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*

Endlich – es war nah' an sieben Uhr – schrillte draußen die Hausglocke. Renate selbst kam aus dem Erdgeschoß, um zu öffnen. Mit fast jugendlicher Leichtigkeit trippelte sie unter Annemaries Fenstern durch den Garten und rückte noch rasch die schwarzseidene Haube zurecht, bevor sie das Pförtchen öffnete. Richtig war es Wilhelm, den sie einließ. Welchem anderen hätte sie auch die Ehre erwiesen, sich selbst zu bemühen? Warum aber hielt sie ihn noch länger auf, kam gar nicht zu Ende mit ihrem Getu' und Getuschel?

›Es wird sich um eine Überraschung für mich handeln,‹ sagte sich Annemarie, die ihren sonst so widerwilligen Hausgeist immer mit einem gewissen Unbehagen in so vertraulicher Nähe ihres Gatten sah. Doch heute galt es eine Ausnahme. Leis und sorgsam ließ die junge Frau den emporgehobenen Vorhang fallen und wandte sich noch einmal nach dem Spiegel. Es galt den Sieg des Abends. Und –

›Du bist schön!‹ sagte ihr der Spiegel noch einmal – ›trotz allem!‹

Leis und fast von einem abergläubischen Schauer angefröstelt erbebte ihre Hand, als sie den Wachsstock ergriff, um die ersten Weihnachtslichter in ihrem jungen Heim zu entzünden.

Sie war mit Wilhelm übereingekommen, daß zuerst ihre gegenseitige Bescherung stattzufinden habe. Dann wollte man der Dienerschaft schellen.

In blankem Weiß standen die Gabentische rechts und links von der Tanne. Blasse Weihnachtsrosen und goldene Mistelzweige waren über die Geschenke hingestreut. Um ihre doch etwas unlieben Worte gut zu machen, hatte Annemarie noch rasch eine Düte seinen Zuckerwerks in Renatens schwarzen Muff gesteckt. Nur – der Muff selbst! Sie wußte nicht, warum ihr das schwarze Ding immer widerwärtiger, ja fast ungeheuerlich erschien, obwohl sie sich schon längst mit der Großmut ihres Gatten abgefunden hatte. Wie ein kleines, lauerndes Ungeheuer erschien ihr der dunkle Pelz, das sich heimtückisch und boshaft auf ihrem Weihnachtstisch niedergelassen, um in seiner Weise die Festfreude zu stören ... geheimnisvoll und vielleicht gerade dann, wenn man am wenigsten daran dachte.

Die Kerzen brannten schon bis an den Gipfel der Tanne, als Wilhelms Schritte endlich – etwas langsam und müde, wie es Annemarie schien – über den Vorsaal zu ihr fanden ...

*

Er war bleich, wie Annemarie bei seinen Eintritt sofort merkte – ganz seltsam bleich – und hatte tiefe Schatten unter den Lidern.

Sein Blick flackerte erst über den Baum hin, dann etwas verlegen an ihr vorüber ...

›Was hat er nur?‹ mußte sie wieder sinnen. Er hatte sich nach Tisch besonders zärtlich, fast gerührt von ihr verabschiedet. Nun kam er wieder wie ein Fremder heim, sah über sie hinweg, zerstreut, unsicher, nervös – wohin?

Wie eine Königin stand sein Weib vor ihm, die Mutter seines Kindes – in einem Kleid, das er an einer anderen gewiß nicht übersehen hätte. Und derselbe Blick, der so zerstreut an ihr vorüberstreifte, glitt ebenso achtlos an dem blumen- und bändergeschmückten Moseskörbchen ab, das vor ihm stand. Obwohl das wächserne Christkindlein selbst in eigener Person den Erstling des Kaufes darin erwartete – lächelnd, mit weit und liebend geöffneten Ärmchen.

Sah sie recht? Wahrhaftig! Es war Renatens Muff, an dem sein Auge hing: starr, mit einem gewissen Unbehagen und doch zugleich mit einem Ausdruck voll träumender Versonnenheit ...

Ohne Wort, ohne Gruß starrte Annemarie ihn an. War das ihr Gatte oder der nächstbeste Fremde, der nur eben von der Straße hereinkam, um sich einige gleichgültige Dinge zu besehen?

Und wieder lief es wie ein Frösteln über sie hin.

Da kam er zu sich.

»Verzeih', daß ich dich so lange warten ließ, Annemarie. Aber der Kollege war erst nicht zu Hause, dann wieder in Gesellschaft.« Er gab sich einen Ruck, wie um mehr Haltung zu gewinnen, strich hastig über die Stirne hin: »So vertrödelt man seine Zeit!«

»Um glücklich zu sein, haben wir noch immer Zeit genug,« gab Annemarie mit leiser Bitterkeit zurück. »Doch – gestatte ... daß die Lichter nicht erlöschen, bevor wir uns beschenken –. Diesen Zeiß hast du dir immer auch daheim gewünscht ...,« sie lächelte süß und mit zuckenden Lippen – »mög' er dich in den nächsten Wochen mehr an dem Daheim fesseln!«

Ihre Stimme erlosch.

»Aber Annemarie!« wehrte er fast betreten ab. »Du hast doch eine Art –!«

Ihre Augen blitzten ihn an:

»Ich?«

»Verzeihe, aber – diese Sucht mein' ich, alles sofort auf die große Szene zuzuspitzen! Ein Mann wie ich hat eben doch noch einiges andere zu bedenken als Weihnachtsidyllen und Nervenkrisen.«

Sie sah ihn noch immer an: fremd, starr, durchdringend. Und etwas in ihm schien sich nicht nur zu wehren, sondern auch zu winden unter diesem Blick ...

