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Neuntes Kapitel.
»Ja, das Glück kann kommen alle Tage!«

Wie die Sorgen und Bekümmernisse der Menschen, wenn eine gütige Vorsehung väterlich über ihnen waltet, so oft in kurzer Nacht schwinden und herrlichen Freuden und unverhofften Genüssen Platz machen, so schwinden auch oft die düsteren Wolken des Himmels in einer kurzen Nacht und am klaren blauen Aetherdome schwebt wieder golden und majestätisch die wärmende Sonne herauf, Licht, Leben und Gedeihen über die ganze Welt ausgießend, die ihr unterthänig ist.

So war es am nächsten Morgen in Betty's Ruh. Wie durch eines mächtigen Zauberers Gebot war den Herzen der darin Wohnenden nun aller Druck genommen, die ganze Zukunft lag vor ihnen wie eine von Liebe und Hoffnung strahlende neue Welt, und damit es ihnen auch von Außen nicht an Heiterkeit und Frohsinn gebreche, hatte derselbe allmächtige Zauberer seinen Winden Einhalt geboten, seine Nebel und Wolken zurückgerufen und dafür sein göttliches Licht leuchtend, wärmend und segnend über sie ausgegossen.

Schon am frühen Morgen regten sich heute alle Hände in Betty's Ruh, denn nach einem raschen Entschluß des guten Professors mußte bis um zehn Uhr Viel geschehen sein, und Niemand durfte diesmal gegen seinen ernst und bedachtsam ausgesprochenen Willen Widerspruch erheben.

Was er schon lange gewünscht, wonach er so lange getrachtet, heute führte er es endlich aus. Der große Saal mit seinem künstlerischen Glanz war ihm von Anfang an für seine Bedürfnisse zu weit, zu geräumig und seinem persönlichen Geschmack zu wenig zusagend erschienen, und so zog er mit seinen Büchern und sonstigen Besitzthümern, die einstweilen in der Bibliothek ihren Platz gefunden, in die beiden kleineren gemüthlichen Zimmer des oberen Stockwerks, die er sich im Stillen schon lange zu diesem Zweck auserwählt hatte. Da richtete er sich nun mit Frau Dralling's und Laurentius Hülfe nach seinem Geschmack und Wohlgefallen ein und freute sich wie ein Kind, daß er nun ganz ungestört und abgesondert von dem übrigen Verkehr der Schloßbewohner wieder seiner Wissenschaft und seinen wichtigen mathematischen Aufgaben leben könne. Den Saal dagegen, mit Allem, was darin war, trat er schon an diesem Tage seinem Neffen ab, und Nichts behielt er sich vor, als die unbeschränkte Freiheit, mit seinen Lieben nach Lust und Laune bei ihnen verkehren zu können.

Im Saale selbst aber wurde, sobald der Professor ihn verlassen hatte, Alles festlich gestaltet. Schon um sechs Uhr begann Friedrich, von Barker und Louis unterstützt, die großen Crystallkronen, die Wandleuchter und die tragbaren Candelaber am Billard mit neuen Wachskerzen zu versehen, und Dank der Fürsorge des einstigen Besitzers waren Vorräthe genug zu diesem Zweck vorhanden. Dann aber, als Frau Dralling mit zufriedenem Lächeln ihre kleine Wirthschaft, wie sie sie nannte, beim Professor besorgt, kam sie in den Saal zurück und ordnete den großen Speisetisch an, der heute zum ersten Mal, seitdem Casimir van der Bosch die Erbschaft seines Bruders angetreten, zahlreichere Gäste als gewöhnlich um sich versammelt sehen sollte. Bald prangten auf demselben die kostbaren silbernen Geräthe, die so lange unthätig in ihren verschlossenen Schränken gestanden, und es entfaltete sich wieder im Ganzen und Einzelnen die alte Pracht, an der Quentin van der Bosch einst so großes Wohlgefallen gefunden. Um zehn Uhr hatte Frau Dralling, jetzt von Friedrich allein unterstützt, ihre Pflicht in diesem Theile des Hauses vollendet, die edelsten Weinsorten und die herrlichsten Crystallgläser und Pokale schmückten die Tafel, und nun begab sie sich in die Küche, um auch da nach dem Rechten zu sehen, damit die fremden Herrschaften, die ja der Familie von Betty's Ruh nun so nahe standen, nicht etwa merkten, daß eine umsichtige Wirthschafterin im Hause fehle, und erführen, daß Frau Dralling allein, mit geringer Hülfe, Alles zum Besten und Schönsten zu fügen wisse.

Es war aber auch hohe Zeit, daß man im Saal fertig wurde. Fünf Minuten nach zehn Uhr kamen schon zwei Wagen von Wollkendorf angerollt, in deren erstem Betty, ihre Mutter und Fritz Ebeling, und in deren zweitem eine Köchin, ein Hausmädchen und noch ein Diener saßen, die reichliche Speisevorräthe aller Art aus dem vollauf versehenen Wollkendorf mitbrachten, damit in den nächsten Tagen kein Mangel an dergleichen in Betty's Ruh zu spüren sei, bis der ganze Haushalt wieder ein umfangreicherer und geordneter geworden.

Als der Professor von Laurentius, der heute wie alle übrigen Diener seine Staatslivree trug, benachrichtigt wurde, daß die Herrschaften von Wollkendorf im Anzuge seien, begab er sich nach der Halle, empfing Betty und ihre Verwandten daselbst und führte sie in die Vorzimmer. Hier erst, so war es der Diener wegen verabredet, trat Paul den Ankommenden entgegen. Als Frau von Hayden seiner ansichtig wurde, brach sie unwillkürlich in Thränen aus und sank in seine schon geöffneten Arme.

»Mein lieber Freund,« sagte sie schluchzend, »Gott hat es so gewollt, und mein Kind, meine Betty, hat es gewünscht – so will und wünsche ich es auch, daß Ihr Beide vereinigt und glücklich seid, und so sage ich mit tief gerührtem Herzen: Gott segne Euch immerdar! Euer Anfang war schwer und trüb – nun möge das Ende um so heiterer und leichter sein!« –

Als nun aber Betty und ihre Mutter von der neuen Einrichtung und Bestimmung des Saales Kenntniß erhielten, den Erstere ja nun künftig mit ihrem geliebten Paul allein bewohnen sollte, da staunte sie sehr, denn am Abend zuvor, so lange sie in Betty's Ruh gewesen, hatte der Professor noch kein Wort darüber verlauten lassen. Von Neuem dankbar für seine Güte und Fürsorge, drückte sie ihn an ihr Herz und dann bewunderte sie mit ihrer Mutter den reichen Glanz, der sich mit einem Male in dem schönen Raume entfaltet hatte und ihm nun erst ein großartiges und würdiges Gepräge verlieh.

Frühstücken wollten die Damen nicht mehr, das hätten sie schon zu Hause reichlich gethan, sagten sie, und so hielt man sich nicht lange mehr auf, da man nicht zu spät am Landungsplatze der Dampfschiffe in Cuxhafen eintreffen durfte.

Paul wußte wohl, daß man noch viel Zeit vor sich habe, allein er schwieg, und da das Wetter so wunderbar schön und einladend war, so freute er sich schon im Stillen, mit Betty am Strande der See wandeln und ihr vielleicht gar das Vierländerhäuschen an der Kugelbaake zeigen zu können. In dem vierspännigen großen Wagen, worin Betty gekommen, fuhren nun ihre Mutter, der Professor und Fritz, die Brautleute bestiegen des Onkels Wagen mit den Grauschimmeln, und der dritte fuhr leer hinterher, um die lieben von Hamburg kommenden Gäste aufzunehmen.

Der Weg nach Cuxhafen wurde Keinem der Fahrenden lang, denn der Stoff der Unterhaltung war reich und fast unerschöpflich. Als man an der ›alten Liebe‹ anlangte, erfuhr man vom Hafenmeister, daß das erwartete Dampfschiff erst in drei Stunden ankommen könne, da es erst um sieben Uhr von Hamburg abgefahren sei und hart gegen die Fluth ankämpfen müsse.

Paul faßte nun einen raschen Entschluß, schlug ihn vor und hatte die Freude, ihn allseitig angenommen zu sehen. So stiegen denn der Professor und Frau von Hayden wieder in den kleinen Wagen und ließen sich nach der Kugelbaake fahren, wohin die drei jüngeren Leute auf dem Deiche zu Fuße wandern wollten.

O, welch köstlicher Spaziergang war das an diesem Morgen! Fritz ging den beiden Andern voran und diese folgten ihm Arm in Arm, oft von der schönen Außenwelt ihre Blicke abwendend und sie auf sich selber lenkend. Warme goldene Strahlen warf die Sonne über das glitzernde Meer, dessen kleine Wellen, wie mit Diamanten besäet, in sanfter Bewegung begriffen waren und mit leise murmelndem Geräusch gegen den Fuß der großen Deiche flutheten. Unzählige größere und kleinere Schiffe segelten auf dem blauen Rücken des gebändigten Elementes heran, Leben herrschte überall, und in den Obstgärten der fruchtbaren Marschen zur Linken des Deiches schmetterten die kleinen befiederten Sänger ihr jubelndes Morgenlied in die warmen Lüfte empor.

»O das ist köstlich, mein Freund,« sagte Betty, wiederholt unterwegs. »Ja, Du hast Recht, Dein liebes Cuxhafen und Dein Dir noch lieberes Vierländerhaus, welches ich schon da vor mir sehe, ist reizend in seiner Art. Hier wollen wir öfter wandeln und glücklich sein, nicht wahr?«

»Wir sind es ja überall, meine Betty; aber ich stimme Dir gern bei, denn ich liebe diesen Weg. Er war ja der erste in der neuen Heimat, auf dem ich mich Dir und Deiner Liebe näherte.«

Man kam schneller an der Kugelbaake an, als man es für möglich gehalten, und wieder lag das kleine niedliche Haus in den goldenen Sonnenstrahlen nett und blank da und Betty jubelte hoch auf, als sie auf dem hohen Deichwinkel stand und, nach Neuwerk hinüberblickend, das Feuerschiff wahrnehmen konnte, an dessen Bord ihr Paul eine so unruhige Nacht verlebt und dann zwei Tage später jenes wichtige Buch erhalten, das ihr beiderseitiges Geschick so gänzlich umgestaltet hatte.

