Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Venus Kallipygos

Lili Ahlfeldt fuhr zum Malerball und da sie eben die Aphrodite von Pierre Louys zum dritten Male gelesen hatte, von den Liedern des Bilitis ein halbes Dutzend auswendig kannte, und auch wirklich recht gut hersagte, so war es natürlich, dass sie als Alexandrinerin kam. Lili Ahlfeldt hatte eine seltsame Vorliebe für das, was sie sich unter Halbwelt dachte. So liess sie denn keine Gelegenheit vorübergehen, wann sie irgendwo ein solch »armes Ding« vorstellen konnte. Da nun Lili Ahlfeldt die schöne Literatur, soweit sie frisch aus der Buchdruckerpresse kam, gründlich studierte, so hatte sie immer einen neuen Gedanken für ihre Redoutenkostüme, den ihr Mann und ihre anderen Verehrer jedesmal sehr »avancé« fanden. Sie war auf dem 94er Novemberfest die erste »Trilby« – drei Monate nach Du Mauriers grossem Erfolge in England. Sie machte im folgenden Jahre als Urbild der Barrisons, kurz nach dem Erscheinen von d'Aubecq-Lindners Buch, ein tolles Aufsehen und gar ihre Madame-Passepartout, nach Gaulkes satirischer Komödie, war ein vollendeter Erfolg.

Heute nun erschien sie als Chrysis und konnte mit wohlberechtigtem Lächeln das Kompliment des Rittmeisters quittieren: »Sie haben sich selbst übertroffen« – – Aber da meine hübschen (fein gesagt!) Leserinnen gewiss ebenso literarisch obenauf sind, wie Frau Lili Ahlfeldt und also den Faltenwurf der alexandrinischen Cora Pearl genau kennen, so kann ich mir die Mühe sparen, eine Seite aus Pierre Louys abzuschreiben, und die Herren, die mich auch lesen – nun, einmal lege auf sie gar keinen Wert, dann aber verständen sie doch auch nichts von griechischen Toiletten und endlich wette ich, dass sie den Blick nur auf Chrysis und auf Frau Lili Ahlfeldt richten, kaum aber Gewandstudien machen würden. Um die Wahrheit zu sagen: von Lili Ahlfeldt war sehr viel zu sehen, wirklich sehr viel, ich übertreibe nicht; da ist es denn weiter kein Wunder, dass alle diese eleganten Herren nicht genug von ihr sehen konnten, dass also Lili einen solchen Kreis von alten und jungen Frackschössen um sich versammelt hatte, dass selbst diese kleine Frau, die sich gerne rühmte, einen sehr weiten Horizont zu haben und Herrin einer jeden Situation zu sein, doch ein wenig kopfscheu wurde. Sie antwortete so gut es ging auf alle mehr oder weniger geistreichen Bemerkungen, von denen sie übrigens kaum die Hälfte verstand, und bildete sich ein, dass es Thackerays Beckchen Sharp in Gaunt-Hall kaum besser gemacht hätte. Aber als sie immer weniger von den Komplimenten ihres Hofstaates verstand, dem der Sekt und Frau Lilis offene Schönheit die Zunge löste, und als sie bemerkte, wie in einer ganzen Reihe von Fingern und Lippen um sie herum die Lust nach ihrer weissen Haut nur so kribbelte, da nahm sie rasch den Arm des jungen Bildhauers neben ihr und erklärte, er müsse sie gleich nach dem Büffet zu ihrem Manne führen, der habe ihr Riechsalz in der Tasche. – »Aber schnell,« rief sie, »sonst werde ich Kopfschmerz bekommen.«

Der Bildhauer drehte und schritt rasch mit ihr weg, natürlich war er froh, die schöne Chrysis ein paar Augenblicke für sich zu haben.

»– – – Sie wendet sich, – –

von hinten anzusehen –

– – der Racker ist doch gar zu appetitlich!« rief ihr der klassische Assessor nach, dessen einzige literarische Bildung im »Faust« bestand und der daher niemals versäumte, bei jeder Gelegenheit ein Zitat anzubringen.

