Autorenseite

 << zurück 

XI.

Nicht weit von dem ehemaligen Kloster Santo-Domingo, in dem Stadtviertel Antequerula von Granada, an dem Abhange des Hügels, erhob sich ein Haus von blendender Weise, welches wie ein Silberblock durch das dunkle Grün der Bäume glänzte, die es umgaben.

Ueber die Mauer des Gartens hingen wie aus einer allzuvollen Vase Gewinde von Weinreben und Schlingpflanzen, die in langen Flechten auf der Seite der Straße herabfielen.

Durch das Gitterthor bemerkte man zunächst eine Art von Peristyle, geschmückt mit einem Kieselmosaik von verschiedener Farbe, dann einen inneren Hof, einen Patio, um uns des eigenthümlichen Ausdrucks zu bedienen, von offenbar maurischer Architektur.

Dieser Patio war umgeben mit schlanken Säulen von weißem Marmor aus einem einzigen Stück und von den anmuthigsten Verhältnissen, deren Kapitäler von strenger corinthischer Ordnung, gemischt mit ihren Zierrathen, Inschriften von arabischen Buchstaben trugen, aus denen noch einige Ueberbleibsel von Vergoldungen blitzten.

Auf diese Kapitäler hingen herzförmig geschnittene Bogen herab, ähnlich denen der Alhambra, welche auf den vier Seiten des Hofes, eine bedeckte Gallerie bildeten.

In der Mitte aus einem Becken, das mit Blumenvasen und Baumkasten umgeben war, sprudelte ein dünner Wasserstrahl, der die Blätter mit glänzenden Perlen bedeckte und mit seiner krystallhellen Stimme Liebesgenüsse in die Ohren der Myrthen und der Rosenlorbeeren zu flüstern schien.

Ein Tendido von Leinwand bildete eine Decke für den Hof und machte aus demselben eine Art von innerem Salon, in welchem ein durchsichtiger Schatten von köstlicher Frische herrschte.

An der Wand hing eine Guitarre und über einem roßhaarbezogenen Ruhebett ein breiträndiger Strohhut, geschmückt mit grünen Bändern. Jeder Mensch, der durch diese Straße ging und einen Blick in das Innere warf, mußte, ein so schlechter Beobachter er auch war, zu sich selbst sagen: »Hier leben glückliche Menschen!«

Das Glück erleuchtet die Häuser und gibt ihnen ein Ansehen, welches Andern fremd ist. Die Mauern selbst scheinen zu lachen und zu weinen, sie unterhalten oder sie langweilen sich; sie sind abstoßend oder gastlich, je nach dem Charakter des Einwohners, der ihnen die Seele verleiht. Dieses Haus konnte nur durch junge Liebende oder durch neu Vermählte belebt werden.

Da das Gitterthor nicht geschlossen war, wollen wir es öffnen und in das Innere treten.

Im Hintergrunde des Patio führt uns eine ebenfalls offne Thür in einen Garten, der weder französisch noch englisch ist und dessen Gattung man nur in Granada findet, einen wahren Urwald von Myrthen, Orangen, Granaten, Rosenlorbeer, spanischen Jasmins, Sycomoren bis zu den Terebinthen, überragt durch einige hundertjährige Cypressen, die sich schweigend in den blauen Himmel hinaufschwangen, wie ein Gedanke der Melancholie aus dem Schooße der Freude.

Aus diesem Dickicht von Blumen und Wohlgerüchen, sprudelten in silbernen Strahlen die Gewässer des Darro empor, hergeführt von dem Gipfel des Berges durch die wunderbaren Wasserbauarbeiten der Araber.

Seltene Pflanzen blühten wechselsweise in alten maurischen Vasen mit gewundenen Henkeln und schlanken Körpern, geschmückt mit Versen aus dem Koran.

Das Bemerkenswertheste aber war eine Allee von Lorbeerbäumen mit glatten Stämmen und metallischen Blättern, längs welcher zwei Bänke mit Lehnen und mit Marmorsitzen standen und in einer Rinne von Alabaster zwei kleine Büche von diamanthellem Wasser rieselten.

