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VII.

Bis zum Absatz des ersten Geschosses gelangt, blieb Juancho taumelnd und außer sich stehen, wie versteinert; er fürchtete sich vor sich selbst und den schrecklichen Dingen, die kommen würden. Hunderttausend Gedanken durchkreuzten seinen Kopf binnen vier Minuten. Sollte er sich damit begnügen, seinen Nebenbuhler mit den Füßen zu treten und ihm das auszupressen, was ihm von seinem verabscheuungswerthen Athem noch blieb? Sollte er Militona tödten, oder das Haus in Brand stecken? Er schwamm in einem Ocean fürchterlicher, unsinniger, wilder Pläne. Während eines kurzen Blitzes der Vernunft stand er auf dem Punkte wieder hinabzugehen und hatte sogar schon eine halbe Wendung des Körpers gemacht, aber die Eifersucht drückte ihm auf's Neue ihren vergifteten Stachel in das Herz und er ging die steile Treppe wieder hinauf.

Zuverlässig wäre es schwer gewesen, eine kräftigere Natur zu finden, wie die Juancho's: ein Hals, rund wie eine Säule und fest wie ein Thurm, vereinigte seinen mächtigen Kopf mit seinen athletischen Schultern; Nerven von Stahl kreuzten sich auf seinem unbiegsamen Arme; seine Brust hätte den Marmorbrüsten der Gladiatoren des Alterthums trotz bieten können; mit einer Hand hätte er einem Stier das Horn ausgerissen, und dennoch brach die Gewalt des moralischen Schmerzes alle diese physischen Kräfte. Der Schweiß badete seine Schläfe, seine Füße brachen unter ihm, das Blut stieg ihm zu Kopfe und Flammen zuckten ihm vor den Augen. Mehrmals war er gezwungen, sich an die Brüstung zu halten, um nicht wie ein lebloser Körper die Treppe hinabzustürzen, so grausame Schmerzen stand seine Seele aus.

Auf jeder Stufe wiederholte er, die Zähne knirschend wie ein wildes Thier:

»In ihrer Stube! – In ihrer Stube! –« und unwillkürlich öffnete und schloß er sein langes albacetisches Messer, welches er aus dem Gürtel gezogen hatte.

Endlich gelangte er zu der Thür und hier lauschte er, den Athem anhaltend.

Alles war ruhig im Innern des Stübchens, und Juancho hörte nichts mehr, als das Brausen seiner Adern, als die dumpfen Schläge seines Herzens.

Was ging denn in diesem schweigenden Gemache hinter dieser Thür vor, dem schwachen Wall, der ihn von seinem Feinde trennte? Ohne Zweifel beugte Militona mitleidig und in zärtlicher Besorgniß sich über den Verwundeten hinab, um über dessen Schlaf zu wachen und seine Leiden zu mildern.

»Ha!« sagte er zu sich selbst, »hätte ich gewußt, daß nur ein Messerstoß in die Brust nöthig wäre, um Dir zu gefallen und Dich zu rühren, so würde ich ihn nicht ihm, sondern mir selbst gegeben haben; in diesem verhängnißvollen Kampfe hätte ich mich absichtlich blosgestellt, um sterbend vor Deinem Hause niederzusinken. Aber Du würdest mich auf dem Pflaster haben liegen lassen, ohne mir in meinem Todeskampfe Beistand zu bringen, denn ich bin kein schöner Herr mit weißen Handschuhen und im zierlichen Rocke!«

Dieser Gedanke weckte aufs Neue seine Wuth und er klopfte heftig an.

Andreas erbebte auf seinem Schmerzenslager; Militona, die neben seinem Bette saß, sprang leichenblaß in die Höhe, wie durch eine Feder emporgeschnellt; die Tia Aldonza wurde grün und schlug ein Kreuz, indem sie ihren Daumen küßte.

Der Schlag war so kurz, so stark, so gebieterisch, daß es unmöglich schien, nicht zu öffnen. Noch ein solcher Schlag und die Thür stürzte nach innen herein.