Dass aus des Assessors, mit einem sehr erreichten Schnurrbarte bestandenen Oberlippen Goethe mephistophelisch zu einem Engel gesprochen hatte, verstand ausser ihm freilich keiner, aber dass er einen sehr guten Witz gemacht hatte, verstanden alle, und darum lachten sie mächtig zur grossen Genugtuung des klassischen Juristen, der auf den Bildhauer nicht wenig eifersüchtig war.

Dieser aber, der des Assessors Bonmot gehört hatte und ihm an Witz nichts nachgeben wollte, wandte sich zurück und rief dem grinsenden Frackträger bestätigend zu:

»Venus Kallipygos!«

Wahrhaftig der Assessor war geschlagen, denn des Bildhauers Witz (das muss ich selbst sagen!) war viel kräftiger und dabei auch viel mehr mystisch umschleiert, da von allen, die ihn hörten, (und das waren sehr viele, denn der Bildhauer hatte einen mächtigen Bariton) nur sehr wenige ihn verstanden; aber die ihn verstanden, – ein paar Maler und ein 18jähriger Primaner, der seinen ersten Ball mitmachte, fingen derartig an zu kreischen und zu wiehern, dass die anderen wohl oder übel mitschreien mussten.

»Venus Kallipygos! Venus Kallipygos!« heulte der dicke Kuhmaler, und der Gymnasiast, dem die Lachtränen über die Backen liefen und der schier zu ersticken drohte, flötete: »Venus Kallipygos.«

Der Bildhauer war der Löwe des Abends. Wie ein Lauffeuer verbreitete es sich durch die Säle: – »Sie, Doktor, – Frau Ahlfeldt schon gesehen, die schöne Frau Ahlfeldt? – Venus Kallipygos?!«

Oder: »Pst, Kurt, da kommt Frau Ahlfeldt! – Nein, geh nicht hin, bleib hier, einen Augenblick.« (Lili ging vorbei.) – »So – nun – schau – Kurt, schau, schau, schau! – Venus Kallipygos.« –

Donnerwetter, war der Bildhauer stolz! Und der Assessor platzte vor Neid und beide betranken sich heute noch mehr wie gewöhnlich.

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch Frau Lili diese allgemeine Ausgelassenheit bemerkte, deren Ursache sie war. Sie spitzte ein paarmal die Ohren, so recht konnte sie es doch nicht verstehen, Venus – Venus ... – was denn?

Da ging sie entschlossen auf ihren alten Freund, den dicken Rittmeister los, er solle ihr Bescheid sagen. Der drehte an seinem langen Schnauzbart, lachte und machte ein ungeheuer schlaues Gesicht, aber Frau Lili, die nicht dumm war, merkte sogleich, dass der Rittmeister diesen geheimnisvollen Witz gerade so wenig verstanden hatte, wie sie selbst und nannte ihn ein dummes Schaf (woran übrigens der Rittmeister schon gewohnt war) und liess ihn stehen, wo er stand. Sie frug noch ein Dutzend andere Herren: die einen lachten und wollten, nichts sagen, die anderen lachten und konnten nichts sagen. Frau Lili wurde immer ärgerlicher und verteilte ihre »dummen Schafe« und »Tollpatsche« in der freigebigsten Weise. Endlich sah sie in der Nähe ihren Vetter, den kleinen Primaner stehen. Sie rief ihn heran:

»Komm,« sagte sie, »sag mir doch, was das mit der Venus ist? Worüber lachen sie denn eigentlich?« –

Dem guten Jungen war diese Frage entschieden sehr peinlich. Er drehte sich hin und her, räusperte sich, lachte verlegen, sagte aber kein Wort.

Frau Lili erneuerte ihren Angriff:

»Wenn du es mir sagst, Max, so will ich dich zum Sonntag zu einer Schlittenpartie einladen und ich will deinen Vater bereden, dass er dirs erlaubt und ich will die Frau Landrat einladen und ihre kleine Kathinka und du sollst mit ihr zusammen im Schlitten sitzen und ich –«

Sie bot wirklich alles an Versprechungen auf, die ihren Vetter verlocken mussten. Aber der zupfte an seiner Kneiferschnur und stotterte verlegen zwischen Lachen und Weinen.

