Ludwig Ganghofer
Das Schweigen im Walde
Ludwig Ganghofer

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Viertes Kapitel

Förster Kluibenschädl machte am Morgen keine Pirsche, nur einen kleinen Waldmarsch gegen Leutasch hinaus, um sich für das Frühstück im Fürstenhaus den pflichtschuldigen Appetit zu holen.

Im Hochwald, der das Weidefeld der Hämmermoosalpe umschließt, traf er mit Mazegger zusammen, der in Gedanken versunken daherkam.

»He! Toni!«

Der Jäger fuhr auf wie ein Träumer, der unsanft geweckt wird.

Mißmutig schüttelte der Förster den Kopf. »Wie schaust denn aus? Bist denn du noch a Jager? Schamst dich denn gar net?«

Mazegger, über dessen bleiches Gesicht eine Spur von Röte huschte, schien nicht recht zu wissen, wie ihm geschah. Er betrachtete seine Büchse. Die war spiegelblank, ohne Rost. Er guckte suchend an seinen Kleidern hinunter. Die waren tadellos sauber. »Was ist denn?« murrte er, und seine schwarzen Augen schossen einen gereizten Blick auf den Förster. »Wo fehlt's denn schon wieder?«

»Dein Hütl schau dir an!«

Toni nahm den Hut ab und sah, daß er von seiner Spielhahnfeder die Sichel verloren hatte.

»Die muß ich mir gestern am Abend abgestoßen haben! Aber wenn der Herr Förster schon wegen so was brummt –«

»So? Meinst? Laß an Heiligen sein' Heiligenschein verlieren, und er is halt kein Heiliger nimmer!« Der Förster drehte dem Jäger den Rücken und wanderte durch den Wald hinunter ins Bachtal.

Auf dem Heimweg hörte er aus einem nahen Jungholz die Stimme der Sennerin, die ihre Kühe zum Melken trieb. Sonst pflegte Burgi bei diesem Geschäft vergnügt zu singen und zu jodeln; heut schalt sie mißlaunig auf das widerspenstige Vieh.

Das fiel dem Förster auf. »Was hat denn dös Madl heut?«

Als er gegen neun Uhr die Tillfußer Alm erreichte und ins Försterhäuschen trat, sah er den Praxmaler-Pepperl, mit einem nassen Handtuch um die Stirn, in schwerem Schlaf auf der Matratze liegen.

»No also! Jetzt brummt ihm der Schädel! Ja, ja, 's Leben hat allweil seine Zwidrigkeiten, und aller Zucker schmeckt eim sauer auf d'Letzt!«

Lautlos, um den Schläfer nicht zu wecken, machte er Toilette zum Frühstück, das heißt, er wischte mit einem Handtuch die Schuhe sauber und bürstete einen Scheitel ins Haar.

Als er hinaufkam ins Herrenhaus, hatte er seine Freude an dem frischen Aussehen des Fürsten, der fest und gut bis in den Morgen geschlafen hatte. Und da gab's gleich was zu lachen. Weil der Fürst versicherte, er hätte einen Schlaf getan wie ein Bauer, philosophierte der Förster lustig: »Duhrlaucht, dös is gspaßig! Sie sagen: wie an Bauer! Und unsereiner, wann er gut gschlafen hat, unsereiner sagt: heut hab ich gschlafen wie a Fürst! Bschaut man's gnau, so hat's im Leben jedweder gleich. Und jeder meint, der ander hat's besser.«

Während des Frühstücks behielt das Gespräch die heitere Stimmung, mit der es begonnen hatte, und Ettingen amüsierte sich über die drollig derben und doch von einem gesunden Kern erfüllten Lebensweisheiten, die ihm der rauhborstige Philosoph in der Jägerjoppe zu hören gab.

