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II.

Während das Publicum stürmend den Platz einnahm, und der weite Raum der Bänke sich mit einer immer dichter und dichter gedrängten Menge füllte, kamen die Toreros, einer nach dem andern, durch eine Seitenthür an den Ort, wo sie die Stunde der Function erwarteten.

Dieser Ort ist ein großer mit Kalk geweißter Saal von nacktem und traurigem Aussehen. Einige kleine Lichter zitterten vor einem räucherigen Bilde der heiligen Jungfrau, das an der Wand hing; denn gleich allen Leuten, die durch ihren Stand den Gefahren des Todes sich aussetzen, sind die Toreros fromm oder doch wenigstens abergläubisch; Jeder besitzt ein Amulett, zu dem er volles Vertrauen hegt; gewisse Prophezeihungen schlagen sie nieder oder machen sie kühn; sie kennen, wie sie sagen, die Kämpfe, die ihnen verderblich sind. Eine Kerze, die zur rechten Zeit geweiht und angebrannt wird, kann indeß das Schicksal ändern und der Gefahr vorbeugen. Es waren an diesem Tage etwa ein Dutzend Lichter angezündet, was die Richtigkeit der Bemerkung des Don Andreas über die Kraft und Wildheit der Stiere von Gaviria bewies, die er am Tage zuvor bei Arroyo gesehen hatte und deren Eigenschaften er mit so vielem Enthusiasmus seiner Verlobten, Feliciana, beschrieb, welche solche Verdienste nur wenig zu würdigen verstand.

Es kamen etwa ein Dutzend Toreros, Chulos, Banderilleros, Espados und Alle neigten den Kopf mehr oder weniger, indem sie vor der Madonna vorübergingen. Als diese Pflicht erfüllt war, nahmen sie das copa de fuego, ein kleines Gefäß mit hölzernem Stiele und mit Kohlen gefüllt, welches zur größeren Bequemlichkeit der Raucher der Cigarretten und Puros hierher gestellt wird, und bliesen dann große Rauchwolken von sich, indem sie entweder umhergingen, oder sich auf die hölzernen Bänke längs der Mauer setzten.

Ein Einziger ging vor dem angebeteten Bilde vorüber, ohne ihm den Beweis der Achtung zu gewähren, und setzte sich seitwärts, die kräftigen Beine kreuzend, welche man bei dem Glanze des seidenen Strumpfes für aus Marmor gemeißelt hätte halten können. Sein Daumen und sein Zeigefinger, gelb wie Gold, kamen unter seinem Mantel hervor und hielten ein Stück Papiercigarre, die zu drei Viertel verbrannt war. Das Feuer kam der Haut so nahe, daß zartere Finger verbrannt worden wären, allein der Torero achtete nicht darauf, da er mit einem ihn ganz in Anspruch nehmenden Gedanken beschäftigt zu sein schien.

Er war ein Mann von fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren. Seine dunkle Hautfarbe, seine schwarzen Augen, seine krausen Haare verriethen seinen andalusischen Ursprung. Er mußte aus Sevilla sein, diesem natürlichen Vaterlande der tapferen Burschen, der Wohlgebauten, der Guitarrenklimperer, der Pferdebändiger, der Stierkämpfer, der Navajaspieler, der Burschen mit eisernem Arm und nerviger Hand.

Es wäre schwer gewesen, einen kräftigeren Körper und besser geformte Glieder zu sehen. Seine Kraft hatte gerade den Punkt erreicht, wo sie angefangen haben würde, schwerfällig zu sein. Er war eben so gut für den Kampf gewachsen, wie für den Lauf, und wenn man glauben könnte, daß die Natur die entschiedene Absicht gehabt hätte, Toreros zu bilden, so war ihr nie ein besserer, wie dieses Muster eines Hercules, gelungen.

Unter seinem halbgeöffneten Mantel sah man im Dunkeln einige Fleckchen seiner rothen und silbernen Weste blitzen und den Ring der Sortija, welcher die Enden seiner Cravatte hielt; der Stein dieses Ringes war von ziemlich hohem Werth und zeigte, wie der ganze übrige Anzug, daß der Besitzer der Aristokratie seines Standes angehörte. Seine Mona von neuen Bändern, welche um den dazu vorbehaltenen Theil der Haare geschlungen war, bildete in seinem Nacken eine reiche Quaste, seine Montera vom schönsten Schwarz verschwand unter den seidenen Verzierungen derselben Farbe und wurde unter dem Kinn durch Kehlbänder zusammengehalten, welche noch nie Dienste geleistet hatten; seine außerordentlich kleinen Schuhe würden dem gewandesten Schuhmacher von Paris Ehre gemacht und einer Operntänzerin haben dienen können.

