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Das Lützener Schlachtfeld

SSeit dem Tage von Breitenfeld schien Gustav Adolfs Glückstern in ununterbrochenem Steigen begriffen. Sein Marsch durch Thüringen zum Rheine und nach Süddeutschland wurde zu einem wahren Triumphzuge, während dieser Zeit hatte auch Arnim mit seinen Sachsen Erfolge zu verzeichnen: er drang in Böhmen ein, nahm Prag und zog endlich nach Schlesien. Die Sache der Katholiken schien verloren, da entsann sich Kaiser Ferdinand seines Generalissimus Wallenstein, der, von einem geradezu königlichen Hofstaate umgeben, auf seinen Gütern residierte und mit Schadenfreude der Entwickelung der Dinge zusah. Nicht ohne Genugtuung empfing der schmollende Feldherr das kaiserliche Schreiben, durch das ihn Ferdinand zunächst ersuchte, seine diplomatischen Fähigkeiten in den Dienst der Krone zu stellen und den Kurfürsten von Sachsen zum Bruche mit Gustav Adolf zu bewegen.

So sah sich Wallenstein durch die Verhältnisse gezwungen, den Wünschen des Kaisers Gehör zu geben und, wie schon früher einmal, eine Armee aus nichts zu schaffen. Aber er wollte sich so teuer wie nur möglich verkaufen und stellte die härtesten Bedingungen, die ihm Ferdinand in seiner Not bereitwilligst zugestand. Im geheimen hatte der gekränkte Feldherr die Absicht, das neu zu werbende Heer zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden und an seinen Feinden fürchterliche Rache zu nehmen. Und der Zauber seiner Person, der Glanz seines Namens verfehlten ihre Wirkung nicht: in kaum drei Monaten hatte er 40 000 Mann um seine Fahnen versammelt. Anfangs weigerte er sich scheinbar, den Oberbefehl zu übernehmen, dann aber rückte er, nachdem auch diese Angelegenheit durch das weiteste Entgegenkommen des Kaisers geregelt worden war, an der Spitze seiner Truppen aus Mähren nach Böhmen und zwang die Sachsen zum Rückzuge. Inzwischen hatte Gustav Adolf die Bayern unter Tilly am Lech geschlagen, Tilly selbst war seiner am 15. April erhaltenen schweren Wunde erlegen und der Kurfürst von Bayern sah sich gezwungen, den Mann, dessen Sturz er selbst herbeigeführt hatte um Hilfe anzurufen.

Nach längerem Zögern begab sich Wallenstein nach Süddeutschland, wo Gustav Adolf in der ihm wohlgesinnten Stadt Nürnberg einen festen Stützpunkt gefunden hatte. Am 18. September 1632 zwang der Hunger den König, sein Lager abzubrechen und weiter in Bayern einzurücken. Wallenstein folgte ihm nicht, sondern wandte sich nach Sachsen, wo seine Söldner bestialisch wüteten. Wiederum rief der Kurfürst den König um Hilfe an, und Gustav Adolf entschloß sich um so lieber, diesem Rufe zu folgen, als er auch den Herzog Bernhard von Weimar mit 8500 Mann in höchster Gefahr wußte. Nach einem mit großem Geschick zurückgelegten Eilmarsche stieß er bei Arnstadt mit Bernhard zusammen und bezog bei Naumburg am 11. November ein befestigtes Lager. Wallenstein hielt auf die Kunde hiervon den Feldzug in diesem Jahre für beendet, ließ seine Truppen in der Umgebung Leipzigs die Winterquartiere beziehen und entsandte Pappenheim mit zehn Regimentern zum Entsatze Kölns an den Rhein. Jetzt hielt der König den günstigen Augenblick zum Angriff für gekommen und näherte sich, noch ehe Pappenheim weit genug von Leipzig entfernt war, der Stadt. Wallenstein, hiervon sogleich unterrichtet, sandte ihm Isolani mit zwanzig Schwadronen Kroaten entgegen, um bei Poserna den Übergang der Schweden über die Rippach zu verhindern, und ließ gleichzeitig Pappenheim, der sich in Halle mit der Erstürmung der Moritzburg aufgehalten hatte, zurückrufen. Isolanis Expedition hatte keinen Erfolg: Am 15. November in den Abendstunden lagerte sich das schwedische Heer, 16 500 Mann stark, in der Ebene von Lützen. Beim Anbruch der Nacht trafen die Kaiserlichen ein und erwarteten, in Schlachtordnung gelagert, auch ihrerseits den Morgen.

