Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Obwohl die Schwämme ( Spongiae) in einzelnen ihrer Vertreter sowohl für den menschlichen Haushalt (Badeschwamm) als noch mehr für die Gestaltung der Küstenländer in vielen Gegenden der Erde (Bohrschwamm) von Wichtigkeit geworden sind, stehen sie doch tief unten auf der Stufenleiter tierischer Entwicklung. Sie sind die niedrigsten aller vielzelligen Tiere, eigentlich überhaupt gar keine richtigen »Tiere« mehr, sondern lediglich »Lebewesen«. Kein Wunder, daß man lange schwankte, ob man sie dem Tier- oder Pflanzenreiche zuweisen solle, und daß noch 1858 der tüchtige holländische Naturforscher van der Hoeven sie zu den Pflanzen rechnete. Da sie weder Bewegungs- noch Sinneswerkzeuge, weder Nerven noch Muskeln haben, ja oft nicht einmal eine fest umrissene und bestimmte Form, wird auch jeder Laie sie eher für Pflanzen als für Tiere halten, und es bedarf schon einer genaueren Untersuchung, um hinter ihre tierische Natur zu kommen. Früher kümmerte sich die Forschung überhaupt fast nur um die im Schwammgerüst hausenden Krebse, Würmer und sonstigen Seetiere, ohne viel danach zu fragen, wie deren durchlöcherte Wohnung eigentlich entstanden sei, oder gar die zarte Gallerte näher zu untersuchen, die die Höhlungen eines solchen Gebildes größtenteils ausfüllte. Was wir im Hinblick auf den allbekannten Badeschwamm als »Schwamm« zu bezeichnen pflegen, ist ja gar nicht das Tier selbst, sondern lediglich das Stützgerüst, das Skelett gewissermaßen eines Tieres oder vielmehr eines Tierstockes, einer Tierkolonie von rückgebildeten, polypenartigen Lebewesen. Im Leben sieht ein solcher Schwamm denn doch etwas anders aus als getrocknet und gereinigt in unserem Badezimmer. Er ist dann nämlich auf seiner ganzen Oberfläche noch von einer dünnen, unansehnlichen, schwärzlichen Oberhaut überzogen, und seine Hohlräume sind erfüllt von einer gallertartigen, weichfleischigen Masse (Sarkodezellen), die teilweise schon beim herausheben des Schwammes aus dem Meerwasser ausfließt, zum restlichen Teile aber sich durch Drücken leicht herauspressen läßt. Die einzige Lebensäußerung, die wir an einem auf dem Meeresboden festsitzenden Schwamme bemerken, ist ein kräftiger Wasserstrahl, der von Zeit zu Zeit mit ziemlicher Gewalt wie aus einem Springbrunnen aus einem der großen Löcher ( Osculum) herausgeschleudert wird, die wir von jedem Badeschwamm her kennen, wir wissen aber, daß ein solcher außerdem noch eine große Menge feiner, nadelstichartiger Poren aufweist, und diese sind die Eintrittsöffnungen für das sauerstoffhaltige und mit Nährstoffen beladene Wasser. Das können wir freilich zunächst nicht deutlich sehen, aber mir werden uns leicht davon überzeugen, wenn wir dem Wasser etwas Farbstoff (am besten Karmin) oder Milch zusetzen. Dann läßt sich verfolgen, wie die Farbkörnchen oder Fetttröpfchen durch die Poren eingeschluckt und in verzweigten Kanälen weiter geleitet werden, bis sie in bläschenartige Erweiterungen gelangen, deren Innenwandungen mit geißeltragenden Kragenzellen ausgekleidet sind, von diesen Geißeln werden die Nährpartikelchen lebhaft herumgepeitscht, schließlich gegen die Wandung der Parenchymzellen gedrückt und von diesen aufgenommen, um zum Besten des Sarkodeplasmas Verwendung zu finden. Unverwendbare Reste werden mit dem filtrierten Wasser in der schon geschilderten Weise durch das Osculum wieder ausgestoßen, das zugleich auch als Auswurföffnung für die Geschlechtsstoffe dient. Damit haben wir also den ganzen Ernährungskreislauf des Schwammtierstockes vor uns: er kann sich nur solche Nährstoffe einverleiben, die in sein verteiltem Zustande in seinem Atemwasser enthalten sind.

