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Drittes Kapitel.
Laurentius Selkirk

Eine Viertelstunde später, als Paul eben seine Tagestoilette beendet hatte, kam Capitain Hardegge vom Deck herunter, wo er bereits nach dem Wetter ausgeschaut und seine Commandeurpflichten erfüllt hatte.

»Uebereilen Sie sich nicht,« sagte er, »und lassen Sie uns in aller Ruhe unser Frühstück verzehren, Sie versäumen oben nichts. Der Nebel liegt dick auf dem Wasser und man kann keine hundert Schritt weit sehen. Das wird sich bald ändern, denn ein frischer Wind ist schon dazwischen gefahren, und wieder ist es Ostwind, wir werden also gut Wetter behalten. Lange dauert es jedoch nicht mehr. Sehen Sie da, mein Glas fängt schon ein klein wenig an zu fallen.«

Nach diesen Worten schellte er und befahl das Frühstück aufzutragen. Bald darauf kam der Kaffee und hierbei zeigte sich Friede's frisches Brod als eine sehr angenehme Gabe. Unmittelbar nach dem Kaffee gab es Eier und Roastbeef. Wie es kam, daß Paul auch dazu an diesem Morgen Appetit fand, wußte er selbst nicht, aber mochte es die Seeluft sein, die ihn umwob, oder die unablässige Bewegung des Schiffes, genug, er speiste so vollständig wie sein Wirth und fühlte sich danach gestärkt und zu jedem Unternehmen aufgelegt. Als aber Beide ihr Frühstück verzehrt, sagte der Capitain:

»So, nun ziehen Sie Ihren warmen Rock an, binden Sie Ihren Hut fest und dann folgen Sie mir auf's Deck. Es ist immer ein schöner Anblick, wenn die Sonne durch die besiegten Nebel bricht und aus dem dunkeln Chaos eine lichtverklärte Welt schafft. Sind Sie schon fertig? Gut, da haben Sie eine Cigarre, und hier ist Feuer. So, und nun vorwärts!«

Es war eben fünf Uhr vorüber, als Paul an der Seite des Capitains die Deckplanken betrat. Die Nebel lagen noch schichtenweis über dem graugrünen Wasser, aber ein frischer Wind trieb sie schon wirbelnd durcheinander. Die Luft war kühl, sogar etwas kalt im ersten Augenblick, doch die Wärme nahm eben so rasch zu wie das Licht, das sich allmälig durch die dichtesten Nebel Bahn brach. Die beiden Männer standen am äußersten nach Osten gerichteten Ende des Schiffes und blickten dem Aufgang der Sonne entgegen. Sie war schon lange über dem Horizont, indessen sah man sie noch nicht. Allmälig jedoch nahm der weiße Nebel eine rosige Farbe an, zitternde Strahlen schossen erst einzeln, dann in breiteren Garben heran, und plötzlich, wie durch eines Zauberers Machtgebot gesendet, züngelte ein goldener Blitz vor der Schauenden Augen und der Sieg des Tageslichts war entschieden und die Nebel zerstreuten sich in die Weite, nachdem sie einmal erst in die Flucht geschlagen waren.

Rasch hellte sich nun der Horizont im Osten auf und der im Westen folgte ihm etwas langsamer nach, das Wasser nahm wieder seine schöne grüne Farbe an, die Wogenkämme, anfangs grauweiß, schimmerten in rosig goldenem Licht und gegen sechs Uhr waren nur noch einzelne verspätete Nachzügler in flockiger Nebelgestalt wahrzunehmen, die eilfertig hierhin und dahin huschten, als suchten sie irgend wo ein Unterkommen, um ihre Niederlage den Augen der zuschauenden Menschen zu verbergen.

»Kommen Sie jetzt nach dem Vorderdeck,« sagte der Capitain und schritt schon seinem Begleiter voran. »Jetzt können Sie die Fluth gegen den Wind herankommen sehen, sie läßt nie auf sich warten.«

In der Nähe des Steuerrades stehend, blickten sie nun nach Westen hin und da machte sich schon wieder der lange silberne Streif bemerkbar, der immer der Vorläufer der ihm nachrinnenden Wasserberge ist. Mit dumpfem Brausen stürzten sie aus der Ferne heran, je näher sie aber kamen, um so lauter verkündeten sie ihre Gewalt, und das geschah rasch genug, denn, wie Capitain Hardegge seinem Gaste erklärte, legte die Fluth in einer Stunde anderthalb geographische Meilen zurück, und nur, wenn ein Nordweststurm sie beflügelt, stürzt sie schneller heran und dann ist ihre Eile unberechenbar.

»Da,« fuhr der Sprechende fort, »jetzt sehen Sie nach Neuwerk hinüber, wo das Feuer auf den Thürmen eben erloschen ist, da können Sie das Wachsen des Wassers und mit ihm das erwachende Leben am besten beobachten.«

In der That, er hatte Recht. Die Insel Neuwerk mit ihren scharf vom Wasser abgenagten hohen Ufern erhob sich einsiedlerisch genug über dem niedrigeren Meeresgrunde, dem schlüpfrigen und morastfarbigen Watt. Ringsum sah man den theilweise sandigen Seeboden, den nur einzelne schmale Wasser rinnen durchkrochen, eben jene ›Prielen‹, die den Uebergang über das amphibienartige Watt so erschweren, indem sie den Fahrenden oder Reitenden zu kaum vorhergesehenen Umwegen nöthigen. Noch war dieser im Sonnenschein bald glitzernde, bald kahl und todt daliegende Meeresboden überall sichtbar, aber schon blitzten einige Stellen heller auf und es begannen sich breitere und größere Rinnen zu bilden, deren Füllung die nahende Fluth übernahm. Mit einem Mal – woher sie kamen, sah man eigentlich nicht – spülten und tanzten kleine Wellen heran, und einige Minuten später war der kahle Meeresboden verschwunden und das nasse Element, der unwiderstehliche Kämpe, war wieder da und machte sich nicht allein durch seine Bewegung, sondern auch durch sein lauteres Brausen und Rauschen bemerkbar. Erstaunlich schnell nun wuchsen die Wasserberge, sie leckten schon nach den hohen Uferrändern des wieder zur Insel gewordenen Neuwerk empor und bald darauf begann es sich auf den neuen Fluthen zu regen. Als wären sie aus den Wolken herabgefallen, tauchten überall Fahrzeuge aller Art auf, die unter ihren größeren und kleineren Segeln herüber und hinüber flogen und den Verkehr der Insel mit dem Meere, den größeren aus der Ferne heranziehenden Schiffen und dem näher gelegenen Lande vermittelten. Von Westen her zog eine unabsehbar lange Kette von Dreimastern und Dampfern heran, näher an Neuwerk hin erblickte man an ihren Stationspuncten die beiden Lootsengallioten, das Feuerschiff No. Zwei, ›Neptun‹, und weiter darüber hinaus an der rothen Tonne das Feuerschiff No. Eins, ›Caspar‹, dessen Laternen die nach Hamburg führende Lichtstraße eröffnen. Zwischen dem ›Jacob Hinnerich‹ und dem Eilande Neuwerk aber tummelten sich die eigentlichen Wattenfahrer, Ewer und Smaken, mit Früchten, Fischen und anderen Dingen beladen, die nach allen Küstenpuncten Handel und Wandel tragen und immer in ihren Verstecken auf die kommende Fluth lauern, da sie nur mit ihr zum Leben erwachen können.