So schlagen die Marmorgäste, die Gespenster, die man nicht verjagen kann, alle verhängnißvollen Wesen, an: Die Rache mit ihrem Dolche, die Gerechtigkeit mit ihrem Schwerte.

Die Tia Aldonza öffnete die Thürklappe mit zitternder Hand und erblickte durch das kleine Loch den Kopf Juancho's.

Der Kopf der Medusa würde keine fürchterlichere Wirkung auf die arme Alte hervorgebracht haben; sie wollte rufen, aber kein Ton entrang sich ihrer zusammengeschnürten Kehle; mit ausgestreckten Fingern, mit stieren Blicken, mit geöffnetem Munde, stand sie da wie in Stein verwandelt.

Freilich hatte der Kopf des Torero in solcher Umrahmung nichts Beruhigendes. Ein rother Schein umgab seine Augen; er war leichenblaß, und seine Backenknochen, aus denen das Blut gewichen war, erschienen wie zwei weiße Flecken; seine weitgeöffneten Nasenlöcher zitterten, wie die der wilden Thiere, welche eine Beute wittern; seine Zähne bissen auf seine Lippen, die unter den Eindrücken derselben schon geschwollen waren. Die Eifersucht, die Wuth und die Rachgier kämpften in diesem entstellten Gesichte.

»Unsere liebe Frau von Almudena,« murmelte die Alte, »wenn Du uns aus dieser Gefahr errettest, so will ich ein neuntägiges Fasten halten und Dir eine Festkerze mit Sammtgriff widmen«

So muthig Andreas auch war, empfand er doch jenes Gefühl des Unbehagens, von dem selbst die entschlossensten Männer ergriffen werden, wenn sie sich einer Gefahr gegenüber erblicken, gegen die sie vertheidigungslos sind; er streckte unwillkürlich die Hände aus, wie um eine Waffe zu suchen.

Als Juancho sah, daß man ihm nicht öffnete, stemmte er seine Schultern gegen die Thür; die Angeln krachten und der Kalkabputz fing an, rings um den Rahmen und das Schloß abzufallen.

Militona stellte sich vor Andreas und sagte mit fester, ruhiger Stimme zu der Alten, die beinahe wahnsinnig vor Schreck war:

»Aldonza, öffnet; ich will es!«

Aldonza zog den Riegel zurück, drängte sich gegen die Mauer, zog die Thür vor sich, um sich zu decken, wie der Thierwärter, der einen Tiger in die Arena einläßt, oder der Stierbursche, der einem Thiere von Gaviria oder Colmenar die Freiheit gewährt.

Juancho, der mehr Widerstand erwartete, trat langsam ein, etwas verwirrt darüber, auf kein Hinderniß gestoßen zu sein. Aber ein Blick, den er auf Andreas warf, welcher auf dem Bette Militona's lag, gab ihm seinen ganzen Zorn zurück.

Er ergriff die Thürklinke, an welcher die Tia Aldonza, welche ihren letzten Augenblick gekommen glaubte, sich mit aller Kraft anklammerte und schloß sie, ungeachtet aller Bemühungen der armen Frau. Dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Thür und kreuzte die Arme über der Brust.

»Großer Gott!« murmelte die Alte zähneklappernd; »er wird uns alle Drei niedermetzeln. Wenn ich zum Fenster hinaus nach Hülfe riefe?«

Sie that einen Schritt in der Richtung, aber Juancho, der ihre Absicht errieth, faßte sie bei ihrem Kleide und warf sie mit einer rauhen Bewegung wieder gegen die Mauer, indem er ein Stück ihres Rockes in der Hand behielt.

»Hexe, versuche nicht zu schreien, oder ich drehe Dir den Hals um, wie einer Henne, und schicke Deine alte Seele zum Teufel! Stelle Dich nicht zwischen mich und den Gegenstand meines Zornes, oder ich zermalme Dich, ehe ich ihn erreiche.«

Indem er dies sagte, zeigte er auf Andreas, der schwach und bleich war und es versuchte, den Kopf ein wenig von dem Kissen zu erheben.

