Ludwig Ganghofer
Das Schweigen im Walde
Ludwig Ganghofer

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Zwölftes Kapitel

Ein Glück war's, daß Loisli am Morgen frischen Vorrat an Butter und Ehrwalder Weizenbrot gebracht hatte. Sonst würde sich das kleine Seehaus als zu arm erwiesen haben für den gesunden Appetit der beiden Jäger, die seit dem Frühstück um drei Uhr morgens keinen Bissen mehr genossen hatten. So wurden, wie Ettingen versicherte, »die Wölfe allmählich zahm«. Je toller es draußen zuging, desto fröhlicher steigerte sich die Laune am Tisch. Die wohlige Stimmung inmitten des rumorenden Ungewitters leuchtete von allen Gesichtern, am hellsten aus den Augen des Fürsten. In jedem seiner Blicke war dankbares Wohlgefallen an der stillen, aufmerksamen Art, in welcher Lo ihren Gast bediente und für ihn sorgte. »Wer das immer so haben könnte«, sagte er, »nicht nur für eine Stunde, für immer: sich in allem Sturm, den das Leben bringt, so sicher und froh zu fühlen, wie wir da sitzen, während draußen alles drunter und drüber geht!«

»Das können S' haben, Duhrlaucht!« meinte Pepperl lachend, während er zum fünftenmal seine Tasse füllte. »Bleiben S' da bei uns und verangaschieren S' d' Fräuln Petri als Wirtschafterin ins Jagdhaus! Da kriegen wir's gut.«

Heiter ging Lo auf den Scherz des Jägers ein. Gustl schien die Sache ernst zu nehmen und betrachtete beklommen bald die Schwester, bald den Fürsten, der keinen Blick von Lo verwandte und jedes Wort von ihr wie eine neue Freude zu empfangen schien.

Auch Pepperl war nachdenklich geworden. Das »Jagdhaus« mochte ihn an ein anderes Gebäude erinnert haben, das nicht weit davon lag. Mit seufzendem »Vergelt's Gott!« zog er, als Ettingen die Serviette faltete und Lo den Tisch zu räumen begann, die Truhe an ihre Stelle zurück, setzte sich wieder und lehnte sich mit gekreuzten Armen an die Hüttenwand. Und Gustl, den das Turnen auf seinem Schaukelstuhl ermüdet hatte, trug die beiden Scheite zum Herd und schmiegte sich in die Ecke des Diwans. So blieben Ettingen und Lo allein am Tisch, überschimmert vom Lichtkreis der Lampe, während alle Ecken und Wände der Hüttenstube in tiefem Schatten lagen. Und sie allein nur sprachen. Ettingen fragte, und Lo gab Antwort.

Wie einer, der am Weg eine seltene Blume findet, an ihrer Schönheit sich nicht satt zu schauen vermag, und die Sehnsucht empfindet, das liebliche Wunder dieser Farben ganz zu verstehen – so fühlte sich Ettingen diesem Mädchen gegenüber. Er fragte und fragte, als sollte für ihn auf dem Grund dieser klaren Menschenseele kein Licht und keine Regung verborgen bleiben. Wie mußte er staunen über die seltene Bildung dieses »Dorfkindes«! Und wie ruhig und einfach sie das Leben ansah! Alle schreienden Fragen der menschlichen Daseinsnot waren für sie gelöst durch ihre wunschlose Zufriedenheit, durch die Herzensgüte, mit der sie alles umschloß, durch ihren Glauben an das Schöne und an die zweckvolle Notwendigkeit alles Bestehenden, auch des Schmerzes. »Leben und leiden, das klingt zusammen und läßt sich nicht trennen. Und könnten wir uns denn eine Freude denken, wenn wir den Schmerz nicht kennen würden? Wir lieben doch die Sonne nur, weil sie wiederkommt, wenn sie gesunken ist.«

