Ludwig Ganghofer
Das Schweigen im Walde
Ludwig Ganghofer

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Zwanzigstes Kapitel

Der Abend wurde trüb.

Immer tiefer senkte sich das Gewölk über die Berge, noch angeflogen von einem letzten Schein der Sonne. Aus den Waldsümpfen in der Nähe des Baches begann es aufzudampfen. Wie graues Spinngewebe, das immer dichter wurde, zog der Nebel sich über die moorigen Almen hin. Unruhig hauchte der Abendwind und trieb die grauen Dünste bergan und gegen den Sebenwald.

Bei Anbruch der Dämmerung, als die Sennlaute der Sebenalm unter Geschrei und Schelten das Milchvieh von allen Gehängen zusammentrieben gegen den Stall, war der Nebel schon so dicht geworden, daß man kaum mehr auf hundert Schritt sehen konnte.

Der Senn und sein Weib begannen im Stall die Kühe zu melken, während der alte Hüter, der nun Feierabend hatte, mit seinen Holzschuhen in die Sennstube schlorpte, um sich ans Feuer zu setzen, ein krumm gebeugtes, weißhaariges Männchen mit stumpfen Augen in dem müden Runzelgesicht. Gähnend suchte der Alte seinen Platz am Herd und rückte die Beine nah an die Glut. Sein abgewerkeltes Leben hatte keinen anderen Wunsch mehr, als Abend für Abend die schläfrige Rast am Feuer genießen und die kalten Füße wärmen zu können. Langsam legte er einen dünnen Ast nach dem anderen über die Glut und nickte zufrieden, so oft er ein neues Flämmchen aufzucken sah.

Mazegger trat in die Hütte und stellte das Gewehr an die Mauer. »Guten Abend!«

Der Alte ließ sich beim Feuerschüren nicht stören.

Der Blick des Jägers huschte durch die Sennstube und blieb an den beiden Holznägeln haften, die über dem Herd in die Mauer geschlagen waren und ein Bündel langer Kienfackeln trugen.

Höher und höher, mit Knistern und Geprassel flammte in der Herdgrube das Feuer.

Mazegger setzte sich und legte die Arme übers Knie. So saßen die beiden sich eine Weile schweigend gegenüber. Als der Alte die nackten Füße aus den Holzpantoffeln hob und in die heiße Asche hineinwühlte, sagte Mazegger: »Narr! Verbrennst dir ja die Füß!«

Der Hüter kicherte mit seiner dünnen hohen Stimme: »Narr, sagt's! Weil ich mir was Guts vergunn!« Er legte ein paar Äste in die Flammen. »Wann ich net mit halbbratene Füß ins Heu komm, kann ich nit schlafen. So viel kalt hab ich allweil.« Mit zittrigen Händen öffnete er an der Brust das Hemd, beugte sich näher gegen das Feuer, und wie ein Kater schnurrend, blinzelte er mit den roten Lidern. »Is was Schöns, so a Fuierl, gelt?«

Heiser lachte Mazegger.

»So, so? Lachen tust über 's Fuierl? Hast halt noch Hitzen im Blut und brauchst kein Fuierl, gelt? Wart nur a bißl, 's kommt für an jeden, 's Frieren! Jung sein heißt dumm sein. Wann er gscheit wird, der Mensch, fangt 's kalte Frieren an. Da merkt er, daß 's Fuierl 's einzig is, was bleibt! Hihihi! Weiberleut und Lieb und Haß, Gut und Geld und Burgermeister sein, alles is Wasser und gfriert in der Kält! 's Fuierl 's einzige! Macht so schön warm! Da kann er schlafen, der Mensch. Gut schlafen!« Kichernd griff der Alte mit seinen dürren Händen nach den Flammen, während draußen im Stall der Senn über die Kühe fluchte, die beim Melken nicht ruhig hielten. »A bißl spat, Jager, a bißl spat bist auf'm Marsch? Wohin denn heut noch?«

»Nach Ehrwald. Und dürsten tut mich. Magst mir an Trunk vom Brunnen holen?«

»So? Frisch vom Brunnen? So viel gnäschig bist? Hihihi! Aus'm Ganterl taugt's dir net? Gleich vom Brunnen mußt es haben und tust mich furthetzen vom Fuierl?« Seufzend erhob sich der Alte, nahm eine Blechkanne und verließ die Hütte.