Indeß hatte Juancho – dies war sein Name – nicht das offene freimüthige Wesen, welches sich für einen schönen, wohlgekleideten Burschen, der sogleich den Beifall der Frauen vernehmen soll, geziemt. Trübte die Besorgniß des bevorstehenden Kampfes seine Munterkeit? Die Gefahren, welche die Kämpfer in der Arena laufen und die minder groß sind, wie man denkt, mußten nichts Beunruhigendes für einen Menschen, wie Juancho, haben. Hatte er im Traume einen höllischen Stier gesehen, der auf seinem Horn von rothglühendem Stahl einen gespießten Matador forttrug?

Nichts von alledem. Juancho befand sich in seiner gewöhnlichen Haltung, besonders seit einem Jahre, und obgleich er nicht in einem Zustande der Feindseligkeit mit seinen Kameraden sich befand, bestand doch auch zwischen ihnen und ihm nicht jene sorglose und heitere Vertraulichkeit der Menschen, welche miteinander dieselben Gefahren theilen; er wies Entgegenkommen nicht zurück, aber er selbst zeigte keines, und obgleich Andalusier, war er für gewöhnlich schweigsam. Indeß schien er sich zuweilen seiner Melancholie entreißen zu wollen und überließ sich dann den Ausbrüchen einer künstlichen Freude. Er trank übermäßig; er, für gewöhnlich so nüchtern, machte Lärm in den Cabarets, tanzte ganz verteufelte Cachuchas und endigte mit einfältigen Streitigkeiten, bei denen bald das Messer funkelte; war dann der Anfall vorüber gegangen, so versank er wieder in seine Schweigsamkeit und Träumerei.

Unter den Gruppen wurden zu gleicher Zeit verschiedene Gespräche geführt. Man unterhielt sich von Liebe, von Politik, besonders aber von Stieren.

»Was denken Euer Gnaden,« sagte mit jenen ceremoniellen Formen der spanischen Sprache, ein Torero zu einem andern, »von dem schwarzen Stier des Mazpule? – Ist er kurzsichtig, wie Arjona behauptet?«

»Er ist auf dem einen Auge kurzsichtig, auf dem andern weitsichtig; man darf ihm nicht trauen.«

»Und der Stier von Lizaso, Du weißt wohl, der scheckige, nach welcher Seite glaubst Du, daß er den Hornstoß giebt?«

»Das kann ich nicht sagen; ich habe ihn noch nicht bei der Arbeit gesehen. Was ist Deine Ansicht, Juancho?«

»Nach der rechten Seite,« antwortete dieser, wie aus einem Traume erwachend und ohne die Augen auf den jungen Menschen zu richten, der vor ihm stand.

»Weshalb?«

»Weil er beständig das rechte Ohr bewegt, was ein beinah' unfehlbares Zeichen ist.«

Als Juancho dies gesagt hatte, führte er den Rest seiner Papiercigarre zum Munde.

Die zur Eröffnung des Kampfes bestimmte Stunde nahte; alle Toreros, mit Ausnahme Juanchos, waren aufgestanden; das Gespräch stockte und man hörte die dumpfen Stöße von den Lanzen der Picadores, welche sich auf dem innern Hofe gegen die Mauer übten, um eine feste Hand zu bekommen und ihre Pferde zu prüfen. Die, welche ihre Cigaretten nicht ausgeraucht hatten, warfen sie fort; die Chulos ordneten mit Coquetterie auf ihrem Vorderarm die Falten ihrer Decken von blendenden Farben und stellten sich in Reihe. Das Schweigen herrschte, denn es ist immer ein etwas feierlicher Augenblick, in welchem die Arena betreten wird und er macht selbst die Lacher nachdenkend.

Juancho stand endlich auch auf, warf seinen Mantel auf die Bank, nahm seinen Degen und seine Muleta und mischte sich unter die buntfarbige Gruppe.

