Autorenseite

 << zurück weiter >> 

*

Als sie am Abend des folgenden Tages mit dem Kinde auf der Terrasse saß, kam plötzlich Mela hereingeflattert. Ganz in blauschwarze Seidengaze gehüllt – schwül und schön wie eine dunkle Gewitterwolke ...

»Nun komm' ich noch einmal und dann nimmermehr!« lachte sie zu den Worten aus dem Märchen.

Annemarie war fast betroffen. Sie entsann sich, bestimmt gehört zu haben, daß die Freundin nun doch vor einiger Zeit abgereist sei. Nun stand sie plötzlich da und lachte der Überraschten mit spöttischer Überlegenheit ins Gesicht.

»Du staunst, wie ich merke?«

»Weil man mir gesagt hat, daß du längst nicht mehr in Wien wärst,« erwiderte Annemarie.

Mela blinzelte wie eine Katze in die Sonne. Dann ließ sie sich in einen der gelben Korbstühle sinken und rekelte sich wie zu einem langen Verweilen zurecht.

»Wer hat es dir gesagt?« forschte sie endlich mit einem seltsamen Lauern im Blick.

»Ich kann mich nicht recht entsinnen,« grübelte Annemarie eine Meile. »Aber ja, nun weiß ich es! Dein Hausarzt –«, sie mußte unwillkürlich lächeln – »hat es meinem Mann erzählt und der mir. So wird es sein. Aber auch Mama hat es schon gewußt. Karten hast du zwar keine geschrieben, aber ich dachte ... Du wolltest etwas sagen?« unterbrach sie sich selbst. Denn ein ganz eigener Laut war von Melas Lippen gekommen. Fast wie ein unterdrücktes Lachen ...

»Ich? – Nein!« lachte die Freundin nun geradeheraus. Und als Annemarie sie ernster ansah, meinte sie achselzuckend: »Drei Wochen am Kobenzl sind keine Sommerreise. Und Ansichtskarten schreibt man von dort herab auch nicht, wenn man –«, sie stockte und lächelte aufs neue – »wenn man Geschmack hat. Also dein Mann hat es dir gesagt?«

»Wo du seist, wußte er allerdings auch nicht ...«

Mela sah mit einer hastigen Wendung in den Garten hinein, der in leuchtender Blüte stand. »Wie schön ihr es jetzt hier habt und welcher – welcher sonnige Friede –!« sie dehnte das Wort und sah plötzlich mit einem forschenden Blick in Annemaries Antlitz. Mit einem Blick, der so starr und zudringlich war, als wolle er bis ins Innerste ihrer Seele hinein spähen.

Es war ein seltsam beklommenes Schweigen, das eine Weile zwischen den beiden zitterte, und zugleich hatte Annemarie nach langer Zeit wieder die instinktive Empfindung, daß es eine geheime Feindseligkeit war, die sich in diesem Blick verbarg und wie eine Schlange auf sie zuglitt – wie schon einmal, wie ...

Und der Abend nach dem ersten Besuch Melas stand wieder vor ihr. Der Streit, den sie mit dem Gatten ihretwegen gehabt hatte ... Der Blick verstohlenen Wohlgefallens, bei dem sie ihn ertappt – sein Leugnen, und jene Nacht – die eine, einzige, von der sie noch heute die Empfindung hatte, als wäre damals an ihr etwas entweiht und gleichsam befleckt worden ...

Und mitten in dies Erinnern hinein klang Melas Stimme:

»Nur du! Du siehst gerade nicht gut aus heute, Annemarie!«

Und da war es, daß eine ganz seltsame Gefaßtheit und Ruhe plötzlich über Annemarie kam. Ein gleichsam hellsehender Argwohn, der sie bewog, das tückische Spiel der Unseligen – wenn es ein solches war – mit denselben Waffen aufzunehmen. Verstellung und Lüge! Noch niemals hatte Annemarie sie gebraucht. Die Wahrheit und die Reinheit selbst war jedes Wort gewesen, das sie bis heute gesprochen hatte. Nun war ihr, als fühle sie förmlich die Hand der Feindin, die an ihrem Glück herumfingerte – frohlockend es schon dort zu betasten begann, wo es jetzt zerbrechen konnte – vielleicht schon zerbrochen war! Und wenn es auch noch nicht die Sünde war, wenn nur der Neid da in sie hineinlauschte, an ihr herumfragte – er sollte nicht triumphieren!

Lüge um Lüge! Vielleicht – vielleicht erfuhr sie so die Wahrheit ...

Und während Annemarie ein kokettes Lächeln voll verstohlener Seligkeit auf ihre Lippen mühte, sprach sie leise:

»Wilhelm und ich haben gestern ein kleines Fest gefeiert!«

»Ah?« Auch Mela wollte lächeln. Aber irgend etwas riß ihr die Mundwinkel förmlich herab, und der Ruf ihrer Lippen erstarb wie unter einem plötzlichen Herzstoß.

»Ja,« nickte Annemarie mit einem verträumten Blick nach dem Kinde hin ... »Wir haben den Tag gefeiert, an dem wir uns zum erstenmal gesehen haben! Da ist es etwas –«, sie schien zu überlegen und überlegend doch nicht gleich das rechte Wort zu finden – »etwas spät geworden!«

Wie von einem jähen Schlag getroffen, fuhr Mela empor, setzte sich hoch und nun ... Ja, wahrhaftig! Das waren die Augen der Schlange, die Annemarie nun anfunkelten ... zornig, heimtückisch, rachsüchtig –

Daß es eine ganze Weile tödlich still blieb zwischen den beiden –

Und nun wußte es Annemarie, fühlte es: Sie will an mein Glück heran! Oder –?