Am Ende dieser Alle, auf deren Pflaster die wundervolle Sonne Andalusiens kaum einige Golddukaten durch das dichte Blätternetz streuen konnte, erhob sich ein kleines Gebäude von eleganter Form, eine Art Pavillon, wie man sie in Granada Tocador oder Mirador nennt und aus denen man einer weiten und malerischen Aussicht genoß.

Das Innere des Miradors war ein Schmuck maurischer Bildhauerarbeit. Das Gewölbe von jener Art, welches die Spanier mit dem Namen Media-naranja (halb orangen) bezeichnen, zeigte eine so wunderbare Verschlingung von Arabesken und Verzierungen, daß es mehr eine Arbeit der Bienen, als das Werk menschlicher Geduld zu sein schien; nur Grotten mit Krystallisationen bieten diesen Ueberfluß von Stalactiten.

Im Hintergrunde, in dem Marmorrahmen des Fensters, das sich über einem Abgrund öffnete, glänzte das prachtvollste Bild, welches das menschliche Auge betrachten kann.

In dem Vordergrunde durch ein Gehölz von gewaltigen Lorbeerbäumen zwischen Marmor- und Porphyrfelsen, tanzte in luftigen Springen der Genil von der Sierra herab und beeilte sich Granada und den Darro zu erreichen; weiterhin dehnte sich die reiche Vega mit ihrer üppigen Vegetation aus und ganz im Hintergrunde, so daß man sie erreichen zu können schien, erhoben sich die Berge der Sierra-Nevada.

In diesem Augenblick ging die Sonne unter und färbte die schneeigen Gipfel mit einem unvergleichlichen rosenroth, dem Roth einer zarten frischen Rose, strahlend und lebendig, einer idealen himmlischen Rose, von einer Färbung, wie man sie nirgends findet, als in dem Paradies oder in Granada; einer jungfräulichen Rose, die zum erstenmale ein Liebesgeständniß vernimmt.

Ein junger Mann und eine junge Frau, nebeneinander auf den Balkon gestützt, bewunderten das erhabene Schauspiel. Der Arm des jungen Mannes schlang sich um den Leib der jungen Frau mit der keuschen Hingebung der getheilten Liebe.

Nach einigen Minuten stiller Betrachtungen erhob sich die junge Frau und zeigte ein reizendes Gesicht, welches, wie unsere Leser ohne Zweifel schon errathen haben, kein anderes war, als das der Donna Andreas de Salcedo oder Militona, wenn dieser Name, unter dem Sie dieselbe länger kennen, Ihnen besser gefüllt.

Es ist nicht nöthig, hinzuzufügen, daß der junge Mann Andreas war.

Unmittelbar nach Schließung der Heirath waren Andreas und seine junge Frau nach Granada gegangen, wo er ein Haus besaß, das von der Erbschaft eines seiner Onkel herrührte. Feliciana war Sir Edward nach London gefolgt. Jedes Paar gab seinem Instinkt nach: Das erste suchte die Sonne und die Poesie, das zweite die Civilisation und den Nebel.

So wie Militona es gesagt hatte, wollte sie nicht sogleich in die Welt eintreten, in welcher ihre Verbindung mit Andreas ihr das Recht verlieh, einen Rang einzunehmen; sie hätte gefürchtet, Andreas über eine reizende Unwissenheit erröthen zu machen, und in dieser glücklichen Zurückgezogenheit vergaß sie das unbefangene Staunen der Armuth.

In physischer wie in moralischer Beziehung hatte sie auffallend gewonnen. Ihre Schönheit, die man schon für vollendet hätte halten können, war noch glänzender geworden. Zuweilen sieht man in dem Atelier eines großen Bildhauers eine bewundernswürdige Statue, die vollendet zu sein scheint; aber dennoch weiß der Künstler neue Vollkommenheiten dem hinzu zu fügen, was man schon für vollendet hielt.