»Wenn ich nun aber jenes wichtige Buch von Laurentius nicht erhalten hätte,« sagte er bei dieser Gelegenheit, »und unser Vermögen nicht entdeckt worden wäre, wie wäre es dann zwischen uns gekommen, Betty?«

Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter und sah ihn mit einem unendlich liebevollen Blick an, während ihr Arm ihn fest umschlang und an sich drückte. »Beinahe wünschte ich, Ihr hättet das Geld nicht gefunden,« erwiderte sie, »dann würde ich Dir diese Frage nicht mit Worten, nur durch die That zu beantworten haben. Doch ich will es mir leicht machen. Wenn Du Dir nicht selbst sagen kannst, wie es zwischen uns gekommen wäre, dann frage nur meine Tante und Deinen Onkel, was bereits unter uns beschlossen war. Für mich gab es kein Opfer auf der Welt, das ich nicht Deinetwegen gebracht hätte, und auch ohne jenes große Vermögen wäre des Professors Einkommen in kurzer Zeit groß genug gewesen, uns Alle zufrieden und glücklich zu machen.

»Also dies Opfer hättest Du mir wirklich gebracht?« fragte er mit vertrauensvollem Lächeln. Sie erhob ihre Lippen zu seinem Munde und der große Mann kam ihr liebevoll entgegen und beugte sich zu ihr nieder. Das war ihre Antwort und er verlangte keine andere weiter. –

Bald darauf erstieg eine andere, leicht bewegliche Gestalt die Rampe des Deiches. Es war Friede Whistrup, die vom Professor schon gehört hatte, was seit gestern in Betty's Ruh vorgefallen war. Zum ersten Male trat sie vor Betty hin und indem sie das Brautpaar freudig begrüßte, stattete sie ihm ihren Glückwunsch ab, der gewiß aus einem reinen und dankbaren Herzen kam. Als Betty das schöne und frische blonde Mädchen sah, welches Paul ihr schon so oft mit warmen Worten geschildert, kam sie ihm mit Herzlichkeit entgegen und ergriff seine Hände.

»Meine liebe Friede,« sagte sie mit ihrer glockenreinen Stimme, »ich freue mich unendlich, Sie nun auch persönlich kennen zu lernen. Sie haben auch mir Gutes und Liebes gethan, indem Sie es Paul van der Bosch thaten, und ich danke Ihnen recht herzlich dafür. Wie ich weiß, sehen wir uns bald in Betty's Ruh und dann wollen wir häufig zusammen sein und uns näher kennen lernen. Wann kommen Sie mit Ihrem Vater dahin?«

Friede warf einen fragenden Blick auf Paul und versetzte dann: »Wenn es Herr van der Bosch erlaubt, so kommen wir schon übermorgen. Eher wird es nicht gehen, da die Uebergabe dieses Hauses erst morgen im Beisein eines Herrn vom Amte erfolgen soll.«

»Kommen Sie, wann Sie wollen, und so bald wie möglich!« rief Paul. »Sie und Ihr guter Vater sind uns immer willkommen. Wegen Ihres künftigen Hauses ist schon Alles verabredet und Sie sollen eine hübsche und wohleingerichtete Wohnung finden. So lange aber, bis es fertig ist, müssen Sie sich im Schlosse behelfen und die Zimmer sind schon seit gestern für Sie in Bereitschaft gesetzt. – Wann kommt Capitain Hardegge vom Schiff?« fragte er dann.

Friede erröthete lebhaft und schlug in ihrer schalkhaften Weise die Augen nieder. »Morgen kommt er, Herr van der Bosch, und ich sehne mich recht herzlich nach ihm.«

»Das glauben wir Ihnen auf's Wort!« erwiderte Paul, Betty dabei nicht aus dem Auge lassend.

In diesem Augenblick kam Friede's Vater aus dem Hause, der die Zeit nicht erwarten konnte, bis er dem Erben von Betty's Ruh, seinem künftigen Pachtherrn, seinen Glückwunsch abgestattet hatte. Auch er ward von Betty freundlich begrüßt und dann verfügte man sich in das Haus, um vom Balcon, von der Laternenkammer aus, durch das große Fernglas nach dem Feuerschiff und Neuwerk hinüberzublicken und dem Capitain Hardegge einen telegraphischen Gruß zu senden, den er alsbald durch das Aufhissen seines langen Wimpels erwiderte.

Unten im Zimmer aber hatte Friede unterdeß in ihrer schnellen Weise ein kleines Frühstück besorgen lassen und nun saßen Alle behaglich in dem traulichen Gemach und ließen es sich wohlschmecken, bis endlich die Zeit kam, wo man den Dampfer erwarten zu können glaubte.

Der Professor fuhr wieder mit Frau von Hayden, und die drei Anderen kehrten zu Fuß nach ›der alten Liebe‹ zurück. Es herrschte heute ein reges, munteres Treiben auf dem großen Landungsplatze. Halb Cuxhafen war auf den Beinen, alle Lootsen, Seeleute, Hafenbeamte und Wirthe waren gekommen, denn heute fuhr das gewöhnliche Sommerpostschiff zum ersten Mal wieder nach Helgoland und das war für den kleinen Ort immer ein großes Fest, da hierdurch seine Verbindung mit der fernen Welt um ein Bedeutendes erleichtert wurde.

»Sie haben herrliches Wetter auf der Fahrt gehabt,« sagte Fritz, »und das habe ich ihnen von Herzen gewünscht. O, was für Freude werden die guten Eltern empfinden, Dich und Betty wiederzusehen!«

Das Schiff war schon signalisirt, als unsere Freunde ›die alte Liebe‹ betraten. Noch in ziemlicher Ferne sah man die dunkle Rauchsäule sich von der goldklaren Luft abheben und allmälig stieg auch der große Rumpf des gewaltigen Schiffes aus den Wellen empor. Betty's Herz schlug voll und fast bange vor Freude, denn auch das Glück kann uns ängstigen und beklommen machen, wenn es unsern Händen so nahe liegt, daß wir es fast greifen können. Paul drückte ihren Arm, mit dem sie sich auf den seinen lehnte, fest an sich und immer wiederholte er: »Sie kommen, Betty!« – »Nun sind sie bald da!« – »Nun werden wir sie bald vor unsern Augen haben!«

»An unsern Herzen, mein Lieber!« antwortete die Glückliche, der ja jetzt erst die volle Blüthe des Lebens aufzugehen begann. –

Da kam es heran, immer näher und näher. Man hörte das dumpfe Schlagen der großen Schaufelräder in den Wogen, man sah den schwarzen Dampf wirbelnd aus dem ungeheuren Rauchfang aufsteigen, man hörte die laut schallende Stimme der Schiffsglocke, ja man unterschied schon die einzelnen Menschen an Bord, die sich alle nach der Seite gedrängt halten, wo es etwas zu schauen gab, und wenn ein Seedampfer sich an irgend ein Bollwerk legt, da giebt es stets so Manches zu schauen.

Auf der ›alten Liebe‹ hatten sich alle Schaulustigen zusammengedrängt und hundert erwartungsvolle Blicke flogen nach dem schnell heranfliegenden Schiffe hinüber. Die, welche auf reichen Besuch in Cuxhafen gerechnet, hatten sich geirrt: die rechte Reisezeit war noch nicht gekommen, und so befanden sich nur wenige Passagiere an Bord und von diesen, meistentheils junge Touristen, gingen fast alle nach Helgoland.

»Ich sehe sie!« rief Paul plötzlich und schwang seinen Hut hoch in den Lüften. »Da steht Dein Onkel, Betty, der da vom mit dem grauen Hut!«

Ja, er war es und auch er hatte seine Lieben am Lande schon wahrgenommen. Nun wurden von beiden Seiten Hüte und Tücher lebhaft geschwenkt und die frohe Erwartung ließ die Herzen noch lauter klopfen, die Augen noch glänzender leuchten.

Da kam das Schiff ganz heran und während der schwierigen Vorbereitungen, es an ›die alte Liebe‹ zu legen, konnte man schon Grüße herüber und hinüberrufen und die Hände sich entgegenstrecken. Endlich, endlich wurde die Brücke hergestellt und Paul, Betty's Hand aus seinem Arme lösend, sprang zuerst auf das Schiff. Rasch hatte er den fröhlich nickenden Banquier Ebeling umschlungen und eilte dann auf Betty's Tante zu, um sie herzlich zu begrüßen und sie sicher über die schwankende Brücke zu geleiten, und da – da hatten sie sich in inniger Umarmung, Einer nach dem Andern. O, welche Freude, welches Glück auf allen Seiten! Die Lieben, die Guten, die lange Ersehnten waren endlich da. Und da stand auch der alte Professor mit seinem im Winde flatternden Haar und schaute die braven Leute mit seinen redlichen, treuen Augen liebevoll an. Aus einem Arm nun flogen sie in den andern, von den Lippen des Einen zu denen des Andern. Als aber endlich Alle begrüßt, da hafteten Frau Ebeling's Blicke fragend auf Betty – und Paul, und die scharfsichtige Frau mochte an Beider Mienen wohl schon errathen haben, was vorgefallen war.

»Betty,« flüsterte sie hastig in der Nichte Ohr, während ihre blauen Augen noch von Thränen blinkten – »hast Du meine Bitte erfüllt – wie steht es mit Euch?«

Betty umarmte sie noch einmal, küßte sie innig und erwiderte rasch: »Es steht gut, liebe, theure Tante. Seit gestern Abend ist er mein – und ich bin sein! O, wie glücklich, wie selig ich bin, davon hast Du keinen Begriff!«

Das war Alles, was sie sich im ersten Augenblick sagen konnten, und jetzt ging man über die kleinen Deiche nach dem Leuchtthurm hin, in dessen Nähe die Wagen aufgefahren waren. In diese vertheilte man sich nun folgendermaßen: In den großen Wagen stiegen Frau Ebeling, deren Schwester, Betty und Paul; in den kleinen der Banquier, der Professor und Fritz. Der dritte Wagen nahm die beiden Diener von Betty's Ruh und das Gepäck der Reisenden auf. Und als nun Alle seelenvergnügt auf ihren Plätzen saßen, stoben die Pferde lustig davon und fort ging es durch Cuxhafen hindurch, an den schmucken Consulats- und Lootsenhäusern vorbei auf das grüne Feld hinaus, wo die Lerchen in den Lüften jubelten und sich ihres Lebens freuten wie die Menschen, denen eben so Glückliches begegnet war.

Unterwegs wanderten in dem großen Wagen Tante Ebeling's Hände aus der einen Hand in die andere, und tausend Fragen und Antworten, tausend Ausrufungen der Freude wurden laut, und nichts, nichts war vorhanden, was das allgemeine Glück in irgend einer Weise verkümmert hätte.

Wie man eigentlich die Stunde während des Fahrens zugebracht und wo sie geblieben war, wußte kein Mensch. Sie verflog wie der flüchtige Wind in den Lüften, wie die rauschende Welle im Meere; nur die Genüsse, die man während derselben hatte, waren beständiger, denn sie hafteten tief in edlen Herzen, und nichts auf der Welt konnte die Erinnerung daran jemals wieder aus ihnen verlöschen.