War es ihr schon gelungen?

Daß sie noch fragen mochte! Eich nicht an die Stirne schlug, an das arme, törichte Herz, das wieder so kindlich geglaubt und vertraut hatte, aus der eigenen Reinheit heraus ...

War Wilhelm es nicht gewesen, der sie von Melas Abreise zuerst verständigt, einen vielleicht erwachenden Argwohn in ihr auf diese Weise beruhigt hatte?

Aber wann – wann war es nur geschehen?

Und während Annemarie dem bösen Blick Melas mit freundlicher Unbefangenheit standhielt, begann sie in fiebernder Hast nachzusinnen ...

Nun fiel ihr auch das ein!

Hier war es gewesen, im Garten! Nach dem letzten Besuch Melas, und einige Tage, nachdem er sein Studierzimmer auch zu seiner Schlafstube gemacht ...

Und all die Monate vorher, als fast jeden zweiten Tag eine Karte Melas ins Haus geflattert war – unter Annemaries Adresse, aber doch vielleicht nur für ihn bestimmt? –

Und im selben Zug fällt es ihr ein, daß Wilhelm und sie vor der Verlobung das gleiche Versteckspiel mit ihrer eigenen Mutter getrieben haben.

Es war ihm also nicht fremd!

Nur – Und plötzlich ging es über all die Bitterkeit und durch all den Argwohn wie ein einziges, süßes Beruhigen hin ... die Verachtung, mit der er von Mela und ihrer »Gesellschafterin« gesprochen! Diesem »pour l'honneur du drapeau«, wie er voll Ärger gesagt hatte ...

Es hatte zu ehrlich geklungen damals, zu aufrichtig ...

Dazwischen freilich lag wieder sein seltsames Gebaren am Abend der Rückkehr. Die tiefe, fast kranke Sehnsucht nach dem Meere, die ihn wochenlang gepeinigt. Der Drang, alles liegen und stehenzulassen und wieder nach dem Süden zu fahren. Der kaum mehr verhehlte Unmut über das Kind.

»Das Meer ... das Meer!« war jedes zweite Wort gewesen.

Und wie sie dasaß und in Blitzeshast alles Erinnern durch ihre zerquälte Seele stürmen ließ, leuchtete es vor ihrem inneren Schauen mit einem Male tiefblau auf und malachitgrün, darüber ein weißes, seidiges Leuchten ...

Melas letzte Karte –

»Ich bin allein – am Meere ...!«

Daß ihre Seele plötzlich blind zu werden glaubt an dem grellen Licht, das ihr wie ein einziger Blitzstrahl alles enthüllt und beleuchtet, was sie bisher nicht verstehen konnte, nicht fassen wollte und doch Tag für Tag schon erlitten hat.

Nur weniger Sekunden Dauer und doch ein ganzes Schicksal. Träumt sie dies alles oder – oder wird sie toll?

Ist es schon am Ende, wie sie da sitzt; ruhig, gefaßt, scheinbar höflich und der anderen noch immer zulächelt ...

Sie hat keine Zeit mehr, mit sich selbst fertig zu werden.

Schritte kommen aus dem Haus. Es ist seine Stimme, die an ihr Ohr schlägt. Da ist er selbst!

*

»Sie hier, gnädige Frau?«

›Wie man unrecht tun kann!‹ denkt Annemarie in aufatmender Erlösung –

Denn seine Frage scheint nicht bloß, sie ist eine einzige Überraschung!

»Das haben Sie nicht erwartet, wie?« lachte Mela spöttisch zurück.

Auch das klang echt.

Und Klein-Wilhelm, den das rasche Nahen des Vaters und Melas Lachen aus dem Schlaf geweckt hatte, runzelte die Stirn und begann, wie von einem plötzlichen Unbehagen erfaßt, zu weinen. Daß Annemarie in einem Augenblick alles vergaß und sich leise des eigenen Argwohns zu schämen begann. Nichts mehr sehend und hörend als das weinende Kind, das nach ihr begehrte und in seiner drolligen Sprache, die nur sie verstand, alles mögliche zugleich verlangte: Bajazzo und Bijutti und Biskuit ...

So nahm sich Annemarie keine Zeit, das Geplänkel der beiden weiter zu beachten. Erst als der Kleine beruhigt war und sie auf ihren Platz zurückkehren konnte, bemerkte sie mit einem gewissen Erstaunen, daß Mela noch immer gleich boshaft lächelte und Wilhelm so erschöpft und müde dasaß, wie sie ihn schon lange nicht gesehen hatte.

»Die gnädige Frau will heuer dieselbe Reise machen, die ich voriges Jahr gemacht habe,« berichtete er. »Da wollte sie noch einiges von mir hören –«

Die vollen Lippen noch immer zu demselben spöttisch-trotzigen Lächeln verzogen, sah Mela mit blitzenden Augen zu ihm hinüber.

