Heinrich Federer
Der Fürchtemacher
Heinrich Federer

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5.

Sieben Wochen schon war Peter im Wasserturm gelegen, als man ihm am 23. Wintermonat spätabends zum erstenmal weißes Brot und ein Glas Wein auf den Boden stellte und fragte, was er noch zum letzten Nachtessen wolle, Gebratenes und Gebackenes dürfe er haben.

»Ein Stück saubern Entlebucher Käse, sonst nichts.«

Er schnupperte an dem schönen, gelben Stück wie ein Kind, das zuerst riecht, bevor es ißt. Das ganze Entlebuch duftete aus dem Käse, seine tiefen Stuben und braunen Dörröfen, seine Wecken und Bratwürste, die Ratsherrenmäntel und alten, schmalen Kirchen, seine Ställe mit zweigefleckten Rindern, sein Birnenmost, sein Bergheu, seine Alpenrosen, Kuhreihen, Fastnachtstänze und – seine Freiheit! Ach, wie viel Freiheit hatte es noch! Er aber konnte nicht drei Schritte vom Pflock, und morgen lag er, den Kopf zwischen den Beinen, im kurzgehobelten und nicht einmal schwarz angestrichenen Sarg.

Aber er fürchtete sich nicht mehr. Nur die ersten Wochen hatte er feig ums Leben gemarktet. Dann, als alles nichts half und die Folter seine Glieder verdorben hatte, gewöhnte er sich allmählich ans Sterben, wie er sich an die Ratten gewöhnt hatte, die ihm beim Schlafen um die Füße raspelten. Es waren ihrer drei. Zwei davon wurden zutraulich, fraßen ihm aus der Hand und gehorchten, wenn er sie wegwies. Aber die dritte mit den kleinen, giftigen Äuglein kam nie herzu, und es schien, als hielten sich ihre beiden Schwestern furchtsam von ihr ferne. Aber aus dem dunkelsten Winkel wußte sich Peter von ihren grünen Blicken ununterbrochen beobachtet. Ihn graute nach und nach vor ihr. Als er einst von einem bangen Traum aufschreckte, fühlte er ihre kalte Schnauze durchs Hemd nach seinen Narben auf der Brust schnüffeln, die greuliche. Er bekam sie am Schwanz und schleuderte sie voll Ekel an die Mauer. Aber am Morgen lag sie ohne Schaden in der gleichen Ecke und starrte ihn mit den alten boshaften Augen an. Um sie zu kränken, des Teufels Großmutter, wie er sie schimpfte, fütterte er nun die beiden Genossinnen mit besonderer Aufmerksamkeit und schenkte ihnen von den Zwetschen, die der barmherzige Schließer ihm am Leodegaritag heimlich zugehalten hatte. Der andern spie er die Steine an. Folgenden Tags lagen die zwei zerbissen an der Wand, während die Mörderin aus ihrem Schlupf hervorgrinste. Wütend warf ihr Peter mit den entfesselten Armen Kot und Stein an den Höcker. Sie schrumpfte ein wenig zusammen, blähte sich wieder, aber kroch nicht vom Fleck und lag vor- und nachher in aller Behaglichkeit da. Jählings erinnerte er sich an jenes Insekt in der Bruderklausenzelle und wie er damals geprahlt und auf keinen Rat gehört hatte. Da war nun die Bescherung. Es geschah ihm recht. Aber der Bruder Klaus wird ihn nicht im Stich lassen. Sein Wort: Es wäre besser, die Freiheiten fielen zusammen als die Gewissen, ging ihm jetzt wie ein Sonnenstrahl ein. »Das ist's, ja das! Meine Freiheit liegt in Scherben. Dafür steht mein Gewissen aufrecht. Alles hab' ich bekannt und bereut, was ich fehlte, und will's auch ehrlich büßen . . .« Ganz wohl ward ihm trotz der verrenkten Glieder, und er rief: »Dumme, alte Ratte, machst mir Freud', bist mir ein Gruß vom Bruder im Ranft. Ein ander Gewändlein hast, aber das gleiche widerwillige Knechtlein Gottes mußt halt doch sein. Hör' also: Wenn du den Heiligen wieder einmal siehst, so grüß' ihn mir stramm und richt' ehrlich aus, daß ich dich keinen Pfifferling mehr gefürchtet hab', seiest du Horniß oder Ratz oder Geiger oder falscher Klaus oder Junker oder Beil. . . . Das friß in Gottes Namen und diesen Zwetschenstein, du Zwitter aus Staub und Stank!« . . . Das war selbst für einen Teufelsmagen zuviel. Verschwunden war die Ratte.

