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*

Im selben Augenblick kehrten sich die beiden der anderen Seite der Straße zu, blieben Antlitz gegen Antlitz stehen, wie abschiedbereit. So geschah es, daß Annemaries Gatte sie zuerst bemerkte, ja vielleicht schon erkannt hatte, bevor ihr Blick noch in den seinen fiel.

Sie merkte, daß es ihm einen Ruck gab. Auch sein Blick nahm eine eigentümliche Starrheit an. Dann schien er rasch einige Worte zu sagen. Die Bewegung, mit der er den Hut zum Abschied zog, war tadellos. Aber sein Arm bebte dabei, und sein Auge blieb halb verstört, halb verlegen an Annemarie hängen, so daß sein Gruß ebensogut ihr gelten konnte.

Hastig und ohne einen Blick nach ihr zu wenden, eilte die Fremde über die Fahrstraße hinüber.

Der Gelehrte blieb stehen. Eine tiefe Falte zwischen den Brauen, ließ er Annemarie an sich herankommen. War es Verlegenheit oder der Unwille, daß sie gegen seinen Willen gehandelt hatte? Sie nahm das letztere an. Er tat zu sicher.

»Also doch!« grollte er, als sie ihm mit einem herzlichen Lachen die Hand entgegenstreckte. »Wie unberechenbar ihr Frauen seid! Da geht man fort, glaubt dem gesunden Verstand und der vernünftigen Einsicht daheim zur Herrschaft verholfen zu haben. Aber da kommt so eine Laune, wie ein Wirbelwind, und stellt alles auf den Kopf, setzt das Beste aufs Spiel! Gib mir deinen Arm – du gehst doch schon so schwer –«

Rasch und doch noch immer sichtlich unwillig zog er sie an seine Seite.

»Du, du,« drohte Annemarie, nunmehr vollkommen beruhigt. »Sei lieber froh, daß ich dir keine Szene mache. Wenn man so gerade zurecht kommt, wie jetzt ich –«

»Gerade zurecht!« lachte er kurz auf. »Das passiert unsereinem doch so ziemlich jeden Tag; daß sich nach Schluß irgendein Hörer oder eine Hörerin mit irgendeiner Frage heranmacht und eine Strecke mit uns geht. Du kannst also vollkommen beruhigt sein. Wenn ich aber jeden Tag hier in der Angst leben müßte, ob du nicht wieder tust, was du heute getan –«

»Aber Wilhelm,« lächelte sie zu ihm empor. »Du siehst doch, daß alles gut gegangen ist. Und ein wenig freuen könntest du dich doch auch, mich unvermutet um so vieles früher zu sehen. Und jetzt fahren wir miteinander heim. Im selben Wagen! Seit unserer Hochzeit ist das nicht wieder geschehen, denk' nur! So treu und verzaubert bin ich unterdes immer daheim gesessen. Das reine Dornröschen, wie Mela mir soeben gesagt hat –«

»Du warst bei ihr?«

»Dort an der Straßenecke sind wir zufällig aneinandergeraten,« erwiderte Annemarie, mit dem Kopf hinüberdeutend. Ganz zufällig ging auch ihr Blick der Richtung nach und merkte nicht ohne Betroffenheit, daß fast an derselben Stelle nun die Fremde stand und wahrscheinlich eine ganze Weile schon von dort ihr und dem Gatten nachgeschaut hatte.

Nur Wilhelm gab kein Zeichen, daß er sie auch bemerkt hatte. Vielleicht hatte er auch gar nicht hingesehen.

»Die Dame scheint eine Fremde?« sprach Annemarie unter dem unmittelbaren Eindruck.

»Wen meinst du?«

»Deine Hörerin, die jetzt dort drüben steht und sehr neugierig zu sein scheint.«

»Als wenn ihr das nicht alle wäret!« lachte er kurz auf. »Aber komm, da steht ein leeres Auto –«

»Wozu diese Auslage?« wehrte Annemarie ab. »Ich bin mit der Straßenbahn hereingefahren –«

»Und ich führ' dich im Auto heim,« beharrte er fast aufgeregt, »damit du siehst, wie ernst es mir ist mit diesem Verbot!«

An der Straßenecke, vor der das Auto hielt, stand ein kleines Mädchen mit den ersten Frühlingsblumen: »Schneekaderln, Schneekaderln!«

Etwas vom Gelock eines Vogelrufes klang in der jungen Stimme. Melas Veilchen kamen Annemarie in den Sinn. Die Primeln, die der Geliebte ihr entgegengetragen. Sie hatte das ja schon alles zu Hause. Fast an jedem Fenster blühten ihr die ersten Wunder des Frühlings. Und doch fuhr es ihr wie ein leiser Stich durchs Herz, als Wilhelm sie in den Wagen hob, ohne auch nur eines der Sträußchen für sie zu kaufen, die eine bebende Kinderhand ihm entgegenhielt.

Vor einem Jahre noch hätte er das nicht übersehen.

So kam es, daß Annemarie während der ganzen Heimfahrt nur mehr an Melas Blumen dachte ...

*

Endlich war die kleine Ausstattung ganz beisammen, und in der Waschküche ging ein gewaltiges Putzen und Plätten los. Frau Krüger war selbst herausgekommen, um dem noch etwas unerfahrenen Stubenmädchen zu zeigen, wie man mit all den Spitzen und Bündchen und Stickereien am schonendsten verfuhr und doch alles zu schönstem Ansehen brachte. Einen ganzen Tag blieb sie in der Plättkammer, und was nicht sogleich hinaufgetragen werden konnte, wurde unterdes auf der alten Biedermeierkommode niedergelegt, die in Renatens Stube stand und so breit und gediegen war, daß auch eine ganze Brautausstattung darauf Platz gefunden hätte. Und als alles beisammen war, setzte sich das Mädchen nieder, um die zierlichen Kokarden und Bandgarnituren an Häubchen und Jäckchen festzunähen, die Annemarie voll sorgender Muttereitelkeit für das Kleine zurechtgefältet hatte. In allen Farben und Schattierungen leuchtete es um die gute Anna: zartrosa und himmelblau und lichtgrün und blaßlila und goldig wie die Märzenbecher, die auch an Renatens Fenstern blühten. Und als Frau Krüger endlich heimgefahren war, kam Annemarie selbst jeden Augenblick hinab, um nachzusehen und dabei einen gemütlichen Plausch mit dem jungen Geschöpf zu halten, das ihr in der Einfalt eines frommen Gemütes ehrlich und treu ergeben war und mit jener plumpen Zärtlichkeit anhing, in der arme Landmädchen ihren Dank für das so viel leichtere und schönere Dasein in einem guten Dienst Ausdruck geben.

Nur Renate schlich noch einmal so verdrossen durchs Haus. Mit keinem Finger, ja kaum mit einem Blick streifte sie die kostbare Erstlingswäsche, die wie der Staat einer großen Puppe herumlag und jedes Frauenherz entzücken mußte, wenn nur etwas Mütterlichkeit und Liebe darin wohnte. Doch Annemarie sah mit Nachsicht darüber hinweg. Auch mußte es ja nicht der Groll gegen sie sein, der sich in dieses unfreundliche Gehaben hüllte. Renate war eben ein altes Mädchen, ohne Liebe und Freude dahingegangen zeitlebens. Da mochten ihr weiß Gott welch bittere Gedanken und Empfindungen zuweilen kommen. Vielleicht war es ihr auch nicht recht, daß dieser ganze Jubel der Erwartung sich nun gerade in ihrer Stube breit machte. Sie hatte nun einmal diese Wunderlichkeiten an sich. Annas Zimmerchen aber wäre zu klein gewesen und auch zu dunkel für die Vollendung all des zierlichen Tands.

