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Ein Idyll inmitten der Großstadt

D Der Spaziergänger, der vom Fleischerplatze aus die Lessingstraße betritt, wird gleich jenseits der Lessingbrücke zur Rechten einen Garten bemerken, der durch ein eisernes Gitter mit schwerem, altertümlichem Tore nach der Straße zu abgeschlossen ist. Der Garten verrät den Geschmack einer längst vergangenen Zeit, mächtige Bäume, unter denen besonders ein ehrwürdiger Kentuckyscher Kaffeebaum ( Gymnocladus canadensis) hervorragt, lassen auf das Alter der übrigens wohlerhaltenen und mit pietätvoller Sorgfalt gepflegten Anlage schließen. Rasenplätze, von üppigem Efeu und frischgrünen Farngruppen eingefaßt und von schmalen Wegen durchzogen, umschließen ein geräumiges achteckiges Sommerhaus im antikisierenden Stile des beginnenden 19. Jahrhunderts, während ganz im Hintergrunde nach der Hofseite ein paar liegender Sphinxe in Verbindung mit hohen dreifußartigen Kandelabern auf die, sich in der dekorativen Verwertung mystischer Symbole gefallende, ausgehende Barockzeit deuten.

Dem Portale gegenüber, an der Rückseite des von der Straße aus stark abfallenden Gartens, erhebt sich, von den Bäumen beschattet und von blühenden Hollunderbüschen halb verdeckt, ein schlicht-vornehmer Bau, der eben jener Zeit angehören mag. Weinreben umkränzen traulich die Fenster des Erdgeschosses und des ersten Stockwerkes; das steile Ziegeldach wird in der Mitte von einem erkerartig vorspringenden Giebel mit kleinem Balkon und zu dessen beiden Seiten von Mansardenfenstern durchbrochen. Grüne hölzerne Jalousien vervollständigen den altväterlich-behaglichen Eindruck, den Haus und Garten auf den Beschauer ausüben. Das ganze Anwesen erscheint inmitten der modern-großstädtischen Umgebung wie eine Oase in der Wüste, wie ein Asyl der guten alten Zeit, wie eine Freistätte, an die sich beschaulicher Daseinsgenuß, zarte Empfindung und feinsinnige Freude an allem Schönen in Natur und Kunst vor dem Lärme der hastenden Gegenwart geflüchtet haben. Schattige Lauben winken zur Einkehr, erhöhte Steinsitze laden zum Überblick über den Garten, Statuen nach antiken Originalen grüßen wie gute Genien des Ortes von hohem Sockel herab den Besucher, und ein mächtiger Altar mit Widderköpfen und Kränzen scheint zum Opfer für die Laren bereit zu stehen.

Wer die Geschichte des Leipziger geistigen Lebens während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts kennt, dem ist diese Stätte nicht fremd, der nennt mit Verehrung den Namen des Mannes, der ihr den Stempel seiner vielseitig gebildeten Persönlichkeit aufgeprägt hat, der berufen war, noch einmal das Ideal des Menschen im Sinne der Renaissance zu verwirklichen und in seiner reich begabten Individualität die mannigfaltigen Geistesstrahlen seiner Zeit aufzufangen, um sie anregend, belehrend und veredelnd auf seine Umgebung und einen großen Freundeskreis zurückzuwerfen, den Namen: Wilhelm Gerhard. Ehe wir uns mit Gerhard selbst beschäftigen, müssen wir uns die Geschichte des Grundstückes vergegenwärtigen, das gleichsam den Rahmen zu dem Lebensbilde dieses einzigen Mannes bildet.

Was wir heute von »Gerhards Garten« noch vorhanden sehen, ist nur ein Bruchteil der unvergleichlichen Anlage, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts als eine Sehenswürdigkeit der Stadt galt und die sich über das ganze Gebiet der heutigen Lessing-, Poniatowsky-, Gottsched- und eines Teiles der Thomasiusstraße zwischen der Elster und dem ehemaligen »Diebesgraben« erstreckte. Der Garten war im Jahre 1740 von den Brüdern Zacharias und Christoph Richter in französisch-holländischem Geschmacke angelegt worden. Die größte Merkwürdigkeit darin war ein zweistöckiger japanischer Pavillon, belegt mit 16 000 Porzellanplatten, von denen die Chronisten nicht zu melden vergessen, daß jede davon 2 Silbergroschen gekostet habe, von hier genoß man die schönste Fernsicht über Felder und Wiesen bis zum Kuhturm. Ein vom Wasser der Elster gespeistes, von einer zierlichen Bogenbrücke überspanntes Doppelbecken, belebt von fremdländischem Wassergeflügel und an seiner südwestlichen Ausbuchtung von einem Wäldchen auserlesener Bäume umgeben, bezeichnete die Mitte der Anlage, Haushohe, schnurgerade Laubgänge, teils offen, teils überwölbt, boten den Lustwandelnden Schatten und Schutz vor Wind, römische Villen, Statuen und Denksteine regten die Phantasie an. Gewächshäuser und Volieren versetzten den Beschauer in die Flora und die Fauna der Tropen. Das schöne eiserne Gittertor stand damals und noch bis in unsere Zeit dort, wo jetzt die Brücke vom Fleischerplatz zur Lessingstraße hinüberführt.

