Wilhelm Fischer
Das Licht im Elendhause
Wilhelm Fischer

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VII.

Ob Wetzel recht hatte, diese Erscheinung am Himmel als ein böses Zeichen zu betrachten, oder nicht, so kam in der That eine Seuche von Sonnenaufgang, und wo sie schritt, da folgte ihr ein Sterben. Der Menschenleib verdorrte unter ihrem Anhauche, fiel wie welkes Laub zu Boden, und ward zum Bilde der grauenhaftesten Häßlichkeit, bevor er sank. Von Osten nach Westen schritt sie wie ein Riesenweib über Gebirg und 174 Thal, über Strom und Heide, und nichts hemmte ihren Lauf. Wohin ihr Fuß trat, da erlosch das Blühen: in der Einöde starben die Kräuter und auf bewohnten Stätten die Menschen. Da geschah es auch, daß Kaiser Friedrich, der Friedsame, aus Wien flüchtete und sich in seiner Burg zu Graz ansiedelte; denn hier hauste das Scheusal noch nicht verderblich wie anderwärts, und die Stadt ward gepriesen ob ihrer Geborgenheit und ihres Heiles. Es brachten zwar fremde Pilger das Siechtum auch in die Mauern von Graz mit; aber diese wurden im Elendhause eingeschlossen, das in einem finstern Winkel der Stadt lag, und niemand durfte sich diesem nahen, der noch mit andern Bürgern dieselbe Luft einatmen wollte; und niemand durfte aus jener dunklen Umhegung die lichten Plätze der Stadt betreten. Mit solcher Strenge waltete man des eigenen Heils gegen die Geschosse des schrecklichen Todes und bannte ihn noch zurück. Doch war die frohe Lust am Leben geschwunden, und Angst und Mißtrauen schufen gar oft weiten Raum zwischen dem Menschen und seinem Nächsten.

175 In dieser Zeit ging Diemut wie verloren umher, und Muhme Lene sagte, die Maid wäre ihrer Sinne nicht mehr mächtig. Aber des Nachts saß Diemut auf ihrem Bette und streckte die Hände gegen den Himmel aus, und es war eine Finsternis in ihrem Herzen ohne Lichtstrahl.

Da geschah es plötzlich, daß sie aus dem Hause entschwunden war. Und Wetzel und Dietmer mochten vergebens nach ihr suchen; sie fanden sie diesmal nicht, und sie kam nicht wieder. Muhme Lene murrte und schalt, da ihr die Hilfe in der Wirtschaft fehlte, und sagte: die Maid sei von keiner guten Art und werde verderben, wie sie es, die scharf blickende Frau, oft voraus verkündigt.

Da verbreitete sich hie und da das Gerücht, daß in das Elendhaus eine wunderschöne Magd eingekehrt sei, die mit schier himmlischer Barmherzigkeit die grauenvollen Siechen tröste und hilfreich pflege; und sie nannten sie das Licht im Elendhause. Zu den frommen Schwestern der Dominikanerinnen kam sie zuweilen des Nachts an die Hofpforte und bat um Arzenei und 176 Speise für die Siechen, und sie gaben ihr um Gottes willen, was sie begehrte. Von ihnen war die Kunde ausgegangen und hatte sich in der Stadt verbreitet, und niemand wußte, wer es war, die man das Licht im Elendhause nannte. Da wollte die Oberin des Klosters die Magd sehen, die sich so mit Pflege der entsetzlichen Pestkranken unterwand. Als man ihr meldete, daß jene wieder gekommen sei, ging sie selbst zur Hofpforte; und weil es finstere Nacht war, ließ sie eine Fackel voraustragen, bei deren Scheine sie das Antlitz der Magd sehen wollte.

Diese stand draußen vor der Pforte in der Dunkelheit, und der Schein der Fackel fiel auf sie. Da sah die Oberin ihr Antlitz, daß es klar und lieblich sei, und verwunderte sich, daß sie bei solcher Jugend den grauenhaften Siechen mit Pflege diente. Auch lag Gottes Schutz sichtlich auf ihr, da sie in so verpesteter Luft wundersam heil und frisch blieb. Die Oberin schrak nicht davor zurück, die Hand der Magd mit Gruß zu berühren und ihr in das Antlitz zu blicken. Sie ließ ihr dann den Korb mit begehrter Arznei 177 und Speise füllen, und bat sie auch, des Tages an die Pforte zu kommen, um Gaben zu nehmen, die den Siechen frommten; denn keine Klosterfrau werde sich scheuen, die Magd zu berühren, die aus dem verpesteten Hause so rein und lieblich hervorgehe. Diese nahm sodann mit Dank Urlaub von der Oberin und kehrte zurück in die Nacht und an die Stätte des Jammers, woher sie gekommen war.

So geschah es, daß sie auch am Tage zur Pforte kam, wie ihr geheißen wurde, und die Leute sahen sie und wußten, daß sie aus dem Elendhause komme. Da hob sich zwiefaches Gerede unter ihnen. Die einen schalten die Ungebühr, daß sie sich unter die übrigen Menschen mengen wolle, um ihnen Unheil zu bringen; die andern blickten sie staunend an und sprachen: das ist das Licht im Elendhause!