Da tauchte plötzlich das hohe Schloß mit seinen im Sonnenlicht blitzenden Thurmfenstern aus dem grünen Blättermeere des Parkes auf und von diesem Augenblick an wurde nichts mehr gesprochen, nur die Augen der Ankommenden öffneten sich weit, weit, denn sie hatten ja viel zu sehen, den lange ersehnten Ort, der alle ihre Lieben jetzt in seinem Innern aufnehmen sollte.

Aber wie staunten die beiden Verwandten, als sie in den laubreichen weiten Park einfuhren und endlich vor der Marmortreppe der stattlichen Halle hielten, wo die Diener und Frau Dralling an ihrer Spitze schon bereit standen, um ihnen behülflich und dienstbar zu sein. O was gab es da zu sehen und immer wieder zu sehen – war es denn wahrhafte Wirklichkeit, was sie vor Augen hatten? Ja, sie war es, und im Triumph führte Betty ihre Tante in den von Licht schimmernden Saal und als diese sich stumm darin umblickte und kein Wort vor Verwunderung, vor Staunen sprechen konnte, da flog Betty noch einmal an ihr Herz und rief mit unaussprechlicher Seligkeit:

»Tante, liebe, gute, treue Tante, da hast Du es, nun bist Du mitten darin! Dies Alles ist mit ihm mein geworden, habe ich nicht Ursache, um glücklich zu sein!«

 

Eine halbe Stunde später nahm man um den großen Mitteltisch Platz und die Tafel begann. Ebelings waren von Allem, was sie sahen und nun auch allmälig hörten, so betroffen, daß sie sich fast nur schweigend verhielten; der lauteste von Allen aber war der Professor, denn er war und blieb ja der Mittelpunct der ganzen Freude, um ihn herum sammelten sich seine Lieben und so sprudelte der alte Mann seine ganze Herzenswonne aus und konnte kein Ende finden, den Umschwung aller seiner Verhältnisse zu rühmen, seitdem Paul in sein Haus getreten war und nun auch Betty und ihre Verwandten in dasselbe gezogen hatte.

Bald nach Tische aber trennte und zerstreute sich die muntere Gesellschaft. Die Männer mit Ausnahme Paul's durchstreiften zuerst das Haus und besichtigten dem neugierigen Banquier zu Liebe Alles und Jedes, Paul aber führte die Damen in den Park, denn er mußte erst seiner geliebten Tante Charlotte Alles berichten und seinem Herzen Luft schaffen, das ja übervoll von Glück und Seligkeit war.

Erst spät am Abend fuhren die beiden Schwestern mit Betty nach Wollkendorf zurück, verheißend, schon früh am nächsten Morgen wieder in Betty's Ruh zu sein. Der Banquier Ebeling aber bezog seine behaglichen, mit Kunstschätzen aller Art geschmückten Zimmer, die mitten zwischen den Wohnungen des Professors und seines Sohnes lagen. Paul dagegen schlief zum ersten Mal allein in dem geräumigen Alkoven und wir zweifeln keinen Augenblick, daß diese Nacht eine der glücklichsten seines Lebens war.

Wie dieser erste Besuchstag auf Betty's Ruh verlaufen war, so verliefen die folgenden meistentheils auch und man gab sich mit vollem Behagen dem Genuß der Gegenwart hin, und Keiner war unter Allen, der nicht in irgend einer Beziehung seine volle Befriedigung gefunden hätte. In der Regel, wenn die Zusammenkunft in Betty's Ruh verabredet war, trafen die Damen von Wollkendorf kurz vor dem zweiten Frühstück ein und man blieb dann den Tag über im Hause oder führte größere Ausflüge in die umgebenden Ortschaften, Ritzebüttel, Cuxhafen und noch weitere aus. Bisweilen aber begaben sich auch die Herren, die Aelteren zu Wagen, die Jüngeren zu Pferde, gegen Mittag nach Wollkendorf und blieben daselbst bis zum Abend, was jedoch zwei von ihnen nicht so gern thaten, als man hätte glauben sollen. Dem Banquier Ebeling gefiel es auf dem abgelegenen Gute und in dem finsteren Hause entschieden nicht, woraus er auch nicht das geringste Hehl machte und deshalb entschloß er sich nur ungern, einen vollen halben Tag darin zuzubringen. Paul bewegte ein ähnliches Gefühl, auch er ging ungern nach Wollkendorf und sah Betty und die Ihrigen weit lieber in Betty's Ruh, wo Erstere mehr als irgend wo anders ihm zu gehören schien. Allein nicht nur seine Neigung, auch seine Geschäfte hielten ihn von den zu häufigen und immer viel Zeit in Anspruch nehmenden Besuchen in Wollkendorf ab, und deren hatte er in der ersten Zeit genug, wobei der Banquier Ebeling und Fritz, so viel in ihren Kräften stand, ihm hülfreich zur Seite standen.

Eins der ersten Geschäfte, die diese drei Männer gemeinschaftlich betrieben, bezog sich auf das baare Vermögen der Erben und hierin war der Rath des umsichtigen und erfahrenen Banquiers entscheidend gewesen. Paul hatte ihm die vorhandenen Summen vorgelegt und die Disposition über dieselben vollständig überlassen. Herr Ebeling schrieb alsbald an seinen alten Freund Baring in Hamburg und theilte ihm den Umschwung in den Verhältnissen auf Betty's Ruh, so wie den Grund mit, warum ihm die Kundschaft des reichen Erben auf längere Zeit entzogen geblieben war. Er gab dem Hause den Auftrag, die von ihm auserwählten und bezeichneten Eisenbahnactien anzukaufen, und fragte an, ob die Gelder dafür persönlich zu überbringen oder durch die Post zu senden seien. Die Antwort von Baring und Sohn erfolgte umgehend und es sprach sich darin eine große Freude aus, daß die alten Geschäftsverbindungen mit Betty's Ruh wieder angeknüpft und hergestellt seien. Da der jetzige Besitzer des Gutes aber kein Geheimniß mehr aus seinem Vermögen machen wolle, schrieb der Hamburger Freund, so könne er sich das Leben in Betreff der Geldangelegenheiten von jetzt an bequemer gestalten. Er brauche sich fernerhin nur an den Agenten von Baring und Sohn in Cuxhafen, den ... 'schen Consul zu wenden und diesem alle Aufträge zu übergeben. Jedenfalls würden dieselben stets so prompt ausgeführt werden, als ob sie direct durch die Hände von Baring und Sohn oder Ebeling und Sohn gingen. Herr Quentin van der Bosch habe sich trotz wiederholter Aufforderungen dieses Agenten nie bedienen wollen und so sei es gekommen, daß er unter Weitläufigkeiten aller Art gelitten und sich unnöthige Sorge gemacht habe. Herr Ebeling stimmte diesem Vorschlage vollkommen bei und Paul schloß sich seiner Meinung sogleich an. Schon am nächsten Tage fuhren sie nach Cuxhafen, besuchten den Consul und fanden in ihm einen sehr liebenswürdigen und geschäftlich erfahrenen Mann. Die schon lange fälligen Coupons wurden nun endlich auf der Stelle gewechselt, die zu kaufenden Papiere bestellt und schon nach acht Tagen war das Geschäft so glatt und zu allseitiger Befriedigung abgewickelt, daß Paul es für alle künftigen Zeiten eben so zu machen beschloß.

An Fritz Ebeling war es nun, an Stelle des alten bekannten blauen ›Büchelchens‹ ein neues Contobuch von größerem Format und solideren Formen anzulegen und er unterzog sich dieser Arbeit mit ganzer Hingebung und hatte nicht eher Ruhe, als bis alle Geldverhältnisse seines Freundes wohl geordnet waren und die schriftlichen Belege davon in übersichtlicher Weise wohlverwahrt in dem eisernen Alkovenschrank lagen.

Ein zweites Geschäft machte der Banquier Ebeling ganz im Stillen mit dem Professor ab und erst als es vollendet, erfuhren Paul und die Uebrigen, was geschehen war. Der Banquier nämlich hatte dem Professor vorgestellt, wie es ihm gerathen scheine, ohne Zeitverlust seinen Neffen, den er ja doch schon bei seinen Lebzeiten zum eigentlichen Erben eingesetzt, als seinen wirklichen Sohn zu adoptiren, weil er demselben dadurch für die Zukunft eine große Ausgabe und Weitläufigkeiten aller Art in der Erbschaftsregelung erspare. Casimir van der Bosch ging bereitwillig auf diesen gutgemeinten Vorschlag ein und in kurzer Zeit war Paul nicht allein mehr der Neffe, sondern auch der Sohn vom Hause und als solcher der vor Gericht erklärte Erbe der Quentin van der Bosch'schen Hinterlassenschaft.

Nachdem auch diese Angelegenheit geordnet war, empfand der Professor selbst eine große Herzenserleichterung. Er brauchte sich nun um das Geld, die Unterbringung und Berechnung desselben nicht im Geringsten mehr zu bekümmern, wovon er ja nie ein Freund, noch weniger ein Sachverständiger gewesen war. Alle seine Bedürfnisse wurden von nun an in reichlichster und bequemster Weise befriedigt, ohne daß er auch nur eine Frage darüber zu verlieren brauchte. Er fand Alles unter seinen Händen vor, wonach er verlangen mochte. Die kostbarsten Bücher wurden ihm in Folge einer bloßen Aeußerung von einem Buchhändler in Hamburg zugesandt, um deren Bezahlung er keine Sorge zu haben brauchte, und so konnte er sich seinem philosophischen Stillleben, seinen Studien und Liebhabereien ganz nach Wunsch hingeben, ohne durch irgend ein äußeres Hinderniß darin beeinträchtigt zu werden.

Aber nicht die Männer allein hatten diese und viele andere Geschäfte zu besorgen, auch Betty füllte ihre Morgenstunden mit Nachdenken und schriftlichen und mündlichen Verhandlungen aus, wobei ihr Frau Ebeling mit Rath und That zur Seite stand. Gleich am Tage nach ihrer Verlobung hatte sie an den Verwandten des verstorbenen Barons von Wollkendorf geschrieben, welchen dieser selbst zum Erben seines Gutes und Vermögens bestimmt, wenn Betty, seinem Wunsche zuwider, sich noch einmal vermählen sollte. Es war dies ein zu einer Seitenlinie der Wollkendorfs gehörender, schon einige fünfzig Jahre alter Herr, der selbst reich begütert war und ebenfalls in kinderloser Ehe lebte. Er verbrachte seine Zeit indeß nicht auf seinen Gütern, sondern hielt sich abwechselnd in Hannover, Bremen und Osnabrück auf, wo er überall Grund und Boden besaß. Als er die unerwartete Nachricht von Wollkendorf empfing, war er gerade in Osnabrück. Der edle Mann war mehr betroffen als erfreut über die bevorstehende Vermehrung seiner Reichthümer, deren er eben so wenig bedurfte, wie er jemals darauf gerechnet hatte. Da die Baronin von Wollkendorf, die er persönlich nicht kannte, ihm in ihrem Schreiben Eile empfohlen hatte, kam er sogleich mit Extrapostpferden nach dem Gute gereist und stellte sich der schönen Wittwe seines Vetters vor, die mit leichtem Herzen ein so großes Vermögen von der Hand wies und ihm in den Schooß warf. Als er sie aber sah und erfuhr, wer der künftige Gatte Betty's sein werde und in welchen Verhältnissen der Freund ihrer Jugend lebe, leuchtete es ihm ein, daß eine solche Frau nicht geboren sei, ihr ganzes Leben als Gefangene auf dem einsamen und düsteren Wollkendorf zu vertrauern, und so konnte er nicht umhin, ihrem Entschluß als einem durch die Umstände gerechtfertigten, vollkommen beizustimmen.

