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Malerische Ansichten und Durchblicke

IIst Leipzig eine schöne Stadt? Diese Frage wird auswärts häufig genug an Leipziger oder an solche, die unsere Stadt besucht haben, gerichtet und leider fast ebenso häufig verneint. Allerdings kann Leipzig nicht mit einem so prächtigen Gesamtpanorama aufwarten, wie beispielsweise Dresden, Frankfurt a. M. oder Köln, denn ihm fehlt sowohl der breite Fluß, dem diese Städte ihre Schauseite zuwenden, als auch ein erhöhter Standpunkt in der nächsten Nähe, von dem der Beschauer die Totalansicht der Stadt genießen könnte. Dieses Schicksal teilt Leipzig übrigens mit Berlin und München. Dennoch wird niemand leugnen können, daß unser Pleiße-Athen eine so charakteristische Silhouette wie wenige andere Städte hat, eine Silhouette, die um so weiter sichtbar ist, als ihr einzig und allein der Himmel zum Hintergrunde dient. Allerdings ist das alte Wahrzeichen Leipzigs, der Pleißenburgturm, jetzt durch die Einfügung in den großartigen Renaissancebau des neuen Rathauses völlig umgestaltet und seines trotzig-gedrungenen Charakters beraubt worden, aber dafür hat sich auch die Zahl der wundervoll profilierten Kirchtürme – es sei hier besonders an die der Nicolai-, Thomas- und Johanniskirche erinnert – in unsrer Zeit um zwei kaum minder schöne, den Turm des reformierten Gotteshauses und den der Nordkirche, vermehrt. Aber die Stadt-Silhouette wirkt nur aus größerer Entfernung; wer näher herankommt, muß sich mit kleineren Ausschnitten des Stadtbildes begnügen. An solchen fehlt es nicht: der Blick vom Augustusplatz auf Museum, Universität und Theater ist seit der Restaurierung der Paulinerkirche ein ästhetischer Genuß ersten Ranges, die Ansicht des Reichsgerichtsgebäudes, etwa von der Carl Tauchnitz-Brücke aus, und die des neuen Rathauses wirken im höchsten Grade monumental, und wenn wir die schönen, wahrhaft vornehmen Bilder hinzurechnen, die sich dem Spaziergänger darbieten, der vom Johannapark einen Blick auf die Häuser der Bismarckstraße oder von der Frankfurter Straße über die Fleischerwiesen und die Schrebergärten hinweg auf den westlichen Stadtteil wirft, so müssen wir gestehen, daß sich Neu-Leipzig recht günstig präsentiert.

Ich will bei diesen Bildern nicht verweilen; es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich den Leipzigern Dinge anpreisen, auf die sie mit Recht stolz sind. Ich möchte heute nur den Versuch machen, auf einige malerische Veduten hinzuweisen, die sich aus dem Leipzig einer vergangenen Zeit auf unsere Tage hinüber gerettet haben, und deren wir uns jetzt – wer weiß freilich auf wie lange? – noch erfreuen dürfen. Da ist zunächst die Reihe hoher alter Häuser am Töpferplatz, die namentlich von der Stelle aus betrachtet, wo die Bosestraße auf die Promenade mündet, zum malerisch Wirkungsvollsten gehört, was in deutschen Städten überhaupt an alter Architektur noch vorhanden ist. Wie köstlich heben sich die wettergebräunten, seltsam in die Höhe gereckten alten Gebäude mit ihren bald vor- bald zurücktretenden Fronten, ihren steilen Dächern, ihren kleinen, vielfach mit Blumenbrettern versehenen Fenstern gegen das frische Grün der Promenade ab! Wie behaglich mutet es uns an, wenn aus den verräucherten Essen ein feiner blauer Hauch emporsteigt, wenn Taubenschwärme über den Dachfirsten schweben, oder wenn die zahllosen Fensterchen im Lichte der untergehenden Sonne zu glühen scheinen! Gerade bei Abendbeleuchtung wirkt dieses Architekturbild am schönsten. Dann liegt auf den dunklen Dächern ein warmer rötlich-violetter Ton, die Schatten der vorspringenden Giebel heben sich kräftig ab, und alle die malerischen Einzelheiten, die uns, wenn die Sonne im Osten steht, entgehen, werden deutlich erkennbar. Noch vor kurzem setzte sich die Reihe der alten Häuser noch weiter nach der Thomaskirche zu fort, wesentlich erhöht wurde ihr malerischer Reiz durch die Lücke, die an der Stelle entstand, wo die Kleine Fleischergasse auf den Matthäi-Kirchhof mündet. Dort tauchten die Dächer weiter zurückliegender Häuser auf und erweckten den Anschein, als ob sich hier eine mittelalterige Stadt in weiter Ausdehnung fortsetzte. Die Lücke ließ auch erkennen, wie auffallend wenig tief die hohen Gebäude waren, und daß es nur der Mangel an Raum war, der ihre Erbauer gezwungen hatte, die Mauern zu einer für Profanbauten jener Zeit durchaus ungewöhnlichen Höhe emporzuführen. Es war, als hätte sich diese äußerste Häuserreihe der alten Stadt, durch das nachdrängende Häusergewirr gleichsam in die Enge getrieben, vor dem unüberspringbaren Stadtgraben aufgebäumt und wäre in diesem Augenblicke erstarrt.

