Ludwig Ganghofer
Das Schweigen im Walde
Ludwig Ganghofer

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Siebzehntes Kapitel

In lautloser Stille lag der Tillfußer Wald. Unter den Bäumen war tiefer Schatten, doch um die Wipfel glühte noch der Glanz der Sonne, die sinken wollte. Wie goldfunkelnde Riesenmauern, von purpurnen Schattenlinien durchzogen, standen die grell beleuchteten Berge hinter den Lücken des Waldes.

Auf einem Baum, den der Sturm geworfen hatte, saßen Graf Sternfeldt und der Förster. Nicht weit von ihnen zweigte sich der Pfad – der eine Weg führte zur Jagdhütte im Sebenwald, der andere zur Sebenalpe und zum See. Diesen letzteren Pfad konnte man auf eine weite Strecke übersehen.

Je länger die beiden warten mußten, desto ungeduldiger wurde Sternfeldt.

»Endlich! Da kommt er!« Der Graf erhob sich. »Bleiben Sie, Herr Förster, ich geh ihm entgegen!«

In Gedanken versunken, behaglich schlendernden Ganges, kam Ettingen über den Pfad heruntergeschritten. Sein Hut war rings um die Krempe mit Blüten besteckt, mit Edelrosen vom Sebensee.

»Heinz!«

Ettingen blickte auf, als könnte er dem Klang dieser Stimme nicht glauben. Da leuchtete ihm die Freude aus den Augen. »Goni! Du?« Er stieß den Bergstock in die Erde und streckte dem Freund die Hände entgegen. »Du? Wahrhaftig? Goni, die Freude, die ich habe! Sagen kann ich das nicht – aber sieh mich an, und du mußt es fühlen!«

»Ja, Heinz!« Tiefe Bewegung klang aus der Stimme des Grafen. »So deutlich wie in diesem Augenblick hab ich es noch nie empfunden, daß du mir gut bist!«

»Goni? Hast du je daran gezweifelt?«

»Nein. Aber wer Geld besitzt, will auch wissen, wieviel es wert ist, und freut sich der Stunde, die ihn zählen läßt. Solch eine Zählstunde war jetzt der Blick in deine Augen! Aber dich so sehen zu dürfen, das hat noch eine andere Freude für mich. Heinz? Was ist aus dir geworden?«

»Ein gesunder, froher Mensch. Das hab ich dem Wald zu danken. Und dir! Du warst es, der diesen herrlichen Fleck Erde für mich ausgesucht. Und du weißt nicht, was du da alles für mich gefunden hast! Ich danke dir, Goni! Aber was machst du denn für Augen?« Lachend beugte Ettingen das Gesicht bis dicht vor die Nase des Freundes. »Ich bin es schon! Wirklich! Ja, ja, ja!«

»Daß du so gesund vor mir stehst, so sonnverbrannt, so lachend? Das allein ist es nicht! An dir ist was Neues. Wär ich dir so in der Stadt begegnet, ohne zu ahnen, daß du das bist, ich glaube, ich hätte dich auf den ersten Blick nicht erkannt. Wie ein ganz anderer stehst du da! Und der neue Heinz gefällt mir! Aus deinen Augen redet Leben und Wille zur Freude – nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr um dich. Jetzt kann ich dir sagen, warum ich kam. Ich bringe dir eine Nachricht, Heinz! Denk dir – sie ist da!«

»Wer?«

»Aber Heinz! Errätst du denn nicht?«

»Nein! Wer ist da?«

»Diese Frage begreif ich nicht. Aber du hättest mir kein Wort sagen können, das ich lieber gehört hätte, als dieses ahnungslose ›Wer?‹ – Die Prankha ist da. Draußen im Jagdhaus.«

Der Fürst erblaßte. so standen sie eine Weile schweigend voreinander. Dann stammelte Ettingen: »Das ist stark!«

Sternfeldt lachte. »Du weißt doch aus Erfahrung: in Dingen, die stark sind, ist sie groß!«

»Sie kam allein?«

»Gott bewahre! Sie muß den Schein wahren. Um so mehr, da sie ›ehrbare‹ Absichten zu haben scheint.«

