Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Promenade

W Was unsere Stadt vor den meisten anderen deutschen Großstädten vorteilhaft auszeichnet und von allen Besuchern Leipzigs mit Recht bewundert wird, ist der unvergleichliche Promenadenkranz, der den ältesten Teil und eigentlichen Kern des Weichbildes umschließt. Es muß als eine seltsame Fügung des Schicksals, als ein guter Witz der Kulturgeschichte angesehen werden, daß derselbe Gürtel, der einst das Wachstum und das räumliche Gedeihen der Stadt behinderte und somit deren sanitäre Verhältnisse ungünstig beeinflußte, im Laufe der Zeit in gesundheitlicher Beziehung zu einem wahren Wohltäter Leipzigs und seiner Bewohner geworden ist. Mauern, Wälle, Schanzen und Bastionen, die nicht nur dem Feinde, sondern auch dem Lichte und der Luft den Eintritt verwehrten, sind gefallen; die Gräben, deren stagnierendes Wasser einst der Herd zahlreicher Krankheiten war, sind aufgefüllt worden und haben sich nach und nach in die prächtigen Alleen und Anlagen verwandelt, die mit dem frischen Grün ihres Laubes, dem schimmernden Smaragd-Teppich des Rasens und dem Farbenzauber wohlgepflegter Blumenbeete und Pflanzengruppen Auge und Herz des Bürgers erfreuen und auf den Ehrentitel: » Laboris industriis civibus requies«, der uns von der Fassade des Kristallpalastes entgegenleuchtet, mit mindestens ebenso großem Recht wie dieser Anspruch erheben können.

Leipzig gehört zu den ersten Städten Deutschlands, die ihren Charakter als Festung aufgaben und den durch Schleifung der Befestigungen gewonnenen Grund und Boden nicht einfach zur Bebauung veräußerten, sondern unter bedeutend materiellen Opfern dem Allgemeinwohle widmeten. Aus dieser Tatsache ergibt sich zweierlei. Erstens ein weiter politischer Blick der damaligen Behörden, die schon unmittelbar nach dem für Sachsen so verderblichen siebenjährigen Kriege zu der Erkenntnis gelangten, daß eine offene Stadt unter den Bedrängnissen kriegerischer Zeiten weniger zu leiden habe als eine befestigte. Daß diese Erwägung richtig war, beweist der geringe Materialschaden, den Leipzig in den denkwürdigen Oktobertagen des Jahres 1813 erlitt, und der zu dem Zerstörungswerke, das frühere Belagerungen angerichtet hatten, in gar keinem Verhältnisse steht. Zweitens aber legt jener Entschluß schon beredtes Zeugnis von dem für Leipzigs Magistrat und Bürgerschaft so charakteristischen Zuge von Generosität ab, der sich bis heute noch nie verleugnet hat, wenn die Verwirklichung von Humanitären oder auf das Ästhetische gerichteten Bestrebungen in Frage kam.

Dieser damals schon von fremden Besuchern unserer Stadt bewunderte und gerühmte Zug, in dem der Kulturhistoriker unschwer die erste starke Regung eines neuzeitlichen Geistes erkennen wird, liegt in der geschichtlichen Entwickelung Leipzigs tief begründet. Als Handelszentrum und Meßstadt wie kaum eine andere Stadt im deutschen Reiche auf Frieden und friedlichen Verkehr angewiesen und dennoch in fast allen Kriegen der Schauplatz entscheidender Kämpfe, durchlebte Leipzig in rasch wechselnder Folge Perioden blühenden Wohlstandes und unermeßlichen Elends. Gegen solche Wechselfälle des Schicksals schützt nur ein starker Gemeinsinn, der in ruhigen Zeiten die Folgen stürmischer ausgleicht und dem drohenden Unglück mit Umsicht und Entschlossenheit vorbeugt. Und daran hat es Leipzig nie fehlen lassen; der Ruhm, dessen es sich als gesittetste und bestverwaltete Stadt im In- und Auslande seit Jahrhunderten erfreut, ist ihm bis heute erhalten geblieben. Wenn wir nun in unserer Promenade einen uns täglich vor Augen tretenden Beweis jenes schönen Gemeinsinns erkennen, so dürfte es sich wohl auch verlohnen, bei einem Rundgang die kulturhistorischen Marksteine zu betrachten, denen der Kenner und Freund der Vergangenheit Leipzigs allerorts begegnet.

