Ludwig Ganghofer
Das Schweigen im Walde
Ludwig Ganghofer

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Dreizehntes Kapitel

Alle Gipfel der Berge strahlten im Widerschein der Sonne, als Ettingen und Praxmaler gegen fünf Uhr morgens die Jagdhütte im Sebenwald erreichten. Hier fanden sie einen aufgeregten Menschen: den Förster Kluibenschädl. Der war mit Anbruch des Tages gekommen, um die Treibjagd abzusagen, die erst am folgenden Tag gehalten werden sollte, weil – ja, weil der Wind nicht günstig wäre –, in Wahrheit, weil man im Jagdhaus in zwei Tagen mit der Einrichtung des Grafenstüberls so weit nicht fertig wurde, daß es tadellos und bereit wäre, die »freudige Überraschung« aufzunehmen. Als Kluibenschädl in der Schutzhütte die Betten unberührt und den Herd ohne Glut gefunden, war ihm die Sorge mit »gacher Hitz« in den Kopf geschossen. Schon wollte er in seiner Angst zur nächsten Almhütte rennen, um mit den Sennleuten die Suche nach seinem Herrn zu beginnen. Da kamen die beiden, gesund und mit heiterem Geplauder. Es hätte nicht viel gefehlt, und Kluibenschädl wäre in der ersten Freude dem Fürsten um den Hals gefallen. Während Pepperl das ganze Abenteuer lustig erzählte, umklammerte der Förster die Hand seines Herrn. Dann sah er ihm lachend ins Gesicht und sagte:

»Sakrawolt! Duhrlaucht! Die heutig Nacht auf'm hülzernen Sessel muß Ihnen gut angschlagen haben. Ausschaun tun S' wie's Leben!«

Sie traten in die Hütte, und Pepperl schürte Feuer zum Frühstück an.

»No, Gott sei Lob und Dank, Duhrlaucht, weil S' nur wieder da sind! Und bei der Fräuln Petri, da is man nobel aufghoben. Da hat Ihnen freilich nix gschehen können!«

In froher Laune nahmen die drei das Frühstück ein. Dann machte der Förster sich auf den Heimweg zum Jagdhaus. Als er schon ein paar hundert Schritte davongewandert war, kam Pepperl ihm atemlos nachgerannt, mit einem jagdlichen Zweifel, dessen Lösung so klar auf der Hand lag, daß der Förster seiner Antwort kopfschüttelnd die Worte beifügte: »Na hörst, das hättst doch selber wissen können! Da hättst doch nicht so rennen müssen.«

»Ja, ja, is schon wahr! Und jetzt marschieren S' heim, gelten S'?«

»Natürlich! Wohin denn sonst?«

»Ja, freilich! Und – wie geht's denn allweil daheim?«

»Wie soll's denn gehn? Gut halt!«

»Was macht denn – sag ich zum Beispiel, der Herr Kammerdiener?«

»D' Nasen streckt er in d' Höh und faulenzen tut er, derweil die anderen schaffen. Und den halben Tag hockt er bei der Sennerin. Könnt was Gscheiters tun, als dem dalketen Madl den Kopf verdrahn. Aber was geht's denn mich an? Bhüt dich Gott, Pepperl!«

Mit traurigen Augen guckte Pepperl dem Förster nach, strich mit schwerer Hand über die aufgedröselten Kreuzerschneckerln, zog das blaue Sacktuch aus der Joppe und wischte die Lederhose ab, als hätte er das Gefühl, daß er mit Wasser begossen wurde. Freilich, feucht war das Leder noch vom Abend her.

In der Hütte fand er den Fürsten auf seinem Lager schon eingeschlummert. Seufzend betrachtete Pepperl seinen Herrn. »Ah, der schlaft gut! Könnt ich nur auch so schlafen heut!«

Nicht nur gut schlief Ettingen, auch lange.

Um drei Uhr nachmittags, als Toni Mazegger an der Hütte vorüberging, um den Ehrwalder Jäger für die Treibjagd zu bestellen, waren Tür und Läden des kleinen Balkenhauses noch geschlossen.