Nach dem Frühstück machte Ettingen sich fertig für den »Orientierungsmarsch«, der bis zum Abend dauern sollte. Martin war dem Fürsten beim Umkleiden behilflich, und als er ihm die Schuhe zuschnürte, sagte er mit dem süßesten seiner Töne: »Ich bitte um Vergebung, wenn ich Durchlaucht eine Unbehaglichkeit bereite, aber ich sehe mich leider gezwungen, gegen den Jäger Praxmaler Beschwerde zu führen. Der Mann hat sich gestern mehr als ungehörig gegen mich benommen. Die Art, in der er sich mit mir zu sprechen erlaubte –«

»War jedenfalls begründet!« unterbrach der Fürst. »Ich kenne dich, mein guter Martin! Deshalb sag ich dir ein für allemal: Verschone mich hier im Jagdhaus mit deinem Klatsch! Und laß die Jäger in Ruhe! So! Jetzt kannst du mir den Hut bringen.«

Als der Fürst aus dem Jagdhaus trat, stand Kluibenschädl schon wegbereit vor der Tür, mit der Büchse hinter dem Rücken.

Auf der Schwelle blieb der Fürst eine Weile stehen und blickte lächelnd hinaus in den reinen Glanz des Morgens. »Wie schön! Und diese Luft!«

»Ja, bei uns, da schnauft man sich leicht! Und a Tagerl is dös heut! Da müssen wir schon a bißl auffisteigen, damit S' die richtig Aussicht kriegen. Gleich hinterm Jagdhaus haben wir den schönsten Reitsteig bis zum Steinernen Hüttl!«

Der Fürst blickte auf, als wäre bei diesem Namen eine Erinnerung in ihm wach geworden. »Zum Steinernen Hüttl?« Er lächelte. »Gut! Steigen wir hinauf! Wohnen Leute da droben – beim Sternen Hüttl?«

»Aber freilich! Der Senn und sein Bub.«

»Sonst niemand?«

»Na! Kein Mensch sonst. Es steht bloß die einzig Sennhütten droben.«

»Aber gestern am Abend, als ich den kleinen Spaziergang machte, kam jemand von dort oben herunter.« Wieder lächelte der Fürst. »Das war nicht der Senn. Auch nicht sein Bub.«

»Wird halt a Tourist gwesen sein. Da droben is an Übergangl von der Zugspitz rüber. Da kommen oft Touristen vom Bayrischen her. Der Weg is net grob und is gut zum Gehn.«

»Auch für Damen?«

»Ah ja! Ich bin schon öfters einer begegnet. Und dös muß ich sagen: die haben mir allweil gfallen. Ich bin net gut auf d' Weiberleut z'reden. Aber wenn ich merk, daß eine ihr Freud an der lieben Natur und an die Berg hat, da lupf ich mein Hütl net ungern. A bißl Gerechtigkeit muß der Mensch auch bei die Weiberleut gelten lassen.«

Sie waren zum Försterhäuschen gekommen, unter dessen Tür der Praxmaler-Pepperl stand, mit hängenden Armen und einwärts gedrehten Fußspitzen: das verkörperte schlechte Gewissen. Scheu blickte er seinem Herrn entgegen, und dieser Blick schien in banger Sorge zu fragen: »Bin ich jetzt schon verklampert oder net?«

Lächelnd nickte der Fürst ihm zu: »Ausgeschlafen, Pepperl?«

Die freundliche Ansprache verwandelte den Jäger in einen anderen Menschen. Seine Gestalt streckte sich, als wäre ihm alle Müdigkeit der durchwachten Nacht aus den Gliedern geblasen. »Grad hab ich noch a Stünderl nachgeholt«, sagte er mit verlegenem Lachen, »denn dös is wahr, Herr Fürst, heut nacht hab ich a bißl z'viel derwischt.« Kleinlaut, als bedürfte diese Tatsache einer Entschuldigung, fügte er bei: »Enker Wein is so viel stark. Allweil brummt's mir noch a wengerl unter die Haar.«

Das kam so drollig heraus, daß Ettingen lachen mußte. Auch der Förster lachte und sagte gutmütig: »No also, leg dich halt wieder nieder auf d' Ohrwaschln! Die gnädig Duhrlaucht gibt dir dienstfrei übern Tag. Aber bis zur Abendpirsch mußt wieder a lichts Kopfl haben. Oder ich wasch dir deine Schneckerln!«