»Das ist hübsch,« sagte Paul zu Capitain Hardegge, »es ist eine ordentliche Lust, dies flüchtige Treiben und Bewegen zu sehen.«

»O ja, und auf der anderen Seite, der Weser zu, rollt sich dasselbe Bild ab, denn Neuwerk liegt gerade zwischen beiden Flußmündungen und ist mit seinem Handel auf beide angewiesen. – Aber nun müssen wir uns bald reisefertig machen, unsere Schaluppe findet ebenfalls ihren Weg und wir wollen uns nicht zu lange unserer Betrachtung hingeben.«

Gleich nach diesen Worten gab er Befehl, die Schaluppe in See zu lassen und mit den bezeichneten Maaten zu bemannen, und fünf Minuten später ward ihm gemeldet, daß Alles bereit sei.

»Kommen Sie,« sagte der Capitain zu Paul, »unser Tagewerk beginnt, es ist die beste Zeit. In der mit Masten und Segelwerk ausgerüsteten Schaluppe saßen schon drei Männer, das Tauwerk in der Hand, um sogleich an ihre Arbeit zu gehen. Der Capitain stieg zuerst hinein und dann kletterte Paul ihm vorsichtig nach. Kaum aber saßen sie, so hatte Ersterer den Helmstock ergriffen, die Segel entfalteten sich und mit günstigem halben Winde flog das flinke Fahrzeug der Insel Neuwerk zu, die allmälig mit ihren festen, aus großen Blöcken bestehenden Steinwällen aus dem Wasser hervortrat. Als man ihr aber näher kam, erkannte Paul auch noch anderweitige zu ihrem Schutz dienende Vorrichtungen. Dicke Baumstämme, vom Festlande mühsam herübergebracht, bildeten ein mächtiges Pallisadenwerk, gleichsam die äußerste Brustwehr darstellend, und dieses umfuhr die Schaluppe auf der östlichen Seite, um so an das eigentliche Thor der Insel zu gelangen, durch welches man allein ihre Plattform erreicht, ob man nun zu Lande oder zu Wasser kommen mag.

Der riesige Steinwall war hier, von großen Quadern zu beiden Seiten geschützt, durchbrochen und ein gepflasterter Weg führte allmälig ansteigend nach der Insel hinauf. Als die Schaluppe hier angelangt war, wurde sie vor Anker gelegt und der Capitain und Paul stiegen aus, den Matrosen die Bewachung des Fahrzeugs überlassend.

Paul blickte sich erstaunt nach allen Seiten um. Es war wiederum eine neue unbekannte Welt, in die er hier eintrat. Innerhalb der großen Deiche erhoben sich noch kleinere und in der Mitte derselben ragte das Hauptbauwerk der ganzen Insel, der uralte, hundertzwanzig Fuß hohe gewaltige viereckige Thurm, der auf der Spitze oberhalb einer breiten Galerie das Leuchtfeuer trägt, Kirche, Schule und Gasthaus – das einzige auf der Insel – birgt und die Wohnung für den Vogt und die vier Wärter enthält, welche das Licht der Laternen des größeren und kleineren Thurmes zu bewachen haben. Um den großen Thurm herum lag ein kleiner Garten mit niedrigem, vom Winde rasirten Baumund Strauchwerk, außer ihm aber sah man nur in der Ferne den zweiten Leuchtthurm und auf der kahlen Fläche einzelne Häuser und Gehöfte liegen, in denen die eingeborenen Bauern von Neuwerk ihr einsames Leben führen. Belebt war die Fläche von weidenden Pferden und Kühen, die nur zur Ebbezeit in die Watten hinabsteigen und sich den spielenden Wasserwogen nähern, zur Fluthzeit aber weislich auf die Höhe zurückkehren, wo sie durch kleine Treiberjungen in Zucht und Ordnung gehalten werden.

Capitain Hardegge gönnte Paul Zeit, alle diese Einzelnheiten zu betrachten, und erläuterte sie ihm mit erklärenden Worten. Als sie aber auf der öden und kahlen Insel zur Genüge umhergeschritten waren, wandten sie sich wieder dem großen Thurme zu. Auf der einen Seite desselben ist das Hamburger Wappen in Stein ausgehauen, auf den drei Wasserseiten ist er schwarz angestrichen, um sich auch bei Tage als Seemarke schärfer vom lichtreichen Horizont abzuheben. Der Haupteingang liegt etwa zwanzig Fuß hoch über dem Boden und eine hölzerne Treppe führt zu ihm hinauf, damit das Wasser, wenn es einmal seine gewöhnlichen Gränzen überschreitet, nicht in das Innere des wichtigen Gebäudes dringen kann.

Als die beiden Männer diese hölzerne Treppe ersteigen wollten, kam ein Mann von derselben herunter, dessen Aeußeres eben keinen wohlthuenden Eindruck auf den ihm zum ersten Mal Begegnenden machte, und doch war er, wie Paul sehr bald erfuhr, die bedeutendste Person von ganz Neuwerk, der Herr Vogt der Insel selber. In einer seemännischen Tracht, welcher nur der braune. Filzhut, der seinen Kopf bedeckte, nicht entsprach, glich er halb einem civilisirten Bauer, halb einem piratenartigen Schiffer, und mit Beiden stimmte auch sein Gesicht überein, das halb dumm, halb listig mit einem schielenden Auge stets dahin sah, wohin es am wenigsten gerichtet war. Als er den Capitain Hardegge mit Paul an der Treppe seines ›Schlosses‹ bemerkte und Ersteren sogleich erkannte, lachte er laut und dreist auf, was wahrscheinlich eine vertrauliche Begrüßungsart sein sollte, und dabei rief er mit kreischender Stimme, die der eines Sturmvogels auf ein Haar glich:

»Hol mich der Teufel, Cap'tain Hardegge, ja, Sie sind es! Ei, wie kommt denn Neuwerk zu der Ehre, Sie einmal an seinen Ufern zu sehen? Sie müssen wichtige Geschäfte hier haben, daß Sie vorgestern und gestern Ihren Bootsmann sandten und heute nun selber Ihren Fuß hierher setzen. Aber beliebt es den Herren nicht, näher zu treten? Kann ich Ihnen vielleicht mit irgend Etwas dienen?«

Dabei trat er die Stufen hinab und streckte seine braune Hand dem Capitain entgegen, die dieser nur flüchtig und ohne besondere Freudigkeit zu berühren schien.