Die Mittelschicht der tierischen Fleischmasse scheidet das Stützgerüst aus, während die Oberschicht als Oberhaut und die Innenschicht zur Bildung der Sarkodezellen Verwendung findet. Das Ausscheidungsprodukt ist aber sehr verschiedener Art, beim Badeschwamm z. B. hornig als sog. Spongin, das den Hornfasern der Säugetiere nahesteht, aber weicher und biegsamer, anschmiegender und ausdehnbarer ist als diese. – Man bezeichnet solche Schwämme als Hornschwämme, viele von ihnen haben aber auch schon kieselige Einlagerungen von oft sehr zierlicher Gestalt und leiten so ungezwungen zu den Kieselschwämmen hinüber, die in den wundervollen Glasschwämmen ihre schönste Ausbildung erreichen. Setzt sich dagegen das Stützgerüst aus kalkigen Bestandteilen zusammen, so sprechen wir von Kalkschwämmen. Nur die Hornschwämme kommen ihrer Weichheit wegen für den menschlichen Gebrauch in Betracht und auch von ihnen nur wenige Arten, die von kieseligen Beimengungen vollkommen frei sind. Die Hornschwämme sind in den deutschen Meeren gar nicht, die Kalk- und Kieselschwämme nur in wenigen und meist kümmerlichen Arten vertreten, um so üppiger aber in warmen Meeren entwickelt, Schon mit einer guten Lupe vermag man die Kalk- und Kieseleinlagerungen zu erkennen, und bei stärkerer Vergrößerung entpuppen sie sich oft als überaus zierliche Gebilde in Form von Nadeln, Spießen, Quirlen, Sternchen, Kugeln, Haken, Bogen, Ankern usw. Bei den Glasschwämmen, die sich mit einem bartartigen Büschel langer Kieselfäden fest im Meeresschlamm verankern, entsteht dadurch ein wundervolles Gittergerüst, das wie ein glasgesponnenes Kunstwerk aus Menschenhand anmutet. Es erregte ungeheures Aufsehen, als zuerst der berühmte Forschungsreisende v. Siebold eine artenreiche Sammlung solch wundervoller Glasschwämme aus Japan nach Europa brachte, aber es dauerte noch geraume Zeit, bis sich die Gelehrten über die wahre Natur dieser rätselhaften Gebilde klar wurden. In ihrer Heimat werden kleinere Arten von den Frauen als Haarschmuck benützt, größere als Zierat in den Zimmern aufgestellt. In dem hierher gehörigen Gießkannenschwamm lebt fast regelmäßig ein Pärchen Garneelen aus der Gattung Palaemon. Wahrscheinlich schlüpfen diese Tierchen schon als jugendliche Larven in das schöne schützende Gitterwerk hinein und werden bald so groß, daß sie das freiwillig gewählte Gefängnis nicht wieder verlassen können. An der englischen Küste sammelt die hoffnungsvolle Jugend der Fischerdörfer fleißig die dort vorkommenden kleinen Kieselschwämme, trocknet sie und stellt dann zum Ärgern der Lehrer und anderer mißliebiger Personen ein Juckpulver aus ihnen her, wozu sie sich wegen ihrer feinen Kieselnadeln vorzüglich eignen. Weit weniger Anziehungskraft als die zartgebildeten Glasschwämme haben für den Laien die unansehnlichen und formlosen Kalkschwämme, aber dafür sind sie in rein wissenschaftlicher Beziehung von höchstem Interesse. Hat doch Haeckel in seiner großartigen Monographie der Kalkschwämme nachgewiesen, daß kaum irgendein anderes Lebewesen sich so sehr zu lehrreichen Studien über die Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit der Art und über die dabei wirksamen Ursachen eignet wie gerade die scheinbar so langweiligen Kalkschwämme. Die meisten von ihnen gehören der Uferzone an, aber andere Arten bewohnen die Tiefsee und haben es unter deren ruhigeren Verhältnissen zur Ausbildung regelmäßigerer Formen in Gestalt von Röhren, Sträuchern, Fächern usw. gebracht oder sitzen auch wohl auf kurzen Stielen (Abb. 10). Gegen Schwankungen im Salzgehalt des Seewassers sind alle Kalkschwämme äußerst empfindlich und ebenso auch gegen eine zu starke Belichtung. Daher findet man nach Haeckel die Arten, die sich am liebsten auf Felsen und Steinen ansiedeln, vorzugsweise in Höhlen und Grotten der Meeresküste, in Felsenspalten und an der Unterseite von Steinen. Die meisten Arten leben im Tangdickicht, in dem schattigen Konfervengebüsch und den dunklen Fukoideenwäldern, und je dichter diese Algen an felsigen Küsten beisammen wachsen, je weniger Licht zwischen ihr Astwerk hineinfällt, desto eher darf man hoffen, Kalkschwämme zwischen ihren Ästen verborgen zu finden. Diese Liebe zur Dunkelheit veranlaßt auch viele Kalkschwämme, sich im Inneren von leeren Tiergehäusen, Muschelschalen, Schneckenhäusern, Seeigelschalen, Wurmröhren und anderen anzusiedeln. Die Mehrzahl der durchwegs kleinen und unansehnlichen Kalkschwämme sieht kreideartig aus und fühlt sich auch kreidig an.

