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I.

Am Montag im Monat Juni des Jahres 184., dia de tores, wie man in Spanien sagt, ging ein junger Mann von vortheilhaftem Aeußern, allem Anschein nach aber sehr übler Laune, auf ein Haus der San-Bernardostraße in der sehr edlen und sehr heldenmüthigen Stadt Madrid zu.

Aus einem Fenster dieses Hauses ertönte Klaviergeklimper, welches auf sehr sichtliche Weise die Mißstimmung steigerte, die sich in den Zügen des jungen Mannes zeigte. Er blieb vor der Thür stehen, als zögerte er, einzutreten. Indeß faßte er einen heftigen Entschluß, überwand seinen Widerwillen, hob den Hammer und auf das Tönen desselben antwortete im Innern auf der Treppe der kleine, schwerfällige und unbeholfene, aber eilige Schritt des Gallego, welcher kam, ihm zu öffnen.

Man hätte glauben können, daß ein unangenehmes Geschäft, ein abzuschließendes wucherisches Anleihen, eine zu bezahlende Schuld, eine zu erwartende Strafpredigt von einem alten mürrischen Verwandten, diese Wolken auf das von Natur heitere Gesicht des Don Andreas de Salcedo führte.

Dem war aber nicht so.

Don Andreas de Salcedo hatte keine Schulden, brauchte Nichts zu borgen, und da seine Eltern todt waren, erwartete er keine Erbschaft, fürchtete auch keine Vorlesungen eines alten mürrischen Onkels.

Obgleich dieser Umstand eben nicht zum Lobe seiner Galanterie gereichte, sollte Andreas ganz einfach der Donna Feliciana Vasquez de los Rios seinen täglichen Besuch machen.

Donna Feliciana Vasquez de los Rios war eine junge Person von guter Familie, ziemlich hübsch, hinlänglich reich und Don Andreas sollte sie bald heirathen.

Sicherlich lag darin Nichts, was geeignet gewesen wäre, die Stirn eines jungen Mannes von vierundzwanzig Jahren zu verfinstern und die Aussicht, eine oder zwei Stunden mit einer Novia zuzubringen, die nicht über sechzehn April zählte, konnte nichts für die Einbildungskraft Schreckliches zeigen.

Da die üble Laune die Coquetterie nicht verhindert, schüttelte Andreas, der am Fuße der Treppe seine Cigarre weggeworfen hatte, indem er die Treppe hinaufstieg, die weiße Asche ab, welche seinen Rock beschmutzte, strich sich durch die Haare und drehte die Spitze seines Schnurrbartes in die Höhe; er legte auch sein mürrisches Wesen ab, und das hübscheste Lächeln umspielte auf Commando seine Lippen.

»Wenn ihr nur nicht der Gedanke kömmt,« sagte er zu sich selbst, indem er die Schwelle des Zimmers überschritt, »mit mir wieder das abscheuliche Duett von Bellini zu singen, das nie ein Ende nimmt und das zwanzigmal wiederholt werden muß! Ich würde den Beginn des Rennens verfehlen und nicht sehen, was für ein Gesicht der Alguazil schneidet, wenn man dem Stier das Thor öffnet.«

Das war die Besorgniß, welche Don Andreas hegte, und sie war in der That begründet.

Feliciana saß auf einem Tabouret und studirte, leicht vorn übergebeugt, die fürchterliche Partitur, die offen an dem schrecklichen Orte lag. Die Finger ausgespreizt, die Ellenbogen so gehalten, daß sie auf jeder Seite ihrer Taille einen Winkel bildeten, schlug sie auf die Tasten und wiederholte eine schwierige Stelle mit einer Ausdauer, die eines besseren Looses würdig gewesen wäre.

Sie war so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, daß sie das Eintreten des Don Andreas nicht bemerkte, den die Dienerin eingelassen hatte, ohne ihn zu melden, da er der vertraute Bekannte des Hauses und der Zukünftige ihrer Gebieterin war.