Was den jetzt noch vorhandenen Häusern auch an Raum abgehen mag, eins haben sie ebenso wie die jüngst der Hacke zum Opfer gefallenen stets überreichlich besessen, nämlich das, was der Bürger vergangener Jahrhunderte, der am Ostermorgen

»Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge«

in die freie Natur hinauszog, gewöhnlich erst außerhalb der Stadt fand: Luft und Licht. Und so sind die Häuser trotz ihres hohen Alters gewissermaßen gesund geblieben. Der apathische Schlummer, in den so häufig alte Quartiere einer blühenden Stadt verfallen, ist ihnen noch fremd; von dem regen Leben, das in ihnen pulsiert, zeugen die zahlreichen Firmenschilder, denen wir die Beeinträchtigung des malerischen Effektes deshalb gerne verzeihen wollen. Wen die leuchtenden Schilder mit ihren Riesenlettern im Vollgenusse des schönen Stadtbildes stören sollten, dem sei empfohlen, bei einbrechender Nacht dort vorüberzugehen, wenn der Mond im Osten emporsteigt und sein Silberlicht über die Dächer und das spitze Türmchen der Matthäikirche ergießt. Auch dann ist dieses Bild bezaubernd schön. Die Fassaden liegen im tiefsten Schatten, und bis zu den schwarzen Giebeln hinauf glühen die rötlichen Lichter und geben Zeugnis von fleißigen Menschen, die hier zu später Stunde noch tätig sind oder sich in trautem Kreise des Feierabends freuen. Daß der malerische Reiz unseres Bildes noch eine Steigerung erfuhr, als sich der Töpferplatz, dessen grüne Rasenflächen und Gebüschgruppen seine einstige Bestimmung nicht mehr erraten lassen, zu Meßzeiten belebte, bedarf keines Hinweises. Das Museum bewahrt ein vortreffliches Aquarell unseres heimischen Künstlers Fr. Schmidt-Glinz, das eine solche Meßszene auf dem Töpferplatze mit besonderer Betonung des architektonischen Hintergrundes zum Gegenstande hat.

Führt uns unser Weg einmal an einem schönen Vollmondabend am Töpferplatz vorüber, so dürfen wir uns auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, uns in der nächsten Nähe eine Szenerie zu betrachten, die lebhaft an ein Nachtbild im alten Amsterdam oder im Arsenalviertel zu Venedig erinnert. Ich meine den Blick von der Frankfurter Brücke auf die Pleiße nach dem Centralbade hin. Das schwarze Wasser, auf dessen Oberfläche die silbernen Reflexe des Mondlichts blinken und vereinzelte Lichtchen sich spiegeln, die düstern Mauern, die hie und da durch Pfähle gestützt werden, die Taubenschläge unter den Dachvorsprüngen – das Alles weckt Illusionen, die freilich in der nüchternen Beleuchtung des Tages bald genug verfliegen.

Heiterer und namentlich bei voller Morgenbeleuchtung dankbar ist der Blick von der Brücke beim Central-Feuerwehrdepot. Hier treten die kleinen Häuser nicht unmittelbar bis an den Fluß hinan, sondern weisen schmale Vorgärtchen, zum Teil mit grünumsponnenen Lauben auf, deren eines durch etliche schlankstämmige Jukka-Pflanzen sogar ein etwas südliches Aussehen erhält. Ist der Himmel gerade wolkenlos, so bildet sein Blau einen prächtigen Gegensatz zu den dunklen Tinten des Wassers und des Gemäuers.