Da zieht zunächst der auf der Nordseite der Stadt liegende Teil als der älteste unsere Aufmerksamkeit auf sich. Hier wurde im Jahre 1765 die erste Bresche in den Befestigungsgürtel gelegt, indem der Rat die 1549 vom Kurfürsten Moritz erbaute Ranstädter Bastei schleifen ließ und dem unternehmungslustigen Kaufmann Zehmisch die Erlaubnis erteilte, auf deren Grund ein Komödienhaus, das heutige Alte Theater, zu errichten. Der Bau wurde im Frühjahre 1766 in Angriff genommen und bereits am 18. Oktober desselben Jahres durch den Prinzipal Heinrich Gottfried Koch und seine Truppe mit Schlegels »Hermann« eröffnet. Es ist für Leipzigs Entwickelung als Hochburg der Literatur und der Musik von symbolischer Bedeutung, daß es gerade die Hauptheimstätte der beiden Schwesterkünste war, die zuerst die alten Grenzen des Weichbildes durchbrach und dem frischen Lufthauche der Außenwelt entgegenstrebte. Wenn auch die ersten Anfänge des Leipziger Theaters bis in das dritte Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts zurückreichen, wo die Studenten auf dem Rathause Komödien des Terenz und des Plautus aufführten, wenn die Stadt auch schon 1693 im Reithause eine Oper erhielt, und die Truppen des Magisters Veltheim, der Neuberin und des berühmten Koch zu Meßzeiten ihre Bühne in Höfen oder Bretterbuden aufschlugen, so muß doch jener 18. Oktober als der eigentliche Geburtstag der Theaterstadt angesehen werden. Von nun an nahm die Leipziger Bühne auf lange Zeit hinaus eine führende Stelle ein, und es dürfte auch heute noch nur wenige große Künstler geben, die unser Theater nicht als eine Hauptstation ihres Lebensweges betrachten könnten.

Etwa zugleich mit der Ranstädter Bastei fielen die Befestigungen vom Ranstädter Tore bis zur Halleschen Pforte (der heutigen Plauenschen Straße), etwas später das Stück von hier bis zum Halleschen Tore (der heutigen Halleschen Straße), und endlich die Strecke von diesem bis zum Grimmaischen Tore. Der verdienstvolle Bürgermeister und Kriegsrat Müller, der schon früher durch den Zwinger am Georgenhause, wo heute die Kredit-Anstalt steht, ein Pförtchen gebrochen hatte, um den dort untergebrachten städtischen Waisenkindern eine bequeme Verbindung mit den Gärten und Wiesen des Georgen-Vorwerks zu schaffen, wandte seinen ganzen Einfluß an, um Rat und Bürgerschaft von den Vorteilen zu überzeugen, die die Verwertung des freigewordenen Geländes zur Anlage parkartiger Promenaden mit sich bringen mußte. Seine Vorschläge fanden Beifall, und in verhältnismäßig kurzer Zeit entstand die schöne geschmackvoll angelegte und landschaftlich reizvolle Partie, deren alte Bezeichnung »Park« sich noch im Namen der Parkstraße erhalten hat. Von den beiden Glanzpunkten dieser Anlage, dem Schwanteich und dem Schneckenberge, ist nur der erste übrig geblieben, doch ist der durch die Terrasse des Neuen Theaters gebildete architektonische Abschluß des prächtigen Landschaftsbildes von so hervorragend malerischer Wirkung, daß wir uns über das Verschwinden des einst viel bewunderten und – viel verspotteten Schneckenberges trösten können, wenige Städte der Welt dürften inmitten ihres Weichbildes so unvergleichliche landschaftliche Durchblicke bieten, wie wir sie an diesem Teile der Promenade nach allen Seiten hin genießen. Ob wir von der Theaterterrasse auf den Schwanteich und die sich koulissenartig vorschiebenden Baumgruppen seiner Ufer hinabblicken, ob wir uns auf den Uferwegen am mannigfachen Grün der Gebüsche, dem Weiß der Birkenstämme oder dem Goldton des jungen Pappellaubes erfreuen, ob wir endlich von der Goethestraße aus den Blick über die große Wiese bis zu den ehrwürdigen Baumriesen schweifen lassen, in deren Kronen eine Krähenkolonie trotz den bösen Erfahrungen ganzer Geschlechter mit unerschütterlichem Optimismus alljährlich ihre Nester baut – stets haben wir ein abgeschlossenes, wundervoll abgestimmtes Landschaftsbild vor Augen.

