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Auch die Bewohner der Mittelmeerländer verzehren ja so mancherlei Meeresgetier, bei dessen Anblick uns ein gelindes Grausen ankommt. Eine besonders ergiebige Fundgrube für solche mehr oder minder seltsame Geschöpfe sind die für den Tierforscher überhaupt höchst anziehenden italienischen Fischmärkte. Da findet man z.nbsp;B. ganze Körbe angefüllt mit recht wenig verlockend aussehenden, mißgestalteten und mißfarbigen Knollen, die etwa an verschrumpelte und halbverfaulte Kartoffeln erinnern und auf ihrer ganzen Oberfläche mit einer Unzahl kleiner Meerestierchen der verschiedensten Art bedeckt sind. Ist nun dieses absonderliche Gebilde ein Tier oder eine Pflanze oder was sonst? Wir nehmen eines in die Hand, können aber weder Bewegungs- noch Sinnesorgane noch sonst irgend etwas Tierisches daran entdecken. Erst bei ganz genauer Untersuchung bemerken wir auf der lederartigen Oberfläche eine kleine, mit kreuzförmigem Einschnitt versehene Warze, aus der bei unsanfter Berührung ein dünner Wasserstrahl ausgestoßen wird. Also doch wohl ein niederes Meerestier? Aber sollten diese häßlichen Dinger wirklich eßbar sein? Der gefällige Verkäufer hat unsere zweifelnde Miene bemerkt und will uns die Sache gleich praktisch vorführen. Mit scharfem Messerschnitt durchtrennt er die zähe Haut des Rätselwesens, und in der Tat klafft uns nun der Inhalt wie leckeres Eigelb entgegen und wird von dem Italiener mit sichtlichem Behagen verspeist. Es gelüstet uns trotzdem nicht nach Nachahmung, denn wir erinnern uns einer Mitteilung Gustav Jägers, daß das Zeug bitterlich schmecke mit einem entschiedenen Anklang an faule Eier. Wir wissen jetzt nämlich bereits, womit wir es zu tun haben. Es handelt sich um Manteltiere ( Tunicata), und zwar um einen Vertreter aus der festsitzenden Gruppe der Seescheiden oder Sacktiere ( Ascidiae)(Abb. 2), offenbar um die bekannteste Art Cynthia microcosmos, die Jäger als »die größte Fratze des Tierreiches, das Urbild der schmutzigsten Unreinlichkeit, das Ideal des Schmarotzertums« bezeichnet. Ihren wissenschaftlichen Artnamen microcosmos führt sie deshalb, weil ihre ganze Manteloberfläche über und über mit allerlei kleinem Meeresgetier besetzt ist, das in den feinen Falten der rissigen Haut des Wirtstieres ruhige und gesicherte Schlupfwinkel für sein bescheidenes Dasein findet. Dieser die Seescheiden umhüllende Ledermantel ist zugleich ihr bestes Kennzeichen und hat ihnen zur Bezeichnung Manteltiere oder Tunicatae verholfen. Nur an zwei Stellen, nämlich an den schon erwähnten viergespaltenen Warzen, hängt er unmittelbar mit dem dünnhäutigen Sack zusammen, der alle Organe des Tieres umschließt. Der dicke und höckerige Mantel ist auch insofern sehr merkwürdig, als er größtenteils aus einem Stoffe besteht, der chemisch mit der Holzfaser der Pflanzen, der Zellulose, nahezu völlig übereinstimmt. Durch diese Entdeckung ist wieder einmal eine der künstlichen Schranken gefallen, die eine veraltete Forschungsart zwischen Tier- und Pflanzenreich errichtet hatte, denn früher hielt man ja die Zellulose für eine ausschließliche Eigentümlichkeit und deshalb auch für eines der Hauptmerkmale der Pflanzen.

Abb. 2. Seescheide.