»Sie irren, Herr Vogt,« erwiderte der Capitain, »ich habe persönlich keine Geschäfte auf Neuwerk und auch mein Bootsmann hatte keine, da er nur seinen alten Freund und Vetter Laurentius Selkirk ein Stündchen besuchen wollte. Dieser Herr aber, mein Freund, hegt dieselbe Absicht und wünscht mit Laurentius zu sprechen, wenn er zu Hause ist.«

Der Vogt fixirte den ihm nicht mit Namen vorgestellten Fremden mit augenscheinlicher Verwunderung und rief dann: »Auch Sie wollen den Laurenz besuchen? Na, das ist ja ein wahres Drängen jetzt nach dem armen Kerl. Aber natürlich ist er zu Hause, wo sollte er denn sein? Ich glaube, er ist, so lange er hier wohnt, kaum zwei oder drei Mal nach der Sandbank von Scharhörn gewandert, sonst sitzt er immer wie eine alte Möwe auf dem Nest, als ob er unzählige Eier auszubrüten hätte, haha! – Kann ich mit nichts Anderem dienen, Herr Cap'tain, vielleicht mit einem guten Grog? Das ist ja was Seltenes bei Ihnen an Bord.«

»Ich danke für Alles,« erwiderte der Capitain ausweichend, »ich führe nur diesen Herrn hierher und werde, so lange er mit Laurentius spricht, ein wenig spazieren gehen. Aber Sie sprechen von vielem Besuch bei dem armen Kerl, Herr Vogt. Wer besucht ihn denn außer uns und meinem Bootsmann?«

»Wer noch?« rief der Vogt mit fast ergrimmter Miene. »Ei, der verfluchte Federfuchser von Betty's Ruh da drüben, der sich das große Vermächtniß erschwindelt und den ich mir schon lange mit beiden Augen ansehe. Haha! Gott weiß, was er mit dem armen Burschen da oben zu schachern hat. Aber er soll mir nur wiederkommen, noch ein oder zwei Mal lasse ich's mir gefallen, dann habe ich es satt und werde ihm die Wege weisen.«

»Warum denn?« fragte der Capitain mit neugierig gespanntem Gesicht und gab Paul einen heimlichen Wink mit den Augen.

»Warum? Weil er mir den Laurenz fast immer aus der Haut jagt, wenn er kommt. Zwei Tage sitzt er dann und flennt wie ein altes Weib, dem der Wind die Unterröcke weggeblasen hat, und kann sich gar nicht zufrieden geben. Und wenn ich ihn frage, was der gute Herr gewollt hat, seufzt er wie ein verlorenes Wrack im Sturm und sagt: ›Ach was! Ihr könnt mir doch nicht helfen und nur Einer könnte es, wenn er wiederkäme.‹«

»Wer mag denn dieser Eine sein?« fragte der Capitain mit bedeutsamem Kopfnicken gegen Paul hin.

»Ja, wer weiß es! Ich glaube gar, er meint seinen alten Herrn, aber der kann doch nicht aus dem Grabe auferstehen und ihm helfen.«

»Nein, der kann freilich nicht wiederkommen,« entgegnete der Capitain, »vielleicht aber meint er seinen jetzigen Herrn, den er so ohne allen Grund verlassen und von dessen schönem Gute er sich in diese Verborgenheit zurückgezogen hat.«

»Ja, das mag wohl sein. Ich weiß selbst nicht, warum er hierhergekornmen ist, wenn er sich auf Betty's Ruh so glücklich gefühlt.«

»Hat er denn das?« fragte Paul, der sich unwillkürlich zu dieser Frage gedrängt fühlte.

»Na, ob, Herr! In Betty's Ruh lebte er wie im Himmel und hier – sehen Sie sich doch um – ist das etwa ein verlockendes Paradies? Haha! Na, ich wünsche, er ginge lieber heute als morgen wieder von hier fort, ich habe nichts als Unruhe und Sorgen von ihm, und da er nicht zum Sprechen zu bringen ist, fängt er schon mich schrecklich zu langweilen an.«

»In welchem Zimmer wohnt er oben?« fragte der Capitain, da er zu bemerken glaubte, daß Paul von diesem Manne genug gehört hatte.

»Drei Treppen hoch in dem Zimmer nach Norden hinaus.«

»So danke ich Ihnen,« erwiderte Paul und nahm grüßend seinen Hut ab. »Bemühen Sie sich nicht weiter,« sagte er dann zum Capitain, »und rufen Sie mich nur, wenn es Zeit ist, falls ich so lange bei ihm bleiben sollte.«

Der Capitain versprach es und ging mit dem Vogt dem Innern der Insel zu; Paul dagegen kletterte die alten ausgetretenen Treppen im Thurme empor und als er im dritten Stockwerk angelangt war, wandte er sich der Thür zu, die nach Norden lag und klopfte bescheiden an, da er nicht wußte, ob er nicht an die unrechte Thür gerathen war. Unwillkürlich aber pochte sein Herz viel lauter, als er sich sagte, daß er nun vielleicht bald an die Lösung aller Räthsel gelangt wäre, die sich zu schwer besieglichen Riesen vor ihm aufgethürmt und schon seit geraumer Zeit all sein Denken und Trachten in fluthende Bewegung gesetzt hatten.

Als aus dem Zimmer heraus kein Hereinruf laut wurde, klopfte Paul noch einmal stärker an, und als er auch diesmal keine Einladung erhielt, näher zu treten, klinkte er dreist das alte Thürschloß auf und trat in ein Zimmer, wie er nur wenige bisher gesehen zu haben sich erinnerte.