Mazegger schien Eile zu haben. Sein Gang war von treibender Hast. In brütender Unruhe starrte er vor sich hin, während er durch den Sebenwald hinaufeilte gegen das Seetal. Das Almfeld öffnete sich vor ihm, und wieder begann der Wald. Auf einer Lichtung wurde der Pfad gekreuzt vom Sebener Almzaun, der das Jungvieh verhindern sollte, vom höheren Seetal durch den Wald hinunterzusteigen und die reichere Weide der vom Milchvieh bezogenen Niederalm aufzusuchen. Der Zaun war ein mannshoch aufgetürmter Wall von dürren Bäumen, von denen die untersten wohl schon hundert Jahre oder noch länger lagen. Wo das dürre Zeug vermoderte und im Winter unter dem Druck des Schnees zusammenbrach, wurden im Frühjahr neue Reisighaufen und dürre Bäume auf den Wall geworfen, der die ganze Breite des Seetals quer durchzog und zur Linken und Rechten hinaufreichte bis zu den kahlen Wänden.

Bei diesem Almzaun war für drei Uhr morgens das Stelldichein der Treiber und Jäger angesagt, die das Hochwild des Sebenwaldes hinunterdrücken sollten gegen den bei der Geißtaler Ache liegenden Fürstenstand.

Wo der Pfad ging, hatte der Wall eine Lücke, die durch ein hohes Stangengatter versperrt war. Mazegger öffnete das Tor und schloß es wieder. Immer langsamer wurde sein Gang. Als er neben dem Pfad einen Baumstock sah, legte er Büchse und Bergstock nieder, trocknete die Stirn und rastete. Mit zitternden Fingern glättete er den feucht gewordenen Hemdkragen, band die Krawatte frisch, säuberte mit einem Büschel Moos die Schuhe und wusch in einem Regentümpel die Hände. Seine schmucke Jägerkleidung musternd, nahm er den Marsch wieder auf. Nur wenige Minuten hatte er durch den Wald noch aufwärts zu steigen, bis er zwischen den Bäumen den Seespiegel flimmern sah. Bevor er den Waldsaum erreichte, spähte er nach allen Seiten. Am Ufer sah er den Knaben mit der Angelrute stehen. Lautlos wich Mazegger in den Wald zurück und stieg auf einem Umweg über das Latschenfeld zu dem kleinen Haus hinauf.

Unter dem Harfenbaum, an dem sich in der Goldstille des Nachmittags keine Nadel rührte, saß Lo am Tisch. Sie hatte den Basthut abgelegt. Umzittert von den Sonnenlichtern, die durch den Schatten des Baumes fielen, saß sie über ein Schulheft des Bruders gebeugt, der unter dem Eindruck des vergangenen Abends einen deutschen Aufsatz geschrieben hatte: »Gewitter im Hochgebirg.« Der mit großen Worten spielende Schwung der kindlichen Schilderung wirkte erheiternd auf Lo; doch ihr eigenes Erinnern plauderte so viel in die harmlosen Zeilen hinein, daß ihr die Wangen glühten.

»Schon sinket bei diesem Aufruhr der gesamten Natur die schwarz geflügelte Nacht auf die Berge herab.« So führte Gustl mit klassischen Reminiszenzen und mit allen Stimmungseffekten seiner jungen Schilderungskunst die kühne Prosadichtung zu einem erbaulichen Schlusse. »Es heult der Sturm, alle Schleusen des Himmels sind geöffnet, unaufhörlich kracht der Donner, und flammend zuckt aus den finsteren Wolken der Wetterstrahl. Da horch, eine Stimme! Sind Menschen in Not? Ja, so ist es! Zwei verirrte Wanderer sind zum Spielball des Sturmes und der Finsternis geworden. Ach, die armen, guten Menschen! Wie wird es ihnen ergehen? Aber schon ist die Hilfe näher, als sie denken. Ein Licht blinket in der Nacht, und mit dankerfülltem Herzen betreten die mit dem Schrecken davongekommenen Verirrten das gastliche Haus, welches sie unerwartet in der Not gefunden haben. Der Herr des Hauses heißet die Gäste freundlich willkommen, und während auf dem Herde das wärmende Feuer flackert, bereitet die gute, emsige Schwester schon das Mahl. Trotz fühlbaren Mangels an Betten weilen sie in fröhlicher Eintracht beieinander, bis der Morgen nach allem Aufruhr der Natur wieder das herrlichste Wetter bringt. Da scheiden diese Menschen, die einander zum Teil ganz fremd gewesen, als treue Freunde für das Leben. Daraus möge sich jeder die Lehre ziehen, daß man eine Hilfe, wo man kann, auch immer leisten muß.

