Jeremias Gotthelf
Die Wassernot im Emmental
Jeremias Gotthelf

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Auf einmal erscholl der Emme Gebrüll in dem friedlichen, sonntäglichen Gelände. Man hörte sie, ehe sie kam, lief an die Ufer, auf die Brücke. Da kam sie, aber man sah sie nicht, sah anfangs kein Wasser, sah nur Holz, das sie vor sich her zu schieben schien, mit dem sie ihre freche Stirne gewappnet hatte zu desto wilderem Anlauf. Mit Entsetzen sah man sie wiederkommen, so schwarz und hölzern und brüllend, und immer höher stieg das Entsetzen, als man Hausgeräte aller Art daherjagen sah: Bütten, Spinnräder, Tische, Züber, Stücke von Häusern, und diese Trümmer kein Ende nahmen und der Strom immer wilder und wilder brauste, immer höher und höher schwoll. Wo ein fühlend Herz war, das brach in Jammer aus über das entsetzliche Unglück, dessen Zeugen der Täter selbst an ihren Augen vorbeiführte.

Dem wilden Strome war auch diese Brücke im Wege. Er stürmte mit Hunderten von Tannen an deren Jöcher, schmetterte Trämel um Trämel nach, stemmte mit großen Haufen Holz sich an, schleuderte in wütendem Grimme ganze Tannen über diese Haufen weg an die Brücke empor wie Schwefelhölzchen, brachte endlich das Dach einer Brücke und verschlug damit die Bahn zwischen beiden Jöchern. Da krachte die Brücke, und hochauf spritzten die Wasser mit jauchzendem Gebrülle. Ein jäher Klupf ergriff die auf der Brücke Weilenden, kaum trugen die zitternden Glieder sie auf sichern Grund; ein angstvoll Bangen klemmte die Herzen der Umstehenden zusammen, die Stimme stockte in des Menschen Brust. Der Nachbar faßte am Arme den Nachbar, und nur ein einzelnes »Jetzt, jetzt!« wurde hörbar unter der lautlosen Menge. Die Brücke wankte, bog sich, schien klaffen zu wollen fast mitten voneinander; da zerschlug der Strom in seiner Wut sein eigen Werk, schmetterte einen ungeheuren Baum mitten an das schwellende Dach. Nun borst statt der Brücke das Dach und verschwand unter der Brücke in den sich räumenden Wellen. Es war der Durchgang wieder geöffnet, es ward wieder frei die Stimme in der Menschen Brust, und jede frei gewordene Brust brachte ein »Gottlob!« zum Opfer dar. Es wußten diese Menschen, daß man das Ärgste erwarten muß, wenn blinde Wut sich selbst den Weg verlegt. Aber, wo das Ärgste droht, da hilft oft Gott; er gebeut, und die machtlose Wut, die sinnlose Leidenschaft zerstört durch eigenes Beginnen die eigenen Zwecke.

Tobend wütete die Emme das Tal hinunter, viele hundert Fuß breit, fast von einem Emmenrain zum andern, Hasle und dem Rüegsauschachen zu. Dort hatten die Winkelwirtschaften sich längst geleert, männiglich ängstlich die dreifach gejochte Brücke verlassen, die mit ihren engen Zwischenräumen den Holzmassen den freien Durchgang wehrte. Hier wie an allen obern Orten dachte kein Mensch an Maßnahmen zur Schirmung der Brücken, wie es doch in früheren Zeiten üblich war und namentlich bei der Haslebrücke. Die gehemmte Emme bäumte Tanne auf Tanne, Trämel auf Trämel, bis weit oberhalb der Brücke türmten sich die krachenden Holzhaufen. Zu beiden Seiten strömten nun die Wasser aus mit immer steigender Gewalt und suchten dem Strom eine ungehemmte Bahn. Noch einige Minuten, und ihr Beginnen wäre auf der Hasleseite gelungen. Es harrten in den Schrecken des Todes die Kalchofenbewohner der einbrechenden Wasserflut, welche die ganze Oberburgebene verwüstet, ein neues Bett sich gegraben hätte. Es flohen die Rüegsauer durch das steigende Wasser, und überall war ein Beten, daß die Brücke doch voneinandergehen möchte, und die Betenden erhielten den Beweis, daß Gott oft Gnade vor Recht ergehen läßt. Die Brücke brach in zwei Teile, diese kreuzten sich majestätisch mitten auf der Emme, schwammen aufrecht einige hundert Schritte weit hinunter, pflanzten dort nicht weit von beiden Ufern sich auf, stellten das Bild zweier zerstörten Sägemühlen dar, und unglaubliche Holzmassen fingen sich an denselben. Mitten auf dem Grunde, gegenüber Hasle oder etwas unterhalb, lagerten sich ebenfalls furchtbare Holzstöße ab, schwellten die Emme wieder, die weiter oben einen Einbruch versuchte, aber zu rechter Zeit von versuchten Männern daran verhindert wurde.

