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Abenteuer in Hamburg

Ich bin sehr unzufrieden mit Hamburg. Hamburg hat mich enttäuscht, Hamburg ist auf dem absteigenden Aste.

Hamburg ist überhaupt nicht mehr Hamburg.

Ich schimpfe fürchterlich über Hamburg, das hat seine Ursache. Es ist mir nämlich etwas Schreckliches dort passiert, und das kam so:

Jeder Mensch, der mich kennt, weiss, dass ich ein passionierter Bleistiftsammler bin. Wenn, ich etwas schreiben will, bitte ich meinen Nachbar, mir seinen Bleistift zu leihen, aber wiedergeben tue ich nie einen: ich bin Bleistiftkleptomane. Ich sammle auch gespitzte Bleistifte, aber lieber sind mir ungespitzte, weil ich den andern erst noch die Spitze abbrechen muss. Alle meine Bleistifte werfe ich in einen alten Sack, und den Sack nehme ich mit, wenn ich nach Hamburg fahre.

Mit dem Sack über der Schulter gehe ich über den Jungfernstieg zum Alsterpavillon. Dort steht am Eingang eine kleine Maschine, mit der man Bleistifte spitzen kann. Eine entzückende kleine Maschine, in die man vorne den Bleistift hineinsteckt. Dann dreht man; nach allen Seiten fliegt der feine Holzstaub heraus und der Bleistift wird so spitz wie eine Nähnadel. Es ist eine ganz prächtige Maschine und ich könnte den ganzen Tag lang Bleistifte damit spitzen.

Und nun denken Sie sich mein Entsetzen: diese Bleistiftspitzmaschine ist nicht mehr da!

Ich stellte meinen Sack mit alten ungespitzten Bleistiften in die Ecke, ging in den Alsterpavillon hinein und rief den Kellner; der erzählte mir, dass vor drei Tagen die hübsche kleine Maschine mitsamt der Marmorplatte, auf der sie angeschraubt war – gestohlen worden sei.

Ich wurde bleich und sank auf einen Stuhl. Der Kellner war ein Menschenfreund, er hatte Mitleid mit mir und erzählte mir, dass drüben bei Kempinski auf der anderen Seite des Jungfernstieges auch eine kleine Bleistiftspitzmaschine stehe. Ich ging also zu Kempinski.

Aber seine Bleistiftspitzmaschine ist ein Scheusal. Sie dreht nicht, sie läuft nicht, sie spitzt nicht. Es ist sicher englisches Fabrikat.

Gerade als ich meinen alten Sack wieder auf den Rücken nehmen und tränenden Auges hinweg schleichen wollte, kam der Herr Kempinski vorbei und erkannte mich. Er ist auch ein Menschenfreund und suchte mich mit einer Flasche 1864er Tokaier und einem ausgesuchten Frühstück zu trösten. Dann brachte er mir sein Fremdenbuch. Ich schrieb ihm hinein: »Liebe: Herr Kempinski! Sie sind gewiss ein schöner Mensch, haben eine edle Seele und sind ein guter Familienvater. Aber Sie haben eine sehr schlechte Bleistiftspitzmaschine, die nicht spitzt und wahrscheinlich englisches Fabrikat ist. Leben Sie wohl!« – Da Herr Kempinski sah, wie mir eine Träne auf das Blatt fiel, liess er noch eine Flasche 1864er Tokaier kommen. Dabei erzählte er mir, dass der Mann, der die hübsche kleine Bleistiftspitzmaschine vom Alsterpavillon gestohlen habe, schon in Haft sitze und dass die Maschine selbst beim Untersuchungsrichter als corpus delicti sich befinde.