Jede Wolke war von seiner Stirn verschwunden. Seine Augen funkelten, seine weitgeöffneten Nasenlöcher athmeten kräftig. Ein eigenthümlicher Ausdruck der Kühnheit belebte seine geadelten Züge. Er drehte und wendete sich, als wollte er sich auf den Kampf vorbereiten. Seine Hacken stützten sich fest gegen den Boden und unter den seidenen Maschen seines Strumpfes erbebten die Nerven seines Fußes, wie die Saiten an dem Stiele einer Guitarre. Er ließ die Federn seines Körpers spielen und prüfte sie in dem Augenblicke, als er sich ihrer bedienen wollte, wie ein Soldat vor der Schlacht den Degen locker in der Scheide macht.

Juancho war wirklich ein bewundernswerther Bursche, und seine Tracht hob die Vorzüge seines Körpers wunderbar hervor; eine breite Faja von rother Seide umschlang seine feine Taille; die silbernen Stickereien, welche seine Weste schmückten, bildeten am Kragen, an den Aermeln, an den Taschen, an den Umschlägen, Arabesken, unter deren Verschlingungen der Stoff verschwand. Es schien nicht mehr eine rothe Jacke, gestickt mit Silber, zu sein, sondern eine silberne Jacke, gestickt mit rother Farbe. An den Schultern flatterten so viele Schleifen, Knoten und Verzierungen aller Art, daß die Arme aus zwei Kränzen hervorzustehen schienen. Das Atlasbeinkleid, auf den Nähten gestickt und mit Schnüren besetzt, umschloß dicht die Eisenmuskeln und die kräftigen, eleganten Formen, ohne sie einzuengen. Dieser Anzug war das Meisterwerk des Zapata in Granada, Zapatas, jenes Cardillacs der Majokleider, der jedesmal weint, wenn er einen Anzug überbringt und mehr Geld bietet, ihn zurückzubekommen, als man ihm gegeben hat, um ihn anzufertigen. Die Kenner glaubten, ihn für den Preis von zehntausend Realen nicht zu theuer zu schätzen. Getragen von Juancho war er zwanzigtausend werth!

Der letzte Tusch war ertönt; die Arena leer von Hunden und Muchachos. Es kam der entscheidende Augenblick. Die Picadores ließen über das rechte Auge ihrer Pferde das Tuch herab, welches sie verhindern soll, den Stier ankommen zu sehen, schlossen sich dem Zuge an, und die Truppe rückte in guter Ordnung auf den Platz.

Ein Murmeln der Bewunderung begrüßte Juancho, als er vor der Loge der Königin niederkniete; er beugte das Knie mit solcher Anmuth, mit einem zugleich so stolzen und so demüthigen Wesen und erhob sich so leicht, ohne heftige Bewegung oder Anstrengung, daß selbst die alten Aficionados sagten: »Weder Pepé Illo, noch Romero, noch Joseph Candido, hätten das besser gemacht!«

Der Alguazil, in der schwarzen Tracht eines Familiars der heiligen Hermandad, überbrachte zu Pferde, dem Gebrauche gemäß, und begleitet von allgemeinem Gezisch, den Schlüssel zu dem Stierstalle, dem dienstthuenden Knechte, und als diese Formalität beendigt war, sprengte er im Galopp davon, schwankte im Sattel, verlor die Bügel, umfaßte den Hals seines Thieres und gab dem Volke jenes Schauspiel des Schreckens, welches für die Zuschauer, die außer Gefahr sind, stets so unterhaltend ist.

Andreas, welcher ganz glücklich über die Begegnung mit der Schönen war, widmete den Vorbereitungen des Kampfes nur geringe Aufmerksamkeit, und der Stier hatte schon einem Pferde den Bauch aufgeschlitzt, ohne daß er einen einzigen Blick in den Circus warf.

Er betrachtete das junge, neben ihm sitzende Mädchen mit einer Aufmerksamkeit, welche sie ohne Zweifel in Verlegenheit gesetzt haben würde, hätte sie dieselbe bemerkt. Sie kam ihm noch reizender vor, als das erste Mal. Die Idealisirung, welche sich gewöhnlich in die Erinnerung mischt und oft zu Täuschungen führt, wenn man den geträumten Gegenstand wieder erblickt, hatte die Schönheit der Unbekannten nicht erhöht; man muß auch gestehen, daß nie ein vollkommeneres Bild des spanischen Weibes auf den blauen Granitstufen des Circus von Madrid gesessen hatte.