Aber der sehnlich erwartete Morgen scheint nicht anbrechen zu wollen. Als Gustav Adolf seine schwere Reisekalesche, in der er mit dem Herzog Bernhard von Weimar und dem General Kniphausen die eisig kalte Spätherbstnacht wachend verbracht hat, verläßt, liegt ein schwerer feuchter Nebel über der Landschaft, der jeden Ausblick auf die feindlichen Truppen unmöglich macht. Unter dem Schutze dieser natürlichen Deckung ordnet er sein Heer in zwei lange Treffen, deren jedes aus mehreren kleinen Abteilungen besteht. Wie diese Abteilungen beweglicher sind, als die nach einem veralteten Systeme geordneten Massen der Kaiserlichen, so kommt auch dem einzelnen Mann die leichtere Bewaffnung zu gute. Der Infanterist trägt keinen Harnisch, statt der langen Pike ein kurzes Sponton, der Musketier statt der schweren Gabel-Muskete ein leichtes Feuerrohr, das er aus freier Hand abschießt. Ein Page bringt dem König den Küraß, aber Gustav Adolf lehnt es ab, sein Colett aus Elenleder mit dem Stahlpanzer zu vertauschen. »Gott ist mein Harnischl« sagt er zuversichtlich. Der Nebel wogt und hebt sich. Nun läßt der König seine Truppen einschwenken und die Stellung einnehmen, in der er den Feind anzugreifen gedenkt. Sein Heer steht jetzt südlich von der Landstraße Lützen – Leipzig, der rechte Flügel, in der Hauptsache aus finnischer Kavallerie bestehend, lehnt sich an den Floßgraben, der die Elster mit der Saale verbindet, der rechte, die berittene Garde, stützt sich auf den von Lützen herkommenden Mühlgraben. Beide Gewässer sind seicht und schmal, aber das dichte Erlengebüsch an ihrem ganzen Laufe gewährt genügenden Schutz vor Umzingelung durch feindliche Reiterei. Jetzt steigt der erst achtundzwanzigjährige Herzog Bernhard zu Pferde und verabschiedet sich von Gustav Adolf, um das Kommando des linken Flügels zu übernehmen.

Inzwischen ist der Nebel gewichen. Farblos liegt die herbstlich feuchte Flur unter dem blaugrauen Novemberhimmel. Drüben, auf der anderen Seite der Landstraße, steht gleich einer unabsehbaren Mauer das feindliche Heer. Das Zentrum, aus zehn Infanterie-Carrés und vier Kavallerieregimentern gebildet, befehligt Wallenstein selbst. Die Pikeniere mit ihren langen Spießen stehen zehn Glieder tief in der Mitte des ersten und zweiten Treffens, die Musketiere auf den Seiten, alle tragen schwere Brustharnische und Sturmhauben. Der rechte Flügel stützt sich auf Lützen, er besteht aus vierundzwanzig Schwadronen Kürassieren, einer Abteilung Fußvolk und endlich, an seiner äußersten Spitze, aus Kroaten und Dragonern, Hier führt der junge Feldmarschallleutnant Holk den Oberbefehl, ein Däne und Lutheraner, berüchtigt wegen der maßlosen Grausamkeit, mit der er die Plünderung Sachsens ins Werk setzte. Auf dem linken Flügel, hart bei dem Wäldchen westlich vom Floßgraben, steht an der Spitze seiner Kürassiere und Kroaten der Feldmarschall Graf Gallas, der Judas unter den Generälen Wallensteins und nach dessen Ermordung der Nachfolger im Besitze der Herrschaft Friedland. Heute ist er zu spät auf dem Schlachtfelde eingetroffen; während das Zentrum und der rechte Flügel schon in Kampfbereitschaft sind, ziehen auf dem linken noch immer neue Reiterschwärme heran. Es ist schon Mittag geworden, aber noch sind nur wenige Schüsse auf beiden Seiten gefallen. Endlich bricht die Sonne durch. Jetzt steigt Gustav Adolf nach kurzem Gebete zu Pferde. Die Trompeten und Pauken intonieren das alte Kampflied der Lutherischen »Ein' feste Burg ist unser Gott«, in das die Soldaten begeistert einfallen. Der König zieht den Degen und ruft: »Nun wollen wir dran! Das walt' der liebe Gott! Jesu, Jesu! Hilf mir heut' streiten zu deines heiligen Namens Ehre!«

