Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtes Kapitel.
Der Neffe holt sich seine Tante

Wie viele unruhigen Nächte die Bewohner von Betty's Ruh in der letzten Zeit auch schon überstanden haben mochten, eine so unruhige und freudig bewegte wie die ihnen jetzt bevorstehende hatten sie noch nicht erlebt. Der Professor und die beiden jungen Leute blieben lange bis nach Mitternacht beisammen und besprachen bei einem Glase Wein, was nun in ihren neuen Verhältnissen zunächst gethan werden könne und müsse, um allen Anforderungen zu genügen, die von ihrer nächsten Umgebung wie von den verschiedenen Leuten, die sich ihnen so hülfreich erwiesen, an sie gestellt werden könnten.

Paul hatte schon im Voraus für diesen Fall über einzelne Unternehmungen und Handlungen nachgedacht und entwickelte nun in aller Ruhe vor dem erstaunten Onkel seine Gedanken, die dieser natürlich billigte, da er einerseits die Nützlichkeit, andererseits aber auch die Nothwendigkeit derselben einsah. Erst als man Alles reiflich erwogen und besprochen und die Pläne für den folgenden Tag zurechtgelegt hatte, trennte man sich, da zuletzt eine sichtliche Müdigkeit bei dem Professor sich einzustellen begann.

Dieser schlief auch sehr bald ein, denn sein Gemüth war wohl für den Augenblick erschüttert, aber doch nicht ganz in seinen Grundfesten aufgewühlt worden, wie das Paul's. Auch Fritz, schon aus herzlicher Liebe und Theilnahme für seinen Freund aufgeregt, sank erst gegen Morgen in Schlaf, am längsten jedoch blieb Paul munter, nicht etwa aus Freude über den nun wirklich erlangten so großen Besitz, sondern weil sein reger Geist an tausend neuen Plänen und Entwürfen arbeitete, wie sein Leben von jetzt an zu gestalten und zu einem für sich und Andere nützlichen und ehrenvollen Dasein zu verwenden sei, und erst als er in den Hauptpuncten mit sich einig geworden, schlummerte er ruhig ein, bis er von Friedrich, wie demselben befohlen, schon wieder um sieben Uhr geweckt wurde.

Bald nach dieser Zeit waren die drei Männer um den Kaffeetisch im Saale versammelt und es war unter den obwaltenden Umständen wohl sehr natürlich, daß die Unterhaltung von Neuem da begonnen wurde, wo sie vor wenigen Stunden abgebrochen worden war.

Sie wurden aber sehr bald darin gestört. Es war noch nicht acht Uhr, als schon ein Wagen von Wollkendorf kam, der Fritz Ebeling in aller Frühe dahin abholen wollte, denn Betty beanspruchte jetzt auch ihren Theil an dem Cousin und glaubte ihn Paul entziehen zu dürfen, nachdem sie ihn geduldig bis zur Entwickelung der Hauptaction an der Seite des Freundes gelassen hatte. Der Kutscher brachte auch einen Brief an Fritz mit, worin die Schreiberin desselben sich in obiger Beziehung mit aller ihrer gewohnten Zartheit aussprach. Sie wünschte dem Professor und Paul darin Glück zu dem endlich erfolgten günstigen Umschwung ihrer Verhältnisse, da sie keinen Augenblick zweifelte, daß das entwendete Geld nun gefunden werden würde. Sie dankte, daß man ihr sogleich durch Friedrich Nachricht gegeben, da sie vor Ankunft dieses Boten in großer Sorge über den Ausfall der Unternehmung gegen den Verbrecher gewesen sei.

»Doch Ihr seid ja gesund wieder zurückgekehrt,« hieß es in dem Schreiben, »und ich danke Gott dafür. Aber nun, mein lieber Fritz, habe ich Euch Allen noch etwas ganz Neues und Freudiges mitzutheilen, und das ist namentlich ein Grund, warum ich Dich heute schon zeitig bei mir haben will, um mit Dir eine recht frohe Berathung abhalten zu können. Deine Eltern haben nämlich von Hamburg geschrieben und gemeldet, daß sie morgen früh um sieben Uhr mit dem Helgoländer Dampfboot nach Cuxhafen abfuhren, also etwa gegen Mittag daselbst eintreffen werden. Wenn von den gestrengen Herren in Betty's Ruh nun mein Plan gebilligt wird, so habe ich ihn auf folgende Weise entworfen. Ich werde mit meiner Mutter und Dir morgen um elf Uhr in Cuxhafen eintreffen und hoffe auch unsere Freunde aus Betty's Ruh daselbst zu finden. Wir fahren dann Alle mit dem Onkel und der Tante nach Betty's Ruh und bleiben den ganzen Tag dort. Nach alter Verabredung behält Dein Vater mit Dir seine Wohnung bei Paul van der Bosch und Deine Mutter geht mit ihrer Schwester und mir nach Wollkendorf. Am nächsten Tage versammeln wir uns dann wieder zu Tisch hier oder dort, doch glaube ich, wird es uns Alles wohl mehr nach Betty's Ruh ziehen, wo es doch am schönsten und herrlichsten ist, wobei ich natürlich voraussetze, daß die Herren van der Bosch, Onkel und Neffe, damit einverstanden sind. Uebrigens werde ich mir erlauben, noch im Laufe des heutigen Tages einen Wagen nach Betty's Ruh zu senden, damit kein Mangel an Transportmitteln entstehe, wo jetzt bald so viele Gäste versammelt sein werden. Pferde sind einstweilen zur Genüge auf dem Pachthofe und darum behalte ich die meinigen zurück. Wenn der Herr Professor aber dennoch einige der meinigen zur Aushülfe wünscht, so stehen ihm dieselben jeden Augenblick zur Verfügung.

Und nun noch einmal herzliche Grüße an Alle. Dich selbst aber, mein lieber Fritz, hoffe ich in wenigen Stunden an mein Herz zu drücken und von Dir zu hören, was seit gestern in Eurem kleinen Reiche vorgefallen ist. Schilt also immer neugierig Deine Dir

treu ergebene Betty.«

Fritz las diesen Brief laut vor, nachdem er ihn erst still für sich gelesen, und sowohl der Professor – der nur eine ernstere und nachdenkliche Miene dabei angenommen – wie Paul waren mit seinem Inhalt vollkommen einverstanden und über die nun baldige Ankunft der guten Ebelings hoch erfreut. Es wurde sogleich Frau Dralling gerufen und ihr der Auftrag gegeben, die Zimmer für den Banquier in Bereitschaft zu setzen und sich auf den Mittag des nächsten Tages vorzubereiten. Dann aber nahm Fritz Ebeling Abschied von seinen Freunden in Betty's Ruh, um ohne Verzug den Weg nach Wollkendorf anzutreten, da er bereits wußte, daß auch Paul sich sogleich auf einen anderen Weg begeben würde.

Gegen neun Uhr schon stieg Paul zu Pferde und ritt mit Friedrich nach Ritzebüttel, um zunächst, was er für seine erste Pflicht hielt, im Namen seines Onkels den Amtmann von den Vorfällen zu unterrichten, die sich nach seiner gestrigen Abreise auf Betty's Ruh zugetragen hatten.

Er traf den vortrefflichen Mann zu Hause und erfreute ihn wahrhaft mit seiner neusten Mittheilung. Das Geschäftliche, was sich daran knüpfte, konnte natürlich nicht so schnell abgemacht werden, wie Paul und der Professor es wohl selber wünschen mochten, und erst nach mehreren Wochen war ihnen vergönnt, dem Staate, in welchem sie fortan leben wollten, ihren Tribut zu entrichten und damit alle Verbindlichkeiten gegen denselben zu erfüllen.

Als Paul, der an diesem Morgen noch mehr zu thun hatte, sich dem Amtmann wieder empfehlen wollte, hielt dieser ihn noch einige Augenblicke zurück.