Wollen mir uns nun näher über Bau und Naturgeschichte der Seescheiden unterrichten, so dürfen wir in den Lehrbüchern keineswegs da nachschlagen, wo die niedrigsten Lebewesen abgehandelt werden, sondern wir finden diese stumpfsinnigen Geschöpfe zu unserem lebhaften Erstaunen ziemlich hoch oben auf der Stufenleiter der Lebewesen, ja in vielen Werken an der Spitze der Wirbellosen, also in unmittelbarem Anschluß an die Wirbeltiere. Wie kommen denn diese form- und bewegungslosen Knollentiere zu einer derart bevorzugten Ehrenstellung? Nun, sie verdanken sie lediglich ihrer merkwürdigen Entwicklungsgeschichte, vor allem der Beschaffenheit ihrer Larven, denn das erwachsene und voll ausgebildete oder, richtiger gesagt, rückgebildete Tier verdient sie wahrlich nicht. Begreiflich genug, daß man es früher mit in das große Schubfach der Muscheln, Schnecken und Tintenfische warf oder es gar bei den Würmern unterbringen wollte, wußte man früher von der Fortpflanzung der Seescheiden doch weiter nichts, als daß sie Zwitter seien und Eier erzeugten. Erst der russische Naturforscher Kowalewsky hat uns in einer gründlichen, leider russisch geschriebenen Arbeit, die in Fachkreisen berechtigtes Aufsehen erregte, bekannt gemacht mit ihren zwar winzigen, aber äußerst merkwürdigen und hoch entwickelten Larven. Diese schwimmen frei und behende im Wasser herum, sind mit einem langen Schwanze ausgerüstet und haben viel Ähnlichkeit mit dem niedrigsten aller Wirbeltiere, dem berühmten Amphioxus lanceolatus, dem Lanzettfischchen. Wie bei diesem entwickelt sich als besondere Organanlage ein starrer, elastischer Strang, die sog. Rückensaite ( Chorda dorsalis), der als die Grundlage einer Wirbelsäule gelten kann. Er kommt aber bei den Manteltieren nicht zur Weiterentwicklung, sondern die Natur widerruft hier selbst den gemachten Fortschritt, indem die Larve sich festsetzt und nun Schwanz und Rückenseite und Fischgestalt restlos wieder verloren gehen. Der Fluch träger Seßhaftigkeit macht sich hier in schier unheimlicher Weise geltend. Ein Geschöpf, ganz dazu angetan, einen ungeheuren Schritt auf der Stufenleiter der Entwicklung aufwärts zu tun, verliert all sein Rüstzeug und wird zu einem formlosen Knollen, der nur noch die allereinfachsten Aufgaben tierischen Lebens zu lösen vermag. Die Natur ist hier in eine wahre Sackgasse geraten, und die Ausscheidung des Zellulosemantels versperrte vollends jeden Ausweg. Erst frei sich tummelnde Meerestiere vermochten dann eine höhere Stufe zu erklimmen.

