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Achtes Kapitel.
Ein Ende mit Schrecken

In der Schenke »Zum wilden Mann«. – Die Verschworenen und der Spion. – Im richtigen Fahrwasser. – Die Briefschaften im Stollen. – Auf der Lauer. – Das böse Gewissen. – Ein Gottesurteil. – Der Verräter geht in die Falle. – Ein teuflischer Entschluß und seine Folgen. – Im Triefestollen ist alles ruhig.

 

Auf dem Calzein zu Schwaz war es heute noch lärmender als sonst. Der Vorabend des Festes warf seine Schatten voraus. Morgen wird ja der große Tag des Bergpatrons mit Böllerschüssen und Prozession und Kirchgang gefeiert. Danach gab es Freiwein, denn die Fuggers ließen sich darin nicht lumpen, wenn es galt zu zeigen, daß sie die reichste Grubenherrschaft seien nicht nur im Lande, sondern auf der ganzen Welt.

In der Schenke Zum wilden Mann

In der Schenke »Zum wilden Mann«.

In der Schenke »Zum wilden Mann« war eine frohe Zecherschar beisammen, fast ausschließlich Erzknappen, die sich beeilten, die Löhnung in Branntwein umzusetzen, da ihren ausgepichten Kehlen der Wein nur noch geringe Reizung bot. Dem Völkchen konnte keine Sorge an; »froh gelebt, ist doppelt gelebt,« war ein Lieblingsspruch der Knappen aus alter Zeit, und heute schienen sie das alte Wort mehr denn je zu beherzigen. Lautes Gelächter schallte ununterbrochen durch den verrußten, unsauberen Raum; da spielte man Würfel, dort gröhlten einige Angeheiterte rauhe Lieder, und von Unzufriedenheit oder Not war nichts zu merken.

So mochte es dem Harmlosen erscheinen. Dem aufmerksamen Beobachter waren allerdings mancherlei Zeichen einer heimlichen Vorbereitung und einer geflissentlichen Ausgelassenheit sichtbar.

Da krakeelte ein blutjunger Bursch, dem der Fusel die Zunge gelöst hatte. Ein Kamerad ging an ihm vorbei und sagte leise zu ihm: »Halt's Maul, Sepp, sind falsche Brüder da.« Und er deutete mit den Augen auf zwei Knappen, die trotz gleichgültiger Miene eifrig den andern zuhörten.

An einem Ecktisch saßen drei ältere Knappen und erzählten sich anscheinend harmlose Erlebnisse des Tages. Sie hatten sich jedoch so weit weg gesetzt, daß man am großen Tisch bei der lustigen Gesellschaft ihr Wort nicht mehr vernehmen konnte.

Jetzt näherte sich einer der für Angeber Gehaltenen im Hinausgehen ihrem Tisch. »Wo bleibt denn der Gilg?« fragte er. »Weiß net,« lautete die Antwort, »wird wohl noch kommen.«

»Jetzt ist er wohl schon über Georgenberg,« sagte dann leise der Sprecher zu seinen Kameraden. »Sechsundzwanzig hat er angeben, der greuliche Judas, sagt der Oswald, einen langen Zettel heut im Berggericht.«

»Wird auch nit ausbleiben die Straf' Gottes über ihn,« versetzte ernst ein alter Graubart. Die andern zwei wechselten einen bedeutungsvollen Blick. »Kommt er sicher?« fragte dann der erste. »Hab' ihn herbestellen lassen, der Wölfl wart' schon heimlich. Gleich nach ihm wird er reinkommen.«

Dem alten Knappen stieg eine Ahnung auf. »Leut', was wöllt ihr tun? Laßt ab, das darf kein Christ!« warnte er. »Laßt alles auf Gott, er wird ihn schon treffen, 's war nie Tauffer Art sonst.«

»Bader,« – und der Sprecher nahm den Alten treuherzig bei der Hand, – »Bader,« sagte er, »by Gott, es kommt mir hart an. Ist auch nicht sonst meine Art. Darf aber so ein Wolf die Herde verzehren? Meinen eigenen Bruder hat er angeben, jetzt lauft er im Elend ins Land … morgen tät er's vielleicht mit mir selber. Gott kann's mir nicht hart anrechnen.«

Doch bevor noch der Alte erwidern konnte, trat mit allseitig freundlichem Gruß Hans Schlaffer in die Stube. Ihm war nicht ganz wohl zumute. Noch am Abend hatte ihn der Rottmeister der Schergen heimlich zu sich beschieden und ihn gefragt, wie das zugehe, daß die Vögel, die man heut ausheben wollte, schon früher ausgeflogen wären. Er würde sofort neue Befehle erbitten vom Landrichter, doch der sei heute abend in Fiecht, und er wage nicht zu stören.