Mazegger sprang auf, riß zwei Kienfackeln von der Mauer herunter und schob sie zu einem Rauchloch hinaus. Sie fielen draußen mit dumpfem Klatsch in die Kräuter.

Der Alte brachte die gefüllte Kanne. »So, du Gnäschiger, da hast dein Trunk, dein kalten!« Gähnend setzte er sich wieder zum Feuer und wühlte die Füße in die Asche. »Jetzt laß mich aber in Ruh, gelt!«

»Ja. Jetzt hab ich, was ich brauch!« Mazegger tat einen Trunk aus der Kanne. »Gut Nacht!« Er nahm seine Büchse und ging.

Draußen raffte er die beiden Fackeln auf, barg sie unter dem Wettermantel und eilte über das Almfeld hinaus. Als er den Waldsaum erreichte, blieb er stehen. Der Nebel war so dicht, daß die Sennhütte völlig im Grau verschwand, und daß von dem Lichtschein, den das Herdfeuer durch die Tür warf, kaum noch ein Schimmer zu erkennen war. Deutlich hörte man noch die Stimme des Sennen, der mit seinem Weib und mit den Kühen schalt.

Mazegger wartete. Als es mit Anbruch der Nacht in der Sennhütte ruhig wurde, steckte er eine Fackel in Brand und stieg durch den Wald empor. Im Nebel erhellte die Fackelflamme nur einen Umkreis von wenigen Schritten. Verschwommen tauchte der hohe Reisigwall des Almzaunes auf wie eine dunkle Mauer, in die eine Bresche gebrochen ist. Diese Lücke war der Weg, den er gehen mußte; nur dünne Stangen versperrten ihn.

Mazegger streckte die Hand aus, um das Gitter zu öffnen. Er zögerte. Hatte ihn das Grauen vor der Tat befallen, die er verüben wollte? War der rechnende Gedanke in ihm erwacht: Wenn ich es tue, was hilft es mir? Und erkannte er, daß bei dem wahnwitzigen Spiel, das er im Fieberdurst seiner Leidenschaft als ein letztes, gewaltsames Mittel versuchen wollte, der Einsatz sein eigenes Leben war?

Er stand und sann. »Soll's kommen, wie's mag! Der ander soll sie auch nicht haben!« Mit einem Fußtritt warf er das Gitter auf und durchschritt den Reisigwall. Knarrend fielen die Stangen hinter ihm zurück.

Er warf den Mantel zu Boden und die Büchse dazu.

An der Flamme des schon halb verbrannten Kienholzes entzündete er das zweite Scheit und hob die beiden Fackeln über den Kopf empor, um den Wind zu prüfen. Der machte die Flamme lodern und trieb ihren Rauch waldaufwärts. Brannte der Reisigwall, so hatte das Feuer nur einen Weg: hinauf zum See.

Mazegger senkte die Fackeln und wollte werfen. Wieder zögerte er. Das währte nur einen Augenblick. Mit kreischender Stimme, als bedürfte er zu seiner Tat noch eines letzten Spornes, schrie er jene Worte aus dem Brief des Fürsten vor sich hin: »Morgen hol ich mein Glück!» Dann schwang er die Arme zum Wurf und schleuderte die eine Fackel zur Rechten, die andere zur Linken des Tores in den Reisigwall.

»So, du! Jetzt hol dein Glück!«

Sein gellendes Lachen hallte in der Waldnacht wie der Schrei eines Tieres.