Andreas, dessen Schritte durch die Strohmatte von Manilla gedämpft wurden, welche die Ziegelsteine des Fußbodens bedeckte, gelangte bis in die Mitte des Zimmers, ohne die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich gezogen zu haben.

Während Donna Feliciana gegen ihr Piano kämpfte und Don Andreas hinter ihr stehen blieb, ohne zu wissen, ob er den Lärm unterbrechen oder seine Anwesenheit durch ein leises Husten andeuten sollte, ist es vielleicht nicht unzweckmäßig, einen Blick auf den Ort zu werfen, an welchem der Auftritt stattfindet.

Ein matter Anstrich von Wasserfarbe bedeckte die Mauer; Thüren und Fenster waren mit falschen Simsen umgeben. Einige Kupferstiche der dunklen Art, welche aus Paris stammten: Erinnerung und Reue, die kleinen Wilddiebe, Don Juan und Haydée, Mina und Brenda, hingen in der vollkommensten Symetrie an Schnuren von grüner Seide. Kanapee mit schwarzem Roßhaarüberzug, Sessel, deren Lehnen eine Lyra bildeten, eine Komode, ein Tisch von Mahagoni, geschmückt mit Sphinxköpfen (Erinnerungen an die Eroberung Egyptens), eine Pendeluhr, welche die Esmeralda darstellte, wie sie ihrer Ziege den Namen Phöbus schreiben lehrte und neben welcher zwei große Armleuchter standen, vervollständigten das geschmackvolle Meublement.

Vorhänge von Schweizer Mousselin bedeckten die Fenster und zeigten auf eine verhängnißvoll genaue Weise die Muster der Pariser Tapisserien, welche alle Modezeitungen oder lithographirten Hefte bringen.

Diese Vorhänge erweckten, wie man gestehen muß, Bewunderung und allgemeinen Neid.

Es wäre ungerecht, mit Schweigen eine Menge kleiner Hunde von gesponnenem Glas, moderne Porcellangruppen, Körbe von Filigrane, gemischt mit Emailleblumen, Briefhalter von Alabaster und Kästchen aus Spaa zu übergehen, welche die Etageren bedeckten, glänzende Ueberflüssigkeiten, dazu bestimmt, die Leidenschaft Feliciana's für die Künste zu verrathen.

Denn Feliciana war nach französischer Weise erzogen und in der tiefsten Ehrfurcht vor der Tagesmode; auf ihr Verlangen waren daher auch alle alten Möbel aus den Boden verwiesen worden, zum großen Bedauern des Don Geronimo Vasquez, ihres Vaters, eines sehr verständigen, aber schwachen Mannes.

Die zehnarmigen Kronleuchter, die vierflammigen Lampen, die Armstühle mit Juchtenleder überzogen, die Draperien von Damast, die persischen Teppiche, die chinesischen Windschirme, die Uhren, die Meubles von rothem Sammt, die Kästchen von Marqueterie, die schwarzen Gemälde von Orrente und Menendez, die gewaltigen Betten, die massiven Tische von Nußbaumholz, die Büffets mit vier Flügelthüren, die Schränke mit zwölf Fächern, die ungeheuren Blumenvasen, der ganze alte spanische Luxus, hatte dieser modernen Eleganz des dritten Ranges Platz machen müssen, welche die unbefangenen Völker erzeugte, die von civilisatorischen Gedanken ergriffen sind und von denen eine englische Kammerfrau nichts würde wissen wollen.