»Noch Eins, Herr van der Bosch,« sagte er. »Wenn Sie heute nicht zu mir gekommen wären, hätte ich selber Ihnen schon wieder einen Besuch gemacht. – Wollen Sie vielleicht noch einmal den Rentmeister Uscan Hummer sehen?«

»Wie,« rief Paul, von dieser unerwarteten Frage höchlichst betroffen, »hat man ihn etwa im Wasser gefunden?«

»Ja, auch das Meer hat ihn von sich gewiesen. Die starke Fluth hat ihn und seinen armen Schimmel an's Land gespült und die Ebbe hat ihn nicht wieder mitnehmen wollen und auf den Steilsand abgesetzt, wo er in einer Wasserrinne liegen geblieben ist. Dort hat ihn der Strandvogt entdeckt und hereingeholt und seit einigen Stunden liegt er in unserm Leichenhause. Hier haben Sie, was der Strandvogt in seinen Taschen gefunden. Es ist eine Brieftasche, die einiges Geld und einen falschen Paß, auf den Namen eines Barons von Hagen lautend, enthält. Dies ist der Fund, der den Gerichten gehört. Ihnen aber kommen diese Schlüssel zu, die er ebenfalls bei sich getragen hat.«

Mit diesen Worten reichte er Paul einen großen und einen kleinen Schlüssel, die beide durch eine starke Schnur verbunden waren. Paul warf nur einen Blick darauf, dann rief er staunend:

»Sie sind es, Herr Senator, und nun ist das letzte Dunkel in dieser Angelegenheit gelichtet. Dieser große Schlüssel paßt zum Mausoleum und dieser kleine zum Archiv, aus welchem wir den Schatz gehoben haben. Der falsche Name in jenem Paß aber ist derselbe, unter welchem er in ... die Papiere gewechselt hat, wie ich Ihnen vorgestern schon mitzutheilen die Ehre hatte.«

»Es ist mir lieb, daß sich auch Das enthüllt hat,« erwiderte der Amtmann, »und nun wollen wir ruhig unsere Forschungen nach seinen Verwandten anstellen. Sie werden zur Zeit erfahren, was sich daraus ergeben hat. – Jetzt wollen Sie also fort?«

»Ja, ich habe heute noch viele Geschäfte abzuwickeln.«

»Das glaube ich,« entgegnete der Amtmann mit lächelnder Miene, »aber sie werden Ihnen durch das Bewußtsein versüßt werden, daß Ihnen Niemand mehr in den Weg treten und Ihnen und Ihrem Herrn Onkel den Genuß Ihres schönen Besitzes vorenthalten kann. Nehmen Sie in dieser Beziehung meinen herzlichen Glückwunsch an und lassen Sie uns fernerhin gute Nachbarschaft halten.«

»Das ist mein lebhaftester Wunsch, Herr Senator, und so sage ich: auf Wiedersehen, und Sie werden stets einen Ihnen zum Dank verpflichteten Nachbar in mir finden!« –

Von Ritzebüttel ritt Paul nach Cuxhafen, wo zwei ihm sehr warm empfohlene Handwerker wohnten, ein Maurer- und ein Zimmermeister. Er traf sie Beide zu Hause und lud sie in einigen Tagen nach Betty's Ruh ein, um das alte Pachthaus in Augenschein zu nehmen, dem sie im Aeußern und Innern ein besseres Ansehen verleihen sollten, da Paul vor allen Dingen wünschte, daß der gute Whistrup und dessen Tochter möglichst bald in Ruhe und Frieden kämen und sich eines angenehmen Hauswesens erfreuten, was sie seiner Meinung nach so reichlich verdient hatten.

Als die beiden Meister ihm ihre Hülfe zugesagt und ihren baldigen Besuch versprochen hatten, stieg Paul wieder zu Pferde und ritt langsam und nachdenklich nach Hause, ohne alle Ahnung, daß nach so vielem Seltsamen und Unerwarteten, was die letzten Wochen gebracht, ihm heute noch das Seltsamste und Unerwartetste von Allem begegnen sollte.

 

Als Paul mit Friedrich dem Schlosse an diesem Morgen den Rücken gekehrt hatte, ging in dem Saale desselben etwas ganz Eigenthümliches vor. Der Professor, der schon bei der Nachricht, daß am folgenden Tage ein neuer, ihm unbekannter Besuch auf Betty's Ruh eintreffen werde, nachdenklich und still geworden war, schloß jetzt die Saalthür zu, um von Niemanden gestört zu werden, und gab sich einem langen und, wie es schien, fast peinlichen Nachdenken hin. Sein bis dahin so heiteres Gesicht nahm einen ungewöhnlich sinnenden Ausdruck an und er schritt lange auf und nieder, um mit sich über irgend Etwas, was ihm offenbar schwer auf dem Herzen lag, zu Rathe zu gehen. Nachdem er aber wohl eine halbe Stunde eifrig nachgedacht, kehrte die alte Heiterkeit seiner Miene zurück, seine Haltung wurde wieder aufrechter und um seine Lippen spielte ein sinniges Lächeln, wie er es wohl bisweilen blicken ließ, wenn er einen Scherz im Innern verarbeitete und sich auf die Ausführung desselben im Stillen freute.

»Es geht nicht anders,« sagte er nun zu sich, »es muß so sein und also vorwärts, alter Knabe. Ich hätte gern noch ein paar Tage damit gewartet, um erst den Wurm ganz zu tödten, der mir seit gestern am Herzen nagt, aber nun kommen die lieben Leute; die Eltern dieses Fritz, und sie dürfen unter keinen Umständen von etwas Unfertigem, Halbem unangenehm berührt werden. Nein, es muß Alles fix und fertig bei uns sein, die Sonne muß wieder scheinen" und die Leute, die um mich her ihr Wesen treiben, müssen ihnen eine heitere, eine glückliche Miene zeigen. – Ha! Und an meinen guten Paul muß ich dabei zuallererst denken, für ihn muß ich zumeist sorgen, denn er sorgt immer mehr für Andere, als für sich selbst. Er hat seine Hände und seinen Kopf rüstig für mich geregt und mehr als seine Schuldigkeit gegen mich gethan. So will ich sie auch gegen ihn thun, aber – es wird mir schwer werden, innerhalb der mir gezogenen Gränzen zu bleiben. Alter Casimir, Du hast eine etwas schwierige Aufgabe übernommen und die kannst Du leider nicht mit Plus und Minus zu Ende bringen, Du kannst diesmal keine Figur mit rechten Winkeln construiren, sondern mußt einmal krumme Linien ziehen und auf gewundenen Wegen wandeln, was Du nie geliebt und getrieben hast. Und doch muß es geschehen und bald! Ich will nur frohe Gesichter und glückliche Menschen um mich sehen – ich will – ja, ich will den Abend meines Lebens genießen, denn Gott hat ja Alles so schön, so wunderbar schön um mich gestaltet, und ihm muß ich dafür dankbar sein. Das kann ich aber nur dadurch, daß ich Andere glücklich mache, die es noch nicht in dem Grade sind, wie sie es sein sollten, und das – ja, das soll jetzt geschehen.

Aber wie werde ich es nun anfangen, wenn er kommt und mich mit seinen treuherzigen Augen so ehrlich und unbefangen ansteht? Werde ich mich dann beherrschen und ihm eine eben so ehrliche und unbefangene Miene zeigen können? Wenn er sich nun über die Maaßen verwundert und mich vielleicht gar vorwurfsvoll anblickt – wie dann? Werde ich dann den Muth haben, ihm in's Gesicht zu sehen und die Wahrheit zu verhehlen, wie sie mir hier im Herzen wohnt? O, o, die Comödie ist recht hübsch für Den, der sie mit ansieht, aber sie ist schwer für Den, der sie spielen soll, und ich – ich bin nur ein erbärmlicher Comödiant, ich fühle es selbst; ich habe das Lampenfieber, noch ehe ich die Lampen sehe, ich habe die Coulissenangst, ehe ich mitten darin stehe, und wie, wenn nun erst die Trompete seines Mundes mich anschmettert und die Flamme seines Auges in meine Seele blitzt – wie dann?«

Er ging wieder, eine Weile auf und nieder und gab sich sorgenvollen Gedanken hin. Endlich trat er an ein Fenster und blickte in's Freie hinaus. Es war ein trüber Tag; die Wolken, von einem matten Winde langsam getrieben, zogen immer noch schwer und tief am Himmel vorüber, und es sah ganz so aus, als ob der Regen sich bald wieder über das ganze Land ergießen würde.

»Es ist trübe – draußen wie in mir,« sagte er wieder, sich abermals in Bewegung setzend, »doch es wird nicht immer so bleiben. Die Sonne wird noch einmal wieder scheinen und wir werden munter und lustig unter den Bäumen spazieren gehen können, O, wären wir doch erst so weit! Ich habe eine fürchterliche Angst, als ob ich in eine Schlacht ziehen und Menschen erwürgen sollte, arme, gute Menschen – und ich, Casimir van der Bosch, ich soll sie erwürgen – o, sehe ich danach aus? Nein, wahrhaftig nicht, und ich habe nicht die geringste Courage dazu. O, o, wenn doch dieses Exempel erst gelöst wäre und stimmen wollte – eine solche Aufgabe hat mir noch keine Facultät gestellt – ich mir auch nicht, und ich bin doch wahrhaftig nicht faul in meinen Aufgaben für mich selber gewesen!« –

Er schwieg wieder und sah nach der Uhr. »Jetzt ist es halb Elf,« sagte er, »nun sitzt er beim Amtmann und handelt meine Geschäfte ab. Ja! Dann reitet er nach Cuxhafen zu den beiden Meistern. Und dann – kommt er zurück, hungrig und froh, durstig und heiter, wie ein Mensch, der seine Schuldigkeit mit Ehren gethan – und ich, ich soll ihm dann ein Gesicht zeigen, auf welchem – ein schrecklicher Liebesgram liegt – o, ist das nicht entsetzlich und gegen alle Natur, da es lügenhaft ist? – Wenn ich nur meine Ruhe behalte, so lange er vor meinen Augen steht! Wenn er erst wieder fort ist, dann will ich lachen, dann reibe ich mir vergnügt die Hände, dann rufe ich: es stimmt, es muß stimmen, denn meine andere Mitspielerin, die wird ihre Rolle schon besser verstehen und durchführen, die wird – na, was wird sie nicht Alles! O ja! Aber, alter Casimir – Du springst schon über die Kluft hinweg – er ist ja noch nicht fort, ist noch nicht einmal da, so daß die Comödie beginnen könnte – o! –