Voll Entzücken bewunderte der junge Mann das reingeschnittene Profil, die zarte und stolze Nase mit den rosigen Naslöchern, die vollen Schläfen, unter denen ein leichtes Netz blauer Adern hervorschimmerte, den Mund, frisch wie eine Blume, saftig wie eine Frucht, halb geöffnet durch ein Lächeln und erhellt durch einen Spiegel von Perlmutter und besonders die Augen, aus denen ein Blick zwischen dichten schwarzen Wimpern mit unwiderstehlichem Feuer hervorleuchtete.

Es war die ganze Reinheit des griechischen Typus, aber verfeinert durch den arabischen Charakter; dieselbe Vollkommenheit, mit einem wilderen Anfluge; dieselbe Anmuth, aber grausamer. Die Augenbrauen wölbten ihren Ebenholzbogen auf dem goldangehauchten Marmor der Stirn mit einem so kühnen Pinselstrich, die Augen waren so glänzend schwarz, ein so reicher Purpur färbte die Lippen, daß eine Schönheit der Art in einem Salon von Paris oder London etwas Beunruhigendes gehabt haben würde; bei dem Stierkampfe, unter dem glühenden Himmel Spaniens, war sie aber vollkommen an ihrem Platze. Die Alte, welche der Arena nicht dieselbe Aufmerksamkeit widmete, wie die Junge, bemerkte das Benehmen des Don Andreas mit einem Seitenblicke und dem Wesen eines Hundes, der einen Dieb wittert. Dies Gesicht war häßlich im heiteren Zustande; mürrisch war es abschreckend. Die Runzeln schienen tiefer gefurcht zu werden, der braune Schein, der die Augen umgab, vergrößerte sich; ihr Zahn, der dem Hauer eines Ebers glich, drückte sich kräftig auf ihre schwielige Lippe und nervöses Zucken verzerrte ihr Gesicht.

Da Andreas bei seiner Betrachtung beharrte, steigerte sich der dumpfe Zorn der Alten von Augenblick zu Augenblick; sie rückte auf ihrer Bank hin und her, ließ ihren Fächer rauschen, versetzte ihrer schönen Nachbarin häufige Stöße mit dem Ellenbogen und richtete alle Arten von Fragen an sie, um sie zu zwingen, den Kopf nach ihrer Seite zu wenden; aber sei es, daß Diese nicht begriff oder nicht begreifen wollte, genug, sie antwortete nur zwei oder drei Worte und nahm dann ihre ernste und aufmerksame Haltung wieder an.

»Die Pest über die alte Hexe!« sagte Andreas leise zu sich selbst. »Wie schade, daß die Inquisition aufgehoben ist! Bei einem solchen Gesichte hätte man sie ohne Untersuchung auf einen Esel mit dem San-benito auf dem Kopfe und dem gelben Hemde angethan durch die Straßen geführt; denn sie kommt offenbar aus dem Seminar des Barahona und muß die jungen Mädchen zum Sabbath waschen.«

Juancho, dessen Reihe zu tödten noch nicht gekommen war, hielt sich geringschätzig in der Mitte des Platzes, ohne sich mehr um die Stiere zu kümmern, als wären es Schöpse; kaum machte er eine leise Bewegung und bog sich zwei oder drei Zoll zur Seite, wenn das wüthende Thier, sich mit ihm beschäftigend, Miene machte, auf ihn zuzustürzen.

Seine schönen schwarzen Augen schweiften über die Logen, die Galerien und die Stufen, wo gleich den Flügeln von Schmetterlingen die Fächer aller Farben spielten; man hätte glauben können, er suche Jemand unter den Zuschauern zu erkennen. Als sein umherschweifender Blick zu der Stufe kam, auf welcher das junge Mädchen und die alte Frau saßen, zuckte ein Blitz der Freude über sein braunes Gesicht und er machte eine unbemerkliche Bewegung mit dem Kopfe, eine Art Gruß des Einverständnisses, wie die Schauspieler auf der Bühne ihn sich zuweilen erlauben.

»Militona,« sagte die Alte mit leiser Stimme, »Juancho hat uns gesehen; achte auf Deine Haltung; der junge Mensch sieht Dich mit verliebten Blicken an, und Juancho ist eifersüchtig.«

»Was kümmert mich das?« antwortete Militona in gleichem Tone.