Während seines eintägigen Besuchs auf Wollkendorf entspann sich eine sehr lebhafte Debatte zwischen ihm und der jungen Frau, welche Beide in einem vortheilhaften Lichte erscheinen ließ. Der Baron von Wollkendorf legte nämlich eine Großmuth und Anspruchslosigkeit an den Tag, die in ihrer Art selten war und auf die Betty unmöglich nach jeder Richtung hin eingehen wollte und konnte, und es kostete daher viel Ueberredungskunst, sowohl ihn zu einer Ermäßigung seiner Wünsche, wie sie zu einer umfangreicheren Annahme derselben zu vermögen.

Der neue Erbe wollte nämlich das Testament seines verstorbenen Vetters nicht buchstäblich vollstreckt sehen und sich nur mit einem Theile des bisherigen jährlichen Einkommens der Wittwe desselben beschweren. Dies wies Betty, von ihrer Tante darin unterstützt, gänzlich von der Hand und nur den Theil der Gelder behielt sie für sich, der ihr gesetzlich bis zu dem Tage zustand, an welchem die Verhandlungen zwischen ihr und dem Erben geschlossen wurden. Nachgiebiger erwies sie sich endlich in der Beibehaltung ihres anderweitigen Besitzes in Wollkendorf, wovon nicht das Geringste behalten zu wollen der Erbe ganz bestimmt erklärte. Da das Gut Wollkendorf gut verpachtet war und auch ferner in denselben Händen verbleiben sollte, der Baron auch Alles besaß, was für einen Menschen Reiz und Werth haben kann, so ging Betty zuletzt auf seine Willensmeinung ein und blieb so im Besitz ihrer Pferde und Equipagen, so wie ihres übrigen Mobiliarbesitzes in Wollkendorf. Da sie davon aber nur Weniges mit nach dem überreich ausgestatteten Betty's Ruh nehmen konnte, so beschloß sie im Einverständniß mit Paul, den größten Theil davon dem Pachthause daselbst zuzuwenden, wodurch Whistrup natürlich die größten Vortheile zog. So hatte Betty für die Einrichtung desselben in seiner künftigen neuen Wohnung vortrefflich gesorgt und sie glaubte auch ihrerseits auf diese Weise dem guten Manne ihren Dank abstatten zu müssen, den derselbe durch seine Mitwirkung zu der jetzigen Gestaltung der Verhältnisse Paul's in ihren Augen so reichlich verdient hatte. Auch Friede gerieth durch diesen hochherzigen Entschluß in eine sehr günstige Lage. Für ihre Ausstattung brauchte ihr Vater nun nicht mehr zu sorgen, denn die Möbel und sonstigen Gegenstände, die späterhin von Wollkendorf nach dem Pachthause wanderten, waren so schön und in so reicher Auswahl vorhanden, daß sie für Vater und Tochter genügten und so konnte Whistrup seinen kleinen Schatz anderweitig benutzen, und sein Schwiegersohn, Capitain Hardegge, erhielt dadurch eine Mitgift, die er niemals von dem armen Leuchtfeuerwärter erwartet hatte.

Auch von anderer Seite her wurde Paul's Thätigkeit und Fürsorge in Anspruch genommen. Kaum war der Umschwung der Verhältnisse des Professors und der wahre Sachverhalt seiner Erbschaft in der Umgegend bekannt geworden, so meldeten sich verschiedene der alten Diener, die zu Lebzeiten Quentin's van der Bosch auf Betty's Ruh in Arbeit und Kost gewesen waren. Und da nun das Hauswesen daselbst sehr bald auf einen ganz anderen Fuß gebracht werden mußte, so wurde der Wunsch der meisten derselben erfüllt und sie wieder in ihre alten Funktionen eingesetzt. Zu diesen gehörte auch der Mann, der früher die kleine Dampfmaschine besorgt hatte, welche die Springbrunnen im Park in Bewegung setzte. Der arme Mensch war durch seine plötzliche Dienstentlassung um so härter betroffen worden, als er eine Frau und mehrere Kinder ernähren mußte, für die er in seiner früheren Stellung so gut hatte sorgen können. Er hatte sich hilfesuchend nach Cuxhafen gewandt und als Maschinist auf dem Lootsendampfkutter ein Unterkommen gefunden. Das Leben an Bord und auf dem Wasser behagte ihm jedoch sehr wenig und jetzt kam er wieder nach Betty's Ruh und bot seine Dienste von Neuem an.

Paul nahm ihn vor Allen freudig auf, da er mit der Einrichtung und Wirksamkeit der Dampfmaschine, die so lange still gestanden, vollkommen vertraut war. In acht Tagen saß er mit seiner Familie wieder in seiner alten Wohnung und einige Tage später rieselten die Wasser wie früher in ihren Behältern, die Delphine und Najaden waren wieder von ihrem Elemente umgeben und Leben und Lust sprudelte an allen Enden des Parks und Gartens hervor, zur höchsten Freude des alten Barkers und Laurentius Selkirk's, die nun mit dem Begießen der ihnen anvertrauten Pfleglinge nicht mehr so viele Mühe hatten. Auch der ihnen verheißene kräftige Gehülfe trat in sein Amt ein und so kam Alles auf dem schönen Reichs-Ruh wieder nach und nach in Gang, was durch die verbrecherische Handlungsweise des ehemaligen Rentmeisters gestört und unterbrochen worden war.

Einen großen Theil seiner Thätigkeit aber widmete Paul sofort dem Ausbau und der Verschönerung des baufälligen Pachthauses. Die beiden Meister in Cuxhafen waren ihrem Versprechen gemäß gekommen, hatten Alles in Augenschein genommen und nach des Baumeisters Angaben ausgemessen, um sich auf ihre technischen Ausführungen vorzubereiten. Schon wenige Tage später schickten sie ihre Arbeiter und diese wurden im Pachthause selbst einquartiert und verpflegt. In wenigen Wochen schon erhielt das alte Gebäude ein ganz anderes Ansehen. Die verwitterten Mauern wurden ausgebessert, neue Oefen gebaut, für die ausgetretenen Treppen kamen stärkere und bequemere hinein und die Fußboden wurden gänzlich erneuert. Auch ein dauerhaftes Schieferdach wurde aufgesetzt und moderne Fenster und Thüren angebracht, und als das Alles fertig war, erschienen Maler und Tapezierer und richteten das Innere recht behaglich und wohnlich ein. Nun erst wurden die von Wollkendorf herbeigefahrenen und unterdeß in einer Scheune aufbewahrten Möbel und sonstige Zierrathen an Ort und Stelle geschafft, Whistrup's eigene Sachen wurden aus dem Schloß geholt, und erst als der letzte Nagel eingeschlagen und das letzte Bild aufgehängt war, hielt der wackere Mann mit Friede seinen Einzug und begann seine Thätigkeit in dem neuen Hause so pünctlich und gewissenhaft, wie er seine Pflicht in dem kleinen Laternenhause an der Kugelbaake erfüllt hatte.

Eines Tages, als der Bau schon begonnen war, kam Paul Nachmittags vom Pachthause her, wo er die Werkleute beaufsichtigt, und fand seine Verwandten und Freunde um den Kaffeetisch im Saale versammelt. Sein Gesicht sah ungemein freudig aus, als er eintrat, und nachdem er zuerst Betty und dann die Anderen herzlich begrüßt, schritt er an der Geliebten Arm im Saale hin und her und betrachtete verschiedene Einzelnheiten darin mit mehr als gewöhnlicher Aufmerksamkeit.

»Was giebt es denn, mein Lieber?« fragte Betty, die jede seiner Mienen kannte und gern das Spiel seiner ausdrucksvollen Züge studirte. »In Dir geht etwas Neues vor und Du hast Lust, es uns Allen mitzutheilen, ich sehe es. Heraus damit, wir wollen auch unser Theil an Deinem Glück oder Deiner Sorge genießen, was es nun sein mag.«

Paul lächelte noch herzlicher, umfaßte sie mit dem Arm und führte sie so den Uebrigen zu, die ihre Gesichter schon neugierig auf ihn gewandt hatten, als sie Betty's Frage vernommen.

»Betty,« sagte er, die Geliebte anredend, aber sich zugleich an die Uebrigen wendend, »ich komme so eben von meinem kleinen Bauplatz und habe mich überzeugt, daß die Leute hier fleißig und eben so gut in ihrem Handwerk bewandert sind, wie bei uns in der Residenz. Ja, sie verfahren hier sogar viel gründlicher und gewissenhafter, da sie nicht so übermäßig in Anspruch genommen sind. Nun denn, als ich sie so tüchtig mauern und zimmern sah, ist meine alte Baulust wieder erwacht, und Du, meine Liebe, wirst mir gewiß helfen, meinen neuen Plan in's Werk zu setzen. Sieh, ich muß auch in diesem Saale eine bedeutsame Veränderung vornehmen, denn so schön er im Ganzen und Einzelnen ist, leidet er doch an zwei großen Gebrechen.«

»Wie,« riefen Alle erstaunt, »an dem Saale willst Du etwas verändern?«

»Na, da bin ich doch neugierig!« sagte der Banquier Ebeling, aber Betty nickte dem Geliebten zu, denn sie verstand ihn auf der Stelle, da er schon früher einmal etwas Aehnliches gegen sie geäußert hatte.