Es war ein niedriges Gemach, weiß getüncht, von geringem Umfange und nur mit einem kleinen Fenster, einer Schiffsluke ähnlich, versehen, durch welches das goldene Tageslicht in diesem Augenblick einen freundlichen Schimmer hereinwarf. Das Fenster ging auf die See und gerade vor demselben lag der ›Jacob Hinnerich‹ vor Anker, dessen rothe Farbe im Sonnenschein wie wirkliches Feuer glänzte. In diesem kleinen Kämmerchen waren nur wenige Geräthe vorhanden und diese deuteten auf keine allzugroße Bequemlichkeit und Gemächlichkeit für den einsamen Bewohner hin. Dicht am Fenster stand ein Stuhl, worauf Kleider lagen, und wie Paul sogleich wahrnahm, befand sich die Livree seines Onkels Quentin darunter, die Laurentius Selkirk schon so lange Jahre getragen hatte. Nicht weit von diesem Stuhl sah man einen alten Tisch von braungebeitztem Fichtenholz und noch einen Stuhl. Die Ecke zur Linken, am weitesten vom Fenster entfernt, nahm ein niedriges Bett, einer Pritsche ähnlich, ein, mit roth und weiß gewürfeltem Bettzeug bedeckt. Neben demselben war noch eine Art Waschtisch angebracht und darauf stand ein irdener Wasserkrug, ein Glas und ein zinnerner Waschnapf, dem man ansah, daß er alle Tage gebraucht, aber wohl selten nur gereinigt wurde.

Das waren alle sichtbaren Gegenstände in diesem schrecklich öden Kämmerchen, das nur einen freundlichen Blick, den nach der See hinaus gewährte. Aber außer diesen Gegenständen war noch ein Mensch darin und dieser lag lang ausgestreckt auf dem Bett. Den Rock hatte er ausgezogen und über den Stuhl am Fenster geworfen, sonst aber trug er noch die gelb und schwarz gestreifte, bis an den Hals hinauf zugeknöpfte Dienstweste, die dunkelbraunen Beinkleider und die feine schwarze Atlasbinde, wie sie alle Diener Quentin's van der Bosch zu tragen pflegten. Alle seine übrigen Besitzthümer hatte der Bewohner dieses Zimmers in eine Kiste gepackt, die unter dem Bett stand, worauf er lag, und deshalb dem Auge des Beschauers entzogen blieb.

Das Aussehen dieses Mannes – ja, es war Laurentius Selkirk selbst – war mehr das eines an Leib und Gemüth kranken als das eines durch irgend welche Leidenschaft oder gar ein Verbrechen gekennzeichneten Menschen. Sein grau gesprenkeltes, etwas langes Haar hing ihm verworren um den Kopf und sein seit Monaten nicht geschorener Bart hatte sich in einen leidlich naturwüchsigen Wald verwandelt, auf dem der weiße Winterreif in dicken Schichten zu liegen schien. Der Ausdruck dieses abgezehrten und bleichen Gesichts aber war eigenthümlich genug. Vorherrschend vor Allem war eine sichtliche Unruhe und Angst, eine tief innere Verzagtheit und Beklommenheit, als ob bei jeder Oeffnung der Thür ein Gespenst oder ein Gerichtsscherge eintreten und ihn hinwegführen könne, an Orte, die noch schrecklicher waren, als sein gegenwärtiger Aufenthalt. Neben dieser Angst aber lag das Gepräge tiefer Traurigkeit und Wehmuth auf den erschlafften Zügen, die zwar ein gepeinigtes Gewissen verriethen, aber ohne Zweifel es lieber gesehen hätten, wenn statt jenes Gespenstes oder Gerichtsboten ein helfender Reiter erschienen wäre, der ihn aus seiner Noth zu befreien gekommen sei.

So, wie wir es eben geschildert, sah dies Gesicht aus, als Paul in das Zimmer trat. Von diesem Augenblick aber nahm es einen durchaus anderen Ausdruck an und ein schreckhaftes Staunen prägte sich darauf zuerst aus, das allmälig in starre Verwunderung überging, wobei die blauen Augen sich weit öffneten, als trauten sie ihrer Wahrnehmung nicht, und der Mund sich krampfhaft schloß, als wolle er mit Gewalt ein Wort oder einen Ausruf zurückhalten, der sich ihm unwillkürlich aus dem Herzen auf die Lippen drängte. Als Paul jedoch nach einem kurzen lächelnden Blick auf den Mann ruhig die Thür schloß und dann sich dem Bette näherte, sprang er auf seine Füße und stand bald, am ganzen Leibe zitternd, vor der hohen Gestalt des Eingetretenen, dem er noch einen Schritt näher trat, als wolle er seine Gesichtszüge der genauesten Musterung unterwerfen.

»Guten Morgen!« sagte da eine freundliche Stimme zu ihm und eine Hand streckte sich traulich nach der seinen aus. »Nicht wahr, ich bin recht bei Euch und ich sehe Laurentius Selkirk vor mir?«

Kaum hatte diese wohllautende Stimme das Ohr des Mannes berührt und sein scheues Auge einen Blick in das dunkle Feuer der vor ihm flammenden Augen gethan, so prallte er einen Schritt zurück und streckte die Hände, halb ängstlich, halb bittend, gegen den Fremden aus. Dabei bebten seine Lippen convulsivisch und hauchten ein Wort vor sich hin, welches Paul nicht sogleich verstand.

»Laurentius,« fuhr dieser mit noch sanfterer Stimme fort, »ich sehe, Sie sind es, wenn Sie es auch nicht selber sagen, denn die Beschreibung, die man mir von Ihrer Person gegeben, paßt auf Sie, und da, an Ihrem Leibe, tragen Sie noch die Kleidungsstücke, welche Sie so lange, so treu und gern in dem Dienst eines braven Mannes getragen, nicht wahr?«

Bei diesen gütigen Worten schlug der alte Mann die Hände vor's Gesicht, seufzte tief auf und fing dann leise an zu weinen, ohne jedoch ein Wort hervorbringen zu können.

»Laurentius,« fuhr Paul fort und rückte den leeren Stuhl an's Fenster so daß Jener in das Zimmer zurücktreten mußte, bei welcher Stellung das helle Licht voll auf sein Gesicht fiel, »Sie sprechen nicht, vielleicht weil Sie nicht wissen, wer ich bin; aber sehen Sie, dennoch setze ich mich zu Ihnen nieder und gebe die Hoffnung nicht so leicht auf, daß wir uns bald verständigen werden. Damit Sie sich aber von Ihrer Ueberraschung erholen und ruhig werden, sage ich Ihnen gleich, Sie werden mich bald kennen lernen und dann erfahren, daß ich Ihnen nur Gutes bringe und daß ich aus eigenem Antriebe gekommen bin, um das traurige Loos zu bessern und zu erleichtern, in welches Sie hier ohne Ihr Verschulden gerathen sind.«

Laurentius Miene klärte sich bei diesen Worten sichtbar auf, aber seine Füße zitterten so sehr, daß er sich den zweiten Stuhl nehmen mußte, wobei ihm der darüber geworfene Rock in die Hände kam, den er sogleich anzog.

