unserer Natur widerstrebt, und daß er uns verwehrt, wonach sie drängt. Und nun mein Gefühl: wenn ich wählen muß, ob ich dem Geiste oder der Natur entsagen soll, mich für diese gegen jenen zu entscheiden. Schon, weil ich glaube, daß, was uns der Geist heißt, meistens nur die Summe sozialer Dressur ist. Die Mächtigen fingieren einen Menschen, der ihnen bequem wäre. Dieser fiktive Mensch wird vererbt. So glauben dann die Enkel zu sein, dies formt ihren Geist. Bis dann die gepreßte Natur irgendeinmal ausbricht. Alle Kulturen sind immer nur Versuche, sie auszurotten, um an ihrer Statt selbst zur »zweiten Natur« zu werden. Keiner gelingt's, sie kommt immer wieder plötzlich zurück. Und kommt zurück: entartet, durch den Zwang entstellt, verzerrt, an der Kette grimmig und atemlos und bös geworden, eine durch Knechtung unnatürliche Natur, vor der wir entsetzt, ängstlich wieder zum Geiste flüchten. Wodurch dieser immer nur fiktiver, jene nur immer rachsüchtiger wird. Und dieser ungeheure Drang der Menschen nach Freiheit will: endlich einmal zur gewaltsam verleugneten, aber eben dadurch nur immer noch leidenschaftlicher ausstoßenden Natur, zur wirklichen Natur des Menschen kommen, um aus ihr dann einmal, nicht gegen sie, den Geist zu formen. Nach Menschen, deren Geist nur ihre bewußt gewordene Natur, deren Natur nur noch unerwachter Geist wäre, sehnen wir uns.« Mit diesen paar Anmerkungen in seinem »Tagebuch« verteidigt er das mißlungene Stück. In diesen Sätzen ist aber auch aufgeschrieben, wie Bahr seit je den Menschen gesehen hat, wie er ihn und die Gemeinschaft mit ihm will. Hier ist der Sinn seiner wichtigsten Werke, von den »Neuen Menschen« bis auf die jüngste Zeit, gegeben. Hier ist auch der scheinbare Widerspruch in den Gedanken jener »Mutter«, worin er der Sinnlichkeit abschwört, und dieser »Anderen«, die nichts als ein Leben nach den Befehlen des Blutes möchte, gelöst. Sie wollen beide, was Bahr in seinen starken und eigenen Werken immer will: Befreiung des Triebes vom Zweck. So steckt denn in den paar Sätzen, die er um eines schlecht verstandenen Schauspieles willen aufgeschrieben hat, auch der gedankliche Kern seiner politischen Schriften über Österreich und seiner Verkündigungen neuen Menschentums.

Sein »Tagebuch« zeigt uns ja überhaupt, wie kaum ein anderes seiner Bücher, den Geist und Willen Hermann Bahrs außerhalb jeder zweckvoll literarischen Umgrenzung. Es sind persönliche Meinungen, Eindrücke, Wünsche, nach Tag und Stunde aufgezeichnet, bei Anlässen, die ihm das künstlerische, das politische, das privateste Leben oder irgendein Ereignis der Straße eben herangebracht hat. Eine Sammlung innerer Momentaufnahmen, die nichts als die augenblickliche und allerpersönlichste Stimmung festhalten sollen. Ein Merkbuch oder Skizzenheft, in dem sich das Denken und Fühlen dieses Mannes, einmal losgelöst von jeder objektivierenden Form, noch im ersten unfesten Zustand seines Materiales zeigt.