»Sie ist mir dir gekommen?«

»Heinz! Das ist eine Frage, die mich verdrießen könnte!«

»Sei mir nicht bös! Ich weiß in meiner Empörung nicht mehr, was ich rede.«

»Empörung? Wirklich? Was dich blaß machte und dir das Blut wieder ins Gesicht treibt? Ist das nur Empörung?«

»Was sonst? Aber ja, Goni, ich will ehrlich sein, es ist noch etwas anderes!« sagte Ettingen mit bebender Stimme. »Was ich jetzt empfinde, ist wie Schmerz. Dieses Vergangene, dieses Häßliche – vor einer Stunde noch war es so ganz vergesssen, als wäre es nie gewesen. Nun steht es plötzlich da vor mir! Ich hatte das Gefühl wie nach einem Bad, als wär ich reingewaschen an Leib und Seele. Und jetzt? – Mir ekelt! – Aber wenn sie nicht allein kam? Mit wem kam sie denn?«

»Mit dem kleinen süßen Mucki.«

»Den soll ich auch noch ertragen?« Ettingen lachte im Zorn. »Die Geschichte fängt an, mich zu erheitern. Aber du? Daß du mit ihnen kamst?«

» Mit ihnen? Nein! Nach ihnen! Gestern mittag brachte mir der biedere Mann, von dem ich in meiner ahnungsvollen Vorsicht ihre Villa überwachen ließ, die Nachricht: mit dem Frühzug sind sie abgereist, Salonwagen nach Innsbruck. Am Abend saß ich im Kupee, kam heute mittag in Innsbruck an. Drei Stunden früher waren sie vom Hotel Europe abgefahren. Ich erinnerte mich an Shakespeare: Ein Königreich für ein Pferd. Und da bin ich! Und bin neugierig, was du tun wirst? – Nun?«

»Ich bin ratlos, Goni!«

»Ich wüßte dir einen Rat. Aber du befolgst ihn nicht.«

»Ja, Goni! Jeden, den du mir gibst!«

»Dort steht der Förster. Laß dich von ihm nach Ehrwald führen, jetzt gleich! Drunten nimm dir einen Wagen, fahre nach Garmisch, nach München! Oder bleibe in Ehrwald, bis ich dich wieder rufe. Was du brauchst, schick ich dir noch heute hinunter, durch einen Jäger, nicht durch Martin!« Sternfeldt lachte. »So schmerzlich es für dich sein wird, aber von diesem Ehrenmann wirst du dich trennen müssen. Er ist ihr Helfer gewesen.«

»Martin?«

»Ja! Er hat dich neulich auf die Jagd geschickt, und während du fort warst, wurde meine Stube in ein Boudoir für die Prankha verwandelt! Also? Soll ich den Förster rufen? Und willst du noch ein übriges tun, so schreib mir auf eine Visitenkarte: ›Mache mein Haus rein, Goni, und ich werde dir dankbar sein!‹ – Willst du?«

»Nein!«

»Siehst du, wie ich dich kenne?«

»Sie ist unter meinem Dach, sie ist mein Gast. Und ich habe diese Frau geliebt. Eine Roheit an ihr begehen, um sie abzuschütteln? Nein! Das kann ich nicht.«

»Roheit? Ich danke für das Kompliment. Aber ich bin nicht gekränkt. Ich vermute sogar, daß du schon morgen für meinen Rat empfänglicher sein wirst. Du hast sie geliebt, ja! Und daß du von dieser Liebe geheilt bist, das glaub ich auch. Nur die Blindheit ist dir geblieben. Aber ich, Heinz, ich habe diese Person gehaßt. Um deinetwillen! Und der Haß hat Augen. Ich kenne sie. Besser als du. Ohne Gewaltstreich wirst du mit der nicht fertig. Sei vornehm, wohlerzogen, höflich, und in drei Tagen hat sie dich wieder eingefangen.«

»Da irrst du dich.«

»Beweis es mir, und ich leiste Abbitte. Aber nun weißt du, daß die beiden unter deinem Dach sind, und deiner vornehmen Seele muß es als Unhöflichkeit erscheinen, liebe Gäste so lange warten zu lassen. Komm!« Lachend ging Sternfeldt auf Kluibenschädl zu. »Na also, lieber Förster, fertig zum Heimweg! Unsere gute Durchlaucht hat über ernste Dinge nachzudenken. Aber wir beide plaudern? Ja? Was macht die Jagd? Und wo ist der Zwölfender gefallen?«