Ich dankte ihm gerührt, trank in meiner Freude die Flasche allein aus, nahm meinen Sack über die Schultern und ging zum Landgericht. Auf dem Gange traf ich einen Gerichtsdiener und sagte ihm, dass ich ihm drei gespitzte Bleistifte schenken würde, wenn er mir sage, in welchem Zimmer der Untersuchungsrichter sich aufhielte, der die hübsche kleine Bleistiftspitzmaschine vom Alsterpavillon in Verwahrung habe. Fünf Bleistifte versprach ich dem Herrn Gerichtsschreiberassistenten, sieben dem Herrn Sekretär, zehn dem Herrn Obersekretär. Alle: sahen mich sehr böse an und fragten, ob ich verrückt wäre, aber sie beförderten mich doch immer weiter. Vor der Türe des Herrn Untersuchungsrichters musste ich zwei Stunden und vierzehn Minuten warten; ich benutzte die Zeit, um meine Bleistifte zu zählen, es waren 723 fast ganze, 641 halbe und 379 Stümpchen; ich hatte gerade ein Jahr lang daran gesammelt.

Endlich wurde die Tür geöffnet, ich durfte eintreten.

»Sie kommen, um in der Diebstahlsangelegenheit vom Alsterpavillon Angaben zu machen,« sagte der Untersuchungsrichter. »Wissen Sie etwas Belastendes gegen den Dieb auszusagen?«

»Nennen Sie ihn nicht einen Dieb, Herr Untersuchungsrichter,« sagte ich, »das ist ein hartes Wort! Ich glaube, es ist ein Sammler, ein ehrlicher Mensch, der hübsche, kleine Bleistiftspitzmaschinen sammelt.«

»Herr!« rief der Richter – und es war so ein »Herr« mit sieben preussischen »R«en, »sind Sie verrückt? Was fällt Ihnen ein –«

Aber ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf dem Seitentische bemerkte ich die kleine Maschine, schnürte gleich meinen Sack auf, nahm eine Handvoll Bleistifte heraus und begann zu spitzen.

»Herr!« rief der Richter – diesmal waren es wenigstens ein Dutzend »R«en – »sind Sie wahnsinnig? Machen Sie sofort, dass Sie hinauskommen.«

»Herr Untersuchungsrichter,« bat ich, »ich bin Bleistiftspitzamateur. Ich sammle das ganze Jahr über Bleistifte, nur um sie mit dieser entzückenden Maschine in Hamburg spitzen zu können. Lassen Sie mich meine Bleistifte spitzen!«

Ich glaubte bei ihm eine menschenfreundliche Ader zu entdecken; er lächelte und sagte:

»Nun, wieviel Bleistifte haben Sie denn zu spitzen?«

Ich hielt ihm meinen Sack hin: »723 fast ganze, 641 halbe und 379 Stümpchen!«

»Was?« schrie der Richter, und ich sah, dass er doch kein Menschenfreund war. »Eine solche Menge? Ausgeschlossen. Gehen Sie sofort hinaus!«

Ich versuchte ein letztes Mittel: »Herr Untersuchungsrichter, Sie sollen zwölf schöngespitzte Bleistifte abhaben.«

Das war liebenswürdig und nett von mir gehandelt. Der Untersuchungsrichter aber fand das gar nicht, er war wahrscheinlich durch den schlechten Umgang, den er tagaus, tagein hatte, völlig verdorben. Darum schrie er:

»Das ist ein Bestechungsversuch! Ein Beamtenbestechungsversuch!! Warten Sie nur, warten Sie nur, Sie werden das bitter zu bereuen haben!«

Dabei klingelte er fürchterlich, so dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Aber es kam niemand. Dann rief er, und als immer noch niemand erschien, öffnete er die Tür und schrie auf den Flur hinaus. Als er ein wenig in den Gang hineintrat, drückte ich geschwind die Tür zu und drehte den Schlüssel um; dann ging ich zu meiner geliebten Maschine und begann mit Wonne Bleistifte zu spitzen.

Brr – rum sss – – einen nach dem anderen.

»Aufmachen, sofort aufmachen!« schrie er draussen.

»Ich bin noch nicht fertig!« sagte ich.

Er schlug und trampelte gegen die Tür.

Ab er ich achtete nicht darauf. Ich spitzte ruhig weiter, ganze, halbe und Stümpchen. Ich legte sie alle der Reihe nach auf den Tisch, es war ein entzückender Anblick.

Eine Weile war es draussen ruhig, dann kam der wütende Richter wieder, mit ein paar Menschen, die er auch ganz wütend gemacht hatte, Gerichtsdiener und Gendarmen. Sie meinten, ich solle die Tür aufmachen, sie riefen und schrien und lärmten.