Wer hartherzig ist, schadet nur sich selbst. Wie leicht kann es ihm geschehen, daß er selbst in Not kommt, und wie würde es ihm dann ergehen, wenn andere Menschen ebenso hartherzig wären wie er selbst! Ist es denn nicht die schönste Freude, einem Hülfsbedürftigen beizuspringen? › Regina crede mihi‹, so sagt schon der lateinische Dichter, › res est succurrere lapsis‹, wahrlich, eine königliche Sache ist es, die Gestürzten wieder aufzurichten!«

Längst hatte Lo zu Ende gelesen, und noch immer blickte sie träumend auf die kleinen, mit steifer Sorgfalt gemalten Buchstaben. Da trat Mazegger in den Garten. »Guten Abend, Fräulein!« Die Erregung zerbrach ihm die Stimme. Er stellte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand, nahm den Hut ab und ging langsam auf den Tisch zu. Scheu, zwischen Hoffnung und Zweifel, hingen seine heißen Augen an dem Gesicht des Mädchens.

Betroffen hatte Lo das Heft geschlossen und erhob sich.

»Mazegger? Was suchen Sie bei mir?«

»Ein gutes Wort. Und Hilfe.«

Sie schwieg.

Den Hut zwischen den Fäusten zerknüllend, stieß er mühsam hervor: »Sie sind die Heilige fürs ganze Dorf und Tal. Jeder kommt zu Ihnen und nie umsonst. Ihre Herzensgüte ist ein Brunnen für jeden armen und durstigen Menschen. Und ich? Bin ich nicht auch ein Mensch? Dazu noch einer von den ganz elenden! Mir ist zumut wie einem, der sich in einer schiechen Wand verstiegen hat. Jeder Weg hat ein End. Und tief geht's hinunter. Da steht er und schreit. Und wenn er schon merkt: jetzt muß ich fallen – da hofft er noch allweil auf die gute Hand, die ihm helfen könnt!« Er sprach nicht weiter.

»Kommen Sie, Mazegger«, sagte Lo mit tiefem Ernst. Sie rückte in die Bank und bot ihm den Platz an ihrer Seite an. »Sagen Sie, was Sie mir sagen müssen. Hier sind wir allein. Mein Bruder ist drunten am See, sonst ist niemand in der Nähe.«

Wie eine Flamme schlug es über das Gesicht des Jägers. Eine Hoffnung war erwacht in ihm, und er stammelte: »Fräulein? Sie sind mir also nicht mehr bös?«

»Böse? Weshalb?«

»Wegen neulich?«

»Nein.

»Ich hab's auch bereut.« Mazegger hielt ihren Blick nicht aus und senkte die Augen. »Daß man von Ihnen ein gutes Wörtl in Güt erwartet, das hätt ich wissen müssen. Wie ein jähzorniger Bub hab ich mich benommen. Verzeihen Sie mir's, Fräulein?«

»Ja, Mazegger!« sagte sie freundlich, als hätte dieses Wort sie selbst von einem Alp erlöst.

Zögernd schob er den Hut auf den Tisch und setzte sich auf die Ecke der Bank.

