Friedrich Glauser
Wachtmeister Studer
Friedrich Glauser

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Der Fall Witschi zum dritten und vorletzten Male

– Hinter allem habe der alte Ellenberger gesteckt…

»Das ist der Baumschulenbesitzer in Gerzenstein«, warf Studer ein.

»Woher wissen Sie das?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Der Vater hat's mir erzählt. Vor vierzehn Tagen, das weiß ich noch genau. Wir sind zusammen spazieren gegangen, es war ein Sonntag, schön war's. Wir sind durch den Wald gelaufen. Der Vater hat gesagt, er halte es daheim nicht mehr aus, die Mutter quäle ihn so, und auch der Armin, wegen der Versicherung, die er verpfändet habe, und da habe der Vater gesagt, hinter allem stecke der alte Ellenberger. Der reize die Mutter immer auf.«

»Versicherung?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Wissen Sie, die Heftli!…« sagte Studer, als ob damit alles erklärt wäre. »Und…«

»Und dann haben wir auch noch eine Unfall und Lebensversicherung bei einer Gesellschaft gehabt…«

Studer unterbrach wieder:

»Und die war dem alten Ellenberger für fünfzehntausend Franken verpfändet worden, nicht wahr?«

Sonja nickte.

»Das war vor zwei Jahren«, sagte sie. »Damals hat das ganze Unglück begonnen. Das Vermögen der Mutter war in fremden Aktien angelegt, ich weiß nicht mehr, wie sie geheißen haben, sie haben viel Zinsen gebracht…«

»Dividenden ausgezahlt…« stellte der Untersuchungsrichter fest.

»Ja, und dann sind die Papiere keinen Rappen mehr wert gewesen. Da hat der Vater seine Lebensversicherung genommen und hat sie beim Ellenberger verpfändet.

Damals war der Vater viel mit dem Schwomm zusammen, mit dem Lehrer Schwomm. Der Lehrer Schwomm hat einen Verwandten gehabt im Elsaß. Und der war bei einer Gesellschaft, einer deutschen, die versprach 10% Zinsen. Ja, ich glaub', so war es. Und der Vater war so froh, er sagte noch, jetzt könne er das verlorene Geld wieder zurückgewinnen und ist zum Ellenberger gegangen und hat auf seine Versicherung Geld aufgenommen. Das Geld hat der Verwandte vom Lehrer eingesteckt und ist damit nach Deutschland gefahren… Aber wir haben nie wieder etwas von ihm gehört – vom Geld mein' ich. Der Mann ist in Basel verhaftet worden. Er hat nicht nur in Gerzenstein die Leute betrogen, auch in den Städten. Die Gesellschaft hat schon bestanden, in Deutschland, er aber hat gar nichts mit ihr zu tun gehabt. Der Lehrer Schwomm hat den Vater gebeten, nichts von der Sache zu erzählen. Und der Vater hat auch geschwiegen…«

»Ich glaube, diese ganze Geschichte brauchen wir nicht ins Protokoll aufzunehmen, Herr Studer«, sagte der Untersuchungsrichter.

»Gewiß, gewiß…« antwortete Studer, drückte ein paarmal auf den Umschalter und faltete dann die Hände. »Jetzt ist es ganz bös geworden«, erzählte Sonja weiter. »Es war kaum mehr auszuhalten daheim. Kein Geld, viel Schulden… Der Armin, der nicht weiter studieren konnte und jeden Tag hässiger wurde, die Mutter, die vom Morgen bis zum Abend klagte… Damals kam der Onkel Aeschbacher oft. Er konnte sehr lieb sein, der Onkel Aeschbacher. Ich hatte ihn fast so gern wie den Vater. Als er sah, daß ich immer trauriger wurde, verschaffte er mir die Stelle in Bern. Die Mutter bekam den Zeitungskiosk. Mit dem Vater kam der Onkel nicht gut aus. Ich weiß selbst nicht, warum. Und der Vater beobachtete ihn immer, so heimlich; manchmal hatte ich Angst. Für wen? Ich weiß es selbst nicht… Er ist ein kurioser Mann, der Onkel Aeschbacher…« wiederholte Sonja und schwieg einen Augenblick.