 

Befreiung des Triebes vom Zweck, Befreiung der Menschheit vom Zwang: dieser Wille, der in seinem ganzen Schaffen seit je – nur oft verborgen und verirrt – lebendig war, erfüllt ihn nun in bedeutender Klarheit. Er dehnt sich zu weiten Horizonten und gewinnt dabei doch immer nur an sachlicher Fülle. Nach den Fragen der Erotik, der artistischen Raffinements, der sittlich-künstlerischen Reife, nach den Versuchen im Politischen und Polemischen sind es nun vor allem Probleme der inneren Kultur, die Fragen der Willensreinheit und der erzieherischen Weisheit, die ihn beschäftigen und schöpferisch anregen. Es wird ihm gewiß, daß wir, um das Kostbarste in unserem Wesen wahrhaft zu besitzen und zu genießen, gar kein anderes Mittel haben, als wahrhaft gut zu sein. Der Kulturmensch ist in diesen Tagen auf die Entdeckung seines Herzens ausgegangen, auf die Entdeckung seiner Fähigkeit, den anderen von sich selbst aus zu verstehen, ihn gewähren zu lassen und ihm das Glück seiner Eigenheit zu gönnen. Damit hat das Problem der Freiheit seinen vorwiegend politischen Charakter wesentlich geschwächt und ist eine Sache des menschlichen Gefühles, des inneren Verhältnisses von Person zu Person geworden. Eine Sache der Erziehung vor allem; denn Erziehung kann ja gar nichts anderes sein, als persönliches Einwirken auf eine werdende Sittlichkeit. Die besten und tiefsten Stellen im »Konzert« und in den »Kindern« zielen nach dieser Richtung. Und in seiner letzten Komödie, die er »Das Prinzip« nennt, werden diese Probleme um einen entschiedenen Schritt weiter aufwärts geführt, dorthin, wo die Fragen nach der Freiheit des Willens, nach dem Bestand und Wert der persönlichen Selbstbestimmung auf Antwort warten. Das Prinzip, von dem diese dramatische Anekdote handelt, will eben, daß erzieherische Einwirkung nichts anderes leiste, als der eingeborenen Natur des Individuums zu ihrer freien Betätigung zu verhelfen; also den Menschen zu lassen, wie er ist, seine eigene Art nicht zu stören, sondern sie als notwendig wie jede andere anzuerkennen. Es ist nun der Sinn dieses Lustspiels, zu zeigen, wie das Prinzip, und sei es noch so rein und edel, in Dingen des menschlichen Herzens doch unter Umständen Verwirrung und Unrecht stiften kann, wenn es allzu bewußt gehandhabt wird; weil der Mensch eben an keinerlei Prinzipien, sondern nur an sich selber zu messen und zu erkennen ist. So daß, um es in der Art des Stückes ein wenig paradox zu sagen, das Prinzip hier gegen sich selbst siegt. (Womit diese letzte Komödie Bahrs wunderbar an seine erste Tragödie anschließt, deren Vorwurf ja auch die Entfesselung des wirklichen Menschen, selbst gegen das freiheitliche Prinzip, gewesen ist.)

 