Besonders schön, vorzugsweise beim Sonnenuntergang eines Frühlingstages, ist der Durchblick von der Promenade, etwa in der Mitte zwischen Schützen- und Wintergartenstraßen-Mündung, über die große Wiese nach der Stelle hin, wo sich das einfache Monument C. W. Müllers inmitten eines von schlanken Pappeln umgebenen Rondels erhebt. Die weite Rasenfläche scheint sich, da der untere Teil der Goethestraße infolge des welligen Terrains nur als schmaler Pfad sichtbar wird, ohne nennenswerte Unterbrechung bis zum Denkmal und darüber hinaus fortzusetzen; ihr saftiges Grün liefert den denkbar schönsten Kontrast zu den dunklen Baumstämmen im Vordergrunde, den satten braunen Tönen einer Blutbuche und dem flimmernden Weiß der Silberpappeln, die mit ihren tief herabhängenden Ästen den Steinwürfel des Denkmals halb verdecken. Wenn dann der westliche Himmel im Abendrot glüht, so haben wir eine Farbensymphonie, wie sie kein Maler prächtiger zu komponieren vermag.

Aus der nächsten Nähe gesehen nimmt das Müller-Denkmal einen mehr idyllischen Charakter an. Der einfache Quaderbau mit dem schmucklosen Medaillonporträt, die allzu lakonische Inschrift, die Lyra auf der Rückseite, die den Beschauer, der von Müller's Verdiensten um das »Große Konzert« noch nichts vernommen hat, zu falschen Schlüssen auf die einstige Tätigkeit und Bedeutung des Gefeierten verleiten kann, endlich die Kettenumzäunung und das Pappelrondel – Alles das trägt in so hohem Grade den Stempel einer längst vergangenen Zeit, daß wir wie aus einem Traume erwachen, wenn plötzlich der Lärm der Außenwelt stärker an unser Ohr schlägt. Denn die Anlagen, in denen wir uns hier bewegen, lassen uns vergessen, daß wir uns nur wenige Schritte abseits von einem der lebhaftesten Verkehrszentren der Großstadt befinden. Mehr als die andern Teile der Promenade steht der nach Norden gewandte unter dem Zeichen des Verkehrs. Hatte schon die hier in die Stadt mündende alte Handelsstraße nach Halle und den Stapelplätzen an der mittleren und unteren Elbe in ältern Zeiten ihren Einfluß auf das städtische Leben geltend gemacht, so geschah dies nach Niederlegung der Befestigungswerke in erhöhtem Maße. Schon bald wurde die städtische Güterwage mit dem dazu gehörigen Lagerplatz hier hinaus verlegt, jene an die Stelle des heutigen Blücherplatzes, diese auf den Grund der heutigen Börse. Aber auch von hier sind sie wieder verdrängt worden, befinden sich aber noch in der Nähe, auf dem Gelände nordöstlich vom Blücherplatze.