Ich werde ein Glas Wein trinken,« sagte er nach einer Weile, »und mir Muth machen. Ha, jetzt begreife ich, wie ein Mensch aus Verzweiflung zur Flasche seine Zuflucht nehmen kann, denn ich – ich bin in Verzweiflung!«

Er ging nach einem Schrank, in welchem jetzt immer einige Flaschen Wein lagen und nahm eine davon heraus, die er mit zitternden Händen und großer Mühe entkorkte, denn dergleichen hatte er ja nie gethan. Aber da fehlte ihm ein Glas. Auch das suchte er sich, was ihm schwer wurde, da ihm sonst alles Nothwendige von Frau Dralling zur Hand gestellt wurde, die ihm heute nicht zur Seite war, ihm nicht vor Augen kommen durfte, damit sie ihn nicht etwa aus seiner unternehmenden Stimmung bringe, die er so schwer errungen hatte. Endlich hatte er es gefunden und mit Wein gefüllt. Er trank es rasch aus und noch eins und noch eins, bis er eine lebhafte Wärme im Magen spürte, die ihm schnell in den Kopf stieg und sein ganzes Wesen mit neuer Kraft füllte.

Endlich war es zwölf Uhr geworden. Er ging wieder, vom Wein befeuert, lebhaft im Saale auf und nieder. Der Muth blieb ihm – er fühlte sich sogar standhafter, willenskräftiger als vorher. Endlich wurde ihm die Zeit lang und er fing an, die Minuten zu zählen. Aber er sollte noch etwas lange warten. Es war schon beinahe ein Uhr, als Paul endlich kam. Als dieser aber in das letzte Vorzimmer trat, sah er Frau Dralling mit aufgeregter Miene vor der verschlossenen Thür stehen und eifrig durch das Schlüsselloch blicken.

»O, gut, daß Sie kommen, Herr Paul,« sagte die brave Frau. »Ich weiß gar nicht, was das heute mit dem Herrn Professor ist. Er hat sich gleich nach Ihrem Weggehen eingeschlossen und auf all' mein Rufen und Pochen nur geantwortet, ich müsse warten, bis Sie wiederkämen, er habe nothwendig zu arbeiten.«

Jetzt pochte Paul an die Thür und ließ seine gefürchtete ›Trompetenstimme‹ erschallen. Da öffnete der Professor, bemühte sich aber dabei, sein Gesicht zu verbergen, so lange Frau Dralling, im Stillen erboßt, mit dem Decken des Tisches beschäftigt war.

Paul war erstaunt, auf einem Tisch eine halb geleerte Flasche Wein und ein Glas stehen zu sehen, aus dem unzweifelhaft der Professor getrunken hatte, was gar nicht in seiner Gewohnheit lag. Er selbst aber saß schon wieder am Schreibtisch, ohne ein Wort der Begrüßung zu sprechen, und schien tief in schwere Arbeit vergraben zu sein, so daß er kaum den eben Eingetretenen bemerkte. Paul wußte nicht, daß der arme Onkel, trotzdem er fühlte, daß er kräftigen Wein getrunken, insgeheim sich abängstigte und daß er sich vor allen Dingen fürchtete, ihm selber in's Gesicht zu sehen.

Endlich aber trat er dicht an ihn heran, legte seine Hand auf die Schulter des alten Mannes und sagte: »Lieber Onkel, ich bin wieder da. Willst Du mir erlauben, Dir Bericht abzustatten?«

Da erhob der Professor langsam den Kopf und Paul sah sein rothes verlegenes Gesicht, welches der alte Mann kaum mit einem scheuen hastigen Blick zu dem seinigen zu erheben wagte.

»Nun, was für einen Bericht hast Du denn abzustatten?« fragte er, sich wiederholt räuspernd.

Paul erzählte Alles und reichte die beiden Schlüssel hin, die man dem todten Rentmeister abgenommen. Der Professor nahm sie mit bebender Hand und warf sie nach kurzer Besichtigung in seinen Schlüsselkasten.

»Es ist gut, daß wir sie haben,« sagte er aufseufzend, »nun giebt es gar keinen Zweifel mehr, daß der Mann ein Bösewicht war. Ich danke Dir.«

»Aber warum bist Du denn so seltsam still?« fragte jetzt Paul.

Der Professor hob mit innerem Schrecken sein entstelltes Gesicht empor und sagte langsam und mit vibrirender Stimme: »Davon nachher. Ich habe Dir allerdings etwas Ernstes mitzutheile, was leider nicht mehr aufschiebbar ist. Doch laß uns erst essen. – Werden wir bald unsere Suppe bekommen, Dralling?«

»In einer Viertelstunde, Herr Professor, Sie pflegen ja jetzt immer später zu essen,« antwortete diese und ging dann hinaus.

Paul sah, daß mit dem wunderlichen Onkel heute nichts anzufangen war, und so geduldete er sich. Vor Tisch aber kleidete er sich noch um, und als er aus dem Alkoven trat, wurde die Suppe aufgetragen und die beiden Herren setzten sich an den Tisch. Da der Professor kein Wort sprach, verhielt sich auch Paul still. Beide jedoch leerten die Flasche Wein, die der Erstere am Morgen angebrochen hatte, wobei es Paul auffiel, daß derselbe hastig und wie geistesabwesend sein Glas austrank. Unser Freund wußte gar nicht, was er von diesem seltsamen Verhalten denken sollte, allein bald erhielt er Aufschluß, und zwar einen solchen, wie er ihn am wenigsten erwartet hatte. Denn kaum hatte man sich vom Tisch erhoben und Frau Dralling das Geräth abgeräumt, so schloß der Professor abermals hinter ihr die Thür, winkte Paul nach dem andern Ende des Saales, wo er sich mit ihm niederließ, und sagte mit oft stockender Stimme, während der Angstschweiß ihm von der Stirn rieselte:

»Ich bin bereit – es muß sein, vorwärts!«

»Aber was muß denn sein, Onkel?« fragte Paul, der immer weniger klug aus dem alten Mann wurde.

»Still, mein Junge, jetzt endlich kann und will ich sprechen – ja. Du wirst Dich schon über mich gewundert haben, nicht wahr? Na ja, ich habe es selbst gethan, aber Du sollst gleich den Grund davon hören, Sieh, ich hätte Das, was ich heute thun will, noch gern ein paar Tage hinausgeschoben, um mich erst etwas fester in den Sattel zu setzen, aber da morgen schon Deine Freunde kommen, die ja auch meine Freunde sind, so muß ich mich beeilen, weil ich nicht will, daß sie bei uns Einiges in unfertigem Zustande finden. Aus diesem Grunde auch ist mir ihr Besuch für morgen eigentlich etwas zu früh gekommen, allein was hilft's – ich habe darum nur um so rascher meinen Entschluß gefaßt. So höre denn.«

Bei diesen Worten seufzte er tief auf, sah verlegen vor sich nieder und bemühte sich auf alle mögliche Weise, das Gesicht des Neffen zu vermeiden, dessen ›Flammenaugen‹, wie er wohl fühlte, voller Verwunderung und Spannung auf ihn gerichtet waren.

»Ich höre!« sagte Paul nach einer Weile, als der Professor noch immer beklommen schwieg.

»Nun ja,« fuhr dieser wieder aufseufzend fort, »es muß sein und so sei es. In Gottes Namen denn! Ja, was ich Dir sagen wollte, mein Junge – es ist eine komische Sache, die ich Dir mittheilen will, und Du mußt Dich nicht sehr darüber betrüben, vielmehr bedenken, daß alle alten Leute wunderlich sind, und ich bin es auch. Sieh, ich habe nun Alles im Besitz, was ein Mensch auf Erden nur haben kann und, ich mache es hierin wie andere thörichte Menschen, die in ähnlicher Lage sind wie ich – ich bin doch nicht zufrieden. Ha, ja, Du schaust auf und wunderst Dich! Wundere Dich nur zu, Du wirst gleich noch mehr Seltsames hören. – Ja, ich könnte also ganz glücklich sein, wollt' ich sagen, und ich bin es doch nicht. Ich habe ein schönes Gut, ein prachtvolles Haus, Geld mehr als nothwendig. Ich habe endlich Dich, ich habe ein paar nette Grauschimmel, die mich überall hinbringen, wohin zu gehen ich Lust habe – aber ich bin, ich wiederhole es, weder zufrieden noch glücklich, weil – weil mir das Eine im Hause fehlt, wonach ich schon lange ein sehnliches Verlangen trage.«

Paul schaute hoch auf. »Was wäre denn das?« fragte er ruhig.