Wohl mußte Ettingen bei seiner größeren Lebenskenntnis den Kopf zu manchem Gedanken schütteln, den sie aussprach. Aber aus allem, was sie sagte, hauchte ihn eine Wärme an, die sein ganzes Wesen durchdrang. »Wie Sie von Welt und Menschen denken, liebes Fräulein, das ist so gut, so schön! Aber die Wirklichkeit des Lebens ist rauh und zwecklos häßlich, ist grundverschieden von dem abgeklärten Bild, mit dem Ihre Seele alles widerspiegelt. Doch ich bin der letzte der Sie in Ihrem Glauben irremachen könnte! Und wer weiß, vielleicht haben Sie recht – und wir Allerweltsklugen sind die Toren, die alle Weisheit für sich haben, aber auch allen Schaden. Schließlich ist Wahrheit doch wohl etwas anderes als Wirklichkeit. Wahrheit, die sich greifen läßt und für alle gilt? Die gibt's nirgends. Nicht die greifbare Form der Dinge macht ihr Bild, sondern der Blick, mit dem wir sie sehen, die Höhe oder Tiefe, aus der wir sie betrachten. Und wie wir sie sehen, so sind sie für uns, und so sind wir selbst. Das Leben ist gut für Sie, weil Sie gut sind. Sie stehen hoch, und Ihr Blick ist hell. Wer so sehen könnte wie Sie!«

»Liegt das nicht im Willen eines jeden?«

»Meinen Sie?« Er schwieg und lächelte, als hätte er zu sich gesagt: »Ich will's versuchen.«

Da hörten sie einen schweren Atemzug und blickten auf.

»Ach Gott! Der arme Junge!«

Gustl war eingeschlafen. In unbequemer Lage hing ihm der Kopf über die Lehne des Diwans.

Während Lo zum Bruder hinüberging, riß auch Pepperl die Augen auf, der ebenfalls ein Nickerchen gemacht hatte und nun erwachte, weil die Stimmen so plötzlich schwiegen.

Die Ermüdung der beiden mahnte Ettingen an die Zeit, an die er seit dem Eintritt in die Hütte mit keinem Gedanken gedacht hatte. Er sah nach der Uhr und sprang erschrocken auf. »Ach, du lieber Himmel! Zwölf Uhr, Fräulein! Ich habe Sie um die halbe Nacht gebracht. Wie soll ich meine Unbescheidenheit entschuldigen? Ich kann es nur, wenn ich Sie zur Mitschuldigen mache. Der Gast ist geblieben, weil ihn die Wirtin hielt. Jetzt aber fort! Auf, Pepperl! Wir gehen!«

Gehorsam erhob sich der Jäger. Aber Lo sagte: »Sie können und dürfen nicht gehen. Das Gewitter scheint ja vorüber zu sein, man hört keinen Donner mehr. Aber dieser Regen, wie das gießt! Und jetzt, in der Nacht? Dieser Weg! Nein. Ich erlaube nicht, daß Sie gehen.«

»Duhrlaucht, 's Fräuln hat recht!« fiel Pepperl ein und öffnete die Tür. Ein sausender Luftstrom fuhr in die Hütte und peitschte den Regen über die Schwelle. »Da schauen S' aussi, wie's tut! Und so was von Finsternis! Da könnten wir den Hals riskieren. Na, na, die Verantwortigung übernimm ich net. Jetzt müssen wir bleiben. 's Fräuln wird net harb sein drum. Gelten S', na?«

Lo reichte dem Fürsten die Hand. »Wenn Sie gingen, würden Sie mir eine Sorge machen. Ich bitte Sie, zu bleiben.«

Ihre Hand festhaltend, ließ Ettingen sich auf den Sessel nieder. »Gut! Ich weiche der Majorität. Aber Gewissensbisse mach ich mir doch! Und eine Bedingung stell ich: der arme Junge ist müd, er soll sich niederlegen. Nicht wahr, Gustl, vor mir genierst du dich nicht?«

»Nein!« sagte der Junge mit seiner schlaftrunkenen Stimme. Er wartete nur, bis die Schwester ihm zunickte, dann zog er sein Jöpplein aus und legte es sorgsam gefaltet über die Diwanlehne. In den Strümpfen und mitsamt dem Lederhöschen schlüpfte er unter die Decke, in deren Schutz er sich vollends entkleidete. »Lo, jetzt lieg ich!« Das sollte heißen: Komm und sag mir gute Nacht! Als fünfjähriger Bub hatte er sich's angewöhnt, vor dem Einschlafen die Schwester so zu rufen. Daran änderte die Tatsache nichts, daß er im letzten Semester schon angefangen hatte, den Cäsar zu lesen.