»Haben Sie nur noch einen Tag Geduld mit uns, liebe Renate,« bat Annemarie selbst, als sie nach der Arbeit des ersten Nachmittags wieder emporstieg.

»Aber bitte,« kam es spitz zurück, »ich bin ja hier nicht Hausfrau!«

»In Ihrer Stube schon, liebe Renate!« begütigte Annemarie die Verdrossene. Doch sie vermied es, noch einmal zurückzuschauen. In der letzten Zeit hatte sie oft eine ganz unerklärliche Angst vor dem stechenden Blick überfallen, der aus den rotumränderten Eulenaugen der Alten nach ihr ging.

*

»Laß dich nicht wieder heimbegleiten,« scherzte Annemarie, als sie dem Gatten am nächsten Vormittag bis zur Gartentüre folgte. Dabei lachte sie auf, hell, übermütig; das ganze Herz voll Sonne. Sie wußte selbst nicht, wie es sie ankam und warum? Es war wohl der Frühling, der nun schon gleichsam fühlbar in der Luft lag, den man »roch«, wie sie sagte ... der bräutliche Duft der Erde, die unter den immer wärmeren Sonnenküssen langsam zu neuem Leben erwachte – vielleicht auch nur der braungoldene Schimmer, der so verheißungsvoll über den saftgeschwellten Büschen hing; die zärtlichen Spitzen der ersten Grashalme, die da und dort wie neugierig unter dem zerfließenden Schnee hervorsahen. Und eines Tages würde dann alles eine einzige Geburt sein – ein neuer Daseinsjubel, der hoch und hell wie eine Lohe zum Himmel emporschlug! Es war ihr Mutterherz, ihr eigenes Muttersehnen, das diesem Frühling so hoffnungsvoll und seligkeitsahnend entgegenflog – die Gewißheit der Erlösung einer heiligen Geburt!

Ihr Gatte war schon längst um die Straßenecke, und Annemarie stand noch immer im Freien, ließ den warmen Wind in ihren Stirnlocken spielen und sah mit leuchtenden Augen in die blauen Fernen hinaus und nach den braunen Äckern hinüber, aus denen die ersten Lerchen aufstiegen.

War es möglich, daß man so glücklich sein konnte wie sie?

Ihr schien, als könne gerade dieser Tag nie und nimmer aus ihrem Erinnern schwinden ...

Endlich besann sie sich all der zierlichen Sächelchen, die noch in Renatens Stube lagen, und stieg in das Erdgeschoß hinab. Auch damit kam man heute zu Ende. Und dann gehörte all ihr Hoffen, all ihr Bangen nur mehr der einen, geheimnisvollen Stunde ...

Als Annemarie hinabkam, erwartete sie eine kleine Überraschung. Anna war, vielleicht durch Renatens verdrossenes Wesen angespornt, die halbe Nacht am Nähtisch gesessen und hatte fast alles zu Rande gebracht.

»Nur die Decken für das Wägelchen sind noch zu unterfüttern,« lächelte sie gutmütig, »dann darf der kleine Prinz schon kommen!«

»Ja, Liebe, wenn es ein Junge wäre!« seufzte Annemarie.

Das Mädchen sah auf und meinte mit inniger Schlichtheit: »Das Weißzeug, das wir da gemacht haben, ist weder für ein Mäderl, noch für ein Buberl, bloß für einen kleinen, herzigen Menschen. So soll sich die Gnädige auch darauf allein freuen!«

»Wie schön Sie das jetzt gesagt haben, Anna!« lächelte Annemarie dankbar. »Das will ich Ihnen gedenken, wenn Sie einmal von mir weg heiraten sollten. Und wie hübsch Sie alles gemacht haben!«

Sie trat an die Kommode, mit leiser Hand da und dort zärtlich über die weichen Sächelchen hinstreichelnd. Dabei glitt ein verhaltenes Lächeln über ihre Züge. Fast konnte sie nun begreifen, daß Renate wie eine aufgestörte Katze wieder draußen herumknurrte. Die große Platte der alten Kommode war nun fast ganz von all dem blütenweißen Zeug bedeckt. Kaum daß die alte Ständeruhr zwischen den staubgrauen Alabastersäulchen noch ihren Platz behauptete. Aber da – was lag dort? Ein Album! Schwarz, alt, abgegriffen. Nur – Annemarie entsann sich nicht, es schon gestern dort liegen gesehen zu haben. Und mehr aus Langweile denn aus Neugierde begann sie darin zu blättern.

»Gehört das Ihnen?«

»Nein,« erwiderte Anna, emsig weiterstichelnd. »Renate hat es gestern herausgenommen, um mir das Bild der Gnädigen zu zeigen, bei der sie solange gedient hat –«

»Ach ja,« nickte Annemarie, »sie hat mir schon einmal davon gesprochen. Ich war aber so gar nicht neugierig damals. Weil ich aber nun schon einmal dabei bin, könnten Sie es mir wohl zeigen!«

Damit reichte sie dem Mädchen das Buch hin.

»Es steckt in einem der letzten Blätter,« meinte Anna. »Weil es die Dame erst voriges Jahr geschickt hat.«

»Renate ist ihr jedenfalls noch immer sehr anhänglich,« sprach Annemarie. »Und ich könnte nicht sagen, daß es mir mißfällt. Nur –«

Das Mädchen lächelte, langsam weiterblätternd, naiv zu ihr empor: »Wenn der Herr Professor nicht geheiratet hätt', war's mit der ganzen Anhänglichkeit nicht so weit her. Denn wie der gnädige Herr damals von der Französin fortgezogen ist, hat sie auch der Renate eine Szene gemacht–,« tuschelte Anna wichtig.

»Was Sie – nicht sagen!« stammelte Annemarie betroffen. Sie selbst hatte bis heute nicht gewußt, daß ihr Gatte einmal bei der Herrin Renatens gewohnt. Es war übrigens auch ganz nebensächlich. Ein Student hauste ja bald da, bald dort –

»Hier!« rief das Mädchen im selben Augenblick, mit dem Finger auf ein Bild tippend und zugleich das Buch der Herrin entgegenhaltend –

Doch sie erhielt keine Antwort. Den Blick starr auf das Bild gerichtet, brach die junge Frau, wie von einem jähen Schwindel gepackt, mit einem dumpfen Wehlaut vor ihr zusammen – schwer und hart auf den Boden hinschlagend, der sich gleich darauf mit ihrem Blute zu färben begann.

*

Es war schon Frühling, wirklicher Frühling, als Annemarie wieder das Bett verlassen durfte, dieses doppelte Schmerzenslager, auf dem sie nicht nur den Glauben an die Treue des Gatten, sondern auch ihr erstes süßes Hoffen verloren hatte ... Durch die unbefangene Erzählung Annas von dem Bilde, das ihre Herrin noch knapp vor dem Unfall angeschaut, konnte der Schuldbewußte sofort den traurigen Zusammenhang erraten. Und während der Arzt und Annemaries Mutter oben in banger Sorge um das junge Leben zitterten, hatte Wilhelm unten eine kurze, aber um so wirksamere Auseinandersetzung mit der Alten, die noch am selben Tage das Haus verließ.