»Ja, ich will etwas darin verändern, und zwar Zweierlei,« fuhr Paul fort. »Erstens hat er mit den drei schönen Vorzimmern auf dem westlichen Flügel, die künftig Dir gehören, meine liebe Betty, keine unmittelbare Verbindung. Diese muß erst nothwendig hergestellt werden, wenn wir eine bequeme und allen unsern Bedürfnissen entsprechende Wohnung haben wollen. Ich habe nun lange darüber nachgedacht, wie man das ausführen könne, ohne die schöne Harmonie des Ganzen zu stören, endlich aber habe ich es heute gefunden und der Mauermeister aus Cuxhafen hat mich so eben auf den richtigen Weg gebracht, dadurch, daß er mir erzählte, er kenne den Künstler in Hamburg, der den schönen seegrünen Stuck an diesen Wänden hergestellt hat. Den Mann habe ich mir durch ihn verschreiben lassen und er wird kommen. Seht, hier neben der Kellerthür breche ich durch die Wand und gelange so in das erste, Dir gehörige Zimmer, meine Liebe, und dann lasse ich eine kleine kaum merkbare Thür einsetzen, die auf künstliche Weise mit demselben Stuck überzogen wird und so dem Ganzen durchaus keinen Abbruch thut.«

»Ja, ja,« riefen Alle, »das ist ein guter Gedanke!«

»Den führe so bald wie möglich aus!« jauchzte Betty entzückt auf.

»Siehst Du wohl,« sagte Paul erfreut, »ich wußte es ja, daß diese Veränderung Euern Beifall finden würde. Und nun komme ich zu dem zweiten Fehler dieses Saales, der freilich absichtlich begangen ist, da mein Onkel Quentin in einem durchaus sicheren und gegen jeden Einbruch bewahrten Raume wohnen und seinen Besitz gegen alle Gefahr geschützt sehen wollte. Mit einem Wort, der Saal hat immer noch zu wenig Thüren, selbst die neue mit eingerechnet, und vom Garten sind wir eigentlich ganz und gar abgeschnitten, da wir stets durch das ganze Haus laufen müssen, um in's Freie zu kommen. Da habe ich nun beschlossen, aus dem mittelsten der fünf Fenster eine Thür zu machen und einen der äußern Façade entsprechenden Vorbau, eine Art Rampe mit Marmortreppe, mit der Halle vorn correspondirend, davor anzubringen, damit man von hier aus, wenn das Bedürfniß dazu vorhanden, gleich in den Garten gelangen kann, den man vor der Thür noch mit reicherem Blumenwerk versehen mag. Was meint Ihr nun dazu? Ich werde mit dem Baukünstler aus Hamburg sprechen und die Marmortreppe nebst der Bekleidung der Rampe bei ihm bestellen; einstweilen baue ich die Rampe selbst und der Saal wird uns während der Zeit nicht entzogen, da die Thür erst eingesetzt zu werden braucht, wenn Alles fertig ist.«

»Das ist allerdings eine große Verbesserung und sogar Verschönerung des Saales, ja, des ganzen Hauses,« rief der Banquier Ebeling, »und ich muß Deiner Idee meinen vollen Beifall zollen. Was meinst Da, Betty?«

»Ihr braucht mich gar nicht zu fragen,« erwiderte, diese, als Aller Augen auf sie gerichtet waren. »Den Wunsch habe ich schon von Anfang an gehabt, als ich den Saal und seine Einrichtung sah, und Paul hat mir wie immer vollkommen aus der Seele gesprochen.« –

So wurde denn auch dieser Plan ausgeführt und schon im nächsten Herbst konnte man sowohl aus dem Saal in Betty's Gemächer wie auf einer herrlichen und mit schönen Gewächsen besetzten Vortreppe in den Garten gelangen. –

Um jedoch wieder zu den Tagen des Besuchs der lieben Freunde zurückzukehren, wollen wir noch erwähnen, daß Whistrup mit seiner Tochter wirklich an dem bezeichneten Tage in Betty's Ruh eintraf und die einstweilen für sie bestimmte Wohnung im Schlosse bezog. Der gute Mann fühlte sich unbeschreiblich glücklich in diesen neuen Verhältnissen, und bewies seine Dankbarkeit dadurch, daß er vom frühen Morgen bis zum späten Abend sich der Felder seines Gutsherrn annahm und auf denselben das Beste zu wirken bestrebt war. Auch Friede wurde bald Allen eine sehr liebe Hausgenossin. Ihre Munterkeit und Heiterkeit machte sich überall bemerklich, und da sie für's Erste keiner eigenen Wirthschaft vorzustehen hatte, machte sie sich im Hause selbst nützlich, indem sie Jedermann und bei jeder Gelegenheit irgend eine Gefälligkeit erwies und sich namentlich Betty's vollkommene Gunst erwarb, die später in eine herzliche Zuneigung und Freundschaft überging.

Um das spätere Geschick dieses guten Mädchens gleich hier zu bezeichnen, wollen wir wieder in der Zeit etwas vorgreifen und mittheilen, daß Capitain Hardegge im August dieses Jahres eine unverhoffte Erbschaft von einem in Californien lebenden Verwandten machte. Da diese Erbschaft eine ziemlich ansehnliche war, so wollte er sich nun ein Schiff bauen lassen und damit auf eigene Hand Handel treiben, weil die See ja doch einmal sein Element sei, wie er meinte. Allein auf Paul's und Betty's Rath und Zureden stand er endlich von diesem bedenklichen Plane ab. Er gab seine Stellung auf dem Feuerschiff auf und zog mit seiner hübschen jungen Frau in das Pachthaus zu seinem Schwiegervater, wo er sich als angehender Landwirth ernstlich beschäftigte und durch eifriges Studium und Beobachten der Natur den Mangel in seinen Kenntnissen zu ersetzen suchte. So gehörte denn auch er bald zu dem nächsten Kreise der Bewohner von Betty's Ruh und war täglich mit ihnen zusammen, namentlich Abends im Winter, wenn das Feuer in beiden Kaminen flackerte und die schönen Wachskronen wieder im großen Saale flammten; und manche frohe Stunde verlebten sie da, indem sie nicht nur das eigene Glück, sondern auch das der mit ihnen so eng verbundenen Gutsherrschaft genossen, die sich mit jedem Tage in der neuen Heimat glücklicher und froher werden fühlte. –

Was nun die Nachforschung der Gerichte in Bezug auf die Verwandten des verstorbenen Rentmeisters betrifft, so ergab dieselbe ein ganz unerwartetes Resultat. Uscan Hummer war gar nicht in dem Orte geboren, den er dem Professor als seine Heimat in Ostfriesland angegeben hatte. Eben so wenig besaß er Verwandte daselbst. Alle Aufforderungen in Hannover und den angränzenden Ländern, die Erbschaft des Verstorbenen in Anspruch zu nehmen, blieben unbeantwortet und so nahm man endlich an, daß er gar keine Verwandten habe, und sein nachgelassenes Vermögen fiel dem Fiscus anheim. Das im Pachthause befindliche Inventarium aber wurde von Rechtswegen dem Professor und seinem Sohne als Entschädigung für die noch nicht gezahlte Pachtsumme des laufenden Jahres und für die durch die Unterschlagung gehabten Verluste zugesprochen, Paul jedoch trat dasselbe als Geschenk an seinen neuen Pächter ab, im Herzen froh, auch auf diese Weise sich einem Manne dankbar erweisen zu können, dessen zufälligen Eingriff in sein Leben er als eine ihm selbst erwiesene Wohlthat betrachten zu müssen glaubte.

Vierzehn Tage verweilten die Gäste der Residenz nun schon auf Betty's Ruh und Wollkendorf. Alles Geschäftliche war zweckmäßig eingeleitet und Manches davon schon abgewickelt bis zu dieser Zeit. Man hatte sich gegenseitig wieder vollkommen in das alte Geleise der Liebe und Zuneigung gefunden, die wichtigen Ereignisse der Vergangenheit hatte man ruhig und leidenschaftslos besprochen und das Glück der Gegenwart mit dankbaren Gefühlen gegen die Vorsehung in sich aufgenommen.

Drei Wochen wollten Ebelings nur noch bei ihren Verwandten verleben, länger konnte der regsame Geschäftsmann seinem Comptoir nicht fern bleiben, und in diesen drei Wochen wollten sie noch einen kurzen Ausflug nach Helgoland unternehmen, auf den schon Alles längst im Stillen vorbereitet war.

Die Besuche der Damen in Betty's Ruh wie die der Männer in Wollkendorf wurden täglich fortgesetzt und man lebte im Vollgenuß des geistlich Gebotenen ruhig dahin, im süßesten Stillleben, wie es das schönste für den strebsamen Menschen ist, wenn er lange gearbeitet und mit dem Aufgebote aller Kräfte an seinem innern und äußeren Gedeihen gewirkt hat.

Wie wohl und heimisch der Banquier Ebeling sich aber auch in dem gemüthlichen Schlosse fühlen mochte, über Eins wunderte er sich doch und schon oft hatte er mit seiner Frau darüber Rath gepflogen, worin denn wohl der Grund zu dem seiner Meinung nach seltsamen Gebahren der glücklich Liebenden liegen möge. Denn daß niemals in ihrer Gegenwart von einer bevorstehenden näheren Verbindung gesprochen wurde, erschien dem practischen Manne fast unbegreiflich und er hätte schon längst ein lautes Wort darüber fallen lassen, wenn seine Frau ihn nicht mit stillen Bitten davon abgemahnt und auf eine baldige günstige Wendung der Dinge vertröstet hätte.

»Laß sie nur gehen,« sagte sie ihm wiederholt, »sie leben sich erst still und verschwiegen in ihre neuen Verhältnisse ein und der Stand, in dem sie sich gegenwärtig befinden, hat doch auch sein Angenehmes für sie, mein lieber Freund. Meinst Du nicht auch?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte Herr Ebeling, »mich will bisweilen bedünken, als ob sie sich heimlich nach innigerer Verbindung sehnten und als ob nur Keines von ihnen das Wort zu sprechen wage, welches das ganze Werk krönen soll und muß, wenn der Mensch zu dem vollkommenen, ihm von Gott beschiedenen Glück gelangen soll. Und was Dein Zögern und Zaudern betrifft, Charlotte, so mag das für Deine Ruhe und Geduld ganz gut und zuträglich sein, aber wisse, die meine ist bald zu Ende und ich fahre nächstens einmal mit meiner Ansicht der Dinge wie ein Gewitter heraus. So viel ist gewiß, ich will bei dieser Hochzeit gegenwärtig sein, und da ich einmal hier bin, soll sie stattfinden während dieser Zeit. Ich komme vor einem Jahre nicht wieder, Du und Deine Schwester, die uns nach Hause begleitet, auch nicht, und so lange werden sie doch nicht auf den Segen des Priesters warten wollen?«

Seine gute Frau nickte ihm beistimmend zu und sagte: »Thu' es, laß Dein Gewitter los, es kann vielleicht nicht schaden. Wenn Du der Gefühle und Neigung Paul's sicher bist, für die Betty's stehe ich; aber es ist seltsam im Leben, mein Lieber, daß Diejenigen oft am wenigsten an die Erfüllung ihres Schicksals denken, die es doch am nächsten betrifft.«

»O, o,« unterbrach sie ihr Mann, »sie denken wohl schon daran, dafür komme ich auf, nur sprechen sie nicht davon. Wenn Du aber meinst, so will ich gleich morgen, wenn wir auf Wollkendorf sind, das Gewitter in Scene sehen, doch so viel sage ich Dir, wenn ich erst einmal geblitzt habe, dann lasse ich den Donner auch gleich hinterher folgen und einschlagen muß es, daß es brennt – lichterloh!«

»Gewittere zu, bester Mann, blitze, donnere und laß es einschlagen – mir ist es schon recht. Ich liebe auch mehr die reine Luft nach, als die Schwüle vor dem Gewitter.« –

Das Gewitter war beschlossen und es sollte auch losbrechen, obwohl auf eine viel sanftere Weise, als man nach der eben ausgesprochenen Meinung des guten Banquier Ebeling hätte erwarten sollen.