Wieder entglitt ihr sein Auge, mit diesem Lächeln, das eben so verbindlich als unfaßbar war. Dann küßte er ihre Hand. »Mit dem neuen Zeiß hast du mir natürlich eine ungeheure Freude gemacht. Erlaube, daß nun auch ich –«

Er griff in seine Rocktasche, fuhr mit der Hand einige Male darin herum – aber es blieb immer nur dasselbe zart rosa gefärbte, noch halb von einem Gummiband zusammengehaltene Seidenpapier, das er daraus hervorzog. Und nun erblich er bis an die Lippen ...

Nur Annemarie erschrak nicht. Sie kannte die gelehrte Zerstreutheit des Gatten und mußte unwillkürlich lächeln, leis, aber doch versteckt.

»Wer weiß, wo du mein Christkindchen liegen gelassen hast! Was war es denn?«

Die tiefe Blässe, die bisher sein Antlitz bedeckt hatte, wich einem dunklen Rot, das ihm bis in die Schläfen emporstieg.

»Eine – eine Perlenschnur! Aber wo hätt' ich denn nur –?«

Nun begann er auch in den anderen Taschen zu suchen – seine Wangen färbten sich immer tiefer –.

»Vielleicht hast du es drüben schon irgendwo hingelegt?« kam Annemarie ihm entgegen. Seine Hilflosigkeit rührte sie immer mehr; schien ihr fast ein Zeugnis für ihn und seine Art, die immer in irgendeiner Weite verloren war, in einer Welt sich auslebte, die wirklich eine versunkene war.

Ihr inniger Humor kehrte wieder:

»Nun, du alter Paläontologe, wo hast du meine Perlen eingegraben? Schnell heraus damit, bevor sie ein Fossil werden!«

Ihr helles Lachen zwang eine flüchtige Heiterkeit in sein Antlitz; aber ihren Versuch, nun auch in seinen Taschen zu suchen, wies er fast heftig zurück.

»So laß doch, du machst mich nur noch nervöser –!«

»Es wird drüben liegen,« beharrte Annemarie. »Komm, laß uns suchen! Oder hast du es deinem Kollegen gezeigt?«

Er stand noch immer wie festgewurzelt, strich langsam und qualvoll über Stirn und Augen.

»Aber, Wilhelm,« lächelte Annemarie, »man kann ja hinschicken, wenn sie selbst es nicht dort bemerkt haben sollten. So sprich doch!«

»Ich werde selbst hinfahren,« begann er endlich tonlos.

In diesem Augenblick wurde unten heftig geschellt. Gleich darauf trat Renate ein, lächelnd, halb verlegen und doch mit einem merkwürdig dreisten Blick. Ihre Hand hielt ein in Seidenpapier gefaltetes Päckchen.

»Das hat ein Dienstmann soeben abgegeben, bitte. Der gnädige Herr haben es wo vergessen!« Sie dehnte das Wort ...

Hastig griff Wilhelm danach, riß es ihr fast aus der Hand.

»Sonst war nichts dabei?«

»Nein, bitte.«

Immer dasselbe Lächeln im Antlitz, glitt Renate leise hinaus.

»Deine Perlen, Annemarie!«

Die Hand, die ihr das kostbare Geschenk entgegenhielt, bebte noch. Aber in seiner Stimme war ein Klang, der etwas von dem verhaltenen Jubel einer Erlösung hatte und Annemarie tief rührte. Sie bezog ihn auf die Freude, sie so reich beschenken zu können.

Dann glitt ihr Blick über die Perlen ...

Wie sie auf dem blaßblauen Samt des geöffneten Behälters vor ihr lagen, in dem matten, vornehmen Perlmutterglanz der erlesenen Funde, jede einzelne nach Größe und Wert ein köstliches Juwel, schien es Annemarie, als müsse sie dem Geliebten in einem einzigen Sturm der Rührung und Dankbarkeit abbitten, was all die Zeit her ihre Gedanken an ihn bemakelt und vergiftet hatte.

»Wilhelm!« stammelte sie mit Tränen in den Augen. »Das – das ist ja ein kleines Vermögen!«

Sie drängte sich an ihn, legte selbst seine Hand an ihr Herz.

»Aber nun mußt du selbst auch sie mir umlegen,« schmeichelte sie leise.

Er lächelte bewegt und doch noch immer versonnen. »Also komm'.«

Und nun fühlte sie erst, wie eiskalt seine Hände waren, nun mit dem kosenden Gleiten der Perlen auch seine Finger einen Augenblick ihre warme Haut streiften.

»Hat dich das wirklich so heftig erregt?« forschte sie mit einem Blick in den Spiegel,

Er zuckte leise zusammen.

»Deine Hände sind so kalt!« klagte Annemarie besorgt. »Und auch sonst –« Ein jähes Schmollen warf ihr die Lippen auf. »Ich trag' schon heute meinen Taufstaat, Wilhelm, und du hast mir noch mit keinem Blick gesagt, ob ich dir gefalle!«

Da griff er von hinten nach ihrem Haupt, beugte es zurück und schloß mit zwei leichten Küssen ihre Augen.