Zugleich mit der Wage wurden auch die Bureaux der königlichen und der städtischen Zollbehörden hier hinaus verlegt und zwar in das vom Kammerrat Joh. Chr. Richter im Jahre 1742 nach dem Plane des Hubertusburger Schlosses am Eingange der Gerbergasse erbaute, später der Familie Stieglitz gehörende Haus, ein Juwel der Barockarchitektur, das zuletzt der Sitz des Erbländ. Ritterschaftl. Kredit-Vereins wurde und leider vor wenigen Jahren einem größeren aber weit weniger schönem Neubau gewichen ist. Heute präsentiert sich das Zollamt in einem einfachen aber würdigen Bau an der Promenade selbst. Bestimmend für den Charakter dieses Stadtteiles wurde aber erst die Eröffnung der Eisenbahnen und die Anlage der Bahnhöfe, von denen vier auf die Nordseite der Stadt entfallen. Rechnen wir den monumentalen Neubau der Börse, der im weiteren Sinne ja auch dem Verkehr dient, und die zahlreichen sich hier kreuzenden Linien der elektrischen Straßenbahnen hinzu, so haben wir auf einem räumlich verhältnismäßig beschränkten Gebiet eine Fülle von Verkehrsinstituten, wie wir sie in der Regel nur über den Flächenraum einer ganzen Stadt verbreitet finden. Und welch ein Leben pulsiert hier ununterbrochen mit gleicher Hast! Ankommende und abfahrende Reisende jeder Nationalität, Scharen von Auswanderern in den malerischen Trachten Rußlands, Ungarns oder der Balkanländer, keuchend unter der Last ihrer Habseligkeiten und mit ihren buntbenähten, lammfellgefütterten Kaftanen dem Auge erfreulicher als der Nase, Soldaten in blinkenden Uniformen, Rollwagen mit mannigfachen Gütern beladen, leuchtend gelbe Postkutschen, vorüberhuschende Radfahrer, prustende Automobile und Motorräder, daneben auf dem Promenadenweg elegante Spaziergänger und Damen in duftigen Sommertoiletten, Kinderwagen mit geputzten Babys, Händler mit Apfelsinen, deren allzugrelles Orangegelb durch eine leichte Staubschicht gemildert wird, kurzum ein buntes gestaltenreiches Getriebe, das sich in jedem Augenblick kaleidoskopartig verändert. Auf dieses ewig wechselnde Leben schaut Gustav Harkorts schöne Büste von hohem Sockel herab. Was Standort, Ausführung und Umgebung anbetrifft, so kann sich kaum ein anderes Denkmal unserer Stadt mit diesem einfachen Monumente messen, das man hier, angesichts des Dresdener Bahnhofes, dem rastlosen westfälischen Großindustriellen und Volkswirtschaftler, dem Begründer der Leipzig-Dresdener Eisenbahn, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um das sächsische Verkehrswesen errichtet hat. Schlicht und ernst wie der Mann ist sein Denkmal; die harten scharfen Züge des Antlitzes verraten die rücksichtslose, zielbewußte Energie des Westfalen. Der mächtige glatte Sockel trägt als einzigen Ruhmestitel den Namen »Gustav Harkort«, als einziges Ehrenzeichen das Emblem des Flügelrades. Aber der Standort des Denkmals in einer Nische des Gebüsches, die mächtige Laubwand als Hintergrund und die frischgrünen Blattpflanzen am Fuße des Sockels verleihen dem Monument einen Schimmer von Heiterkeit, den wir in den Zügen der Büste vergebens suchen.

In neuerer Zeit hat der nördliche Promenadenteil, der an architektonisch bedeutenden Bauwerken bisher nur die Börse aufwies, in der neuen reformierten Kirche und dem sich daran anschließenden Predigerhause einen prächtigen Schmuck erhalten, wenn diese Gebäude auch auf den ersten Blick das Gepräge des deutschen Renaissancestiles zu tragen scheinen, so entdecken wir bei genauerer Betrachtung so viele südfranzösische Architektur-Motive, daß wir über die Absicht des Erbauers, auf das Ursprungsland des reformierten Glaubens anzuspielen, nicht im Zweifel sein können. Gleich hinter dem Predigerhause liegt das Hotel Fürstenhof, dessen in den achtziger Jahren zusammengekleisterte, durch und durch unwahre »Renaissance«-Fassade nicht ahnen läßt, daß unter ihr das schönste Haus Leipzigs begraben liegt. Es war Löhrs Haus, einst ein Meisterwerk des spezifisch Leipzigerischen Zopfstils, wundervoll gegliedert und von so vornehm-einfachen Formen, daß man schwer versteht, wie sich ein »Architekt« an diesem Kunstwerk versündigen konnte.