Am nächsten Tage fuhr man vor Tische nach Wollkendorf, nur Paul und Fritz blieben noch an Betty's Ruh zurück, da Ersterer mit den von Cuxhafen erwarteten Meistern etwas Nothwendiges zu sprechen hatte.

Man saß im Zimmer bei Frau von Hayden und unterhielt sich in aller Gemüthlichkeit, während Betty alle paar Minuten nach einem anderen Zimmer ging, von dessen Fenstern aus sie den Weg bestreichen konnte, den die Reiter einzuschlagen pflegten, wenn sie von Betty's Ruh kamen.

Als sie das letzte Mal mit etwas unruhiger Miene wieder bei ihren Verwandten eintrat, warf der Banquier seiner Frau einen lächelnden Blick zu und sagte: »Höre einmal, Betty, Du schaust schon zum vierten oder fünften Mal nach Deinem Herzallerliebsten aus, ob er noch immer nicht kommen will, und das finde ich ganz in der Ordnung. Aber weißt Du, was ich nicht in der Ordnung finde?«

Betty hob erstaunt ihr schönes Auge gegen den so lebhaft Redenden auf und sah ihn forschend an, da seine Miene eine schalkhafte Beimischung hatte, die ihm nur in seltenen Fällen eigen war.

»Was findest Du nicht in der Ordnung?« fragte sie mit stillem Lächeln und dabei in der Miene ihrer leicht erröthenden Tante vergeblich nach Aufklärung suchend.

»Daß Du so schrecklich geheimnißvoll mit Deinen allertiefsten Herzensgeheimnissen bist. Ja, sieh mich nur so groß und verwundert an, Du verstehst mich, ich merke es wohl, recht gut. – Nun,« fuhr er nach einer Weile fort, da Betty beklommen schwieg, »sage mir einmal, willst Du denn ewig auf diesem langweiligen Wollkendorf, über dem mir wirklich stets düstere Wolken zu schweben scheinen, sitzen bleiben? Offen gestanden, mir gefällt es hier gar nicht. Es ist ein altes finsteres, halb verkommenes Ding und ich möchte es eben so wenig geschenkt haben, wie der Herr Baron in Osnabrück. Ich bedaure Dich armes Wesen wirklich, daß Du so lange hier eingesperrt gewesen bist und ein paar schöne Jahre Deines Lebens förmlich versessen hast. Mach, daß Du nach Betty's Ruh kommst, da ist mir jeder Strauch lieber als hier der ganze Wald. Und nun denke einmal an den armen Paul. Du sitzest hier und erwartest ihn alle Tage mit Sehnsucht und er steht dort und erwartet Dich noch viel sehnlicher. Ihr besucht Euch zwar, aber Ihr hetzt Euch mit diesen Besuchen ab, da Keiner dem Andern früh genug kommt und Jedes immer zu früh fortgeht. Außerdem vertrödelt Ihr eine hübsche Zeit damit und ich bin ein Geschäftsmann und kenne den Werth derselben. Also mit einem Wort, macht ein Ende mit der ewigen Zauderei. Eure Herzen sind lange genug einig. Laßt Euch aufbieten und trauen an einem Tage, dann hat die liebe Seele Ruh. Der Amtmann in Ritzebüttel ist ja Euer Freund und der wird Euch das schon möglich machen und es dem schwarzen Herrn eintränken, daß er an Euch seine Schuldigkeit thue.«

Er schwieg und hatte während des Sprechens Betty's Hand ergriffen, so daß sie nicht von ihm los kommen konnte. So blieb sie denn geduldig dicht vor ihm stehen und sah ihn mit ihren klaren kindlichen Augen voll und ohne alle Verlegenheit an.

»Glaubst Du mich etwa mit dieser Rede zu kränken oder gar einzuschüchtern, so daß ich erröthe und die Augen niederschlage, wie eine Schuldige?« fragte sie in aller Ruhe. »O nein, durchaus nicht, lieber Onkel. Ich freue mich sogar über Deinen guten Rath, er kommt mir ganz erwünscht und zur rechten Zeit, aber wisse, mein Lieber, ich habe nicht allein darüber zu bestimmen, es giebt – noch andere Leute, die ein Wort darin mitzureden haben.«

Der Banquier lachte verwundert und sah seine Frau mit halb zugekniffenen Augen an. »Ah,« sagte er, »das habe ich nicht gedacht, Charlotte, sie hat einen guten Blitzableiter in sich und diesmal bin ich also in Wahrheit abgeblitzt. Nun, einschlagen soll es aber doch, ich habe einmal meinen Kopf darauf gesetzt, und will meine feurige Electricität nicht umsonst gesammelt haben. Also noch andere Leute haben darüber mitzureden, sagst Du? So. Und wer sind denn diese Leute?«

»Natürlich der,« erwiderte Betty mit unnachahmlicher Ruhe, »der bei dem schwarzen Herrn, wie Du so seltsam sagst, zunächst mit betheiligt ist – in diesem Falle also Dein und unser Aller Paul.«

»Na, wenn das ist,« erwiderte der Banquier phlegmatisch, »dann soll er mir auf der Stelle Rede stehen – laß ihn nur erst kommen –«

»Auf keinen Fall, lieber Onkel,« rief Betty, während ihr Gesicht nun doch in rosiger Gluth aufleuchtete. »Das ist Deine Sache nicht, auch meine nicht, sondern ganz allein die seinige, und Niemand – ich sage Niemand soll ihn bedrängen oder ihn nur argwöhnen lassen, was für Worte soeben hier gefallen sind.«

In diesem Augenblick hörte man das Klappern von Pferdehufen auf den Steinen vor der Hausthür. Die Reiter waren also gekommen. Betty sprang zur Thür und flog auf den Corridor hinaus. Eine Minute später lag sie mit flammendem Gesicht an Paul's Brust, und dieser, der ihre ungewöhnliche Erregung auf der Stelle bemerkte, sah sie betroffen an.

»Was giebt es?« fragte er, indem er sich ihre schweigende Begrüßung von ihren Lippen nahm.

»Komm in mein Zimmer,« sagte sie rasch, ihrem Cousin einen Wink gebend, daß er zu den Anderen gehen solle, »ich muß einige Worte mit Dir reden, bevor Du den Onkel Ebeling sprichst. Er ist heute bei Laune, der gute Mann.«

Paul trat mit ihr in jenes liebliche Zimmer ein, aus welchem er sie sich neulich nach Betty's Ruh geholt, und hier fiel ihm Betty stürmisch um den Hals. »Paul,« rief sie, in Thränen ausbrechend, »nur wir allein wollen das unter uns abmachen – Keiner soll sich darein mischen –«

»Aber was giebt es denn, meine Betty, Du machst mich wirklich besorgt.«

»Sie wollen uns mit Gewalt verheirathen,« stieß sie athemlos hervor, »und ich mag nicht, daß Andere davon reden als wir –«

Paul sah sie mit strahlenden Blicken an. »Nein,« sagte er, auf der Stelle begreifend, um was es sich handelte, »nein, nur wir wollen davon reden und von uns müssen sie das erste Wort darüber erfahren; also wann – wann darf ich hoffen, daß mir der schönste Tag meines Lebens aufgeht?«

Sie sank noch inniger an seine Brust. »Wann Du willst,« flüsterte sie, »laß uns gleich morgen nach Ritzebüttel fahren und alles Nothwendige besprechen. Sie haben doch nicht eher Ruh und wir wahrscheinlich – vor ihnen – auch nicht.«

So war es beschlossen, und als Paul jetzt mit seiner Betty in die Mitte der versammelten Lieben trat, verkündete er, daß er morgen vor Tisch schon mit ihr zum Amtmann und zum Prediger nach Ritzebüttel fahren und das Nothwendige zu ihrem einmaligen Aufgebot und zur Trauung besorgen würde.

»Hahaha!« lachte der Banquier Ebeling laut auf. »Siehst Du, Charlotte, wie mein Blitz doch eingeschlagen hat? So rasch habe ich es selbst nicht erwartet und die Electricität muß also sehr stark gewesen sein!«

 

Wie es zwischen den beiden Liebenden verabredet war, so wurde es genau ausgeführt. Die Damen kamen am nächsten Morgen schon zeitig nach Betty's Ruh und unmittelbar darauf fuhren Betty und Paul nach Ritzebüttel. Unterwegs, Hand in Hand in dem gemächlichen Wagen sitzend, kamen sie mit einander überein, wie sie es bei ihrer Hochzeit gehalten haben wollten. Paul, von jeher allen lauten Festlichkeiten an einem solchen Tage abgeneigt, schloß sich Betty's Vorschlag mit ganzer Seele an. Es sollte nicht einmal das übliche Mahl stattfinden, sondern erst zwei Tage später wollte man die wenigen Zeugen der feierlichen Handlung nach Betty's Ruh einladen und dann in aller Gemüthlichkeit ein Familienfest begehen. Die Trauung sollte schon am nächsten Sonntag und zwar Abends in der Kirche zu Ritzebüttel vollzogen werden. Betty, die Paul's Abneigung gegen Wollkendorf kannte und an ›dem schönsten Tage seines Lebens‹, wie er ihn selbst genannt, nicht die geringste Spur eines bitteren Gedankens in ihm aufkommen lassen wollte, bat ihn, von Betty's Ruh aus mit den anderen Herren nach Ritzebüttel zu fahren und sie erst in der Kirche zu empfangen, sie selbst werde mit ihren weiblichen Verwandten und Friede Whistrup, die ihr als Brautjungfer zur Seite stehen sollte, von Wollkendorf dahin kommen. Nach der Trauung wolle man in aller Ruhe nach Hause fahren und den Abend im stillen Familienkreise verleben.

So lautete der Plan der beiden Glücklichen, und allerdings, so weit es an ihnen lag, sollte er auch so ausgeführt werden, allein sie hatten nicht bedacht, daß auch andere Leute Pläne, zu schmieden und festzuhalten verständen, und so wurde der ihrige, nicht gerade durchkreuzt, aber doch in einigen Einzelnheiten, und zwar in einer für sie nicht unangenehmen Weise umgestaltet.