»Das heißt, so nebenbei,« bemerkte sie spitz. »Hauptsächlich und vor allem wollt' ich mich wieder einmal von Annemaries Glück und Wohlbefinden überzeugen. Und ich kann nicht sagen, wie es mich freut, daß ich alles so ganz beim – alten getroffen habe!« Und während sie das feingestielte Lorgnon langsam an die blinzelnden Augen hob, meinte sie, mit demselben spöttischen Blick beide umfassend: »Nach vier Jahren noch ein solches Fest – rührend! Und wie nett, daß gerade ich es zuerst erfahre.«

Es sollte wohl eine Neckerei sein. Doch im Ton ihrer Stimme vibrierte etwas, das Annemarie wieder unwillkürlich aufhorchen ließ. Schmerz, Unzufriedenheit, irgendeine wehe Enttäuschung, die sich an fremdem Glück noch einmal so wund reibt.

›Die Arme!‹ dachte Annemarie. ›Wie weh' sie sich selbst tut!‹ Und doch war etwas im Blick der Freundin, das sie weder an eine Reue glauben ließ noch an ein wirkliches Mitempfinden. Das fremde Glück freilich tat gerade immer denen am wehesten, die das eigene verloren hatten. So war es wohl nicht billig, auch von Mela mehr zu verlangen, als Menschen möglich war.

›Ich selbst aber werde sie nie mehr ein Glück fühlen lassen!‹ dachte Annemarie in edler Aufwallung. Und so schien es ihr ganz natürlich, daß auch Wilhelm schwieg und in ratloser Befangenheit fast verlegen in den Garten hinausschaute.

»Und wann gedenkst du zu reisen?« fragte Annemarie.

Mela ließ die Hand mit dem Lorgnon in den Schoß fallen und schob spielend den herrlichen Smaragd an ihrem Finger auf und nieder. Dann legte sie das Haupt zurück. Kühl, gleichsam ablehnend. »Das hängt noch von der Gesellschaft ab, die sich uns heuer anschließen will. Mein Mann tut mit und hat auch einige Freunde eingeladen. Der eine« – sie schien einen Augenblick befangen und flüchtete den Blick in die Feme hinaus – »der eine ist glücklicher Besitzer einer Pacht. Mit der will er uns in Salona erwarten ...«

»Also ein reicher Mann,« ergänzte Annemarie.

»Ein Millionär,« nickte Mela mit einem gleichsam wartenden Lächeln.

Doch Annemarie wollte nicht weiter fragen. Sie hatte bemerkt, daß Wilhelm eine jähe und heftige Bewegung gemacht hatte. Zugleich entsann sie sich der herben, ja rücksichtslosen Worte, die er einmal für Melas Leben gebraucht. Übermüdet und reizbar, wie er ihr heute wieder erschien, wollte sie jeden Anlaß vermeiden, der ihn zu irgendeiner boshaften Bemerkung hinreißen konnte.

Glaubte sie doch förmlich zu fühlen, daß er an irgend etwas heute litt. Oder – einfach wieder Ruhe brauchte, Ruhe haben wollte, auch vor dem törichten Geschwätz dieser Mondänen, die keine Ahnung von ernster Mannesarbeit hatte.

Schon sein Gruß beim Eintritt war so eigen gewesen! Nun galt es, wenigstens den Abschied freundlicher zu gestalten.

Im Garten begann es schon leise zu dämmern. Ganze Wolken von Duft hingen in dem schwülen Sommerabend. Fern vom Horizont zuckte bläuliches Wetterleuchten herüber. Auch das Kind war wieder eingeschlummert. Und da alle drei einen Augenblick schwiegen, hing eine beklommene und fast lauernde Stille über ihnen. Als wollte das Gewitter, das noch in der Ferne murrte, mit seinem ersten Sturmpfiff gerade in ihr Schweigen hineinfahren ...

Mela schien es zuerst zu empfinden.

»Nun geh' ich aber!« lachte sie kurz auf. »Sonst komm' ich noch in das Wetter hinein.«

»Bist ja selbst wie eine Wolke heute gekleidet,« neckte Annemarie. »Aber es steht dir gut, dieses dunkle Blau. Ganz seltsam gut!« setzte sie in leiser Versonnenheit hinzu. »Und wenn ich jetzt ein Maler wäre – so würd' ich dich malen: Starr aufrecht, wie du stehst ... hinter dir die regungslosen Baumwipfel. In der Ferne die dunklen Wolken und einen fallenden Blitz.«

Ein hartes Auflachen Melas ließ Annemarie verstummen. »Wirklich? Und wie würdest du dieses Bild nennen?«

»Gewitterabend!« erwiderte Annemarie, noch immer ganz eigentümlich befangen von dem seltsam beklemmenden Reiz, der wieder von Mela herüberatmete. ›Nicht?‹ wollte sie mit einem Blick nach dem Garten fragen. Doch Blick und Wort erstarben ihr auf den Lippen ...

Da stand er und trank das schöne Weib förmlich in sich hinein; mit Augen, die nichts anderes mehr zu sehen schienen – mit einem Ausdruck, der nicht mehr bloßes Wohlgefallen war, sondern Sünde und jene fast hündische Demut, mit der ein Mann sich dem Weibe unterwirft, dem zulieb er alles vergessen ...

Der erste Blitz des »Gewitterabends« –

Und er traf mitten in Annemaries Herz!

»Wo bekomm' ich hier einen Wagen?« hörte sie Mela fragen.

Und dann die gepreßte Stimme Wilhelms: »Wenn Sie gestatten, werd' ich Sie selbst hinführen.«

»Ich könnte mich zwar auch allein zurechtfinden,« meinte Mela spitz. »Wenn Sie mir aber unterwegs etwas von Ihrer Reise erzählen wollten –! Du gestattest doch, Annemarie?«

Und schon gab sie ihr die Hand, nickte ihr zu – raschelte über die Treppe hinab, wie der Wind, der durch welke Blätter geht. Und hinter ihr – er.