»– Nein – wirklich – man kann es nicht sagen!«

»Dummer Junge!« schrie Frau Lili und fügte noch ein Rhinozeros hinzu. Am liebsten hätte sie ihm auf der Stelle eine tüchtige Ohrfeige gegeben.

Sie war so wütend.

Dabei war ihr selbst das Weinen näher als das Lachen. Um sie herum dieses schallende Gelächter und Gekicher und dann immer wieder: – Venus – Venus kall – kall –

Was denn nur?

Verzweifelnd suchte sie ihren Mann, der sass im Spielsaale und spielte Bezique mit dem alten Rummlich (Firma Mungo, Rummlich & Co.).

»Na, Lilichen,« rief er ihr zu, »amüsierst du dich? – Willst du ein Glas Chartreuse haben?«

»Ich muss dich sprechen,« sagte sie und sah dabei so ernst aus, dass Herr Ahlfeldt, der für den Ernst seiner Frau sehr wenig Verständnis hatte, zu lächeln begann.

»Gleich, jetzt gleich,« drängte sie, »leg die Karten hin.« – Herr Ahlfeldt bemerkte, dass ihre Hände zitterten.

»Na ja, was haste denn? So schiess doch los!« sagte er begütigend.

Unterdessen nahm Herr Rummlich (Firma Mungo, Rummlich & Co.) die Karten, drehte sich diskret auf dem Stuhle herum, zündete eins neue Zigarre an und schaute nach einem anderen Spieltische.

»Man hat mich Venus genannt,« begann Frau Lili.

»Freut mich sehr!« sagte ihr Mann vergnügt, »ich finde das sehr schmeichelhaft für dich!«

»Ja, aber noch was dabei – –«

»Was denn?«

»Ich weiss nicht – was gibt es für Venusse?«

Herr Ahlfeldt kramte seine Bildung aus (das tut er übrigens sehr gern).

»Venus Anadyomene – das ist die Schaumgeborene, die den Wellen entsteigt – von Apelles –«

»Das war es nicht.«

»Venus von Milo – im Louvre, das ist die, die keine Arme hat –«

»Nein, auch nicht!«

»Venus von Medici – in Florenz –«

»Nein, nein!«

»Venus von Knidos, von Praxiteles –«

»Nein!«

»Venus Urania? – Venus Erglina? – Venus von Capua – in Neapel?«

»Nein! – Nein – nein!«

»Na welche denn?« – (Der Born seiner Weisheit begann sich zu erschöpfen.)

»Es war was mit kall, – Venus kall – kall – –«

»Venus Kallipygos,« platzte Herr Ahlfeldt heraus und schrie vor Lachen.

Frau Lili lachte aber gar nicht:

»Du sollst mir sagen, was das bedeutet!«

»Warte doch,« rief er. »Komm her mit deinem Ohrchen, so! es heisst: die Venus mit dem schönen – – –«

– – Frau Lili stand auf.

»Gleich fährst du mit nach Hause, ich bin müde. Ich will nicht länger hier bleiben. Ich will nicht, ich will nicht!«

Und dem stattlichen Herrn Ahlfeldt, der sicher binnen kurzem Kommerzienrat werden wird, blieb nichts übrig, als seine weinende, wütende, mit den Füssen stampfende, kleine Frau nach Hause zu fahren. – – –

»Immerhin,« sagte sie, als sie vor ihrem grossen dreiteiligen Spiegel sich langsam entkleidete, – »immerhin – der dürren Frau Landrat hätten sie's nicht gesagt und auch Ellen Bärwald nicht, oder der Frau von Willmer – oder – sonst wem!!«

Und sie blickte in den Spiegel – rund herum – nach allen drei Seiten hin – und schmunzelte – und tröstete sich.


 << zurück weiter >>