Ebenso war es auch mit der Schönheit Militonas; das Glück verlieh ihr die höchste Weihe; tausend reizende Einzelnheiten hatten durch die Sorgfalt und die Gesundheit, welche der Reichthum gestattet, eine seltene Feinheit gewonnen. Ihre Hände von so reiner Form, waren weißer geworden; die Vertiefungen, welche Arbeit und Sorge für den nächsten Tag hervorriefen, waren ausgefüllt. Die Linien ihres schönen Körpers waren weicher und voller geworden mit der Sicherheit der Frau, und zwar der reichen Frau. Ihre glückliche Natur entfaltete sich in ihrer ganzen Freiheit und verbreitete ihre Blüthen, ihre Wohlgerüche, ihre Früchte. Ihr jungfräulicher Geist empfing alle Eindrücke und machte sie sich mit wunderbarer Leichtigkeit zu eigen.

Andreas genoß des Vergnügens in der Frau, die er liebte, so zu sagen, eine andere Frau entstehen zu sehen, welche über der ersten stand.

Statt der Entzauberung des Besitzes entdeckte er täglich an Donna Salcedo eine neue vortreffliche Eigenschaft, einen unbekannten Reiz und wünschte sich Glück dazu, daß er den Muth gehabt hatte, zu thun, was die Welt eine Thorheit nennt, d. h. als reicher Mann ein junges, tugendhaftes und bewundernswerthes schönes und in ihm leidenschaftlich verliebtes Mädchen zu heirathen. Sollte es nicht für die Menschen, welche Vermögen besitzen, eine Art von Pflicht sein, aus der Dunkelheit und dem Elend die schönen, tugendhaften Mädchen hervorzuziehen, die Königinnen der Schönheit ohne Königreich, um sie auf den Thron zu heben, der ihnen gebührt.

Nichts fehlte zu dem Glücke von Andreas und Militona. Nur dachte sie zuweilen an den armen Juancho, von dem Niemand mehr sprechen wollte; gern hätte sie gewünscht, daß ihr Glück keines Menschen Verzweiflung begründete und der Gedanke an die Leiden, welche der Unglückliche empfinden mußte, trübte sie mitten in ihrer Freude.

»Er wird mich ohne Zweifel vergessen haben,« sagte sie zu sich selbst, wie um sich zu betäuben; er wird in irgend ein fernes, fernes Land gegangen sein!«

Hatte Juancho in der That Militona vergessen? Das ist zweifelhaft. Er war nicht so weit entfernt, als die junge Frau glaubte. Denn wenn sie in dem Augenblick, als sie sich diesem Gedanken hingab, in der Richtung des Abgrundes nach dem Gipfel der Mauer gesehen Hütte, so würde sie durch das Laubwerk ein stieres Auge, phosphorsprühend, wie das eines Tigers, erblickt haben, das sie an seinem Glanze erkannt haben würde.

»Willst du mit zu unserem Spaziergange nach dem Generalife kommen?« sagte Andreas zu seiner Gattin, »um die scharfen Wohlgerüche des Rosenlorbeer einzuathmen, und die Pfauen auf den Cypressen der Zoraïden schreien zu hören?«

»Es ist noch sehr heiß, mein Freund und ich bin nicht angekleidet,« entgegnete die junge Frau.

»Wie! Du bist ja reizend in Deinem weißen Kleid, Deinem Corallenarmband und der Granatenblüthe über Deinem Ohr. Wirf eine Mantille über und die maurischen Königinnen werden im Stande sein, wieder aufzustehen, wenn Du die Alhambra durchschreitest.«