»Gewöhnlich kam der Onkel Aeschbacher am Abend. Dann war ich allein zu Hause. Die Mutter mußte im Kiosk bleiben bis zum letzten Zug, um neun Uhr, der Vater kam auch spät und der Armin… Mit dem Armin war schlecht auszukommen.«

Schweigen. Der große Wind vor den Fenstern war still geworden. Das Licht im Zimmer war grau.

»Die andern im Dorf haben das nie gewußt«, sagte Sonja und ihre Stimme war leise, »aber der Onkel Aeschbacher war ein unglücklicher Mann. Ich hab' es gewußt. Und ich hab' ihn gern gehabt, obwohl er den Vater nicht hat leiden können. Auch der Vater…«

»Ja, ja, schon gut«, sagte der Untersuchungsrichter und man merkte es ihm an, daß er ungeduldig wurde. »Mich interessiert am meisten, was am Abend des Mordes passiert ist!«

Sonja blickte auf, sie sah den Untersuchungsrichter vorwurfsvoll an und dann sagte sie mit einer Stimme, die stark an die ihrer Mutter erinnerte:

»Ich muß von dem, was früher geschehen ist, doch auch erzählen, sonst kommt Ihr ja nicht nach!«

»Sowieso«, meinte Studer, »nur erzählen lassen. Wir haben ja Zeit. Schlumpfli, eine Zigarette?«

Der Bursche Schlumpf nickte. Sonja erzählte weiter.

»Vor einem halben Jahr etwa ist zwischen dem Vater und dem Onkel Aeschbacher alles anders geworden. Es sah so aus, als ob der Onkel vor dem Vater Angst hätte. Das war…« Sonja stockte, »das war nach einem Abend…« Sonja wurde rot und schielte zu Schlumpf hinüber. Der stand aufrecht da, rauchte schweigend, sichtlich aufgeregt und nahm tiefe Lungenzüge…

»An einem Abend, da war ich allein mit dem Onkel Aeschbacher. Er war traurig. Es war Anfang Dezember. Draußen war's dunkel. Ich hab' die Lampe anzünden wollen. Da sagt der Onkel Aeschbacher: ›Laß die Lampe, Meitschi, mir tun die Augen weh.‹ Dann schweigt er und hält seine dicke Hand wie einen Schirm über die Augen.

Ich saß am Tisch. ›Es geht alles schief. Sie haben mich nicht in die Kommission gewählt…‹ In welche Kommission? hab' ich gefragt. ›Ah, das verstehst du nicht‹, sagt er drauf. Und ich soll ein wenig zu ihm kommen. Er saß in einem tiefen Lehnstuhl, ganz in einer finsteren Ecke. Ich bin hingegangen, er hat mich auf seine Knie genommen und mich festgehalten. Ich hab' gar keine Angst gehabt, denn er ist immer gut zu mir gewesen, der Onkel Aeschbacher.«

Seufzer.

Da plötzlich ist die Tür aufgerissen worden, das Licht ist angegangen. In der Tür steht der Vater und der Armin. ›So‹ sagt der Vater, ›hab' ich dich endlich erwischt, Aeschbacher. Was fällt dir ein, meine Tochter zu karessieren?‹ Der Onkel hat mich weggestoßen, ist aufgesprungen: ›Du bist besoffen, Witschi!‹ hat er gesagt. Und dann hat er mich fortgeschickt. Mehr hab' ich nicht hören können. Sie sind dann noch etwa eine Stunde beisammen gesessen. Der Armin war auch dabei. Von dieser Zeit an hat der Onkel kaum mehr mit mir gesprochen. Aber mit dem Vater ist es immer schlimmer geworden, der alte Ellenberger von der Baumschule hat ihm Papiere gegeben, die hat er in Bern umgewechselt. Dann verschwand der Vater immer auf eine Woche oder zwei aus Gerzenstein, kam dann wieder, müd, traurig. Wenn ich ihn fragte, wo er gewesen sei, sagte er nur: ›In Genf.‹ Einmal hab' ich den Vater zufällig in Bern getroffen. Auf der Hauptpost. Ich hab' ein pressantes Paket fürs Geschäft aufgeben müssen. Er hat mich nicht gesehen. Er stand vor einem Postfach, nahm Briefe heraus, riß die Kuverts auf und warf sie dann weg. Er sah traurig aus, der Vater, er ging aus der Halle wie ein alter Mann. Ich hab' dann ein Kuvert, das er weggeworfen hat, aufgelesen. Es kam von einer Bank in Genf.«

»Spekuliert, weiter spekuliert…«, sagte Studer leise und der Untersuchungsrichter nickte.

