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Rede am Grabe des Musketiers Gottfried Gröbel.

Geliebte Zuhörer!
Still gestanden!

Ich Achaz Fridolin von Friedenshold, Kapitän und Kompaniechef im 78. hochlöblichen Infanterie-Regiment, will und werde jetzt am Sarge unsers dahingeschiedenen Kameraden, des Musketiers Gottfried Gröbel – hieß er nicht so, Feldwebel?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Also am Sarge unsres dahingeschiedenen Kameraden, des Musketiers Gottfried Gröbel, vor meiner unterhabenden Kompanie eine kurze passende Rede halten. – In Abwesenheit des Lehrstandes, da unser ehrwürdiger Garnison-Prediger heute auf die Hetzjagd geritten ist, werde ich, des Wehrstandes Mitglied, dessen Funktion übernehmen. Und ich werde es so gut wie einer können! Denn jetzt, wo alles vom Offizier verlangt wird; jetzt, wo er eine Gegend und ein Paar leinene Hosen vermessen, wo er die Böschung eines Berges und die 2/6 Kommißbrot, die der Verstorbene zu gut hatte, und mit denen er mir durch die Lappen ging, muß berechnen können – jetzt sage ich, kann mit demselben Rechte gefordert werden, der Offizier soll auch eine Leichenrede zu halten imstande sein. Und haben wir doch alle oft genug hochzeitliche Reden aus dem Stegreife und noch dazu im Dunkeln, mit vieler Wirkung abgehalten, warum nicht auch einmal eine Grabrede? – Überdem hat der Major es mir aufgetragen – und dies ist der schlagendste Grund. Was unser Vorgesetzter uns heißt, muß geschehen! Will er mich reiten –so lasse ich mich satteln; befiehlt er, daß ich Dampfmaschinen bauen soll – so werde ich gehorchen. Ist's nicht wahr, Feldwebel?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Nun wohl. – Um also auf meinen Gegenstand zurückzukommen, und dem entschlummerten Musketier die letzte Ehre zu erweisen, will ich diese Rede in drei Abteilungen zerfällen, wie denn

die Erste sich: über die wirklichen oder doch denkbaren Verdienste des Entschlafenen ausläßt,
die Zweite: von der glücklichen Lage des gemeinen Soldaten, und
die Dritte von dem Nutzen des Soldaten im Frieden überhaupt handelt.

Das bisher Gesagte möge als Exordium dienen.

Zuerst also laßt mich die wirklichen oder doch leicht möglichen Verdienste des verstorbenen Musketiers Gottfried Gröbel beleuchten! – Ein weites Feld für die blühende Beredsamkeit eines Bourdaloue, Flechier, Massillon, eines Bossuet! Ein um so weiteres Feld, da benannte Redner im vorliegenden Falle unbedingte Freiheit gehabt hätten, ihrer Einbildungskraft Raum zu geben, und auf Kosten der unbedeutenden Wahrheit, des ziemlich obskuren Seligen Lob posaunen zu dürfen! Ein um so dankbarerer Gegenstand, weil niemand ihre Oraisons funèbres kritisiert oder widerlegt haben würde, indem niemand, und sie am wenigsten, den Toten kannten! – Aber, geht es mir nicht eben so? Genieße ich nicht denselben Vorteil? Auch ich kannte ihn nur wenig oder gar nicht, und dies Wenige nur aus dem Nationale, welches ich jetzt vorzulesen gedenke. – Feldwebel, das Nationale! –

»Zu Befehl, Herr Hauptmann! –«

So höre denn, geliebte, unterhabende Kompagnie: Name: Gottfried Dröbel, Geburtsort: Nieder-Floriansdorf bei Deckelstädt. Konfession: Evangelisch, Alter: 21 Jahr, 4 Monat, Dienstzeit: 1 Jahr, 7 Monat. Straf-Verzeichnis: 8 Tage strenger Arrest, wegen Verdachts des Diebstahls. Bemerkungen: Nichts.