Die Lage war entsetzlich; der Auftritt hatte kein Geräusch gemacht, welches die Nachbarn beunruhigen konnte. Uebrigens hätten diese auch, zurückgehalten durch die Furcht, welche Juancho allgemein einflößte, sich wahrscheinlich eher bei sich eingeschlossen, als daß sie auf den Gedanken gekommen wären, sich in einen solchen Streit zu mischen. Die Polizei oder die bewaffnete Macht herbeizuholen, erforderte viel Zeit, und es hätte dazu Jemand außerhalb des Zimmers davon benachrichtigt sein müssen, denn aus dem verhängnißvollen Gemache zu entfliehen, daran war nicht zu denken.

Der arme Andreas, der schon von einem Messerstoß getroffen war, den der Verlust des Blutes geschwächt hatte, der keine Waffen besaß, und außer Stand gewesen wäre, sich derselben zu bedienen, hätte er sie gehabt, den die Verbände und die Decke einengten, sah sich daher auch der Gnade eines rohen Menschen preisgegeben, welcher von Eifersucht und Wuth trunken war. Keine menschlichen Mittel konnten ihn retten; und das Alles war nur, weil er bei dem Stierkampfe das Gesicht einer schönen Manola angesehen hatte. Man darf glauben, daß er in diesem Augenblicke das Piano, den Thee und die prosaischen Sitten der Civilisation herbeiwünschte. Dennoch richtete er einen flehenden Blick auf Militona, als wollte er sie bitten, keinen unnützen Kampf zu versuchen, und er fand sie so strahlend schön in der Blässe ihres Schreckens, daß er selbst um diesen Preis nicht bös darüber war, sie gekannt zu haben.

Sie stand da, eine Hand gestützt auf dem Bettrande des Don Andreas, den sie vertheidigen zu wollen schien, und die andere ausgestreckt mit einer Bewegung der höchsten Majestät gegen die Thür.

»Was wollen Sie hier, Mörder?« sagte sie zu Juancho mit helltönender Stimme. »Es liegt nur ein Verwundeter in diesem Gemache, in welchem Sie einen Liebhaber suchen! Gehen Sie auf der Stelle. Fürchten Sie nicht, daß die Wunde in ihrer Gegenwart wieder blutet? Ist es nicht genug, zu tödten, wollen Sie auch noch morden

Das junge Mädchen betonte dieses Wort auf eine eigenthümliche Weise und begleitete es mit einem so tiefen Blick, daß Juancho verwirrt wurde, erröthete und erblaßte, und daß sein wildes Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm. Nach kurzem Schweigen sagte er mit stotternder Stimme:

»Schwöre mir bei den Reliquien von Monte-Sagrado und bei dem Bilde unserer lieben Frau del Pilar, bei Deinem Vater, der ein Held, bei Deiner Mutter, die eine Heilige war, daß Du diesen jungen Mann nicht liebst und ich entferne mich augenblicklich!«

Andreas erwartete mit Besorgniß die Antwort Militona's.

Sie antwortete nicht.

Ihre langen schwarzen Wimpern senkten sich und ihre Wange färbte eine kaum merkliche Röthe.

Obgleich dies Schweigen ein Todesurtheil für ihn sein konnte, fühlte Andreas, der die Antwort Militona's voll Angst erwartet hatte, sein Herz voll unbeschreiblicher Befriedigung erfüllt.

»Wenn Du nicht schwören willst,« fuhr Juancho fort, »so gib mir einfach die Versicherung; ich will Dir glauben, Du hast nie gelogen; aber Du schweigst und ich muß ihn tödten!« – Er trat auf das Bette zu, sein Messer geöffnet: – »Du liebst ihn?«

»Nun wohl, ja,« rief das junge Mädchen mit funkelnden Augen und mit in erhabenem Zorn bebender Stimme. »Wenn er wegen mir sterben soll, so wisse er wenigstens, daß er geliebt wird; er nehme in sein Grab dieses Wort mit, welches sein Lohn und Deine Marter sein wird.«

Juancho war mit einem Satze neben Militona, deren Arm er heftig ergriff.