»Sprechen Sie, Mazegger! Was macht Ihr Leben elend?«

»Daß Sie das verstehen, dazu müßt ich Ihnen viel erzählen. Darf ich?«

»Ja!«

Jedes Wort mußte er sich abringen, während er von seiner Heimat sprach, von aller Bitterkeit seiner Jugend. Als er sah, mit welcher Teilnahme Lo auf ihn hörte, schien es, als wäre eine Fessel in seiner Brust gesprungen, und in heißer Erregung floß ihm die Sprache von den Lippen.

Es war eine trübe Kinderzeit, von der Mazegger zu erzählen hatte. Und als er in das Alter kam, in dem die Knaben schon mit einer Zukunft zu rechnen beginnen, war vor seinen Füßen die Brücke niedergebrochen, die ihn hätte hinübertragen können zu einem freundlichen Leben. Seine Mutter, Carmè Luzzotti, war die Tochter eines italienischen Bahnarbeiters in einem Dorfe bei Trient. Als junges Mädel verlor sie die Eltern und wurde von einer Schwelle zur anderen gestoßen, bis sie ein Winkelchen im Haus des deutschen Lehrers fand. Der erbarmte sich der Verwaisten – weil sie jung und hübsch war. Zuerst diente sie bei ihm als Magd; dann nahm er sie zur Frau. Es war kein Glück in dieser Ehe; die beiden Menschen waren so verschieden voneinander wie ihre Sprache – und die Sprache, das war es auch, was immer zwischen ihnen lag wie eine Mauer. Damals begann, wie überall, auch in dem Südtiroler Dorf der nationale Hader. Von der Straße und aus der Gemeindestube schlich er sich in die Familien ein, auch in das Haus des Lehrers. Als Frau eines Deutschen blieb Carmè Mazegger die Italienerin mit ihrem »Wällisch«, das ihr eigener Sohn nicht reden sollte. Der sollte sprechen wie sein Vater, der ihm alles erlaubte, nur um ihn vom Herzen der Mutter wegzureißen. Dieser Hader ging immer über den Kopf des Knaben hin und her, und als er in die Jahre kam, um die häßlichen Worte zu verstehen, war es ihm selber lieb, daß man ihn fortschickte von daheim, nach Innsbruck auf die Gewerbeschule, mit vierzehn Jahren. In Innsbruck gefiel es ihm, da konnte er war sehen vom Leben und lernte Menschen kennen, die es gut haben in der Welt. Das weckte den Ehrgeiz in ihm. »Auch aus mir soll etwas werden, was Rechtes und Tüchtiges.« Aber vor lauter Wünschen kam er nicht recht zum Lernen. Am liebsten wäre er schon mit sechzehn Jahren gewesen, was andere, wenn sie Glück haben, mit dreißig werden. Und dann kam dieses Unglück zu Hause. Die italienische Schule wurde eröffnet und bald darauf die deutsche geschlossen. Das überlebte sein Vater nicht – er ging ins Wasser. Und die Mutter? Die wartete knapp ein halbes Jahr, und dann nahm sie einen anderen, einen, der ihre Sprache redete und mit dem sie sich verstand.

»Mit dem ist sie fortgegangen. Ob sie noch lebt oder ob sie schon gestorben ist, das weiß ich nicht. Mich hat eine Schwester meines Vaters ins Haus genommen, deren Mann in Leutasch draußen ein kleines Gütl hat. Die Schule habe ich aufgeben müssen. Und alles dazu! Leben und Glück!« Mazegger fuhr sich mit zitternder Hand über die Stirn. »Das Brot der Verwandten essen? Schlechteres kann über einen nicht kommen in der Welt. Da hab ich zuletzt noch froh sein müssen, daß ich den Posten als Jäger gefunden hab. Jetzt hab ich mein Auskommen, aber keine Ruh in mir! Allweil muß ich denken, was aus mir hätt werden können. Aber ich mein, es wär noch allweil nicht zu spät für mich. Das hab ich nie so fest geglaubt wie jetzt.« Seine Augen brannten, und seine Stimme wurde heiser. »Nur müßt ich wen haben, für den ich's tu. Das tät mich treiben, allweil höher hinauf, bis ich droben steh, wo ich sagen könnt: jetzt verdien ich mein Glück und kann's vergelten! Daß ich das fertig brächt? Ich glaub's von mir! Ich glaub's! Und Sie? Sagen Sie mir, daß Sie es auch glauben! Sagen Sie mir das, und alles bring ich fertig!«