»Wird's net brauchen!« stotterte Pepperl. »Und schlafen? Dös gibt's net! Jetzt pack ich zamm und marschier aussi zum Sebensee.« Er wandte sich an den Fürsten. »Wissen S', Duhrlaucht, beim Sebensee draußen, da steht unser bester Hirsch. A Vierzehnergweih hat er droben, nix Schöners gibt's nimmer auf der Welt. Heut am Abend schau ich mir sein Auszug an, und wenn er am richtigen Fleckl steht, so müssen S' mit, Duhrlaucht, gleich morgen in der Fruh! Die Freud, Herr Fürst, daß S' Enkern ersten Hirsch mit'm Pepperl schießen – die Freud, die müssen S' mir machen! Recht schön tät ich bitten drum. Gelten S', ja?«

»Ja, Pepperl, den holen wir uns morgen.«

In seiner Glückseligkeit schrie Pepperl einen klingenden Jauchzer in die Sonne. Dabei fuhr er mit dem Kopf so derb gegen einen vorspringenden Balken der Hütte, daß der Förster rief: »Hö, hö, hö, laß mir wenigstens 's Häusl noch stehn!«

»Ja, schiergar hätt' ich's mit umgrissen!« lachte Pepperl, rieb sich die Haare und verschwand mit brennendem Eifer in der Hütte.

Als er nach einer Weile, fertig für den Pirschgang, wieder aus der Tür trat, war der Förster mit dem Jagdherrn schon im Wald verschwunden. Lustig blinzelnd lugte Pepperl zum Fürstenhaus hinauf und gewahrte an einem offenen Fenster den Kammerdiener. »Ja, Mannerl! Morgen fallt der Vierzehner. Nacher kannst mich verklampern, wie d' magst!« Schon wollte er mit langen Schritten seinen Weg beginnen. Da blieb er erschrocken wieder stehen und blickte sorgenvoll zur Sennhütte hinunter. »So, schön! Jetzt bleibt dös dumme Madl den ganzen Tag ohne Aufsicht! Mar und Joseph, was tu ich denn da?« In dieser Sorge bekam der Praxmaler-Pepperl zu merken, daß es im Himmel einen gütigen Herrgott und draußen in der Leutasch einen gestrengen Bauern gab, der wöchentlich von der Tillfußer Alm seine zwanzig Pfund Butter sehen wollte.

Drunten an der Sennhütte wurde die Tür gesperrt, und Burgi, mit der hohen, gegen die Sonnenwärme dick vermummten Butterkraxe auf dem Rücken, schritt über das Almfeld hinunter.

Ein Aufglänzen selbstloser Schutzengelfreude leuchtete über das Gesicht des Jägers. »Gott sei Lob und Dank! 's Madl muß abtragen. Da kommt's vor Abend nimmer zruck!« So rechnete Pepperl in Gedanken. »Derweil is der Herr Fürst wieder daheim. Und da muß er bei der Arbeit sein, der Gschniegelte!« Mit einem seelenvergnügten Jauchzer quittierte er das Ergebnis dieser Rechnung und rief – unverkennbare Schadenfreude im Ton der Stimme – über das Almfeld: »He! Burgi! Tu dein braven Vatern schön grüßen, gelt!« Und mit langen Sprüngen hetzte er schräg durch den Wald hinunter.

Es dauerte nicht lang, da erschien unter der Tür des Fürstenhauses der Herr Kammerdiener in weiß und grün gestreifter Hausjacke, eine Zigarre zwischen den Zähnen und ein weißes Hütchen auf dem schön frisierten Kopf. Den Rauch in die Sonne blasend und dazwischen eine Arie aus »Rigoletto« pfeifend, spazierte er über das Almfeld hin und her. Wie zufällig geriet er vor die Sennhütte – und fand die Tür verschlossen.

»Fräulein Burgi!« rief er leis durch die Ritzen der Bretter. »Fräulein Burgi!«

Als er keine Antwort erhielt, wanderte er verstimmt davon. Beim Jägerhäuschen blieb er stehen und blickte durch das offene Fenster.

Drinnen lag Mazegger angekleidet auf dem Bett, das Gesicht in die Arme vergraben.