Sie ging zu ihm, und als er sie mit beiden Armen um den Hals nahm, küßte sie ihn auf die Wange und sagte ihm leis ins Ohr: »Denk an den Vater!«

Ettingen betrachtete schweigend die Geschwister, und ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als wäre ein Wunsch in ihm erwacht, den er fühlte, ohne ihn zu verstehen. Während Lo zum Tisch zurückkehrte und eine grüne Blende um den Lampenschirm hängte, blickte er lächelnd zu ihr auf: »Wie gut der kleine Mann da drüben jetzt schlafen wird!«

Nun saßen sie wieder am Tisch. Damit der Junge den Schlummer leichter finden möchte, plauderten sie mit gedämpften Stimmen. Das machte auch Pepperl sich zunutze und schloß die Augen wieder. Nur die beiden am Tisch empfanden keine Müdigkeit, kein Verlangen nach Schlaf. Das leise Sprechen beim eintönigen Rauschen des Regens gab jedem Wort, das sie sagten, einen heimlichen, tieferen Sinn und umwob die Plaudernden mit einer Stimmung, die sie genossen, ohne ihr nachzufragen. Manchmal, nach einem ernsten Wort, verstummte ihr Geplauder. Dann saßen sie sich eine Weile schweigend gegenüber, als hätten ihre nachklingenden Gedanken an diesem Worte noch zu raten. Nach solch einer Stille sagte Ettingen unvermittelt: »Die ganze Zeit schon, während ich plaudere mit Ihnen, bei jedem Wort, das Sie sprechen, hab ich immer eine seltsame Empfindung.«

»Welche?«

»Daß wir nicht allein wären hier am Tisch! Daß noch ein Dritter bei uns wäre. Ihr Vater!«

Wie es aufleuchtete in ihren Augen! Das verriet ihm, mit welcher Sehnsucht sie darauf gewartet hatte, daß er von ihrem Vater sprechen würde.

»Bei vielem, was ich von Ihnen hörte, hab ich mir immer denken müssen: Er ist es, der zu mir redet. Oft überkam mich die Täuschung, als vernähme ich eine andere Stimme, nicht die Ihrige, seine Stimme. Ich stelle mir vor, daß er ein tiefes, klangvolles Organ hatte – eine von jenen Stimmen, nach denen man sich umsieht, wenn man sie hört.«

»Nein!« Sie lächelte. »Papa hatte eine ganz unauffällige Stimme, nicht stark und beinahe herb, fast immer ein wenig erregt und etwas ungeduldig. Aber wie weich und zärtlich konnte diese Stimme klingen!« Träumend blickte Lo vor sich hin. Ein Schatten tiefer Wehmut glitt über ihre Züge. Dann atmete sie auf und sagte leis: » Das kommt nicht wieder. Da hilft kein Erinnern.«

Um die schmerzliche Stimmung zu verscheuchen, die sie befallen hatte, begann er von seinem Besuch in ihrem Haus zu sprechen und schilderte ihr den Eindruck, den er von jedem einzelnen Bild empfangen hatte. Lange hörte sie ihm schweigend zu, keinen Blick von seinen Lippen verwendend. Dann sprach sie manchmal ein paar flüsternde Worte dazwischen, um seine nicht völlig zutreffende Auffassung eines Bildes richtigzustellen, oder um zu sagen, aus welchem zufälligen, scheinbar unbedeutenden Erlebnis ein besonders wirksames Motiv hervorgewachsen wäre. So kam sie allmählich ins Erzählen, schilderte das Schicksal ihres Vaters, die Anfänge seiner Kunst, das zähe Streben des verwaisten Bauernsohnes, der zum Priester bestimmt war und aus dem Alumnenseminar hinübersprang auf die Akademie. Sie schilderte das stille Glück seiner Liebe, als er in der Erzieherin eines vornehmen Hauses, in dem er Zeichenstunden gab, seine Frau gefunden hatte, schilderte seinen häuslichen Sorgenkampf, seine Verzweiflung über das lachende Unverständnis, dem er mit seinem eigenartigen Schaffen begegnete, seine Verbitterung und die Flucht aus der Stadt. Noch ausführlicher erzählte sie, was sie selbst, als heranwachsendes Kind, mit dem Vater erlebt hatte: sein Aufatmen im Verkehr mit der Natur, die schönen Traumwochen am Sebensee, die Liebe zu den Seinen und die Freude an seinem Haus, den Anfang jener handwerksmäßigen Schilderei, die er im Zorn der Verbitterung begann, um sie weiterzutreiben mit heiterer Ironie, fast mit einer Art von Freude an ihr, weil sie anderen Freude machte. Sie erzählte von seiner Rückkehr zu neuem, reiferem Schaffen, von der Ängstlichkeit, mit der er die entstandenen Werke in seinem Haus verschloß, damit sie keinem »Kunstaugur« und »Bildungstiger« vor Augen kämen, von seinem ganzen Leben bis zu jenem letzten Tag nach dem Wolkenbruch, bis zu seinem lächelnden Sterben und seinem letzten Wort: »Meine Blumen!«