Sie vermochte nicht gleich zu sprechen. Es schien ihr weh zu tun, daß sie ein Ja nicht sagen konnte, nicht sagen durfte. Sie sah in ihm nicht den Menschen mit dem leeren Wort von der eigenen Kraft, die nur eines winkenden Lohnes bedarf, um ein Wunder zu vollbringen. Was sie sah in ihm, war sein in die Irre geratenes Leben und war das Kind, das nie an der Brust einer Mutter sein Haupt geborgen hatte. Das Erbarmen redete aus ihrem Blick, als sie endlich Worte fand. Doch während sie ihm Mut einredete, ihn mahnte, sein Leben ruhiger zu betrachten und dankbar auch den bescheidenen Gewinn zu genießen, statt sich die Freude an ihm durch den Vergleich mit dem glücklicheren Los der anderen zu vergällen – während dieser Worte schien Mazegger nur zu sehen, nicht zu hören. Seine Augen erweiterten sich mit fieberhaftem Glanz, aus dem der Durst seiner Leidenschaft und zugleich ein Staunen sprach, als hätte er das Mädchen, nach dem seine Sinne zitterten, noch nie so schön gesehen wie in dieser Stunde. Solch einem Blick begegneten ihre Augen. Sie erhob sich erschrocken, so bleich, als hätte sie einen Schimpf erlitten, gegen den sie wehrlos war – als Weib.

Verstört sah Mazegger zu ihr auf. »Viel haben Sie geredet, Fräulein! Schier weiß ich selber nimmer, was es war. Aber ich hab genug verstanden.« Sein Mund verzerrte sich. »Was einer nicht hat, das kann er nicht geben.« Mit heiserem Lachen erhob er sich. »Wenn der Brunnen Ihrer Güt auch laufen tät wie ein Wetterbach – aber Lieb hergeben, wo man Lieb nicht hat?« Langsam trat er auf sie zu. »Kann man das? Oder kann's so kommen, daß man muß

Sie wich nicht zurück vor ihm. Aber als sie seine Augen sah, die wir mit Fäusten nach ihr griffen, rann es ihr doch mit kalter Angst durch die Glieder. Sie schrie den Namen des Bruders.

Mazegger lachte.

Mit dem Laut, den die Furcht ihr ausgepreßt, hatte sie die verlorene Ruhe wiedergefunden. »Zu sagen hab ich Ihnen nichts mehr. Aber ich hab noch eine Bitte an Sie, eine letzte.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Hütte, brachte einen Sessel und ein graues Buch.

Er sah ihr mit verblüfften Augen zu, wie sie sich auf den Sessel niederließ, das Buch öffnete – ein Skizzenbuch – und den Bleistift nahm.

»Was heißt das?«

»Ich will Sie zeichnen«, sagte sie ernst, »dabei lernt man sehen. Und das hilft. Ich habe das schon als Kind erfahren.«

Ratlos an seinem Bart zausend, ließ er sich auf die Bank nieder – und dann hielt er sich ruhig. Seine Augen brannten.

»So, ja, sehen Sie mich nur immer an!«

Er ließ keinen Blick von ihr. Aber wenn sie ihn ansah, so ruhig prüfend, ging aus ihren Augen etwas über auf ihn, daß er aufatmete, wenn sie das Gesicht wieder senkte, um ein paar rasche, kräftige Striche in das Buch zu zeichnen. Ein paarmal zuckte es durch seine Glieder, als wollte er aufspringen. Doch er blieb ruhig. Ein andermal bewegte er die Lippen, wie um zu sprechen. Doch er schwieg.