Als sie in Rützebüttel eintrafen, fanden sie den Amtmann inmitten seiner Familie zu Hause und wurden auf das Liebreichste und Herzlichste von der edlen Gattin des Hausherrn aufgenommen. Sie lernten in ihr eine hochgebildete und ungemein liebenswürdige Dame kennen, und an diesem Tage schon wurde der Grund zu einer für beide Theile wünschenswerthen Freundschaft gelegt, die für die Zukunft sich eben so angenehm wie ersprießlich erweisen sollte.

Gern ging der Amtmann auf die ihm vorgetragenen Wünsche des schönen Brautpaars ein und nahm für sich, seine Gattin und eine erwachsene Tochter, der unverkennbar die intelligenten Züge des Vaters aufgeprägt waren, die Einladung an, Zeugen bei der Trauung in der Kirche und zwei Tage später Theilnehmer des Familienfestes in Betty's Ruh zu sein.

Auch der Pfarrer in Ritzebüttel zeigte sich dem Willen des Brautpaars geneigt und so wurden die geschäftlichen Verhandlungen darüber auf der Stelle abgemacht und die Stunde der kirchlichen Ceremonie festgesetzt. –

Der gute Gott im Himmel sandte dem beglückten Paare einen herrlichen Tag zu seinem schönsten Feste. Die Luft war so ruhig und mild, wie man es nur von einem Junitage wünschen kann. Die Sonne, welche am Morgen hell geschienen und heiße Stunden verkündigt hatte, zog sich gegen Mittag hinter klein gefiedertes, schneeweißes Gewölk zurück und so blieb sie den Augen der Menschen den ganzen Tag verborgen, ohne ihnen ihre angenehme Wirkung zu versagen.

Im Uebrigen leuchtete der blaue Himmel in seinem reinsten Glanz und goß ein mildes Licht über die von Früchten wogenden Gefilde und die im vollsten Blätter- und Blumenschmuck prangenden Gärten aus.

In Betty's Ruh herrschte an diesem Tage ein reges und doch feierlich ernstes Treiben. Jeder Einzelne hatte für sich zu schaffen, und doch strebten Alle nach einem bestimmten und von Allen gleich ersehnten Ziele hin. Alle Gesichter strahlten von Glück und Freude, und Frau Dralling war schon am Morgen so übermäßig selig, daß ihr, wenn sie mit ihrem alten Herrn in dessen Zimmer sprach, stets vor Rührung Thränen in den Augen standen.

Nur wenige Diener blieben der Trauung fern, um das Haus zu hüten. Barker und Laurentius, Frau Dralling und einige Andere waren schon bei Zeiten mit einem Wagen vom Pachthofe nach Ritzebüttel gefahren, um die Kirche zu schmücken und so die ihnen unerläßlich erscheinenden Vorbereitungen zum Empfange des Brautpaars daselbst zutreffen. Wie sie aber die Ersten in der Kirche gewesen, so waren sie auch die Ersten wieder zu Hause, um nun auch da die von ihrer Liebe und Treue ihnen gebotene Pflicht zu erfüllen.

Von Louis kutschirt, fuhren der Professor und der Banquier Ebeling nach dem Trauungsorte, Paul dagegen hatte sich seinen treuen Fritz zum heutigen Begleiter erkoren. Capitain Hardegge, der von Cuxhafen zum Feste herübergekommen, leistete seinem Schwiegervater in dessen eigenem Fuhrwerk Gesellschaft.

Sie Alle waren noch nicht fünf Minuten in der mit Blumen und bei hereingebrochener Abenddämmerung mit Kerzen erleuchteten Kirche eingetroffen, als auch schon Frau von Hayden und ihre Schwester anlangten, denen gleich darauf in dem großen Galawagen Betty und Friede folgten.

Betty erschien in einem prachtvollen Kleide von schwerem Seidenstoff, welches ihre Tante ihr zu dem vorliegenden Zweck aus der Residenz mitgebracht und verehrt hatte. Es zeigte breite weiße und blaue Streifen, in welche zahllose kleine Blumenbouquets eingestickt waren.

In ihrem kostbaren Schleier und den duftigen Orangenblüthenkranz im dunklen Haar, den Parker mit seltener Kunstfertigkeit gewunden, sah sie wunderbar schön und reizend aus. Aus ihren Augen leuchtete jene unbeschreibliche und süße Wonne, die nur ein Weib fühlt, das sich bewußt ist, in dem Manne, der ihm bald ganz zu eigen gehören soll, das volle und wahre Glück seines ganzen Lebens gefunden zu haben. Dem guten Professor zu Ehren hatte sie heute zum ersten Mal den kostbaren Brillantschmuck angelegt, den ihr dieser am Tage der Verlobung aus dem Nachlaß seines Bruders zum Geschenk gemacht; sonst aber war auch heute nichts von den üblichen Spangen, Geschmeiden und Ketten an ihr zu sehen, mit denen sich leider heutigen Tages unsere jungen Damen mehr zu entstellen als zu schmücken lieben.

Auch Friede sah in ihrem weißen Kleide allerliebst aus. Ihr frisches blühendes Gesicht strahlte von Freude und Glück, aber auch ein kleiner verzeihlicher Stolz mischte sich mit ein, daß sie vor Allen berufen sei, an dem heutigen Tage eine so wichtige Rolle an der Seite ihrer Gutsherrin zu übernehmen. Ihre üppigen blonden Haare trug sie in der gewöhnlichen Weise, nur die breiten Flechten, die sie wie einen natürlichen Kranz um die Scheitel zu legen verstand, waren heute mit einem Reifen dunkler Granatblüthen umgeben, welche ebenfalls die Treibhäuser von Betty's Ruh gezeitigt hatten.

Unmittelbar nach Ankunft der Braut begann die feierliche Handlung in Gegenwart der eingeladenen Zeugen und einer großen Anzahl freiwillig erschienener Zuschauer, denn es war ja in dem kleinem Orte ein seltenes Fest, eine so vornehme und reiche Dame in ihrem Schmuck und als Mittelpunct eines so glücklichen Ereignisses zu sehen.

Als die Trauung vorüber und die Beglückwünschungen, wie es Gebrauch ist, gesprochen waren, bat der Amtmann von Ritzebüttel ganz unerwartet das Brautpaar, einige Minuten in seinem Hause zu verweilen und vor der Rückfahrt nach Betty's Ruh den Thee bei ihm einzunehmen.

Betty und Paul glaubten sich dieser freundlichen Aufmerksamkeit nicht entziehen zu können und so fuhren sämmtliche Gäste nach dem Schlosse, nur Friede und ihr Vater, Frau Dralling, Barker und Laurentius beeilten sich nach Hause zu kommen, um den Empfang der Herrschaft auch dort wie es unter ihnen beschlossen war, vorzubereiten.

Als die Hochzeitsgäste mit dem jungen Paare bei dem Amtmann in das Schloß traten, fanden sie den alten Saal desselben festlich geschmückt und erleuchtet, und die Art und Weise, wie die edlen Wirthe ihre Gäste aufnahmen, war so herzlich und liebevoll, daß Alle sich augenblicklich so heimisch wie zu Hause fühlten. Auch wußten Erstere das neu verbundene Paar so angenehm zu unterhalten, daß ihr Aufenthalt sich über alle Erwartung verlängerte, bis es beinahe zehn Uhr geworden war und nun Betty und Paul erst gewahrten, daß ihre Verwandten sich Einer nach dem Andern heimlich zurückgezogen hatten und daß sie endlich Beide nur noch allein bei dem Senator und seiner Gattin saßen.

Daß diesem Beginnen eine bestimmte Absicht zu Grunde lag, ahnte im ersten Augenblick Keines von ihnen, noch weniger, daß es Tante Charlottens Werk war, die, von dem ihr innewohnenden Zartgefühl getrieben, es also ersonnen und ausgeführt hatte, wobei der Amtmann und seine Gattin ihr gern entgegengekommen waren. So befanden sich auch Frau von Hayden und Frau Ebeling selbst schon längst unterwegs, um in Betty's Ruh zum ersten Mal die Zimmer zu beziehen, die zu ihrer Aufnahme seit einigen Tagen daselbst in Bereitschaft gesetzt waren.

Als nun endlich auch Betty und Paul ihren Wagen bestiegen und an dem milden Frühlingsabend, auf dem der sonntägliche Friede lag und den die Sterne des Himmels strahlend erleuchteten, durch grüne Felder und Gärten nach Hause fuhren, sagte Paul zu Betty, die dicht neben ihm lehnte und seine Hand fest in der ihren hielt:

»Warum sind denn die Andern alle so heimlich vor uns davon gefahren und haben uns allein in Ritzebüttel zurückgelassen?«

»Ich weiß es nicht, Paul, sie mögen wohl ihre Gründe gehabt haben.« –

Als aber Beide nach Hause kamen, da leuchteten auch Paul diese Gründe ein und er begriff nun die liebevolle Absicht der zartsinnigen Tante: das junge Paar ganz ungestört in die Heimat einziehen und dort sein Glück in vollen Zügen genießen zu lassen.

Als sie vor der von Laternen erleuchteten Halle aus dem Wagen stiegen, empfing sie Niemand. Nur Friedrich, der mit ihnen gekommen, bot ihnen seine Dienste an. Die Treppen der Halle selbst aber und ihr schönes Innere waren festlich erleuchtet und mit, der Architectur des Ganzen entsprechend aufgehängten Blumenguirlanden verziert. Auch die drei Vorzimmer strahlten von Lichtern, und erst als das Brautpaar in den Saal getreten war, erloschen hinter ihm alle diese Kerzen und schlossen ihre Augen, denn sie hatten ihre Schuldigkeit gethan und den Weg erhellt, der das unter ihnen wandelnde Paar zu seinem Glücke leitete.

Als Beide in feierlicher Stimmung ruhig und schweigsam in den Saal traten, blieben sie stehen und blickten sich zuerst suchend in dem großen Raume um, dann aber sich selbst einander mit staunender Verwunderung an. Niemand befand sich darin, sie waren Beide ganz allein. Nur alle Kronen- und Wandleuchter strahlten ihr glänzendes Licht aus und erhellten den schönen Raum mit einem fast magischen Glanz.

»Aha,« sagte Paul zu Betty, »nun merke ich Alles, das hat in ihrer Absicht gelegen und – ich danke ihnen im Stillen. Wir können mit dieser zarten Aufmerksamkeit zufrieden sein, nicht wahr, Betty?«

Betty nickte ihm schweigend zu und ergriff dann seinen Arm, um in dem glänzenden Raume langsam mit ihm auf und ab zu wandeln. Da aber trat Paul zuerst an seinen Schreibtisch und nahm von der Console desselben einen vollen Strauß blühender Veilchen, den Friede auf seine Bitte im Treibhause gesammelt und an den bezeichneten Ort gestellt hatte.