»Heda! Sie!«

Der Jäger erhob sich. Seine Augen waren heiß gerötet.

»Halten Sie sich fertig bis in einer Stunde. Sie haben einen Brief nach Leutasch zu bringen, der noch heut mit der Post nach Innsbruck muß.«

Mazegger biß die Zähne übereinander.

Als gält' es ein hochwichtiges und unaufschiebbares Geschäft zu erledigen, eilte Martin ins Fürstenhaus hinauf, holte aus seiner Kammer ein Notizbuch und ein Zentimeterband, begab sich in das »Grafenstübchen« und verriegelte hinter sich die Tür. Hier saß er eine Weile und betrachtete nachdenklich den anspruchslos möblierten Raum und die weiß getünchten Wände. Dann maß er alle Mauern und Fenster ab – und begann in sein Notizbuch eine lange Liste zu schreiben:

  1. Zartgeblümte Seidentapete auf mattblauem Fond, für 46 qm Wandfläche; Plafond 16 qm.
  2. Für zwei Fenster seidene Gardinen von etwas tieferem Blau; Spitzen als Unterlage; Leisten in Weiß und Silber; Stors in gedämpftem Rosa oder zartem Heliotrop, mit allem Zubehör.
  3. Portieren für eine Tür, Stoff und Farbe der Gardinen; ohne Spitzen; mit allem Zubehör.
  4. Englischer Teppich, 16 qm, 4:4, dem Blumenmuster der Tapete entsprechend.

So schrieb und schrieb er, bis die Liste über fünf Seiten seines Notizbuches ausgewachsen war. Dann verließ er das Stübchen, versperrte die Tür und steckte den Schlüssel zu sich.

Eine halbe Stunde später trug Mazegger einen Brief davon, der an einen Hotelier in Innsbruck adressiert war. –

Für fünf Uhr nachmittags war das Diner befohlen. Wenige Minuten früher kehrte der Fürst zurück.

Trotz der siebenstündigen Wanderung, die kreuz und quer durch Wälder und Latschenfelder und über steile Almen gegangen war, verriet seine Haltung keine Spur von Müdigkeit. Sein Gang war fester als am Morgen, seine Augen hatten Leben und Feuer, und die heiße Julisonne hatte ihm das Gesicht verbrannt, daß es glühte – nur die Stirn, soweit sie im Schatten der Hutkrempe lag, war weiß geblieben.

»Martin!« rief er dem Diener zu, der in seiner schwarzen Gala schon wartend am Zauntor stand. »Nur flink die Suppe! Mich hungert.«

Mit einem Sprung nahm der Fürst die drei Stufen, die zur Haustür hinaufführten.

Eine minder gute Laune schien Förster Kluibenschädl von dem weiten Weg nach Hause zu bringen. Beim Steigen mußte ihm ein kleines Malheur passiert sein: von der Lederhose, die auch sonst sehr übel zugerichtet war, hing ein handgroßer Rißlappen herunter. Ohne beim Försterhäuschen anzuhalten, ging er auf die Jägerhütte zu; es gewitterte in seinen kleinen Blitzaugen. Als er die Hütte leer fand, lachte er.

»So, so? Net daheim bist? Aber wart nur, Bürscherl, auf d' Nacht, da kommst mir schon!«

Nach einer Weile kräuselte sich vom Dach des Försterhäuschens der blaue Rauch mit spielenden Ringeln hinauf in die linde, reine, sonnige Abendluft.

Der einsame Koch – an Stelle der blessierten Lederhose trug er ein graues Beinkleid von wahrhaft vorsintflutlichem Schnitt, mit großen Buckeln an den Knien – hatte den Schmarrenteig angerührt und ließ ihn aus der Holzschüssel in das prasselnde Schmalz rinnen.

Nachdem er gespeist und das Geschirr wieder säuberlich gespült hatte, nahm er das »Geheimnis von Woodcastle« aus der Schublade und begann zu lesen. Recht zum Übel für seine ärgerliche Stimmung kam er da gerade an das Kapitel, in dem die Feinde Lord Fitzgeralds, über ihren gelungenen Schurkenstreich triumphierend, sich zu einem üppigen Mahl zusammenfanden, bei dem die Austern mit Chablis, der Lachs mit Burgunder und die gebratenen Fasanen mit Champagner begossen wurden. Den Leser empörte diese ungerechte Verteilung der irdischen Freuden: während der gute, schuldlose Lord im tiefsten Kerker »lechzete«, inzwischen schwelgten und schlemmten die »ruchlosen Buben« auf seine Kosten!