Auf dem angrenzenden kleinen Platze erhebt sich seit einigen Jahren ein zierlicher Schmuckbrunnen. Ein schlankes Mädchen, dessen Durst freilich dem des seligen Zwergs Perkeo nichts nachzugeben scheint, führt eine Schale an die Lippen, und von dem Rande des übervollen Gefäßes rieselt das erfrischende Naß in ein von vier wasserspeienden Delphinen getragenes Becken, aus dem es durch zwei Maskarons in die eigentliche Brunnenschale abfließt. Der Brunnen ist von Blattpflanzen und blühenden Stauden umgeben und belebt den stillen kleinen Platz auf das Glücklichste.

Einen völlig anderen Charakter als die nördliche Promenadenpartie zeigt die westliche. Sie trug noch bis vor kurzem in wesentlichen Teilen den Stempel einer älteren Kultur. Die schon in einem früheren Kapitel besprochenen alten Häuser am Töpferplatz, die tiefliegenden Gärten der zur Klostergasse gehörigen Grundstücke, der Grund und Boden des neuen Rathauses, dem die alte Pleißenburg gewichen ist – alles das gemahnte noch deutlich an die Zeiten der befestigten Stadt. Aber auch hier hat sich der Geist einer neuen Zeit geregt. In wenigen Jahren sind mächtige Neubauten, wie das Centraltheater, das Vereinshaus der reisenden Kaufleute, das Kommandanturgebäude, emporgewachsen, und neuerdings hat auch die Thomaskirche eine neue Umgebung erhalten. Wo einst die alte nüchterne Thomasschule stand, erhebt sich jetzt der Prachtbau eines Predigerhauses mit gotischen Arkaden und einem wohlgepflegten lauschigen Gärtchen.

Das bunte Leben, das sich während der Messen rechts und links von der Promenade abspielte, wies auf die Vergangenheit Leipzigs als Meßstadt hin, während mancherlei Marksteine vom alten Theater bis zum Eingang in das Musikviertel uns auch heute noch die Bedeutung Leipzigs in musikgeschichtlicher Hinsicht ins Gedächtnis rufen. Neben der durch die Erinnerung an Johann Sebastian Bach für jeden Musikfreund doppelt geweihten Thomaskirche nimmt sich das von Mendelssohn gestiftete, gut gemeinte Denkmal des großen Thomaskantors freilich etwas dürftig aus. Etwas besser präsentierte sich hier noch vor kurzem das Monument, das die einst berühmten Sängerinnen Podleska einem andern Thomaskantor, dem Komponisten Hiller – und sich selbst setzten. Erinnerten uns die Relieffiguren mit ihrer etwas gezierten Haltung schon an die empfindsamen Kalenderkupfer jener uns bereits so fernliegenden Zeit, so erscheint uns die Tatsache, daß Schülerinnen ihrem Lehrer noch lange nach seinem Tode den Zoll der Dankbarkeit entrichten zu müssen glaubten, heute zum mindesten ungewöhnlich. Das Denkmal war freilich gerade kein Meisterwerk und mochte auch für unsern »modernen« Geschmack, der bei Monumenten einen bedeutenden Aufwand von Marmor, Bronce und theatralischer Pose verlangt, etwas zu bescheiden sein. Daß man es jedoch eines schönen Tages einfach abgerissen und beseitigt hat, läßt sich kaum rechtfertigen und erscheint als ein Akt unglaublicher Pietätlosigkeit und eines bedauernswerten Mangels an Verständnis für den Gedanken, der nun einmal jedem Denkmal zu Grunde liegt. Die Stifterinnen des kleinen Monumentes, die es mit ihren Ersparnissen errichtet und der Stadt als ein bescheidenes Schmuckstück der Promenade überwiesen haben, sind in ihrem Vertrauen auf die Nachwelt schnöde getäuscht worden. Ziehen wir aus diesem Falle die Konsequenz, so droht jedem Denkmal die Gefahr, über kurz oder lang als unmodern beseitigt zu werden, und wer hätte unter diesen Umständen noch Lust, für solche Zwecke auch nur einen Pfennig zu opfern? Hoffen wir wenigstens, daß man dem Hillerdenkmal, wenn es wirklich nicht mehr in den Promenadenkranz paßt, und wenn der liebenswürdige Komponist auch längst zum alten Eisen geworfen worden ist, an einer andern Stelle ein Plätzchen anweist, wo sich die Musikfreunde, die sich noch nicht zu dem Pauken- und Trompeten-Radau der »modernen« Oper bekehrt haben, seiner erfreuen können. Wir persönlich vermissen das kleine Monument höchst ungern, und der Märchenbrunnen, den man im Sommer 1906 vor der neuen Häuserreihe links von der Thomaskirche errichtet hat, vermag uns über seinen Verlust noch immer nicht zu trösten.