Militona lächelte, ordnete die Falten ihrer Mantille, nahm ihren Fächer, diesen unzertrennlichen Gefährten der spanischen Frauen und die beiden Gatten schritten dem Generalife zu, welches, wie Jedermann weiß, auf einer Höhe liegt, die mit der, welche von den rothen Thürmen der Alhambra gekrönt ist, durch das malerischste Thal der Welt verbunden wird, durch welches sich ein Fußpfad schlängelt, der von einer üppigen Vegetation eingefaßt wird. Auf ihm wollen wir um einige Schritte dem Ehepaar vorangehen, welches langsam unter dem Laubdache hinschreitet, sich bei der Hand haltend und die Arme schwingend, wie spielende Kinder. Hinter dem Stamm des Feigenbaumes, dessen grüne dunkle Blätter den Fußpfad, wie in Nacht hüllen, scheinen wir – oder ist es ein Irrthum – die Mündung einer Feuerwaffe blitzen zu sehen, wie das Funkeln von dem Kupferrohre eines Tromblon, das sich senkt.

Ein Mensch liegt flach auf dem Bauche, zwischen den Azerolienbäumen und den Mastixbäumen, wie ein Jaguar in der Lauer auf seine Beute, der den Sprung abmißt, den er machen muß, um ihr auf den Rücken zu fallen. Es ist Juancho, der seit zwei Monaten in Granada lebt, versteckt in den Erdhöhlen der Gitanos, eingegraben an den steilen Wänden des Monte-Sagrado, wo die Höhlen der Märtyrer liegen. Die beiden Monate haben ihn um zehn Jahre gealtert; seine Gesichtsfarbe ist schwarz, die Wangen sind eingefallen, die Augen glühend, wie die eines Menschen, der auf einen einzigen Gedanken sinnt und dieser Gedanke ist, Militona zu tödten!

Zwanzigmal schon hätte er seinen Plan ausführen können, denn er umschleicht sie beständig, unsichtbar und unkenntlich und auf die Gelegenheit lauernd; aber in dem entscheidenden Augenblicke hat ihm stets der Muth gemangelt.

Indem er seinen Hinterhalt aufsuchte – denn er hatte bemerkt, daß täglich, beinahe zu derselben Stunde, Andreas und Militona diesen Weg gingen – hatte er sich durch die fürchterlichsten Eide zugeschworen, seinen entsetzlichen Entschluß auszuführen und ein für allemal damit zu Ende zu kommen.

Er war also hier, seine geladene Waffe neben sich, lauschend, horchend, auf das Geräusch der fernen Schritte und sich zu dem letzten Vorsatz des Mordes ermuthigend, indem er zu sich sagte:

»Sie hat meine Seele getödtet, ich darf also wohl ihren Körper tödten!«

Der Ton lachender und heller Stimmen erschallte am Ende des Fußpfades.

Juancho erbebte und wurde leichenblaß; dann zog er den Hahn seines Tromblon auf.

»Nicht wahr,« sagte Militona zu ihrem Mann; »man sollte glauben, dieser Fußpfad führte zu dem irdischen Paradiese! Hier ist nichts als Blumen und Wohlgerüche, Vogelgesang und Lichtstrahlen. Bei einem solchen Wege könnte man böse darauf werden, selbst an den schönsten Ort zu gelangen!«

Indem sie sie diese Worte sprach, war sie an die Seite des verhängnißvollen Feigenbaums gelangt.

»Wie schön, wie frisch ist es hier! Ich fühle mich ganz leicht, ganz glücklich!«

Die Oeffnung des unsichtbaren Tromblon war auf ihren Kopf gerichtet, der nie frischer und lachender aussah.

»Nun, keine Schwäche!« murmelte Juancho, indem er den Finger an den Abzug legte. »Sie ist glücklich, sie hat es selbst gesagt, und nie wird ein günstigerer Augenblick erscheinen. Sie sterbe mit diesem Wort!«

Es war um Militona geschehen. Die Mündung des Tromblon, verborgen durch das Laubwerk, berührte beinahe ihr Ohr; eine Secunde mehr und der reizende Kopf flog zerschmettert auseinander und die ganze Schönheit bildete Nichts als ein Gemisch von Blut, Fleisch und zerquetschten Knochen.