»Schelm du, und ob du schön bist in diesem Staat! Wohl ein Traum, den du in deinem Erker ausgesonnen hast?«

Annemarie schüttelte das Haupt. »Es war Edwins Gedanke! Die Brüder und Mama haben's mir geschenkt.«

Die Lippen des Gatten kräuselten sich zu dem ihm eigenen Spott. »Edwin, schau! Träumt der auch schon von – Frauenkleidern? Da werd' ich hoffentlich bald ganz ungeschoren bleiben von seinem Haß –«

»Wie du nur sprichst, Wilhelm!«

»Die Kerzen brennen ab,« bemerkte er, wie nebenbei. »Ich denke, wir bescheren jetzt unseren Leuten!«

»Renatens Muff!« lächelte Annemarie glückstrahlend. Ihr schien wieder einmal, als könne nichts und niemand mehr ihr Glück stören.

*

Fast übermütig klang der Ton der kleinen Silberschelle durchs Haus.

Gleich darauf kam Renate angetrippelt. Nunmehr ohne Schürze, die schwarzseidene Haube tief in die gelbe Stirne hineingerückt. Um ihre Lippen lag noch immer dasselbe Lächeln, als hatte sie während der ganzen Zeit das Zimmer ihrer Herrschaft nicht verlassen.

›Was sinnt sie nur?‹ dachte Annemarie. Sie hatte in ihrem Jubel gewähnt, auch der unangenehmen Empfindungen Herr geworden zu sein, die der Anblick der Alten immer in ihr auslöste. Nun stand all das Peinliche und Fremde gleichsam in doppelter Gestalt vor ihr. Schien sich wie ein feindliches Fluidum zwischen sie und den Gatten zu drängen.

Es ist mein Zustand, sagte sich Annemarie zum hundertsten Male. Ich empfinde jetzt nicht normal.

Mit einem Ruck tapferer Selbstüberwindung schritt sie an den Gabentisch. Schon tauchte in der geöffneten Türe auch das derbfrohe Landmädelgesicht des jungen Stubenmädchens auf. Die Wartefrau folgte und strich mit den rauhen Arbeitshänden noch einmal rasch über die blanke Schürze. Beklommen von all dem Glanz, von all der eigenen Erwartung.

Annemarie hob den Muff empor. »Das ist für Sie, liebe Renate! Wir bekommen einen strengen Winter und Sie alle auch viel Arbeit mit mir –« In ihre Stimme kam ein leises Beben. Ihr Blick flüchtete zu dem Gatten. Wie eine Abbitte war's.

»Und damit Sie gleich beim ersten Griff was Gutes drin finden, liebe Renate, haben wir Ihnen noch das hineingelegt.«

Sie zog ein Geldbeutelchen hervor und die Tüte mit dem Zuckerwerk ...

Langsam, fast zögernd trat die Alte näher, und die welken Lippen zuckten wie von einem verhaltenen Lächeln, als sie die Hand ausstreckte, um den Muff in Empfang zu nehmen.

»Vielen Dank den Herrschaften!« Es war ihre gewöhnliche Art, der gleiche, komisch-gemessene Bückling, der immer steifer und förmlicher geworden war, seit eine andere als Gebieterin in dieses Haus gezogen. Mit einem etwas wärmeren Blick dankte sie zu ihrem Herrn hinüber, und wie für ihn allein gesprochen schien es, als sie sagte:

»Nun hab' ich zu dem großen Skunkskragen, den mir meine frühere Gnädige geschickt hat, auch noch den Muff! Ist das aber schön!«

Sie kicherte auf – leise, seltsam. Es war das richtige Altweiberlachen, das ganz harmlos sein und doch voll heimlicher Bosheit stecken kann.

Fast betreten stand Annemarie da. Sie fühlte, daß die Alte sie beschämen wollte, vor ihren eigenen Dienstboten, in Gegenwart des Gatten, der sie schon einmal wegen des Pelzwerkes, das sie für eine Dienerin zu kostbar gefunden, zurechtgewiesen hatte. Vielleicht selbst um den Preis einer Lüge sie beschämen wollte! Und mit einem Lächeln nahm sie den versteckten Kampf auf. Renate sollte wenigstens fühlen, daß sie ihr nicht glaubte, was sie da sagte, und auch das Geschenk des Kragens für unangebracht hielt. Nun erst recht!

»Was Sie nicht sagen, liebe Renate!« staunte sie. »Sogar einen Skunkskragen?«

Die Alte nickte bloß, ruhig, aber voll einer Genugtuung, die selbst dem Herrn des Hauses in diesem Augenblick nicht genehm sein mochte. Denn er kehrte sich ab.

Nun aber kam die Beredsamkeit des Stubenmädchens in Fluß. »Ein großer, schöner Kragen, meiner Seel'. Wir alle haben ihn schon probiert. Nicht wahr, Frau Fasching?«

Die Frage war an die Aufwärterin gerichtet, die noch immer wie bezaubert dastand, mit offenem Mund in die ihr so fremde Welt hineinstarrte. Aber auch sie nickte mit dem ihr eigenen, gutmütigen Grinsen.

Renate hatte die Wahrheit gesprochen!

»Warum quält es mich nur?« dachte Annemarie mit immer steigender Befremdung. »Ich habe doch noch nie jemandem etwas mißgönnt in meinem Leben! Warum ist mir gerade das so peinlich?«

Laut aber sagte sie:

»Nun, dann müssen Sie dieser Dame jedenfalls sehr kostbar gewesen sein, liebe Renate! Aber nun ist ja auch noch Anna da und unsere gute Frau Fasching ...«

Sie hatte ihre Unbefangenheit zurückgewonnen. Ruhig und vornehm, wie es der Dame des Hauses zukam, verteilte sie die weiteren Gaben.