Annemarie selbst sprach kein Wort. Um nichts in der Welt hätte sie der Mutter verraten, wie es um ihr »Glück« stand. Und daß auch sie sich schon belogen und betrogen fühlte. Daß Wilhelm jede eigene Schuld leugnen würde, sah sie voraus. Für seine Vergangenheit konnte sie ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Er war ein Mann. Und daß diese Vergangenheit wieder im alten Sinne zur Gegenwart geworden war, würde er nie zugeben, das wußte sie. Selbst die Lüge, mit der er seine einstige Geliebte als Studentin bezeichnet hatte, ließ sich im Sinn einer zarten Schonung umdeuten. Ganz wurde ein Mann solche Weiber ja nie los; auch dafür gab es Beispiele. So beiläufig glaubte Annemarie ihn reden zu hören. Für das Ahnen ihrer tiefverwundeten Seele aber lag des Gatten Schuld plötzlich so greifbar bloß, daß sie heimlich staunte, so lange voll Vertrauen und Arglosigkeit geblieben zu sein, wo doch sein ganzes Wesen bereits ein einziger Selbstverrat war. Sein verstörtes Gebaren; die unsicheren und nie ganz klaren Ausreden, mit denen er sein stundenlanges Ausbleiben, selbst während der Ferien, entschuldigt hatte; die ehrfurchtslose Gier, in der er am Weihnachtsabend den Champagnerfreuden seiner Junggesellenabende nachgeträumt – vor allem aber die Verwirrung, ja der Schreck, der ihn befallen hatte, als er plötzlich die für sie bestimmten Perlen nicht fand ... das kostbare Geschenk, mit dem er Renaten bedacht hatte, die wohl schon damals von der Anwesenheit ihrer einstigen Herrin wußte, beim Überbringen der Perlen aber so gar nicht überrascht getan. Dies alles lohte plötzlich wie ein grelles Licht vor ihr auf – wie der dämonische Widerschein eines Brandes, der langsam, aber sicher ihr ganzes Glück verzehrte. Und das einzige, das Reinste und Heiligste, was ihr als Erinnerung an dieses flüchtige Glück geblieben wäre, – ihr Kind – es war das erste Opfer dieses Brandes geworden! Was mit ihr selbst noch geschah oder geschehen konnte, schien ihr all dem gegenüber so gleichgültig, daß es ihr im Paroxysmus der ersten wütenden Schmerzanfälle fast komisch war, daß man einen Menschen, den das Leben so betrogen, mit so viel Kunst und Sorge für dasselbe Leben wieder zurechtrichten wollte. Aber freilich – ihre Mutter ahnte nichts, und der Arzt sah auch nicht mehr als eine Tatsache, der weiter nachzuspüren nicht seines Amtes war, was immer er sich auch denken mochte. Der Schuldige aber schlich wie ein Verbrecher um ihr Lager herum – zog hundertmal während des Tages ihre kalten Hände an die Lippen, bat mit jedem Blick um Vergebung, erstickte wie in Tränen an jedem Wort, das er zu ihr sprach. Und sie selbst war so todmüde – wie erschlagen vom Ekel all des traurigen Wissens, das plötzlich über sie gekommen war!

Später, dachte sie dann wohl. Später soll er mir Rechenschaft geben!

So war sie während der ganzen Zeit stumm und apathisch dagelegen, bis sie eines Tages mit einer Art verächtlichen Erstaunens gewahrte, daß auch ihr Leib und ihre Seele sich langsam wieder in die alte Ordnung der Dinge zu finden begannen. Daß sie »auf dem Wege der Genesung war«, wie der alte Hausarzt Frau Krüger's mit einem strahlenden Lächeln feststellte.

Und nun konnte alles wieder von neuem beginnen ...

*

Die Stare schwatzten schon lustig von den Bäumen, und die Blätter sprengten ihre braungoldenen Knospenwiegen. Tag für Tag aber saß dieselbe Amsel auf dem First des Hauses und flötete ihr Liebeslied in den langsam dämmernden Abend hinein. Frühling war es – auch Annemarie mußte wieder an ihn glauben!

Wie ein fernher dämmerndes Sehnen kam es zuweilen über sie, wenn sie in ihren losen Rekonvaleszentenkleidern am Fenster stand und nach dem Walde hinübersah, in dem aus feuchtem Mutterboden nun dieselben Frühlingsblumen aufsprossen, die in ihrem Erker schon langsam verblühten. Es war derselbe Wald, in den sie sich immer an der Seite des Gatten hineingeträumt hatte – dem sie ihr Kindchen in erster fröhlicher Mutterfahrt vorstellen wollte. Das war nun alles vorüber. Nur die Sehnsucht war geblieben und peinigte sie nun erst recht – so beständig und geheimnisvoll, als hätte sie dort alles verloren und brauche nur endlich hinüberzufahren, damit alles wieder sei wie einst.

›Recht wunderlich bin ich geworden!‹ sagte sie sich dann.

Aber die Empfindung blieb stärker als ihr Verstehen.

So nahm sie eines Tages einen Wagen und fuhr hinüber ...

Zwischen Feldern, auf denen die Wintersaat schon in grünen Halmen emporsproß, und braunen Sturzäckern, deren dampfende Schollen der Pflug des Bauers zum letztenmal umwühlte, ging die Fahrt dem Wald entgegen – immer der Sonne nach. Da und dort sprang ein Häslein auf, das noch nicht lang ins Leben gefallen war und nun unter Mutters Schutz seine ersten Kapriolen schlug. Der alte Rabe, den Annemarie so lange gefüttert, saß am Wege und sah gedankenvoll vor sich hin, wie erwägend, ob es nun nicht doch schon Zeit wäre, ganz über Land zu fliegen. Als der Wagen vorüberfuhr und Annemarie den drolligen Gesellen mit dem alten Lockruf begrüßte, schlug er in fröhlichem Erkennen die Flügel zusammen und ließ ein lautes Gekrächz hören – so aufrichtig und ehrlich in seiner Freude, sie wiederzusehen, daß Annemarie fast dankbar nach ihm zurückblickte.

Über ihr aber standen die Lerchen im Blau – hoch, hoch, daß ihr fast schwindelte, ihnen nachzuschauen, und nur ihr schwirrendes Getriller wie der Ton einer hochgespannten Saite zu ihr herniederklang – ein Wunder auch er, das der Frühling entbunden.

Am Wiesenrain guckte schon da und dort ein Maßliebchen hervor. Ja, die ganze Luft schien vom süßen Duft eines verborgenen Veilchengrundes durchatmet.

Im Walde will ich dann aussteigen und Blumen pflücken, dachte Annemarie.

Die Blumen, nach denen sie sich gesehnt hatte, um sie ihrem Kindchen auf die Wiegendecke zu streuen! Die Blumen, die das erste Spielzeug sein sollten für seine kleinen Händchen und die großen verwunderten Augen ...

Die Blumen waren nun da, aber die Äuglein hatten sich nicht dem Licht erschließen dürfen. Ohne der Mutter Kuß, ohne des Heilands Segen war das arme Geschöpfchen von ihr gegangen. Und ach! auch sie fühlte sich schuldig an seinem Tode.

