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Mein Begräbnis

1909

Drei Tage vor meinem Tode schrieb ich eine Postkarte an die »Roten Radler«. – Ach so, diese Geschichte wollen ja auch die Berliner lesen! Die Berliner sind fein, sie sagen nicht Fahrstuhl, sondern Lift, sie sind »Gents« und beileibe keine »Herren«, und wenn sie etwas besorgen wollen, so schicken sie zum »Messenger-Boy-Institut«. Und daraus kann man schon ersehen, dass diese Geschichte nicht in Berlin passierte, denn ich schrieb meine Karte an die »Roten Radler«, weil das sehr hübsch klingt, und gar nicht an die »Messenger-Boys«, weil das ein ganz abscheuliches Wort ist. Meine Karte lautete:

»Bitte, drei Tage nach Empfang dieser Karte, mittags um zwölf Uhr, eine Kiste zum Friedhofe zu besorgen. Die Gegenwart aller Roten Radler ist dabei erforderlich. Bezahlung und nähere Instruktionen liegen auf der Kiste.« Dann Name und Adresse.

Die Roten Radler kamen pünktlich und mit ihnen kam der Herr Oberradler – in Berlin würde man sagen: der Messenger-Boy-Instituts-Vorsteher. Es war eine grosse lange Eierkiste, die sie holen sollten, und ich hatte mit vieler Mühe darauf gemalt: » Glas!« und » Zerbrechlich!« und » Vorsicht!« und » Nicht stürzen!« In der alten Eierkiste lag natürlich meine Leiche, aber ich hatte den Deckel nicht zuschlagen lassen, weil ich durchaus eine »schöne Leich« sein wollte und daher aufpassen musste, ob auch alles richtig besorgt würde. Der Oberradler nahm zuerst das Geld, das ich auf den Deckel gelegt hatte, und zählte es nach. »Fünfundvierzig Rote Radler« sagte er, »für zwei Stunden – – es stimmt!«

Er steckte das Geld in die Tasche und las nun meine Instruktion. »Nein,« sagte er dann, »das geht nicht! – das ist nicht unser Geschäft.« Ich machte meine Stimme recht dumpf und antwortete aus der Kiste: » Die Roten Radler besorgen alles!«

Der Herr Oberradler wusste nicht recht, wer da gesprochen hatte, er kratzte sich an der Nase. »Meinetwegen« sagte er, »meinetwegen!« Sein Gewissen schlug ihm; in all seinen Ankündigungen hiess es ausdrücklich: Die Roten Radler besorgen alles.

Einer der Jungen wollte den Deckel zunageln, aber der Oberradler wies ihn zurück. »Fort!« rief er, auf den Zettel zeigend. »Hier heisst es ausdrücklich: der Deckel soll offen bleiben.« – Der Mann gefiel mir; nun er einmal die Besorgung angenommen, wich er um keinen Buchstaben von meiner Instruktion ab, die er noch einmal genau durchlas.

»Wir sprechen jetzt ein kurzes Gebet,« sagte er. »Wer von euch kennt ein kurzes Gebet?«

Aber keiner der Roten Radler kannte ein kurzes Gebet.

»Weiss vielleicht einer ein langes?« Aber ein langes kannten sie erst recht nicht.

»Die Roten Radler besorgen alles!« sagte ich hohl aus meiner Kiste.

Der Oberradler sah sich um –

»Aber natürlich!« rief er schnell. »Das wäre noch schöner, wenn die Roten Radler nicht einmal beten könnten!« Er wandte sich an den allerkleinsten: »Fritz, du weisst doch sicher ein Gebet?«

»Ein Gebet wüsste ich schon,« meinte der Knirps, »– aber nicht ordentlich –«

»Darauf kommt nichts an!« unterbrach ihn der Oberradler. »Ob man nun ordentlich betet oder unordentlich – – die Hauptsache ist, dass man eben betet! – Also sprich dein Gebet – und alle sprechen laut mit!«

Fritz betete, und die anderen schrien mit, so laut sie konnten:

»Lieber Herr Jesus, sei unser Gast
Und segne, was du uns bescheret hast!«

»A-meen!« sagte der Herr Oberradler salbungsvoll. – »Das ist ein ganz ausgezeichnetes Gebet – merkt es euch alle für künftige Gelegenheiten.«

Dann traf er, immer meiner Instruktion gemäss, seine Anordnungen. Die Eierkiste wurde auf ein Transport-Dreirad geladen, das der stärkste Junge fuhr; Fritz musste sich obendrauf setzen, damit der Deckel nicht herunterfiel. Alle die Roten Radler sprangen auf ihre Räder, und so schnell sie konnten ging es nun durch die Strassen. Die Leute freuten sich über den flotten Zug der Roten Radler, und ich dachte in meiner Kiste, dass es doch ein ganz ander Ding sei, so vergnügt zum Kirchhof zu fliegen, als langsam in der schwarzen Trauerkalesche mit grässlichen Leichenbittern daher zu trotten.