Als die arme Aufwärterin, die Annemarie in Anbetracht ihrer vier Kinder besonders reich bedachte, mit einem feuchten Dankesblick zu ihr emporsah, schien es ihr, als glimme zugleich auch etwas wie ein heimliches Bedauern in ihren Augen auf.

Aber sie täuschte sich wohl.

Was konnte dieses Arbeitstier wissen oder ahnen?

Die Leute aus dem Volke waren so gar nicht kompliziert!

*

Sie saßen schon eine Weile an der festlich geschmückten Tafel. Aber die eigentliche Weihnachtsfreude wollte sich noch immer nicht einstellen. Auch ihr Reden war mehr ein Selbstgespräch zu zweien, in dem jedes etwas in sich hineinzuschweigen schien, von dem das andere nichts wissen durfte.

Es war nicht Annemaries Schuld, daß ihr der letzte Weihnachtsabend im Elternhause plötzlich vor die Seele trat und mit ihm die so ganz andere Weise des Gatten.

Das Damals und das Heute ...

Erst ein Jahr lag dazwischen. So wenig – ja, wenn sie gerecht sein wollte, so gar nichts hatte sich geändert. Die sinnlich erregte Spannung jener Tage war bloß dem Behagen des ruhigen Besitzes gewichen. Der Bräutigam hatte den Hausrock des Gatten angelegt.

Und doch schien ihr mit einem Male, als wäre ein unsäglicher Glanz aus ihrem Leben geschwunden – für immer und gerade heute!

›Ich bin nicht normal,‹ dachte sie wieder und neigte in stiller Demut das Haupt. Ein Zuspruch ihres ehemaligen Beichtigers kam ihr wieder in den Sinn: »Sich desto reumütiger der eigenen Unzulänglichkeit zu erinnern, je heftiger die Welt uns anficht.«

›Mein Glaube!‹ rief es voll leiser Wehmut in ihrer Seele. ›Mein armer, verlorener Glaube ...‹

Für den Mann freilich, der so ruhig und selbstzufrieden kauend ihr da gegenübersaß, war auch » dies ganze Ach und Weh von einem Punkt aus zu kurieren«. Für ihn war es eben bloß »eine Folge des veränderten Blutdruckes«.

Wie grell und schmerzhaft nüchtern sein Wissen doch alles entschleiert hatte in ihrer Welt! Auch das kam ihr erst heute zum ersten Male so recht zu Bewußtsein ...

Endlich stellte das Stubenmädchen die letzte Überraschung des Abends auf: die Lausanner Patisserien. Annemarie hatte sie selbst in dem kostbaren Dessertkörbchen aus Meißens Rokokozeit aufgeschichtet und eigenhändig das weiße Spitzendeckchen darübergelegt, damit des Gatten Überraschung vollkommen wäre. Mit schalkhafter Anmut hielt sie ihm das zierliche Ding entgegen:

»Und nun rate, was da drinnen ist?«

Er hob die Hand, lüftete das Deckchen, stieß einen Ruf lauter Überraschung aus. Aber seine Augen blieben ohne Glanz, das schweigende Antlitz völlig unbewegt. Umsonst suchte Annemarie nach jenem kindlichen Geleucht in seinen Zügen, das jede plötzliche Freude über ein Menschenantlitz ergießt – und fast kam sie ein leichtes Mißtrauen an. Selbst sein Ruf erschien ihr mit einem Male wie ein vorbereiteter, sein Staunen wie die gutmütige Absicht, ihr eine kleine Freude zu lassen.

»Renate wird geschwatzt haben,« schoß es ihr durch den Sinn, »um mir auch diese Freude zu verderben!« Das lange Getuschel, mit dem die Alte den Heimkehrenden am Gartentor festgehalten, lebte wieder in ihrem Erinnern auf. Und doch konnte alles nur eine bloße Vermutung sein. Ein Argwohn mehr, der ihrem reizbaren Zustand entfloß und schon allmählich auch die anderen um sie aufzureizen begann. Daß alles wie von einer heimlichen Feindseligkeit zitterte.

›Nur diese Stunde nicht verderben!‹ klang es in ihrem gequälten Herzen wieder. ›Ihn nicht ohne jeden Grund herausfordern.‹

Unterdes hatte Wilhelm eine ganze Hand der leckeren Dinge auf seinen Teller gelegt.

»Wie bist du mir denn darauf gekommen?« lächelte er sie an.

Sie warf in hausfraulichem Eifer den Kopf zurück. »Erlaub' mir! Ich mußte doch wissen, was dir an dem Abend das Liebste war! Allzugern hat es deine Renate ohnedies nicht verraten. Ich hab' es mich schon etwas kosten lassen. Wenn man so gar nichts weiß von seines Mannes Heimlichkeiten.«

Er gab keine Antwort und kehrte rasch und wie suchend plötzlich das Haupt ab.

»Du vermißt etwas?« fragte Annemarie.

»Verzeihe,« lächelte Wilhelm, »aber ich hab' zu diesen Bäckereien und an diesem Abend immer gerne etwas Champagner getrunken.«

»Ich hab' dir einen Asti einkühlen lassen. Hätt' es mir Renate gesagt –«

Sie verstummte, weil das Mädchen eben mit dem Wein erschien.

»Wünschen die Herrschaften noch etwas?«

»Nein, Sie können gehen, Anna.«

Nun waren sie allein.