»Himmelkreuzteufel noch amal! Da sollt doch der liebe Herrgott dreinfahren mit'm Dreschflegel. Müssen denn die schlechten Kerln allweil obenauf sein und die Guten allweil unterliegen? Meiner Seel! Da könnt ein' 's Leben verdrießen!« Das »Geheimnis von Woodcastle« sauste wieder in einen finsteren Winkel der Schublade.

Seufzend erhob sich der Förster, nahm die zerrissene Lederhose vom Zapfenbrett und betrachtete den Schaden. »Flicken wir s' halt wieder!« Aus einer Truhe, die unter dem Bett stand, holte er sein »Nahtereischachterl« hervor, und da es im Stübchen schon dämmerig wurde, setzte er sich mit seiner Flickerei auf die Schwelle der Hüttentür.

Es wurde ihm schon heiß, noch ehe die Arbeit recht begonnen hatte. Auch die gröbste Nadel, die er besaß, war zu »gring« für seine dicken Finger; er konnte sie kaum fassen und halten; der grobe Zwirn wollte nicht durch die Öse gleiten und dröselte sich auf; und weil der Förster den doppelt genommenen Faden zu stark gewichst hatte, glitschte er ihm beim Schlingen des Knotens immer wieder aus. Endlich war er so weit, um den ersten Stich zu machen. Da stach er sich auch gleich in den Finger. Seufzend leckte er den kleinen Blutstropfen ab, hielt den Finger übers Knie und klopfte ihn mit der Faust. Dann nähte er weiter. Nach jedem Stich zog er so grimmig an, daß der Faden sich spannte wie eine Saite. Dabei wurde die Naht so pfriemig wie ein schlecht geheilter Studentenschmiß.

Als die harte Arbeit mit Not und Seufzen vollendet war, begann es schon zu dunkeln. Da sah er am Fenster der Jägerhütte den Lampenschein aufblinken. »So, Bürscherl, bist daheim? Jetzt kommst mir aber grad in Wurf!« Er trug die geflickte Hose und das Nähzeug in die Stube und ging hinüber zum Jägerhaus.

Mazegger kniete vor dem eisernen Sparherd, um Feuer anzuschüren.

»Du? Wo warst denn heut?«

Zögernd erhob sich der Jäger. Er schien es gleich zu merken, daß sich ein Gewitter über ihm entladen sollte. »Der Kammerdiener hat mir einen Brief übergeben. Den hab ich nach Leutasch getragen.«

»So? Da kannst freilich aufs Wild net aufgschaut haben. Aber was hast denn gestern gsehen? Auf der Abendpirsch?«

»Nichts.«

»So? Gar nix? Und gegen Leutasch naus bis gwesen? Im Hämmermoos?«

Mazegger wandte sich zum Herd und nickte.

Da brach das Gewitter los. »Du Lugenschüppel, du gottverlassener! Da schau her!« Der Förster griff in die Joppentasche und warf dem Jäger die Sichel einer Spielhahnfeder vor die Füße. »Da hast dein Federl wieder! Am Steig zum Steinernen Hüttl droben hab ich's gefunden. Warum lügst mich denn so an?«

Brennende Röte war über das bleiche Gesicht des Jägers geflogen. Seine Augen funkelten.

Der Förster betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Dabei verrauchte sein Zorn, und er sagte mit ruhigem Ernst. »Toni! Jetzt will ich dir die letzte Verwarnung geben. 's Lugen vertrag ich net. Alles kann ich eim Jager verzeihen, a Jager ist auch nur a schwacher Mensch. Aber 's Maul, wenn er aufmacht im Dienst, muß ich a wahrs Wörtl hören. Und drum sag ich dir's jetzt als dein Fürgsetzter: lügst noch an einzigs Mal, so kannst deine sieben Zwetschgen packen.«

Schweigend starrte der Jäger in die Lampenflamme und nagte an der Lippe.