»Ach bitte,« sagte ich, »nur ein Viertelstündchen! Noch 427 ganze, 332 halbe und 152 Stümpchen!«

Ich war froh, dass Tür und Schloss so stark waren. Ich rückte die Tische und Stühle vor die Tür und legte alle Gegenstände darauf, die ich finden konnte. Obenauf die dicken Akten und darauf die Tintenfässer. Es war ein richtiger Budenkaspar.

Da draussen kamen immer mehr Leute an, Sekretäre, Assistenten und Referendare, Assessoren, Landrichter, Staatsanwälte und Erste Staatsanwälte. Ich kann beschwören, dass sie einen ruhestörenden Lärm verursachten, und ich hätte sie gerne alle wegen groben Unfugs bestrafen lassen mögen.

Dann sagte eine sanfte Mehlstimme, während die anderen schwiegen:

»Treiben Sie die Sache nicht zu arg, Herr! Ich gebe Ihnen den wohlmeinenden Rat, nun zu öffnen!«

Ich machte mir auch so eine sanfte Mehlstimme und antwortete:

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr! Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?«

»Ich bin der Landgerichtspräsident!« sagte die Mehlstimme.

»Sehr angenehm« bemerkte ich und spitzte meine Stümpchen weiter. »Wollen Sie sich gefälligst legitimieren!«

Jetzt aber wurde die Mehlstimme ganz rabiat, sie klang wie angebrannt.

»Eine solche Frechheit ist mir noch nicht vorgekommen! Brecht die Türe auf, Leute!«

Die Leute gaben sich die grösste Mühe, aber es ging nicht. »Holt sofort einen Schlosser,« schrie die angebrannte Mehlstimme.

Sie gaben nun ein wenig Ruhe, während ich spitzte, spitzte, spitzte. Ganze, halbe und Stümpchen.

Ich kam glänzend vorwärts und geriet so in Begeisterung, dass ich ausrief: »Es ist eine Lust, zu leben!«

»Warten Sie nur, die Lust soll Ihnen bald vergehen!« rief der wütende Herr Untersuchungsrichter. Ich hörte, dass der Schlosser gekommen war und die Schrauben des Schlosses abschraubte. Die Türe löste sich, jetzt war es höchste Zeit, zu verschwinden. Zum Glück war das Zimmer zu ebener Erde, ich öffnete das Fenster.

»Nehmen Sie sich Zeit, Schlosser,« sagte die Mehlstimme. »Beschädigen Sie so wenig wie möglich das Staatseigentum!«

Ich spitzte meine Bleistifte zu Ende. Auf das Fensterbrett legte ich auf die eine Seite zwölf Stümpchen hin, auf die andere fünfundzwanzig Stümpchen. Dazu schrieb ich zwei Zettelchen; auf das eine: »Für den Herrn Untersuchungsrichter. In dankbarer Erinnerung!« Auf das andere: »Für den Herrn Landgerichtspräsidenten. Zum Abschied.«

Als ich auf der Fensterbank sass und vorsichtig meinen Sack herunterliess, flog die Tür auf. Der Budenkaspar stürzte zusammen, und ich freute mich, wie die Tinte so hübsch über die Akten floss.

Dann sprang ich hinab und lief, so schnell ich konnte. Ich fand einen Zufluchtsort, was für einen sage ich nicht; einen hübschen, kleinen, runden Zufluchtsort, der stets allen Bedürftigen freundlich winkt. Dort liess ich meinen Sack stehen, ich habe kein besonderes Interesse für gespitzte Bleistifte.

Ich nahm eine Droschke und fuhr zu den Passagierhallen. Eine halbe Stunde später war ich an Bord der »Kronprinzessin Cecilie«, die der Lotse langsam die Elbe hinuntersteuerte.

Derweil schimpften die Herren vom Hamburger Landgericht über mich. Ich schimpfte natürlich auch. Habe ich nicht recht? Was ist denn Hamburg, wenn man dort nur noch unter schweren Gefahren seine Bleistifte spitzen kann?


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