Die Sonne war hinuntergegangen, das ganze Seetal lag vom Abendschatten überwoben, und die Dämmerung begann.

Mit der langen schwankenden Angelgerte über der Schulter kam Gustl vom See herauf.

»Hast du was gefangen, Bubi?«

»Nein, Lo, heut bin ich Schneider geworden. Morgen scheint es wieder das wunderbarste Wetter zu geben, denn heute beißen sie nicht an.« Freundlich nickte Gustl dem Jäger, den er nicht kannte, einen guten Abend zu, stellte die Gerte an die Hüttenwand, kam zum Tisch und wollte neugierig über die Schulter der Schwester in das Buch blicken.

Sie schob ihn fort, als wäre das ein Bild, das er nicht sehen sollte. »Räum deine Bücher zusammen und trag sie in die Hütte. Wir bekommen Tau. Dann kannst du auch in der Stube gleich die Lampe anzünden und Feuer machen zum Tee.«

Sie sah dem Knaben nach, bis er in der Hütte verschwunden war. Dann verglich sie mit einem letzten prüfenden Blick ihre Zeichnung und das Modell, nickte ruhig vor sich hin und erhob sich. »So, ich danke Ihnen!« Sie löste das Blatt aus dem Buch.

Mazegger fragte unsicher: »Darf ich das Bildl sehen?«

»Gewiß!« Sie legte das Blatt auf den Tisch. »Ich schenk es Ihnen.«

Zögernd, als wäre ihm die Sache nicht ganz geheuer, griff Mazegger nach dem Blatt. Kaum hatte er einen Blick auf das Bild geworfen, da schoß ihm das Blut ins Gesicht. » Das bin ich? Und solche Augen hab ich?«

»Ja, Mazegger! Jetzt kenn ich Sie und fürchte mich nicht mehr!« Sie ging zur Hütte.

Er zerknüllte das Blatt in seiner Faust und schleuderte den Knäuel mit einem Fluch unter die Büsche des Gartenzaunes. Wie sie nach ihrer hilflosen Angst diese stolze, sichere Ruhe gefunden hatte, das verstand er nicht. Aber er fühlte, daß alles für ihn verloren war und daß sie ihn fortschickte wie einen geprügelten Hund. Mit dem unsicheren Schritt eines Betrunkenen nahm er seine Büchse. Als er den Garten verlassen hatte und über das Latschenfeld hinunterstieg, erkannte er auf der feuchten Erde die Trittspuren zweier Männer. Die plumpe breite Sohle mit dem schweren Eisenbeschlag und dem Nagelkreuz in der Mitte – das war die Fährte Praxmalers. Aber die andere Spur? Dieser schlanke, schmale Fuß?

»Ach so?« Mit galligem Lachen nickte Mazegger vor sich hin. Und während der Zorn in seinen Augen funkelte, zerstörte er mit einem Fußtritt die Fährte.

Hastig schritt er über das Latschenfeld und trat in den Wald. Im Dunkel der Bäume blieb er stehen. Und als er das Mädchen aus der Hütte treten sah, lachte er, hob die Büchse, spannte den Hahn und legte das Gewehr an die Wange.

Man konnte hören, wie Lo mit dem Bruder plauderte, während sie an einem Fenster die Läden schloß.

Zielend, den Finger am Drücker, folgte Mazegger mit dem Lauf der Büchse jedem Schritt des Mädchen, in seiner Eifersucht mit grausamer Freude den Gedanken genießend: Ein leiser Druck nur, und auch der andere wird sie nicht haben! Keiner!

Gustl war in der Tür erschienen, hemdsärmelig, mit den Händen in den Taschen des Lederhöschens. »Und wann, Lo, wann gehen wir morgen?«

»Um sechs Uhr früh.«

»Ach Gott!«

»Ja, Bubi, wir müssen bis Mittag zu Hause sein.«

»Freilich, ja, und ich freu mich doch selber heim! Aber weißt du, in der Früh, da beißen sie so gern. Vielleicht hätt ich noch eine bekommen, eine recht schöne, oder zwei. Die hätten wir dem Muttl bringen können.«

»Dann steh nur um vier Uhr auf! Da hast du zwei Stunden Zeit, bis ich gepackt und die Hütte geräumt habe.« Lo war zur Tür zurückgekommen. Den Arm um die Schulter des Bruders legend, wollte sie in die Hütte treten.