In dem Augenblick, als Juancho sein Ideal zertrümmern wollte, schwoll sein Herz an, eine Wolke flog ihm über die Augen: diese Zögerung währte nur so lange wie ein Blitz, aber sie rettete die Donna Salcedo, die nie Etwas von der Gefahr erfuhr, welcher sie ausgesetzt war und die ihren Spaziergang nach dem Generalife in der vollkommensten Geistesruhe beendete.

»Wahrlich,« sagte Juancho, indem er durch das Dickicht entfloh, ich bin ein Feigling; ich habe nur Muth gegen die Stiere und die Männer!«

Einige Zeit darauf verbreitete sich der Ruf eines Torero, der Wunder der Geschicklichkeit und der Tapferkeit vollbrachte; nie hatte man solche Verwegenheit gesehen. Er sagte, er käme aus Lima in Amerika und gebe Vorstellungen in der Puerto de Santa Maria.

Andreas, der sich mit seiner Frau in Cadix befand, wo er einem Freunde, der nach Manilla abreiste, Lebewohl gesagt hatte, empfand das für ihn sehr natürliche Verlangen, diesen Helden des Stierkampfes zu sehen; Militona, obgleich sanft und gefühlvoll, war nicht die Frau dazu, einen solchen Vorschlag abzulehnen und Beide gingen nach dem Hafendamme hinab, um mit dem Dampfboote von Cadix nach Puerto überzufahren, oder in dessen Ermangelung eines jener kleinen Boote zu nehmen, die auf jeder Seite ihrer Hütte eine Oeffnung haben und dadurch das sonderbare Aussehen eines menschlichen Gesichtes gewinnen.

In dem Hafen herrschte eine ungeheure Thätigkeit und Bewegung; die Herren der Barken entrissen sich die Passagiere und gingen vom Schmeicheln zu Drohungen über. Das Geschrei, die Flüche, die Witzworte gaben ein Kreuzfeuer und von Minute zu Minute wurde ein Boot, dem Winde sein lateinisches Segel entgegen breitend, wie eine Schwanenfeder auf dem blauen Crystall der Rhede fortgetragen.

Andreas und Militona nahmen ihren Sitz im Hintertheile eines derselben, deren Führer, indem er der jungen Frau den Ellenbogen bot, um ihr an sein Boot zu helfen, lustig den Vers aus dem Stiergesang Puertos vorträllerte:

Heb ein wenig Deinen kleinen Fuß.

Cadix bietet ein bewundernswürdiges Schauspiel auf der Seite des Meeres und verdient vollkommen das Lob, welches Byron ihm in seinen Strophen widmete.

Man glaubt, eine Silberstadt zu erblicken, die zwischen zwei Saphirkuppeln ruht, es ist das Vaterland der schönen Weiber und es heißt Militona nicht wenig loben, wenn man sagt, daß man ihr auf der Alameda vielfach nachsah und folgte.

Sie war aber auch bewundernswürdig schön, mit ihrer Mantilla von weißen Spitzen, ihrer Rose in dem Haar, mit ihrem Kragentuch, welches auf der Schulter mit zwei Kämmen befestigt war, ihrem Leibchen, besetzt mit Posamentirerarbeit, und mit Franzen an den Handgelenken, ihrem Rock mit breitem Volants, ihren durchbrochenen Strümpfen, klar wie der Tag, ihren hübschen Atlasschuhen, die den zartesten Fuß der Welt umschlossen und von denen man, wie in dem spanischen Liede sagen konnte: Wenn ihr Bein eine Wirklichkeit ist, so ist doch ihr Fuß eine Illusion.

Indem sich das Loos Militona's änderte, hatte sie ihre Liebe für die spanischen Moden und Gebräuche bewahrt. Sie war weder zur Französin, noch zur Engländerin geworden und obgleich sie ebenfalls so schwefelgelbe Hüte hätte tragen können, wie irgend Jemand auf der Halbinsel, machte sie von dieser Befugniß keinen Gebrauch. Die Kleider, welche wir beschrieben, zeigten, daß sie sich ziemlich wenig um die Pariser Moden kümmerte.