»Du weißt, daß er der Mensch dazu ist, Jeden die Ochsenzunge verschlucken zu lassen, der ihm mißfällt.«

»Ich habe ihn nicht angesehen, diesen Herren da, und bin ich nicht überdies meine eigene Herrin?«

Indem Militona sagte, sie hätte Andreas nicht angesehen, gestattete sie sich eine kleine Lüge. Sie hatte ihn wirklich nicht angesehen, denn das haben die Frauen nicht nöthig, um zu sehen, aber sie hätte von seiner Person die genaueste Beschreibung entwerfen können.

Als wahrheitsliebender Geschichtsschreiber müssen wir sagen, daß sie in Don Andreas de Salzedo das fand, was er wirklich war: einen sehr hübschen Cavalier.

Um ein Mittel zu haben, ein Gespräch anzuknüpfen, gab Andreas einem der Verkäufer von Orangen, eingemachten Früchten, Pastillen und anderen Süßigkeiten, welche durch die Gänge schritten und den Zuschauern, welche sie im Verdacht der Galanterie hielten, auf Stangen ihr Zuckerwerk und ihre Früchte anbieten, ein Zeichen. Die Nachbarin des Don Andreas war so hübsch, daß ein solcher Verkäufer sich in der Nähe hielt, da er mit Sicherheit auf einen Kauf rechnete.

»Señorita, nehmen Sie von diesen Pastillen?« sagte Andreas mit freundlichem Lächeln zu seiner schönen Nachbarin, indem er ihr das offene Schächtelchen bot.

Das junge Mädchen wendete sich rasch um und sah Andreas mit dem Wesen besorgter Ueberraschung an.

»Sie sind von Citronen und Pfeffermünz,« fügte Andreas hinzu, wie um sie zu bestimmen.

Militona faßte plötzlich einen Entschluß, senkte die Finger in das Schächtelchen und nahm einige Pastillen heraus.

»Zum Glück hat Juancho den Rücken hergedreht,« brummte ein Mann des Volkes, der in der Nähe stand, »sonst würde heute Abend etwas Rothes vergossen.«

»Nehmen Madame auch?« fuhr Andreas mit dem artigsten Tone von der Welt fort und reichte das Schächtelchen der abscheulichen Alten, welche dieser Zug der Verwegenheit so in Verwirrung setzte, daß sie alle Pastillen nahm, ohne nur eine einzige übrig zu lassen.

Indem sie die Bonbons in die Fläche ihrer Hand leerte, welche schwarz war, wie die einer Mumie, warf sie einen flüchtigen und entsetzten Blick auf den Circus und stieß einen gewaltigen Seufzer aus.

In diesem Augenblick gab das Orchester das Todeszeichen. Es war nun die Reihe zu tödten an Juancho. Er wendete sich zu der Loge des Ayuntamiento, machte den vorgeschriebenen Gruß, stellte die übliche Frage und warf seinen Montera mit der coquettesten Prahlerei in die Luft. Plötzlich entstand tiefes Schweigen in der für gewöhnlich so lärmenden Versammlung; die Erwartung drückte jede Brust.

Der Stier, welchen Juancho tödten sollte, gehörte zu den furchtbarsten; man verzeihe es uns, wenn wir, mit Andreas und Militona beschäftigt, nicht schon seine einzelnen Heldenthaten aufgezählt haben: Sieben Pferde, die mit aufgerissenem Bauche an den verschiedenen Orten, wo der Tod sie ereilt hatte, umherlagen, bewiesen seine Kraft und seine Wuth. Die beiden Picadores hatten sich, beinahe verstümmelt, und erschöpft durch wiederholte Stürze, zurückgezogen, und der Sobre-saliente (Ersatzmann) wartete, im Sattel und die Lanze in der Faust, darauf, seine dienstunfähigen Chefs zu vertreten.

Die Chulos hielten sich klüglich in der Nähe der Palissade, den Fuß in dem hölzernen Steigbügel, der dazu diente, sich im Falle der Gefahr hinüberzuschwingen. Der siegreiche Stier schweifte frei in der Arena umher, die hier und da mit großen Blutflecken gefärbt war, welche die Diener nicht mit Sand zu bestreuen wagten, denn der Stier stieß in alle Thüren und warf die todten Pferde, auf die er bei seinem Wege traf, in die Luft.