Das war kein ganz zufriedenstellender Anfang seiner offiziellen Laufbahn als Späher, und er fühlte, er müsse sich gleich durch einen geschickteren Streich besser einführen als durch die Liste, auf der mancher stand, von dem er wirklich kaum mit Sicherheit wußte, ob er zu den Aufwieglern gehöre. Nun, vielleicht ließ sich mit dem berüchtigten Triefestollen mehr erzielen, womöglich schon bis übermorgen, da er wieder vor den Landrichter beschieden war. Darum kam es ihm recht gelegen, daß einer seiner Freunde in der Knappschaft ihn eingeladen hatte für heute abend »Zum wilden Mann«.

Er sah rasch umher. Die lärmende Gesellschaft am Haupttisch kannte er nicht, und die drei in der Ecke, die er kannte, paßten ihm nicht. Wohl wußte er gar nichts Besonderes über sie und hatte auch nie einen Zusammenstoß gehabt mit ihnen, aber sie waren so merkwürdig wohlgesinnt und zurückhaltend in ihren Reden, daß es ihm immer vorkam, als durchschauten sie ihn. Doch jetzt ging es nicht anders, er mußte sich zu ihnen setzen.

Aber er hatte Glück. Kaum war man über die ersten Redensarten vom Feiertagswetter hinausgekommen, kam schon wieder ein neuer, gemeinsamer Bekannter, der Spitzhammer Wölfl, ein bekannter Schwätzer. Er schien noch dazu angetrunken zu sein, also in der besten Verfassung, daß man ihn ausfragte. Das wußte er schon, daß der Spitzhammer ein intimer Freund des Erzrebellen vom Triefestollen sei, vielleicht ließ sich gleich etwas erfahren über den Aufenthalt des verschwundenen Hans.

Der Spitzhammer kam ihm sogar zuvor. »Wißt's schon, bei uns hat's was g'setzt heut,« begann er. »Sind um den Schwaben kommen, der hat heut den Aufseher bald erschlagen. Das ist ein Malefizkerl! 's Nest war aber schon leer.« Und er lachte pfiffig und dumm. Schlaffer horchte gespannt. Nun war ja das Gespräch im richtigen Fahrwasser.

»Na, der Schwab' hat es ja leicht,« mischte er sich ein, »wie schnell ist der bei Reutte draußen aus dem Landl.«

Doch er erfuhr nichts, wohin sich der Gesuchte gewendet habe, obwohl das der Spitzhammer sicher wußte. Dagegen begann der von Briefschaften des Schwaben zu reden, die dieser bei seiner eiligen Flucht im Stollen vergessen habe.

»Sind Bücher, drin der Wiedertauff g'malt is,« schwatzte er, »für die, wo nicht lesen können. Sollen auch die Vorsteher der G'schwistrigkeit im ganzen Inntal herinstehen.«

»Ja, die Bücher sollt' man ja verbrennen, eh's no der Landrichter find't, die brächten ja den Schwaben auf d'Malstatt; 's is sonst ein guter Kerl g'west,« meinte bedächtig und bedauernd einer der Knappen.

»I wo,« lachte der Spitzhammer dumm heraus. »Die find't niemand. Im hintersten Stollen sind's, beim versetzten Berg, wo nie jemand hingeht. Und da sind's no fei zug'mauert mit Abraum, die find't keiner.«

Dem Schlaffer glühten die Augen. In seinem Eifer merkte er die plumpe Falle gar nicht, nur mit halbem Ohr hörte er auf die sonst gleichgültigen Gespräche und sah auch die Blicke nicht, die die Männer mit dem Spitzhammer wechselten. Er überschlug bei sich: wenn er jetzt rasch entschlüpfte, so könne er noch vor zehn Uhr, dem allgemeinen Schluß aller Grubenhäuser, im Triefestollen sein. Nach der Beschreibung waren die Bücher gewiß zu finden. Und hätte er sie, in welchem Glanz stand er dann da im Berggericht! Während der Schichtzeit konnte er ohnedies nicht gut, ohne Aufsehen zu erregen, im Stollen suchen. Sein Entschluß stand fest, er erhob sich.

»Ja, gehst denn schon, Taufferhans?« fragte verwundert der Spitzhammer. »Jetzt wird's ja erst lusti. Die andern kommen auch noch. Wo 's denn nur so lang bleiben?«

Doch er empfahl sich trotz der freundlichen Einladung.