Die in glänzende Farben gekleidete Bevölkerung – denn das Schwarz hat Andalusien noch nicht ganz erobert, – welche auf dem Platze umherkreiste, oder sich in dem Gasthause der Vista Allegre und in den benachbarten Cabarets des Stierkampfes an die Tische setzte, bildete ein heiteres und sehr belebtes Schauspiel.

Mit den Mantillas mischten sich die schönen scharlachrothen über den Kopf weggehangenen Shawls, welche so lieblich die mattblassen Gesichter der Frauen von Puerto de Santa Maria und von ikeres de la Frontera umrahmen.

Die Majos, welche aus jeder Brusttasche ihrer Jacke, ein Taschentuch herabhängen ließen, wiegten sich geziert und nahmen schöne Stellungen an, indem sie sich auf ihre Vara, eine Art zweizinkigen Stockes stützten oder die Andalusierinnen in ihrem Platt anredeten, daß beinahe ganz aus Vocalen besteht.

Die Stunde des Kampfes nahte und Alles schritt dem Platze zu, indem sie sich Wunder von dem Torero erzählten, der, wenn er so fortfuhr und nicht plötzlich lebendig gespießt wurde, bald Montez selbst übertreffen mußte; denn ganz zuverlässig hatte er den Teufel im Leib.

Andreas und Militona setzten sich in ihre Loge und der Kampf begann.

Dieser berühmte Torero war schwarz gekleidet; seine Jacke ganz besetzt mit Schmelz und Seidenzierrathen zeigte einen finstern Reichthum in Harmonie mit seinem wilden, beinahe unheimlichen Gesichte; ein gelber Gürtel umschlang seinen magern Leib. Sein Körper zeigte nichts als Muskeln und Knochen.

Sein braunes Gesicht war durchschnitten von zwei oder drei Runzeln, die mehr der Nagel einer schneidenden Sorge, als die Wirkung der Jahre gegraben zu haben schien, denn obgleich die Jugend unter dieser Larve verschwunden war, hatte das reife Alter derselben seinen Stempel noch nicht aufgedrückt.

Dieses Gesicht, diese Haltung schienen Andreas nicht unbekannt zu sein; gleichwohl aber konnte er sich seine Erinnerungen nicht deutlich machen. Militona war nicht einen Augenblick ungewiß. Ungeachtet seiner geringen Aehnlichkeit mit sich selbst, hatte sie augenblicklich Juancho erkannt.

Die gewaltige Veränderung, die in so kurzer Zeit bewirkt worden war, zeigte ihr, wie fürchterlich die Leidenschaft war, welche in solchem Grade den Mann von Erz und Stahl verwandeln konnte.

Sie öffnete hastig ihren Fächer, um ihr Gesicht zu verbergen und warf sich zurück, indem sie zu Andreas mit kurzem Tone sagte: »Das ist Juancho.«

Aber sie hatte sich zu spät zurückgebeugt; der Torero hatte sie gesehen und winkte ihr mit der Hand eine Art von Gruß zu.

»So, das ist Juancho,« entgegnete Andreas; der arme Teufel ist sehr verwandelt, er hat um zehn Jahre gealtert. So ist er also das neue Schwerdt, von dem man so viel spricht; er hat sein Handwerk wieder ausgenommen.

»Mein Freund, laß uns gehen,« sagte Militona zu ihrem Mann; »ich weiß nicht, weßhalb ich so unruhig bin; es scheint mir als würde etwas Fürchterliches geschehen.«

»Was soll denn geschehen;« erwiderte Andreas; »wo nicht der Sturz der Picadores und die pflichtmäßige Bauchaufschlitzung der Pferde.«

»Ich fürchte, daß Juancho irgend etwas Ungewöhnliches vollbringt und sich zu einer Handlung der Wuth fortreißen läßt.«