Donna Feliciana war nach der Mode von vor zwei Jahren gekleidet; es versteht sich von selbst, daß ihr Anzug durchaus nichts Spanisches hatte. Sie besaß in hohem Grade jenen gewaltigen Abscheu vor Allem, was malerisch und charakteristisch ist und durch den sich vornehme Frauen auszeichnen; ihr Kleid von unbestimmter Farbe war besäet mit kleinen, beinahe unsichtbaren Bouquets; der Stoff war von England gebracht und durch die kühnen Contrebandiers von Gibraltar eingeschmuggelt worden; die kupfrigste und zänkischste Bürgersfrau hätte für ihre Tochter keinen andern Stoff gewählt. Eine Pelerine, besetzt mit Valenzienner Spitzen, verhüllte bescheiden die schüchternen Reize, welche der Ausschnitt des Leibchens, der durch das Modebild geboten war, hätte entblößt lassen können; enge Stiefelchen umgaben einen Fuß, der durch Kleinheit und Feinheit seinen Ursprung nicht verleugnete.

Dies war übrigens das einzige Zeichen ihres Stammes, welchen Donna Feliciana bewahrt hatte; im Uebrigen hätte man sie für eine Deutsche oder Französin aus den nördlichen Provinzen halten können; ihre blauen Augen, ihre blonden Haare, ihr rosiger Teint, entsprachen so wenig als möglich dem Gedanken, den man sich allgemein nach den Romanen und den Keepsakes von einer Spanierin macht. Sie trug nie eine Mantilla und hatte nicht den kleinsten Dolch in ihrem Strumpfband. Der Fandango und die Cachucha waren ihr unbekannt. Aber sie zeichnete sich aus in dem Contretanz, dem Rigodon und dem Zweitritt; sie ging nie zu den Stierkämpfen, da sie dieses Vergnügen »barbarisch« fand; dagegen verfehlte sie nie, den ersten Vorstellungen der aus dem Französischen übersetzten Vaudevilles beizuwohnen, die im Theater del Principe gegeben wurden, und den Vorstellungen der italienischen Sänger im Theater del Circo zu folgen. Abends machte sie im Prado eine Spazierfahrt, den Kopf bekleidet mit einem Hut, der direkt aus Paris gekommen war.

Man sieht, daß Donna Feliciana Vasquez de los Rios in allen Punkten eine ausgezeichnete junge Person war.

Das sagte sich auch Don Andreas; nur wagte er es nicht, gegen sich selbst die Meinung dadurch zu vervollständigen, daß er hinzufügte: ausgezeichnet, aber auch ausgezeichnet langweilig!

Man wird fragen, weshalb Don Andreas einem Mädchen, das ihm nur mittelmäßig gefiel, in ehelichen Absichten den Hof machte. Geschah es aus Habgier? Nein. Die Mitgift Feliciana's bildete zwar eine ziemlich runde Summe, hatte aber nichts Verlockendes für Andreas de Salcedo, dessen Vermögen mindestens eben so groß war. Die Heirath war durch die Eltern der beiden jungen Leute verabredet worden und diese hatten keinen Widerspruch erhoben. Vermögen, Geburt, Alter, vertraute Verbindungen der Kindheit, begründete Freundschaft, fanden sich vereinigt. Andreas hatte sich daran gewöhnt, Feliciana als seine Braut zu betrachten. Er schien daher auch nach Hause zurückzukehren, wenn er zu ihr ging; was kann aber ein Mann bei sich anders wünschen, als auszugehen? Er fand überdies, daß Donna Feliciana alle wesentlichen Eigenschaften besaß; sie war hübsch, schlank und blond; sie sprach französisch und englisch und machte den Thee sehr gut. Freilich konnte Don Andreas diesen entsetzlichen Aufguß nicht ausstehen! – Sie tanzte und spielte Klavier. Sie malte auch so ziemlich Aquarell. Gewiß, der Schwierigste hätte nicht mehr verlangen können.

»Ach, Sie sind es, Andreas?« sagte, ohne sich umzuwenden, Feliciana, welche die Anwesenheit ihres Zukünftigen durch das Knarren seiner Schuhe erfahren hatte.

Man wundere sich nicht, eine so wohlerzogene junge Person, wie Feliciana, einen jungen Mann bei seinem Vornamen nennen zu hören; das ist in Spanien nach Verlauf einiger Zeit vertraulichen Umganges der Gebrauch, und die Anwendung des Taufnamens hat dort nicht dieselbe verliebte und compromittirende Bedeutung, wie in Frankreich und Deutschland.