Die Fäuste hinter dem Rücken, das Gesicht verzerrt, mit funkelnden Augen, so stand er und sah, daß aus dem dürren Reisig das Feuer aufflog wie aus verpuffendem Pulver und zu beiden Seiten des Tores über den Wald hinzüngelte, so flink, als hätt es hundert flammende Füße.

»So! Jetzt komm!« Den Mantel und die Büchse vergessend, schritt er in den Wald hinein. Hinter ihm erlosch die Feuerhelle im Nebel. Je tiefer er in den Wald kam, desto finsterer wurde es um ihn her. Schritt für Schritt mußte er den Weg suchen, sich forttasten von Baum zu Baum.

Im Dunkel verlor er den Pfad und wußte nicht mehr, wohin seine stolpernden Schritte ihn führten. Plötzlich wich der Grund unter seinen Füßen. Er kollerte über eine steile Lehne hinunter. Stöhnend richtete er sich auf und kletterte wieder über den Hang empor. Als er den Grat erreichte, wehte ihm dicker Rauch entgegen. Und jählings war es im Nebel, als käme die Sonne, rot, blutig rot, wie sie am letzten Morgen aufgegangen war. Dazu ein Knistern und Geprassel, ein Rauschen und Krachen, als wäre Sturmwind über den Wald gefallen. Wie brennende Bäche schlängelte sich das Feuer über den Waldboden, faßte das dürre Zeug, das in Haufen umherlag, und geschürt im Winde, klomm es mit Geflacker an den hundertjährigen Stämmen hinauf und entzündete das Harz der blutenden Baumwunden. Die morschen Äste brannten mit weißer Flamme, die dürren Nadeln gingen glitzernd in Feuer auf und warfen im Winde den Brand mit Funkensprühen von Stamm zu Stamm.

Ein keuchender Laut rang sich aus Mazeggers Kehle. Aus allem hoffenden Wahn seiner Leidenschaft ernüchtert und von Entsetzen erfaßt, stand er wie gelähmt und starrte mit glasigen Augen in das Brennen und Glosten, in das Gewirbel von schwarzem Rauch und leuchtenden Dämpfen. Statt der Richtung gegen den See zu folgen, war er im Kreis gegangen, die äffende Finsternis hatte ihn zurückgeführt an den Ausgang seines Weges. Beim Anblick des grauenvollen Flammenbildes, zu dem die Tat seiner Eifersucht sich ausgewachsen, erlosch ihm alles Denken und Verlangen. Es war nur noch ein einziges in ihm: die Angst um das eigene Leben!

Mit erwürgtem Schrei begann er zu rennen, immer am Rande des Feuers hin, verfolgt von den züngelnden Flammen, überschüttet vom Regen der Funken. Er kam bis zur kahlen Felswand und sah das Feuer hinaufschlagen über die Steinmauer, turmhoch, halb verschleiert von Rauch und Nebel. Keuchend rannte er zurück, quer durch das ganze Tal, bis wieder die Felsen vor ihm aufstiegen. Feuer, Feuer, überall Feuer. Nirgends ein Ausweg mehr, das ganze Tal verriegelt von Rauch und Flammen.

Schreiend rannte er zurück in den finsteren Wald, rannte wie sinnlos, strauchelte und fiel, schlug mit der Stirn gegen die Bäume und schrie vor Entsetzen, wenn flüchtendes Hochwild an ihm vorüberjagte. Schon sah er, daß der Wals dich lichtete. Seine Kräfte begannen zu schwinden, sein Atem erlosch. Taumelnd brach er in die Knie, mit keuchendem Schrei, der im Nebel zerschwamm und nur wie ein matter Ruf hinauftönte zum See.

Dort oben, am Ufer, klangen in Unruh die Glocken der Almtiere, als hätte das Vieh sich erhoben aus der Ruh und zu weiden begonnen, mitten in der Nacht.