»Droben beim Sebensee, Herr Graf! Und wann S' dös Gweih sehen –«

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie laute Stimmen im Wald vernahmen. Über den Weg, der zur bayerischen Grenze, zur Knorrhütte und zur Zugspitze führte, kam mit Lachen, Schwatzen und Singen eine lustige Touristengesellschaft herunter, vier junge Leute mit dick angepackten Rucksäcken, und zwei hübsche Mädchen, zu deren runden, vergnügten Grübchengesichtern die Maskerade des ländlichen Kostüms nicht übel paßte. Pfundweis trugen sie die Blumen auf Hüten und Bergstöcken.

Ob das der richtige Weg nach der Tillfuß-Alpe wäre? fragten sie den Förster.

Nur immer gradaus, und sie könnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhütte für sechs Leute Platz zum Übernachten wäre?

»Natürlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!«

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als hätte man ihr eine köstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die jungen Leute davon und begrüßte das Ziel ihres Marschs mit Jauchzen und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab Anlaß zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten in den Stall und grüßten einen Kutscher: »Guten Abend, Herr Vetter!« Als sie an Mazeggers Hütte vorüberkamen, blickte eines der Mädchen neugierig durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurück, winkte ihrer Freundin und flüsterte: »Du, da mußt hineinschauen, da sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog: Sein oder Nichtsein!« Als die andere mit lachenden Augen in die Stube spähte, fuhr Mazegger auf: »Was wollen Sie? Machen Sie, daß Sie weiterkommen!« Die Folge war, daß von den jungen Touristen einer nach dem anderen ans Fenster trat und sich höflich verbeugte: »Habe die Ehre!« Und dann ging's mit Gelächter hinunter zur Sennhütte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen Stimmen verklangen, öffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem Lauerposten neben dem Herd zurück.

Rittlings saß er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes zu sehen als Tür und Fenster des Fürstenhauses.

Da schoß ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem Fernrohr.

In der Tür des Jagdhauses war Baronin Prankha erschienen. Während sie über die Stufen herunterstieg in den Hof, stützte sie sich auf die Goldkrücke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine weiße Sportmütze aus schottischer Seide und ein weißes Lodenkleid mit breitem Ledergürtel von schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der linde Stoff den schönen Frauenkörper, der bei aller Grazie leicht zur Fülle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und Neigen des Kopfes schien der ganze Körper mitbewegt. Und wie dieses Haar in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den dunklen Farbenglanz, den sterbende Blätter an einem schönen Herbsttag haben. In seiner kapriziösen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das sich über die Schläfe hinauslegte, umschloß dieses Haar gleich einer leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt, weiß und rot, mit zarten Grübchen und bläulichem Schatten, mit den klar gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heißen Lippen. Diese Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau wie eine Meisterin auf das corriger la beauté. Bei der rosigen Frische dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die großen Pupillen schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervöser Ungeduld flackerten, während sie beim Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand wühlte und immer hinunterspähte über den Weg! Dann plötzlich lachte sie, mit perlender Stimme, vergnügt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem Spielzeug überrascht wird.

Sensburg kam über den Weg herauf, »jagerisch« maskiert, mit Joppe, grüner Weste und kurzer Lederhose, mit genagelten Schuhen und mit Wadenstrümpfen, die mit dicker Wolle unternäht waren, um hinter den Knien den »echten« Buckel zu machen. An der Joppe trug er Hirschhornknöpfe, die ein spannenlanges Knopfloch brauchten, und an der Uhrkette baumelten silbergefaßte Adlerklauen, Hirschgranen und Murmeltierzähne. Die Knie mußte er mit irgendeiner Tinktur gefärbt haben; sie waren wie Kastanien so braun. Er ging nach der Art eines Holzknechtes, breitspurig und die Arme schlenkernd.