Als er nun vor Paul saß, fuhr dieser mit freundlicher Miene und wo möglich noch sanfter zu reden fort:

»Laurentius, Sie kennen mich nicht, aber ich – ich kenne Sie ganz genau.«

Der Alte riß die Augen auf und sah den Redenden betroffen an. »Sie kennen mich?« fragte er stammelnd und mit vor Heiserkeit fast klangloser Stimme

»Ja, Sie und Ihre ganze Geschichte. Soll ich sie Ihnen mit wenigen Worten erzählen? Gut. Sie sind über zwanzig Jahre im Dienst Quentin's van der Bosch gewesen, Sie haben zwanzig Jahre mit ihm in Batavia zugebracht und schon damals manche Freude, aber auch manches Leid mit Ihrem guten Herrn getheilt. Nicht wahr?«

Laurentius senkte den Kopf und wischte sich wieder eine hervorquellende Thräne aus dem Auge.

»Von Batavia,« fuhr Paul fort, »kehrten Sie mit Ihrem Herrn nach Europa zurück und bezogen mit ihm Betty's Ruh, dessen schönes Schloß Sie allmälig entstehen sahen. Auf dieser Stelle blieben Sie bis zum Tode Ihres Herrn, der Ihnen immer zugethan gewesen ist und den auch Sie geliebt haben, da er ein guter und edler Herr für Sie war – ist es nicht so?«

Laurentius nickte und es kam Paul vor, als ob die Rinde um das Herz dieses Mannes sich bereits zu lösen beginne. »Da starb dieser gute Herr plötzlich,« fuhr er fort, »und Sie bekamen einen neuen Herrn, seinen Bruder, der es ebenfalls gut mit Ihnen meinte, wie mit allen seinen Dienern, so viel er deren bei seinen beschränkteren Mitteln behalten durfte.«

»Bei seinen beschränkteren Mitteln?« fuhr Laurentius verwundert auf. »Das verstehe ich nicht, denn der Professor ist so reich wie sein Bruder, und er muß es sein.«

»Nein, das ist er nicht, Laurentius, er hat sogar nur sehr wenig Vermögen in dem Nachlaß seines Bruders gefunden und deshalb sich zu verschiedenen Einschränkungen entschließen müssen.«

»Aber das ist ja nicht möglich, Herr!« ließ sich Laurentius nun noch lebhafter vernehmen.

»Es ist doch so und Sie sollen später den Zusammenhang davon erfahren, jetzt habe ich es nur mit Ihnen zu thun. – Sie aber, Sie wollte der Professor, obwohl er die meisten Diener eben aus Mangel an baaren Mitteln entlassen mußte, vor allen Uebrigen behalten, das hat er Ihnen auch selbst gesagt – Sie aber verließen ihn anscheinend ohne Grund und das hat meinem Onkel sehr wehe gethan!«

»Ihrem Onkel?« schrie Laurentius laut auf. »O, so sind Sie auch ein van der Bosch?«

»Ja, der bin ich, Paul van der Bosch, der Sohn des Bruders Ihres früheren und Ihres jetzigen Herrn.«

»O mein Gott!« rief der alte Mann, faltete die Hände auf dem Tisch und legte seinen Kopf darauf – »o mein Gott, so habe ich mich also nicht geirrt, er ist ein van der Bosch, und das fand ich auf seiner Stirn geschrieben, sobald ich ihn sah.«

»Sie haben diese Aehnlichkeit nicht allein gefunden, alle Uebrigen haben sie entdeckt: Barker, der Gärtner, Louis, der Kutscher, und – und auch der Rentmeister Uscan Hummer,« fügte Paul langsamer hinzu.

Laurentius hatte bei Nennung dieses Namens den Kopf wieder erhoben und sah den Sprechenden forschend an, dabei aber trübte sich seine schmerzvolle Miene wieder und seine Lippen zuckten in krampfhafter Bewegung.

»Da Sie nun wissen, wer ich bin,« fuhr Paul in ruhigster Weise fort, »und da Sie namentlich wissen, daß ich Ihnen nur Gutes erweisen will, so müssen Sie mir jetzt alle Fragen beantworten, die ich noch an Sie zu richten habe. Wollen Sie das?«

Laurentius besann sich nur einen Augenblick, dann nickte und sagte er: »Gern, wenn ich kann.«

»Das will ich hoffen, ich werde sie so einfach und klar wie möglich stellen. So frage ich also zuerst: warum haben Sie Betty's Ruh verlassen?«

»O,« sagte der Alte, der eine andere Frage zuerst erwartet zu haben schien, mit einiger Enttäuschung, »mein alter Herr starb ja.«

»Das war nicht der Grund, Laurentius, der neue Herr behielt Sie ja gern. Sie hätten es gut bei ihm gehabt, wie bei seinem Bruder.«

»Das konnte man nicht wissen,« sagte Laurentius ausweichend.

»Freilich nicht, aber wenn Sie einen anderen Grund hatten, ihn zu verlassen, wie ich vermuthe, so hätten Sie sich mit Vertrauen an ihn wenden, ihm Ihre Bedenken mittheilen sollen, und mein guter Onkel Casimir würde Ihnen gewiß über Alles Aufklärung gegeben haben.«

»Ueber Alles? Konnte er denn das? Er hat mich ja nicht gefragt – wie ihm zu fragen befohlen war.«

»Befohlen? Ihm? Ich verstehe Sie nicht. Er hätte Sie auch gefragt,« fuhr Paul nach einigem Besinnen fort, »aber als er es thun wollte, waren Sie weggegangen und erst mir ist es mit vieler Mühe gelangen, Sie wieder aufzufinden.«

Es ging irgend ein schwerer Kampf in dem alten Manne vor, das sah Paul nur zu wohl. Endlich sagte er: »Ich danke Ihnen, Sie sind gut –« wie alle van der Boschs. Aber was führt Sie denn eigentlich zu mir? Haben Sie eine Frage an mich zu stellen?«

Paul schwieg wieder; er verstand den Alten nicht, der diese Frage schon zum zweiten Male mit einem besonderen Nachdruck an ihn richtete. »Ja,« sagte er endlich, »ich habe eine Frage an Sie zu stellen.«

»Welche?« fuhr der Alte lebhaft auf, der offenbar Vertrauen zu dem jungen Mann zu fassen begann.