»So! Und jetzt reden wir noch von was anderm mitanander, weißt, Tonerl, als Mensch und Mensch.«

Mazegger drehte langsam das Gesicht über die Schulter, und seine Augen wurden klein.

»Ich bin dir gut gwesen, Toni, wie ich gut bin zu alle Leut. Oft, wenn du deine gachzornigen Streich so gmacht hast, hab ich mir denkt: trag's ihm net nach, er is verwildert, hat als Kind viel Unglück erfahren, hat d' Mutter hergeben müssen und hat den Vater verloren. Aber wer in verstandsame Jahr kommt, muß in ihm a bißl aufrichten, was bucklet graten is. In dir, Toni, wachst sich was aus, was mir Sorgen macht. Und da fallt dir jetzt noch so an Unsinn ins Blut –«

Der Jäger fuhr auf: »Herr Förster!« Es blitzte in seinen Augen. »Sagen Sie mir meinetwegen als Vorgesetzter, was Sie wollen. Das muß ich anhören. Was über den Dienst hinaus und mich allein angeht, bitt ich in Ruh zu lassen!«

»So?« Dem Förster schwollen an den Schläfen die Adern; seine Stimme blieb ruhig. »So sag ich dir's halt im Dienst: mach du deine Pirschweg und lauf net allweil deiner Narretei nach, statt dem Jagdschutz! Meinst, ich weiß net, warum mich gestern wieder anglogen hast und heimlich beim Steinernen Hüttl droben warst? Ich müßt ein' Eselstritt von einer Hirschfährten net unterscheiden können. 's Fräuln wird auf der Alm droben gmalt haben, und da bist ihr wieder nachgstiegen, Toni! Denk a bißl, wer du bist und wer dös Fräuln is! Ja, schau mich nur an! Und laß mir dös Fräuln in Ruh! Sonst hast es mit mir z'tun! Brock dir a Blüml, dös für dich gewachsen is am Weg! Aber streck deine Hand net aus nach eim Sterndl, dös am Himmel glanzt.«

Mazegger lachte, und ein häßlicher Zug legte sich um seinen Mund. »Ein Sterndl? So? Da muß freilich ein anderer kommen! Vielleicht so einer wie unser gnädiger Herr Fürst? Bieten Sie 's ihm doch an! Er hat ihr gestern eh schon nachspekuliert mit seinen hochfürstlichen Augen –«

Weiter kam Mazegger nicht; eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die höhnische Rede ab. Einen Augenblick stand er mit aschfahlem Gesicht. Dann sprang er wie ein wütendes Raubtier dem Förster an den Hals.

»Du! Ah, schau! So einer bist du!« Sie rangen miteinander, und es gehörte die zähe Kraft des schweren Mannes dazu, um die Fäuste von sich abzuwehren, die seinen Hals umschlossen. Ein Ruck, ein Schwung dieser stählernen Arme, und Mazegger taumelte gegen die Wand. »So, du!« Schwer atmend brachte Kluibenschädl den aufgerissenen Hemdkragen wieder in Ordnung. »Über vier Wochen such dir an anderen Dienst! Müßt ich mich net schenieren, daß ich dem Herrn Fürsten den Grund sag, so tät ich dich heut auf d' Nacht noch davonjagen. Dem Herrn Fürsten z'lieb soll's heißen, daß selber kündigt hast! Verstehst? Und solang 's Fräuln am Sebensee draußen is, gehst mir nimmer aussi! Dös sag ich dir!« Er drehte dem Jäger den Rücken und schritt zur Tür.

Leichenblaß und zitternd an allen Gliedern starrte Mazegger ihm nach. Als der Förster schon in der Tür verschwinden wollte, riß der Jäger das Messer von der Hüfte. Er machte einen Schritt. Dann sank ihm der Arm. Er schleuderte das Messer fort und preßte die Faust an seine Stirn.