Nur wenigen Stoff, teure geldbringende Kompagnie, bietet obiger Lebensabriß des Verstorbenen dar, wenige Stützpunkte, um seiner bleichen Hülle ein oratorisches Denkmal setzen zu können – aber auch dieses Wenige verschmäht der denkende Mann nicht, und bekleidet, dem Geschichtsforscher gleich, dem eben so wenig, und wohl gar noch weniger, von dem Leben mächtiger Fürsten gegeben ist, und der dessenungeachtet gewichtige Bände über ihre wirkliche oder doch denkbare Verdienste zusammenstellt, das magere Gerippe mit dem leuchtenden Schmucke der Beredsamkeit, so daß der staunende Zuhörer schon jetzt den Nimbus der Verklärung um das Haupt des Ex-Musketen-Trägers zu erblicken vermeint, und sich an der Nase zupft, um zu wissen, ob er wache, ob er träume! – Ich sage nicht, wie irgend ein veralteter, und mit Recht schon längst in Verruf gekommener Dichter von seinem Helden: «Er lebte, nahm ein Weib, und starb!« – So wohlfeilen Kaufes kommt der verewigte Gröbel nicht weg: Man höre:

Gottfried Gröbel, der eheliche oder uneheliche Sohn eines biedern, rechtschaffenen Dreschgärtners, Kossaten, Häuslers, Kotsassen, oder eines ähnlichen Lumpenkerls, erblickte in ländlicher Stille und Abgeschiedenheit in dem Dörflein Nieder-Floriansdorf das Licht. Ohne Sorgen, ohne Kummer, fern von dem prunkenden Gewühl der Welt und ihrem trügerischen Schimmer, fern von Paraden und Doktor-Disputationen, von Kongressen und Dejeuners dansants, flossen die ersten Tage seiner Kindheit still, wie ein Bächlein über Silbersand, dahin. – Feldwebel, war das nicht schön gesagt?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Doch so wie dieses Bächlein sich bald in den schlammigen Ententümpel ergießt, und sodann das mächtige Getriebe der Mühlräder bewegt, so wurde der Entschlafene auch gar bald dem schuldlosen Traume der Kindheit entrissen, um in des praktischen Lebens Morast sich zu tauchen, und als thätiger Bürger des Staats aufzutreten und getreten zu werden. Er bezog die Universität des Dorfes in seinem sechsten Lebensjahre, und brachte es in des Winters kurzen Tagen – denn im Sommer mußte unser Student Gänse hüten – in dem kurzen Zeitraum, der zwischen erwähnten sechsten und dem vierzehnten Lebensjahre liegt, in dieser, unter Prügeln und Erbsenknieen, Pferdeschwemmen und Äpfelstehlen, schnell in das Meer der Ewigkeit geflossenen Zeit, durch lebendige Auffassungsgabe und durchdringende, zweckmäßig geleitete Verstandeskräfte so weit, daß er des Vater-Unsers inhaltsschönen Vers: »Gieb uns unser tägliches Brot!« begreifen, dem Gedächtnisse einzuverleiben vermochte, und überdem seine drei Kreuze an Namens Statt auf das zierlichste malen lernte. Gewiß die Möglichkeit, wenn man erwägt, wie oft seine heterogenen Beschäftigungen ihn den Umarmungen der Pierischen Schwestern entrissen.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt mit seinem vierzehnten Jahre: er wurde konfirmiert. Mit gewaltigem Blumenstrauße im Knopfloche, mit den neu vorgeschuhten Stiefeln seines würdigen Vaters bekleidet, von manchem Dorflümmel beneidet, angestaunt von den friesröckigen Nymphen der Flur, erbaute er die Gemeinde durch sein ehrfurchtsvolles, eines Trappisten würdiges Schweigen bei jeder von dem Pastor an ihn gerichteten Frage. Gern hätte der pedantische Diener des Herrn ihn einem neuen Kursus, einer neuen Prüfung unterworfen, allein er war gezwungen, ihn, seiner Leibeslänge halber, die ihm auch späterhin eine ehrenvolle Stelle als wirkliches Mitglied des ersten Gliedes meiner Kompagnie errang, zu konfirmieren. Jetzt durfte Gottlieb trotzig mit langer Pfeife und perlgestickten Quasten an derselben ins Wirtshaus gehen, durfte seinen Schnaps so gut wie ein Alter trinken, durfte mitprügeln und geprügelt werden, durfte zur Groß- und Kleinmagd schleichen und ins Hundeloch gesteckt werden – kurz, er war ein gemachter Mann und genoß alle Vorrechte eines Staatsbürgers. – Alles dieses durch die Zauberformel der Konfirmation. Man leugne nun noch den mächtigen Einfluß der Religion auf das Volk, wenn man kann! – Doch lasset, geliebte Zuhörer, Euch durch einen Chaulieu oder Geßner, einen Thomson oder Johann Heinrich Voß die ländlichen Freuden und Leiden unsers zu früh verstorbenen Mitbruders ausmalen – ich habe mehr zu thun. Ungeduldig überfliege ich fünf Jahre aus dem Leben eines Hofeknechts, und eile zu dem strahlenden Zeitpunkte, wo der Selige den Armen seiner schluchzenden Angehörigen durch den Ruf in den Tempel des Ruhms, durch die Stimme des Landrates entrissen wurde; wo er aus dem Privatstande zu dem Range eines Staatsdieners erhoben, er die leinene Toga mit dem Sagio, die Mistgabel mit der Muskete vertauschte, mit einem Worte: wo er Soldat wurde.