Nachdem oberhalb Burgdorf holzsüchtige Jungen, angeführt von kühn im Wasser plätschernden, gespregelten Schenkeln, den Mut gehabt hatten, von der wilden Jungfrau eigenmächtig den Holzzehnten zu erheben, schrieb diese um so empörter die Bürger Burgdorfs an. Diese vergaßen diesmal das Tändeln mit der Jungfrau, ja, vergaßen fast, einen Witz zu reißen, und schirmten mannlich und glücklich Brücken und Häuser. Nur hielten sie es nicht der Mühe wert, für die lockere Schinderbrücke, die seit Menschengedenken eine lockere war und wahrscheinlich in Ewigkeit eine lockere bleiben wird, damit man in der soliden Zeit nie vergesse, was locker für ein Wort gewesen, ihr Leben zu wagen.

Verächtlich eilte sie über die niedere Kirchbergerbrücke weg, die mit dem Bauche fast auf dem Grunde ruht; was nicht unter ihr durchmochte, sprang lustig über sie hin. Sie wußte, es wäre in Utzendorf viel zu löschen und abzukühlen gewesen, auch kannte sie ihren alten Weg, auf dem sie in den sechziger Jahren mitten durchs Dorf gegangen und beim Spritzenhaus einen Mann ertränkt hatte, noch gar wohl; allein eigener Wogendrang trieb sie geradeaus, und nur ein klein Brücklein nahm sie weg. Den Bätterkindern goß sie eine gute Portion Wasser über ihr Büchsenpulver. Den Wylerern vertrieb sie für einige Zeit die Lust zum Wässern, aber nicht zum Prozedieren; den Herren von Roll zu Gerlafingen schonte sie, die waren ihr zu gute Kunden, um ihre Schwellen und Dämme verderben, dem Kanton das Holz verwässern zu helfen. (Es nimmt einem doch wunder, was die Solothurner für ein Gewissen haben. In ihrem Kanton erlauben sie keinem Berner, an ihren Fyrtigen zu arbeiten, die den Berner doch nichts angehen; ungeniert ziehen sie aber an unserem und ihrem Sonntag mit ihren wüsten Banden Emme auf und ab durch unsern Kanton und ärgern alle Leute. Kömmt euch dann euer Glaube nicht nach in unsern Kanton, oder glaubt ihr, es gebe keinen Sonntag in unserem Kanton? Das könnte aber, nach der herrschenden Erbitterung zu schließen, ein baldiges trauriges Ende nehmen. Leute, laßt doch die Emme am Sonntag ruhig, stört sie nicht mutwillig; sonst zeigt sie euch wieder, was sie am Sonntag kann, und läßt auch euch am Sonntag nicht ruhig.)

In Biberist hatte sie Lust, die Abweissteine am dortigen Stutz, die seit Jahren daliegen, ohne daß sie jemand aufgerichtet hätte, zurechtzusetzen. Wahrscheinlich fiel ihr ein, das Solothurner Blatt werde vielleicht einmal seine Nase nicht nur in andere Kantone stecken, sondern auch in den eigenen Kanton und dort dahin, wo es not täte, an den Biberiststutz zum Beispiel; darum eilte sie vorbei und brünstig in die Arme ihrer älteren Schwester. Auch diese hatte durch die Zull und Rothachen einen Teil der Wasser empfangen, die über die Gipfel der Berge eingebrochen, aber auf der West- und Südwestseite niedergestürzt waren. Vereint trugen beide Trümmer weit ins Aargau, bis in den Rhein hinunter. In Aargau wurde ein Brett der Schüpbachbrücke mit folgender Inschrift aufgefangen: »Ich bendicht Dälenbach brugvogd zu der Zit Schüpach han im namen der zweien Uirteln dise brüg lasen bon 1652.«

Nach einem unendlich langen Abend lagerte endlich die Nacht über der Erde sich. Wolken bedeckten den Himmel. Was dem Auge verhüllt ward, das kam mit dreifachem Grausen durch das Ohr zum Bewußtsein des Menschen. Da rissen die Wolken auseinander, und durch die Spalte sah der Mond nieder auf die Wasserwüste; seine blassen Strahlen erleuchteten Streifen des schauerlichen Bildes.

Man sah Wogen spritzen, Tannen im Wasser sich bäumen riesigen Schlangen gleich, sah ganze Bäume ihre Äste hervorrecken aus dem flimmernden Wellenschaum, man glaubte, Kraken ihre ungeheuren Arme ausbreiten zu sehen in dem ungewohnten Wasser. Bald verhüllte der Mond sich wieder, ergraut darüber, was seine Strahlen enthüllten, und das ganze Bild versank in schwarze Nacht.

Da gingen die Menschen die einen ihren Häusern zu, andere zur Labung und, weil die angefüllte Brust noch der Rede bedürftig war, einem Schoppen nach; wenige blieben, zu wehren und zu wachen, in der Nähe des Flusses, der in dem Maße, als seine Wut schwand, an Heimtücke zunahm.