»Sie kommen gerade zur rechten Zeit; ich war damit beschäftigt, das Duett durchzugehen, welches wir diesen Abend in der Tertulia der Marquise von Benavidez singen sollen.«

»Mir scheint, ich bin etwas heiser,« antwortete Andreas.

Und, um seine Behauptung zu rechtfertigen, versuchte er zu husten; sein Husten aber hatte wenig Ueberzeugendes und Donna Feliciana, die durch seine Entschuldigung nicht sehr ergriffen wurde, sagte mit ziemlich unmenschlichem Tone:

»Es wird Nichts sein; wir sollten es noch einmal miteinander singen, um unseres Erfolges gewisser zu sein. Wollen Sie meinen Platz an dem Piano einnehmen und die Gefälligkeit haben, zu accompagniren?«

Der arme Mensch warf einen melancholischen Blick auf die Uhr; es war schon Vier; er konnte einen Seufzer nicht unterdrücken und ließ seine Hände auf das Elfenbein des Klaviers fallen.

Als das Duett ohne zu große Hindernisse beendigt war, richtete Andreas wieder auf die Uhr, an der Esmeralda noch immer ihre Ziege unterrichtete, einen flüchtigen Blick, den Feliciana auffing.

»Die Stunde scheint Sie heute sehr zu interessiren; Ihre Augen verlassen die Uhr nicht.«

»Es ist ein unbestimmter, maschinenmäßiger Blick. – Was kümmert mich die Stunde, wenn ich bei Ihnen bin?«

Und er neigte sich galant nieder auf die Hand Feliciana's, um einen ehrerbietigen Kuß auf dieselbe zu drücken.

»Die übrigen Tage der Woche bin ich überzeugt, daß der Gang des Zeigers Ihnen gleichgültig ist. Am Montag aber ist das ganz etwas Anderes.«

»Und weshalb das, Seele meines Lebens? Verfließt die Zeit nicht immer ebenso schnell, wenn man das Glück hat, mit Ihnen zu musiciren?«

»Der Montag ist der Tag der Stierkämpfe, und, mein theurer Don Andreas, suchen Sie nicht zu leugnen – es wäre Ihnen viel lieber, in diesem Augenblick an dem Thore von Alkala zu sein, als vor meinem Piano zu sitzen. Ihre Leidenschaft für dieses abscheuliche Vergnügen ist also unverbesserlich? Oh, wenn wir verheirathet sind, werde ich es wohl verstehen, Sie zu civilisiren und zu menschlicheren Begriffen zurückzuführen.«

»Ich habe ja nicht die bestimmte Absicht, dem Stierkampfe beizuwohnen – indeß gestehe ich, daß, wenn es Ihnen nicht zuwider wäre – ich habe gestern Arroyo Abrunigal besucht, und es waren dort unter anderen vier Stiere von Gaviria – prachtvolle Thiere! ungeheure Wampen, dürre, schlanke Beine, Hörner wie die Halbmonde! und so wild, so scheu, daß sie einen der beiden Führer der Ochsen verwundet hatten. Ha, was für schöne Stöße jetzt auf dem Platz gegeben werden, wenn die Toreros ein muthiges Herz und eine feste Faust haben!« rief ungestüm Andreas, hingerissen durch seinen Enthusiasmus.