»Bleibt noch, Schlaffer,« sagte bestimmt und mit merkwürdigem Ernst der alte Knappe und trat auf ihn zu, »bleibt, ich geh dann mit Euch, wohnen nit weit auseinander.«

»Aber laßt ihn doch gehen,« schrie sein jüngerer Gefährte und zog den alten Bader fast roh auf die Bank.

Der machte ein düsteres Gesicht, während Schlaffer katzenfreundlich und bieder jedem die Hand gab und ging.

Kaum war er draußen, als sich der Bader in höchster Erregung an die drei wandte. »Das dürft ihr nit tun! Aus Blutschuld ist noch nie Gutes kommen! Hört auf mich, wir sind ehrliche Christen! Wie wollt ihr sündlos sein, wenn ihr solches macht?«

Der andere wurde auch schwankend bei dieser Anrede, »'s ist wahr,« sagte er verwirrt, »könnt auch nimmer zum Brotbrechen mit reinem Herzen kommen. Laß ab, Bastle, der Bader hat recht.«

Doch Bastles vor Erregung bleiches und düsteres Gesicht kündete keine Einsicht. »Er hat meinen Bruder angeben,« grollte er dumpf. »Und wenn er am Leben bleibt, sind wir alle g'wesen.«

»Lieber glorreich sterben, als in Sünden verderben,« sagte feierlich der alte Knappe.

Doch der Bastle hörte nicht mehr. Ohne Abschied war er draußen. Und der Spitzhammer war mitgegangen.


Es war keine freundliche Nacht, in die sie traten. War der Tag unerträglich schwül gewesen, so kam jetzt eine nachhaltige Abkühlung. Schwere Wolken waren mit Sonnenuntergang von Innsbruck den Inn herabgezogen, und mit gewaltigem Rauschen strömte nun das himmlische Wasser nieder; dann und wann erhellte ein Blitz die Landschaft, aber das ferne, spät einsetzende Rollen zeigte an, daß das eigentliche Gewitter fern in den Bergen stand.

Die zwei Rächer kannten jeden Weg und Steg auch in der Dunkelheit. Sie kannten abkürzende Pfade genug, um noch vor dem Verräter auf dem Berg zu sein. Daß er dorthin gehen werde, war ihnen nach der Falle, die sie ihm gestellt, zweifellos.

Auch auf sie hatten die zum Guten mahnenden Worte des alten Wiedertäufers ihren Eindruck nicht verfehlt. Stumm und gedrückt schlichen sie dahin, und tausend Gedanken kreuzten ihren Kopf. Aber immer klarer arbeitete sich bei beiden der Gedanke heraus, hier heiße es: Des einen Leben ist des andern Tod. Sie hatten Angst, sich vor dem Judas schon längst als Wiedertäufer verraten zu haben; wer weiß, ob der nicht eine zweite Liste bei sich trug, auf der auch sie angegeben waren? Dieses Untier fraß sie noch auf. Mit ihm war nur ein Kampf auf Leben und Tod möglich.

Und doch … bisher befleckte keine üble Tat ihre Hand. Hatten sie das Recht, einen Menschen zu töten, und wenn er auch noch so verrucht war? Warum nannten sie denn die Obrigkeit gottlos? Weil sie Menschenblut vergoß. Warum verbot denn die Wiedertäuferpredigt, Waffen zu tragen? Damit keine Blutschuld auf sie fallen könne … Aber es war doch unmöglich, sich abschlachten zu lassen wie ein Lamm!

In seiner Herzensnot fing Bastle an, eines der Wiedertäufergebete herzusagen, und der Spitzhammer, der sehr wohl verstand, fiel ein.

Sie wurden ruhiger danach. Plötzlich kam dem Bastle eine blitzartige Erleuchtung. Er blieb stehen. »Wölfl,« flüsterte er, »der Himmel wird uns ein Zeichen geben. Wenn der Judas heut nacht nicht in den Stollen kommt, lassen wir ihn laufen.«

»Wenn er aber kommt?« fragte der Wölfl, dem noch zaghafter zumute war.

»Dann hat er's verdient, und es ist keine Sünd'. Wenn Gott nicht will, daß wir Blutschuld auf uns laden, schickt er einen andern an unserer Statt,« sagte der Bastle auf einmal erleichterten Herzens.