›Wär' ich damals zu Hause geblieben!‹ Hundert- und hundertmal schon hatte sie sich das vorgeworfen. Nun war es zu spät, auch für ihre Reue. Statt des Kindes lag Bijutti in ihrem Schoß, und sie hätte ihn dafür töten können in diesem Augenblick. So jäh und heftig überkam es sie zuweilen.

Selbst der Friede, der wieder in ihrem Heim wohnte, war eine Lüge, sie fühlte es. Renate war fort, und auch die andere hatte schon längst die Stadt verlassen. Wenigstens hatte Wilhelm geschworen, daß dies gerade an jenem Vormittag geschehen wäre, an dem Annemarie die Fremde mit ihm gesehen. Es sei ein Abschied fürs Leben gewesen, sagte er. Und jedes Beisammensein mit der einstigen Geliebten rein und makellos geblieben. Dabei beharrte er. Als sie ihm aber sein seltsames Wesen am Weihnachtsabend in Erinnerung brachte, gestand er zynisch, daß es wohl jedem Mann in seiner Lage so ergangen wäre, der, zwischen eine unnahbare Gattin und eine alle Stürme der ersten Leidenschaft erweckende Begegnung gestellt, eben immer nur mit Mühe gerade noch seinen Schwur retten könne. Denn die erste Geliebte vergesse kein Mann, besonders wenn sie schon ein reifes Weib gewesen und er noch ein Unwissender.

Offener konnte man wohl nicht sein. So mußte Annemarie auch daran glauben. Und sie liebte ihn ja noch immer! Liebte ihn doppelt, seit sie gefühlt, wie unmöglich es ihr wäre, ihn mit einer anderen zu teilen. Liebte ihn unter heftigen Vorwürfen gegen die eigenen Sinne – mit einer Eifersucht, durch die sie sich selbst entwürdigt fühlte, sich selbst verachten lernte. Wohl war es ihr gelungen, ihn bis heute noch ferne zu halten. In stummem und grollendem Versagen ihn fühlen zu lassen, daß der Weg von der Geliebten zur Frau nicht gar so leicht wäre, als seine männliche Eitelkeit vielleicht glaubte. Aber gerade diese Tage voll geheimnisvoller Glut und wonniger Hingebung – der Vögel Liebeswerben, der Keime Regen – diese ganze brünstige Sonnentrunkenheit der Erde hatten sie wieder schwach gemacht. Daß eine fast sklavische Sehnsucht nach ihm in ihr aufschrie, sooft nur sein Schritt vor ihrer Stube erklang ...

Die Straße begann sich zu senken und rechts und links zwischen braunen Erdhügeln hinzuwinden. Schon nickten da und dort grüne Zweige in den Wagen hinein. Nun ging es wirklich dem Walde zu.

»Wissen Sie vielleicht, wo hier Veilchen blühen?« fragte sie den Kutscher, der, die Zügel nur mehr lässig in der Hand, die Pferde ruhig der Straße nachgehen ließ.

Er nickte und lächelte, wie von einem fernen Erinnern angeweht. »Wenn wir hineinkommen, gleich rechts und dann immer weiter unter den alten Buchen fort ... Da hat es Veigerln und Primeln und Traubenhyazinthen. Wer weiß, blüht nicht auch schon der Faltrian! Dort können wir halten, wenn die Gnädige will. Vor ein paar Jahr'ln« – er lächelte – »bin ich selbst dort noch mit meiner Alten umag'stieg'n.«

»Also halten Sie dort!« nickte Annemarie. Und dann lehnte sie sich zurück, mit Lippen und Nüstern den köstlichen Duft einatmend, der mit dem Brodem der feuchten Walderde um sie aufstieg.

Wie ein goldgrünes Netz hingen die ersten zitternden Zweige über dem Wagen. Dazwischen flirrten und flitzten die blanken Flügelchen unzähliger Mücken und Fliegen. Auch die wilden Bienen schwärmten schon aus. Ob sie nicht in dem hohlen Stamm dort ihre Waben hatten? Wie fernes Geläut zog es von dort her über den verlorenen Weg ...

Wie schön das Leben doch war – trotzalledem! Wie heilig dieses ewige Sich-geben- und ergebenmüssen – dieses zitternde Gependel zwischen Lust und Tod! Alles, alles konnte man vergessen und vergeben in einer Stunde wie dieser.

›Wie gut ist es, daß ich allein bin!‹ dachte Annemarie. Und sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ein traumhaftes Brüten überkam sie ...

In diesem Augenblick fuhr Bijutti mit lautem Gekläff aus ihrem Schoße empor. Feste Schritte, erst ferner im welken Laub des Vorjahres raschelnd, dann immer näher kommend, schlugen an ihr Ohr –

Überrascht und fast etwas neugierig sah Annemarie empor und – sah mitten in Konrads Augen hinein!

Den Hut in der Hand, blaß bis an die Lippen und gleich darauf in einer einzigen Verklärung erstrahlend, blieb er am Wege stehen und grüßte, nickte, starrte sie an – mit einem Blick so todernst und tieftraurig, daß sich ihr Herz wie in einem einzigen Krampfe zusammenzog.

Sie hob die Hand, wollte winken. Vielleicht wartete er, daß sie dem Kutscher ein Wort sage, damit er halte, vielleicht ...

Aber schon hatte sie sich gefaßt, und mit ruhiger Würde gab sie den Gruß des Mannes zurück, dessen Blicke sie noch immer begehrten ...

Dann fuhr der Wagen weiter, und zwischen ihm und ihr schlugen die Zweige zusammen.

Warum aber war ihr plötzlich, als müsse sie weinen?

... »Werde so glücklich, Annemarie, wie wir Menschen es nur immer werden können!«

Er hatte es gesagt und doch dabei als erster an ihrem Glücke gezweifelt, schon damals. So war er der letzte, dem sie jetzt Rede stehen durfte.

Und schon stürzten die Tränen aus ihren Augen.

Damals und – heute ...

Ob er schon wußte, was ihr geschehen war? Nicht mehr als Edwin, aber so viel auch ganz gewiß! Und plötzlich entsann sie sich wie in einem Traume der weißen Fliederzweige, die Edwin an einem Tage, da sie noch zwischen Tod und Leben gerungen, mit feierlichem Ernst auf ihre Bettdecke gelegt hatte.

»Ich – dank' dir!« hatte sie in halbem Erkennen gestammelt. Doch Edwin hatte mit einem wehen Lächeln das Haupt geschüttelt:

»Diese Blumen sind von einem anderen, Annemarie!«

Hatte sie das bloß geträumt, oder war es wirklich geschehen?

Sie wußte es nicht mehr. Mit einemmal aber entsann sie sich, daß sie der Mutter gestern von ihrer Absicht gesprochen hatte, »nach dem Walde dort drüben zu fahren!«

Die hatte es wohl den Brüdern mitgeteilt und Edwin sofort dem, den er über alles liebte. So war die Brücke zu dieser Begegnung geschlagen worden! Und nun war Annemarie erst recht froh, daß es bloß beim Gruß geblieben war.

Die Räder knirschten, die Pferde hielten an.

»Wenn die Gnädige jetzt Veigerln pflücken will?« meinte der Kutscher.