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht wieder in Ihren Dienst zu meinem Onkel zurückkehren und das alte angenehme Leben fortsetzen wollen, denn hier ist es doch wahrhaft traurig genug.«

Laurentius warf einen trostlosen Blick auf seine Umgebung und seufzte laut. »Ach ja,« sagte er, »es wäre recht hübsch, aber – es geht nicht.«

»Warum nicht?«

Der Fragende erhielt keine Antwort. »Warum nicht?« wiederholte er nachdrücklicher. »Sprechen Sie ehrlich, dann kann ich es auch um so leichter thun,« wie ich so gern möchte. Giebt es denn ein Hinderniß für Sie, das Sie nicht nach Betty's Ruh zurückkehren läßt?«

Der frühere Kampf in des Mannes Seele prägte sich noch deutlicher auf seinen Gesichtszügen aus und jetzt gerieth ihm Paul schnell auf die Spur. »Warten Sie noch einen Augenblick mit Ihrer Antwort,« fuhr er fort, »ich muß Ihnen erst noch mittheilen – mein Onkel und ich, denn wir Beide sind die Erben Ihres alten Herrn – daß einige der alten Diener zu uns zurückkehren. Es gehen sehr bald große Veränderungen auf Betty's Ruh vor. Verschiedene Personen scheiden aus und neue müssen dafür eintreten.«

Laurentius sah den Redenden groß an. »Wer scheidet aus?« fragte er hastig und mit sichtbarer Erregung.

»Der Rentmeister Uscan Hummer!« sagte Paul ruhig.

»Hummer!« rief der alte Diener mit einer Art inneren Frohlockens. »Wo geht er hin?«

»Nach Amerika oder Ostindien – mir ist es gleich, wohin er geht, und ich werde froh sein, wenn er erst fort ist – ich liebe ihn nicht.« » Wann geht er?« fragte Laurentius mit strahlenden Blicken.

»Aha!« sagte sich Paul im Stillen, »nun kenne ich das Hinderniß! – Bald,« erwiderte er laut, »sehr bald, und wenn er fort ist, werden wir Ruhe auf dem Gute haben. Auch Ihnen wird nichts mehr im Wege stehen, es wird kein Mensch mehr in Betty's Ruh athmen, der Ihnen auch nur ein Haar krümmt, ich stehe Ihnen dafür, und ich bin ein willensstarker Mann und halte, was ich verspreche.«

»Das glaube ich,« sagte Laurentius, zum ersten Male lächelnd, »und ich freue mich, daß es so ist.« Plötzlich aber nahm seine Miene wieder einen ängstlichen Ausdruck an und nur mit zaghaftem Zögern – sprach er die Worte: »Sie sprechen aber nur von den Lebendigen – werden auch die Todten nicht umgehen und mich in Ruhe lassen?«

»Die Todten?« fragte Paul verwundert und das Gespräch mit Barker fiel ihm plötzlich ein. »Ach so,« sagte er, »ja, es giebt böse Menschen, die gern zu ihrem Nutzen glauben machen wollen, die Todten gingen um, um die Lebendigen zu quälen; aber, mein lieber Freund, das ist eine erbärmliche, nichtswürdige Lüge, denn die Todten schlafen fest, sie stehen nie wieder auf und gehen nicht um, ganz einfach darum, weil sie es nicht können.«

Laurentius Miene heiterte sich bei diesen so bestimmt ausgesprochenen Worten wunderbar auf. Aber rasch wurde sie wieder traurig und die geheime Angst von vorher sprach sich noch einmal darauf aus. »Aber die Gerichte,« sagte er, »wie ist es damit? Denn er – er hat mich schon einmal vor Gericht gestellt und ich habe sagen müssen, was er mir vorgebetet hat.«

Paul erschrak fast über diese ihm plötzlich einen hellen Aufschluß gebende Mittheilung, aber er beherrschte sich und hielt seine Meinung zurück. »Das Gericht,« sagte er nicht minder bestimmt als vorher, »hat keine Gewalt mehr über Sie, sobald der Rentmeister – fort ist.«

»Ja,« fuhr Laurentius mit einer neuen, sein Gewissen bedrückenden Frage fort, »wie steht es denn mit dem Legat? Darf ich es denn behalten oder – ist es wahr, was mir der Rentmeister gesagt, daß es nur aus Irrthum auf meinen Namen geschrieben ist?«

»Hat er das gethan?« brauste Paul unwillkürlich heftig auf. »Dann hat er gelogen,« sagte er, sich bemeisternd. »Das Legat ist richtig und mit Bedacht auf Euern Namen geschrieben und Ihr könnt es in Ruhe verzehren, könnt damit machen, was Ihr wollt, und Ihr sollt für alle Zukunft noch denselben Lohn erhalten, den mein Onkel Quentin Euch gegeben hat. So lag es ja auch in der Absicht des Professors.«

Es ging in der Seele des eingeschüchterten und durch niedrige Bosheit geknechteten Mannes allmälig ein helleres Licht auf und Paul gewahrte das wohl. Er wollte es sich nicht wieder verdunkeln lassen und so fuhr er rasch fort: »Also, Laurentius, wollt Ihr, wenn der Rentmeister Betty's Ruh verlassen hat, wieder zu uns kommen?«

»Darf ich es denn?« fragte der scheue Mann mit einem nur noch halb verschleierten Blick.

»Ihr dürft nicht allein, sondern wir wünschen es Alle, es wird große Freude in Betty's Ruh sein, wenn Ihr daselbst wieder erscheint – und kein Wort soll über das Vergangene gesprochen werden.«

»Und wird der Herr Professor mich denn nun fragen, wonach er fragen soll?« wiederholte Laurentius nochmals.

Paul war diese so hartnäckig festgehaltene Frage unbegreiflich. »Natürlich wird er das thun,« sagte er endlich, »und auch ich werde Euch noch nach Vielem fragen.«

Des Alten Auge blitzte auf. »So fragen Sie doch gleich – o, es liegt mir so schwer auf dem Herzen.«

»Was denn? So sprechet doch ehrlich und dreist.«

»Ich spreche ja ehrlich, aber ich darf ja nicht eher antworten, als bis ich gefragt werde.«

»Was bindet Euch denn?«

»Ein Eid, Herr!« versetzte der Diener mit einem feierlichen Gesichtsausdruck.