Einer der merkwürdigsten Schwämme ist der im Dünengeröll von Helgoland häufige Bohrschwamm ( Vioa), ein schwefelgelber Kieselschwamm, der sich gern in den Austerbänken ansiedelt und hier einigen Schaden anrichtet, indem er die Austerschalen siebartig durchlöchert; wenn er auch dem Muscheltier selbst nichts zuleide tut, so wird doch dessen Schale durch seine Bohrarbeit brüchig und dadurch die Widerstandskraft der Auster gegen ungünstige Einflüsse erheblich vermindert. Im Mittelmeer treten die Bohrschwämme massenhaft auf und durchlöchern hier die Kalkfelsen des Ufers so gründlich, daß leicht Wasser in sie eindringen und seine zerstörende Wirkung geltend machen kann, wodurch sich schließlich das ganze Landschaftsbild verändert, indem die abenteuerlichsten und zackigsten Felsenformen herausgemeißelt werden. Wie der Schwamm nun eigentlich bei seiner Bohrarbeit verfährt, weiß man noch nicht recht. Die Vermutung liegt ja nahe, daß er eine Säure absondert, die das Gestein oder die Muschelschale zersetzt und mürbe macht. Da die Tiere aber sogar durch Porzellan sich durchzubohren vermögen, kann eine solche Säure zum mindesten nicht ihr einziges Hilfsmittel sein. Marshall ist denn auch der Meinung, daß die Bohrarbeit sich lediglich auf mechanischem Wege vollzieht. Dünnschliffe des durchlöcherten Gesteins zeigen in der Tat, daß in jede der pockennarbigen Vertiefungen das Ende einer Kieselnadel des Schwammes hineinragt, wahrscheinlich werden diese frei hervorragenden Kieselnadeln durch die vom Schwamm erzeugte Wasserströmung bewegt und beständig hin und her gerieben wie der Stößel in einer Apothekerreibschale, und da sie bedeutend härter ist als das Kalkgestein, so muß dieses nach und nach abgescheuert werden. Eine rot gefärbte Art der Bohrschwämme ist im Mittelmeer so häufig, daß die Uferfelsen in der Höhe der Flutmarke wie mit einem ununterbrochenen roten Bande geschmückt erscheinen.

Die Schwämme können sich sowohl durch Knospung als auch auf geschlechtlichem Wege vermehren, indem aus den Eiern zunächst winzige, erst bei starker Vergrößerung unter dem Mikroskop sichtbar werdende Wimperlarven entstehen, die eine Zeitlang frei herumschwimmen, um sich dann mit ihrem Urmund festzusetzen und am entgegengesetzten Körperende eine neue Öffnung auszubilden. Ferner hat man namentlich bei noch jungen Schwämmen beobachtet, daß bei ungünstigen Ernährungs- und Daseinsverhältnissen die lebenden Sarkodezellen aus dem Gerüst heraustreten und sich im Wasser zerstreuen, ohne aber zugrunde zu gehen, während das verlassene Hornfasergerüst als tote Masse zurückbleibt. Jede dieser ausgetretenen Zellen kann sich durch Teilung vermehren und bildet im Laufe der Zeit einen neuen Schwamm. Die Schwämme stellen gewissermaßen einen merkwürdigen Übergang dar von den sog. einzelligen Tieren zu denen, deren Leib aus einer dauernden Verbindung zahlreicher Zellen sich zusammensetzt.