Langsam glitt Annemarie aus dem Wagen. Bijutti schlief wieder. Mochte er liegen bleiben. Sie lechzte förmlich danach, nun ein Weilchen ganz allein zu sein.

Auf dem schmalen Pfad, den ihr der Kutscher gewiesen, weiterschreitend, fand sie bald zu dem Veilchengrund hinüber. Immer langsam abwärts steigend, eine weiche Böschung hinab, sicher und unbeirrbar von der süßen Duftwolke geleitet, die aus der kleinen Talmulde emporstieg.

Zwei uralte Buchen breiteten sich wie schützend über das kleine Paradies, das in ihrem grünen Schatten gedieh. Da war eine Wiese, ganz blau von Veilchen und jenen seltsam duftenden wilden Hyazinthen, die Annemarie seit ihrer Kindheit liebte. Wie ein Sonnenfleck leuchtete ein gelber Primelgrund herüber. Und zwischen den niederen Haselbüschen guckten schon die Anemonen hervor. Auch die Blätterchen jener wildwachsenden Orchidee, der das Volk den lieblichen Namen »Marienschuhe« gegeben, entdeckte Annemarie. Aber sie stand schon kahlgepflückt, vielleicht hatte sie ein Kenner gebrochen und noch nicht lange – der Saft quoll noch wie Tau aus den Zellen der Bruchstellen, vielleicht –

Und Annemarie errötete. Konrad selbst mußte es gewesen sein! Er, der die Blumen so liebte, um ihrer Reinheit willen. »Die Blumen, die Kinder und die Schmetterlinge, auf denen noch die Schönheit des verlorenen Paradieses liegt,« wie er einmal in seiner weichen Art gesagt hatte. Sie entsann sich, daß er aus dieser Richtung gekommen war. Nur Blumen hatte sie keine in seiner Hand gesehen. Aber freilich – was hatte sie überhaupt noch gesehen, als er so plötzlich vor ihr stand? Nun entdeckte sie selbst die Spuren seiner Tritte im feuchten Grund der Mulde. Rasch bückte sie sich – pflückte und pflückte, bloß um ihre Gedanken los zu werden ...

Was er wohl denken – ahnen mochte von ihrer Ehe?

Da schlug das Blut wie eine einzige Welle des Trotzes gegen ihr Herz. Niemand sollte es wissen. Niemand als die drei, die ihr so unsäglich wehgetan, und der Gott, den sie täglich bat, sie zu stärken, damit sie dies alles vergessen könne.

Und da – gerade da geschah es, daß die Erinnerung an den Gatten plötzlich in einem einzigen Sehnen in ihr emporschlug. Das Blut, von der alten Liebe wachgeküßt, fast hörbar in ihren Ohren zu rauschen, in ihren Schläfen zu pochen begann. Eine Schwäche überkam sie, die ein einziger Drang war zu verzeihen, zu vergessen, sich wieder zu verlieren in dem Glück der Hingebung. Wie ein Sturm packte es sie, daß sie mit kindisch leichten Sprüngen zurücklief, geradeaus dem Wagen entgegen – die Wangen hochgerötet, die Arme bis an die Beuge mit Blumen gefüllt.

Der Kutscher war, die kurze Pfeife im Mund, auf seinem Sitz eingeschlafen; Bijutti, von einem späten Sonnenstrahl gerade auf das schokoladefarbige Näschen getroffen, soeben mit einem drolligen Niesen erwacht.

Als Annemarie aber ihren Fuß wieder in den Wagen setzen wollte, fand sie den ganzen Boden mit Veilchen und Primeln bedeckt. Obenauf lagen zwei herrliche Orchideen – die »Marienschuhe«, die sie im Walde nicht mehr gefunden! Er selbst hatte sie ihr zu Füßen gelegt und war dann seine einsame Straße wieder weiter gezogen. Er, der sie noch heute liebte und ihr wie in einem Bilde die zierlichen Frauenschuhe zu Füßen legte, damit sie auch weiter über sein Herz hingehen möge, wie bis jetzt ...

Ihre Stimme zitterte und ihre Lippen waren blaß, als sie dem nichtsahnenden Kutscher ihr lautes: »Nach Hause« zurief.

Wie die Blumen zu ihr empordufteten und all der Duft förmlich nach ihr griff, wie mit weichen, heißen, unsichtbaren Händen ...

Sie schloß die Augen und lehnte sich wie erschöpft in die Kissen zurück, ein, herbes Lächeln um die weichen, dürstenden Lippen:

›Melas Blumen!‹ fuhr es ihr durch den Sinn. O ja, wenn sie wollte – die Liebe stand auch an ihrem Weg!

*

Der Abend hing schon wie eine violette Wolke über der fernen Stadt, und die Amsel, die der Nacht alltäglich in seliger Trunkenheit ihr Liebesglück entgegenflötete, sah vom First des Daches fast erschrocken auf den jäh anfahrenden Wagen herab ...

»Du bist lange ausgeblieben, Annemarie!« sagte der Gatte, mit hastigen Schritten an den Schlag tretend. Er war schon eine ganze Weile vor dem Haus auf und ab gegangen – Annemarie hatte es aus der Ferne bemerkt. Und nun zitterte seine Stimme, flackerte sein Blick, bebte selbst der starke Arm, der sie aus dem Wagen hob.

»War es nicht doch etwas zu früh für eine so weite Fahrt?«

Sie sagte vorerst kein Wort, reichte ihm bloß die Hand und merkte dabei, daß seine Finger ebenso brannten wie die ihren.

Er hatte sie erwartet ... in Sehnsucht, vor der Tür des Hauses, wie ein Hund –

Wie lange war das nicht geschehen?

Es verschlug ihr fast den Atem, wenn sie es bedachte.

Doch sie verbarg ihre Erregung und bezahlte den Kutscher, ihn zugleich für eine neue Fahrt bestellend.

»Du bist wohl recht tief im Wald drin gewesen?« fragte der Gatte wieder mit halber Stimme. »Erlaube –«

Und er bückte sich wie eine Magd an ihr nieder und las das welke Laub und die Halme ab, die sich an ihr Kleid geheftet hatten. Ja, bis an den Saum ihres Kleides bückte er sich, und seine Finger zitterten, wie er so an ihr niederstrich ...

»Ach, laß doch,« wehrte Annemarie scheinbar kühl ab. Doch sie hatte Mühe ihre Erregung zu verbergen. So leid tat er ihr in seiner demütigen Sehnsucht. So heftig und heiß schlug auch in ihr wieder die alte Leidenschaft empor.

»Und diese Blumen!« staunte er mit einem halben Lächeln.

»Nicht wahr?« sprach Annemarie kokett zurück. »Aber ich habe sie nicht allein gepflückt.«

Sein Blick irrte noch immer begehrend an ihr auf und nieder. So fragte vorerst auch nur sein Auge. Erst leis und wie aus einem Traume kam die Stimme nach:

»Nicht allein, Annemarie?«

Sie hatte nun wieder beide Arme voll, und während sie mit einem leichten Nicken den Kutscher entließ und lächelnd auf ihr bellendes Hündchen niedersah, erwiderte sie wie nebenbei:

»Die größere Hälfte hat mir Konrad in den Wagen gelegt.«

Annemarie glaubte zu bemerken, daß er sich im ersten Augenblick bemühte, sein Lächeln festzuhalten. Aber die Eifersucht war stärker. Bis an die Lippen erblassend, keines Wortes mächtig stand er da. Und Annemarie glitt an ihm vorüber ins Haus – leicht, lächelnd, mit hocherhobenem Haupte – die Blumen mit beiden Armen an die wogende Brust gedrückt.