Stunde um Stunde verging. Und die beiden merkten nicht, daß über dem kleinen Dach das Rauschen des Regens immer leiser wurde, und daß durch die Ritzen der Fensterläden schon ein mattes Grau des erwachenden Morgens hereinschimmerte.

»So starb er.«

Lange saßen sie schweigend, bis Ettingen ihre Hand nahm. »Ich kann es Ihnen nachfühlen. Wie müssen Sie ihn schwer verloren haben!«

»Ja!«

Sie sagte sonst kein anderes Wort. Erst nach einer Weile konnte sie wieder sprechen. »Das Lächeln, mit dem er starb, der leichte Seufzer, mit dem er die Augen schloß – das war mein Trost. Und das hat mir hinübergeholfen über das Schlimmste, so daß ich die Mutter und den Bruder stützten konnte. Er hat mich doch gelehrt, das Leben liebzuhaben, aber auch den Tod nicht zu fürchten, nichts anderes in ihm zu sehen als einen Wandel der Form und eine schöne Ruhe, in die kein Schrei und Weh des Lebens mehr hineinklingt. Und weil er starb, deshalb hat er uns nicht verlassen. Immer seh ich ihn, immer ist er bei mir. Als ob er noch lebte, so seh ich ihn vor mir stehen. Nur so still!« Ihre Stimme schwankte. »So schweigsam! Wie ich auch mein Erinnern sammle – seine Stimme hör ich nicht mehr, auch nicht im Traum! Und wenn ich sie zu hören meine, klingt sie anders. Nicht mehr so, wie sie war. Das ist eine Sehnsucht, die mich nie verläßt: seine Stimme noch einmal zu hören – nur jenes Wort, das er immer zu mir sagte, wenn ich ihm eine Freude machte – mit der gleichen Zärtlichkeit, mit dem gleichen Ton: ›Meine gute, liebe, kleine Lo!‹ Das möchte ich noch einmal hören, nur ein einziges Mal! Aber das kommt nicht wieder.« Zwei Tränen lösten sich schwer von ihren dunklen Wimpern und sickerten langsam über die Wangen.

»Fräulein!«

Das war ein Laut wie aus quälendem Schmerz heraus.

Und da erwachte der Jäger. Der erst Blick seiner verschlafenen Augen galt dem Dach, über dem es stille war. Ein bißchen mühsam – alle Glieder schienen ihn zu schmerzen – erhob er sich und öffnete die Hüttentür. Weiße Helle und frische Morgenluft quollen in den Lampenschein der Stube. »Da schauen S' her, Herr Fürst! Der schönste Morgen!« Lachend rieb der Jäger sich die Augen und trat über die Schwelle hinaus.

Die beiden am Tisch erhoben sich.

»Wahrhaftig, der Tag ist da!« Ettingen faßte Lolos Hände. »Ich danke Ihnen, Fräulein, für diese Nacht! Und wenn ich jetzt gehe, nehme ich um Ihretwillen einen Wunsch mit fort.«

»Einen Wunsch?«

»Daß Sie das noch einmal hören möchten in Ihrem Leben, mit der gleichen Zärtlichkeit und mit dem gleichen Ton: Meine gute, liebe, kleine Lo!« Zögernd ließ er ihre Hände, ging zum Diwan hinüber und küßte den schlummernden Jungen auf die Stirn.