»Sieh, Betty,« sagte er, »erinnerst Du Dich noch jenes Tages, als Du mir durch Fritz Ebeling, ohne zu wissen, daß es mein Geburtstag war, einen Veilchenstrauß und damit einen wohlthuenden, süßen Gruß sandtest? O, meine theure Betty, Du weißt und glaubst nicht, welche wunderbare Wirkung jene Blumen damals auf mich geübt haben. Sie erfüllten mein so trauriges und einsames Dasein mit göttlichem Duft – dem Duft der Hoffnung und des menschlichen Wohlwollens. Mein ganzes Leben nahm von jenem Augenblick an eine andere Wendung, einen höheren Aufschwung. Ich arbeitete fortan nicht mehr mit Mühe und Anstrengung, sondern mit Liebe und Lust. Ich wuchs schneller geistig heran und wurde allmälig ein nach höheren Zielen strebender Mann. Du hattest mir unbewußt das Leben vergoldet und der Glanz Deiner Augen fiel wie ein göttlicher Sonnenstrahl in die dunkle Nacht meines Daseins. Dafür kann ich Dir nie dankbar genug sein. Nun möchte ich Dir gern vergelten, was Du mir damals gethan, aber ich weiß nicht womit. Denn so reich ein Mensch auch sein mag: um einem anderen Menschen seine ganze, volle Dankbarkeit auszudrücken, wird er immer und ewig zu arm sein. Da habe ich nun von Friede's Hand Dir diese Veilchen sammeln und zu einem Strauß zusammenfügen lassen, als ein schwaches Zeichen der Erinnerung an jenen für mich so bedeutungsvollen Tag, und als ein Symbol, daß ich mich bemühen werde, Dir das Glück wo möglich zu erwidern, welches Du einst damit in mein Leben gestreut. Nimm die kleine einfache Gabe freundlich hin und labe Dich an ihrem süßen Duft. O, möge es mir fortan vergönnt sein, auch Dein Leben zu versüßen und zu vergolden, und wenn das in der Macht einer vollkommenen Liebe liegt, so wird es hoffentlich gelingen.«

Betty fand keine Worte der Erwiderung. Sie nahm nur den duftenden Strauß, drückte ihn an ihre von Wonneschauern hochathmende Brust und dann an ihre Lippen. Endlich aber schloß sie den treuen Freund ihres Lebens fest in die Arme und flüsterte nur die Worte in sein Ohr: »Ich danke! Das ist ein süßer Lohn für meine damalige kleine Gabe!«

Beide schritten nun wieder fest an einander geschmiegt den Saal hinab und kamen in der Mitte unter dem hellstrahlenden Kronleuchter an. Hier blieben sie wieder stehen. Die schweren Vorhänge von Purpursammet vor dem Alkoven waren zurückgeschlagen und dieser selbst festlich erleuchtet. Man konnte Alles übersehen, was darin stand und lag.

Als Paul's Blicke auch auf diese Vorbereitung fielen, erfaßte ihn eine tiefe, fast heilige Rührung. Er stand einen Augenblick still, griff mit der Hand in die Brusttasche und zog ein vergilbtes Blatt Papier hervor.

»Sieh, Betty,« sagte er mit stolz aufflammendem Blick, »hier hast Du endlich vor Augen, was Du schon lange durch das Ohr von mir vernommen hast. Es ist das Blatt aus dem Album meiner Mutter, welches mir durch mein ganzes Leben hindurch zum Leitstern und Trost gedient hat. Lies einmal diesen Vers laut vor!«

Betty nahm das Blatt mit zitternder Hand und las:

»Leide, meide, schweige und ertrage!
»Deine Noth Niemand klage!
»An Gott, Deinem Schöpfer, nicht verzage,
»Denn das Glück kann kommen alle Tage!«

Als sie es aber gelesen, drückte sie das Blatt an ihre Lippen und sah dann Paul mit thränenerfüllten Augen fragend an.

»O mein Gott,« rief er, »nun, hier, dieser Spruch hat mir nicht nur oft Trost in meinem Leiden gegeben, sondern er hat sich mir auch als ein wackerer Freund bewährt und mir die Wahrheit gesprochen. O, wenn Du wüßtest, was ich ertragen und gelitten und doch verschwiegen habe, als Du mir damals durch das grausame Geschick entzogen wurdest, als eine andere fremde Hand Dich von mir entführte, Du würdest mich noch jetzt beklagen. Meine Seele verlangte und dürstete nach Dir und flatterte Dir auf Deinem ganzen Wege wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln nach. Aber ich schwieg und klagte meine Noth und meinen furchtbaren Schmerz Niemand. Vor allen Dingen aber verzagte ich nicht an meinem Schöpfer und hoffte auf den letzten Spruch des Verses, daß das Glück ja doch einmal auch mir an einem Tage kommen könnte. Und siehe, es ist wirklich gekommen, ich habe es hier vor mir. Hier, inmitten meines schönen Besitzes steht mein schönster Besitz – Du selber, meine Betty, und Nichts auf der Welt kann Dich wieder von meinem Herzen reißen.«

Betty schaute unter heißen Thränen in sein aufglühendes Gesicht und dann sagte sie: »Ja, das Glück kann alle Tage kommen, und wenn es Dir wirklich ein Glück ist, daß ich Dich in unermeßlicher, unsäglicher Liebe an diese Brust, an dieses Herz drücke, dann ist es nicht allein Dir, sondern auch mir gekommen, da ja Dein Herz dicht neben dem meinen schlägt. O, Deine Seele mag in heißen Tropfen geblutet haben, als ich von Dir gehen mußte, aber meine Seele hat Dich nie und nimmer verlassen, sie ist bei Dir zurückgeblieben. In mir war daher von dem Augenblick an, als ich von Dir geschieden war, lange Zeit Alles todt und leer und erst da erwachte ich wieder, als ich hörte, Du würdest in meine Nähe kommen, mein Auge würde wieder in das Deine blicken und ich daraus meine an Dich gefesselte Seele wieder erhalten können. Sieh, seitdem habe ich jeden Tropfen, den ich trank, und jeden Bissen, den ich genoß, in Gedanken an Dich und in Hoffnung auf Dich getrunken und genossen und so bin ich eigentlich nie von Dir getrennt gewesen, zumal Du ja im Besitz meiner Seele warst. Jetzt aber, jetzt habe ich Dich und meine Seele wieder, und Du hast auch mich, und so wollen wir uns immer fest an einander halten, im vollen Bewußtsein, daß uns endlich das volle Glück des Lebens gekommen ist. Ja, ja, es ist da und wir – haben, wir halten es!«

Paul sah ihr tief und still in die leuchtenden Augen und als er ihren alten Seelenblick darin wiedererkannte, da jauchzte er laut auf und schloß sie fest in die Arme, während sie sich noch inniger an ihn schmiegte und süße Thränen vergaß, Thautropfen menschlicher Glückseligkeit, womit der Geber alles Guten uns Sterbliche gesegnet hat. –

Als Beide aber in den stillen Alkoven getreten waren und die dunklen Vorhänge davor niederrauschten, kam leise ein vorsichtiger weiblicher Fuß in den Saal geschlichen und löschte mit eigener Hand die brennenden Kerzen. Bald lag der große Raum wieder in nächtlichem Dunkel da, aber das himmlische Licht irdischer Liebe und Seligkeit erlosch darin nicht. Und als am nächsten Morgen die strahlende Sonne wieder am Himmel aufging, da beschien sie von jetzt an viele, viele Tage lang immer ein neues Glück, denn sie konnte nicht müde werden, den guten Menschen zu leuchten und sie zu erwärmen, denen sie einst, durch des Verhängnisses Macht getrieben, ihr Angesicht so lange hatte verhüllen müssen.

Und nun, Herr Senator – o, ich nenne Ihren edlen, in der Wissenschaft so berühmten, unter den Menschen so geehrten Namen nicht, damit Sie mich nicht für indiscret halten – habe ich mein Wort gehalten, welches ich Ihnen am Strande der Nordsee gab, und habe ich mich für Ihre Freundlichkeit und Güte dankbar erwiesen, freilich nur, wie ein armer Dichter durch Darbietung seiner kärglichen Gabe sich dankbar erweisen kann?

O, erinnern Sie sich noch, als wir uns voriges Jahr an Bord des schönen Dampfers ›Helgoland‹ so zufällig trafen und wie wir durch einige neugierige Fragen von meiner Seite, die Sie damals vielleicht für aufdringlich hielten, mit einander bekannt wurden? Erinnern Sie sich daran, als Sie mich in Ihr gastliches altes Schloß zu Ritzebüttel einluden, mich Ihrer liebenswürdigen Gemahlin vorstellten und wir dann durch das Schloß wandelten, um seinen inneren Gehalt und seine äußeren Umgebungen in Augenschein zu nehmen? Erinnern Sie sich noch, als wir an dem schönen Sonntagsmorgen bei dem guten Rehm vormals Whistrup, von dem Balcon der Laternenkammer auf das weite Wasserbecken der Elbmündung betrachteten und Sie mir das unwirthliche Watt in seiner ebbenden Blöße und Wüste zeigten? O, erinnern Sie sich daran, als wir in der Laube des Gartens mit Ihrer Familie das erste und dann bei dem wackeren Strandvogt in Duhnen das zweite Frühstück einnahmen und am späten Abend darauf am Strande – mit einem neuen Freunde, den ich hiermit herzlich grüße und ihm weitere Mittheilungen verheiße – das Leuchten des Meeres beobachteten, um endlich am anderen Tage so rasch auf Nimmerwiedersehen zu scheiden?

Wenn Sie aber einmal wieder nach dem schönen Traumschloß auf Betty's Ruh ziehen, o dann erinnern Sie sich meiner und grüßen Sie herzlich von mir den alten Professor, den braven Paul und die liebe schöne Betty. Sie, Sie haben sie ja so nahe und ich – ich bin so weit von allen diesen Lieben entfernt. Ja, grüßen Sie sie von mir und sagen Sie ihnen, daß ich im Geiste immer unter ihnen bin, daß ich noch heute jedes Wort höre, das sie zu mir gesprochen, und jeden Blick sehe, den sie mit innerem Verständniß in mein Herz gesenkt. Da wird er unvergänglich haften, bis sich mein Auge schließt und dies unruhige Herz nicht mehr klopft, und noch in meiner letzten Stunde werde ich mich mit freudiger Dankbarkeit erinnern, daß auch mir das Glück es beschied, so guten und lieben Menschen einst in Freundschaft und endloser Ergebenheit die Hand drücken zu dürfen.


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