Mazegger konnte das heitere Lachen der schönen Frau und ihre Stimme hören, als sie in einer fremden Sprache – es war Englisch – dem anderen etwas sagte. Das mußte ein Kompliment gewesen sein, denn der »Jagerische« verbeugte sich geschmeichelt, und um seiner Rolle recht getreu zu werden, versuchte er das Wortkauen eines steirischen Kretins nachzuahmen. Dann fiel er, nach ein paar englischen Floskeln, wieder in den Wiener Fiakerton und lachte: »So ein Gstell? Was? Is ein Gstell! Eisssen! Und echter, man kann nicht! Aber Sie, Baronin? Ausschauen tun S' heint wieder, ich sag Ihnen, Baroninderl, großoatig! Zucker!« Galant umtänzelte Sensburg die schöne Frau und begann mit gustiöser Ausführlichkeit ihre Reize zu preisen. »Und denken, daß diese heazige Schennheit für einen anderen blütt? Das ist schmeazhaft, Baronin, wiaklich schmeazhaft!« Er verdrehte die Augen und seufzte. Um die schöne Frau wieder lachen zu machen, spielte er eine drollige Pantomime als hoffnungslos schmachtender Seladon. Es schien in dieser Posse auch ein Funke Ernst zu glimmen: die ohnmächtige Sehnsucht des verliebten Narren, der begehrt, was unerreichbar ist.

Sah sie dieses Flämmchen brennen, und hatte sie Ursache, zu wünschen, daß es nicht erlosch? Lächelnd reichte sie ihm die Hand, an der in der Sonne die Ringe blitzten, und ließ sie küssen. Plaudernd und lachend wanderten sie im Hof des Jagdhauses auf und nieder, und so oft sie kehrtmachten, tänzelte Sensburg auf die linke Seite der Baronin.

Da sah Mazegger durch das Fernrohr, daß die schöne Frau verstummte. Ihre Züge veränderten und spannten sich, ihre Augen wurden größer. Diese Erregung löste sich in ein bezauberndes Lächeln, als sie mit Sensburg zum Hoftor ging. Im gleichen Augenblick hörte Mazegger die Stimme des Fürsten, der mit Sternfeldt an der Hütte vorüberkam.

Mazegger huschte zum Fenster, kniete auf den Boden nieder und stützte das Fernrohr, damit es in seinen unruhigen Händen nicht zittern konnte. Schwer atmend richtete er das Glas auf das Gesicht der schönen Frau und belauerte jeden Blick ihrer Augen.

Den Grafen schien sie nicht gern zu sehen; als er sich lächelnd vor ihr verbeugte, nagte sie mit den kleinen blinkenden Zähnen an der Lippe. Ganz verwandelt schien sie, als sie auf den Fürsten zutrat, dem Sensburg schwatzend entgegengegangen war. Wie sie da lächelte, wie alles lebte und sprühte in ihrem Gesicht! Und dieser Blick! Wie eine Bitte, welche schenkt, demütig und sieghaft – ein Blick, der zu sagen schien: »Ich will dich, darum bist du mein!«

Da verfinsterte sich das Glas, Mazegger sah nichts mehr, und als er aufblickte, stand der Förster vor dem Fenster.

Kluibenschädl machte verblüffte Augen. »Was treibst du denn da? Unsere Herrenleut ausspionieren? So was laß bleiben, gelt! Und Uhr hast wohl keine? Sechse is's! Schau, daß in Dienst kommst!«

Wortlos erhob sich Mazegger, schob das Glas zusammen, richtete sich für den Pirschgang und schritt über das Almfeld hinunter. Als er den Wald erreichte, blieb er stehen und blickte nach dem Jagdhaus hinauf. Der Hof war leer, der Fürst und seine Gäste waren ins Haus getreten.

Mazegger nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Es schien, als wäre er ein anderer geworden. Sein Gesicht brannte, und er atmete wie einer, dem eine Kette von den Gliedern fiel. »Die erlöst mich von ihm! Wenn die ihm ihre Augen hinmacht, muß er vergessen! Alles!« Hastig schritt er hinein in den Schatten des Waldes.