Man kann den Wendelin entschuldigen, dachte Studer. Er hat's für die Familie getan. Hat das Geld zurückholen wollen, das Geld der Frau…

Da sprach Sonja weiter:

»Er ist immer öfter zum Ellenberger gegangen, damals.

Er hat auch viel getrunken, der Vater. Nicht regelmäßig. Aber so alle Wochen ein oder zweimal ist er betrunken heimgekommen. Einmal hab' ich ihm Schnaps holen müssen. Einen halben Liter. Er ist früh in sein Zimmer hinauf. Die Mutter war an dem Abend beim Onkel Aeschbacher eingeladen. Sie ist erst spät heimgekommen. Am nächsten Morgen war die Flasche leer. Ich hab' sie fortgeworfen, damit die Mutter sie nicht sieht.«

Wieder das Schweigen. Man sah es dem Untersuchungsrichter an, daß er ungeduldig wurde. Aber Studer beruhigte den nervösen Herrn mit einer beschwichtigenden Handbewegung.

»Heut' vor acht Tagen bin ich wie gewohnt um halb sieben heimgekommen. Der Vater war schon da. Er stand im Wohnzimmer, beim Klavier und hörte mich nicht kommen. Ich hab' geschaut, was er macht. Er hat die Vase, die immer auf dem Klavier steht, in der Hand gehalten, hat sie geschüttelt, es hat geklirrt, dann hat er sie wieder an ihren Platz gestellt und das Herbstlaub geordnet. ›Was machst du da, Vater?‹ hab' ich gefragt. Er ist ein wenig erschrocken. Ich hab' dann nicht weiter gefragt. Am nächsten Morgen bin ich als erste aufgestanden. Es waren fünfzehn Patronenhülsen in der Vase. Ja!«

Sonja sah den Untersuchungsrichter an, sah Schlumpf an. Sie schien auf laute Rufe des Erstaunens zu warten. Aber die beiden blieben stumm. Einzig Studer, vor der Schreibmaschine, auf der er noch kein Wort getippt hatte, winkte ab:

»Das wissen wir. Wir haben auch die Tür gefunden, die deinem Vater als Schießscheibe gedient hat…«

Da wurde endlich der Untersuchungsrichter doch von Neugierde geplagt. Und Studer mußte von der Entdeckung im dunklen Schuppen erzählen, von dem abgehobelten Rechteck auf der altersschwarzen Tür und von den Einschußöffnungen, die keine Pulverspuren an den Rändern gezeigt hatten.

Der Untersuchungsrichter nickte.

»Und wie war es am Dienstagabend, was haben Sie da getrieben, Fräulein Witschi?«

»Ich bin mit dem Erwin spazieren gegangen«, sagte Sonja und ihr Gesicht blieb bleich. »Wir waren zusammen im Wald, es war ein schöner Abend. Ich bin um elf Uhr heimgekommen. Der Vater war noch nicht zu Hause. Die Mutter ist am Tisch gehockt, in der Küche. Sie schien aufgeregt. Auch der Armin war nicht zu Hause. Ich hab' gefragt, wo die beiden seien. Die Mutter hat die Achseln gezuckt. ›Draußen‹, hat sie gesagt. Um halb zwölf ist der Armin heimgekommen. Die Mutter hat gefragt: ›Hat er?…‹ Der Armin hat genickt und begonnen seine Taschen zu leeren.«

»Halt!« rief der Untersuchungsrichter. »Herr Studer, schreiben Sie bitte.« Und er diktierte nach den einleitenden Floskeln jedes Zeugenverhörs Sonjas Erzählung.