›Wenn er wüßte, wie ich ihn jetzt liebe,‹ dachte sie. ›Wie ich fast ersticke ...‹

Leicht wie ein Reh huschte sie über den dämmernden Flur und geradeswegs in ihr Zimmer, in dem ihr Bett seit dem Tage, der ihr alles genommen, allein stand.

Schon wollte sie die Türe hinter sich zuziehen, sie abschließen, wie all die Tage seither, wenn sie sich umkleidete oder zurückzog.

Aber er war diesmal noch rascher gewesen. Hoch, bleich, und doch lodernd wie eine einzige Flamme, stand er in der Tür. Und nun – ja, sie sah es mit süßem Erbeben – nun drehte er selbst den Schlüssel im Schloß – wie damals in jener ersten, seligen Nacht ...

»Wo sind die Blumen, die er dir gegeben hat?« zischte er hinter ihr auf.

»Weiß ich es?« fragte Annemarie. »Ich habe ja dieselben gepflückt.«

»Du lügst!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, der ganze Mann war nur eine einzige, bebende Qual.

Annemarie öffnete die Arme und ließ die Blüten langsam auf die opalisierende Glasplatte ihres Toilettetisches fallen. Dann setzte sie sich davor nieder und begann die amethystbesetzten Hutnadeln aus dem vollen Haar zu ziehen.

»Aber daß ich nicht lüge,« lächelte sie dabei durch den Spiegel nach ihm zurück – »diese zwei – Marienschuhe hat er mir in den Wagen gelegt.«

Wie der Fang eines Raubvogels stieß seine Rechte nieder. Gleich darauf flogen die Blumen durch das offene Fenster hinaus.

Annemarie nahm langsam den Hut ab.

»Und was – was habt ihr gesprochen?« zischte Wilhelm wieder auf. »Wie – ist er überhaupt dort hingekommen?«

»Weiß ich es?« rief Annemarie im herben Ton überzeugender Unschuld. »Und wüßt' ich es – würde ich dich anlügen? Verwechsle unsere Rollen nicht, bitte!«

Sie hörte nicht mehr, was er sagte in diesem Augenblick. Nur das dumpfe Geräusch des Falles, mit dem er sich vor ihr niederwarf, ließ ihr Blut und ihre Seele erbeben ...

»Annemarie – was tust du mit mir?«

Wie ein Kind weinte der Gedemütigte das zu ihr empor – in einem einzigen, hellen, fast süßen Schmerzensschrei.

Da beugte sich Annemarie zu ihm herab, strich mit den weichen Fingern leise, ganz leise über seine Haare hin – über seine Wangen – bis zu den Lippen, die sich plötzlich in einem flammenden Kuß auf ihre Hand preßten.

»Kannst du mir vergeben, Annemarie?«

Sie konnte bloß nicken. So ohnmächtig verröchelten ihre Worte unter seinen Küssen.

Nur von ferne und wie aus einem wonnigen Traume sah sie noch das verzückt zurückgebogene Haupt eines Weibes in ihrem Spiegel, das in seliger Ekstase an dem Herzen des Geliebten verging.

*

Die Linden blühten, und die Bienen hingen wie leuchtende Bernsteintropfen an den bebenden Kelchen – summten und schwirrten in goldenen Wölkchen über den heißduftenden Nelkenbeeten und den weißen Lilien. Es war Sommer geworden, und Annemarie hatte es kaum bemerkt – noch immer wie berauscht von dem Frühling der Liebe, der ihr zum zweiten Male erblüht war.

Nur noch wenige Wochen, dann schloß die Hochschule wieder ihre Tore, und der Geliebte und sie trugen ihr junges Glück in irgendein lauschiges Alpental hinein, wo blaue Wasser stäubten und verborgene Blumen blühten und niemand ihren Faltertraum stören konnte. Nicht einmal ihre Adresse hatte Annemarie den Freundinnen verraten. So ganz allein wollten sie sein! In tiefster Einsamkeit, in engstem Beisammensein den Jahrestag feiern, der sie für immer vereint hatte.

Nur mehr daran dachte Annemarie. Alles andere hatte sie vergeben und vergessen in jener heißen Nacht ihrer Wiedervereinigung. Freilich, der Gatte hatte sie auch zu überzeugen gewußt. Nicht seine Schuld war es, daß die einstige Geliebte, von tausend Erinnerungen und einer jäh entflammten Eifersucht angetrieben, es versucht hatte, ihn noch einmal zu sehen, bevor auch ihr Leben in die graue Straße des Alters mündete. Nur noch einmal ihn sehen, sprechen, den Ton seiner Stimme hören – mehr hatte auch sie nicht gewollt! Gewiß war es ein Fehler gewesen, von alledem zu schweigen, doch auch seine Lage war schwer. Annemarie sah es nun vollkommen ein. Er hatte geglaubt, sie schonen und behüten zu müssen. Wäre sie an jenem Tage nicht ihm nachgefahren, hätte sich alles in Ruhe ordnen lassen; Wilhelm selbst hätte, wie er nun behauptete, ihr alles gestanden. Schon Renatens wegen, deren Mitwissen ihm geradezu peinlich war in jenen Tagen.

Ja, wäre sie damals nicht nachgefahren!

Sie seufzte leise auf.

Dann hätte sie jetzt wohl anderes zu tun, als so müßig dazusitzen, die Hände im Schoß – während ein blasses Kinderantlitz wie aus einem fernen, fernen Traum auf sie herablächelte.

Wie weh das tat, noch immer!

Um ihren Gedanken zu entfliehen, begann Annemarie die Rosen in dem hohen Kristallglas zu ordnen, die so voll und prächtig auf dem Gartentisch vor ihr lagen, hier und dort noch einen Tropfen Morgentaus in dem Sammet der purpurnen Kelche.

Da kamen Schritte über den Kies daher – ein fester, männlicher Tritt. Daß es Wilhelm nicht sein konnte, wußte Annemarie. War er doch eben erst fortgefahren. Für einen Besuch war es noch zu früh –

Sie hob den Kopf, um schon im nächsten Augenblick mit einem lauten Freudenschrei emporzuspringen.

»Edwin!«

Aber gleich darauf verhauchte ein anderer Ruf auf ihren Lippen – befremdet, scheu, fast ängstlich:

»Ja – habt ihr denn wieder Manöver?«

Er stand im Waffenrock vor ihr, den schmucken Helm in der Hand, blitzblank vom Scheitel bis zur Sohle ...

»Nein, Annemarie. Bloß einberufen sind wir, um im fernen Galizien zu zeigen, was wir im Brucker Lager gelernt haben. An den San, glaub' ich, geht's. Und einige Wochen werden wohl verstreichen, eh' wir uns wiederschauen!«

»Also eine bloße Waffenübung.«

Er lächelte.