Besser als die dickfellige Cynthia microcosmos eignen sich die fingerlangen Vertreter der schlankeren und zarteren Gattung Ascidia zu einer näheren Untersuchung, denn ihr Mantel mutet an wie mattes Glas, so daß man die inneren Bestandteile des Tieres deutlich durchschimmern sieht, vor allem bemerken wir auch hier wieder die beiden warzenartigen Öffnungen, von denen die obere als Mund zum Einlaß frischen, die mehr seitliche als After zum Ausstoßen des verbrauchten Seewassers dient, wie auch die Ausscheidungen des Darms und die legereifen Eier auf diesem Wege entfernt werden. Die Unterseite ist zu einer gelappten Fußwurzel ausgewachsen und fest auf dem Boden verankert. Die Mundöffnung führt in eine gegitterte Kiemenhöhle geräumigen Umfangs. Ein Nervenknoten findet sich oben zwischen den beiden Warzenöffnungen und dient zur Vermittlung verschiedener Sinneseindrücke. Ganz unten, also zwischen Geschlechtswerkzeugen und Fuß, dehnt sich das schlauchförmig gestaltete und mit einer wasserhellen Blutflüssigkeit gefüllte Herz aus, das insofern eine einzig dastehende Merkwürdigkeit darstellt, als es nach einer Reihe von Schlägen und darauf eintretender kurzer Pause plötzlich in der entgegengesetzten Richtung arbeitet, also den ganzen Blutkreislauf in bestimmten Zeitabschnitten völlig umkehrt! Nicht alle Seescheiden sind Einzeltiere, nicht alle pflanzen sich auf geschlechtlichem Wege fort; es gibt vielmehr eine große Anzahl kleiner Arten, die Tierstöcke bilden und sich lediglich auf dem Wege der Knospung vermehren. Die Einzeltierchen, deren Mundöffnungen sich wie zierliche Rosetten ausnehmen, sind in einen gemeinsamen Mantel eingebettet und bedienen sich auch einer gemeinsamen Auswurföffnung, während die Fußenden dicht verwachsen sind. So überziehen sie als bunte Polsterflecken Steine und Pfähle im seichten Meerwasser, und zwar mit Vorliebe an schattigen Stellen.

Tierstöcke sind auch die im Gegensatz zu den festsitzenden Sacktieren freischwimmenden Feuerwalzen ( Pyrosoma), bei denen die Einzeltierchen auf einer Walze wie die Stifte auf dem Zylinder einer Spieldose stehen. Sie sind es vor allem, denen wir neben anderen niederen Tieren die zauberhafte Erscheinung des Meeresleuchtens verdanken oder die doch dabei durch ihre Größe und die ausgesprochen grünblaue Farbe ihres Lichtes am meisten auffallen. Dieses ist so lebhaft, daß Bibra, als er während einer Seereise ein halbes Dutzend Feuerwalzen herausfing, von diesen eine Beleuchtung erhielt, bei der er in der sonst ganz dunklen Koje einem erkrankten Freunde bequem die Beschreibung der Tiere bei ihrem eigenen Lichte vorlesen konnte. Betupft man einen solchen Tierstock, so glimmen an der Berührungsstelle erst einzelne Lichtpunkte auf, verbreiten sich aber dann rasch über die ganze Walze, als ob zahlreiche Laternchen sich gegenseitig ansteckten. Die einzelnen Funken werden nach und nach heller, dehnen sich immer mehr aus und fließen in eine bläulichgrüne Lichtmasse zusammen, bis endlich der ganze Körper wie ein weißglühender Eisenstab im blendendsten Glanze erstrahlt. Durch Panceri wissen wir, daß das Leuchtvermögen von zwei Zellhaufen der Einzeltiere ausgeht, die man früher irrtümlich für die Eierstöcke gehalten hatte. Dazu stimmt genau, daß bei einer 8 cm langen und 4 cm dicken Feuerwalze 3200 Einzeltiere und 6400 Leuchtpunkte gezählt wurden.