»Weiter«, sagte er darauf. »Inhalt der Taschen?«

»Eine Browningpistole, eine Brieftasche, ein Füllfederhalter, ein Portemonnaie, eine Uhr. Das alles legte der Armin auf den Tisch. Ich hab' gezittert vor Angst. ›Was ist dem Vater passiert?‹ hab' ich immer wieder gefragt. Aber die beiden gaben keine Antwort. Armin öffnete die Brieftasche und zog eine Hunderter und eine Fünfzigernote heraus. Die Mutter nahm sie, ging zum Sekretär, versorgte die Fünfzigernote und kam mit drei Hunderternoten zurück. Armin nahm das Geld, legte es auf den Tisch und sagte: ›So, jetzt mußt du zuhören und morgen genau das tun, was ich dir sage. Der Vater hat sich erschossen.‹ ›Nein‹, hab ich gerufen und hab' angefangen zu weinen. ›Nein! Das ist nicht wahr!‹

›Plärr jetzt nicht und hör' zu. Der Vater hat gefunden, es sei so das beste für ihn. Aber er hat mit uns ausgemacht, mit der Mutter und mir, daß es nicht als Selbstmord gelten darf. Denn wenn es ein Selbstmord ist, so zahlt die Versicherung nichts.‹ – Ich weinte. Dann sagte ich: ›Aber das werden die Leute doch merken, daß er sich erschossen hat. Das geht doch in Romanen, aber nicht in der Wirklichkeit!‹ Hab' ich da nicht recht gehabt, Herr Wachtmeister?«

»Hm, vielleicht, ja…«, murmelte Studer und beschäftigte sich eifrig mit dem eingespannten Folioblatt. Die Linien waren schief.

»Das hab' ich dem Armin auch gesagt, und ob er es hat übers Herz bringen können, daß sich der Vater für uns umbringt, hab' ich ihn gefragt… Da sagte er, sie hätten mit dem Vater ausgemacht, er solle sich nur anschießen, sich eine schwere Verletzung beibringen, dann bekäme er auch die Versicherung für Ganzinvalidität – sich ins Bein schießen zum Beispiel, sagte der Bruder, aber so, daß das Bein amputiert werden müsse… Das hat er gesagt, der Bruder…«

Verrückt, idiotisch, hirnverbrannt!« flüsterte der Untersuchungsrichter, streckte die Arme aus, daß die Ärmel seines Rockes fast bis zu den Ellbogen rutschten, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. »Das ist ja… Was sagen Sie dazu, Studer?…«

»Locard, Doktor Locard in Lyon, Sie wissen, wen ich meine, Herr Untersuchungsrichter, schreibt in einem seiner Bücher – (und mein Freund, der Kommissär Madelin, zitierte diesen Ausspruch mit Vorliebe) – es sei ein Irrtum, zu glauben, es gebe normale Menschen. Alle Menschen seien mindestens Halbverrückte und diese Tatsache dürfe man in keiner Untersuchung vergessen… Erinnern Sie sich vielleicht an den Fall jenes österreichischen Zahntechnikers, der sein Bein auf einen Spaltklotz legte und es mit einer Axt bearbeitete, bis es nur noch an einem Fetzen hing – nur um eine sehr hohe Unfallversicherung einzukassieren… ? Es gab damals einen großen Prozeß…«

»Ja, ja«, sagte der Untersuchungsrichter. »In Österreich! Aber wir sind doch in der Schweiz!«

»Die Menschen sind überall gleich«, seufzte Studer. »Was soll ich schreiben?«

Stockend diktierte der Untersuchungsrichter, aber seine Sätze verfilzten sich derart, daß Studer Mühe hatte, diese Syntax zu entwirren…

»Weiter, weiter! Fräulein Witschi!« Der Untersuchungsrichter wischte sich die Stirn mit einem kleinen farbigen Taschentuch, ein Duft von Lavendel schwebte durch den Raum…

Sonja war verschüchtert. Sie hatte nicht verstanden, was da verhandelt wurde. Verrückt? dachte sie, warum verrückt? Wenn wir doch das Geld so notwendig gebraucht haben!… Und dann erzählte sie weiter:

»Da fragt die Mutter ganz kalt: ›Wo sitzt der Schuß?‹ – Und der Armin antwortet genau so kalt: ›Hinter dem rechten Ohr.‹ Da nickt die Mutter, wie anerkennend: ›Das hat er gut gemacht, der Vater.‹ Aber dann war's vorbei mit ihrer Ruhe. Ich hab' die Mutter nie weinen sehen, auch damals nicht, als wir das ganze Geld verloren hatten. Sie hat immer nur geschimpft. Aber jetzt legte sie den Kopf auf den Tisch und ihre Schultern zuckten. ›Aber Mutter!‹ sagt der Armin. ›Es ist doch besser so!‹ – Da wird die Mutter bös, springt auf, läuft im Zimmer hin und her und sagt nur immer: ›Zweiundzwanzig Jahre! Zweiundzwanzig Jahre!‹«