»Aha, Du fragst – erräthst Du es nicht?«

»Nein,« erwiderte Paul ernst und fest, »ich errathe es nicht, aber es muß etwas ganz Besonderes sein, weil Du sonst ganz gewiß nicht eine so seltsam befangene Miene zur Schau tragen würdest.«

»Ha! Thue ich das? Trage ich solche Miene zur Schau? Na, dann will ich Dir Klarheit darüber geben. Weißt Du – ach! – was mir fehlt? Mit einem Wort: ein freundliches, liebes Gesicht in meiner Nähe, eine Frau, die mich ein wenig hätschelt, mir die Backen streichelt und mir in jeder Weise mein Leben versüßt.«

Und er seufzte tief auf, weil die Hauptsache nun, wie er glaubte, ihm über die Lippen geflossen war.

Wenn er aber von Paul eine Antwort erwartet hatte, so täuschte er sich. Dieser schwieg, als ob ihm die Lippen versiegelt wären.

Der Professor, über dieses hartnäckige Schweigen sich wundernd, erhob neugierig den Kopf und sah seinen Neffen fragend von der Seite an.

»Sprich weiter,« sagte dieser mit vollkommen ruhiger Miene. »Jetzt kann ich Alles hören, da ich einmal weiß, daß Du Dich wirklich verheirathen willst.«

»Ja,« fuhr der Professor auf, der froh war, daß nicht er dieses Wort zu sprechen nöthig gehabt.

»Du sagst es und das ist das Ganze. Ich will mich verheirathen. Und weißt Du, mit wem? Natürlich wirst Du es wissen.«

»Ich denke mir gar nichts darüber, Onkel, werde es aber sogleich von Dir hören. Fahre nur fort, Du siehst ja, wie aufmerksam ich bin.«

»Ah ja, das bist Du. Nun denn, es muß doch einmal heraus – also lustig vorwärts. Ich will die Baronin von Wollkendorf heirathen. Sie gefällt mir über die Maaßen. Sie ist eben so schön wie lieb und gut. Und sie hat mich auch gern, das hat sie mir selbst gesagt. Wir sind schon so ziemlich darüber einig. Es kommt nur darauf an, daß ich ihr meine Absicht bestimmt und in logischer Kürze ausdrücke. Und darin sollst Du mir helfen – willst Du?«

Paul schaute träumerisch und unbeweglich vor sich nieder. Man wußte nicht, ob er erschüttert oder beunruhigt war. Sein ausdrucksvolles Gesicht verrieth diesmal keine Spur seiner inneren Empfindung. »Darin soll ich Dir helfen?« fragte er endlich mit leisem, klarem Ton. »Nun denn, so sprich Dich doch ganz aus – was soll ich thun?«

Der Professor schaute zum ersten Mal frei auf und seine Brust erleichterte sich mächtig durch einen tiefen Seufzer. »Ah, Du willst es,« sagte er, »nun, das ist gut. Das habe ich von Dir erwartet. Sieh, mein Junge, mein Erbe bleibst Du ja doch unter jeder Bedingung – wir haben schon früher darüber gesprochen. Was Du also thun sollst? Nun, sogleich zu ihr fahren, ihr meinen Wunsch vorlegen und mir dann ihre Antwort so bald wie möglich zurückbringen. Ich gebe Dir Vollmacht, zu reden, was Du willst. Mache ihr die Sache plausibel. Stelle ihr alle meine Verhältnisse vor. Ich selbst kann das nicht, ich habe nicht den Muth dazu. Du bist ja mit ihr viel genauer bekannt als ich, Du bist jung, frisch, hast die Sprache in Deiner Gewalt und kannst Dich gewiß leicht in meine Lage versetzen. Und nun frage ich Dich: willst Du mir diese Liebe erweisen?«

Paul nickte. »Ja, ich will es. Wann soll ich hin?«

»Junge!« rief der Professor, in lautes Entzücken ausbrechend und Paul stürmisch um den Hals fallend. »Du bist ein prächtiger Kerl! So, gerade so habe ich mir meinen Neffen gedacht – Du willst wirklich hin?«

»Auf der Stelle, wenn es sein muß und ich Dir dadurch meine Liebe beweisen kann.«

»Ja, es muß auf der Stelle sein!« rief der Professor und sprang auf, da er froh war, daß diese für ihn so schreckliche Scene ausgespielt war. Er lief nach der Glockenschnur und schellte heftig. Friedrich kam sogleich athemlos herein.

»Lassen Sie anspannen, Friedrich!« rief er, »aber den Wagen schließen – ganz! Ich glaube, es regnet, doch beeilen Sie sich!«

Paul ging unterdeß im Saal langsam auf und nieder. Sein Kopf war auf die Brust geneigt und seine Hände hielt er geschlossen auf dem Rücken. Ohne Zweifel dachte er schon, was er in Wollkendorf sprechen solle – so glaubte wenigstens der Professor. Dieser hielt sich von ihm entfernt, er mochte ihm nicht mehr in den Weg treten, weil er noch irgend eine Frage fürchtete, auf die er wieder eine Antwort geben mußte, und er hatte sich schon genug angestrengt. Indessen war er umsonst besorgt. Paul hatte keine Frage mehr, wenigstens nicht mehr auf den Lippen. Er ging immer noch sinnend auf und nieder und der Professor saß in der Nähe des Kakadu's auf einem Stuhl und beobachtete ihn aus der Ferne. Das dauerte ziemlich lange. Endlich kam Friedrich wieder herein, meldete, daß der Wagen fertig sei und fragte, ob er vielleicht mitfahren solle.

»Nein,« sagte Paul ruhig und fest, »ich werde allein fahren. Legen Sie nur meinen Mantel in den Wagen.«

Als Friedrich wieder gegangen war, trat er auf den Professor zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich werde nach Wollkendorf fahren und Deinen Wunsch erfüllen. Für den Ausfall meiner Werbung aber darfst Du mich nicht verantwortlich machen.«

Der Professor war rasch von ihm fortgetreten und sah ihn von Weitem groß an. »Wie meinst Du?« fragte er. »Du meinst, daß sie mich am Ende nicht nimmt?«

»Es könnte doch sein, Onkel. Bei Dergleichen muß man an Alles denken. Unter allen lebenden Wesen sind Frauen am wenigsten berechenbar.«

»Da hast Du Recht. O nein, Du sollst keine Verantwortung tragen. Mach nur, daß Du hinkommst, es wird mir eine Ewigkeit sein, bis Du wieder da bist – und rede mir – recht warm das Wort. Hörst Du?« »Ja!« sagte Paul kurz, nahm seinen Hut und verließ den Saal. –

Unmittelbar hinter ihm aber ereignete sich wieder etwas Seltsames. Der alte Professor sprang wie ein Knabe in die Höhe, klatschte in die Hände, jauchzte laut auf und gab alle mögliche Weise seine Freude und sein Glück zu erkennen. Ja, als zwei Minuten später Frau Dralling in den Saal trat, flog er fast stürmisch auf sie zu, umfaßte sie und rief jubelnd: »Thusnelde Dralling, alter wachsamer, scharfsichtiger Dragoner, freuen Sie sich mit mir!«

»Aber, mein Gott, Herr Professor, was ist denn schon wieder los?« schrie die Frau angstvoll. »So sonderbar wie heute habe ich Sie ja noch nie gesehen!«

»Das glaube ich, Alte, das glaube ich, ich mich auch nicht. Aber was los ist? Zum Teufel auch – merken Sie das nicht? O, wie kann man so blind und taub sein! Sie horchen doch sonst so gern an der Thür und sehen durch das Schlüsselloch – haha! ich habe vorher auch durchgesehen.«

»Aber, Herr Professor,« wimmerte die Dralling mit gefalteten Händen – »das ist ja Nebensache. Sie wollten mir ja eben sagen, was los ist –«

»Na freilich – und da haben Sie es: eben fährt der Junge, der Paul, nach Wollkendorf und hält um der Frau Baronin Hand für mich an – für mich, Alte, und da soll ich nicht lustig sein?«

Frau Dralling's erschrockenes Gesicht nahm eine wunderbare, von Erstaunen überfließende Miene an. Bald jedoch beruhigte sie faßte mit der Hand vor die Stirn und sagte dann lächelnd: »Ach so – also darum! Na ja, ich dachte es mir wohl. Verliebt waren Sie schon lange und eifersüchtig auch genug. Aber daß es so rasch gehen würde, habe ich doch nicht gedacht.«

»Ich auch nicht, Alte, aber wer kann dafür! Morgen kommt ja der liebe Besuch – die zweiten Eltern Paul's – und die sollen uns nicht seufzen und klagen sehen, da müssen wir Alle frohe Gesichter haben – und nur aus diesem Grunde habe ich mich so beeilt.«

»Ich verstehe. Wollen Sie denn nicht ein Stündchen schlafen, Herr Professor? Sie sind ja so sehr aufgeregt.«