Nicht einmal seinen Hut hatte er genommen!

*

Diesmal hab' ich recht gesehen!‹ sagte sich Annemarie.

Er verging ja förmlich an ihr ...

Und sie – Mela?

Spielte sie noch mit ihm oder schon mit allen beiden?

›Klarheit, Klarheit!‹ schrie es in der Seele der Gequälten.

›Um jeden Preis, selbst um den meines Glückes.‹

Aber wie sie gewinnen ... Wo? Wann?

Ihre Pulse hämmerten. Bis an den Hals fühlte sie das Pochen ihres Herzens. Und doch war etwas in ihr wie mit einem Male ruhig geworden, ganz seltsam ruhig. Eine Gefaßtheit über sie gekommen, die Besinnen und Überlegung zugleich war.

Ein hastig sorgender Blick irrte nach dem Kinde ... Es schlief wieder, tief und ruhig, sein kleines Spielzeug zärtlich ans Herz gedrückt. Ein zweiter Blick flog dem nahenden Gewitter entgegen.

Zwischen den Donnerschlägen, die seinen Blitzen folgten, war noch immer eine lange Pause. So hing es erst über dem Horizont.

»Du gibst mir Zeit, Gott!« betete Annemarie in zuckender Seele. »So zeig' mir auch den Weg und die Wahrheit!«

Noch warf sie ihren weichen Spitzenmantel über das schlummernde Kind, um es auch vor einem vielleicht einbrechenden Sturm zu schützen. Dann sprang sie über die Treppe rasch in den Garten hinein, immer leiser und vorsichtiger hinter den Büschen hingleitend, die das geschnitzte Holzstaket längs der Straße begleiteten ...

Wenn sie den Garten rasch durchquerte, kam sie ungesehen wieder an die beiden heran, die erst an der langen Front des Hauses vorübermußten, um hier die Straße zu gewinnen, an deren Ende die Trambahn hielt und einige Mietskutschen standen.

Die Straße war schon ganz leer und totenstill. So still, daß Annemarie die Schritte der Nahenden hörte, noch bevor sie um die Ecke bogen ...

›Sie werden sich ganz sicher glauben,‹ flog es ihr durch den Kopf. ›Und wenn nur der Schatten einer Vertraulichkeit zwischen ihnen ist, auch aussprechen, was sie sich zu sagen haben. Ich aber werde hier alles hören können –‹

Alles?!

Ihre Hand fuhr an das Herz. So weh war ihr dort. Aber es mußte sein, es mußte! Wollte sie endlich erlöst sein von all dieser Qual oder von einer Schmach, die sie auch nicht eine Stunde länger tragen wollte.

Melas Lachen – laut, hart, böse – schon flog es um die Ecke! Nun sprach sie ... kurz, gereizt, höhnisch.

›Noch weiß ich nichts – gar nichts!‹ tröstete sich die Lauschende. ›Das ist ja auch sonst ihre Art.‹

Nun klang eine tiefe Stimme in das Verstummen der anderen hinein. Ihres Mannes Stimme:

Gedämpft, vorsichtig, aber doch wie ein demütig verstohlenes Flehen.

Der Blick, bei dem ihn sein Weib ertappt – nun hatte er die Sprache bekommen! Und es war die Sprache der Erniedrigung. Der Ton, mit dem er auch zu ihr einmal emporgefleht hatte – um Erhörung, um Verzeihung ...

›Verzeihung?‹ schrillte es laut durch ihre Seele. ›Wofür?‹ Und schon gab ihr Erinnern Antwort, daß sie mit einem Male Glied um Glied der Kette zu sehen meinte, die das Schicksal da geschmiedet – und jedes Wort voraus zu wissen, das sie noch hören konnte.

Die beiden aber kamen ahnungslos näher, immer näher ...

In dem Haus gegenüber, das einem alten General gehörte und eine Loggia nach der Straße hatte, schien noch jemand draußen zu sein. Laut und wie warnend hörte Annemarie den Gatten sagen: »Leiser, bitte. Dort ist noch jemand!«

So kam es, daß die Streitenden gerade vor den Büschen stehenblieben, hinter denen Annemarie lauschte. Was ein Fremder nicht hören sollte, mußte nun gerade vor ihr laut werden.

›O Vorsehung!‹ dachte sie in gläubig erschauernder Seele.

Gott selbst wollte es –

»Ich hab' dir schon einmal gesagt, der Mann, den ich liebe, ist mein – ganz mein. Oder ich stoß' ihn von mir ... so!« Mela schien zugleich eine Bewegung zu machen. »Wie ihr es mit uns tut, wenn ihr uns satt habt.«

»Ich habe sie seither auch nicht mit einer Hand berührt ...«

Es war Wilhelms Stimme ...

Wie schwindelnd tastete Annemarie um sich. Wie er log! Und wohl ihr, daß er doch nicht mehr zu verschweigen hatte! Aber ihre Tränen, die Tränen, die sie aus ahnungsvoll erschauernder Seele an jenem festlichen Abend in seinen Armen geweint – sie mußten ihn mit einer letzten Ehrfurcht erfüllt haben. Daß er nicht weiter anzutasten wagte, was sein war, um es nicht noch tiefer zu erniedrigen.

Wie zu einem Gebet faltete Annemarie die Hände ...

Gott sei Dank, Gott sei Dank!