»Betrage Dich stolz, mein Junge,« sagte ein Aficionado des Volkes zu dem wilden Thiere; »spiele mit Deiner übrigen Zeit, springe, tanze, Du wirst gleich nicht mehr so lustig sein: Juancho wird Dich ruhig machen.«

In der That schritt Juancho auf das gewaltige Thier mit jenem festen, zuverlässigen Schritte zu, vor dem selbst die Löwen zurückweichen.

Verwundert darüber, noch einen Gegner zu erblicken, blieb der Stier stehen, stieß ein dumpfes Geschrei aus, schüttelte den Hals, kratzte die Erde mit seinem Hufe, senkte zwei oder dreimal den Kopf und wich dann einige Schritte zurück.

Juancho war herrlich anzusehen. Sein Gesicht sprach die festeste Entschlossenheit aus; seine Augen, deren Augäpfel, mit Weiß umgeben, funkelnde Sterne von Schmelz zu sein schienen, schossen Strahlen, die den Stier durchbohrten, wie stählerne Pfeile; unwillkürlich wurde er ergriffen durch den Magnetismus, mit dessen Hülfe der Thierbändiger van Amburg' machte, daß die Tiger sich zitternd in den Winkel ihres Käfigs zurückzogen.

Bei jedem Schritte, den der Mann vorwärts that, wich das wilde Thier einen zurück.

Bei diesem Triumph der moralischen Kraft über die rohe, physische, brach das Volk, von Enthusiasmus ergriffen, in wahnsinniges Geschrei aus; Beifallsjubel und Lärm ertönten; die Liebhaber schüttelten mit den Armen die Glocken und Tam-tam, die sie mit zu dem Kampfe bringen, um so viel Lärm als möglich machen zu können. Die Decken krachten unter dem bewundernden Getrampel der oberen Reihen, und der losgerissene Abputz flog in weißlichen Wolken umher.

Der Torero, dem solcher Beifall gezollt wurde, erhob mit Blitzen in den Augen und Freude im Herzen den Kopf zu dem Orte, wo Militona saß, als wollte er ihr die Bravo's widmen, die ihm von allen Seiten huldigend zugerufen wurden.

Der Augenblick war schlecht gewählt. Militona hatte ihren Fächer fallen lassen, und Don Andreas, der sich mit jenem Eifer, ihn aufzuheben beeilte, welcher die geringsten Umstände zu benutzen weiß und der die jungen Leute charakterisirt, welche einen Faden mehr zu der schwachen Kette einer neuen Verbindung hinzuzufügen wünschen, überreichte ihr denselben mit dem Ausdrucke des Glückes und einer galanten Bewegung.

Das junge Mädchen konnte sich nicht enthalten, mit einem freundlichen Lächeln und einer anmuthigen Neigung des Kopfes für die Artigkeit des Don Andreas zu danken. Dieses Lächeln wurde im Fluge von Juancho erhascht; seine Lippen erbleichten, sein Gesicht wurde grün, das Weiß seiner Augen färbte sich roth, seine Hand krampfte sich an dem Griff seiner Muleta, und die Spitze seines Degens, die er gesenkt hielt, stieß krampfhaft drei oder vier Löcher in den Sand.

Der Stier, der nicht mehr durch den bezaubernden Blick beherrscht wurde, näherte sich seinem Gegner, ohne daß dieser daran dachte, sich auszulegen; der Raum, welcher das Thier von dem Menschen trennte, verminderte sich auf entsetzliche Weise.

»Das ist ein Schelm, der sich nicht beunruhigen läßt!« sagten Einige, die Freunde heftiger Aufregung waren.

»Juancho, gieb Acht,« riefen Andere, die menschlicher waren; »Juancho meines Lebens, Juancho meines Herzens, Juancho meiner Seele, der Stier erreicht Dich beinahe!«

Bei Militona war entweder durch die Gewohnheit der Stierkämpfe das Gefühl abgestumpft oder sie hatte unbedingtes Vertrauen in die Gewandtheit Juanchos gesetzt, oder sie hegte nur geringe Theilnahme für Den, den sie so in Unruhe versetzte, genug, ihr Gesicht blieb kalt und heiter, als ob nichts vorgefallen wäre; nur stieg ihr eine leise Röthe in die Wangen und ihr Busen hob die Spitzen ihrer Mantilla etwas rascher.

Das Geschrei der Zuschauer riß Juancho aus seiner Erstarrung; er legte hastig den Körper zurück und bewegte die scharlachrothen Falten seiner Muleta vor den Augen des Stieres.