In diesem Augenblicke steigen über den Dächern Lützens Flammengarben und Rauchsäulen empor. Wallenstein hat die Stadt zur größeren Sicherheit seines rechten Flügels in Brand stecken lassen. Dort, wo sich der Galgen erhebt – heute stehen dort zwei Windmühlen – blitzt es auf. Es sind die Geschütze der Kaiserlichen, die ihre Stückkugeln als ersten Gruß den Schweden entgegensenden. Der König stürmt an der Spitze seiner finnischen Reiter auf die noch ungeordneten Massen Gallas los, er ist einer der ersten, der die Landstraße erreicht. Hier empfängt ihn und die Seinen ein Kugelhagel aus den Musketen der in den Gräben der Straße liegenden Schützen. Hunderte fallen beim ersten Ansturm, aber ihr Tod wird auf der Stelle gesühnt: Gallas weicht, und unter seiner Kavallerie richten die Finnen ein fürchterliches Blutbad an.

Der Herzog von Weimar hat einen schwereren Stand. Der linke Flügel des Feindes unter Holk, durch die Artillerie aufs beste gedeckt und unterstützt, weist jeden Angriff mit Erfolg zurück. Glücklicher für die Schweden ist der Kampf in der Mitte, er wütet am stärksten dicht an der Landstraße, wo heute die Gebäude der Braunkohlengrube stehen. Aber da bricht plötzlich die Kavallerie des feindlichen Zentrums hervor, an ihrer Spitze der Generalleutnant Oktavio Piccolomini und Graf Terzky. Ihrem Angriff ist die schwedische Infanterie nicht gewachsen, sie wankt und zieht sich kämpfend wieder hinter die Landstraße zurück. Gustav Adolf erfährt, daß das blaue und das gelbe Regiment hart bedrängt werden, er entsendet den Oberst Stalhandske mit den Finnen zur weiteren Verfolgung der Gallasschen Kavallerie und führt selbst das Stenbocksche Regiment zur Unterstützung Kniphausens nach dem Zentrum.

Aber dem schnellen Renner des Königs vermögen nur wenige zu folgen. Es sind der Herzog von Lauenburg mit seinem Stallmeister, der Kammerherr von Truchseß, der junge Leibpage der Königs, August von Leubelfing, der Sproß einer Nürnberger Patrizierfamilie, und zwei Diener. Plötzlich sieht sich das Häuflein von kaiserlichen Reitern umgeben. Die beiden Diener fallen zuerst, dann bäumt sich das Roß des Königs auf und bricht, von einer Pistolenkugel getroffen, unter seinem Reiter zusammen, rafft sich aber wieder empor. Man scheint Gustav Adolf erkannt zu haben, denn die Feinde zielen hauptsächlich auf ihn. Eine Kugel zerschmettert ihm den linken Arm, er will sich vom Lauenburger zu den Seinen bringen lassen, da trifft ihn eine zweite Kugel in den Rücken, daß er aus dem Sattel sinkt. Der Herzog flieht, sein Stallmeister verfolgt den Offizier, der den König geschossen, und nur der Page bleibt bei dem Schwerverwundeten zurück. Er will ihn aus dem Getümmel tragen, aber für den achtzehnjährigen ist die Last des starkbeleibten Mannes zu schwer, er muß sie wieder niederlegen. Da stürmt ein neuer Reiterschwarm heran, der Page will den Körper des Königs mit seinem Leibe decken, da sinkt auch er unter den Hieben und Kugeln der Feinde zu Boden. Bei den Schweden wird der Tod Gustav Adolfs bald bekannt. Sein Roß, das von Schmerz gepeinigt über das Schlachtfeld stürmt, verrät ihnen, daß er geblieben ist. Gleichzeitig meldet der einzige noch kampffähige Augenzeuge, Truchseß, dem Herzoge von Weimar das Geschehene. Bernhard fliegt an der Front der schwedischen und finnischen Regimenter vorüber und spornt die Krieger an, ihren König zu rächen.