»Dort vergiß leises Flehn, süßes Wimmern,
Dort wo Lanzen und Schwerter Dir schimmern« –

sang der ausgehobene Rekrut und zog, von den Segenswünschen und den rauhen Küssen seines unbarbierten Vaters begleitet, von den Thränen seiner Anna Marie benetzt, und mit wohlgespicktem Schnappsack, in oben erwähnten Tempel des Ruhmes ein, dessen Gottheit er mit lauter vernehmlicher Stimme, – nachdem ihm die verschiedenen Subsubdivisionen von gelindem, mittlerm und strengem Arrest, und ihre Modifikationen auseinandergesetzt waren, – zu Wasser und zu Lande, bei Tage und bei Nacht treu und redlich zu dienen schwur.

Jetzt, andächtige Zuhörer, jetzt tritt der Moment ein, wo der Lobredner das nebelumhüllte Reich der Sagenwelt verlassen, und aus dem lauteren Quell der Selbsterfahrung schöpfen darf. Von jetzt an lebte und webte ja der Entschlafene unter meinen und seines Unteroffiziers Augen. Täglich erblickte, täglich begrüßte ich ihn beim Exerzieren und beim Appell – Ach, es ist mir, als sähe ich ihn noch! – Feldwebel, hatte der Gröbel nicht rote Haare?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Ganz richtig. – O verklärter Rotkopf, den schon bei Lebzeiten eine glänzende, kaum vom Czako zu verdeckende Glorie umfunkelte – blicke hernieder auf uns, aus Deiner himmlischen Kaserne, und freue Dich der gerechten Anerkennung Deines Wertes! – Weniger Monate, weniger Rippenstöße bedurfte es nur, um Dich, Du Guter, zum vollkommenen Soldaten auszubilden! Rechts und links verwechseltest Du zwar häufig, aber das » Kehrt!« hattest Du Dir schnell zu eigen gemacht, und gabst für den etwaigen Ausbruch einer Kampagne die vortrefflichsten Hoffnungen Deines Wohlverhaltens. – Soll ich sie rühmen, soll ich sie tadeln die schnell erworbene Fertigkeit, Kommißbrot zu essen? Ach! es war selige Vorahnung, die Dich in Deinen Kinderjahren den Vers: »Gieb uns unser tägliches Brot!« so andächtig beten ließ: es ist Dir geworden, das erflehte Brot, das schönste – das Fürstliche! ja beinahe das tägliche! Ja, Du warst der Mann, »der nie sein Brot mit Thränen aß!« von dem Goethe singt. Du warst und bliebst in der glücklichen Apathie des wahren Weltweisen, mochtest Du zum hundertsten oder tausendsten Mal den Parademarsch üben, mochtest Du zum hundertsten und tausendsten Mal Dein Lederzeug putzen! Dein Gemüt beharrte stets in seinem harmonischen, durch nichts wankend zu machenden Gleichgewicht! Du dachtest nie!! – O trefflicher, einziger Soldat! welches Lob ließe sich wohl diesem erwähnten gleichstellen? Welches höhere ließe sich ersinnen? – Nein, es ist erschöpfend! – O gewiß, teurer Verklärter, Du hättest es bis zum wirklichen Gefreiten, wohl gar noch höher bringen können – wenn nicht der unerbittliche Tod Deinen Leichenmarsch getrommelt und Dich zu frühzeitig aus dem Tempel des Nachruhms und einer trauernden Welt entrissen hätte! –