Das hatte der Förster nicht mehr gesehen. Er stand schon draußen in der Nacht und spuckte aus, als hätte er damit einen symbolischen Punkt hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlüssig blickte er zum Fürstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden sollte? Er schüttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Hütte und zündete in dem finsteren Stübchen die Lampe an. Als er auf dem Bett die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim Lampenschein die wulstige Naht. »Sakra, sakra«, brummte er seufzend vor sich hin, »die wird mich drucken!« Er hängte die Lederhose an den Kleiderrechen und sah sie mißtrauisch noch einmal an. Dann holte er das Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.

Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tür hereingestürmt, atemlos von einem zweistündigen Dauerlauf. »Herr Förster! Der Hirsch is heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Fürst morgen in der Fruh mit mir aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert Schritt.«

»No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport!«

Pepperl stellte die Büchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde zurückkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner Erschöpfung noch fähig war: »Morgen kracht's. Der Herr Fürst geht mit. Um zwei in der Fruh wird abmarschiert.« Ans Kochen und Essen dachte er nimmer. So müd war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stieß er die Schuhe von den Füßen und warf sich angekleidet auf die Matratze.

Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Försterhaus der »Schwarzlackierte« begegnet. Aber der Gedanke an des »dumme unbetreute Madl« und am Burgis »armen alten Vater« ging ihm unter in diesem Bärenschlaf seiner Müdigkeit. Und während Pepperl sägte, saß Kluibenschädl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die standhafte Liebe der jungen, »berückend schönen« Lady Maud wirkte so zaubermächtig auf das Herz des Lesers, daß er dem Dichter sogar den Tod des armen Lion verzieh.

Er las noch immer, als gegen halbzwei Uhr morgens mit Gerassel der Wecker ging.

»He, Pepperl! Auf!«

Der Erwachende machte große Augen. »Mar und Joseph! Herr Förstner! Halb zwei? Und sie schlafen noch net?«

»Na!« Kluibenschädl wischte sich die Tränen seiner Rührung aus den Augen. »Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann ich meine Augen zumachen!« Langsam begann er sich zu entkleiden. »Pepperl, dös Büchl mußt lesen! So was is schön: wenn zwei treue Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da könnt man schier selber wieder ans Heiraten denken!« Er seufzte. »Wenn alle Weibsbilder so wären wie die Laadi!« Trübselig schüttelte er den Kopf und tauchte, während Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.

Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende Kerze in die Laterne steckte, fragte er plötzlich: »Bleiben Sie heut daheim, Herr Förstner?«

»Ja.«

»Da sollten S' Ihnen doch a bißl um den Herrn Kammerdiener kümmern.«

»Warum denn?« klang's mit Gähnen unter der Decke hervor.

»Weil er Langweil haben muß, wenn der Herr Fürst net daheim is.«

»Soll er halt 's Geheimnis von Wohdekastel lesen!«

»Plauschen, mein' ich, tut er lieber.«

»Soll er mit der Köchin plauschen!«

»Oder mit der Burgi? Net?« Pepperls Hände zitterten, daß die Laterne klirrte.

»Meintwegen! Mir is alles recht.«

»Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da könnt s' ihm leicht an unbschaffens Wörtl sagen, dös ihn verdrießt. Ich mein', da sollten S' dabei sein. Daß sich 's Madl a bißl zruckhalt, wissen S'!«

»Ja, ja, is schon recht! Laß mich nur jetzt in Ruh! Und schau, daß der Herr Fürst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch, gelt! Daß d' mir kei' Schand net machst!«

»Na, na, da wird sich nix fehlen!« Pepperl holte noch einen schweren Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Fürst aus der Tür trat.

»So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter haben.«

»A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schöner sein könnt!«

Martin war hinter dem Fürsten in der Tür erschienen und fragte: »Bis um welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurück sein?«

»Das weiß ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?«

Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei einem glücklichen Einfall lächelt. »Da wird sich was Gnaus net sagen lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern, aber wir können auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr Kammerdiener, rühren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net am End den Herrn Fürsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und jetzt geben S' mir Ihr Büxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter. So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!«

Auch Martin lächelte, während er geschmeidig den Rücken krümmte. »Weidmanns Heil, Durchlaucht!«

»Weidmanns Dank!«


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