Eine namenlose Wut bemächtigt sich der Kämpfenden: was dem Lebenden nicht gelang, das vollbringt der Tote; der Gedanke an ihn gibt jedem einzelnen die Kraft eines Riesen. Sie stürmen vor, überschreiten die Landstraße zum zweiten Male, drängen die Kaiserlichen zurück und bemächtigen sich der höchsten Erhebung des Geländes, auf der Wallensteins Geschütze aufgefahren sind. Dieser, selbst verwundet, hat Mühe, die Seinen von der Flucht zurückzuhalten, schon gibt er die Schlacht verloren, da trifft Pappenheim mit seinen Kürassieren ein. Nun fassen die Kaiserlichen wieder Mut; unter Piccolomini, der über und über mit Blut bedeckt ist und dem schon fünf Pferde unter dem Leibe fortgeschossen worden sind, werfen sie die Schweden auf ihre ursprünglichen Stellungen zurück. Da bringt ein Zufall eine entscheidende Wendung. Die Munitionswagen Wallensteins, die hinter dessen Zentrum halten, haben Feuer gefangen und stiegen mit furchtbaren Detonationen in die Luft. Die Kaiserlichen glauben, der Feind sei in ihren Rücken gefallen, eine Panik bemächtigt sich ihrer und ganze Regimenter suchen ihr Heil in wirrer Flucht. Der Herzog von Weimar überschaut die Situation und benutzt die allgemeine Verwirrung, um einen letzten Angriff zu wagen. Er findet kaum noch Widerstand; sogar die beim Anbruch der Dunkelheit eintreffende Pappenheimsche Infanterie wird von den Flüchtigen mit fortgerissen. Der frühe Herbstabend macht dem Gemetzel ein Ende; mitten zwischen Toten und Sterbenden lagern sich die Sieger zur Nachtruhe auf den feuchten zerstampften Boden.

Am nächsten Morgen fand man nach langem Suchen den völlig entkleideten, durch Wunden und Hufschläge fast bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam des Königs. Man brachte ihn zuerst in die Kirche von Meuchen, dann nach Weißenfels, wo ihn der Apotheker des Ortes sezierte, und endlich nach Stockholm. Die Gemahlin des Königs, Maria Eleonora, begleitete den Sarg, dem in Wittenberg die Studenten unter Führung des von ihnen zum Rektor gewählten, damals siebzehnjährigen, natürlichen Sohnes Gustav Adolfs entgegenzogen. Allenthalben ließ der Kaiser ein Tedeum anstimmen. Der Tod seines gefährlichsten Gegners wog die Niederlage seiner über Leipzig nach Böhmen geflüchteten Truppen auf.

In der weiten, gesegneten Feldflur, die der Schauplatz der Schlacht war, gemahnt nichts an jenen denkwürdigen Novembertag als das Denkmal des Schwedenkönigs an der Landstraße vor Lützen. Es ist im Jahre 1832 an der Stelle errichtet worden, wo man einst den Leichnam Gustav Adolfs fand: eine eiserne Laube in gotischem Stil, unter deren von sternförmigen Öffnungen durchbrochener Bedachung der einfache mit der Inschrift G. A. 1632 versehene Feldstein steht, mit dem man kurz nach der Schlacht den bedeutsamen Ort bezeichnet hatte.

Nur vier Zeugen der Lützener Schlacht leben noch, es sind die herrlichen alten Linden, die die Chaussee-Überführung beim Floßgraben flankieren und deren Blütenduft, als wir das Gelände durchwanderten, wie ein süßer Opferrauch über das Land hinwehte, wo unter Wolken Pulverdampfes so große Taten vollbracht worden sind.

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