Feliciana hatte während dieser Rede ein außerordentlich geringschätziges Wesen angenommen und sagte zu Don Andreas:

»Sie werden nie etwas Anderes sein, als ein gefirnißter Barbar; Sie verursachen mir Nervenübel mit Ihren Beschreibungen wilder Thiere und ihren Bauchaufschlitzungsgeschichten. – Und Sie sprechen alle diese Greuel mit einem Tone des Jubels aus, als ob das die schönsten Dinge der Welt wären.«

Der arme Andreas senkte den Kopf, denn er hatte, gleich allen andern Spaniern, die albernen philanthropischen Tiraden gelesen, welche Feiglinge und kraftlose Seelen gegen die Stierkämpfe geschrieben haben, eine der edelsten Zerstreuungen, die der Mensch sich machen kann. Er kam sich ein wenig vor wie ein Römer aus der Zeit des Verfalles, ein wenig wie ein Fleischer, ein wenig wie ein Kannibale, aber dennoch hätte er gern den ganzen Inhalt seiner Börse Dem gegeben, der ihm die Mittel geliefert hätte, einen ehrlichen Rückzug anzutreten, um noch zu rechter Zeit zu der Eröffnung des Kampfes zu kommen.

»Nun,« mein lieber Andreas,« sagte Feliciana mit einem halb spöttischen Lächeln, »ich mache keinen Anspruch darauf, gegen diese fürchterlichen Stiere von Gaviria zu kämpfen; ich will Sie nicht eines Vergnügens berauben, welches für Sie so groß ist; Ihr Körper ist hier, Ihre Seele aber ist in dem Circus; gehen Sie; ich bin barmherzig und gebe Ihnen Ihre Freiheit unter der Bedingung, daß Sie zu rechter Zeit bei der Marquise von Benavidez sind.«

Mit einem Zartgefühl des Herzens, welches seine Güte bewies, wollte Andreas nicht auf der Stelle von der Erlaubniß Gebrauch machen, die Feliciana ihm ertheilt hatte; er plauderte noch einige Minuten und entfernte sich dann langsam, wie unwillkührlich zurückgehalten durch den Zauber der Unterhaltung.

Er ging mit abgemessenen Schritten, bis er um die Ecke der Calle ancha des San-Bernardo gebogen war, um in die Calle de la Luna einzutreten. Ueberzeugt, jetzt von dem Balkon seiner Verlobten aus nicht mehr gesehen zu werden, nahm er einen Schritt an, der ihn bald nach der Straße des Desengaño bringen mußte.

Ein Fremder würde mit Staunen bemerkt haben, daß Alle nach derselben Seite gingen; Alle gingen, Keiner kam. Dieses Phänomen in der Bewegung der Stadt zeigte sich jedem Montag von vier bis fünf Uhr.

Nach einigen Minuten war Andreas bei dem Brunnen, welcher den Kreuzweg bezeichnet, in welchem die Straßen San-Luiz, Fuencarral und Ortaleza zusammentreffen.

Er kam näher.

Als er die Calle des Caballero de Gracia franchie durchschritten hatte, trat er in die prachtvolle Alcalastraße, welche sich erweitert, indem sie sich dem Thore der Stadt zuzieht, wie ein Fluß, der sich dem Meere nähert.

Ihrer ungeheuren Breite ungeachtet, war diese schöne Straße, um welche Paris und London Madrid beneiden könnten und die zu beiden Seiten mit prachtvollen Gebäuden von glänzender Weiße besetzt ist, bis zum Rande mit einer dichten, bunten, wimmelnden, immer enger zusammengepreßten Menge angefüllt.

Fußgänger, Reiter, Wagen kreuzten, drängten, stießen sich, umgeben von Staubwolken; lustiges Geschrei und Flüche ertönten; die Caleseros fluchten wie besessen; die Stöcke dröhnten auf dem Rücken widerspenstiger Rosse; die Schellen, welche büschelweise an den Maulthieren hingen, machten einen betäubenden Lärm; die beiden Hauptflüche der spanischen Sprache wurden von einer Gruppe der andern zugeschleudert wie Federbälle.

In diesem menschlichen Ocean erschienen von Strecke zu Strecke, gleich Pottfischen, die Carrossen aus der Zeit Philipps IV., mit erloschenen Vergoldungen, erblichenen Farben und gezogen von vier antediluvianischen Thieren; Halbchaisen, welche zur Zeit Manuel Godoïs sehr elegant gewesen waren, schaukelten auf ihren entkräfteten Federn, schmachvoller beschädigt wie die Coucous in der Umgebung von Paris und zur Unthätigkeit verurtheilt durch die Concurrenz der Eisenbahnen.