Der Förster war zu seiner Hütte gegangen und schürte im Herd ein Feuer. Er schien zu denken, daß man ihn heute nicht zur Tafel rufen würde. »Schad um den gsparten Hunger!« Aber als er die Pfanne von der Wand herunternahm, erschien Martin in seiner schwarzen Gala: »Durchlaucht lassen zur Tafel bitten!« Während die beiden hinaufgingen zum Jagdhaus, sagte der Förster: »Sie; Herr Kammerdiener! Ihnen hab ich an ernstlichen Vorhalt z' machen. Einige Andeutigungen des Herrn Grafen Sternfeldt lassen mich vermuten, daß Sie mich, wie man zu sagen pflegt, über den Löffel balbiert haben – mit derselbigen ›Überraschung‹! Ich muß mir so was für die Zukunft entschieden verbitten! Solchene Sachen mag ich net.«

Martin erwiderte kein Wort. Er warf nur einen scheuen Blick zu den offenen Fenstern des Speisezimmers hinauf, wie in Sorge, daß irgend jemand die geharnischte Erklärung des Försters gehört haben könnte. Es war überhaupt in seinem Wesen etwas Ängstliches, als hätte er die Ahnung, daß ihm heute noch eine Unbehaglichkeit bevorstünde.

Sie traten ins Haus.

Von den Stimmen bei der Tafel drang nur ein undeutlicher Hall in den Hof herunter. Am besten unterschied man die Stimme des Edlen von Sensburg, der das große Wort zu führen schien. Häufig hörte man auch ein helles, perlendes Lachen. Die Fiakerspäße des »kleinen süßen Mucki« schienen die schöne Frau in heitere Laune zu versetzen.

Je ruhiger der schöne Abend um die Mauern des Jagdhauses dämmerte, desto lauter ging es drunten in der Sennhütte zu, in der sich die junge Touristengesellschaft gemütlich eingerichtet hatte. Vergnügtes Schwatzen wechselte mit Gesang, lustiges Kreischen mit lautem Gelächter, und dazu klimperte und klang eine Zither.

Als es dunkel wurde, kehrte Pepperl von der Pirsche zurück. Lange stand er vor der Tür des Försterhäuschens und lauschte zur Sennhütte hinunter, bis er wütend vor sich hinbrummte: »So a Madl! Daß die doch allweil ihr Gaudi haben muß! Mit ander Leut!« Seufzend trat er in die Hütte, legte sein Jagdzeug ab und setzte sich vor die Tür.

Wenn in der Sennhütte die jungen Stimmen recht übermütig durcheinanderschrien, drückte Pepperl die Hände über die Ohren.

Es war finstere Nacht geworden, als Martin mit einer Laterne über den Weg herunterkam, um Herrn von Sensburg zum Fremdenhaus zu führen.

Ein paar Minuten später erschien der Förster und hörte von der Sennhütte her das Singen und Jodeln. Fast wäre er in der Finsternis über Pepperls Beine gestolpert. »Geh, du Leimsieder! Was hockst denn da in der Nacht? Wo's so lustig zugeht bei der Burgi drunt? Mach weiter, geh a wengerl abi und tu dich unterhalten. Brauchen kannst es, du mit deiner maulhenkolischen Traurigkeit allweil!«

Pepperl war ein allzu gehorsamer Jäger, als daß er einem so klaren Befehl seines Vorgesetzten hätte widersprechen können. »No ja, wenn S' meinen, es muß sein, in Gotts Namen, geh ich halb abi!«

»Aber bleib net z'lang! Morgen in der Fruh um fünfe mußt mit'm Herrn von Sensburg zur Gamspirsch auffi!«

»Mit dem? Da dank ich schön! Vor dem laufen die Gamsböck auf tausend Schritt davon! Wo soll ich denn hin mit ihm? Zum Sebensee?«

»Na, na! Grad hat's der Herr Fürst gsagt: überall kann er hingehn, bloß net zum Sebensee. Gehst halt hin, wo d' meinst, er verdirbt nix. Und schießen kannst ihn lassen, auf was er mag. Treffen tut er eh nix, der! Aber jetzt geh, Pepperl, und sei vergnügt!«

»No ja! Meintwegen!« Pepperl seufzte, als wäre für ihn der Weg zur lustigen Sennhütte eine »viel härtere Sach« als die Gamspirsche, die ihm für den kommenden Morgen drohte. Stolpernd verschwand er in der Nacht.