Sie waren ganz nahe am Triefestollen. Hier mußte er vorbeikommen. Oder war er schon vorbei? Sie duckten sich hinter die Halden und Gebüsche. Lange schon warteten sie vergeblich, er kam nicht. In ihr Herz zog Hoffnung. Das war ja der Fingerzeig des Himmels. Da tönten Schritte durch das eintönige Rauschen des Regens. Es kam einer ohne Laterne. Sie strengten ihre Augen an, daß feurige Ringe vor ihnen tanzten. Es war nicht der Schlaffer. Aber wer war dieser Riese? Das war ja der Schwabenhans! Der war also noch nicht geflüchtet.

Der Wölfl machte dreimal das Zirpen einer Grille nach. Der Mann auf dem Pfad stutzte. Er pfiff leise. Das war gut Freund. Und sie bewillkommten den verfolgten Bruder und Freund.

Er wollte nach dem Triefestollen, sagte er, dort warte der Blaurock und der Trottel-Barthele auf ihn. Sie hätten Kleider für ihn, und der Blaurock habe heimlich einige Gulden, die er sich in seinem langen Leben erspart, die wolle er ihm geben auf seine Flucht, weil er durch ihn in die Verfolgung gekommen. Aber was sie planten? Ob man sie auch suche?

Sie zögerten mit der Antwort. Aber endlich mußte es heraus. Nein, man suche sie nicht, aber dem Schlaffer, dem Angeber, der so viele der Brüder greulich verraten, dem wollten sie eines versetzen, doch er käme nicht.

Der Schwabenhans horchte auf. Das tat seinem gequälten Herzen gut. Einen von den Spähern, von diesen Unholden, an denen die ganze Wiedertäuferbewegung zu Grunde ging, niederstrecken, dafür war er der Mann. Oh, es gab also doch noch eine Gerechtigkeit auf Erden!

Und wie gern überließen ihm die zwei die Vollstreckung des Urteils! Zu dritt eilten sie vorwärts. Schon war das Grubenhaus erreicht, da ertönte wieder das Zeichen der Grille. Das war der Blaurock. Binnen wenigen Sekunden waren sie vereinigt, und nach ein paar Minuten wußten auch der Kretin und der Blaurock um den Plan. Der war nicht entzückt davon.

»Hätt' sonst immer g'sagt, 's ist Unrecht, laßt ab,« meinte der blinde Alte, »wenn man aber sieht, wie die Wölfe einbrechen in die Herde Gottes, tät' man schier verzagen. Und doch mein' ich, nehmt kein Blut auf eure Hände. Das kann nicht gut ausgehen.«

Der Hans legte ihm die Hand auf den Mund, denn jemand tastete dort am Stolleneingang, vorsichtig und ungeschickt. Jetzt schlug er Feuer, nun brannte sein Lämpchen. Ja, das war das gemästete, widerliche Gesicht des Verräters. In ihnen allen stieg der Zorn auf, als müßten sie sich auf ihn stürzen. Doch nun tappte er schon im Stollen. Sie beugten sich vorsichtig vorwärts, man erkannte nur den unbestimmten Schein des Lichtes vor dem Schatten. Da ging er hinein, um neuen Verrat zu wirken. – Die Zeichen des Himmels waren eingetroffen. Wer ging ihm nun nach?

Da zupfte der Trottel-Barthele den Häuer, der sich soeben aufrichtete. »Bleibt,« gurgelte er in seiner unbeholfenen Kretinart. »Keiner braucht zuzuhauen. Mach's selber.« Eine tückische Entschlossenheit leuchtete aus seinen tierischen Augen.

»Bist ja zu schwach,« zischelte geringschätzig der Schwabe, »'s ist ein starker Mann.«

Doch der Kretin wußte ihnen bald klar zu machen, wie er es meine. Kaum einige hundert Schritte vom Stolleneingang war schwimmendes Gebirge. Schon vorige Woche hätte die Zimmerung aufgerichtet werden sollen, aber durch die Ereignisse von heute war es unterblieben. Wenn man die Hauptsäulen aushob, mußte sich die Decke senken und den Stollenmund verschließen für immer. Und mit ihm den Judas im Schacht.

Die Männer erbleichten. Dieser Trottel hatte einen teuflischen Einfall. Aber er war gut ersonnen, er schmeichelte sich in ihrem Hirn ein; mit verführerischer Stimme flüsterte es in ihnen: »Da bleibt unsere Hand rein von Blut. Der Himmel selbst richtet ihn … Und die Fuggers haben auch noch Schaden davon, der Triefestollen is dann ganz hin.«

Wie kam es, daß sie alle auf einmal bei dem Schwemmsand waren? Die Macht des Bösen zog sie an wie ein Magnet. Sie mußten Licht machen zur Arbeit, die leichter war, als sie dachten. Verschiedene der Säulen neigten sich schon bedenklich, einige waren geknickt, das Hangende ließ ohnedies kaum so viel Raum, daß man gebückt durchschreiten konnte.