Zur selben Zeit kam aber Muhme Lene mit Wetzel aus der Mehlgrube, wo sie für Küchenkasten und Bodentruhe den Vorrat eingekauft hatte, und bemerkte, wie die Leute erregt auf eine einsam schreitende Maid hinüber deuteten, 178 die auf die Klosterpforte der Dominikanerinnen zuging. Sie trug einen Korb in der Linken, die rechte Hand hing lässig herab, und das Haupt hatte sie zur Seite geneigt, daß man ihr Antlitz nur halb sah.

Da rief Wetzel plötzlich auf: »Das ist Diemut!« –

»Die dort? Sie kommt aus dem Elendhause,« erwiderten die Leute.

Als die Maid ihren Namen laut rufen hörte, blieb sie stehen und blickte hinüber. Ihr Antlitz war bleich, aber aus ihren Augen kam ein Lichtschimmer, der es verschönte; so daß sie, die aus dem Elendhause kam, vielen Leuten nicht grauenhaft, sondern schier lieblich erschien. Aber einige wandten sich dennoch entsetzt von ihr ab. Wetzel stellte die Butte mit Mehl, die er auf dem Rücken trug, auf die Erde und wollte auf die andere Seite der Gasse hinüber eilen, wo Diemut stand. Aber Muhme Lene, die alles beobachtet hatte, fragte ihn streng, wohin er wolle.

»Seht Ihr nicht, Meisterin? Das ist ja Diemut!« erwiderte er. »Das Herz hüpft mir 179 im Leibe, daß ich sie wiedersehe, und ich will sie begrüßen.«

Da sprach Muhme Lene: »Geh' hinüber zu ihr, die von dem verpesteten Orte kommt; aber das Haus, wo du bisher weiltest, wirst du nicht mehr finden. Es wird dir verschlossen bleiben, und über seine Schwelle wirst du nicht mehr treten.«

Da stand Wetzel eine Weile ratlos und unschlüssig; sein Herz zog ihn mächtiglich zu ihr hinüber, die drüben stand. Er sah, wie sie noch immer kindlich blickte, wie einst, wo er sie Diemutlein hieß und ihr alles zu willen that, wenn die andern wider sie waren. Aber der Gedanke, daß er ohne Dach und Fach in seinen alten Tagen aufs neue Unterkunft suchen müßte bei fremdem Meister überwog in ihm und seufzend sprach er:

»Das ist meine größte Klage, daß ich ihre Hand nicht zum Gruße fassen kann. Aber Ihr, Meisterin, verbietet es mir, und so muß ich gehorchen.«

Er nahm seine Last wieder auf den Rücken 180 und folgte Muhme Lene, die voranschritt mit strengem, faltigem Gesicht unter der breiten Haube. Er konnte es aber nicht verwinden, daß er vor Diemut geflohen war, wie die andern, und sprach bei sich: Mein Herz gehabt sich sehr übel; denn ich habe Untreue geübt an dem Kinde, das ich aufwachsen sah von klein auf. Das muß mir als Missethat gelten mein Leben lang. Und doch! mußte es nicht sein? Wie konnte ich alter Geselle mir das Haus der Meisterin verweisen lassen, um noch einmal das Handwerk auf fremdem Boden zu grüßen, wo mich niemand mehr willkommen heißt! So muß ich der harten Welt und dem Gebot der Meisterin dienen. Das sei Gott geklagt!

Er ging trübe seiner Arbeit nach, und sein Mut war herabgedrückt. Dietmer wollte er das Ereignis mitteilen. Dieser hatte inzwischen an seinem Meisterstücke gearbeitet, und obgleich ihm nicht der Sinn danach stand, etwas Redliches zustande gebracht. Das wohlgestaltete Faß ruhte aus gutem, getrocknetem Eichenholz, ohne Reifen, fest und sicher gefügt; und als sie es zur Probe 181 mit Wasser füllten, floß kein Tropfen heraus. Er zeigte es Wetzel, der ihm schon früher dabei mit Rate geholfen, und dieser war zufrieden mit dem stattlichen Werk.

»Aber was nützt es,« sagte er, »in dieser angstvollen Zeit, wo der Bürger sich an keiner Festlichkeit erfreuen mag und um sein Leben besorgt ist! Ach, Dietmer, weißt du es auch? Ich habe das Licht im Elendhause gesehen und bin daran zum Missethäter geworden. Weißt du, wer es war?«

Und erzählte ihm klagend seine Begegnung mit Diemut und daß er ihr nicht zum Gruße nahen durfte, sondern vor ihr fliehen mußte, wie vor einer Verpesteten. Er habe seinen Willen in die Hand der Meisterin gegeben und sei nun wie einer, der kein Herz mehr im Leibe habe.

Dietmer horchte schweigsam der Rede und verlor kein Wort davon. Sein Haupt senkte sich zur Brust, und was sein Antlitz sprach, das wußte Wetzel nicht. Er bemerkte nur, daß Dietmer noch immer nicht die Lippen öffnete und fragte: 182 »Was sagst du dazu? Das sei geklagt! Scheint die Sonne, so bin ich ihres Lichtes nicht mehr froh!«

»Ich auch nicht,« sagte Dietmer.

Und weiter bekam Wetzel von ihm nichts zu hören; also verließ er ihn trübe wie er gekommen war und dachte: Einst hielt ich mich für einen werten Gesellen. Nun bin ich an meinem Werte geschmälert, so weit mich der Gürtel umfaßt.



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