»Da die ganze Welt in sommerlichem Frieden liegt! Und alle Diplomaten aufs neue die gewohnten Versicherungen abgegeben haben –«

»Ja,« nickte Annemarie. »Wenn man ihnen glauben darf, kann es wohl noch einige Jahre so weitergehen. Und wer würde das nicht gerne glauben? Aber setz' dich, Edwin! Und laß dich noch einmal begucken! Mir scheint, als wärst du in diesem Jahr noch strammer in die Montur gewachsen.«

Er runzelte die Stirne, sah mit einem strengen Blick verhaltenen Wohlgefallens an sich nieder. »Es wäre auch schlimm, Annemarie, wenn wir nicht endlich ganz hineinwüchsen. Es kommt eine Zeit, die endlich wieder Männer und Taten brauchen wird!«

»Männer und Taten?« wiederholte Annemarie wie versonnen. »Die hat es doch immer gegeben!«

Seine Augen blitzten auf.

»Ich meine andere Männer und andere Taten, Annemarie.«

Sie lächelte.

»Ach ja, ich weiß es. Und am liebsten glaub' ich, sähst du noch auf jedem Berg eine Ritterburg dazu. Träumer du! Wenn es wirklich wieder zu einem Krieg kommen sollte, der wird ganz anders werden, sagt mein Mann. Wie wir selbst ganz andere Menschen geworden sind, seither ...«

»Andere Menschen?« Nicht nur sein Blick, auch seine Stimme schien sich zu verdunkeln. »Andere Menschen? Ja, Annemarie, leider! Und Menschen fürcht' ich, vor denen man erschauern wird, wenn ihr wahres Antlitz endlich zum Vorschein kommt – hinter all dem Kulturlack und Humanitätsfirnis. Andere Menschen – weiß Gott! Und wohl mir, daß ich nie in ihrem Lager gestanden bin. Wenn es wirklich zu dem – zu dem großen Fall der – Masken kommen sollte.«

»Wie du dich gleich ereiferst!« seufzte die Schwester. »Wenn ich nur ein Wort wiederhole, das er gesagt hat.«

»Du irrst, Annemarie,« sprach Edwin fest, aber ruhig. »Und kommst über das Persönliche nicht hinweg, wie jede Frau. Wenn ich mich jetzt ereifert habe, hab' ich tatsächlich diese Zeit und diese Menschen gemeint, in der vollen Schnittreife ihrer Selbstsucht und Heuchelei und des unheimlichen Größenwahns, von dem auch der Unbedeutendste heute besessen ist. Bloß weil er meint, daß endlich die Zeit gekommen ist, wo jeder seine Rechnung ohne Gott machen kann. Daß dein Mann auch dazu gehört und sogar ein Rufer in diesem Streit ist, weiß ich und tut mir leid – deinetwegen –« Er hielt an und dehnte das Wort, während sein Blick, wie ein reiner Sonnenstrahl ihr Auge suchte.

»Ich bin glücklich!« rief Annemarie hastig und wie bedrängt.

»Ich wünsche mir selbst nichts Besseres,« gab Edwin mit einem tiefen Atemzug zurück. »Aber wie gesagt, in diesem Falle kämpfen eben zwei Welten gegeneinander. Begriffe, nicht Menschen. Und, glaub' es mir, die Götzendämmerung dieser Zeit ist nahe.«

»Es ist doch die einzige Zeit, die keine Götzen hatte,« warf Annemarie ein.

»Keine Götter, willst du sagen, und das stimmt! Und tausend schöne Namen für die beiden entsetzlichen Unholde, die sie ein für allemal auf ihre Altäre gesetzt: die Selbstsucht und die Gottlosigkeit –«

»Du bist noch so jung,« lächelte Annemarie. »Und die Jugend hat zu allen Zeiten immer nur sich selbst gelten lassen. Ist das nicht auch ein Götzendienst?«

»Wenn ich die Forderung meiner Generation vertreten würde – wär's einer, Annemarie,« kam es ernst zurück. »Dieses rücksichtslose Sich-ausleben! Ich aber stehe für die Ideale vergangener Zeiten ein – die zugleich immer ewige Ideale waren. Und lebe mein Leben also gegen meine Zeit und wider meine Jugend – und zuweilen nicht ganz ohne Kampf, Annemarie. Und weil dieser Kampf ein fortwährendes Entsagen, Widerstreben und Aufopfern bedeutet, kann von einer Selbstsucht darin nicht mehr die Rede sein. Das müßte dir doch einleuchten, denk' ich, wenn du nicht schon farbenblind geworden wärst für das, was wirklich gut ist und wahr –«

»Und daran ist natürlich wieder mein Mann schuld,« lachte Annemarie hell dazwischen.

»Ich hab' dir schon gesagt, daß er in diesem Falle eine Größe ist, mit der ich durchaus nicht zu operieren brauche,« lächelte der Bruder fein zurück. »Es dürfte vielleicht genügen, zwei einfache Gegensätze vor dir erstehen zu lassen, in denen sich das Einst und Jetzt wie in einem Bilde spiegelt. In einem Bilde, Annemarie, das ich selbst geschaut; in einem Geschehen, das ich selbst erlebt. Und das seither in einer so mystischen Schönheit und unvergänglichen Klarheit vor mir steht, als wäre mir in jenem einsamen Kreuzgang eine Offenbarung des Heiligen Geistes geworden. Eines jener erhabenen Gesichte, die hinfort wie ein einziges Licht über unserem ganzen Leben leuchten – wegweisend und sühnend –«

»In einem Kreuzgang?« murmelte Annemarie.

Er legte die Rechte vor die Augen und griff mit der Linken wie spielend nach einer der Rosen, die vor ihr lagen.

»Das war in Rom, vor drei Jahren, nach meinem Abiturium. Meine Koffer waren schon für die Rückreise gepackt, weil ich besorgte, nicht mehr unangefochten über die Grenze zu kommen. Du weißt ja, welche Sprache die Exaltados Italiens schon damals beliebten. Bloß weil wir endlich Bosnien annektiert hatten! Wie all der scheu gehütete Haß mit einemmal hervorzüngelte – daß es einem aus den Blättern förmlich wie Schlangengezischel entgegenkam. Aber doch – Rom war schön – unsterblich schön, trotz alledem! Und so beschloß ich, mir noch einen letzten schönen Morgen zu machen. Er galt dem Lateran. Als ich die Sammlungen besehen und in der Kirche von Altar zu Altar, von Grabdenkmal zu Grabdenkmal gegangen war, entsann ich mich wie von ferne, daß Konrad mit einem ganz eigentümlichen Entzücken mir einmal von dem Kreuzgang dort gesprochen, um den die Kirche und ein Teil des alten Klosters sich zu einem unvergeßlichen Rund zusammenschlössen. Und weil ich gerade allein war und der Kustode der Kirche doppelt zugänglich, ließ ich mir jene Türe öffnen –«

Er ließ die Hand herabsinken, hob das Haupt und sah mit langsam erstarrendem Blick in die goldflimmernde Sommerluft hinein, wie in eine Vision ...

»Daß du uns davon nie erzählt hast?« sprach Annemarie leise.

Er schien es nicht zu hören. So innig hing sein inneres Schauen wieder an jenem Bild.