»Gib mir dein Glas, Annemarie!«

Sie wollte gehorchen, besann sich aber sofort. »Verzeih', wenn ich dir nicht Bescheid tu', aber du weißt –« Sie lächelte gerührt und müde ...

»Meinetwegen!« klang es gereizt zurück.

»Dafür werd' ich dir zum Taufschmaus deine Lieblingsmarke einkühlen lassen!« bat Annemarie mit beklommener Demut ab.

»Ich weiß, ich weiß!« Er lachte auf. »Wir haben Grundsätze!«

»Wilhelm!« flehte sie leise.

Seine Augen funkelten sie an. Wie ein grünliches Schillern flog es durch die grauen Pupillen. Dann stürzte er sein Glas hinab.

Sie faltete die Hände über dem Schoß, sah ihn lang und innig an –

»Ist es nicht meine Pflicht, jetzt nur an das Werdende zu denken?«

Sein Blick, kühl, glitt an ihr nieder, fast angewidert.

»Ja, ja, ja ... und noch einmal – meinetwegen!« brach es aus ihm hervor. »Und dann war es ja nur die Erinnerung an meine Jugend und an ihre – Abende! Die du übrigens selbst geweckt hast mit diesen – Süßigkeiten ...«

Täuschte sie sich, oder ... Aber nein, es war Hohn, der Hohn einer ganz merkwürdigen, einer förmlich aufatmenden Genugtuung, der aus seinen Worten klang, in seinem plötzlichen Auflachen vibrierte. –

»Nur, ich bitte – wenn ich einen Augenblick wieder in diesen Erinnerungen leben will, dann komme mir nicht mit den Verheißungen eines Taufschmauses. Ich bin kein Philister!«

Und wie in fieberndem Durst leerte er aufs neue sein Glas, mit starren Augen über sie und alles hinwegsehend, was um ihn war – in Fernen hinein, die sie nicht kannte, von denen sie nichts wußte ...

Langsam und schwer erhob sich Annemarie. »Ich kann dich ja auch ganz allein lassen, heute – wenn du willst!«

Sie hatte es ruhig und völlig beherrscht gesagt. Aber gerade die Kraft, die sie an diese Ruhe gewandt hatte, brach nun erst recht ihre mühsam bewahrte Selbstbeherrschung. Daß sich ihre so lange niedergerungene Qual plötzlich in einem lauten Wehschrei löste – in einem Strom von Tränen, der ihren Blick verdunkelte, bis sie schwankend und halb ohnmächtig auf dem nächsten Ruhebett zusammenbrach.

Aber wenn er auch sofort emporsprang, sie wie ein Kind in seine Arme nahm und in beschämter Reue und mit tausend Liebkosungen immer wieder ihre Verzeihung erbat –

Annemarie schloß doch kein Auge mehr, gerade in dieser Nacht.

*

Das Dreikönigsfest war vorüber, die Vorlesungen hatten wieder begonnen. Still und geräuschlos glitten die Tage in ihrem gewöhnlichen Gleichmaß dahin.

Auch in Annemarie war es wieder still und klar geworden. Wenn sie nun an jenen heftigen Ausbruch zurückdachte, kam es wie leise Scham über sie. Ja, fast schien ihr, als hätte sie dem Gatten unrecht getan. Sie mußte auch seine Lage begreifen, auch mit ihm fühlen. Und wie sie ihn kannte, erschien ihr zuletzt auch seine unter so heißen Liebkosungen vorgebrachte Verteidigung glaubhaft: daß er sich über all der Fürsorge, mit der ihr Mutterinstinkt das noch Ungeborene umgab, vernachlässigt und beiseite geschoben fühle. Eifersucht war es also – eine zwar kindische, aber doch auch verständliche Eifersucht. Und sie glaubte so gerne daran!

Auch Wilhelm schien seine ganze Heiterkeit zurückgewonnen zu haben. Und daß er ihr nicht mehr so viele Stunden widmen konnte wie in den freien Tagen ihrer jungen Ehe, war natürlich. Sein Amt heischte die Erfüllung vieler Pflichten. Die Studien, die er für sein neues Werk betrieb, hielten ihn oft stundenlang in seinem Institut zurück. Kam er dann bleich und etwas wortkarg nach Hause, verstand Annemarie, daß er nun erst recht der Ruhe bedürfe, und mühte sich, alle Kleinlichkeiten aus seiner Nähe fernzuhalten. So blieben die Mahlzeiten nun die einzigen Stunden, die sie in alter Fröhlichkeit gesellten. Der übrige Tag aber war nun für Annemarie ein einziges, heiliges Erwarten – in Träumen, in Gedanken, in tausend heimlichen Wünschen für das, was unter ihrem Herzen wurde.

Über solch ein kleines Häubchen oder Jäckchen in versonnener Arbeit gebückt, vergaß sie zuletzt selbst, daß der Gatte so lange ferne weilte. Sie war doch nicht mehr allein! Und wenn er sich ferne mühte und sorgte, geschah es in derselben Liebe, die sie an all die zierlichen Dingelchen wandte, die schon jetzt das Eigentum ihres Kindes waren. Sanft und keusch wie die Blumen des Paradieses, dem seine Seele entsteigen sollte, dufteten die ersten Blüten des Frühlings in ihrem Erker – Primeln und Veilchen und Märzenbecher und die großen, prächtigen Duc van Tholl.