»Ein Eid? So!« sagte Paul nachdenklich. »Nun, ich werde mich auf diese Frage besinnen, und sobald wir uns wiedersehen, soll sie gesprochen werden.«

»Wann wird das geschehen, Herr?« fragte Laurentius eifrig.«

»Ist es Euch lieb, wenn ich sage, bald?«

»Ja, ja, lieber Herr, lieber heute als morgen – o, hier ist es ja so sehr schrecklich und – und der Rentmeister besucht mich am Ende doch noch einmal, bevor er fortgeht – und das quält mich schon jetzt, wenn ich nur daran denke.«

»O, wenn Ihr dem Rentmeister aus dem Wege gehen wollt, dann will ich Euch gleich einen guten Rath geben. Nur eine Bitte habe ich noch an Euch. Wenn der Rentmeister früher kommen sollte, als Ihr Neuwerk verlassen habt, so – so sagt ihm nicht, daß ich bei Euch gewesen bin. Wollt Ihr das?«

»O gewiß, Herr, das will ich, wenn es ihm nicht der Vogt sagt.«

»Der Vogt kennt mich nicht, er kann ihm also auch nicht sagen, wer hier gewesen ist.«

»Nun, dann ist es gut – dann wird er es von Niemanden erfahren.«

»Wohl, ich bin damit zufrieden – und nun will ich Euch ein Mittel an die Hand geben, wie Ihr am leichtesten und schnellsten dem Rentmeister aus dem Wege gehen könnt. Blickt einmal aus dem Fenster hier. Seht Ihr wohl das schmucke rothe Feuerschiff liegen, den ›Jacob Hinnerich‹? O, wie lustig und fröhlich es da auf den grünen Wellen im Sonnenlicht schaukelt, nicht wahr? Nun denn, mein lieber Laurentius, auf diesem Schiff wohnt ein Freund von mir, der Capitain Hardegge, der mit meinen Verhältnissen bekannt ist und dem ich in allen Dingen Vertrauen schenke. Schenket auch Ihr ihm Vertrauen – Euer Vetter, der Bootsmann, der Euch gestern besuchte, wohnt ja auch auf dem Schiff – und wenn es Euch hier nicht mehr behagt und Ihr Euch vor dem Besuch des Rentmeisters wahren wollt, dann geht nach dem ›Jacob Hinnerich‹ hinüber, und Ihr werdet, ob Ihr heute oder morgen, bei Tag oder bei Nacht kommt, freundliche Aufnahme daselbst finden. Wollt Ihr mich aber dann in irgend einer Angelegenheit sprechen, so sagt es dem Capitain Hardegge, er wird mir alsbald einen Boten senden und ich werde Euch nicht lange auf meinen Besuch warten lassen. Wollt Ihr das thun, Laurentius?«

»Ach, Herr van der Bosch, ich danke Ihnen für diesen Rath wie für Ihren Besuch, er hat mir unbeschreiblich wohlgethan und ich werde mir überlegen, was ich nach Ihrem Rathe thun kann. Ist es denn aber auch wahr, soll ich wirklich noch einmal nach. Betty's Ruh kommen?« fragte er mit gefalteten Händen.

»Wirklich und gewiß, mein Freund, ich erwarte Euch ganz bestimmt und Ihr sollt Alles so finden, wie Ihr es nur wünschen könnt. Habt Ihr mir nun nichts mehr zu sagen? Besinnt Euch!«

Laurentius schüttelte betrübt den Kopf. »Nein,« sagte er leise, »wenn Sie mich nicht fragen, habe ich nichts mehr zu sagen, aber ich werde es mir überlegen, wenn Sie fort sind – und Sie besuchen mich ja bald wieder, nicht wahr?«

»Ja, das will ich thun, besonders wenn Ihr es wünschet. Und über den Rentmeister habt Ihr mir nichts mehr zu sagen?« fragte Paul mit gespannter Miene.

Laurentius schauderte zusammen. »O ja,« sagte er seufzend. »Noch genug, aber das kann ich Alles erst sagen, wenn die richtige Frage an mich gestellt ist, und dann sollen Sie Alles wissen bis auf ein Haar.«

In diesem Augenblick klopfte eine feste Hand an die Thür. Paul erhob sich sogleich und sah hinaus.

Es war Capitain Hardegge, der ihn mit den Worten empfing: »Es thut mir leid, daß ich Sie stören muß. Sind Sie noch nicht bald fertig? Der Dampfkutter kommt leider eine Stunde früher als verabredet war und ist jetzt schon diesseits der rothen Tonne. Ich muß an Bord sein, wenn er bei dem ›Jacob Hinnerich‹ eintrifft.«

»So gehen Sie getrost zur Schaluppe hinab,« erwiderte Paul, »ich folge Ihnen auf dem Fuße. Lassen Sie Alles bereit machen, ich bin in zwei Minuten fertig.«

Der Capitain ging und Paul kehrte in das Zimmer zurück. »Laurentius,« sagte er und reichte ihm seine Hand hin, die der alte Mann mit Leidenschaft ergriff und mit beiden Händen fest umklammerte, »die Zeit, die ich bei Euch zubringen konnte, ist abgelaufen, und ich muß nach dem Feuerschiff zurück, wo ich einstweilen wohne. Wiederholt Euch nun Alles, was ich Euch gesagt, überlegt Euch meine Vorschläge, so wie das, was Ihr noch auf meine Fragen zu antworten habt. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich Euch hoffentlich die Frage vorlegen können, die Ihr von mir erwartet. Und nun gehabt Euch wohl. Bleibet nicht lange mehr hier, Mann bei Capitain Hardegge seid Ihr besser aufgehoben und freundlicher bewirthet. Noch einmal: mich könnt Ihr jeden Tag sprechen, sobald Ihr Euch deshalb an den Capitain wendet. Und nun lebt wohl! Wir scheiden als gute Freunde, nicht wahr?«

»Ach, wolle es Gott, Herr! Ihr Besuch hat mich so glücklich gemacht! Nun Sie aber gehen, werde ich wieder traurig und fürchte mich.«

»Fürchtet Niemand als Gott, wenn Ihr Unrecht thut. Kein Mensch kann Euch etwas anhaben, wenn Ihr unter meinem Schutze seid. Beim Capitain Hardegge seid Ihr schon unter meinem Schutz. Verlaßt Neuwerk bald, ich rathe noch einmal dazu. Lebt wohl!«

Er entzog sich der ihn noch immer festhaltenden Hand, schloß die Thür hinter sich und stieg rasch die morsche Treppe hinunter, ohne sich noch in dem dunklen alten Thurme umzusehen, der ihm unheimlich vorkam; und als er auch die Außentreppe hinabgestiegen, wo Niemand ihm in den Weg trat, lief er rasch nach dem Steinthor, in dessen Nähe die Schaluppe lag, deren Segel schon entfaltet waren und deren Mannschaft bereits auf den fehlenden Gast wartete.

»Gut, daß Sie kommen,« rief der Capitain ihm entgegen. »Rasch herein, so! Und nun laßt alle Leinwand los, Leute, vorwärts!«

Das Schiff schoß wie ein Pfeil von dem steinigen Ufer der Insel fort und nahm, vom günstigsten Ostwinde getrieben, die Richtung nach dem von Westen her kommenden Dampfkutter, den man schon in nicht allzu weiter Ferne heranschaufeln sah.