Dieses wirre Läuten tönte hinauf zum kleinen Seehaus, dessen Fenster noch erleuchtet waren. Die Tür stand offen, und trüb zerfloß die ins Freie fallende Lampenhelle in Nebel und Nacht.

In der Stube war Lo damit beschäftigt, alles Grün von den Wänden zu nehmen und das kleine Haus für die lange Zeit in Ordnung zu bringen, in der es unbewohnt und verschlossen stehen sollte. Ruhig tat sie diese Arbeit.

Manchmal wurden ihr die Arme müd, und dann stand sie eine Weile unbeweglich und blickte unter schmerzvollem Lächeln ziellos vor sich hin. Wenn sie mit stockendem Atemzug aus solcher Versunkenheit erwachte, streifte ihr Blick alles Gerät der Stube, das ihr lieb und durch Erinnerung heilig war. Aus ihren Augen redete eine Wehmut, als wäre in ihr die Ahnung, daß sie die Waldstube, in der sie so viel schöne Stunden und Tage verlebt hatte, nie wiedersehen würde.

Da blickte sie lauschend auf. Was sie gehört hatte, draußen in Nacht und Nebel? War das ein Ruf?

Sie trat vor die Tür. Nur den Nebel sah sie, der in der Dunkelheit das Haus umlagerte. Horchend stand sie eine Weile und rief dann mit lauter Stimme in die Nacht hinaus: »Ist jemand hier?«

Keine Antwort kam. Mit fauchenden Stößen fuhr der immer stärker werdende Wind über das Dach der Hütte hin, es rauschte in den Zweigen des Harfenbaumes, und ruhelos tönten in seinen Wipfeln die kleinen Glocken.

Und was nur die Almtiere haben mochten? Jetzt, in der Nacht? Drunten am See, auf den höheren Latschenfeldern, überall klangen ihre Schellen. Ein Rind begann zu brüllen, ein anderes gab Antwort, kurz und dumpf – wie Jungvieh brüllt, wenn es sich in den Felsen verstiegen hat und hilflos auf den Sennen wartet. Und die Tiere befanden sich doch auf gefahrlosem Weidegrund! Oder hatten sie das Vorgefühl eines bösen Wettertages, den dieser Nebel bringen würde? Wohl schien der Wind, der über den See heraufblies, noch unbedenklich. Aber dort unten, im tieferen Tal, da schien er stärker zu wehen, fast wie Sturm.

Ein Krachen und Rauchen tönte verworren mit dem Winde über den Wald herauf. Und dieser Nebel? Wie seltsam! Er hatte einen Geruch wie Rauch. Oder war's der Herdrauch, den der Wind herauftrieb von der Sebenalpe? Sollten sie dort unten so spät noch beim Feuer wachen? Oder waren Holzknechte im Sebenwald bei der Arbeit gewesen? Hatten sie das Gezweig und die Rinden der Windbrüche auf einer Blöße verbrannt? Und rauchten diese Feuerstätten so?

Schon wollte Lo in die Stube zurückkehren. Da hörte sie ein Gepolter, das Krachen von Ästen und den Sprung eines Tieres, das den Gartenzaun durchbrochen hatte.

»Hansi!«

Durch die Blumenbeete kam der Esel zur Tür gestürmt. Schnaubend und zitternd blieb er neben dem Mädchen stehen und windete mit vorgestrecktem Halse gegen den Wald hinunter.

Was hatte das Tier? War es durch Raubwild erschreckt worden? Durch einen Steinschlag unter den Wänden?

»Hansi? Was hast du denn?«

Beruhigend wollte sie ihm den Rücken streicheln und fühlte, daß seine Haare gesträubt waren wie Stacheln. Das Tier mußte eine ernste Gefahr überstanden haben. Oder sah es eine Gefahr, welche kam?