»Wiederhole nicht, was Du so eben sagtest, oder ich stehe nicht mehr für mich selbst ein; ich werfe Dich mit meiner Navaja in dem Herzen auf den Körper dieses Stutzers.«

»Was kümmert Das mich?« rief das muthige Kind. »Glaubst Du, daß ich leben werde, wenn er stirbt?«

Andreas versuchte mit gewaltiger Anstrengung, sich in dem Bette aufrecht zu setzen. Er wollte schreien; rother Schaum trat ihm auf die Lippen; seine Wunde hatte sich wieder geöffnet; er sank ohnmächtig auf sein Kissen zurück.

»Wenn Du nicht gehst,« sagte Militona, indem sie Andreas in diesem Zustande erblickte, »dann werde ich glauben, daß Du ein nichtswürdiger und feiger Mensch bist; ich werde glauben, Du hättest Dominquez retten können, als der Stier auf seiner Brust kniete, und Du hättest es nicht gethan, weil Du auf niedrige Weise eifersüchtig warst.«

»Militona! Militona! Du hast das Recht, mich zu hassen, obgleich nie ein Weib von einem Mann so geliebt worden ist, wie ich Dich liebe; aber Du hast nicht das Recht, mich zu verachten. Nichts konnte Dominquez dem Tode entreißen!«

»Willst Du nicht, daß ich Dich wie einen Mörder betrachten soll, dann entferne Dich augenblicklich.«

»Ja, ich will warten, bis er genesen ist,« erwiederte Juancho mit finsterem Ton. – Pflege ihn wohl! – Ich habe geschworen, daß Du Niemand angehören sollst, so lange ich lebe.«

Während dieses Streites hatte die Alte die Thür geöffnet, in der Nachbarschaft Lärm geschlagen und Verstärkungen herbeigeholt.

Fünf oder sechs Männer stürzten sich auf Juancho, der das Gemach verließ, während ein Haufe Muchachos an ihm hing; er schüttelte sie ab und warf sie gegen die Wände, wie ein Stier die Hunde, ohne daß einer ihn beißen oder halten konnte.

Dann schritt er ruhig in das Gewirr der Straßen hinein, welche den Platz Lavapiez umgeben.

Dieser Auftritt verschlimmerte den Zustand des Don Andreas, der von einem heftigen Fieber ergriffen wurde und den ganzen Tag, die Nacht und den folgenden Tag im Delirium lag. Militona wachte bei ihm mit der zärtlichsten Sorgfalt und der liebevollsten Aufmerksamkeit.

Während dessen war es Argamasilla und Covachuelo, wie wir unsern Lesern bereits erzählten, durch ihre außerordentlich verständigen Schritte gelungen, die Entdeckung zu machen, daß der verwundete Manolo der Straße del Povar Niemand Anderes sei, als Don Andreas de Salcedo, und der Alcade des Stadtviertels hatte an Don Geronimo geschrieben, der junge Mann, für den er sich interessirte, wäre wiedergefunden bei einer Manola des Lavapiezplatzes, die ihn halb todt an ihrer Thür gefunden hätte, gekleidet als Majo, ohne daß man wüßte, weshalb?

Feliciana stellte sich bei dieser Nachricht die Frage, ob eine junge Braut in Gesellschaft ihres Vaters oder einer ihr ebenbürtigen Verwandten ihren gefährlich verwundeten Bräutigam besuchen dürfe. Liegt nichts Aergerliches darin, wenn ein junges, wohlerzogenes Mädchen vorzeitig einen Mann im Bette liegen sieht. War dieses Schauspiel, obgleich keusch gemacht durch die Heiligkeit der Krankheit, nicht eines von Jenen, welche eine schamhafte Jungfrau sich versagen muß?

Wenn aber Andreas sich vergessen glauben sollte und darüber vor Kummer stürbe? Das wäre sehr traurig gewesen.

»Mein Vater,« sagte Feliciana, »wir müssen den armen Andreas besuchen.«

»Sehr gern, meine Tochter,« erwiederte der gute Alte, »ich wollte es Dir eben vorschlagen.«


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