Der Förster zündete in der Hütte die Lampe an. Da hörte er einen Wagen kommen. Es war ein Einspänner aus Innsbruck, der das Gepäck des Grafen brachte. Kluibenschädl lief zum Jagdhaus hinauf. Am Wohnzimmer des Fürsten mußte er ein paarmal pochen, bis man ihn hörte – so erregt, wenn auch mit gedämpften Stimmen, wurde da drin gesprochen.

Als der Förster den von einer großen Lampe erleuchteten Raum betrat, saß Graf Sternfeldt in einem Fauteuil, und Ettingen stand mitten im Zimmer. So hatte Kluibenschädl seinen Herrn noch nie gesehen: mit dieser Zornader auf der Stirn, mit diesen blitzenden Augen. »Ich bitt um Vergebung, Duhrlaucht, aber ich hab nur dem Herrn Grafen melden wollen, daß seine Sachen eingetroffen sind.«

Ettingen nickte, als hätte er nicht recht gehört. Und zum Fenster tretend, preßte er die Hand an seine glühende Stirn.

»Ja, lieber Förster, ich danke Ihnen«, sagte Sternfeldt und erhob sich, »lassen Sie drunten im Fremdenhaus die Sachen einstweilen in mein Zimmer schaffen, ich komme gleich. Es ist Zeit für mich, daß ich mich aufs Ohr lege. Ich bin müd und merke, daß ich meinen alten Knochen mit diesem Ritt mehr zugemutet habe, als ihnen lieb ist. Na, hoffentlich schlafe ich heut in meinem delogierten Bett so gut, als ob es noch an seinem alten Platz stünde.« Lachend trat er zum Schreibtisch und brannte eine Zigarre an. »Also, lieber Förster, ich komme gleich.«

Kluibenschädl streifte zum Abschied seinen Herrn mit einem scheu besorgten Blick.

Eine Weile war's still im Zimmer. Ettingen blickte durchs Fenster in die sternhelle Nacht hinaus. Obwohl die Scheiben geschlossen waren, konnte er den heiteren Spektakel hören, den die junge Gesellschaft drunten in der Sennhütte trieb.

Sternfeldt blies den Rauch seiner Zigarre von sich und betrachtete das erlöschende Zündholz, als wäre er neugierig, wie lang der kleine Funke, der von der Flamme zurückgeblieben war, noch glimmen würde.

Ettingen, an die Auseinandersetzung anknüpfend, in der sie durch den Eintritt des Försters unterbrochen wurden, sagte: »Von allem, was du mir vorgehalten, kann ich kein Wort widerlegen. Aber versetze dich in meine Lage, Goni! Sie sind meine Gäste. Das bindet mir die Hände. Auch wenn ich mir hundertmal sage: ich habe sie nicht gerufen. Das Zusammenleben mit diesen beiden empfinde ich selbst wie etwas Unerträgliches. Und du hast recht, am leichtesten wäre da mit einem rücksichtslosen Wort ein Ende gemacht. Aber das bring ich nicht fertig. Ich kann meine Natur nicht auf den Kopf stellen. Damit mußt du rechnen.«

»Ja, ich habe in meiner Rechnung einen Fehler gemacht. Während ich da heraufritt, daß mir und dem Pferd der Atem ausging, hab ich mit jeder Eigenschaft in dir gerechnet, nur nicht mit deiner Höflichkeit. Die ist zu klassischer Vollendung ausgebildet. Wäre ich ein Dieb, ich würde bei dir einbrechen. Da wär ich eines liebenswürdigen Empfanges sicher. Sollte dir der unhöfliche Gedanke kommen, mich aus dem Haus werfen zu lassen, dann dürfte ich nur sagen: Mein Herr, ich bin unter Ihrem Dach und fühle mich als Gast! Tableau! Und ich würde an deiner Tafel sitzen und bekäme von dir die Schüssel gereicht wie heut die Prankha.«

»Du marterst mich! Laß die Scherze!«

»Ich? Scherzen? Mir ist so ernst, wie einem Menschen nur sein kann, der einen Freund in Gefahr weiß.«