»Er dampft schnell daher,« sagte der Capitain zu dem schweigend neben ihm sitzenden Paul, und um uns eine Kletterei zu ersparen, lege ich gleich an den Kutter an, und dann sind Sie bald wieder an Land. Aber Sie sind ja merkwürdig still und ernst? Haben Sie etwas von Bedeutung erfahren?«

»O ja,« erwiderte Paul, »aber das Wichtigste kommt noch, und ich hoffe bald. Laurentius wird Ihre Gastfreundschaft wahrscheinlich in Anspruch nehmen, wenigstens habe ich ihm stark zugeredet, und sobald er bei Ihnen ist, lassen Sie mich es wohl wissen, damit ich noch einmal mit ihm reden kann, nicht wahr? In dem Thurm hat es mir nicht sonderlich behagt, ich kam mir darin wie in einem Seeräubergefängniß vor, und ich bin froh, daß ich daraus erlöst bin. In Ihrer Cajüte auf dem Schiff kann ich gemüthlicher mit dem Alten reden und bei unserer zweiten Unterhaltung wird er mir wohl noch größeres Vertrauen beweisen, als bei der ersten. Zeit und Ruhe zur Ueberlegung hat er genug.«

»Haben Sie ihm denn Alles gesagt, was Sie ihn fragen wollten?«

»So ziemlich wenigstens, aber er wollte immer noch mehr hören, und noch dazu Dinge, die ich selber nicht weiß.«

»Aha, er hat also irgend Etwas in Petto. Na, das ist gut. Sie haben Recht gehabt, wenn Sie den heutigen Tag als den Anfang vom Ende bezeichneten. Hoffentlich kommt dasselbe bald. – Aber halt, jetzt haben wir den Kutter vor uns. Guten Morgen, Herr Commandeur!« rief er nach dem kleinen Dampfer hinüber, auf dessen Deck ein hochgewachsener Mann mit starken goldenen Litzen am Kragen und auf der Schulter stand und dessen Mütze mit einem breiten Goldstreifen eingefaßt war.

Es war der Lootsencommandeur, ein alter freundlicher Herr, der den Dampfer schon langsamer gehen ließ, als er Capitain Hardegge mit der Schaluppe herankommen sah. In wenigen Minuten hielt er ganz still, die Schaluppe legte vorsichtig an und bald darauf standen der Capitain und Paul auf dem Quarterdeck, wo Ersterer seinen Gast als Herrn van der Bosch von Betty's Ruh vorstellte. Der Lootsencommandeur machte große Augen, als er diesen Namen nennen hörte, und verbeugte sich sehr höflich. »Sie haben dem ›Jacob Hinnerich‹ wohl einen Besuch gemacht?« fragte er.

»Ja, Herr Commandeur, und ich hege die Hoffnung, Sie werden mich mit nach Cuxhafen zurücknehmen.«

Der alte Herr reichte ihm freundlich die Hand. »Das soll keine vergebliche Hoffnung und Sie sollen nicht lange mehr von Ihrem Hafen entfernt sein. Doch jetzt entschuldigen Sie, ich habe mit Capitain Hardegge einige geschäftliche Worte zu reden.«

Er trat mit dem Capitain bei Seite und unterhielt sich mit ihm beinahe eine Viertelstunde lang. Nach dieser Zeit kamen Beide zu Paul wieder heran und Capitain Hardegge reichte seinem jungen Freunde die Hand.

»Ich muß jetzt zu dem ›Jacob Hinnerich‹ zurück,« sagte er, »und ich danke für Ihren Besuch. Hoffentlich wird er Ihnen Früchte tragen. Sehen wir uns bald wieder?«

»Das steht bei Ihnen und – Jenem da drüben. Leben Sie wohl und auch ich danke für Ihre freundliche Bewirthung.«

»Grüßen Sie Friede und ihren Vater, wenn Sie sie sehen sollten. Adieu!«

Mit flinker Seemannsbehendigkeit stieg er vom Deck des Dampfers in die Schaluppe hinab und einen Augenblick später waren die beiden Fahrzeuge schon weit von einander entfernt und rauschten ein jedes seinem Ziele zu. Paul konnte auf der rasch zurückgelegten Fahrt nicht viel über die zuletzt verlebten Stunden und deren Bedeutung nachdenken, da der Lootsencommandeur es für seine Pflicht zu halten schien, seinen Passagier bestens zu unterhalten, und so kam man schneller nach Cuxhafen, als Paul es erwartet hatte, denn der kleine Dampfer flog wie eine Möwe über das Wasser, steuerte an der ›alten Liebe‹ vorbei und lief in den Hafen ein, wo er seinen Ankerplatz an einem der ersten Bollwerke fand.

Paul dankte dem freundlichen Commandeur und verabschiedete sich von ihm, bemerkte aber sogleich an der Landungsstelle zu seiner Freude den guten Whistrup, der von Friede abgeschickt war, um sich zu erkundigen, wie es auf dem ›Jacob Hinnerich‹ aussehe.

Paul stattete pflichtschuldigen Rapport ab und übergab die ihm aufgetragenen Grüße. Dann aber, baldigen Besuch verheißend, ging er mit Whistrup dem Gasthof Belvedere zu, vor dessen Thür, trotzdem es noch fast eine Stunde vor der verabredeten Zeit war, ein eleganter, mit vier tüchtigen Braunen bespannter Wagen hielt, deren Bedienung Paul schon von Weitem an der Livree als nach Wollkendorf gehörig erkannt hatte. Ohne sich nur einen Augenblick länger aufzuhalten, als nöthig war, ein rasch bereitetes Gabelfrühstück einzunehmen, stieg er in den Wagen, drückte Whistrup noch einmal die Hand und – fort flogen die Pferde, über das holprige Pflaster nach Ritzebüttel hin, welches man durchfahren mußte, um auf den nächsten nach Wollkendorf führenden Weg zu gelangen.

Tief athmete Paul van der Bosch auf, als der Wagenschlag hinter ihm geschlossen war, und er lehnte sich bequem in die Ecke zurück, um nun endlich über das Erlebte reiflich nachzudenken. Denn daß es nach diesem wichtigen Besuch auf Neuwerk viel zu bedenken und zu überlegen gab, war gewiß, und mit Sehnsucht sah er dem Augenblick entgegen, wo er Betty wiedersehen, ihr anvertrauen, was er vernommen, und mit ihr berathen konnte, was fernerhin zu thun unerläßlich sei.


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