Wo Menschen sich fanden, da war bange Nachfrage nach den Übeltaten die der Fluß unten und oben im Lande ausgeübt. Wie auf Windesflügeln flog die Kunde den Fluß hinauf, den Fluß hinab; man wußte nicht, woher sie kam, wußte nicht, wer sie brachte; augenblicklich war sie in aller Ohren, und jeder Mund sprach sie gläubig nach. Röthenbach, Eggiwyl, Schüpbach sollten zerstört, Äschau, Bubeneisägen weggenommen, ungezählte Menschenleben verlorengegangen sein; man nannte viele und die Weise des Todes. Mit der Rüegsaubrücke seien nicht weniger als fünfzig Menschen dem Tode verfallen, mit dem Lochbachsteg ebenfalls Menschen dem Fluß zur Beute geworden, so lauteten die Nachrichten; und wie die Brücken zu Burgdorf, Kirchberg, Bätterkinden gebrochen worden, wußte man ganz genau. Zur Bestätigung des Unglaublichen, was anderwärts vorgegangen sein sollte, erzählte man sich das Unglaubliche, was man mit eigenen oder befreundeten Augen gesehen haben wollte. Auf der Brücke zu Lützelflüh erzählte man sich von Kühen und ihrem Gebrüll, von einem Kinde in der Wiege, von Männern auf einer Tanne, welche alle sichtbarlich unter der Brücke durchgefahren sein sollten. Man erzählte, auf dem Klapperplatz hätte die Emme eine Bäurin samt Roß und Bernerwägeli fortgerissen, und diese Bäurin sei mit Roß und Wagen unter der Brücke durchgefahren, das Roß noch eingespannt und lebendig vorauf, die Bäurin bolzgrad, munter und fett hinten auf dem Sitz, das Leitseil in der einen Hand, aber mit der andern hätte sie mit einem roten Nastuch sich die Augen ausgewischt. Ja, man erzählte, auf einem aufrecht stehenden Kirschbaum sei einer dahergeschwommen gekommen, in seiner Angst hätte er immerfort gekirset, so stark er konnte; den eben voll gewordenen Kratten hätte er über die Brücke hereinreichen wollen. Solches erzählte man an Ort und Stelle, wo es geschehen sein sollte. Niemand hatte es selbst gesehen, und doch wurde das meiste geglaubt; nur das letzte Müsterlein wollte vielen doch gar zu unghürig vorkommen.

Es ist eine merkwürdige Sache, wie bei allen großen Unglücksfällen an Ort und Stelle noch während denselben oder doch unmittelbar darauf Dinge erzählt werden, ob denen einem die Haare zu Berge stehen, lauter Lug sind, erzählt, geglaubt werden von Mann zu Mann, und woher sie kommen, wird nie ergründet. Es verzehrte einmal das Feuer ein ganz Städtlein. Um die Mitternachtsstunde hatte der Blitz eingeschlagen, um fünf Uhr morgens erzählte man sich an Ort und Stelle folgende Dinge: ein einzig Kind sei verbrannt, man wisse nicht, wo und wie; ein Weib sei erschlagen worden von einer zum Fenster herausgeworfenen Kommode; ein durch viele Brandwunden scheußlich zugerichtetes Weib hätte einen Mann dringend um den Tod gebeten; der habe unbsinnt sein Sackmesser genommen und es dem Weibe in die Brust gestoßen; der Pfarrer sei ganz feurig seinem Hause entronnen; und in einem Wirtshause sei eine große Kammer ganz voll Handwerksbursche gewesen, die seien alle mit Haut und Haar verbrannt. Und von allem diesem war keine einzige Silbe wahr.

So, wie dieses geschieht, wird auch selten ein bedeutend Unglück sich ereignen, dessen Ankündigung man nicht durch besondere Zeichen will vernommen haben. Als am Abend der großen Wassernot die Leute bei ihrem Schoppen zusammensaßen, die Neuigkeiten aller verhandelt waren und die Nacht mit ihrem geheimnisvollen Schauer näher und näher ihrer Mitte zurückte, sagte einer, man hätte es eigentlich wissen können, daß es etwas Furchtbares geben werde. Ein Holzhändler hätte ihm erzählt, er sei in den letzten Tagen auf den Bergen hinter Röthenbach gewesen und hätte dort Kröten oder Frösche auf Tanntschupplene angetroffen; und wenn diese Tiere in die Höhe sich flüchteten, so sei dies ein untrüglich Zeichen, daß sie nicht mehr sicher auf der Erde seien, das fühlten sie lange voraus. Das komme ihm kurios vor, sagte ein anderer, doch hätte auch er es bestimmt vorausgewußt, daß die Emme groß kommen werde, nur auf eine andere Art. Er habe nämlich letzthin um Mitternacht an der Emme Pfähle schlagen hören, auch in Rüederswyl habe man es deutlich vernommen, und das sei das gewisseste Zeichen von einer nahen außerordentlichen Wassergröße. Davon hatten die meisten auch gehört, äußerten ihren Glauben an diese Vorbedeutung, aber auch ihre Neugierde, was eigentlich denn dieses Pfähleschlagen sei, und woher es rühren möge.


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