»Schlafen? Ich – jetzt? Sie sind nicht recht gescheidt. Von Schlafen ist heute keine Rede, man muß jetzt jede Stunde genießen, haha! Lieber wollen wir noch eine Flasche Wein trinken – he, wollen wir?«

»Um Gottes willen, Herr Professor – schwarzer Kaffee wäre viel besser – betrachten Sie nur einmal Ihr Gesicht im Spiegel!« –

Und sie lief hinaus, um so schnell wie möglich schwarzen Kaffee zu besorgen, unterwegs aber brummte sie: »Weiß es der liebe Gott! Ich habe eine ordentliche Angst um ihn, er kommt mir wie ganz aus dem Häuschen gerückt vor. Aber so ist es immer, wenn alte Leute Liebesgedanken kriegen. Dann sind sie halb verrückt und das ist ein Wahnsinn wie kein anderer auf der Welt. O du mein Gott, wer hätte das von meinem guten alten Herrn erwartet – und ich, ich bin selbst daran schuld, denn ich habe ihn zu dieser Liebeswuth gestachelt – o!«

Als der rasch abfahrende Wagen die Halle von Betty's Ruh verließ, begann es leise zu regnen. Der Wind hatte ganz nachgelassen und es war plötzlich wieder viel wärmer geworden. Es wurde Paul bald zu schwül in dem fest verschlossenen Wagen und er öffnete ein Fenster, um die frische Luft einzuathmen, die von den grünen Feldern und Wiesen herüberströmte und seine beklommene Brust wohlthätig berührte.

Er befand sich in einer seltsamen Stimmung auf diesem Wege, den heute noch antreten zu müssen er am Morgen dieses Tages wahrlich nicht gedacht hatte. Eigentlich hätte er recht traurig sein müssen, das sagte er sich selbst, aber er war es wunderbarer Weise nicht, ja, er konnte es nicht sein, denn es war ein unklares, unbestimmtes Etwas in ihm, was ihn augenblicklich immer wieder aufheiterte und erhob, wenn er sich einmal einem trüben Gedanken überlassen wollte.

Dieser ganze, so unvermuthet hervorgetretene Auftrag des guten alten Onkels kam ihm allerdings seltsam vor, aber er konnte ihm doch nicht zürnen, wenn er etwa in einer Selbsttäuschung befangen war. Was seine eigene Person betraf, so war er dem Onkel eine unauslöschliche Dankbarkeit schuldig und das fühlte er warm und wahr in seinem Herzen. Daß er den ihm übertragenen Auftrag so bereitwillig übernommen, geschah aus Liebe zu dem guten Onkel, obgleich er im Stillen überzeugt war, daß derselbe nicht die gewünschte Folge haben werde und könne, denn daß Betty den Professor Casimir van der Bosch heirathen werde, das schien ihm ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Er hatte bisher alle darüber gefallenen Andeutungen wie einen ihn neckenden Scherz aufgenommen und er sagte sich jetzt, daß es traurig für den Onkel wäre, wenn er selbst diesen Scherz zu seinem wirklichen Ernst umgewandelt und darauf bestimmte Hoffnungen gebaut hätte. Doch, wie dem auch sein mochte, sicher, zweifellos war er durchaus nicht. Er wußte ja nicht, was in seiner Abwesenheit zwischen dem Professor und der Baronin vorgefallen war und wie ihr Inneres sich in dieser Beziehung gestaltet hatte, nachdem sie durch die testamentarische Bestimmung des Barons von Wollkendorf in eine ganz eigenthümliche Stellung gerathen war. Wenn er nun aber seine eigenen Gefühle für dieses ihm so theure Wesen prüfte, dann – nein, dann konnte er am wenigsten glauben, daß des Onkels Wunsch in Erfüllung gehen könne – dennoch aber wollte er seiner Pflicht genügen, er wollte das Opfer bringen und für einen Anderen um die Hand eines Weibes werben, dessen Besitz ihm einst selbst als das köstlichste Gut auf Erden gedünkt hatte.

Durch diese in seinem Geiste sich hin und her kreuzenden Gedanken war er endlich in eine tief ernste und fast düstere Stimmung gerathen. Seine eigenen Empfindungen drängte er gewaltsam in die Tiefe seiner Brust zurück und gab sich das Wort, ehrlich gegen den Mann zu verfahren, der ihn zu seinem Erben ernannt und ihm schon dadurch den größten Beweis seiner Liebe, seines Vertrauens und seiner Hingebung geliefert hatte.

So kurz wie diesmal war ihm der Weg nach Wollkendorf noch niemals vorgekommen. Er mußte unterwegs noch viel mehr gedacht und gegrübelt haben, als er selber wußte. Denn plötzlich hielt der Wagen vor dem bekannten Herrenhause und er stieg ruhig aus und trat in den Flur ein, wo ihm ein Diener entgegenkam, der ihn freundlich begrüßte und die Worte sprach:

»Die Herrschaften sind im Zimmer bei Frau von Hayden, Herr van der Bosch. Soll ich Sie melden?«

»Nein,« erwiderte Paul mit einem ihm ungewöhnlichen Ernst, »thun Sie das nicht. Ich habe heute nur einige Worte mit der Frau Baronin zu sprechen. Führen Sie mich also in ihr Zimmer und rufen Sie sie dann zu mir, ohne daß Frau von Hayden und Herr Ebeling meine Ankunft erfahren, wenn sie sie nicht schon wissen.«

Zwei Minuten später stand Paul in einem reizend eingerichteten Zimmer und sah sich darin nach allen Seiten um, da er es früher noch nie betreten hatte. O wie mild, wie süß, wie lieblich traten die verschiedenen Gegenstände vor seine Augen, wie geordnet, wie klar, wie licht war Alles und Jedes – gerade wie es in der Seele der Frau aussehen mochte, um deren Hand – für einen Anderen zu werben, er jetzt hierhergekommen war. Und wessen Hand war es, die durch ihn ein Anderer begehrte? O, es war Betty's, seiner Jugendfreundin, seiner ersten und einzigen Liebe Hand, und der, der diese Hand begehrte, war sein Onkel, der Wohlthäter seiner armen Mutter, seiner selbst, der edle Mann, der gute Mensch, der wissenschaftliche Denker, der jetzt ein so reicher Herr geworden und ihn, Paul selber, zum Erben aller dieser Reichthümer eingesetzt hatte.

In solchen Gedanken mochte er befangen sein, als er auf dem Corridor ein seidenes Gewand rauschen hörte. Er stand athemlos still und blickte starr nach der Thür. Noch einen Augenblick und sie öffnete sich, Betty trat herein, im perlgrauen Seidenkleide, das glänzende Haar einfach wie immer gescheitelt, das Gesicht voll jugendlicher Frische, Schönheit und Anmuth, die Miene voll warmer Herzlichkeit und das Auge voll sinniger Spannung, wie es ihr in manchen Momenten ihres Lebens von jeher eigen gewesen war.

Als sie Paul erblickte, lächelte sie freudig und hob schon die Hand, um ihn liebevoll wie immer zu begrüßen. Eben wollte sie ein herzliches Wort sprechen, aber da erstarb es auf ihren Lippen, denn so ernst, so schwer, so bedeutsam ernst und schwer hatte sie das Gesicht dieses Mannes noch nie gesehen, der jetzt mit laut pochendem Herzen vor ihr stand und sein dunkles gluthvolles Auge voll stiller Verwunderung auf sie heftete.

Aber da hatte sie sich schon gefaßt, denn dieser eine Blick hatte ihr gesagt, was in dem Innern dieses Mannes vorgehe und was sie von ihm in der gegenwärtigen Stunde zu erwarten habe. Ihre Gefühle mächtig beherrschend, trat sie dicht an ihn heran, streckte ihm freundlich die Hand hin und sagte mit ihrer lieblichen Stimme:

»Seien Sie mir herzlich willkommen, lieber Freund. Es ist mir lieb, daß ich Sie sehe, obgleich ich Sie kaum noch heute erwartet hatte. O, was haben Sie in den letzten Tagen Alles durchgemacht! Fritz hat uns alle Einzelnheiten berichtet. Darf ich Ihnen zuerst meine Glückwünsche aussprechen, die ich Ihnen erst morgen zu bringen gedachte?«

Paul stand aufrecht vor ihr und sah sie mit einem gewissen forschenden Staunen an. Die Ruhe, die aus ihrem Wesen hervorleuchtete, machte ihn fast verwirrt, sie sprach ja ganz anders wie sonst zu ihm. Es lag nur ein warmer freundschaftlicher Ton in ihrer Stimme, ein freundschaftlicher und doch etwas zurückhaltender Blick in ihrem lichten Auge – ach! sollte der Professor sich doch weniger getäuscht haben, als er selber? Doch er mußte ja antworten, und so sagte er:

»Wünschen Sie mir heute noch kein Glück – lassen Sie es lieber bis morgen. Ich habe heute keine rechten Ohren dafür, weil – weil ich etwas ganz Anderes, Wichtigeres auf dem Herzen und mit Ihnen zu verhandeln habe.«