An einem dieser Tage gingen ihr plötzlich die zierlichen Bändchen aus, die sie noch für einige Erstlingsjäckchen brauchte. Und weil die Wintersonne gar so herrlich von dem wolkenlosen Himmel strahlte, die Luft so klar war und die Wege trocken, beschloß Annemarie selbst zur Stadt zu fahren.

Es kam ganz plötzlich über sie – ein Drang, ein Wunsch – vielleicht nur eine Laune. Die Sehnsucht, sich wieder einmal in voller Freiheit zu ergehen, wie ein Mensch, der trotz allem noch gesund ist und sich auch wieder einmal fühlen will. Als sie schon in Hut und Mantel dastand, kam es ihr erst in den Sinn, daß Wilhelm diese Fahrt in die immerhin etwas ferne Stadt nie zugegeben hätte. Sie mußte lächeln –

›Nun soll er sich selbst überzeugen, was ich noch kann!‹ dachte sie voll heimlichen Übermutes. ›Ich mache meine Besorgungen, und dann hol' ich ihn ab. Ja, wahrhaftig, ich hol' ihn ab!‹

Nicht einmal nach einem Wagen schickte sie. Wenn sie um die nächste Ecke bog, stand sie vor der Endstelle der Straßenbahn, die auch Wilhelm täglich benutzte.

Das sollte eine fröhliche Fahrt werden!

Renate sah ihr etwas verblüfft nach, und Bijutti kläffte ärgerlich hinter ihr her, enttäuscht, daß er allein daheim bleiben mußte.

Annemarie aber huschelte sich noch wohliger in ihrem Pelz zurecht und schritt mit einem vergnügten Nicken in den frischen Wintertag hinaus.

*

Früher, als sie gedacht hatte, war Annemarie in der Stadt und mit ihren Besorgungen zu Ende. Als sie den letzten Laden verließ, schlug die Uhr auf dem Stefansturm die elfte Stunde. Um Zwölf schloß Wilhelm sein Kolleg. Sie hatte also fast noch eine Stunde Zeit.

›Ich werde auf den Ring hinausgehn‹ dachte sie, ›und in den Anlagen vor der Universität etwas promenieren. Um dreiviertel Zwölf stell' ich mich dann vor der Türe seines Hörsaales auf. Oder nein, noch besser – ich warte in der Aula und laß ihn ganz ahnungslos an mir vorübergehen, um ihn plötzlich am Arm zu fassen: Wollen Sie mich begleiten, mein Herr?‹

Sie lachte, laut, fröhlich, unvermittelt, daß ein vorübertrippelndes Mütterchen erstaunt den Kopf nach ihr wandte und dann mit einem Blick voll gütigen Verstehens leis und gerührt vor sich hinnickte.

Annemarie aber besann sich nun doch und schritt in gefaßter Würde noch einmal so fraulich dahin ...

An der großen Wegkreuzung des Schottentors hielt sie einen Augenblick bestürzt ein. Es war nicht so leicht, heil und sicher durch all die hin- und hersausenden Wagen und Autos da hinüberzukommen, wenn man nicht rasch zu Fuße war, jeden Schritt so bedacht abmessen mußte, wie Annemarie. Sie blieb also stehen, um einen günstigen Augenblick abzuwarten, der ihr gestattete, die Straße ohne Fährlichkeit zu überschreiten.

Groß und massig und doch edel in all seinen Verhältnissen erhob sich gerade ihr gegenüber der mächtige Palast des Wissens, die Stätte, von der auch ihres Gatten Ruhm ausstrahlte.

Mit leuchtenden Augen sah Annemarie hinüber. Welche Fenster wohl die seinen waren? Sie wußte, daß er eines der besuchtesten Kollegs las; daß in dieser selben Stunde einige hundert junge Augenpaare an ihm hingen, so und so viele junge Seelen gespannt und wißbegierig aufhorchten – jeder Blick ihm zugewandt, jedes Denken in ihm verankert und der Lehre, deren Apostel er war. Und wie er reden konnte! Reden? Zwingen, überwältigen, mit sich fortreißen. Und doch selbst immer so ganz ruhig dabei bleiben. So beherrscht und sieghaft sicher. Nur daß die feinen Lippen zuweilen wie in leisem Hohn aufzuckten, wenn unter der scheinbar so unerbittlichen Logik seiner Sätze ganze Denkwelten zusammenbrachen, wenn er, von irgendeinem Petrefakt oder einem Präparat ausgehend, das vor ihm unter dem Mikroskope lag, so ganz nebenbei auf die Schöpfungsgeschichte Moses' zu reden kam und den Menschen, den der liebe Gott angeblich gleichsam vollkommen nach seinem »Ebenbilde« geschaffen. Wobei er nur leider vergessen, einige fatale »Rudera« seiner bildnerischen Tätigkeit zur rechten Zeit verschwinden zu lassen, wie zum Beispiel » dieses«. –

Noch entsann sie sich des tiefen Schreckes, der sich ihrer Seele bemächtigt, als sie den Geliebten gelegentlich eines Festvortrages zum ersten Male so am Werke gesehen, – mit der gleichen Beredsamkeit, derselben ehernen Ruhe, dem gleichen Lächeln überlegenen Hohns. Jedes Wort für ihren Glauben damals noch eine Blasphemie und doch solch heimlichen Zaubers voll, daß keine andere Wahrheit mehr daneben zu bestehen schien. Mit keinem Worte hatte er sich jemals bemüht, offen und absichtlich gegen ihren Glauben anzukämpfen. Seine Ruhe war es, die ihn ihr genommen, sein Hohn – dieses selbe, sieghafte Lächeln, das sie so liebte an ihm!