Wenden wir uns der inneren Stadt zu, so zieht zunächst der Markt unsere Aufmerksamkeit auf sich, von der Ecke Petersstraße-Thomasgasse aus gesehen, gehört dieses Architekturbild, namentlich im Lichte eines sonnigen Spätnachmittags, zu den schönsten, die wir in Deutschland antreffen. Hier dominiert natürlich Lotters des Älteren ehrwürdiger Rathausbau mit seinem schmucken Türmchen, der malerischen Galerie über dem Durchgang und den sechs mächtigen Giebeln. Die Nüchternheit, die Lotters etwas schmuckloser Renaissance anhaftet, wird bei günstiger Beleuchtung durch die Farbwirkung des alten Gebäudes ausgeglichen. Ein wunderbar warmer Ton liegt über dem von Patina der Jahrhunderte gebräunten Ziegelbau, prächtig lösen sich die Giebel von dem beschatteten Dache ab, und der malachitgrüne Kupferbelag des Turmhelms bildet reizvoll den Übergang zu den duftigen Tönen des Himmels. Die »Bühnen« mit ihren farbigen Auslagen, von jeher ein charakteristisches Kennzeichen der Meßstadt, vermitteln den Zusammenhang der durch den Bau repräsentierten Vergangenheit mit dem bewegten Getriebe des bunten Straßenlebens der Gegenwart. Es war ein glücklicher Gedanke, das alte Rathaus, das seit der Übersiedlung der städtischen Behörden in den neuen Prachtbau im Herbste 1905 verwaist war, nicht einfach niederzureißen, sondern dem Architekturbild des Marktes, von dem es doch nun einmal unzertrennlich ist, durch sinngemäße Restaurierung zu erhalten und die Stätte, von der aus die Geschicke der Stadt jahrhundertlang geleitet worden find, den schönen Sammlungen des Vereins für die Geschichte Leipzigs einzuräumen. Allzu vereinsamt wird sich das Rathaus übrigens kaum fühlen, denn in der nun ebenfalls stark restaurierten »Alten Waage« hat es einen Gefährten, der auf ein mindestens ebenso langes Dasein zurücksieht. Auch die übrigen bei dieser Ansicht in Betracht kommenden Häuser am Markte, namentlich die altvornehmen Barockfronten des Myliusschen Hauses und von Kochs Hof, sowie die Gebäude der Nordseite mit ihren Giebeln, Essen und Türmchen passen sich dem Gesamtbilde auf das Schönste an, wie auch die sich hier eröffnende Perspektive in die Hain- und Katharinenstraße die malerische Wirkung wesentlich erhöht.

Daß unser Marktplatz durch die Verlegung des Wochenmarktes in die Markthalle an koloristischem Reize verloren hat, läßt sich leider nicht leugnen. Immerhin ist er aber auch heute noch so stark belebt, daß die Staffage, die ein solches Architekturbild verlangt, dem Beschauer genügen kann. Besonders schön nimmt sich der Markt zur Winterzeit aus, wenn der Schnee auf all den Dächern, Giebeln und Vorsprüngen lastet und mit dem dunklen Mauerwerk kontrastiert. Trifft dies gerade zur Weihnachtszeit ein, wenn um die Krambuden und Verkaufsstände eine festfrohe und kauflustige Menge wogt, dann haben wir ein Bild, das häufig genug von berufener Künstlerhand festgehalten worden ist.

Präsentiert sich der Markt bei sinkender Sonne am vorteilhaftesten, so verlangt der Naschmarkt die volle Beleuchtung des Mittags. Dann kommt der merkwürdige Barockbau der einst als das non plus ultra der Leipziger Gebäude gepriesenen, oft in Kupfer gestochenen und noch öfter von den »Pleiße-Schäfern« besungenen alten Börse zur rechten Geltung, der mit seinem pompösen Treppenaufgang, seinem Statuenschmuck, dem flachen Dache, den verhältnismäßig großen Fenstern und den von italienischen Künstlern geschaffnen Stuckguirlanden weit eher in den Park eines deutschen, dem Sonnenkönig nacheifernden Duodez-Fürsten als in diese Umgebung zu gehören scheint. Wir können uns heute kaum noch recht vorstellen, wie dieses kleine Lokal so lange den kommerziellen Bedürfnissen genügen konnte, vermögen aber eher zu verstehen, daß August der Starke den zierlichen Bau mit Vorliebe zum Schauplatz seiner galanten Feste machte. Ein gewisser poetischer Zauber weht auch heute noch um diese Stätte, zumal wenn der Platz in der Stille eines heißen Sommermittags träumt, und nur die Rathaustauben, ihres Futters harrend, vor dem vergitterten Treppenaufgänge umhertrippeln. Und wie behaglich es sich hier im Bannkreise mannigfacher Erinnerungen leben läßt, davon wissen die Spatzen, die in den Baumkronen vor der alten Börse allabendlich ihr Nachtquartier aufschlagen, ein Liedchen zu singen. Mit feinem Verständnis für den intimen, echt altleipzigerischen Reiz der Örtlichkeit hat man im Sommer 1903 auf diesem Platze dem jungen Goethe ein Denkmal von Seffners Meisterhand errichtet. Das Monument, dessen Sockel die Reliefbildnisse von Käthchen Schönkopf und Friederike Oeser schmücken, gilt nicht dem großen Dichter und Forscher, sondern dem akademischen Bürger Goethe, der das kleinstädtisch-behagliche Leben des damals so engen Pleiße-Athens mit unverkennbarer Liebe als Greis in »Dichtung und Wahrheit« geschildert hat. In neuerer Zeit hat übrigens auch die bewaffnete Macht vom Naschmarkte Besitz ergriffen, und darüber braucht sich kein Liebhaber malerischer Lokalitäten zu beklagen. Denn die Uniformen und das Schilderhäuschen bringen die farbige Note in die architektonische Komposition, die ihr bisher gefehlt hat.