Dagegen drangen, wie um die moderne Zeit zu vertreten, die Omnibusse, bespannt mit sechs oder acht Maulthieren, die durch einen Hagel von Peitschenhieben im Galopp erhalten wurden, durch die Menge, die erschrocken zurückwich unter die verkrüppelten Bäume, mit denen die Alcalastraße von dem Brunnen der Cybèle bis zu der Triumphpforte, die zu Ehren Karl's III. errichtet wurde, besetzt ist.

Nie ist eine Postchaise bei fünf Francs Trinkgeld in den Zeiten, in denen die Posten noch gingen, so geflogen. Diese wunderbare Schnelligkeit wird dadurch erklärt, daß die Omnibusse in Madrid jede Woche nur zwei Stunden fahren: die Stunde vor und die Stunde nach dem Stierkampfe. Die Nothwendigkeit, mehrere Fahrten in geringer Zeit zu machen, zwingt die Conducteure durch Peitschenhiebe bei ihren Maulthieren die möglichste Schnelligkeit zu erreichen, und man muß gestehen, daß diese Nothwendigkeit vortrefflich mit ihrer Neigung übereinstimmte.

Andreas ging mit jenem raschen, lebhaften Schritte, der den Spaniern, den besten Fußgängern der Welt, eigenthümlich ist und spielte lustig in seiner Tasche mit dem Billet des sombra (Platz im Schatten), welches er zwischen einigen Douros und kleinen Geldstücken trug. Die Eleganz der Logen verschmähend, zog er es vor, sich auf die Seile zu stützen, die den Stier abhalten sollen, unter die Zuschauer zu springen, und setzte sich dabei der Gefahr aus, Arm an Arm mit der Jacke eines Bauern zu stehen und sich den Rauch der Cigarre eines Manolos in die Haare blasen zu lassen. Denn von diesem Platze aus verliert man keinen von den näheren Umständen des Kampfes und man kann hier alle Stöße ihrem wahren Werthe nach schätzen.

Ungeachtet seiner bevorstehenden Verheirathung, beraubte Don Andreas sich keineswegs der Zerstreuung, nach den mehr oder minder durch Mantilla's von Spitzen, Sammt oder Taffet verhüllten Gesichtern zu blicken. Selbst wenn irgend eine Schönheit vorüberging, welche den Fächer wie einen Sonnenschirm an der Wange geöffnet hielt, um sich gegen die scharfen Liebkosungen des kühlen Windes zu schützen, beschleunigte er den Schritt und wandte sich dann ohne Geziertheit zurück, um mit Muße die Züge zu betrachten, die man ihm verborgen hatte.

An diesem Tage hielt Don Andreas seine Revue sorgfältiger wie gewöhnlich; er ließ kein wahrscheinlich hübsches Gesicht vorübergehen, ohne ihm seinen forschenden Blick zuzuwerfen. Man hätte glauben können, er suche unter der Menge Jemand.

Der strengen Moral nach sollte ein Bräutigam nicht bemerken, daß es außer seiner Novia noch andere Frauenzimmer auf der Welt gibt; aber diese gewissenhafte Treue ist anderwärts als in den Romanen sehr selten zu finden und obgleich Don Andreas weder von Don Juan Tenorio, noch von Don Juan de Marana abstammte, wurde er nach dem Stierplatze nicht durch den bloßen Reiz der schönen Stöße des Luca Blanco und des Neffen des Montez gelockt.