Der südliche und der südöstliche Teil der Promenade steht seit kurzem völlig unter der gewaltigen Wirkung des Rathausneubaus. Über Erwarten schön fügt sich der monumentale und dabei doch so reich und fein gegliederte Renaissance-Palast dem großstädtischen Bilde ein, das sich hier vor unserm Auge entrollt. Die Kunst des Architekten hat es verstanden, den gewaltigen Steinkoloß zu beleben und der Wucht des Renaissancestils etwas von dem himmelanstrebenden Charakter der Gotik zu geben. Das Geheimnis dieser Wirkung liegt in der starken Betonung der Vertikallinien und in der schlanken Gestaltung der die Giebel flankierenden Türmchen, nicht zum wenigsten auch in den beinahe eleganten Formen des Hauptturms, in dessen unterm Teile ein gutes Stück des alten trotzigen Pleißenburgturmes erhalten geblieben ist. Ganz besonders schön ist die koloristische Wirkung des Gebäudes: von dem silbergrauen Mainkalkstein der Fassaden hebt sich das dunkelrote, von Giebelausbauten vielfach durchbrochene Dach mit einer überaus kräftigen Note ab. Daß der vornehme neue Stadtteil mit dem Riesenbau des Reichsgerichts, der stattliche Königsplatz mit dem ihn nach Osten prächtig abschließenden Grassi-Museum, das mehr seltsame als schöne Gebäude des Panoramas, endlich der Roßplatz mit den Fronten der »Harmonie«, des Café Bauer, der kgl. Kreishauptmannschaft und der Hotels einen wirklich großstädtischen Eindruck machen, wird auch der verwöhnteste Besucher unserer Stadt nicht leugnen können. Und als wollte die Gartenkunst mit der Baukunst um die Palme streiten – gerade an dieser Stelle entfalten die Anlagen noch einmal ihren höchsten Reiz. Sanftgewellt zieht sich der Rasenteppich mit prächtigen Baumgruppen geschmückt, vom Durchbruch des Neumarktes und der Universitätsstraße kaum merkbar durchschnitten, bis zu der anmutigen Erhebung des Musenhügels hin, von dessen Gipfel uns die weiße Marmorherme des um Leipzigs Entwickelung so verdienten Bürgermeisters Koch entgegenschimmert. Der überraschendste Blick aber bietet sich uns erst, wenn wir von diesem Hügel selbst nach dem Museum hinüberschauen. Mit seinen Laubgängen und Rasenflächen, den blühenden Syringen und Rhododendren und dem unvergleichlichen architektonischen Hintergrund erinnert uns dieses Stückchen einer durch Kunst geadelten Natur an das Schönste, was die reichste der italienischen Landschaften, das gesegnete Toscana, an Villen und Gärten aufzuweisen hat!

.


 << zurück weiter >>