»Hansi?«

In grober Zärtlichkeit fuhr der Esel mit der Schnauze an ihr hinauf. Schnaubend schüttelte er das Fell und machte, den Hals immer länger streckend, ein paar zögernde Schritte. Plötzlich setzte er mit tollem Sprung über den Zaun, und ein schmetterndes Gewieher ausstoßend, verschwand er im Dunkel.

Im gleichen Augenblick jagte eine dicke Rauchwolke an der Hütte vorüber. Ein Schein durchglomm den wirbelnden Nebel. Überall im Tal begannen die Glocken der Almtiere zu läuten, überall dröhnte und röhrte ihr Gebrüll, überall hörte man das Rollen der Steine, die der Schritt der Rinder auf den steilen Gehängen löste. Jäh war das ganze Tal erfüllt von unheimlichem Leben. Und da erkannte Lo, was die Herde flüchten machte. »Feuer im Wald! Die armen Tiere!« Daß auch ihr eigenes Leben bedroht sein könnte, daran schien sie nicht zu denken. Ohne Erregung, wenn auch mit fliegender Hast, eilte sie in die Stube und holte eine schon halb verbrauchte Pechfackel. Damals, als diese Fackel gebrannt hatte, das war auch eine ernste Nacht gewesen. Eine Nebelnacht im Juni. Lo hatte die Rufe eines verstiegenen Touristen gehört und hatte den Verirrten aus der Tejawand heruntergeholt und zur Sebener Almhütte geführt.

Die brennende Fackel senkend, damit das Harz sich heller entzünden möge, trat sie aus der Hütte. Was den Nebel so hell durchleuchtete? War es die Flamme der Fackel oder das wachsende Feuer dort unten, das man rauschen hörte wie heranziehenden Sturm?

Sie wollte zur Gartentür. Da taumelte ihr ein Mensch entgegen. Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn.

»Mazegger!«

Lallend stürzte er vor ihr nieder und klammerte sich an ihr Kleid. Auch ihr Anblick konnte in ihm nicht mehr erwecken, was ihn zum Wahnsinn dieser Tat getrieben hatte. Seine Eifersucht und seine Liebe, alles, was er erwartet hatte von dem Gewaltstreich dieser Nacht, alles war erloschen in ihm. In ratloser Angst und in der Verstörtheit seiner Stimme umklammerte er das Mädchen und keuchte: »Im Sebenwald ist alles ein Feuer! Wir müssen verbrennen, du und ich, ersticken im Rauch!« Er drückte zitternd das Gesicht in die Falten ihres Kleides.

Lo war bleich geworden. Aber sie wich nicht zurück vor ihm. Was zwischen ihr und diesem Menschen lag, das war vergessen beim Anblick der lallenden Angst, die sich zu ihren Füßen krümmte. »Mazegger! Sind Sie denn ein Mann? Wie können Sie sich vom Schreck nur so verstören lassen?« Sie versuchte ihn aufzurichten.

Er war wie Blei und blieb auf den Knien liegen, immer nur mit dem einen Wort: »Verbrennen, verbrennen –«

»Seien Sie doch vernünftig! Man verbrennt nicht gleich, weil Feuer im Wald ist. Stehen Sie auf!«

Er wollte sich erheben und taumelte auf die Schwelle hin.

Da lief auch ihr ein Zittern über die Hände. Doch ihre Stimme klang ruhig: »Ich sehe, daß Sie sich übermüdet haben bei dieser sinnlosen Flucht. Aber, wenn Sie schon flohen vor dem Feuer, wie kommen Sie hieher? Zu mir? Wollten Sie mich warnen?« Er schwieg und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Mazegger! Geben Sie doch Antwort! In welcher Richtung des Waldes ist das Feuer?«

»Überall! Es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Das ist Torheit! Wenn es aus dem Feuer keinen Ausweg gäbe, wie wären Sie denn hereingekommen in den brennenden Wald?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wissen Sie, wie das Feuer ausgekommen ist?«