Der allbekannte Badeschwamm ( Euspongia) findet sich namentlich im östlichen Teile des Mittelmeers, recht zahlreich aber auch im Golf von Mexiko. Die besten Schwämme, die sich durch schön gelbe Farbe, Becherform, Kleinporigkeit, Weichheit und Geschmeidigkeit auszeichnen und zehnmal so hoch im Preise stehen wie die minderwertigen Sorten, kommen von der kleinasiatischen und syrischen Küste sowie von der Insel Naxos und einigen kleineren benachbarten Eilanden, deren ganze Bevölkerung von der Schwammfischerei lebt. Auch in Dalmatien wird diese eifrig betrieben, doch sind die dortigen Schwämme großporiger, brauner und lockerer, mit einem Worte minderwertiger, und das gleiche gilt auch von den griechischen und ägyptischen schwämmen. Die allerschlechteste Sorte aber ist die von den Bahamainseln. Tripolis liefert den sog. Pferdeschwamm ( Hippospongia), der sich tatsächlich mehr für den Viehstall als für den menschlichen Gebrauch eignet. Die Schwammfischerei ist ein mühseliges und bei dem Seltenerwerden der Tiere im allgemeinen auch wenig lohnendes Gewerbe, das von kleinen Segelkuttern mit 4–6 Mann Besatzung betrieben wird. Es gehört ein sehr scharfes Auge dazu, um die unten auf Felsen und Steinen sitzenden Schwämme zu erkennen, und dies wird natürlich am leichtesten sein, wenn das Meer völlig ruhig ist. Kräuselt ein leichter Wind die Meeresoberfläche, so wird sie durch Ausgießen von etwas Öl beruhigt. Im seichten Wasser werden die Schwämme mit einem langen Dreizack gespießt, im tieferen Wasser aber, wo die besseren Stücke sich finden, durch Taucher heraufgeholt, die unten auf dem Meeresgrunde die Tiere mit Messern loslösen und in Körbe sammeln. Bei dieser anstrengenden Taucharbeit wechseln die Leute in der Barke beständig untereinander ab, sind aber trotzdem nach einigen Stunden völlig erschöpft. Am Lande werden dann die Schwämme in Gruben voll Süßwasser so lange mit Füßen getreten, bis sich die schwärzliche Oberhaut völlig losgelöst hat und alle tierischen Schleimzellen aus dem Hornfasergerüst herausgepreßt sind. Nochmaliges sorgfältiges Auswaschen in Süßwasser macht die Ware dann marktfähig. Die feinen Sandkörnchen, die wir leider so oft in den frischen Badeschwämmen finden, rühren von betrügerischen Zwischenhändlern her und sollen die Schwere des Schwammes erhöhen, da im Schwammgroßhandel nach dem Gewichte verkauft wird. Leider wird die ganze Schwammfischerei als rücksichtsloser Raubbau betrieben, und die Hauptfangzeit fällt gerade ins Frühjahr, wenn die Schwämme mit junger Brut angefüllt sind. Da ist es kein Wunder, wenn die Schwämme immer seltener und entsprechend teurer werden, was im Interesse der Volksgesundheit sehr zu beklagen ist, denn es gibt kein idealeres Reinigungsmittel für die menschliche Haut als den Badeschwamm (die sog. Loofah-Schwämme sind doch nur ein sehr kümmerlicher Ersatz). Unter diesen Umständen lag es nahe, es mit der künstlichen Schwammzucht zu versuchen. Oskar Schmidt ist an der dalmatinischen Küste in dieser Beziehung bahnbrechend vorgegangen, indem er einfach größere Schwämme in mehrere Stücke zerschnitt, diese Teilstückchen an Steinen befestigte und so wieder an geeigneten Stellen im Meere versenkte. Die Erfahrung hat gezeigt, daß solche Teilstückchen sich wieder zu vollständigen Schwämmen auswuchsen, daß also eine künstliche Schwammzucht sehr wohl möglich ist. Leider wurden die Schmidtschen Zuchtanlagen von den dalmatinischen Fischern aus Aberglauben und törichter Mißgunst zerstört, und dadurch ist das vielversprechende Unternehmen vorläufig gescheitert. Bei dem erschreckenden Rückgang der Erträge der Schwammfischerei sollte es aber unbedingt in großzügigerem Maßstäbe wieder aufgenommen werden, und außerdem wäre auch die Einführung einer Schonzeit im Frühjahr nötig, damit die Schwammbruten sich ungestört entwickeln können.


 << zurück weiter >>