Das Wohnhaus, ursprünglich nur als Sommersitz gedacht, aber in seiner ganzen Anlage überaus solide aufgeführt, beweist, wie man damals das Zweckmäßige mit dem Schönen zu verbinden verstand. Schon die Treppe, die fast die ganze Hinterseite des Hauses einnimmt und sich nach dem ersten Absatz teilt, ist ein architektonisches Meisterstück. Die Zimmerflucht im ersten Stockwerk mutet, wenn die Verbindungstüren geöffnet sind, wie ein Festsaal an, und bei dem letzten und größten der Gemächer hat der Baumeister, um etwas außergewöhnliches zu schaffen, die Decke dadurch höher gelegt, daß er den Raum bis in das Dachgeschoß fortführte und das darüberliegende Bodengelaß so niedrig werden ließ, daß man sich hier nur kriechend fortbewegen kann, wie die Wände des Treppenhauses, so hat auch die Decke dieses Salons Ösers Pinsel mit allegorischen Darstellungen geschmückt.

Aus dem Besitz der Brüder Richter ging das Anwesen in den des bekannten Bürgermeisters Herrmann, dann in den des Bankiers Reichenbach über, von dem es endlich, etwa um die Mitte der zwanziger Jahre, Wilhelm Gerhard erwarb. Aber bevor der Garten in der Hand dieses letzten Besitzers eine Stätte heiterer, durch alle schönen Künste veredelter Geselligkeit, ein Sitz der Musen und Grazien wurde, bestimmte ihn das Schicksal zum Schauplatze eines Dramas von welthistorischer Bedeutung. Als kurz nach 11 Uhr vormittags am 19. Oktober 1813 der Nachhut der Napoleonischen Armee durch voreilige Sprengung der Elsterbrücke der Rückzug abgeschnitten worden war, versuchte ein Teil des sich in wirrer Flucht befindenden Heeres dem nachstürmenden Feinde durch Reichenbachs Garten zu entkommen. Unter den Flüchtigen befand sich außer dem General Macdonald auch der Fürst Joseph Anton Poniatowsky, der erst am 16. Oktober wegen seiner heldenmütigen Verteidigung von Lonnewitz zum Marschall von Frankreich ernannt worden war, mit etwa 6000 Polen. Es muß ein fürchterlicher Anblick gewesen sein, wie diese, beim Überklettern des hohen Gitters massenhaft von den feindlichen Kugeln getroffen, in die Tiefe stürzten und sich vor dem Portale als ein Wall von zuckenden Leibern aufhäuften. Tausende, denen es gelang, durch den Garten bis zur Elster vorzudringen, fanden die in der Eile hergestellte Notbrücke unter der Last der Pferde und Reiter zusammengebrochen und stürzten sich, im Rücken den gewissen Tod, ohne Besinnen in die Wogen des hochgehenden Flusses, dessen steile Ufer nur wenigen erlaubten, auf der anderen Seite wieder ans Land zu steigen. Poniatowsky, durch Wunden geschwächt und unfähig, seinen Schimmel zu zügeln, setzte dicht bei dem japanischen Pavillon in den Fluß, das Pferd überschlug sich und kam ohne seinen Reiter wieder zum Vorschein. In der allgemeinen Aufregung wurde der Fürst nicht einmal vermißt; erst am 24. Oktober fand man seinen Leichnam wenige Schritte unterhalb der Unglücksstelle unter den Wurzeln einer Trauerweide. Er war ausersehen gewesen, die polnische Königskrone zu tragen, und mit ihm starb die letzte Hoffnung seines Vaterlandes.