»Gefahr? Ach, geh doch!« erwiderte Ettingen fast unwillig. »Ich fühle mich an Leib und Seele so frei, als hätte mich nie ein Wunsch meiner Sinne an diese Frau gefesselt. Sie ist mir so völlig fremd geworden, daß ich sie ansehen und mich erschrocken fragen kann: Wie war's nur möglich, daß ich sie geliebt habe? – Was fürchtest du also?«

»Ihre Schönheit! Denn schön ist sie. Das muß ich ihr lassen. Und noch etwas anderes macht mich unruhig: deine Erregung. Wenn du deiner so sicher bist, weshalb diese Erregung? Das verstehe ich nicht.«

Ettingen antwortete nicht gleich. »Ja, du hast recht! Ich könnte doch wirklich die Posse, die mir diese beiden Menschen ins Haus brachten, mit kalter Ruhe an mir vorüberspielen lassen! Und doch ist eine Aufruhr in mir –«

»Ja, Heinz, in dir ist etwas, das sich meinem Blick verschließt. Und das beunruhigt mich. Es ist da noch etwas anderes als nur dein Widerwille, den du übrigens bei Tisch zur Genüge hast merken lassen, trotz deiner Höflichkeit als Wirt. Der süße Mucki war blind dafür. Dem geht nicht so leicht was durch die dicke Haut. Aber sie hat gemerkt, wie sie dran ist. Der erste, lächelnde Empfang, den sie dir bereitete, ließ mich vermuten, daß sie dich in aller Liebenswürdigkeit ein paar Wochen blockieren will, um dich im Anblick ihrer Reize knusprig zu rösten. Nun wird sie ihre Taktik ändern. Sie weiß, daß deine Höflichkeit mit dem Ekel kämpft, und da ist sie klug genug, um diese Stimmung in dir nicht wachsen zu lassen. Sie wird die gründliche Aussprache, die du bei deiner vornehmen Gastlichkeit gerne vermeiden möchtest, so rasch wie möglich herbeiführen.« Ein sarkastisches Lächeln. »Vielleicht schneller, als du denkst! Mit einem Gewaltstreich, den ich ihr zutraue.«

»Was meinst du damit?«

»Das soll ich dir noch erzählen?« Sternfeldt lachte. »Nein, lieber Heinz!« Er zerdrückte die Zigarre in der Aschenschale und trat vor Ettingen hin. Jeder spottende Zug war ausgelöscht in seinem Gesicht. »Du bist erregt! Mach draußen in der kühlen Nacht noch einen Bummel! Oder – auf deinem Schreibtisch liegt der Quartalbericht deines Verwalters – setz dich heute noch drüber, Heinz! Da hast du drei, vier Stunden nüchterne Arbeit. Das wird dich beruhigen.« Wieder lächelte er. »Dann geht's ja auch auf den Morgen zu. Ja, Heinz? Willst du das?«

Ettingen reichte dem Freunde die Hand, ohne ein Wort zu sagen.

»Na also, ruhige Nacht!«

Dunkle Röte war dem Fürsten ins Gesicht gestiegen, als hätte er jetzt verstanden, wie der Rat des Freundes gemeint war.

»Goni? Du denkst nicht gut von mir!«

»Von Dir? Doch, Heinz!« Sternfeldt lächelte. »Aber von ihr nicht.« Er wollte schon die Tür öffnen. Der Ausdruck seiner Züge verriet, daß er mit einem Entschluß kämpfte, der ihm nicht leicht wurde. Und dann erwachte in seinen ernsten Augen ein Blick von so mildem Feuer, daß Ettingen betroffen zu ihm aufsah.