Und all die anderen, dort droben, die auch noch jung waren und vielleicht so gläubig wie sie damals. Wie erging es ihnen?

Sie seufzte leise auf –

Wer konnte ihn hören, ohne von ihm überwältigt zu werden?

Wenn es aber allen so erging ...

Vielleicht war es doch die Wahrheit – die reine, sieghafte Wahrheit, der er diente! ...

»Annemarie!«

Wie eine Erwachende fuhr die junge Frau empor.

Wahrhaftig, da stand Mela vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und lächelte sie an – schön, strahlend, in fast mädchenhafter Anmut. Von Kopf bis zu den Füßen in kostbaren Seal gekleidet, den schneeigen Hermelinmuff mit den ersten Veilchen geschmückt. Und wieder war es der beklemmende Duft der Rosa centifolia, der wie eine schwüle Atmosphäre um die marderschlanke Gestalt zitterte, selbst von der Frische der Schneeluft nicht aufzutrinken war – immer und überall um sie zu sein schien, wie eine Wolke der Liebesgöttin, der sie so reuelos und unbekümmert diente.

»Daß man dich endlich auch wieder einmal sieht!« lächelte Mela mit einem kräftigen Händedruck. »Aber freilich, in deiner Lage –«

»Mama hat mir schon gesagt, daß du neulich bei ihr warst,« stammelte Annemarie fast befangen.

»Bloß um wieder einmal von dir zu hören, du Dornröschen,« gab Mela mit leichtem Schmollen zurück. »Ich war nämlich schon ehrlich böse auf dich, mußt du wissen. Denn eine Visite macht man doch in absehbarer Zeit zurück, wenn man schon seinen – seinen Antrittsbesuch unterlassen hat! Freilich, seit ich weiß, daß du erwartest, Hab' ich dir alles verziehen. Wie du nur dastehst, so blaß, verträumt und verängstigt – armes Katzerl!«

Es konnte ehrliches Mitfühlen sein. Nur – Annemarie vertrug selbst dieses nicht mehr von solcher Seite. Und fast hochmütig hob sie den seinen Kopf.

»Eine Mutter gehört nicht mehr sich allein und einem Kinde schuldet man gar manches. Vor und nach seiner Geburt.« Sie betonte das »nach«!

Mit einem irrlichternden Blick sah Mela an ihr hinunter, dann lächelte sie. »Wie man sich eben das Leben denkt, Annemarie! Zuletzt wird doch alles eine einzige Enttäuschung. Mit einem Kinde freilich mag unser Glück noch am längsten währen. Nur, daß es gerade dann nicht mehr unser Glück ist.«

»Unser Glück muß immer das Glück der anderen sein, wenn es rein sein soll!« gab Annemarie mit offenem Blick zurück.

Ein nervöses Zucken kam in Melas feine Schultern. »Die anderen!« sprach sie leis und herbe. »Die anderen! Man lernt sie bald genug kennen. Aber ich bin die letzte, die jemandem seine Freude verdirbt!« Wieder flog der grüne Schein durch ihre Augen – schlangenhaft bannend, geheimnisvoll. Dann lächelte sie ... »Es genügt mir, dich wieder einmal gesehen zu haben. Man war nicht umsonst miteinander einmal jung und töricht. Diese Erinnerungen sind immer süß. Na, leb' wohl – und laß dich doch vielleicht einmal sehen. Dein Baby darf ich mir doch anschau'n kommen? Ach, – aber verzeih, dort grüßt eben unser Arzt herüber. Ich hab' eine ganz persönliche Frage an ihn –«

Und schon glitt sie wie ein Marder mitten durch das Gewühl der Menschen und Wagen – schlank, anmutig, sorglos.

Mit einem harten Blick sah Annemarie ihr nach.

Richtig – dort stand er ja schon an der Ecke, der Hausarzt, der so zufällig dahergekommen war! Veilchen im Rockknopf, einen Tuff Schneeglöckchen in der Hand ...

»Er muß viel Zeit haben, dieser Hausarzt,« dachte Annemarie belustigt, »daß er so blumengeschmückt über den Ring gehen kann! Aber er war schön, jung, schlank und brünett wie Mela. Und wie er nun den Hut zog und die fein gantierte Hand zum Kuß an die Lippen hob, erinnerte er Annemarie sogar einen flüchtigen Augenblick an Konrad.

Doch schon mußte die schöne Sünderin ihm einen warnenden Wink gegeben haben. Mit gesenktem Haupt und auffallend ernstem Antlitz an ihrer Seite weitergehend, schien er nun wirklich bloß der Arzt, dem eine Vertrauenssache vorgetragen wird.

»Eine ganz persönliche Angelegenheit!«

Vielleicht hatte Mela diesmal gar nicht gelogen. Es war kein millionenschwerer Liebhaber diesmal, der für ihren Luxus aufkommen mußte – sondern ein schöner, junger, lebensdurstiger Mann.

»Das schöne Muskeltier!« von dem Mela mit ihrem zweideutigen Demi-vierge-Lächeln schon als Sechzehnjährige geträumt ...

Also wahrhaft eine ganz persönliche Angelegenheit!

Hätten die sonoren Glockenstimmen der Votivkirche nicht eben laut die zwölfte Stunde verkündet, Annemarie wäre noch länger stehen geblieben, um den beiden nachzuschauen.