Der Instinkt der Selbsterhaltung, die Eigenliebe des Gladiatoren, kämpften in der Seele Juanchos mit dem Verlangen, zu beobachten, was Militona that; ein seitwärts gewandter Blick, ein Vergessen von einer Secunde, konnte sein Leben in diesem äußersten Augenblicke in Gefahr bringen. Höllische Lage! Eifersüchtig zu sein, bei dem geliebten Mädchen einen jungen, aufmerksamen und schönen Mann zu sehen, sich in der Mitte eines Circus zu befinden, unter dem Drucke des Blickes von zwölftausend Zuschauern, zwei Zoll von der Brust entfernt die Hörner eines wilden, wüthenden Thieres, das man nur an einem bestimmten Orte und auf eine gewisse Art tödten kann, wenn man nicht entehrt sein will!

Der Torero, welcher wieder Herr der Juridiction geworden war, wie man in der Stierkämpfersprache sagt, stemmte sich fest auf die Hacken und machte mit der Muleta mehrere Bewegungen, um den Stier zu zwingen, den Kopf zu senken.

»Was konnte er, der junge Mensch, ihr sagen, der Schuft, dem sie so freundlich zulächelte?« dachte Juancho, indem er vergaß, daß er einen gefährlichen Gegner vor sich hatte; und unwillkührlich erhob er die Augen.

Der Stier benutzte diese Zerstreuung und sprang auf den Mann zu; dieser, dadurch wie überrascht, that einen Satz rückwärts und mit einer beinahe maschinenmäßigen Bewegung führte er einen Stoß mit seinem Degen; das Eisen drang einige Zoll tief ein, aber auf eine ungünstige Stelle gelangt, traf es auf den Knochen, und geschüttelt durch das wüthende Thier sprang es aus der Wunde mit einem Strom von Blut und fiel unfern davon auf den Boden. Juancho war entwaffnet, und der Stier voll Leben, denn der vergebliche Stoß hatte seine Wuth nur noch gesteigert. Die Chulos eilten herbei und ließen ihre rothen und blauen Tücher flattern.

Militona war erblaßt; die Alte stieß mehrere Ach und Oh aus und seufzte wie ein auf das Trockne gerathener Pottfisch.

Bei dem Anblick der unbegreiflichen Ungeschicklichkeit Juanchos gerieth das Publikum in jenes bedeutende Getöse, durch welches das spanische Volk sich auszeichnet: Es war ein Sturmwind von beleidigenden Zurufungen, Flüchen und Verwünschungen.

»Fuera, Fuera,« schrie man von allen Seiten, »der Hund, der Dieb, der Mörder! Nach den Presidien! Nach Ceuta! – Solch ein schönes Thier zu verderben! Ungeschickter Fleischer! Henker!« und Alles was bei einer solchen Gelegenheit der südliche Ungestüm ersinnen kann, der stets zu dem Aeußersten geneigt ist.

Indeß stand Juancho aufrecht unter dem Strom von Schmähungen, biß sich auf die Lippen und zerriß sich mit der frei gebliebenen Hand die Spitzen seines Jabots. Sein Aermel, aufgeschlitzt durch das Horn des Stieres, ließ an seinem Arme einen langen blaurothen Streifen erblicken. Einen Augenblick taumelte er, und man konnte glauben, er würde fallen, erstickt durch die Gewalt seiner Aufregung; aber er erholte sich schnell, sprang zu seinem Degen, als hätte in seinem Geiste einen Plan gereift, raffte ihn empor, zog ihn unter dem Fuße durch, um die gebogene Klinge wieder gerade zu machen und stellte sich so auf, daß er dem Theile der Arena, wo Militona sich befand, den Rücken wendete.

Auf ein Zeichen, das er gab, führten die Chulos ihm den Stier zu, indem sie ihn mit ihren Tüchern unterhielten, und, diesmal frei von jeder Zerstreutheit, versetzte er dem Stier von oben nach unten nach allen Regeln einen Stoß, den selbst der große Montez de Chiclana gebilligt haben würde.

Der Degen, der hinter dem Schulterblatt des Stieres hineingestoßen worden war, mit dem ein Kreuz bildenden Griffe nach oben, stand zwischen den Hörnern in die Höhe und erinnerte an jene alterthümlichen Kupferstiche, auf denen man den heiligen Hubertus vor dem Hirsche knieen sieht, der zwischen seinem Geweihe ein Crucifix trägt.