In der Reihe seiner Kulturromane fortfahrend, schrieb er als Drittes »O Mensch«, dem der Titel eines Romanes kaum mehr mit Recht zugehört. Denn da verschmäht er es durchaus, eine Handlung nach vorgezeichnetem Riß zu bauen und Schicksale vielfältig zu verflechten. Ja, es hat manches Mal den Anschein, als sei ein ursprünglicher Plan dieser Art später verlassen und aufgegeben worden. Diese Dichtung wollte keiner streng epischen Form eingefügt, nicht der gesetzmäßigen Spannung, Verwicklung und Lösung unterworfen werden. Sie trägt ihr eigenes Gesetz in sich. Der Grund, auf dem sie ruht, ist ein unendlich weites und starkes Gefühl für alles Menschliche. Dies allein, wie die Menschen für sich sind und wie sie zueinander wollen, erscheint ihm des Anschauens wert. Darum kann hier auch keinerlei gewaltsames Schicksal bestimmende Macht gewinnen; denn der Mensch ist immer noch wertvoller, an Bedeutung reicher und also im dichterischen Sinne stärker, als alles, was mit ihm geschieht. Diese Deutung muß es haben, daß gerade der Schwächlichste, Zarteste, Wehrloseste von allen in dem Buche immer am hellsten dasteht und über alle recht hat. Dieser seltsame Naturmensch und Prophet hat endlich wieder, was sonst kaum bei einer Figur in den modernen Dichtungen zu finden ist: eine lebendige Religion. Sie ist eigentlich uralt: Freude an allem, was ist und was wird, Güte für alles, was atmet, sind ihre Grundgesetze. Hier wird sie verkündet. Und an den anderen Personen wird dargestellt, wie unser Tun und Wollen, unser Wähnen und Siegen nur den eigentlichen Menschen in uns zugedeckt hat, in Formeln und Fetzen und allerlei unsinnigen Sinn eingewickelt. Das Beste und Tiefste in diesem Buche ist Sehnsucht; ist Verkündigung, die nicht predigt oder droht, sondern lieber lächelt und tröstet. Sie sagt dem heutigen Geschlechte: Du hast den Menschen, der kommen soll, schon in dir; wenn das Leben deiner Seele erst stark genug ist, dann wirst du ihn erkennen, und wenn du ihn einmal erkannt hast, wird er dir nicht mehr verloren gehen. Daß ihn alle erkennen und besitzen, jeder für jeden, das ist die höchste, die einzige Verheißung, die uns gegeben sein kann.

Hier wird das demokratische und das pädagogische Ideal der Freiheit zu religiöser Bedeutung erhöht. Auf dem Gipfel seines fünfzigjährigen Lebens, das stürmisch und glanzvoll gewesen ist, hat dieser vielmals umgeformte Mensch nur noch den einen stärksten Wunsch: zur gültigen Wahrheit seines Wesens hinzufinden. Das war sein geheimster Wille, seitdem er sich zum Kampf mit dem Leben stellte. Es trieb seine Jugend, das Ungewöhnliche in allen Fernen, das Außerordentliche und das Verwegenste in allen Künsten zu suchen; es führte den tätigen Mann zur Erkenntnis eingeborener Kräfte, es weckte ihm die Stimmen des Blutes, die Stimmen der Rasse und der Heimat; es zeigt dem völlig Gereiften, der seine Grenzen erkannt, seine Triebe vom Zweck gereinigt hat, daß der Weg zum wahrhaft Eigenen endlich in den Weg zum wahrhaft Menschlichen einläuft; und beide bringen zu Gott. Wem so leidenschaftlich nach sich selbst verlangt, der kann nicht ohne Religion sein. Und die ganze, dem Scheine nach unordentlich wirre Entwicklung Hermann Bahrs hat doch mit stetig gleichgerichtetem Antrieb immer nur das eine Ziel gewollt: Klärung und Festigung seiner persönlichen Religion. Jetzt weiß er es. Er hat dieses Wissen in einem Buche ausgesprochen, das zu seinen schönsten und bedeutendsten gehört; er nennt es »Inventur«. Darin ist der innere Bestand unserer Zeit verzeichnet, ihr Gehalt an Zukunft, ihr eigentlicher Glaube. Es ist voll Religion; ein Erbauungsbuch für die Menschen dieser Tage. Es spricht von den Frauen und von den Kindern, von dem Leben der Städte und vom einsamen Leben, von der Ohnmacht des Wissens und der Weisheit des Gefühles, von der Schmach der Geldherrschaft, vom Ich und von Gott. Es zieht die Bilanz eines Lebens, gibt die Grundzüge einer inneren Biographie. Aber dieses Leben war stark an Bewegung und mannigfaltig an Inhalt, wie selten eines in dieser Gegenwart. So ist auch der Blick von seiner Höhe umfassend und überreich; nun läßt sich die sinnvolle Anordnung seiner vielverzweigten Bahnen deuten. Es ist ein Buch der Bekenntnisse. Er bekennt sich, trotzig und stolz, zu seinem Wesen und zu seinen Grenzen; bekennt sich, weil das Gefühl der Begrenzung die Sehnsucht nach Unendlichkeit erst recht erweckt, zu seinem weltweiten Drang nach Hingabe an alles, was ist; bekennt sich zu dem Glauben an eine brüderliche Menschheit beglückter Einzelwesen; zu einem Christentum der Freude und der Tat. Er bekennt sich zu seinem Leben: zu den wechselnden Formen, wie zum dauernden Gehalt dieses Lebens. Da ist kein wesentlicher Unterschied. Denn seine Form war immer aus seinem Kern gewachsen. Nun ist sie stark und fest, voll gesicherter Schönheit, ein Spiegel seiner klaren, ruhigen Kraft. Die sinnliche Fülle des Ausdrucks ordnet sich in machtvollen Rhythmen und tönt von innerer Musik. In seiner Sprache ist Triumph und Sehnsucht. Dieses Buch abschließender Betrachtung ist auch im Stil von geschlossener Einheit und hoher Pracht. Das Werk einer voll gediehenen Meisterschaft.