Man fühlte es, Sonja erlebte die ganze Szene noch einmal, sie sah alles vor sich. Ihre Lider waren gesenkt. – Lange Wimpern hatte das Mädchen…

Studer träumte vor sich hin… Also war das Bild, das er sich gemacht hatte, damals, als er die Mutter Witschi besucht hatte, doch falsch gewesen… Er hatte den Tisch gesehen, die Leute darum: Anastasia Witschi redet auf ihren Mann ein, er solle kein Feigling sein… Gewiß, das war sicher alles so gewesen. Er hatte nur einen Menschen zuviel am Tisch gesehen: Sonja.

Sonja wußte von nichts, man hatte ihr nichts erzählt, bis man sie vor eine vollendete Tatsache hatte stellen können… Und auch dann hätte sie sich vielleicht geweigert, wenn… wenn nicht die Romane gewesen wären:

›Unschuldig schuldig‹ hieß einer – Leute wie der Untersuchungsrichter hatten kein Verständnis für derartige Kompliziertheiten.

Kompliziertheiten?…

Einfach war es! Überwältigend einfach!

Aber es schien, daß ein einfacher Fahnder solche Kompliziertheiten besser verstand als ein Studierter… Sonja war zur Gegenpartei übergegangen… Merkwürdig, es hatte damit begonnen, daß der Wachtmeister dem Mädchen die Tränen getrocknet hatte… Solche Dinge waren zart wie die Fäden, die im Altweibersommer durch die Luft fliegen; nachdenken durfte man über sie, aber von ihnen sprechen? Sicher, wenn man solches aussprach, bekam man das Zitat von Locard an den Kopf geschmissen… Mit Recht! Mit Recht!…

Merkwürdig, wie Stimmen sich verändern konnten! Sonjas Stimme war tief und ein wenig heiser, als sie weiter erzählte:

»Da sagt der Bruder: ›Du stehst ja gut mit dem Schlumpf. Ihr wollt euch ja sogar heiraten. Jetzt kann er zeigen, ob er dich wirklich gern hat. Du sagst ihm morgen, daß er sich verdächtig machen muß. Es muß so aussehen, als ob er den Mord begangen hätte… Bis wir die Versicherungen ausbezahlt bekommen haben… Dann werden wir schon sehen, daß wir ihn frei bekommen.‹ Ich hab' mich zuerst geweigert, aber nicht lange. Ich war ja so dumm. Ich hab' zuviel Romane gelesen. Und in den Romanen, da kommt ja immer vor, daß einer sich für eine Frau opfert, freiwillig ins Gefängnis geht, um sie nicht zu verraten. Wir haben dann noch alles besprochen. Ich sollte den Schlumpf am nächsten Abend aufsuchen, ihm die dreihundert Franken geben, dann sollte er in den ›Bären‹ und dort etwas trinken und eine Hunderternote wechseln. Der Bruder hat dann dem Murmann angeläutet…«

Das Telephon, von dem Murmann gesprochen hatte! Die unbekannte männliche Stimme! Es war wirklich alles konstruiert wie in einem Roman… Man müßte noch mit dem Armin reden… Und welche Rolle spielte der Coiffeurgehilfe in der ganzen Angelegenheit? Gerber hatte ein Motorrad; ob er wohl auch ein Auto lenken konnte? Sicher! Man müßte wissen, was Cottereau, der Obergärtner, beim alten Ellenberger gesehen hatte, um von ein paar Burschen so übel behandelt zu werden… Studer geriet mehr und mehr ins Träumen. – Der alte Ellenberger hatte eine Waffe gekauft… Vielleicht doch zwei Schüsse? Hatte jemand beim Selbstmord nachgeholfen?… Vielleicht Witschis Arm gehalten?… Oder hatte Witschi daneben geschossen, und ein anderer…

»Warum hast du dem Coiffeurgehilfen eigentlich den Füllfederhalter geschenkt?« fragte Studer in die Stille. Und dabei sah er den Gerber vor sich mit seinen allzu roten Lippen und mit seinem Mantel, der blaue Aufschläge trug.