In zwanzig Minuten schon waren wir draussen. Alle stellten ihre Räder an die Gittertüre, die vier Stärksten nahmen vorsichtig die Eierkiste auf. Der Herr Oberradler sah in meiner Instruktion nach und befahl: »Zweiter Querweg, achter Seitengang, links vom Hauptwege! Auf der rechten Seite! Grab Numero 48 678!«

Dahin brachten sie in feierlichem Zuge die alte Eierkiste.

Das Grab war schon aufgeworfen, ein paar grosse Schaufeln staken in dem Erdhaufen. Ganz vorsichtig krochen einige der Roten Radler in die Grube und setzten die Kiste hinein. Dann umstellten sie in weitem Kreise das Grab.

»Jeder soll sich eine Zigarette anzünden,« befahl der Herr Oberradler. Die meisten hatten Zigaretten bei sich, den anderen bot er sein Etui an.

»Ich kann noch nicht rauchen,« sagte Fritz. »Es macht mich –« Aber ich unterbrach ihn: »Die Roten Radler besorgen alles!«

Beleidigt blickte der Chef auf seine rote Gesellschaft. »Wer spricht da?« rief er. »Ich verbitte mir jedes unnütze Wort von euch! Selbstverständlich besorgen die Roten Radler alles! Da, rauch Fritz! Ein Roter Radler muss so gut rauchen können wie beten!«

Fritz brannte seine Zigarette an, und alle die anderen auch.

»So,« sagte der Oberradler und sah wieder in seinen Zettel, »jetzt beginnen wir die Trauerfeierlichkeit! Wir singen – nach der Melodie der ›Sänger von Finsterwalde‹ – gemeinsam diese Verse:

Die Roten Radler – – besorgen alles!
Sie leben und sterben – – für den Beruf!«

Alle sangen, dass es schallte, und ich sang in meiner Kiste mit.

»Jetzt kommt die Leichenrede,« fuhr der Chef fort und begann: »Wir haben heute die Ehre und das grosse Vergnügen, zum ersten Male von Berufs wegen jemanden zur letzten Ruhe geleiten zu dürfen. Wenn auch über die sonstigen Tugenden des Verblichenen hierorts nichts weiter bekannt ist, so genügt doch die Tatsache seiner letzten Verfügungen, ihm im Herzen aller Roten Radler einen bleibenden Denkstein zu setzen – zu zwei Mark fünfundvierzig die Stunde. Aus diesem Grunde lasst uns alle einstimmen in den Ruf: Unser freundlicher Gönner weiland, der selig Verblichene – hurra, hurra, hurra!«

Und die Roten Radler brüllten: »Hurra, hurra, hurra!«

»Sehr gut,« sagte der Oberradler, während ich in meiner Kiste dankbar klatschte. »Zum Schlusse singen wir nun das Lieblingslied des im Herrn Entschlafenen:

Toch–ter Zi–ons, freu–heu–heu–heu– heu–e dich; jau–hau–hau–hau–hauch–ze lau–hut Jeru–hu–hu–hu–hu–salem!«

Da erscholl aus nächster Nähe ein anderer Gesang. Dritter Querweg, achter Seitengang, links vom Hauptweg fand nämlich auch eine Beerdigung statt. Numero 48 679, auf der linken Seite, also mir schräg gegenüber. Es war der Geheime Oberregierungsrat von Ehrenhaft, der da bestattet wurde, und es waren schrecklich viele Menschen dabei: Räte und Richter und Offiziere und Assessoren, alles feine Leute. Aber es war doch nur ein Begräbnis im alten Stile – ohne Rote Radler.

Der Herr Oberradler wartete höflich, bis die Leute fertig waren, und dann rief er von neuem: »Wir singen nun das Lieblingslied des Entschlafenen: Toch–ter Zi–ons, freu– – –« Aber er kam nicht weiter, drüben begann mit dröhnender Stimme ein dicker Pastor die Leichenrede.

Der Oberradler wartete wieder, fünf Minuten, zehn Minuten – aber der Pastor hörte nicht auf – mir wurde ganz schlecht dabei. Solche Reden befördern den Vorgang der organischen Zersetzung sehr wesentlich, sagte ich mir. Der Oberradler schien meine Gedanken zu teilen, er sah auf die Uhr.

Aber der Pastor redete und redete.

Schliesslich dauerte es dem Herrn Oberradler zu lange – – er war ja nur für zwei Stunden bezahlt. Er kommandierte von neuem, und diesmal platzten alle fünfundvierzig Roten Radler auf einmal los: »Toch–ter Zi–ons, freu–heu–heu–heu–heu–e dich!«

Der Pastor kämpfte und wollte nicht nachgeben. Aber was ist der stimmgewaltigste Prediger gegen fünfundvierzig Rote Radler? Ich konstatierte mit Genugtuung, dass die Jugend siegte und die modernen Ideen, und dass die alte bürgerliche Welt beschämt das Schlachtfeld räumen musste: der Pastor schwieg.