Sie hatte nicht dem Wechsel seiner Freuden gedient. Rein und unversehrt stand sie vor Gott und ihrem Kinde.

»Nein!« hörte sie Melas Stimme höhnen – »Du hast sie nicht berührt. Wer solche Feste feiert, bis zur letzten Erinnerung, der bleibt der Geliebten treu und läßt bloß sein Bett ins Studierzimmer tragen! Glaubst du, daß ich mich noch weiter so erniedrigen lasse; so spielen mit mir?«

»Mit dir hab' ich wohl nicht gespielt,« kam es wie ein dumpfes Grollen zurück. »Und entsinne dich, daß ich schon einmal bereit war, alles, aber auch alles für dich hinzugeben. Selbst – das Kind –«

»Skandal will ich keinen!« warf Mela brüsk hin.

»Aber du spielst mit mir,« hörte Annemarie den Gatten sagen. »Darum bist du heute gekommen. Ohne mein Wissen, gegen unsere Verabredung. Bloß um einen Grund zu haben ...«

»Grund – wofür?« lachte Mela kalt und hell.

»Für diese Reise mit dem Millionär – diesem – diesem Lebemann, den ganz Wien kennt.«

»Dem – Lebemann!« klang es wie leise Verachtung zurück. »Dem Lebemann! Köstlich ... Als ob das nicht die meisten von euch wären. Mehr oder weniger. Und je nach ihren Mitteln.«

»Mela!« Und es lag ein solches Flehen, eine solche Erniedrigung und Hingabe im Ton seiner Stimme, daß Annemarie, von Schmerz und Scham überwältigt, mit hastiger Hand mitten in die Büsche hineingriff und sich bebend festhielt, um nicht umzusinken.

Ein Rascheln und Rauschen lief von Zweig zu Zweig, von Busch zu Busch. Auch doppelt hörbar in der Stille.

»Was war das?« hörte sie Mela fragen.

»Ein Vogel ist abgeflogen,« beruhigte sie Wilhelm. Dann gingen sie hastig weiter, verstimmt und schweigend ...

Und wieder fiel ein Blitz in der Ferne. Aber der Donner antwortete jetzt fast unmittelbar, und nun fuhr auch der Sturm wie mit einem einzigen Griff in Zweige und Wipfel – jäh, wild, daß es wie ein donnerndes Brausen einherfuhr.

›Das Kind!‹ zuckte es wie ein letztes Besinnen durch die Seele Annemaries.

Dann flog sie förmlich zurück, wie der Vogel, der noch einmal sein zerstörtes Nest sucht.

Es war nun ihr Letztes!

*

Wenn Annemarie die Büsche und Baumgruppen hinter sich hatte, brauchte sie bloß einige Beete zu übersetzen, um unmittelbar vor dem großen Blumenparterre zu stehen, nach dem die Terrasse hinausging.

›Es wird noch schlafen!‹ dachte sie. Und doch:

›Schneller, schneller!‹ zischte es in ihren Ohren, trieb es sie vorwärts.

Eine ganz rätselhafte Angst, die um so quälender war, als sie ja noch gar keinen Grund dafür wußte.

Der Donner freilich rollte immer stärker und näher. Die Wolken jagten wie gespenstische Ungeheuer daher. Der Sturm raste ...

Aber noch fiel kein Tropfen. Und wenn das Kind vielleicht auch erwacht war –

›Ich müßte es schreien hören,‹ dachte Annemarie, kaum noch den Atem findend in all der bangen Eile ...

Und wieder riß nur die Qual und Empörung an ihrem Herzen. Sank ihr die Gewißheit, daß ihr Glück nun für immer dahin war, wie lähmendes Blei auf die Glieder.

›Ich träume – vielleicht träum' ich das alles!‹ sagte sie sich in einem letzten Erbangen vor dem, was ihr nun noch zu erleiden blieb.

Aber nein –

Groß, fürchterlich, – ein einziger Ernst und trostloseste Gewißheit stand es vor ihrer Seele.

»Gewitterabend!«

Was sie nur wie ein Bild geschaut, war Wirklichkeit geworden. Schon zuckten die Blitze über das Haus hin, das nicht mehr ihr Heim war – es nie mehr sein durfte. Nie mehr!

›Das Kind, das Kind!‹

Sie blieb einen Augenblick stehen, lauschte durch den Sturm –

Alles still ...

›Ich bin ja auch in zwei Minuten dort!‹ sagte sich Annemarie. ›Sofort – jetzt!‹

Da sprang etwas wie suchend in der Dämmerung an ihr empor ... weiß, keuchend –

Bijutti!

Nun wußte es Annemarie: Das Kind war erwacht, brauchte etwas! Sonst wär' der kleine, treue Vierbein nicht so eilig auf die Suche gegangen. Und jetzt flog sie förmlich.

Die Terrasse ...

Sie lag schon ganz im Dunkel des Abends und der Gewitterwolken. Nun hörte sie auch das Kind weinen und weinend rufen.

»Mama kommt schon, kommt schon!« schrie sie laut, in einem Satz das Parterre nehmend. Wie sie aber nach der Treppe abbiegen wollte, um die wenigen Stufen zu nehmen, verstellte der Hund ihr den Weg und sah laut kläffend zur Brüstung der Terrasse empor.

Und wahrhaftig –! Dort richtete sich jetzt ein weißes Bündelchen auf, stand, erst die Händchen auf die Balustrade legend – zog dann langsam die Füßchen nach ...