Am vorhergehenden Montag hatte er bei dem Kampfe auf den Bänken des Tendido einen jungen Mädchenkopf von seltener Schönheit und besonderem Ausdrucke gesehen. Die Züge dieses Gesichtes hatten sich mit außerordentlicher Schärfe in sein Gedächtniß eingegraben, wenn man die kurze Zeit in Erwägung zieht, die er sie betrachten konnte. Es war nur ein flüchtiges Zusammentreffen, welches keine tieferen Spuren hinterlassen hatte, als ein im Vorübergehen betrachtetes Bild, denn kein Wort, kein Zeichen des Einverständnisses, war zwischen Andreas und der jungen Manola (sie schien dieser Klasse anzugehören) ausgetauscht worden, denn sie wurden durch einen Raum mehrerer Bänke von einander getrennt. Andreas hatte überdies keinen Grund, zu glauben, daß das junge Mädchen ihn und seine Bewunderung bemerkt hätte. Ihre Augen, fest auf die Arena gerichtet, hatten sich nicht einen Augenblick von dem Schauspiel abgewendet, für welches sie ausschließlich Interesse zu empfinden schien.

Es war daher ein Eindruck, den er auf der Schwelle des Orts selbst, wo er ihn empfangen, wieder hätte vergessen sollen. Indeß war das Bild des jungen Mädchens mehrmals vor seinem inneren Auge wieder erschienen und hatte sich Andreas lebendiger und ausdauernder gezeigt, als es hätte sein sollen.

Am Abend verlängerte er ohne Zweifel bewußtlos seinen Spaziergang, den er gewöhnlich auf den Salon des Prado beschränkte, in welchem auf Reihen von Stühlen die Mode von Madrid sich zeigte, bis jenseits des Brunnens von Alcachofa, unter die schattigen Alleen, welche von den Manolas des Platzes Lavapiez besucht werden. Eine unbestimmte Hoffnung, seine Unbekannte wieder zu finden, ließ ihn von seinen Gewohnheiten eines Elegants abweichen.

Ueberdies hatte er bemerkt, und das war ein bedeutungsvolles Symptom, daß die blonden Haare Feliciana's gegen das Licht eine eigenthümliche Färbung annahmen, die nur mit großer Mühe durch cosmetische Mittel beseitigt wurde, was er bis zu diesem Tage noch niemals bemerkt hatte; ebenso fiel es ihm auf, daß ihre mit hellen Wimpern eingefaßten Augen keinen Ausdruck hatten, als den der bescheidenen Langeweile, welche die jungen wohlerzogenen Personen so gut kleidet, und er gähnte unwillkürlich, indem er an die Süßigkeiten dachte, welche Hymen ihm vorbehielt.

In dem Augenblick, als Andreas unter einem der Gewölbe des Thores von Alcala hindurchging, spaltete eine Kalesche unter einem Concert von Verwünschungen und Gepfeife die Menge; denn so empfängt in Spanien das Volk Alles, wodurch es in seinem Vergnügen gestört wird und was als ein Angriff auf die Herrschaft des Fußgängers erscheint.

Diese Kalesche war von der ergötzlichsten Uebertreibung; der Kasten, getragen von zwei gewaltigen scharlachrothen Rädern, verschwand unter einer Menge von Amouretten und anacreontischen Attributen, wie Lyra, Tambourins, von Pfeilen durchbohrten Herzen, schnäbelnden Tauben, die in einer fernen Zeit durch einen Pinsel ausgeführt sein mußten, welcher mehr keck als gewandt war.

Das Maulthier, dessen halber Körper geschoren war, schüttelte den mit Federn geschmückten Kopf, an dem eine Menge von Schellen und Glöckchen hing. Der Sattler, welcher das Geschirr geliefert, hatte sich einer unglaublichen Ausschweifung in Verzierungen von Posamentierarbeit, Nähterei, Rosetten und Schleifen aller Farben hingegeben. Von Ferne hätte man den so verzierten Kopf des Maulthieres für ein wanderndes Blumenbouquet halten können.

Ein Kutscher von wildem Aussehen, in Hemdärmeln, einen Mantel von Astrachanfell über die Schulter geworfen, saß seitwärts auf der Leiter und hieb mit dem Peitschenstiele auf den knochigen Rücken seines Thieres, welches darauf mit neuer Wuth vorwärts jagte.