»Dir liegt noch immer der Navajastoß auf dem Herzen. Verstündest Du Latein, daß Dir glücklicherweise unbekannt ist, so würde ich Dir sagen, daß dem Gesetze nach, non bis in idem unmöglich. Ueberdies muß der brave Juancho Zeit gehabt haben, ruhig zu werden.«

Juancho vollbrachte Wunder; er handelte, als wäre er unverwundbar gewesen, wie Achilles oder Roland; er ergriff die Stiere beim Schweife und ließ sie walzen; er setzte ihnen die Füße zwischen die Hörner und sprang mit einem Satze über sie hinweg. Er entriß ihnen die Binden und pflanzte sich gerade vor ihnen auf; er führte mit einer beispielslosen Verwegenheit die gefährlichsten Bewegungen mit dem Mantel aus.

Das von Enthusiasmus ergriffene Volk zollte ihm wahnsinnigen Beifall und sagte, daß man seit dem Cid Campeador nie so etwas gesehen hätte.

Die Quadrille der Toreros, welche durch dieses Beispiel electrisirt waren, schien keine Gefahr mehr zu kennen. Die Picadores traten vor bis auf die Mitte des Platzes; die Banderilleros warfen ihre mit Papierstreifen umgebenen Haken ohne ein einziges Mal zu fehlen. Juancho unterstützte alle zu rechter Zeit und wußte das wilde Thier von ihnen ab und auf sich zu ziehen. Ein Chulo war ausgeglitten und der Stier würde ihm den Bauch aufgeschlitzt haben, wenn Juancho ihn nicht mit Gefahr seines Lebens zurückgetrieben hätte.

Alle Stöße, die er führte, wurden von oben nach unten zwischen die Schultern des Thieres gegeben, drangen bis zum Griffe ein und die Stiere stürzten zu seinen Füßen nieder, ohne daß der Cachetero nöthig hatte, ihren Todeskampf durch seinen Dolch abzukürzen.

»Wahrhaftig,« sagte Andreas, »Montez, der Chiclanero, Arjona, Labi und die Anderen haben sich in Acht zu nehmen; Juancho wird sie alle übertreffen, wenn er es nicht schon gethan hat.

Aber ein solches Fest sollte sich nicht erneuern; Juancho erreichte diesmal die höchsten Gipfel der Kunst; er vollbrachte Wunder, wie man sie nie wieder sehen wird. Militona selbst konnte sich nicht enthalten, Beifall zu klatschen; Andreas war enthusiasmirt; der Beifall erreichte den höchsten Gipfel, wüthende Zurufe begrüßten jede Bewegung Juanchos.

Man ließ den sechsten Stier los. Da geschah etwas Außergewöhnliches, Unerhörtes: nachdem Juancho den Stier auf meisterhafte Weise herumgejagt und unnachahmliche Thaten vollbracht hatte, nahm er seinen Degen, aber statt ihn dem Thiere in den Hals zu stoßen, wie man es erwartete, warf er ihn mit solcher Gewalt in die Luft, daß er mit der Spitze in die Erde fuhr und zwanzig Schritt von ihm entfernt tanzte.

»Was will er thun?« rief man von allen Seiten. »Das ist kein Muth mehr, sondern Wahnsinn. Welche neue Erfindung soll das sein? Wird er den Stier tödten, indem er ihm einen Schlag auf die Schnauze versetzt?«

Juancho richtete auf die Loge, in welcher Militona saß, einen unaussprechlichen Blick, in dem sich seine ganze Liebe und seine ganzen Leiden aussprachen und blieb dann regungslos vor dem Stier stehen.

Der Stier senkte den Kopf, die Hörner drangen ein in die Brust des Menschen und wurden roth bis zur Wurzel wieder herausgezogen.

Ein gewaltiger Schrei des Entsetzens, von zehn tausend Stimmen ausgestoßen stieg zum Himmel empor.

Militona sank auf ihren Stuhl zurück, bleich wie eine Leiche.

Während dieser entsetzlichen Minute hatte sie Juancho geliebt.

 

Ende.


Druck von Bär & Hermann in Leipzig


 << zurück