Betty senkte die Augen. Sie wußte jetzt bestimmt, was in ihm vorging. »Gut,« sagte sie leise und ruhig – »versparen wir es uns auf morgen. Aber vor allen Dingen setzen wir uns. – Was haben Sie mir zu sagen?«

Paul nahm auf einem Stuhle an einem Tisch Platz, hinter dem ein Sopha stand, auf welches Betty sich lebte »Ich habe Ihnen viel oder wenig zu sagen, wie Sie es nehmen wollen,« erwiderte er. »Doch wozu soll ich eine lange Einleitung machen – alles Reden darüber ist überflüssig. So will ich mich denn kurz fassen und mich meines Auftrages entledigen, denn ich komme heute nicht aus eigenem Antriebe zu Ihnen, sondern im Auftrage eines Anderen – meines Onkels.«

»So,« erwiderte Betty, den Kopf niedersenkend und die linke Hand wie zufällig nach dem Herzen führend, das laut in ihrer Brust klopfte und ihren Busen gewaltsamer hob, als sie es merken lassen wollte. »Fahren Sie fort, mein Freund, und reden Sie offen.«

»Gewiß,« fuhr Paul schmerzlich lächelnd fort, »ich werde ganz offen sein. Mit einem Wort – mein Onkel sendet mich an Sie mit einer Bitte. Er sagt mir, er habe Sie liebgewonnen und Sie ihn auch, er habe Beweise davon. Er sei jetzt ein reicher, ein sehr reicher Mann und habe Alles in seinem Hause, wonach ein Mann Begehr haben könne. Nur Eines fehle ihm –«

Er stockte. Betty drückte die Hand fester auf das Herz und sagte mit fast tonloser Stimme: »Weiter! Was fehlt ihm?«

»Eine Frau, die seinen Lebensabend vergoldet, die Freude und Sonnenschein über den Schatten seines Alters verbreitet, eine Frau, deren sanfte Hand die Falten seiner Wangen glättet, mit einem Wort: eine Frau wie Sie. Und deshalb sendet er mich und läßt um Ihre Hand bitten, da er die Hoffnung hegt, Sie werden seine Empfindungen erkennen und – wo möglich erwidern.«

Er hatte es herausgebracht und nun athmete er tief und erleichtert auf. Eben so Betty. Es entstand eine etwas lange Pause. Endlich flog ein kaum bemerkbares Lächeln über ihre lebensvollen Züge, sie hob den Kopf in die Höhe und wandte ihr stark erröthendes Gesicht mit sichtbarer Mühe dem Schweigenden zu.

»Ich danke Ihnen für die gewissenhafte Ausführung dieses bedeutsamen Auftrages,« sagte sie mit möglichster Ruhe, »und will Ihnen offen und ehrlich erwidern. Ich achte und liebe Ihren Onkel sehr – ja, das muß ich sagen. Er ist ein herrlicher, braver, achtungswerther Mann, den man lieben muß, wenn man ihn genau kennt. Allein dieser sein Antrag überrascht mich doch etwas. Sie werden selbst einsehen, daß man sich über eine so wichtige Sache nicht auf der Stelle entscheiden kann. Meine nächste Antwort ist also die: gönnen Sie mir einige Bedenkzeit. Am wenigsten kann ich Ihnen in diesen Räumen eine entscheidende Antwort geben. Ich fühle mich – aufrichtig gesagt – hier nicht heimisch genug dazu, denn ich befinde mich nicht an dem Orte meiner freien Wahl. Sie wissen ja, ich bin hier nur eine arme Gefangene. Und doch – da ich Ihnen bald eine Antwort geben möchte – so habe ich einen Vorschlag und vielleicht gehen Sie auf denselben ein.«

Sie sah Paul fragend an und in ihrer lächelnden Miene lag Etwas, was er nicht ergründen konnte, da sie die Empfindungen, welche sie hegte, mit großer Geschicklichkeit verdeckte, und so blieb er völlig im unklaren über ihre wahre Meinung. »Nennen Sie Ihren Vorschlag,« versetzte er, »wenn ich darauf eingehen kann, so werde ich es natürlich thun.«

Betty athmete hoch auf, als hätte sie einen steilen Berg mühevoll erklettert und sei nun auf dem lohnenden Gipfel angelangt. »Ich werde mit Ihnen nach Betty's Ruh fahren,« sagte sie mit einer Art freudigen Lauschens, »und unterwegs finde ich Ruhe und Zeit, Ihren Antrag mir zu überlegen.«

»Wie?« rief Paul erstaunt. »Sie wollen mit mir nach Betty's Ruh fahren?«

»Ja. Wenn ich das gute Gesicht Ihres Onkels sehe, entschließe ich mich vielleicht rascher zu Dem, was – er von mir verlangt. Hier komme ich ganz gewiß nicht dazu – ich habe Ihnen ja die Gründe enthüllt.«

Paul erhob sich. »Sie haben zu befehlen!« sagte er wie in einer Art Geistesabwesenheit.

Auch Betty stand auf. »Thun Sie mir einen Gefallen,« sprach sie mit einiger Hast, aber mit ihrer alten liebevollen Herzlichkeit. »Lassen Sie Ihren Wagen vorfahren, den wollen wir Beide besteigen. Ich bestelle dann den meinigen, der mich wieder abholen soll, auf eine Stunde später. Unterdeß Sie das besorgen, gehe ich zu meiner Mutter und Fritz und mache sie mit meiner Absicht unter irgend einem Vorwande bekannt. Sie jetzt zu sehen und zu sprechen, haben Sie doch gewiß keine Lust, wie?«

»Ach nein!« sagte Paul, schon nach seinem Hute greifend.

»Ich dachte es wohl. So gehen Sie, ich folge Ihnen bald. Vor der Thür treffen wir uns.«

Paul wirbelte es im Kopfe, als er die Treppe hinunterstieg. Was war es denn, was um ihn und in ihm vorging? Das, was jetzt geschah, war ja Alles gegen jede Berechnung. War er in diesem Falle ein Handelnder oder – handelten Andere mit ihm? Er wußte es nicht und konnte sich in der Aufregung seiner Gefühle keine Klarheit darüber verschaffen.

Louis war auf dem Hofe bald gefunden und hatte die bereits abgesträngten Pferde wieder vor den Wagen gelegt. Als er vor die Thür des Herrenhauses fuhr, kam auch die Baronin schon die Treppe herunter, diesmal von Niemanden begleitet; Sie hatte ihren kleinen Strohhut mit dem schwarzen Sammetband aufgesetzt und über die Schultern ein leichtes Tuch von feiner schwarzer Wolle geworfen. Sie mußte sich sehr beeilt haben, denn selbst die Handschuhe hatte sie noch nicht angezogen, und so stieg sie ein, sich vertraulich auf die Hand stützend, die Paul ihr hülfreich, dabei bot.

So saßen Beide bald im Wagen und die Grauschimmel trabten munter davon, wieder der Heimat zu, die sie erst vor zwei Stunden verlassen hatten. Der Himmel aber, unter dem sie dahin fahren, war trüber denn je. Leise rieselte der warme Regen aus dem niedrig ziehenden Gewölk herab. Es stand ein früher Abend bevor, obwohl man sich am Ende des Mai befand. Paul saß, in seine Ecke gedrückt, stumm neben seiner Begleiterin und schaute fast schwermüthig über die grünen Felder hin, an denen man eben vorüberfuhr. Da legte sich plötzlich eine weiche warme Hand auf die seine, und diese Berührung wirkte electrisch auf ihn. Rasch nach Betty hin blickend, begegnete er ihren schwimmenden Augen und sah, daß sie mit unaussprechlicher Innigkeit auf ihn gerichtet waren, wie er sie lange nicht und am wenigsten heute darin wahrgenommen hatte.

»Wissen Sie,« sagte sie mit einem fast heiteren Klange der Stimme, »womit wir uns die Zeit auf der Fahrt vertreiben können? Denn über das Vorliegende mag ich nicht reden.«

»Sie wollten ja überlegen,« erwiderte Paul mit seinem früheren Ernst.