Annemarie entsann sich, daß sie selbst zuletzt den Wagen dort hingerückt. Nun hatte das erwachende Kind sich erhoben – stand in der Dunkelheit ratlos – griff um sich und zog endlich auch das Körperchen nach, der Gefahr unbewußt ...

»Bleib', Liebling, bleib', um Gottes willen!« schrie die Mutter in ihrer Herzensangst.

War es ihr Schrei? Oder der Blitz, der gerade fiel und sie dem Kind vielleicht so nah erscheinen ließ, daß es meinte, bloß nach ihr langen zu dürfen, um sie auch schon zu haben?

Es stieß einen lauten Ruf aus, streckte Köpfchen und Händchen ins Leere.

Und da lag es schon –

»Der Rasen ist weich – der Rasen ist weich – weich ...,« hörte Annemarie eine fremde Stimme wie in zähneklappernder Angst immer wieder neben sich sagen.

Sie begriff nicht, daß es ihre eigene war!

Schon lag sie auf den Knien, hob das Kind empor. – Es gab keinen Laut von sich.

»Gott! Gott!« hörte sie die bebende Stimme wieder stammeln.

Endlich – ein Schrei! Der erste ...

»Ich danke dir – danke, danke!« betete es wirr in ihrer Seele.

So war es wohl nur die im ersten Augenblick gleichsam erstickte Angst, die nun aus dem Kinde doppelt laut emporschrie!

»Sag', wo es dir weh tut, mein Liebling!« bettelte Annemarie, der nun selbst erst Atem und Besinnung zurückkamen.

»Da – da – da?« Sie frug und tastete zugleich vorsichtig Ärmchen und Beinchen und Rückgrat des Kleinen ab.

Er ließ es sich ruhig gefallen, ohne auch nur einmal schmerzhaft zu zucken – wimmerte nur noch leise vor sich hin.

So war nichts geschehen – wirtlich?

Und da schlug er auch schon die Äuglein auf, sah zu ihr empor – lächelte sie plötzlich an und dann mitten in einen Blitz hinein – tapfer, neugierig, wie es einem kleinen Mann zukam.

»Bubi!« jubelte Annemarie, fast besinnungslos in ihrer Freude.

Wenn ihr nur das Kind blieb –! Nun wußte sie's.

*

Als sie, den Kleinen im Arm, in sein Zimmerchen trat, fand sie Anna eben daran, alles für die Nacht zurechtzumachen.

Das Mädchen hatte keine Ahnung von dem, was geschehen war; konnte keine haben. Nicht einmal das Weinen des Kindes konnte bis zu ihr gedrungen sein. Das Zimmer lag nach der Straße.

›Hätt' ich sie gerufen, bevor ich den beiden nachging!‹ sagte sich Annemarie in heftiger Gewissenspein. Aber –

Hätte sie es auch getan?

Ihre Leidenschaft – die Selbstsucht ihrer Liebe, das eigene gekränkte Ich hatte sie zum zweitenmal vergessen lassen, was sie dem Wesen schuldete, das Gott in ihre Arme gelegt, damit sie ihm Mutter sei.

›Verzeih' mir, Herr!‹ betete es in ihrer Seele. ›Verzeih' mir und laß mich glauben, daß du mich nur durch die Angst gestraft hast. Daß es wirklich keinen Schaden genommen!‹

Das Kind, das von heut' an niemanden mehr hatte als seine Mutter ...

»Das Nachtlicht brennt schon, bitte!« bemerkte Anna erstaunt, als ihre Herrin auch das elektrische Licht aufkippte.

»Es ist wegen des Gewitters,« stammelte Annemarie verwirrt. »Damit dem Kleinen nicht bange wird. Und dem Herrn sagen Sie –«

Das Mädchen stand schon in der Tür und wandte sich aufhorchend noch einmal zurück.

»Nein, lassen Sie,« sprach Annemarie, noch unentschlossen. »Ich werd' es ihm selbst sagen.«

Klein-Wilhelm lag schon ruhig – ganz merkwürdig ruhig. Sog Löffelchen um Löffelchen seines Breies hinab, wie Annemarie es zärtlich-langsam dem kleinen Mündchen zuführte. Wenn das Kind auch so ruhig einschlief, durfte sie wohl sorglos sein?

An dem Heiligtum des kleinen, weißen Bettchens wollte sie dann überlegen, was sie dem Ehrlosen noch zu sagen hatte, der bereit war, selbst sein Kind hinzugeben, um die Liebe einer Dirne.

Eine Viertelstunde verging – eine halbe. Das Kind hatte das Köpfchen in die Kissen zurückgelegt und lag still und ruhig da, mit weit und groß geöffneten Augen geradeswegs zur Decke emporstarrend.

»Wie immer, bevor er einschläft,« tröstete sich Annemarie.

Und doch begann sie wieder voll Sorge all die feinen Gliederchen und Gelenke abzutasten ...

»Bubi, weh – weh?« fragte sie in todesbanger Spannung.

Das Kind sah sie an, schien nicht mehr zu verstehen. Etwas Fremdes und Starres dämmerte ihr aus den kleinen Äuglein entgegen ... »Der Schlaf!« sagte sie sich.

Wieder vergingen Minuten. Ihr Mann war schon heimgekommen. Im Speisezimmer mußte das Nachtmahl bereitstehen. Annemarie pflegte sich oft bei dem Kleinen zu verspäten. Die Mägde wußten, daß deshalb doch alles wie sonst zu besorgen war. So mochte es nicht auffallen, daß die Frau noch immer nicht kam.