Aber wie zur guten Antwort drang nun ein warmer Menschenton in dieses von aller Welt abgesperrte Loch. Bruder Klaus grüßte. Und den Gruß eines solchen Übermächtigen durften die Herren, die sonst nicht einmal von den eigenen Kindern eine Silbe zum Vater ließen, nicht totschweigen. »Bruder Klaus grüßt und sagt: Fürchte dich, Peter, aber nicht wie ein Hase der Welt, solche sind Kunegger und Bürgler und verdecken ihr Gewissen vor dem Herrgott und seiner Sonne. . . . Wie ein Hase Gottes fürchte dich . . . fürchte also das Leben dahier in Unmuß und Narretei und allerlei Trug. Lauf, lauf solcher Krankheit davon und freu dich am ewigen Gesundsein drüben, wohin dir am liebsten gleich auf der Ferse folgte: dein Bruder Klaus. . . .«

Nach solchem Segen begann Peter mit Appetit zu essen. Als aller Käse verzehrt, die Suppe ausgelöffelt, aber der Becher Veltliner unberührt geblieben und noch das Letzte mit dem Geistlichen besorgt war, führte man den Entlebucher in das bessere obere Gefängnis, das eine Pritsche mit gutem Laubsack besaß, worauf der Delinquent nach drei Schnäufen schon einschlief. Es war eine lautere und totenstille Nacht wie vor einem Föhnsturm. Auf einmal erwachte Amstalden von einem prächtigen Lärm, der durch die Gitter hereinklang. Dreschten seine Bauern daheim? Hopsten seine Buben im Sternen? Schwang man schon Nidel und jodelte dazu und läutete die schweren Samiklaus Trincheln ums Dorf oder spielten gute Freunde ihm gar einen Abschied vor dem Turm? . . . »Meinetwegen . . .« Er schlief gleich wieder ein und so tüchtig daß man ihn zur Hinrichtung am Morgen fast nicht wecken konnte. Erst als der Büttel ihm auf die Brustnarbe stieß, ward er völlig wach. »Was war das für eine Musik heute nacht? Kamen Entlebucher in die Stadt?« fragte er beim Anziehen des Armsünderhemds. Der Sekretarius Diebold Schilling nickte, aber mußte sich abkehren, als ihm Peter dafür dankbar die Hand bot. Die Hochzeit des jungen am Rhyn ward ja gestern gefeiert und auf Befehl des Frechlings mußte die Musikbande nach dem Gelage präzis am Wasserturm vorbei über die Kapellbrugg johlen und stampfen.

Der Winter war über Nacht hereingebrochen, es schneite und windete schwer über den Fischmarkt, wo das Schaffott stand. Elf Sprossen hatte die Leiter. Amstalden zählte sie und fehlte keinen Tritt. »Nun ist's halt doch so«, spaßte er zum Scharfrichter, »hoch sitz' ich heut über den Herren. . . .« Viel Volk stand unten. Im Schneegeflock und schwachsichtig geworden in der fensterlosen Haft, erkannte er keinen der lieben Entlebucher Musikanten. Drum lachte er alle gleichmäßig dankbar an. Dann schaute er zum Pilatus, und Bitterkeit wollte ihn überkommen. Wie hatte doch der Käse gestern geschmeckt, und wie würde er noch lange schmecken! Und erst der Kuß seines jüngsten Knaben, des vierzehnjährigen wilden Konrad! Und wieder einmal Kilbi auf der Alp dort hinten und Most und Jauchzer und . . .

Hase Gottes, lauf, lauf aus der Narretei!

»Hast recht, du himmlischer Schlaumeier im Ranft . . . bist ja auch aus der Welt gelaufen . . . freiwillig du . . . ich wohl gezwungen . . . aber nun gern . . . ade, ich fürchte nichts mehr . . . nun kommt das Schönste und Freieste! . . .«

Er wollte den Kopf auf den Eichenklotz legen, da hörte er unten Bürgler! Bürgler! rufen. Und sofort flackerte der grimmige Entlebucher Witz nochmals in ihm auf. Er rutschte sich am Block empor, streckte die Hände mit ihren fleckigen Verbänden über die Dächer gegen Obwalden und rief: »Ein schlechtes Geschäft macht ihr mit mir, Luzerner . . . den magern Hasen schlachten und den fetten Fuchs laufen lassen. . . . Aber eineweg schrei ich: Bürgler, Bürgler, wer forcht sich zum End, du oder ich?«

Als dann das rosige Entlebucherblut in den Schnee tropfte, rief ein Kind, ein ganz verwirrtes: »Der Schnee brennt! der Schnee brennt!« Und wirklich, mehrere Junker wie die Brüder Pfyffer, der Hasfurter und der alte am Rhyn, die mit einem erfrorenen Herzen hergekommen waren, trugen jetzt ein kleines Feuer heim. Und in dieser hübschen Seelenwärme beschlossen sie in der nächsten Sitzung des Kleinen Rates, dem Entlebuch nicht den jungen am Rhyn, wie schon abgemacht war, sondern den milden und besonnenen Ruedi Ambühl zum Landvogt zu setzen und auch Salz, Mehl und die Elle Leinen im Ausmaß um drei Angster billiger abzugeben.

Um die Zeit war es, daß Bruder Klaus wieder ein hübsches Stück an der Kröte weiterschnitzelte. Aber bald ward das Messer stumpf. Es ist noch nicht Zeit, dachte der Kluge und legte geduldig das Werkzeug beiseite. Der Fürchtemacher aber zeigte sich nirgends. Er hatte sich in den Schatten des Heinrich Bürgler verkrochen.


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