»O, das thue ich auch. Ich kann recht gut über Etwas reden und doch dabei an etwas Anderes denken.«

»Dann wird aber Eins oder das Andere gewiß zu kurz kommen,« erwiderte Paul lächelnd. »Womit wollen Sie uns denn die Zeit vertreiben?«

»O, nicht allein ich will es, auch Sie sollen es. Wir wollen einmal, da wir Beide so zufällig ganz allein sind, über unser Leben reden. Wo war es doch, als wir uns zum ersten Mal trafen?«

Ueber Paul's bleiches Gesicht zog eine flammende Röthe. »Das war bei Ihrer Tante,« sagte er mit voll aufschlagendem Herzen. »Es war eines Sonntags und Sie kamen Abends vor Tisch mit Ihrer Mutter herunter und arbeiteten dabei – ich weiß es noch ganz genau – an einem großen Teppich.«

»Richtig, und wovon sprachen Sie doch?«

»Das weiß ich wirklich nicht mehr.«

»Ah, aber ich. Sie erzählten uns unter Anderem – wir nöthigten Sie dazu – noch einmal einzelne Abschnitte aus Ihrer Lebensgeschichte, die Fritz uns schon vorher verrathen hatte.«

»Ach ja, nun weiß ich es auch.«

»Sehen Sie, man muß sich nur besinnen, dann fällt einem Alles wieder ein. – Und das zweite Mal, wo sahen wir uns da?«

»Wieder in demselben Zimmer,« sagte Paul, schon heiterer lächelnd, »und das dritte Mal abermals und so ging es fort bis in den Sommer, fast alle Sonntage und jedesmal war es ein großes Fest für mich.«

»So – o ja, auch mir war es angenehm. Aber im Garten war es doch hübscher, nicht wahr?«

»O ja. Besonders als wir erst zu bauen begannen und Mathematik trieben –«

»Haha, als ich den Magister Matheseos zum ersten Mal beweisen lernte – und als wir uns dann unsere Zukunft ausmalten und das Leben des Menschen in ernsten und heiteren Bildern vor unsern Augen vorüberrollen ließen – o ja, das war schön. Erinnern Sie sich wohl des Tages, als Sie mir von Ihrem Traumschloß erzählten?«

»O ja, es war im Garten – und jetzt habe ich es in Wirklichkeit und führe Sie selbst dahin –«

»Nichts von der Gegenwart, kein Wort davon, mein Freund. Wir wollen von der Vergangenheit sprechen. – Erinnern Sie sich auch noch des köstlichen Weihnachtsabends, als Sie dem Onkel Ebeling die große Mappe schenkten?«

»O gewiß, Sie hatten ja über den Inhalt derselben lange mit mir verhandelt. Das Haus ist jetzt längst fertig und schön und wohnlich geworden.«

»Das kann ich mir wohl denken, und doch habe ich keine Lust, es vor der Hand wiederzusehen. Wir haben hier noch schönere Häuser –«

»O ja,« schlüpfte es Paul über die Lippen. »Neulich gefiel es mir sogar in einem Grabgewölbe sehr gut –«

»Als Sie den Schatz hoben, nicht wahr?«

Paul sah die lächelnd Redende ernst und groß an. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

»Als Sie das Geld fanden,« erwiderte Betty mit einem leisen Seufzer, »welches der betrügerische Rentmeister dort verborgen hatte, meine ich.«

»O gewiß – doch wir sprachen ja von der Vergangenheit, die war doch fast noch schöner. Wissen Sie noch, als Sie Abschied von mir nahmen, bevor Sie nach Dobberan reisten?«

Betty wandte das Gesicht nach dem Wagenfenster auf ihrer Seite. »Von dieser Reise lassen Sie uns nicht sprechen. Es giebt schönere Erinnerungen –«

»Ach ja, es sind ihrer aber so unzählige, daß man sie kaum einzeln anführen kann – die wenigen Jahre unseres Beisammenseins waren schön und beglückend, ich werde mein ganzes übriges Leben daran zu denken haben und mich immer wieder darüber freuen.«

»Ich auch. Sie müssen nicht Alles für sich allein in Anspruch nehmen.«

»Ach nein, so anspruchsvoll bin ich nicht – im Gegentheil, ich begnüge mich sogar mit meiner jetzigen Rolle –«

Betty wandte das Gesicht wieder nach dem Fenster. »Es wird frühe Dämmerung eintreten,« sagte sie nach einer Weile.

»Aber däucht es Ihnen nicht, als ob wir sehr rasch vorwärts gekommen wären? Ha, da taucht schon der waldige Hügel vor Betty's Ruh auf.«

Sie hatte Recht. Man war schon dicht an den Park von Betty's Ruh gelangt.

»Aber wie steht es mit Ihrer Ueberlegung?« fragte Paul nach einer Weile.

»Ich will es darauf ankommen lassen, der Augenblick soll entscheiden – das ist oft die beste Ueberlegung.«

Sie schwieg, eben so Paul. Als sie erst das Schloß vor sich liegen sahen, wollte sich kein neuer Anknüpfungspunct für das Gespräch finden lassen. Da fuhr Louis schon in das Parkthor ein und gleich darauf hielt der Wagen vor der Halle.

Niemand empfing sie; weder der Professor, noch Frau Dralling, noch Friedrich waren zu sehen, worüber Betty sich weniger als ihr Begleiter zu wundern schien.

Ruhig schritten sie nach dem Saal und traten in denselben ein. Aber auch hier war Niemand, tiefe Stille herrschte in dem großen Raume, nur der Kakadu rief ihnen vom Billard her sein stereotypes: ›Guten Morgen!‹ entgegen. Auf dem Saale ruhte schon eine matte Dämmerung, die niedrig ziehenden Wolken, die fast die Kuppel streiften, waren nächtlich schwarz, aber dennoch schütteten sie nur einen leise rieselnden Regen herab, der mit sanftem Geräusch auf die Dächer von Glas fiel. Betty legte Hut und Tuch ab und setzte sich auf einen Sessel am vordersten Kamin. Paul ging in beklommener Stimmung unhörbar auf dem Teppich hinter ihr auf und nieder, bis er ihre Stimme vernahm, die ihn an ihre Seite rief.

»So sind wir denn in Betty's Ruh in Ihrem Traumsaal,« begann sie mit leiser, halb flüsternder Stimme zu reden. »O ja, auch hier mag man schön träumen können! Ich bin immer gern hier und mir geht das Herz auf, wenn ich mitten im Zimmer den Himmel über mir mit den Augen erreichen kann. Ihr Onkel ist noch nicht da, aber er wird ja wohl bald kommen. So wollen wir denn unser voriges Gespräch einstweilen wieder aufnehmen und aus der Vergangenheit einmal in die Gegenwart übertreten. Als Sie hier eintrafen, fanden Sie viele Ueberraschungen vor, nicht wahr?«

»O ja,« erwiderte Paul, hinter einem Sessel stehend und die Hände auf die Lehne desselben stützend, »Ueberraschungen in Hülle und Fülle, und die heutige ist nicht die geringste.«

»Das glaube ich,« sagte Betty wie zu sich und wandte den Kopf sanft nach dem leise girrenden Kakadu hinüber. »Doch es ist mir, als ob ich mein Gedächtniß schwach werden fühlte – ich habe hier ganz andere Gedanken und Empfindungen wie zu Hause – sagen Sie mir doch, Sie kamen ja wohl heute nach Wollkendorf, um für den Onkel – um meine Hand zu werben, nicht wahr?« »Ja, das war der Grund meines heutigen Besuches!« wiederholte Paul mit beklommenem Athem.

Betty stand von ihrem Stuhle auf und stellte sich dicht vor ihn hin. Das schwache Licht, welches die hohe Kuppel über ihnen einließ, fiel auf Beider Gesicht. Paul's war auffallend bleich, das Betty's ungewöhnlich rosig angehaucht, als könne ihr übervolles Herz das widerspenstige Blut nicht allein beherbergen und sende es deshalb zum Kopfe empor.

»Das war also der Grund Ihres Besuches,« wiederholte sie und reichte ihm beide Hände mit einem eigenthümlich bittenden Ausdruck in ihrer Miene hin.

Paul ergriff die beiden schönen Hände und so blieben sie eine Weile vor einander stehen. Keines sprach ein Wort. Dafür aber senkten sich Betty's Blicke immer tiefer in die Augen ihres Freundes, so daß diesem auch das Blut in den Kopf stieg, denn denselben Blick hatte er schon einmal an ihr wahrgenommen, ach! und es war damals, als er für das ganze Leben Abschied von ihr zu nehmen glaubte.

»Paul van der Bosch,« hob sie endlich mit einer Stimme an, die sie möglichst ruhig und kräftig zu machen versuchte, »Sie haben Ihrer Freundin Betty heute die Frage vorgelegt, ob sie das Weib eines Anderen, Ihres Onkels werden wolle, nicht wahr? Haben Sie das aus sich heraus oder nur diesem Anderen zu Liebe, also aus reinem Pflicht- und Dankbarkeitsgefühl gethan?«

Paul zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. »Ich habe mich in letzterem Falle befunden,« sagte er fest und ehrlich.