 

Nun steht Hermann Bahr auf der Höhe dieses fünfzigjährigen Lebens in weithin sichtbarer Bedeutung. Das Beste, was wir von ihm besitzen, ist in keinem einzelnen Buch und in keiner einzelnen Tat enthalten. Es ist der Anblick einer ungeheuren, nie beirrten Lebendigkeit. Seine Riesenkraft, die immer in vehementer Bewegung war, hat den Umkreis unserer Kultur durchschritten, im Schaffen immer vermittelnd, im Aufnehmen immer spendend. So ist sie selbst ein unverlierbares Element dieser kulturellen Gesamtheit geworden. Die Erscheinung Hermann Bahrs kann in dem ganzen Bilde dieser Zeit nicht mehr verwischt werden, und ist für sich wieder eine besondere Spiegelung und ein gedrängter Auszug der ganzen Zeit. Diese Kraft weiß von sich und ihrem Wert. Auf der Suche nach ihrem Urgrund und Endzweck hat sie ihren Reichtum von unzähligen Seiten her entdeckt und ihn jedesmal als Entdeckung für die anderen dargereicht. Jetzt kennt sie ihr Eigenstes, das wehrhafte Liebe ist: zur Schönheit, zur Freiheit, zur Menschheit. Ihr tiefer Wille ist, das Göttliche in sich zu bekräftigen, ihr Atem ist Religion.

Das Wesen dieses Mannes ist nun ganz zur Erscheinung geprägt. Gesättigte Kraft, erkämpfte Ruhe und eine Überlegenheit, die sich mit Lust betont, sind auch in seinem Äußeren. Er sieht um einiges älter aus, als er ist, und wirkt doch um vieles jünger. Der Schädel mit dem mächtigen Barte, ganz in grauen Locken, hätte etwas priesterhaft Feierliches, wenn nicht das Lachen in den hellen kleinen Augen noch wäre wie in der jungen Zeit. Die starke hohe Figur ist von wuchtiger Haltung und von leichter Beweglichkeit. Das Beste aus seiner Jugend hat sich in ihm und an ihm erhalten. Er lebt sein Leben für sich, aber zu allen hingewendet; weltvertraut, mitteilsam und doch in beschaulicher Einkehr; nur aus den Säften genährt, die ihm allein zugeteilt sind, und trotzdem überall zu Hause und allem bald angepaßt. Er will jedem Lebendigen ein Recht des Daseins zuerkennen und sein besonderes für sich bewahren. Ein Geist, der dieser Welt froh geworden ist und ihr dankbar bleibt. Eine Kraft, die aus wilden Kämpfen die Freude an sich selbst als das allerbeste erkämpft hat. Eine außerordentliche Natur, deren bedeutende Leistung war: in ihrer Vielfältigkeit ihre Einheit anschaulich darzustellen.


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