»Er hat uns damals in der Nacht zusammen gesehen, den Schlumpf und mich«, sagte Sonja leise. »Und er hat gedroht, er erzähle es dem Statthalter, daß der Schlumpf unschuldig ist…«

»Wann hat er Euch gesehen?« Ganz scharf stellte Studer die Frage.

»Am Unglücksabend, am Dienstag, um zehn Uhr, auf der andern Seite des Dorfes, gar nicht in der Nähe des Ortes, wo man den Vater gefunden hat…«

»So«, sagte Studer. Dann vertiefte er sich wieder ins Schreiben. Der Untersuchungsrichter diktierte langsam. Studer kam gut nach.

Aber es war dennoch ein mühseliges Tun. Der Untersuchungsrichter begann Fragen zu stellen, kreuz und quer, er wollte alles wissen, er bohrte und bohrte, es ging eine halbe Stunde, es ging eine ganze Stunde. Selbst Studer standen die Schweißperlen auf der Stirn, und Sonja war nahe am Zusammenklappen. Nur der Bursche Schlumpf hielt sich aufrecht. Er stand an der Wand, er antwortete kurz und klar, wenn eine Frage an ihn gestellt wurde. Dabei schien er gar nicht übermäßig erfreut zu sein, daß er nun bald wieder die Freiheit würde genießen können. Studer verstand ihn so gut. Die Heldenrolle war ausgespielt – und der Bursche Schlumpf hatte sich gar nicht wie ein Romanheld benommen! Er hatte seine Unschuld beteuert, er hatte versucht, sich umzubringen… Nein, er war durchaus keine leuchtende Gestalt… Gott sei Dank, dachte Studer; er hatte nichts übrig für Helden. Er fand bei sich, daß es eigentlich gerade die Schwächen waren, die die Menschen liebenswert machten…

Endlich, endlich war der Untersuchungsrichter fertig. Es war bei der ganzen Fragerei nichts Wichtiges mehr herausgekommen. Hätte man Sonjas Erzählung auf einer Platte aufgenommen, dachte Studer, so wäre der Eindruck lebendiger gewesen, richtiger als das trockene Protokoll in der indirekten Rede… Sei's drum.

»Ich werde natürlich«, sagte der Untersuchungsrichter, nachdem er Sonja (»Du wartest auf mich, Meitschi«, hatte Studer ihr gesagt, »Ich führ' dich heim…«) und Schlumpf gnädigst entlassen hatte, »ich werde natürlich mit dem Herrn Staatsanwalt die Sache besprechen, und dann wird einer Haftentlassung des Schlumpf nichts im Wege stehen…«

»Hüten Sie sich, das zu tun, Herr Untersuchungsrichter«, Studer drohte mit dem Finger und ein merkwürdiger Ausdruck saß in seinen Augen. »Lassen Sie den Herrn Staatsanwalt vorläufig ganz aus dem Spiel. Sie brauchen doch Bestätigungen, Sie müssen doch zuerst den Bruder, die Mutter verhören. Sie müssen den Baumschulenbesitzer vorladen. Sie müssen Bestätigungen haben…«

»Aber Studer, um Gottes willen, es ist doch ganz klar, daß es sich um einen Selbstmord handelt… !«

Studer schwieg. Dann sagte er:

»Ich möchte gern den Autodieb sprechen…«

»Ist das nötig?«

»Ja«, sagte Studer.

Der Untersuchungsrichter zuckte die Achseln, als wolle er andeuten, daß man sich allerhand gefallen lassen müsse. Aber er wollte doch einen kleinen Triumph haben, darum sagte er spitz:

»Sie haben vorhin Doktor Locard zitiert, nicht wahr? Aber… Sie…« Vor Studers Blick wußte der Untersuchungsrichter plötzlich nicht weiter. Aber der Wachtmeister sprach den Gedanken seines Gegenübers rücksichtslos aus:

»Sie meinen, ob ich selbst nicht auch ein Halbverrückter bin? Aber mein lieber Herr«, dem Untersuchungsrichter gab es ob dieser Anrede einen kleinen Ruck – diese Familiarität! – wir haben alle einen Vogel im Kopf. Manche haben sogar eine ganze Hühnerfarm…« Der Untersuchungsrichter beeilte sich, auf die Klingel zu drücken…


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