Plötzlich hörte sie die Türe nebenan gehen. Sein Schritt!

Kam er wirklich, sie zu holen? Und gerade heute –?

›Warum nicht?‹ schrie es voll Bitterkeit in ihrem Herzen. ›Er kann ja so gut lügen und sich – verstellen. Aber –‹

Sie war noch immer nicht ganz zu Ende mit sich selbst.

Wie sollte sie es ihm sagen?

Nur eines wußte sie: Nicht hier!

Da stand er schon auf der Schwelle:

»Wo bleibst du denn?« hörte sie ihn leise fragen.

Den Finger am Mund, erhob sich Annemarie. »Das Kind schläft!« hauchte sie, ohne ihn anzublicken.

Und schon wollte sie den Arm ausstrecken, um das Licht abzukippen. Dann – Ihre Hand bebte. Ihre Füße waren wie von Stein, die Lippen eiskalt – –

Dann ging es dem Schicksal entgegen! Geradeswegs. Nicht eine Nacht länger sollte dieses Dach sie bedecken ...

Die Finger schon am Taster, streifte sie mit den Augen noch einmal das schlafende Kind.

Was – war das?

Beide Fäustchen hoch emporgezogen und wie in einem Krampf an die Brust gedrückt ... die Lider weit aufgerissen und die rollenden Augäpfel fast in ihre Höhlen zurückgezogen, daß ihr Weiß in geisterhafter Blässe aus dem jäh geröteten Antlitz stach, lag das Kind da, so grausig entstellt und fremd, daß Annemaries entsetzter Mutterblick Mühe hatte, das süße Gesichtchen wiederzukennen ...

»Das Kind – es stirbt!« schrie sie auf; laut, gell.

Dann brach sie an dem kleinen Lager zusammen.

*

Es half nichts, daß der alte Hausarzt der Krügers die ganze Nacht selbst an dem kleinen Bettchen wachte, Tees und alle nur denkbaren Beruhigungsmittel, oft mit großer Kraftanwendung, zwischen die krampfhaft übereinandergepreßten Kiefer des Kindes flößte; immer wieder die kalten Tücher auf dem brennenden Köpfchen erneuerte; soundso oft die Uhr zog, um mit ehrlicher Bekümmernis den regellos wilden und doch immer kleiner werdenden Puls zu fühlen.

Die Fenster standen weit offen, und die herrliche Sommernacht, die dem Gewitter gefolgt war, sandte ihren köstlichen Atem herein. Aber die kleine Lunge rang umsonst, diese herrliche Luft einzuschlürfen. Auf die unter heftiger Atemnot sich langsam verfärbenden Lippen trat immer reichlicher der in Schaum verwandelte Speichel. Und während das arme Körperchen ein einziges Zucken und Bewegen war, lagen die Sinne des Kindes wie in einem starren, todähnlichen Schlaf, den kein Reiz zu wecken, kein Anruf mehr zu stören vermochte.

»Eklampsie!« sagte der Arzt. Und während der ersten Anfälle schien es, als hätte er nicht jede Hoffnung aufgegeben.

»Die Fraisen!« seufzte Anna, die voll Hilfsbereitschaft und mit tränenden Augen zwischen dem leidenden Kinde und der weinenden Mutter die ganze Nacht hin und her ging. Doch auch sie, die so viele kleine Geschwister aufgezogen und zwei unter denselben Anfällen leiden gesehen, behielt den Kopf oben, die Hoffnung im Herzen.

»Die meisten Kinder überleben's!« sagte sie. »Warum nicht unser Bubi?«

Die verschränkten Hände vors Antlitz gelegt, war der Vater während der ersten Stunden wie vernichtet dagesessen, daß der Arzt um diesen scheinbar immer tiefer erstarrenden Jammer anfangs die größte Sorge gezeigt hatte.

Annemarie wußte es besser.

Es war die Schuld, die Gewissenspein, die sich dort das Antlitz verhüllte! Das vernichtende Bewußtsein, daß ihm, dem treu- und pflichtvergessenen Gatten und Vater, mit dem Tode des Kindes ein, wer weiß wie oft, genahter Wunsch in Erfüllung ging. Und wenn es vielleicht auch ein klar ausgesprochener Wunsch gewesen –

»Wenn Bubi jetzt nicht wäre ...!«

Wie oft hatte sie das nicht anhören müssen?

Nun durfte ihm wohl angst und bang werden vor der Minute, die dieses Leben auslöschen konnte.

Und sie selbst?

Wenn ihr die Todesangst um das süße, kleine Geschöpf dort auch das Herz abdrückte, die Tränen immer heißer ihr Antlitz überströmten, der Faden ihres eigenen Lebens voll Schmerz und Qual unter den Krämpfen des armen Körperchens dort hin und her zuckte – war nicht auch sie eine Mörderin?

Der Vater hatte nicht gewollt, daß dieses Kind lebe. Die Mutter es in der Leidenschaft ihrer pflichtvergessenen Liebe dem Sturze preisgegeben, dessen Folgen es nun erlag. Und doch – sie fühlte es – fühlte es noch durch alle Schauer und die ganze Hölle der Reue hindurch, daß sie stark genug sein werde, davon zu schweigen! Damit er, der an dem Kinde und an ihr so gefehlt, die ganze Wucht der Strafe fühlen möge, die der Gott über sie verhängt, den er verleugnete.