Als der Dichter Adalbert von Chamisso, der auch ein sehr eifriger Naturforscher war, 1815 auf dem russischen Schiffe »Rurik« unter Kotzebue eine Weltumseglung mitmachte, hatte er vielfach Gelegenheit, sich mit der Untersuchung von Salpen ( Thaliacea) (Abb. 3), d.h. frei schwimmenden, glashellen Manteltieren zu beschäftigen, und dabei machte er eine Entdeckung, die zu den schönsten und wichtigsten gehört, die je auf tierkundlichem Gebiete zu verzeichnen waren. Er konnte nämlich feststellen, daß bei den Salpen die Tochter niemals der Mutter, sondern stets der Großmutter gleicht; mit anderen Worten, er kam als Erster auf die merkwürdige Erscheinung des sog. Generationswechsels. Zwar kannte man schon vorher Kettensalpen und Einzelsalpen, aber man hielt sie für ganz verschiedene Tierarten, wahrend Chamisso nachwies, daß es lediglich verschiedenartige Geschlechterfolgen der gleichen Tierart sind. Der Entdecker wurde wegen seiner vermeintlichen dichterischen Einbildungskraft von den Zunftgelehrten zunächst weidlich verspottet, aber ernsthafte Nachprüfungen haben später gezeigt, daß der Dichterforscher durchaus richtig beobachtet hatte, und seitdem ist Generationswechsel ja auch bei vielen anderen Tieren festgestellt worden. Die Einzelsalpen haben keine Geschlechtsdrüsen, sondern erzeugen an einer bestimmten Stelle ( Stolo prolifer) durch Knospung eine Reihe von Nachkommen, die aber alle gleichzeitig und eng zu einer Kette verbunden frei werden und als Tierstock zeitlebens in dieser innigen Verkettung verharren.

Abb. 3. Salpe.

Jedes Einzelglied der Kette ist Zwitter und erzeugt ein einziges Ei, aus dem sich eine neue Einzelsalpe entwickelt, eine sog. »Amme«, die nach vollendeter Knospung abstirbt, ohne jemals Geschlechtsdrüsen entwickelt zu haben. Ammen und Kettenglieder zeigen auch im Leibesbau mancherlei Verschiedenheiten; jene sind größer, stärker und haben zahlreichere Muskelringe. Die Durchsichtigkeit des zarten Gallertkörpers, der förmlich aus Duft und Glas gewoben zu sein scheint, läßt die Salpen sofort als Hochseetiere erkennen. Sie verbringen ihr ganzes Leben gleich den Quallen auf freiem Meere, bei ruhiger See nahe der Oberfläche, ernähren sich schlecht und recht von kieselschaligen Gittertierchen, werden durch Winde und Strömungen scharenweise an die Küsten und in die Buchten getrieben und geraten hier als unerwünschter Massenfang in die Netze der Fischer, verwertbar sind sie nicht, aber sie gehören namentlich in der Kettenform zu den wundervollsten Tieren des Meeres, denn die Durchsichtigkeit ihres Glasleibes ist so groß, daß man sie im Wasser gar nicht erkennen würde, wenn nicht einzelne dunklere Körperteile, namentlich der undurchsichtige Eingeweideknäuel, sie verrieten. Auch sie leuchten im Dunkeln, aber ihr Licht ist nicht so lebhaft wie das der Feuerwalzen, sondern sanfter, mehr milchig. Der Leibesbau der wurstförmig gestalteten Salpen stimmt im allgemeinen mit dem der Seescheiden überein, weist aber einige erhebliche Abweichungen auf, die eben durch das Freileben bedingt werden. So befinden sich die beiden Leibesöffnungen nicht nebeneinander, sondern an den beiden entgegengesetzten Körperenden. Kennzeichnend sind vor allem die schon erwähnten Ringmuskeln, die in einer je nach der Art verschiedenen Anzahl den Tonnenleib wie Faßreifen umgürten und ihn zusammenziehen oder ausdehnen können. Beim Schwimmen schluckt sich das Tier gewissermaßen durch das Wasser hindurch, indem das vom Munde aufgenommene und in die weite Leibeshöhlung einströmende Wasser durch kräftiges Zusammenziehen der Ringmuskeln gegen die schräge Kiemenwand und durch sie hindurchgepreßt wird, da eine sich schließende Klappe das Zurückweichen aus der Mundöffnung verhindert. Das Wasser wird daher mit ziemlicher Gewalt und in heftigem Strahl aus der hinteren Leibesöffnung herausgetrieben und so das Tier durch den Rückstoß vorwärts geschleudert. Es ist, meint Jäger, geradeso, wie wenn sich jemand durch den Kuchenberg nach dem berühmten Schlaraffenlande durchfrißt.


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