In dem bleichen Gesicht des Jägers spannte sich jeder Zug. Die Pein, die in ihm wühlte, redete aus seinem brennenden Blick. »Tu ich es? Nein oder ja?« Fester, als wäre der Entschluß zur Tat in ihm aufgestiegen, preßte er das Gewehr an die Wange.

Da hörte er hinter sich das Brechen eines dürren Reises und ein Geräusch wie von einem leichten Schritt. Erschrocken ließ er die Büchse sinken und spähte scheu um sich her. Der Wald war öde – aber da fiel ein Tannenzapfen aus einem Wipfel herunter, und schnalzend, mit weitem Sprung, schwang sich ein Eichhörnchen von dem Baum hinüber zum nächsten.

Einen Fluch murmelnd, hob Mazegger die Büchse wieder.

An der Hütte droben hatte sich schon die Tür geschlossen. Der Garten war leer. Im Abendwinde tönten leis die Glocken des Harfenbaumes.

Gallig lachte Mazegger vor sich hin, warf die Büchse über die Schulter und schritt durch den Wald hinunter.

Es wurde finstere Nacht, bis er zu den ersten Häusern von Ehrwald kam. Lange mußte er am Haus des Jägers an die Tür trommeln, bis ihm geöffnet wurde. »Was is denn?« fragte Beinößl aus dem schwarzen Hausflur.

»Ich bin's!«

»Der Toni! Was willst?«

»Treibjagd is morgen. Um drei müssen wir droben sein beim Sebener Almzaun.«

»So? Da können wir allweil noch schlafen a paar Stündln. Aber Bett hab ich keins für dich, mußt dich halt aufs Ofenbankl legen, wir schlafen eh schon z'viert in zwei Trücherln.« Er mit dem Buben in einem Bett, die Frau mit dem Mädel im anderen.

Als sie in die finstere, von schwülem Dunst erfüllte Stube traten, fragte das Weib, was es gäbe. »Nix! Drah dich nur wieder um, Alte! Der Mazegger is da.« Die Bettstelle krachte. Beinößl schob seinen Gast im Dunkel zur Ofenbank und nahm ihm die Büchse ab, um sie an den Rechen zu hängen.

»Na hörst, Toni, du hast ja den Hahn gspannt! So was, du mit deim Leichtsinn, du richtest heilig noch amal an Unglück an!«

Mazegger schwieg.

Drei Stunden vergingen. Der Hausherr schnarchte wie ein Bär, sein Weib sang die Oberstimme dazu, und ein paarmal seufzten die beiden Kinder, wenn sie die harte Bettkante spürten und sich umdrehten.

Um ein Uhr rasselte der Wecker. Mazegger hatte noch kein Auge geschlossen. Eine Viertelstunde später traten die beiden Jäger in die Nacht hinaus. »Gut wird's heut«, sagte Beinößl, »droben liegt der Seenebel.« Sie stiegen bergwärts in der Nacht, und Beinößl kürze den mühsamen Weg mit heiterem Geschwatz – er war einer von jenen »Gscheiten«, die den Zwirnsfaden des Lebens lustig um die Finger wickeln, so kurz und dünn er auch geraten ist.