»Ganz gewiß?«

»Auf eines ehrlichen Mannes Wort – ja!«

»Nun denn, so werde ich Ihnen jetzt darauf antworten. Aber was kann Ihre Betty darauf antworten, wie?«

Paul's Athem stockte. Der feste, warme, zunehmende Druck ihrer Hände brachte sein Blut in eine mächtig fluthende Wallung und der Blick, den sie mit strahlender Innigkeit immer tiefer in seine Augen senkte, fesselte seine Stimme in der Brust und drang bis in seine Seele hinein. Endlich aber ermannte er sich und sprach mit bebendem Tone:

»Ich erwarte mit Ruhe, was Sie darauf antworten werden. Sie selbst müssen am besten wissen, was Sie darauf antworten können

»Nun denn,« und sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, indem sie dies mit fast schmelzender Stimme sprach, »des Professors Casimir van der Bosch Weib will und kann ich nicht werden, aber – wenn Paul van der Bosch mich zum Weibe seiner Liebe haben will, dann – nehme er mich.«

Paul wankte, aber sie hielt ihn fest bei den Händen. »Betty!« rief er voll namenloser Seligkeit, »Sie, Sie wollten mein Weib werden, und Sie sagen mir das selbst?«

»Ja, ich sage und wiederhole es, weil Sie mich nicht selber danach gefragt haben und unter den obwaltenden Umständen mich nicht danach fragen würden und weil es doch endlich einmal gesagt werden muß, damit wir aus der namenlosen inneren Qual gerathen, die uns nun schon so lange erfüllt.«

»Betty,« rief er wieder, »aber bedenken Sie doch, was mich allein von dem Bekenntniß meiner Liebe zurückhielt – Sie sind ja an den Willen eines Mächtigen gebunden, dessen Sinn wir leider nicht mehr erweichen können –«

Er kam nicht weiter. Eine liebe süße Hand verschloß ihm den Mund und gleich darauf fühlte er ein hochschlagendes Herz sich fest an seine Brust pressen. »Es giebt in dieser Beziehung keinen Willen auf der Welt,« schluchzte sie, »der stark genug wäre, den meinen zu brechen und zu zerreißen, den Willen, dem Manne anzugehören, dem ich schon angehörte, wenigstens im Stillen, im Herzen, in der Seele, ehe er noch selbst eine Ahnung davon hatte. Und nun, da Du Alles weißt, so sprich, einzig geliebter Freund meines Lebens – sprich, willst Du mich nicht zu Deinem Weibe?«

»O Betty, Betty,« rief er und eine heiße, seine unaussprechliche Glückseligkeit verrathende Thräne kam in sein stolzes Auge – »hast Du mich denn schon so lange geliebt wie ich Dich?«

Betty barg ihr Gesicht laut aufjauchzend an seiner Brust und umschlang ihn innig mit beiden Armen. »Frage meine Tante,« schluchzte sie laut – »sie allein wußte Alles, seit langer Zeit, noch ehe ich von Dir ging – und jetzt, jetzt weiß es auch Dein Onkel und darum – hat er Dich zu mir gesandt.«

»O mein Gott, Deine Tante wußte es? O, sie wußte ja auch, daß ich Dich liebte, denn als Du – fortgereist warst, löste sich ihr wider meinen Willen das Geheimniß meines Herzens –«

»Ich weiß es, ich weiß es, sie hat es mir ein Jahr später verrathen, und daß ich hier in Betty's Ruh Deinen Onkel aufsuchte und daß ich heute handle, wie Du es mit eigenen Augen gesehen, das ist ihr Werk, aber nicht das ihre allein, sondern auch Dein guter Onkel hat ehrlich mit daran gearbeitet – und ich!« –

Leise rieselte der abendliche Mairegen auf die Glaskuppel des Saales nieder und verursachte jenes linde und wohllautende Gemurmel, wie es der Wind erzeugt, wenn er sanft in den Blättern rauscht. Leise sank die Dämmerung des Abends über die Glücklichen herab, aber sie hörten und sahen nichts davon. Fest und innig an einander geschmiegt, ließen sie ungestört Herz an Herz schlagen, die so lange von einander entfernt geschlagen hatten, und ihre Lippen tauschten Worte und Küsse der innigsten, der treusten, der seligsten Liebe aus.

Da rauschte es ganz leise hinter den sammetnen Vorhängen des Alkovens. Sie theilten sich in der Mitte und ein grauer Kopf mit einem mild lächelnden, gütigen und glücklichen Gesicht schaute daraus hervor. Die beiden Glücklichen sahen ihn nicht, aber seine vor Freude strahlenden Augen hatten sie bald entdeckt und er nickte ihrem Gebahren mit einer unbeschreiblichen Miene des Wohlgefallens und der innersten Befriedigung zu.

Endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bemeistern. Und wie den beiden jungen Leuten vorher die kreischende Stimme des Vogels einen ›Guten Morgen!‹ zugerufen, so rief ihnen jetzt die milde Stimme des Onkels einen ›Guten Abend!‹ zu. »Darf ich denn nun endlich kommen?« fuhr er fort, als Beide die Köpfe erhoben und nach ihm hinwandten.

»Onkel!« riefen zwei Stimmen in einem Klange und Betty und Paul stürzten auf den herrlichen alten Mann zu – »Onkel! Guten Abend!«

»Ach, also Ihr könnt wieder sprechen, das ist gut,« sagte er, sich bemühend, die Rührung zu verbergen, die ihn überkam, als er sich von den Glücklichen umschlungen und geliebkost sah. »Und nun, mein Junge, – wie nun – wie hat Dir der Auftrag geschmeckt, den ich Dir heute Mittag übertrug?«

Paul hatte kein Wort der Erwiderung, er schloß nur den Onkel so fest an sich, daß dieser beinahe einen Angstschrei ausgestoßen hätte. Dann aber mußte er sich auch der sanfteren Liebkosung Betty's hingeben, und diese küßte ihn dankbar und innig und sagte ihm, daß er seine Rolle ganz vortrefflich gespielt habe.

»Das glaube ich nun selber, da ich das Facit meiner Rechnung hier vor mir sehe,« rief der alte glückliche Mann, »aber wenn Ihr Euch meine Angst vorstellen könntet, die ich ausstand, als ich zum ersten Mal in meinem Leben so furchtbar log, so würde es Euch auch begreiflich sein, warum ich jetzt fast närrisch vor Glück bin. – Aber nun, Kinder, Ihr behaltet noch Zeit genug für Euch – gönnt mir zuerst das Vergnügen, der Dralling die Tante meines Neffen vorzustellen, die er sich ja heute geholt hat. Wollt Ihr das?«

Beide, die wieder Brust an Brust lagen, nickten ihm beifällig zu und nun zog er an der Glockenschnur und herein trat alsbald Frau Dralling mit einem seltsam neugierigen Gesicht, das noch viel seltsamer wurde, als sie die so innig verbunden vor ihr stehenden jungen Leute sah.

»Dralling!« rief der Professor mit komischer Geberde entgegen. »Sie wollten ja meine Frau sehen – da ist sie – nun begrüßen Sie sie doch!«

»Ihre Frau, Herr Professor? Aber sie liegt ja in den Armen Ihres Neffen?« sprudelte die Alte mit verdutztem Gesicht hervor.«

»Das thut sie mit meiner Bewilligung, Thusnelde, natürlich – na, zieren Sie sich nicht – beglückwünschen Sie sie doch –«

»Aber mein Gott, wie kann ich denn das – ich weiß ja gar nicht, warum Sie mich so dumm machen wollen!«

Da lachte Betty unwillkürlich laut auf; ließ Paul los und sprang auf die gute Haushälterin zu. »Frau Dralling,« rief sie, »es will Niemand Sie dumm machen, und das wäre auch gar nicht möglich. Aber der Herr Professor hat nur einen kleinen Scherz mit Ihnen versucht und der ist ihm wohl gelungen. Er wollte nicht eine Frau für sich, sondern für seinen Neffen haben, und die bin ich mit vollem, ganzem Herzen geworden oder will es wenigstens noch werden. Freuen Sie sich nicht über unser Aller Glück?«

Frau Dralling stemmte beide Hände in die Seiten und starrte Einen nach dem Andern an. »Ob ich mich freue?« fragte sie mit weinerlicher Stimme. »Na, das bedarf doch gar keiner Frage, ich freue mich wie Gott im Himmel sich über eine gute Seele auf Erden freut, aber daß der Herr Professor mich so arg belogen, das – das kränkt mich doch ein wenig – und habe ich nicht ein Recht dazu?«

Da ging der Professor mit ausgestreckten Händen auf seine treue Pflegerin zu und sagte mit fast kindlich bittendem Tone: »Dralling, seien Sie nicht böse, ich will es wahrhaftig nie wieder thun. So, und nun ist es abgemacht – aber wer kommt da?«

Die Thür that sich rasch auf und herein stürzte Fritz Ebeling. Einen Blick nur warf er auf Betty und einen auf Paul und schon hatte er Alles begriffen.

»Betty! Paul!« rief er vor Freude aufjauchzend, »sagt es mir rasch – seid Ihr einig? Ja? Ist es gelungen?«

»Es ist gelungen!« riefen Betty und Paul zugleich und Beide umfaßten den treuen braven Freund und drückten ihn stürmisch an ihre Herzen.

Aber erst am späten Abend führte Fritz seine Cousine nach Wollkendorf heim, nachdem sie Alle einen unbeschreiblich schönen, unvergeßlichen Abend im Saale des Traumschlosses verlebt hatten, so schön, daß selbst die romantische Phantasie der Liebenden in früheren Zeiten sich keinen ähnlichen hätte ausmalen können.


 << zurück weiter >>