»Es war ein sonniger Aprilmorgen,« begann er leise, »und kurz vorher hatte es geregnet. Einer jener flüchtigen Frühlingsregen, die wie ein einziger Segen über die sprossende Erde niedergehen. Da und dort – ich sah es genau – hingen noch einzelne Tropfen an den Rundbogen der Arkaden und fielen, vom flirrenden Sonnenlicht durchsickert, langsam und schwer wie goldige Berylle auf die Brüstung und die alten Epitaphien, die längs des Ganges gereiht standen. Ich war zurzeit der einzige in dem weiten, hallenden Gang. Denn der Kustode hatte mich allein gelassen. Die Fenster, die von der anderen Seite herübergingen, waren wie unnahbar geschlossen. Kein Laut ringsum als das Geriesel des Windes in den klirrenden Wedeln der alten Phönixpalmen und das schüchterne Gepink eines einsamen Finken, dem es, weiß Gott wie, gelungen war, unangefochten bis nach Rom zu kommen.

Und da, siehst du, da kam es plötzlich über mich ... Ein unsagbar süßer Schauer. Ein Friede, so tief und rein – das untrügliche Gefühl, über einer Stätte hinzuwandeln, der ein ganzes Zeitalter den Adel seiner Prägung verliehen; die ganze Generationen mit dem Atem ihres reinen Wandels erfüllt, daß es plötzlich wie der Wohlgeruch eines Tempels um mich war, in dem sich das innerste Heiligtum aufgetan hat, und die Nähe der Gottheit über die Menschen hinschauert. In der Kirche, siehst du, hatt' ich das nicht empfunden. Aber hier, wo im Laufe der Jahrhunderte so und so viele Männer ihr Leben Gott hingegeben hatten – jeder ein Mensch wie ich und du, mit all seinen Schwächen und Begierden, in nie ruhendem Kampf und doch immer neuem Sieg über sich selbst ... Der eine vielleicht todtraurig bis an sein Ende – der andere voll leuchtender Fröhlichkeit in Christo, wie der ›Poveretto‹. Ein Dritter in der ewig erschauernden Furcht vor der Gottheit – doch alle Helden und Heilige, für die es keinen anderen Ruhm gab und keine andere Glorie als den täglichen Kampf in dieser lebensnahen Einsamkeit ... hier wußt' ich – nein, hier fühlt' ich es plötzlich: das war die Vergangenheit, die in Gott gelebt hatte! Denn auch die draußen mußten ihre Begierden am Zügel halten. Auch über ihnen stand noch das Gesetz des Gottes, an den sie glaubten, zu dem sie beteten. Mit dem sie sich in der Erinnerung seines mystischen Liebestodes wenigstens einmal im Jahr am Altare vereinten – rein und sündenfrei und demütig vom Herzen.

Die Vergangenheit, die wir hingegeben haben! Und wofür?

Ich hatte mir selbst noch keine rechte Antwort gegeben, als ich sie von einer anderen Seite erhielt:

Eine Weile nach mir hatte der Küster zwei Damen eingelassen. Engländerinnen, die ich sofort an ihrem Wesen erkannt hätte, wenn ich nicht ohnedies ihrer Sprache mächtig wäre. Ganz von meinen Träumen befangen, hatt' ich sie anfangs gar nicht beachtet und sie mich vielleicht überhaupt nicht bemerkt. Denn ich stand in der Ecke des Querganges, vom Schatten seiner gekoppelten Säulchen gedeckt, und die beiden kamen von der anderen Seite herüber, in lautem, fast erregtem Gespräch und ohne sichtliches Interesse für die Schönheit des Ortes, ohne das geringste Empfinden für die tiefe Weihe seines Friedens ...

Die eine, schon vom Alter etwas gebeugt, mit blitzenden Steinen in den Ohren – um den breiten Mund einen Zug rohen Sattseins, der mir an diesem Ort und im Antlitz einer Matrone doppelt widerwärtig war. Die andere jung, schlank, beweglich. In einem Frühjahrskleid, das sie ganz gewiß über den Umweg nach Paris mitgebracht hatte. Auf den braunroten Flechten einen wippenden Federhut, der einen tiefen Schatten über zwei Augen warf, so schön wie ich sie selten gesehen habe, und doch so gierig und gleichsam brutal im Ausdruck, wie der Zug um die Lippen der Alten.

Mutter und Tochter ...

Und weil sie immer lauter wurden, und immer näher kamen, mußte ich schließlich hören ...

›Er scheint dich noch wahnsinnig zu lieben, wenn er euch bis nach Amerika nachgefahren ist,‹ sagte die Alte, mit einem Anflug von Respekt. ›Und sein halbes Vermögen geopfert hat, bloß um eure Spur zu finden! Macht dir das keinen Eindruck? Wenn du auch den Mann nicht mehr liebst, der Vater deines Kindes bleibt er doch –‹

Die Junge zog die Schultern empor, lächelte und blieb mit diesem Lächeln vor der Phönixpalme stehen, auf der noch immer der singende Vogel saß.

›Wie niedlich!‹ hörte ich sie sagen.

›Und was hast du ihm auf seine Depesche geantwortet?‹ fragte die Mutter mit einem flüchtigen Blick nach dem Vogel.

Wieder jenes Heben und Senken der Schultern. ›Daß es mir sehr leid täte, ihm einen solchen Schmerz und Schrecken zu bereiten, daß es aber Fälle gibt im Leben, wo der eigene Egoismus unbarmherzig ein anderes Schicksal opfern muß.‹

›Er ist herzleidend,‹ sagte die Alte nach einer Weile.

›Darum hab' ich auch sofort Paris verlassen, um nicht noch von seinem Arzt requiriert zu werden,‹ kam es zurück. ›Kaum, daß ich mehr Zeit für die Probe bei Worth hatte.‹

›Und das Kind?‹ hörte ich noch die Mutter fragen.

Sie bekam keine Antwort mehr. Man hatte mich erblickt und machte sofort kehrt. In jener falschen Scham, die jede Niedertracht der Briten begleitet.

Siehst du, Annemarie, das war die Antwort, die mir unsere Zeit gab auf die Frage nach ihrem Ideale: ›der Egoismus, dem es gestattet ist, das Schicksal der anderen zu opfern!‹ «

»Ein Fall!« sagte Annemarie, während sie die Hand an die Stirne legte.

»Dann behüte Gott deine selige Unwissenheit,« lachte der Bruder auf.

Vielleicht hatte er bemerkt, daß sie im selben Augenblick leise zusammenschrak. Denn er faltete die Hände und sprach wie in einem Gebet: »Ja, er behüte sie dir, Annemarie.«

Den Blick auf den Schatten der Zweige gerichtet, die im Sommerwind über ihnen nickten, saß Annemarie regungslos da. Es war ein ganz zufälliges Schweigen. Und sie wußte nicht, wie es geschah, daß gerade dieses Schweigen plötzlich wie eine schwere Wettermolke über ihrer Seele hing, als bärge sich auch für sie ein Schicksal darin, trotz all der Sonne, die noch um sie war.

»Und da meinst du?« fragte sie endlich beklommen.

Edwin erhob sich. Hoch, schlank, förmlich strahlend stand er vor ihr – ein einziger, leuchtender Jugendglaube.

»Daß wir diesen Krieg nicht fürchten sollen, Annemarie, trotz alledem! Weil wir mit all dem Blut uns darin reinwaschen können vor Gott und für das Truggold der Gegenwart wieder ein Ewiges einhandeln: die lichtere Zukunft – das bessere Menschentum.«

»Wenn es dazu kommt,« murmelte Annemarie. »Wilhelm hat auch gedient!«

Sie empfand es fast als eine Rechtfertigung des Gatten, daß sie in diesem Augenblick das sagen konnte von ihm.


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