Nun aber erschrak sie und sputete sich, auf die andere Seite hinüberzukommen.

*

Es war jedenfalls am klügsten, in der Aula auf Wilhelm zu warten. Da mußte er ihr geradeswegs entgegenkommen, und sie konnte ihn nicht verfehlen. Schon strömte es über die mächtige Rampe nieder – wirr, schwarz – der große Strom der Jugend, der täglich hier mündete und von hier sich wieder verlief. Da und dort leuchteten im Sonnenlichte die bunten Kappen der Couleurstudenten auf. In einen Fiaker, der eben vorfuhr, sprangen mit lautem Gruß an die geleitgebenden Kommilitonen zwei Chargierte hinein. Deutsch-Nationale. Sie mochten wegen irgendeines Handels wieder einmal beim Rektor vorstellig geworden sein.

Zwei Japaner, kleine, windige Kerle, glitten wie Wiesel durch das Gewühl: den Blick zu Boden und doch alles ringsum mit heimlichem Geblinzel erspähend. Immer dasselbe Lächeln um die Lippen, das so verbindlich und höflich schien und doch wahrscheinlich eine einzige Niedertracht war.

Aber gerade ihr Erscheinen zwang Annemarie nun zu doppelter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß die meisten Exoten im Kolleg ihres Mannes saßen. Auch die zwei Inder, die dort so feierlich und ernst niederstiegen, wie Brahminen über die Stufen eines Tempels. Wilhelm mußte heute früher geschlossen haben – kein Zweifel. Und nun beflügelte auch Annemarie ihren Schritt.

Da prallte ihre Eile an einem feierlichen Zug junger Theologen ab, die eben die Rampe herabkamen: Paar an Paar – helläugig, rotwangig, ein Kinderlächeln um die bartlosen Jünglingslippen. Rein und unberührt vielleicht nur mehr sie allein von all dem Schmutz, der in der großen Stadt bis an die heiligen Tempelschwellen der Jugend brandete ...

In schwarzen Talaren die Alumnen. Im Habit der Benediktiner die Schotten. In dunkelblauer Soutane die schönen Söhne Ungarns, des marianischen Königreiches, so treu dem Herrscherhause wie seinem Gott.

Und alle trugen Gürtel um die Hüften – der gottgeweihten Reinheit Zeichen auch für den Mann.

Die künftigen Priester Christi!

Da kamen sie fröhlich und ahnungslos aus demselben Haus, in dem ihr Gatte den »Bankerott des Christentums« verkündete.

Wissen und Glaube!

Wie aber, wenn zuletzt auch das Wissen bloß ein Glaube war – und ein irregeleiteter dazu?

Und der Glaube das einzige Wissen?

Er führte zu Gott – jenes von Gott; immer weiter, immer ferner und doch auch ins Ungewisse hinein!

Wie zuversichtlich ihr Gatte auch zuweilen tat – die flüchtigen Blicke, die Annemarie dann und wann in seine Fachblätter warf, hatten sie belehrt, daß auch die Argumente, mit denen er die Welt aus den Angeln heben wollte, nicht weniger anfechtbar waren als die Beweise vom Dasein Gottes.

Das kreuzte sich alles in ihrem Hirn, während sie mit gespannten Blicken nach rechts und links sah, um den etwa heraustretenden Gatten ja zur rechten Zeit zu erspähen.

Plötzlich gab es ihr einen Ruck.

Dort ging er ja schon! Er selbst und kein anderer, wahrhaftig. Und ihr Blick mußte sogar schon eine ganze Weile an ihm gehangen sein, und nur die schlanke Frauengestalt, die an seiner Seite schritt, hatte sie, verträumt und versonnen, wie sie immer war, in der Ungewißheit erhalten.

Wer es wohl war?

Natürlich eine Hörerin.

Annemarie wußte, daß ihr Gatte deren eine ziemlich große Schar hatte. Aber auch eine Fremde, so schien es. Das vornehm-kühne, fast adelige Profil, der kleine, wie gedrechselte Kopf – die zierlich-bewegliche Figur – das tiefe Schwarz der Haare, dem ein fast bläulicher Schimmer zu eigen war ... Eine Italienerin oder Französin! schloß Annemarie, und ganz gewiß eine Dame von Welt. Alles gewählt und elegant, bis auf die Schuhe und das dunkelgrüne Täschchen aus Ecrasé, das sie wie eine Mappe in der Rechten trug.

Nur – warum ging sie so dicht neben ihrem Gatten? Verstand es immer wieder mit der feinen Schulter ihn zu streifen? Der Weg war nun doch schon breit genug. Er selbst freilich beugte sich auch immer wieder in angelegentlichem Gespräch herab – hob und senkte zuweilen etwas nervös die Schultern, warf den Kopf dann wieder steif in den Nacken.

Sie schienen ganz ernstlich bei einer Sache zu sein, und Annemarie eilte, so gut sie konnte, hinter ihnen her, von einer jähen und fast melancholischen Eifersucht überwallt.

Da wandte – an der Biegung der Straße, die Fremde einen Augenblick das Haupt zurück und zeigte ihr volles Antlitz.

»Wie töricht ich wieder war!« sagte sich Annemarie. »Die hat doch auch bald ihre vierzig Lenze!« Aber freilich – schön, schön war sie noch immer. Bildhaft geprägt in jedem Zug wie eine Medaille. Von einer Anmut der Bewegungen, die an Mela erinnerte und dabei doch etwas Königliches hatte.

Wer es wohl war?


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