Eine solche Kalesche hat am Montag an dem Alcalathore an und für sich Nichts, was eine besondere Beschreibung verdiente oder Aufmerksamkeit erregte, und wenn diese durch eine besondere Erwähnung geehrt wird, so geschieht es, weil bei dem Anblick derselben die angenehmste Ueberraschung sich auf dem Gesichte des Don Andreas malte.

Es ist nicht üblich, daß ein Wagen leer nach dem Stierplatze fährt; die Kalesche enthielt daher auch zwei Personen.

Die erste derselben war eine alte, kleine, dicke Frau, schwarz gekleidet nach alter Mode und deren um einen Daumen breit zu kurzes Kleid den Saum eines gelben Unterrocks blicken ließ, wie ihn die Bäuerinnen in Castilien tragen; dieses ehrwürdige Geschöpf gehörte jener Gattung von Weibern an, die man in Spanien tia Pelona, tia Blasia, je nach ihrem Namen, nennt, wie Mutter Michel, Mutter Godichon in der Welt, welche Paul de Kock so gut beschreibt. Ihr breites, aufgedunsenes, bleiches Gesicht würde zu den allergemeinsten gehört haben, wenn nicht zwei kohlschwarze Augen, umgeben von einem breiten dunklen Rande und zwei dunklen Bärtchen auf der Oberlippe, dieser Gemeinheit einen gewissen wilden und derben Ausdruck verliehen hätten, welcher der Duenna der guten alten Zeit würdig war. Obgleich das Alter der Liebe schon längst für sie verschwunden war, wenn es jemals bestanden hatte, hüllte sie nichtsdestoweniger ihre Ellenbogen in ihre Mantilla von schwarzem Wollenzeug, besetzt mit Sammt, und bewegte mit einer gewissen Coquetterie und ziemlicher Anmaßung einen großen Fächer von grünem Papier.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Anblick dieser liebenswürdigen Gefährtin den Blitz der Zufriedenheit auf das Angesicht des Don Andreas rief.

Die zweite Person war ein junges Mädchen von sechzehn bis achtzehn Jahren, eher sechzehn als achtzehn; eine leichte Mantilla von Tafft, auf einen hohen Schildkrotkamm gesteckt, den eine breite Flechte korbartig geflochtener Haare umgab, schloß ihr reizendes Gesicht ein, das eine kaum bemerkbare olivenfarbige Blässe zeigte. Ihr Fuß, der vorgestreckt und von beinahe chinesischer Kleinheit war, zeigte einen feinen Atlasschuh mit Bandschleife und den Anfang eines seidenen Strumpfes mit farbigen Zwickeln. Eine ihrer zarten und feinen, wenn auch etwas gebräunten Hände, spielte mit den breiten Spitzen der Mantilla, und die andere, die sich auf ein Battisttaschentuch lehnte, ließ einige silberne Ringe blitzen, den reichsten Schatz ihres Manolaschmuckes; Knöpfe von Schmelz funkelten an ihrem Aermel und vervollständigten dieses streng spanische Costüm.

Andreas hatte den köstlichen Kopf erkannt, dessen Erinnerung ihn seit acht Tagen verfolgte.

Er verdoppelte seine Schritte und gelangte zu gleicher Zeit mit der Kalesche zu dem Eingange des Stierplatzes. Der Fuhrmann hatte das Knie zur Erde gesenkt, wie um der schönen Manola zum Fußtritt zu dienen, und diese stieg herab, indem sie sich leise mit den Fingerspitzen auf seine Schulter stützte. Das Herabsteigen der Alten war schwieriger, wurde aber dennoch endlich glücklich bewirkt und die beiden Frauen, gefolgt von Andreas, gingen die hölzerne Treppe zu den Bänken hinauf.

Der Zufall hatte mit Galanterie die Nummern der Sitze so vertheilt, daß Don Andreas an der Seite der jungen Manola seinen Platz bekam.


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