Gustl erwachte, richtete sich in den Kissen auf, blinzelte mit den Augen und sagte: »Guten Morgen!«

Das wirkte so drollig, daß sie lachen mußten, alle beide.

Zärtlich streichelte Lo dem Buben die Wange. »Guten Morgen, Bubi! Aber leg dich nur wieder hin und schlaf noch ein Weilchen! Es ist noch gar nicht Tag, erst vier Uhr früh!«

»So? Aber gelt, wenn die Sonne kommt, dann weckst du mich, Lo?«

»Ja, Bubi!«

Gustl drehte sich auf die Seite. Nach einer Minute schlief er schon wieder.

Lo und Ettingen traten vor die Hütte.

Im weißen Frühlicht lebten schon alle Farben der Landschaft auf, und diese Farben hatten etwas Neues, Ungewöhnliches und Kraftvolles. Doch nur in der Ferne erschienen sie klar. Über allen Farben der Nähe lag's wie ein grauer Seidenschleier. Und unter der Schwere zahlloser Wassertropfen waren die Kelche der Blumen gebeugt, ihre Blätter und Zweige zu Boden gedrückt. Während Tropfen um Tropfen von ihnen niederrollten, begannen sie schon langsam sich wieder aufzurichten, frischer und schöner, wie von neuem Leben erfüllt. Von den schweren Nadelzweigen des Harfenbaumes ging ein unaufhörliches Geriesel nieder, und das war in der Stille des Morgens wie eine leise, heitere Murmelstimme, in die sich mit tiefem Orgelton das ferne Rauschen der wasserreichen Wildbäche mischte.

Ruhig dampfte der See. Die Dünste, die von ihm aufstiegen, zerflossen wieder in den Lüften. Vereinzelte Nebelsäulen rauchten über die schwarzgrünen Kämme der Wälder empor und zogen sich an den Gehängen der Berge hin, die bei dieser lauteren Klarheit der Luft wie zum Greifen nah und von doppelter Größe erschienen. An den Wänden, die gegen Westen blickten, waren mit nassem Blau alle Formen verwaschen. In hartem Bleigrau und scharf gezeichnet starrten die Felsen, die gegen Osten sahen, von wo die Sonne kommen sollte. Sie kam noch nicht. In kalter Helle leuchtete das dünne Blau des Himmels, und mit erlöschendem Schimmer zitterte ein großer Stern noch zwischen dem letzten grauen Gewölk, das langsam davonzog über den Grat der südlichen Berge. Aber hoch am Himmel, hoch, eine kleine Herde winziger Lämmerwolken – die begann sich schon mit zartem Rot zu überhauchen. Und als sie leuchteten, diese Wölklein, wie in die Lüfte gestreute Rosen, schwamm fern im Osten über einen langen dunklen Bergzug ein Glimmen und Glasten herauf, in dem alle Grate mit doppelter Linie gezeichnet waren: die eine Linie blauschwarz und die andere gleißend wie ein goldener Faden.

Von den Wänden zog ein frischer Windhauch über das stille Seetal hinunter, bewegte sacht alle Zweige an Busch und Bäumen, machte die Tropfen in Menge fallen und strich über die Blumen und Gräser hin wie eine Flüsterstimme: »Sie kommt, sie kommt!«

Leise rauschten die Wälder im tieferen Tal. Und jählings war es, als hätte strömend der Duft aller Blumen sich gelöst, als stiege würzig und stark aus dem Schiß der Erde herauf, was ihre getränkte Scholle an Wohlgeruch besaß.

In solcher Luft! Wie war das ein leichtes und frohes Wandern!

Bald klangen die Schritte der beiden Jäger auf kahlem Gestein wie Hammerschlag, bald wieder erloschen sie, wenn der Weg über feuchten Rasen ging.

Ettingen atmete, als wäre in seiner Brust ein unersättlicher Durst nach aller Frische dieses Morgens. Immer wieder blieb er stehen, winkte mit der Hand und grüßte mit dem Hut zurück nach dem kleinen Haus da droben, auf dessen Schwelle die regungslose, schlanke Mädchengestalt wie von nebelhaftem Feuerglanz umwoben war – vom rötlichen Lampenschein, der aus der Stube quoll.


 << zurück weiter >>