»Nein, nein, nichts weiß ich, nichts.«

»Wie kamen Sie in den Sebenwald? Jetzt? In der Nacht?«

»Ich –« es fiel ihm wohl die Lüge ein, die er dem alten Hüter gesagt hatte, »ich hab nach Ehrwald wollen und hab mich verirrt im Nebel. Und da war das Feuer da. Überall Feuer. Überall!« Das Grauen schüttelte ihn. »Wir müssen verbrennen, es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Ich will ihn suchen. Kommen Sie, Mazegger!« Sie nahm seine Hand und zog ihn von der Schwelle. »Ich kenne hier im Wald jeden Weg und Steg. Ich will Sie führen.«

»Führ mich, führ mich, ja, mit dir ist der Herrgott!« keuchte er und klammerte die Hände um ihren Arm. »Wenn's noch einen Weg gibt, mußt du ihn finden – über den Paß hinüber, ins Prantlkar!«

Den Felsenpaß, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewitterabend überstiegen hatten – ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, über die steilen Wände? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmöglich. Das wäre der sichere Tod. Es mußte einen anderen Ausweg geben, talwärts durch den Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben, daß schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.

»Kommen Sie, Mazegger!«

Er ließ sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden über das Latschenfeld gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den Nebel, immer lauter tönte auf allen Seiten das Brüllen der Rinder. Ein paarmal tauchte der Esel in der Nähe auf, mit Schnauben und Gewieher, begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwüle Hitze wehte ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die Rauchwolken über die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrüll. Ein sausender Windstoß teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine näher rückende Flammenmauer, welche die ganze Breite des Tales füllte, von Wand zu Wand.

»Wir laufen ins Feuer«, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, »wir müssen hinauf! Über die Wände hinauf!«

»Das ist unmöglich.«

Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zähne begannen ihm zu klappern.

Das bleiche Gesicht vom Ruß der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem Felsblock und spähte über den brennenden Wald hinunter, aus dem die Flammen schon herauszüngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald hinunterströmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit rötlichen Dämpfen hinter den Bäumen herauf. Es gab durch den brennenden Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten, so mußte sie das Unmögliche versuchen: den Weg über die Berge.

Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jäger sagen: wir müssen hinauf, wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen plötzlich die Rinder, die brüllend um sie her standen, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im blinden Herdentrieb, schnaubend und mit gestreckten Schweifen. »Das Vieh! Das Vieh weiß einen Ausweg!« kreischte Mazegger. Nur an die Rettung des eigenen Lebens denkend, riß er dem Mädchen die Fackel aus der Hand und rannte mit verzweifelten Sprüngen den Tieren nach. Rauch und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem Wege lösten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen des brennenden Waldes.

»Mazegger! Mazegger!« schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab Antwort. Und das Brüllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur über den See herüber klang noch das Röhren einzelner Tiere, die bergaufwärts flüchteten, den Felsen zu.

»Mazegger!«

Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu können, den Weg der toll gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, überall loderte ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon übersprungen hatte und die Latschen ergriff.

»Mazegger! Mazegger!« schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme versagte.

Rauch und Flammen trieben sie zurück. In Qualm und Nebel wußte sie nicht, wohin sie geriet – sie merkte nur plötzlich, daß ihre Füße in Wasser traten. Der See! Da ihre Kräfte zu erlöschen drohten, bückte sie sich, schöpfte Wasser mit den Händen und trank und kühlte das Gesicht. Im jagenden Winde flogen schon die glühenden Funken über sie her, als sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Während sie hineilte über den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben hinter ihr nachgerannt.

»Hansi!«

Zitternd drängte sich das Grautier an seine Herrin, als wäre Hilfe bei ihr.