Ein einfaches Monument aus Sandstein, vom General Rosnieczki bald nach der Katastrophe errichtet, bezeichnete die Stelle, an der er ertrank, ein zweites größres, in Form eines Sarkophags, das die polnische Armee ihrem Generalissimus widmete, stand lange aus einer, von amphitheatralisch aufsteigenden Rasenbänken umgebenen, von Trauerweiden beschatteten Wiese des Gerhard'schen Gartens und steht jetzt im Garten der 2. Bezirksschule dicht an der Elster. Lange war die Stätte ein Wallfahrtsziel der Polen; die später erneuerte Deckelplatte des kleineren Poniatowsky-Denkmals, von der ein Bruchstück neben manchen Trümmern der gesprengten Brücke heute noch in dem letzten Reste der schönen Anlage aufbewahrt wird, ist mit den eingeritzten Namen polnischer Vornehmer bedeckt.

So übernahm Wilhelm Gerhard mit dem Reichenbach'schen Anwesen zugleich das Hüteramt einer durch die Geschichte geweihten Stätte. Er war hierzu nicht nur durch seine Neigungen, sondern auch durch seinen, in der Abstammung aus einer uralten Quedlinburger, später im Weimar'schen ansässigen Patrizierfamilie begründeten, eminent entwickelten historischen Sinn berufen. Das Geschlecht leitet seinen Ursprung bis auf den um das Jahr 1500 lebenden Ratsherrn Andreas Gerhard zurück, dessen Enkel, Johann Gerhard, ein naher Verwandter des geistlichen Liederdichters Paul Gerhard, sich als Theologe und Förderer der Reformation einen Namen gemacht hat. Wilhelm, als jüngster Sohn des Kaufmanns Johann Friedrich Gerhard, am 29. November 1780 in Weimar geboren, in seinen Kinderjahren ein täglicher Gast des Wieland'schen Hauses, hatte, obwohl seine Neigungen ihn auf andere Bahnen wiesen, dem Wunsche des Vaters entsprechend, den Handel erlernt und im Jahre 1805 mit seinem Freunde Göhring ein Manufakturwaren-Geschäft en gros eröffnet. Es überstand nicht nur die den übrigen Häusern dieser Branche so verderbliche Kriegszeit, sondern wurde überdies mit großartigen Lieferungen für die französische Armee betraut.

Schon am 3. Januar 1813 hatte Gerhard einen Hausstand begründet, doch war die junge Ehe schon am 20. April 1814 in durch den Tod wieder gelöst worden. Im nächsten Jahre nahm er zur zweiten Gattin Karoline Richter, ein Mädchen von blühender Schönheit, bescheidenem Sinn und heiterem Gemüt, mit dem er bis zu seinem Tode eine ungewöhnlich glückliche Ehe führte. In der Behaglichkeit seines Heims erwachte und entfaltete sich Gerhards vielseitiges Talent. Er hatte lange genug in Weimar gelebt, um mit der Luft dieses klassischen Bodens die Ideale einer gesegneten Zeit in sich aufzunehmen, und war doch früh genug dem Bannkreise der kleinen Residenz entronnen, um nicht von dem Schatten getroffen zu werden, den jede hoch ausragende Größe um sich verbreitet. Die Betätigung seiner Kräfte im praktischen Leben, auf Reisen und bei der Leitung eines weitverzweigten Geschäftes schärfte seinen Blick für alle Erscheinungen der Außenwelt, die Kenntnis vieler Sprachen, die er sich, begünstigt durch eine ausgeprägte linguistische Begabung, mit rastlosem Eifer erworben, schulte seinen Sinn für die Prägnanz und Schönheit des Ausdrucks. Dabei war er einer der Ersten, die den von Herder und Goethe ausgesprochenen Gedanken einer »Weltliteratur« aufgriffen und die nicht in den Erzeugnissen der Kunstpoesie, sondern in den schlichten Volksliedern den wahren Ausdruck der Nationalseele erkannten. Gerhards eigene Dichtungen trafen deshalb auch den Volkston so glücklich, daß sie zum großen Teile echte Volkslieder geworden sind. Im Jahre 1625 nahm Gerhard bei einem nach Leipzig verschlagenen gelehrten Serben Unterricht in dessen Muttersprache, um seinen Übersetzungen aus der griechischen und schottischen Literatur nun auch Übertragungen serbischer Lieder folgen lassen zu können, denen er später noch Proben italienischer und spanischer Lyrik zugesellte.