»Es wär' vielleicht in dieser Nacht von selbst eing'fallen,« meinte der Blaurock, als ihm der Bastele die Lage schilderte. Er sagte es freilich nur, um sein Gewissen zu besänftigen.

Stumm arbeiteten sie an den Hölzern. Krach! zerbarst plötzlich die eine Säule. Erschrocken fuhren sie auf. Wie, wenn der Schlaffer das hörte und vorzeitig käme! »Dann stoß' ich ihn nieder,« sagte leise der Schwab, und unwillkürlich zog er sein griffestes Messer aus der Hosentasche.

Aber der Schlaffer kam nicht. Die Arbeit war beendet. Gut um zwei Hände tiefer hatte sich einige Fuß weit sofort die Decke gesenkt, als die wichtigsten Säulen entfernt waren. Aber dann hielt sie und wollte nicht tiefer sinken, als sie voll Ungeduld herumleuchteten. Der Plan war offenbar mißglückt.

Die zwei Erzknappen, denen ohnedies nicht wohl zumute war, wären am liebsten davongelaufen. Auch die andern hatte eine Erregung gepackt, daß ihre Zähne in der Finsternis klapperten.

Was sollte man tun? Hans machte wieder Licht, auf die Gefahr hin, von der Grubenrunde gesehen zu werden. Aber – die Hand zitterte ihm, daß das Licht heftig flackerte. Die Decke war wieder um zwei Hände tiefer. Sie sank also doch. Unmerklich, langsam, wie es des Schwemmsandes Art. Schon war der Schacht an dieser Stelle so niedrig, daß man nur noch kriechen konnte.

Die Verschworenen auf der Lauer

In spätestens einer halben Stunde war der Stollen sicher geschlossen.

Sie wären alle davongegangen, aber eine eigene Angst lag ihnen wie Blei in den Füßen und bannte sie an den Ort ihres Verbrechens. Keiner sprach ein Wort. Eine Viertelstunde verging in der Dunkelheit. Man hörte nichts als das Fallen der Tropfen im Schacht, das unbestimmte dumpfe Rauschen in den Wasserseigen und dazu das Plätschern des Regens draußen, der mit vermehrter Macht niederging. Man sah nichts als einen unbestimmten Schein vom Stollenmund her, weil selbst die finsterste Nacht nicht so dunkel ist wie das Eingeweide der Erde.

Sie horchten angestrengt. Worauf? Sie wagten es sich nicht zu sagen. Warum blieben sie überhaupt hier? Sie wußten es nicht.

Der Schwabe schlug wieder Feuer. Sie erblickten gegenseitig ihre verstörten Mienen. Es durchrieselte sie kalt, als sie kaum mehr eine Land breit von der schwarzen Öffnung sahen. Es ging nun offenbar schneller. Da konnte kein Mann mehr heraus. Aber er konnte noch um Hilfe rufen.

»Wenn's morgen graben, …« sagte halblaut der Bastele. Er wagte nicht, den Nachsatz auszusprechen. Aber der Kretin hatte verstanden. Leise, unhörbar schlich er weg. Es dauerte keine zehn Minuten, da drang aus dem Spalt ein starkes Rauschen.

Was war das? Kurz darauf erschien der Barthele wieder. »Kommt,« sagte er heiser. »Die Wasserseige?« fragte ihn unhörbar der Blaurock. Er nickte mit einer so gierigen Wildheit, daß es dem Alten eiskalt durch die Glieder ging. Der Junge hatte vom oberen Horizont Wasser in die einzige Verbindungsfahrt geleitet. Wenn jener nicht erstickte, mußte er ertrinken bis morgen früh im langsam steigenden Wasser.

Da ertönte ein Brüllen. Ganz dumpf, durch die Erde gedämpft. Unterirdisch, es hatte nichts Menschliches an sich. Wie von Geißelschlägen getroffen, flohen sie dahin, stolpernd, sich wieder aufraffend … Jetzt war das Grubenhaus erreicht … Nun waren sie im Freien, im strömenden Regen … verschwunden in der dicken Nacht.

Da bogen aber auch die zwei wachehabenden Knappen ein auf dem Weg zum Grubenhaus.

»Mir ist's fast so g'wen, als ob da ein paar laufen tät'n,« sagte der eine. Aber der andere lachte ihn aus, und sie gingen in die Wachstube und meldeten, im Triefestollen wäre alles in Ordnung und ruhig.


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