Doch auch Patroklus mußte sterben und war mehr wie Du! – Feldwebel, war das nicht schön gesagt?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Gerührt, und die störende Begebenheit, welche dem Seligen oben erwähnte acht Tage strengen Arrest zuzog, mit dem Mantel der christlichen Liebe bedeckend, schreite ich zum zweiten Teil meiner Rede, um in Eure ungläubige Ohren einige passende eindringliche Worte: »Über die wahrhaft glückliche Lage des gemeinen Soldaten«, am Grabe des Musketiers Gröbel, der nur zu zeitig diesem Glücke entführt wurde, fallen zu lassen.

Bedarf es eines andern Zeugnisses, geliebte Kompanie, bedarf es eines andern Zeugnisses für Euer Glück, frage ich, als des bloßen Hinblickes auf mich und Euch? als des Hinblickes auf die zärtlichste Eintracht, die wechselseitige Liebe, die rührendsten Aufopferungen, welche wir einander bringen? Ich thue, was ich muß, Ihr, was ich will – und thut Ihr es nicht, so soll Euch das Donnerwetter auf die Köpfe fahren. – Täglich wallen wir vereint zum Exerzierplatze, und nur die Kranken sind so unglücklich, uns nicht auf unsern Wallfahrten begleiten zu können. Ja, wir sind ein Herz und eine Seele; wir sind Kameraden, eng verknüpft durch die Bande der Uniform, des Kommandos, des Reglements! O Musketiere, ich kann nicht ohne Euch leben – weil ich sonst meine Hauptmanns-Gage verlöre! – Will der Schlingel, der Tambour wohl still stehen! Feldwebel, er thut eine Strafwache!

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Musketiere, ich liebe Euch wie meine Brüder, und nenne Euch deshalb alle Du! – macht Euch das nicht Alle glücklich? – Nur durch das Gemüt wirke ich auf das Gemüt! – Ihr Glücklichen! – Preiset Euren Landesherrn, und Euer Glück, daß die Prügel abgeschafft sind und nur noch inkognito fallen dürfen! Preiset meine Gnade und Euer Glück, daß ich Euch nächtlich auf behäglichen Strohsäcken, statt auf scharfkantigen Latten schlafen lasse! Preiset Euer Glück und meine aufgeklärte, vorurteilsfreie Denkungsart, die mich bestimmt, Euch Kameraden, und nie, oder nur ausnahmsweise: Lümmel, Flegel, u.s.w. zu nennen! Nein, ich nenne Euch Kameraden! – »Hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel!« sagt der Dichter, wahrscheinlich mit Bezug auf uns. Dies Alles erwägt reiflich – ich glaube gar, es fängt an zu regnen, Feldwebel?

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Das wäre eine verfluchte Geschichte, ich habe meine neue Schärpe um. – Werde er nicht ungeduldig, Totengräber, ich bin gleich fertig. Er zeigt auf seine kahle Platte, ob er die Mütze aufsetzen darf? Nein, Freund, das geht nicht. Warum trägt er denn nicht eine Tour, wie ich sie schon seit meinem neunzehnten Jahre habe? –

Also, wo bin ich stehen geblieben? Ja richtig, bei der außerordentlichen, ja wahrhaft lächerlichen Humanität, mit welcher Ihr behandelt werdet. – Soldaten, wie könnt Ihr dies Alles vergelten? Nicht genug damit! Der Fürst – nicht das Vaterland, dies klänge demagogisch – der Fürst nährt Euch mit dem obenerwähnten Pumpernickel, er sorgt huldreichst für tägliche Bewegung, er erlaubt Euch, ihr wahre Freiherren! von der Reveille bis zum Zapfenstreiche umherlaufen zu dürfen, er –- hol' mich der Teufel, Feldwebel, das regnet ernstlich. – Na, so will ich denn meine Rede schließen, um so mehr, da Ihr Hundsfötter doch nicht auf meine Frage, wie Ihr alle diese Wohlthaten vergelten wollet, antworten könnt, und weil ich in dem dritten Teile meiner Rede: »von dem Nutzen des Soldaten im Frieden« ohnehin nichts Erhebliches zu sagen wüßte.

So werft denn rasch eine Hand voll Erde auf den Sarg des Verstorbenen. Und nun: »Marsch, nach Hause!« –


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