Einige Male im Laufe dieser schreckensvollen Stunden hatte Wilhelm wie tröstend nach ihrer Hand gegriffen – aber Annemarie hatte sie ihm entzogen; irgendein Wort an sie gerichtet – doch sie war stumm geblieben.

Die Mägde, die, jedes Anrufs gewärtig, fortwährend aus und ein gingen, hatten es noch nicht beachtet. Doch der Arzt, der die schwerkranke Mutter nach dem jähen Verlust ihres ersten Kindchens behandelt hatte – auch damals so plötzlich geholt und wie in ein Schicksalsgewitter hineintretend – er schien sich schon langsam seine Gedanken zu machen. Annemarie sah es, und auch Wilhelm mochte es fühlen. Aber der alte Mann, der seit Jahrzehnten bei so vielen Familien aus und ein ging, hatte mit der Zeit auch schweigend verstehen gelernt und nie nach mehr gefragt, als man ihm sagte; wenn es nicht geradezu seine Pflicht war, nach mehr zu fragen.

Und einmal im Laufe dieser Stunden und der immer rascher wiederkehrenden Anfälle mochte es ihm doch wohl auch hier als Pflicht erschienen sein, eine Frage zu stellen. Und er stellte sie. Zart, gleichsam tastend, wie es seine Art war.

Wer zuletzt bei dem Kinde gewesen?

»Ich!«

Lauter als alles, was sie bisher gesagt, hatte Annemarie es gerufen. Wie herausgestoßen von einer namenlosen Qual war es von ihren Lippen gekommen. Nur dieses eine Wort:

»Ich!«

»Die Mutter!« hatte der alte Mann langsam und weich gesagt. Und es hatte wie ein Kredo geklungen. Wie ein völlig beruhigtes: »Ich glaube dir!«

Warum auch nicht? Er kannte sie ja so lange. War überzeugt, ihr glauben zu dürfen. Das Kind war in den besten Händen gewesen!

Darum hatte er auch wohl nicht weiter gefragt und nur so ganz beiläufig bemerkt: »Eine große Angst oder irgendein tiefer Schreck, zum Beispiel über einen jähen Fall, pflegen zuweilen auch diese Krämpfe herbeizuführen.«

Dann war weiter kein Wort mehr darüber gefallen. Und nun saß er, den Schlaf einer ganzen Nacht hinopfernd, mit gefalteten Händen vor dem kleinen Dulder – beobachtend oder, wenn es not tat, sofort wieder rüstig eingreifend. Nur seine Blicke gingen zuweilen verstohlen und wie leise fragend zwischen den beiden Menschen hin und her, die gerade in dieser Nacht so ferne voneinander saßen und sich so wenig zu sagen hatten, obwohl ihnen ihr Liebstes genommen werden sollte ...

Draußen sang und wisperte die Nacht in den taufeuchten Zweigen. Süße Wolken von Duft kamen in die Stube herein. Schon ging es wie ein ganz sanftes, ganz leises Regen dem neuen Tag entgegen. Jeder Vogel, jedes Insekt, das gestern noch gelebt hatte, würde diesen neuen Morgen wieder begrüßen. Nur ihr Kind nicht?

Es konnte, durfte ja nicht sein!

Wenn Annemarie nur daran dachte, war ihr, als sollte sie selbst sterben.

Und doch kam noch ein Anfall – ein allerletzter – und mit ihm die Stunde, da das Entsetzliche geschah.

Von grauenvollster Atemnot gepeinigt, begann das Kind aufs neue mit den kraftlosen Ärmchen auszuschlagen – während Schaum vor die Lippen trat und eiskalter Schweiß über und über den kleinen Körper bedeckte. Weit und wie hilfesuchend quollen die starren Augen aus ihren Höhlen. Die Kiefer knirschten aneinander. Blaurot wurden Stirne, Lippen und Wangen.

»Stimmritzenkrampf!« sagte der alte Mann an dem kleinen Bettchen. Er sagte es leise, zart, wie vor den eigenen Worten erschreckend; fast wie in einer Scham über die eigene Ohnmacht. Aber –

Er ließ die Hände fallen, man sah es!

Dann schritt er langsam auf Annemarie zu, ergriff ihren Arm, führte die Schluchzende noch einmal an das kleine Bettchen ...

Und da geschah es, daß der wie in einem letzten Bewußtwerden flüchtig erwachende Blick ihres Kindes noch einmal die Mutter traf:

Groß, schreckhaft-tief – in einer gleichsam versinkenden Angst –

Der Angst um das eigene Leben.

Der Blick, den sie schon einmal in diesen Augen gesehen! Damals, als das Kind ohne sie gebadet worden war und in schauernder Angst vor dem Ertrinken sich so fest und instinktiv an die Arme des Mädchens geklammert hatte ...

Nur ein wenig Wasser war es damals gewesen, und der sorgende Mutterarm hob es sofort aus der Tiefe, in der es zu versinken gemeint.

Nun sank es für immer in den Abgrund hinab, über den keiner Mutter Arm es mehr emporheben konnte – durch der eigenen Mutter Schuld!

Noch hörte sie, wie ein Frost ihr die Zähne zusammenschlug; sah, wie in einem immer dichter werdenden Nebel, einige Gestalten auf sich zuschwanken. Dann war es, als fielen große, schwarze Schleier vor ihr nieder: einer nach dem anderen ... einer nach dem anderen ... Hinter dem letzten versank sie selbst.


 << zurück weiter >>