Als sie die Ehrwalder Alm überstiegen hatten und die Höhe des Sebenwaldes erreichten, sahen sie im dünnen Morgennebel den Schein des Feuers, das die beim Almzaun wartenden Treiber auf der Lichtung angezündet hatten, um »Glut für die Pfeifen« zu haben. In dem Augenblick, als die beiden Jäger zum Feuer kamen, gab's einen Schreck. Einer der Treiber hatte an einem brennenden Reis seinen Stummel angepafft, das Flämmchen ausgeblasen und das glühende Holz über die Schulter geworfen. In der Luft flammte das Reis wieder auf und fiel in einen Haufen dürren Zeuges. Das brannte wie Zunder. Nach allen Seiten lief und züngelte die Flamme und erreichte den Almzaun, aus dem eine knisternde Lohe aufschlug. Zu Tod erschrocken arbeiteten die Leute aus Leibeskräften, um das Feuer zu ersticken. Ein Glück war es, daß die unteren Reisigschichten des Walles noch feucht waren vom Gewitterregen. Sonst hätte keine Arbeit mehr geholfen, auch nicht die flinkste, und der ganz Almzaun wäre in Flammen aufgegangen.

Als das Feuer gelöscht war, halfen sie alle zusammen, um den Zaun wiederherzustellen und das angebrannte Loch mit zusammengeschlepptem Reisig zu füllen. In jener wohligen Erregung, die jedem schadlos überstandenen Schreck zu folgen pflegt, wurde breit erörtert, welch ein »schönes« Unglück da hätte entstehen können.

Brennt der Zaun einmal, von einer Felswand über das schmale Tal hinüber bis zur anderen, dann brennt auch der ganze Sebenwald bis über den See hinauf, und alles Jungvieh, das droben im Seetal auf der Weide steht, ist verloren. Wenn auch der Brand nicht höher gehen kann als bis zu den letzten Latschenfeldern, und wenn auch das Vieh hinaufflüchtet in die Felsenkare – droben erstickt es im Rauch. »Kreuzsakra!« meinte Beinößl. »Da möcht ich net droben sein im Seetal! Oder ich müßt den letzten Juchezer machen und 's Leben so billig verkaufen wie an alten Strumpf!«

Draußen im Karwendelgebirg, erzählte ein anderer, wäre vor Jahren ein großer Waldbrand durch einen Almzaun entstanden, in den der Blitz geschlagen hätte. Ähnliche Fälle erzählten zwei andere, und man kam zu dem Schluß, daß es auch im Geißtal an der Zeit wäre, diese »Zunderhecken« durch Legmauern aus Steinen zu ersetzen, wie es längst schon überall geschehen wäre, wo die Leute Verstand und kein Sägmehl im »Hirnkastl« hätten. »Daß man an die alten Bräuch hängt, dös is ja gut und schön, aber a bißl Furtschritt is net ohne!«

Plötzlich verstummte diese Weisheit – der Förster kam mit den zwei Leutascher Jägern. Wohl begann es schon Tag zu werden, aber der Nebel verschleierte den Aschenhaufen, und so merkte der Förster nicht, was geschehen war. Er ließ die Jäger und Treiber im Halbkreis Aufstellung nehmen: »Also, Leut! Daß wir unserer lieben Duhrlaucht heut a saubers Jagderl machen! Am Almzaun auffi wird die Treiberketten angstellt. Den Losschuß mach ich um Punkt halb sechse. Da is die Duhrlaucht auf'm Stand, und da wird sich auch der Nebel schon verzogen haben. Und wie der Losschuß fallt, fangen wir 's Drucken an. Und langsam, Leut, langsam, nur langsam, daß die Hirsch net aussifahren zum Loch wie die narrischen Mäus. Verstanden? Also, in Gotts Namen, packen wir's an!«

Neben dem Almzaun stiegen sie bergan, während das Frühlicht zu wachsen und der Nebel sich schon zu verziehen begann. Hinter den halblaut Schwatzenden blieb Mazegger unschlüssig zurück. Sein Gesicht war übernächtigt, seine Augen lagen tief, von dunklen Ringen umzogen. Sein Flackerlicht hing an dem kalt gewordenen Aschenhaufen, glitt hinüber zum Almzaun und folgte dem braunen Reisigwall bergauf und wieder bergab, über das ganze schmale Tal, von einer Felswand bis zur anderen.

Dann nickte er vor sich hin, und langsam stieg er hinter den anderen her.


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