Als malerisch wirksame Veduten müssen auch die drei »Kirchhöfe« unserer Stadt, der Thomas-, Nicolai- und Matthäi-Kirchhof, bezeichnet werden. Der Thomas-Kirchhof namentlich bot früher, als die alte durch historische Erinnerungen geweihte Thomasschule noch stand, vom Ausgange der Burgstraße aus gesehen ein äußerst harmonisch abgeschlossenes Bild, das in mancher Hinsicht an die malerischen Winkel altenglischer Bischofsstädte erinnerte. Die Südseite der Kirche mit ihren hohen gotischen Fenstern, der Turmpforte und dem steilen Dach ist hier natürlich für den ernsten Charakter der Ansicht entscheidend. Stimmungsvoll fügt sich heute noch der Szenerie des Platzes das schöne Renaissance-Eckhaus der Burgstraße mit seinem einfach ornamentierten Torbogen und den Steinsitzen zu jeder Seite desselben ein. Einen Ruhepunkt findet das Auge in dem köstlichen Leibnizdenkmal, dem die Architektur der Kirche als schönster Hintergrund dient.

Sind wir einmal in dieser Gegend, so müssen wir auch in die Burgstraße hineingehen – etwa bis zum Thüringer Hof – und von dort aus den Durchblick nach dem Turm der Thomaskirche hin auf uns wirken lassen, der überaus reich an malerischen Effekten ist.

Die belebte Gasse mit ihren alten Häusern, die im schönsten Renaissancestil erneuerte Fassade des Thüringer Hofes mit ihrem Reichtum an plastischen und farbigen Motiven – die reizende Loggia und die sehr glücklich angebrachte Eckfigur nicht zu vergessen! – endlich der Turm mit dem hübsch profilierten Helm, das alles vereinigt sich zu einem Bilde, wie es das alte Nürnberg kaum schöner aufweist.

Eigenartiger in seiner Art ist der Blick vom Ausgange der kleinen Fleischergasse auf den Matthäi-Kirchhof, eigenartiger deshalb, weil hier die Häuser zum Teil noch die für die Leipziger Architektur des ausgehenden 17. Jahrhunderts so charakteristischen Erker und Giebel zeigen. Dasselbe gilt vom Nicolai-Kirchhof, wenn man seinen Standpunkt an der Ecke des Predigerhauses nimmt und sich die Eckhäuser des Schuhmachergäßchens als Mitte des Hintergrundes denkt. Das linke mit seinem, von seltsamen Giebeln durchbrochenen Dach ist zum Glück noch in seiner ursprünglichen malerischen Gestalt erhalten geblieben, während das rechte, einst mit einer beachtenswerten Barockfassade geschmückte, vor wenigen Jahren einem modernen Neubau gewichen ist.

Als letztes Ziel unserer heutigen Wanderung möchte ich den Lesern dieser Zeilen den Hof des Bornerianums empfehlen, wo sich uns, wenn wir ihn von der Grimmaischen Straße aus betreten und soweit als möglich nach rechts vordringen, ein schmaler, aber geradezu überraschend schöner Durchblick auf den Nicolaiturm bietet. Namentlich wenn die zur Rüste gehende Sonne das grüne Kupferdach mit einem goldigen Duft umkleidet, wenn die Fenster der Türmerwohnung im Abendlichte glänzen und das Geländer der Galerie zu glühen scheint, muß man sich diesen kleinen Ausschnitt betrachten. Dann liegen die Dächer und Giebel der Straße schon in tiefem Schatten, leicht verschleiert durch den aufsteigenden Dunst und Staub der Stadt, den die letzten Sonnenstrahlen magisch durchleuchten. Mit scharfer, feingegliederter Kontur und sattem rotbraunem Farbton hebt sich das zierliche Erkertürmchen des Fürstenhauses dagegen ab – ein Architekturbildchen, das Jedem, der es einmal mit liebevollem Auge betrachtet hat, unvergeßlich bleiben wird.

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