Den Wert dieser Arbeiten wußte vor allen anderen Goethe zu würdigen, der Gerhard freundschaftlich zugetan war und auch dessen häuslichen Angelegenheiten durch Annahme der Patenstelle beim erstgeborenen Sohne der Familie seinen Anteil bekundete. Seine Briefe an Gerhard hat W. Freiherr von Biedermann in dem schönen Buche »Goethe und Leipzig« (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1865) veröffentlicht. Überhaupt sehen wir Gerhard mit den Jahren immer tiefer in die Interessen-Sphäre des Altmeisters eindringen, wie dieser trieb er mit Vorliebe Botanik und Mineralogie, wie dieser suchte er seinem Dasein durch einen längeren Aufenthalt in Italien eine höhere Weihe zu geben, wie dieser übte er, wenn auch erst in vorgerückten Jahren, die Malerei und unter Knaurs Leitung sogar die Bildhauerkunst. Ganz in Goethes Sinne war es, wenn er auf die Veredelung der Geselligkeit hinwirkte und durch Veranstaltungen von sinnvollen Maskenzügen, lebenden Bildern und szenischen Aufführungen heitere Feste zu verschönen und dadurch das Geringfügige in die Sphäre des Bedeutsamen zu erheben strebte. Die Stanzen, mit denen er z. B., Goethes Dienstjubiläum feiernd, die symbolischen Bilder, die Goethe kurz vorher bei Gelegenheit des Jubeltages seines Fürsten als Schmuck des Hauses am Frauenplane angebracht hatte, auf den Dichter selbst zu deuten wußte, zeichnen sich durch gewichtigen Inhalt und vollendete Form vor allem ähnlichen aus, was damals an poetischen Huldigungen entstanden ist.

In Gerhards gastlichem Hause fand jeder die freundlichste Aufnahme, der des Hausherrn geistige Interessen nach irgend einer Richtung hin teilte, wie er mit Goethe, Alexander v. Humbold, Beethoven und Weber in Korrespondenz stand, so verkehrte er persönlich mit den bedeutenden Männern und Frauen, die damals in Leipzig lebten oder auf der Durchreise unsere Stadt berührten. Zu den vertrauten des Hauses gehörten u. a. Ottilie v. Goethe, die Schwiegertochter des Dichters, und deren reizende Tochter Alma, Marschner, Rob. Schumann, Mendelssohn, Lortzing, Ignaz Moscheles, Moritz Hauptmann, Ferdinand David, Fr. v. Holstein, Pohlentz (der Komponist des Gerhard'schen Liedes »Auf, Matrosen, die Anker gelichtet«), der Herzog Bernhard Erich Freund von Meiningen-Hildburghausen, Friedr. Rückert, Mahlmann, Rochlitz, Saphir, de la Motte Fouqué Laube, Tieck, Tiedge, Pius Alexander Wolff, Müllner, Roßmäßler, Gerstäcker, Marbach, Roderich Benedix, Julius Hammer, Amalie Haizinger, Henriette Sontag, Wilhelmine Schröder-Devrient und Frau Seidler-Wranitzky, von bildenden Künstlern endlich Karl Werner und Thorwaldsen, mit dem Gerhard in Rom durch Schwanthaler bekannt gemacht worden war und der ihm seinen Entwurf zu Poniatowskis Reiterstandbild verehrt hatte. Betrauert von allen, die ihm nahe getreten waren, starb Gerhard auf einer Reise in Heidelberg am 2. Oktober 1858 im 78. Lebensjahre. Die herrliche Gartenanlage, die er nach seinem Geschmacke umgestaltet und mit mancherlei Bauten in griechischem und orientalischem Stile, ja sogar mit einem häufig benutzten Natur-Theater ähnlich dem in Belvedere bei Weimar geschmückt hat, ist freilich größtenteils längst der alles verschlingenden Großstadt zum Opfer gefallen, aber in seinem Hause weht uns noch heute Wilhelm Gerhards Geist auf Schritt und Tritt entgegen. Landschaften, Genrebilder und Skulpturen von seiner Hand, Porträts und Büsten all der großen Zeitgenossen, tausend Erinnerungen an Reisen, wichtige Begebenheiten und historische Momente, Reliquien von Poniatowsky, Goethe und anderen – aus all diesen Einzelheiten, die seine erst im Jahre 1903 verstorbene jüngste Tochter Similde, die langjährige Besitzerin des Hauses, mit liebender Sorgfalt erhalten und gehütet hat, und die auch von deren Erben pietätvoll erhalten werden sollen, spricht die Persönlichkeit eines Mannes, wie ihn nur eine so bewegte Zeit, wie die seine, hervorbringen konnte.

Und seltsam! Die Stätte, an der an jenem grauenvollen Oktobertage so viele Wunden geschlagen wurden, sollte noch einmal in Kriegszeiten eine Rolle spielen. Im Jahre 1870/71 wehte auf dem Dache die internationale Flagge, und zahlreiche Frauen und Mädchen waren in den Räumen des Hauses, in den Lauben und Pavillons des Gartens zu dem Liebeswerke versammelt, die Wunden einer neuen Generation zu heilen.

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