Das Thier sank schwer vor Juancho in die Knie, als wollte es dessen Ueberlegenheit huldigen und streckte nach kurzem Todeskampfe die vier Hufe in die Höhe.

»Juancho hat glänzende Genugthuung genommen! Was für ein schöner Stoß! Mir ist er lieber als der Arjonas und Chiclaneros; was denken Sie davon, Sennorita?« sagte Andreas ganz enthusiasmirt zu seiner Nachbarin.

»Um Gotteswillen, mein Herr, richten sie kein Wort mehr an mich,« entgegnete Militona sehr rasch, beinahe ohne die Lippen zu bewegen und ohne den Kopf zu wenden.

Diese Worte wurden mit einem so gebieterischen und zugleich so bittenden Tone gesprochen, daß Andreas wohl sah, es sei nicht das »Endigen Sie« eines Mädchens, welches voll Verlangen wünscht, daß man fortfahren möchte.

Es war nicht die verletzte Schamhaftigkeit des jungen Mädchens, welches sie diese Worte sprechen ließ; die Versuche der Unterhaltung des Don Andreas hatten Nichts, was eine solche Strenge verdiente, und die Manolas, welche die Grisetten von Madrid sind, ohne Uebles von ihnen sagen zu wollen, sind im Allgemeinen nicht so sehr reizbar.

Ein wahres Entsetzen, ein Gefühl der Gefahr, welches Andreas nicht begreifen konnte, tönte durch diese kurzen Worte, die selbst wieder eine Gefahr mehr zu sein schienen.

»Sollte sie eine verkleidete Prinzeß sein?« fragte sich Andreas, der ungewiß war, was er thun sollte. »Schweige ich, so habe ich das Ansehen eines Dummkopfes oder wenigstens eines sehr mittelmäßigen Don Juan; fahre ich fort zu sprechen, so ziehe ich dem schönen Kinde vielleicht einen unangenehmen Auftritt zu. Sollte sie sich vor der Duenna fürchten? Nein; denn die liebenswürdige Hexe hat alle meine Pastillen verzehrt und ist ein wenig meine Mitschuldige; sie ist es also nicht, welche meine Infantin fürchtet. Sollte hier in der Nähe ein Vater, ein Bruder, ein Gemahl oder ein eifersüchtiger Liebhaber sein?«

Unter den Leuten, welche Militona umgaben, war Keiner, der in eine dieser verschiedenen Kategorien gestellt werden konnte; sie hatten gleichgültige Gesichter und offenbar fesselte kein Band sie an die schöne Manola.

Bis zu dem Ende des Kampfes blickte Juancho nicht ein einziges Mal nach der Seite des Tendido und tödtete die beiden Stiere, die noch folgten, mit gleicher Meisterschaft; man zollte ihm eben so wüthend Beifall, wie man ihn ausgepfiffen hatte. Andreas richtete kein Wort weiter an Militona und stand selbst einige Minuten vor Beendigung des Kampfes auf. Wir können indeß nicht sagen, ob er so handelte, weil er es nach jenen Worten, deren ängstlicher und flehender Ton ihn gerührt hatte, für klug hielt, die Unterhaltung nicht wieder anzuknüpfen, oder weil er dazu keine schickliche Veranlassung fand.

Indem er die Stufen hinabeilte, um sich zu entfernen, flüsterte er einem jungen Menschen mit offenem Gesicht und lebhaftem Blick, leise einige Worte zu und verschwand dann.

Als das Publikum sich entfernte, schritt der kleine Schelm ohne Aufsehen und mit dem gleichgültigsten Wesen von der Welt hinter Militona und der Duenna her. Er ließ Beide in ihre Kalesche steigen, und als der Wagen sich auf seinen großen, scharlachrothen Rädern in Bewegung setzte, hing er sich wie ein lustiger Gassenbube mit Händen und Füßen an denselben an und sang aus vollem Halse das Volkslied der Stiere von Puerto.

Der Wagen rollte in einem Wirbel von Staub und Lärm davon.

»Gut,« sagte Andreas zu sich selbst, als er aus einer Allee des Prado, die er schon erreicht hatte, die Kalesche vorüberrollen und den Burschen hinten an derselben hängen sah, »ich werde noch diesen Abend die Adresse des reizenden Geschöpfes erfahren und das Duett Bellinis wird mir dann leicht werden.«


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