Sternfeldt hob den linken Arm und streifte die Manschette zurück. »Sieh her, Heinz, was ich habe!« Er trug am Handgelenk eine Goldkette mit kleinem Medaillon. »Ein Talisman, den ich seit fünfzehn Jahren trage! Es hat eine Zeit gegeben, in der ich ein Spielzeug jeder Stunde war, die mir das Blut heiß machte. Dann kam eine Wandlung über mich, es ist rein in mir geworden, klar und still. Seit damals trage ich diese Kette. Der Talisman, den die Kapsel enthält, hat mich seit fünfzehn Jahren vor aller Häßlichkeit des Lebens bewahrt. Und dieser Talisman hätte auch Macht über dich. Ich möchte ihn dir geben. Aber ich kann die Kette nicht abnehmen, sie ist angeschmiedet an meinen Arm – weißt du, ich will sie mitnehmen auf meinen letzten Weg. Aber willst du nicht sehen, was die Kapsel enthält?« Er trat zum Schreibtisch und hielt den Arm in das Licht der Lampe. »Komm her, Heinz!«

Schweigend öffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das Miniaturbild einer Frau, noch schön, obwohl sich schon graue Fäden in das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und einem Leidenszug um den lächelnden Mund. »Das Bild meiner Mutter?«

»Das sagst du wie in Schreck? Daß ich deine Mutter liebte? Hast du das nie geahnt?«

»Und meine Mutter?« stammelte Heinz.

»Sie war mir gut. Ich glaube, sie wäre glücklich geworden an meiner Seite. Aber sie war glücklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir. Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehören wollte. Aus dir einen Mann zu machen, frei, glücklich und stolz – mehr wollte sie nicht von ihrem Leben. Dafür konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer ihres Frauenherzens. – Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt haben?«

»Goni –«

»Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt habe, gibt es kein Wort mehr!«

Sternfeldt legte die Hände auf Ettingens Schultern und sah ihm in die Augen. »Gute Nacht, Heinz!« Dann ging er.

Ettingen blieb in seiner Erregung zurück, die ihn erschütterte bis ins innerste. Da weckte ihn ein Geräusch im anstoßenden Raum. Eine Furche grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tür des Schlafzimmers aufstieß, gewahrte er den Lakaien, der das Bett für die Nachtruhe seines Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprühflakon durch das Zimmer ging, um ein schwül duftendes Parfüm in die Luft zu stäuben. »Was machen Sie da?« fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. »Ich habe Sie nicht gerufen.«

»Bitte Durchlaucht«, stotterte Martin, »mein Dienst –«

»Dienst? Bei mir? Ich habe Grund, zu vermuten, daß Sie im Dienst der Baronin Prankha stehen. Fremde Dienerschaft will ich für meine Person nicht belästigen. Sie können gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst bei mir übernehmen.«

Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und während er aus dem Zimmer ging, riß Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte in den schwülen Raum und trieb, als die Tür geöffnet wurde, den süßen Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen Frackschöße in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit geballten Fäusten. Da sah er die kleine Französin aus dem Zimmer der Baronin treten und hörte sie noch sagen: »Je vous souhaite la bonne nuit, madame

Lautlos huschte er auf das Mädchen zu: »Mam'zell Fifi?«

»Hein?«

Ob die Baronin noch zu sprechen wäre?

Für den guten, treuen Martin? Gewiß.

Er pochte an die Tür.

»Entrez!«

Martin trat ein. Als er einige Minuten später das Zimmer wieder verließ, schien seine Sorge beschwichtigt. Er trug die Nase hoch und lächelte. Während er über die Treppe hinunterstieg, hörte er das kichernde Gezwitscher der Französin.

Sie stand mit Sensburgs Leibjäger im Hof. Der heitere Lärm, der von der Sennhütte heraufklang, reizte ihre Neugier. »Je veux voir ça, moi

Zu diesem Wunsche zuckte Martin hoheitsvoll die Schultern. Der »Stall« dort unten wäre kein Aufenthalt für »feine Leute« – in »solche« Gesellschaft könnte man unmöglich gehen, ganz unmöglich.

Fifi verzog das hübsche Mäulchen und lachte. »Moi, ça m'est bien egal, qu'on puisse y aller ou pas y aller. Vous m'y conduiserez, n'est-ce pas, JeanMir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?

»A votre service, mam'zelle!« erwiderte der Leibjäger galant und bot ihr den Arm.

Während Martin seine Stube aufsuchte, wanderten die beiden kichernd über das Almfeld hinunter.

Droben am Himmel schneuzte sich ein Stern, und gleich einer dünnen Feuerrute fuhr's über die Berge hin.


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