Noch einmal schrie sie den Namen des Jägers in den wallenden Rauch. Als sie keine Antwort hörte, klammerte sie sich an die Hoffnung, daß er den rettenden Weg gefunden hätte, den ihr das wachsende Feuer verschloß. Jetzt blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmögliche: über die Berge hinauf, um den Paß in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in der Finsternis der tödliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie mußte ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen Augenblick daran, im höheren Felsental eine geschützte Stelle zwischen kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter herwälzte über den See, mußte, wenn die grünen Latschenfelder bis hoch hinauf ins Glühen kamen, das ganze Tal erfüllen und alles atmende Leben ersticken.

Sie faßte den Halsriemens des Esels, um das Tier mit sich fortzuführen. Es sträubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald zurück. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit Zögern. Dann plötzlich, als hätte es die Absicht seiner Herrin verstanden, hätte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt, begann es zu traben, immer rascher, das Mädchen mit sich fortreißend, das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer erkennbaren Steig, der über die steilen Latschengehänge emporführte zu den Felsenkaren, hätte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel zwischen trüber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhöhe nach der anderen überwindend, bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschöpft und mit vorhängender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.

Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an das Tier gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fäuste auf ihre kämpfende Brust gedrückt. Ein brausender Windstoß jagte den Rauch, und vor den Augen des Mädchens lag es dort unten wie eine lodernde Hölle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings um den See her brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weißem Feuerglanz, wenn der Wind darüber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende Säule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand – und daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.

Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei: »Vater! Unser Haus! Deine Blumen!« Tränen stürzten aus ihren Augen, und in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen das Tal, als könnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren. Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des Brandes verhüllend.

Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stünde der Vater vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lächelnd. Und sie hörte seine Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe wie einst: »Komm, Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!« Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie führen. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fühlte ihren Druck – und da war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: »Lo! So komm doch!«

»Heinz!« In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.

Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewölk durchschimmerte, erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mußte. Hastig jagte sie, solange der Feuerschein noch währte, durch das öde Kar. Dann umhüllte sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht. Tastend mußte sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mußte die Wand sein, die sie zu übersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Füße traten? Das war der Weg, der über die Wand hinaufklomm bis zur Höhe des Passes. Sie stieg und stieg. Immer schmäler wurde das Steinband unter ihren Füßen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lösten, und jetzt den Fall eines schweren Körpers, der tiefer und tiefer stürzte. Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still dort unten. Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.

Jetzt hörte sie in schwarzer Tiefe das Ächzen des sterbenden Tieres. Da schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie an die Felsen geklammert, während fern das dumpfe Brüllen der letzten, noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die finsteren Lüfte füllte.

Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Füßen, kein Ächzen und Stöhnen mehr. Das Tier war erlöst von seiner Qual.

Da atmete sie auf, den Todesschreck überwindend, der sie befallen hatte. Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: »Tod? Das ist nur ein Wort, nur das letzte Lächeln eines guten Menschen, der mit seinem Leben zufrieden war.«

Sollte ihr Leben auch erlöschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer Tiefe, ferne von Mutter und Bruder – es war doch reich gewesen und schön ohnegleichen, vom ersten, fröhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten Gruß jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen hatte wie einen Besitz über Leben und Tod hinaus!

Sie flüsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm von dem geliebten Manne. Nicht für den Tod, fürs Leben nur! Denn sie fühlte, daß sie leben würde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. »Mutter! Bruder!« Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen mußte sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlöschen ihrer Kräfte.

Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen, und preßte ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schützen, der emporquoll über die Felsen. Während sie hinausblickte in die von dunklem Gewirbel erfüllten Lüfte, sah sie nicht das wogende Gewölk und nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kämmerchen des Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an den Wänden, jedes Gerät, sah den schlummernden Knaben und die wachende Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzüge des Buben lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflüsterte: »Gott sei Dank, er schläft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird sein Fuß wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!«

»Morgen!« Wie ein heißer Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im Frühlicht!

Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Händen und Füßen an den Felsen hinzutasten, höher und höher klimmend.

»Mutter! Bruder!«

Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kämpfend, an das sie glaubte.


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