Nun aber gibt die Geistlichkeit nie eine Niederlage zu, das tut sie nie. Der Pastor sprach mit ein paar Herren im Zylinder, und diese sprachen wieder mit einigen Schutzleuten. Die Schutzleute setzten ihren Helm auf den Kopf und kamen zu meinem Grabe herüber. Sie redeten eifrig auf den Herrn Oberradler ein, aber der hielt stand. »Wir stehen hier in Ausübung unseres Berufs,« sagte er kalt.

»Haben Sie eine Konzession?« fragte einer der Schutzleute.

»Jawohl!« antwortete der Herr Oberradler und griff in die Tasche. »Hier ist sie! Eine amtliche Konzession für mein Institut der ›Roten Radler‹.«

»Hm!« machte der Schutzmann. »Aber eine Konzession – – für Begräbnisse?«

»Die Roten Radler besorgen alles!« erklärte der Chef stolz.

»Bravo! Bravo!« rief ich in meiner Kiste.

»Hier hat niemand Bravo zu rufen!« rief der Schutzmann. Er verlangte, dass die Roten Radler sich entfernen sollten, aber der Oberradler wollte nicht. Er sei noch nicht ganz fertig mit der Feierlichkeit, für die er nach dem Tarif bezahlt sei. Und er sei ein Ehrenmann – und sein oberstes Prinzip sei strengste Pflichterfüllung. Er provozierte die Schutzleute ordentlich.

»So ein Schlauberger!« dachte ich. »Nun wird die Sache in die Presse kommen und eine tüchtige Reklame für ihn machen!«

Die Schutzleute schrien, aber der Oberradler schrie noch viel mehr. Dann kamen langsam all die Herren des oberregierungsrätlichen Begräbnisses her und mischten sich herein, die Räte und Richter und Offiziere und Assessoren. Ganz zuletzt kam der Pastor.

Er sah die Roten Radler in ihren roten Mützen und Jacken, die Zigaretten im Munde. »Pfui!« sagte er. Dann setzte er die Brille auf und las auf meiner Eierkiste: »Zerbrechlich!« – »Nicht stürzen!« – »Was geht hier vor?« fragte er scharf.

Es war der kleine Fritz, der ihm eine schreckliche Antwort gab. Er konnte wirklich noch nicht rauchen, und die Zigarette war ihm sehr schlecht bekommen. Er beugte sich vor, dann wieder zurück und wieder vor in schneller Bewegung – da geschah das Unglück – gerade über den guten schwarzen Rock des Herrn Pastors. Der war erst ganz sprachlos, dann aber, wie sich alle mit ihren Taschentüchern um ihn bemühten, fasste er sich und erklärte ernst: »Das übersteigt wirklich alle Grenzen. – Ich nehme daran öffentliches Aergernis.«

»Ich nehme auch öffentliches Aergernis!« stimmte ihm ein Herr mit siebenundzwanzig Orden bei.

»Wir nehmen von Amts wegen Öffentliches Aergernis!« sagten die Schutzleute.

Nun wurde mir die Sache aber doch zu bunt, ich sah ein, dass ich den bedrängten Roten Radlern zu Hilfe kommen müsse. Ich stiess daher den Deckel in die Höhe, richtete mich auf und rief zornig: »Und ich, meine Herren, ich nehme an Ihrer ungebetenen Teilnahme an meinem Begräbnis meinerseits ein öffentliches Aergernis.«

Der Pastor starrte entsetzt in die Grube. – »Ist das – ein christliches Begräbnis?« stammelte er.

»Nein,« sagte ich, »das ist ein modernes Begräbnis mit Roten Radlern!«

Ich setzte mich auf meine Kiste, klemmte mein Glas ins Auge und schaute die Leute an. Ich war im Pyjama, aber da ich fürchtete kalt zu werden im Grabe, so hatte ich mir meinen Pelz mitgenommen. Und das imponierte den Herrschaften – mitten im Sommer! Ihr alter Geheimer Oberregierungsrat daneben hatte gewiss keinen an.

»Machen Sie, dass Sie wegkommen!« fuhr ich fort. »Dies Grab ist von mir bezahlt worden und gehört mir. Ich bin regelrecht gestorben und kann mich begraben lassen, wie es mir Spass macht. Gehen Sie also! Hier in diesem Loch und in dieser Kiste bin ich Hausherr und ich rate Ihnen, keinen Hausfriedensbruch zu begehen.«

»Es ist ein Skandal« sagte der Herr mit den Orden. »Es ist ein beispielloser Skandal!«

Dann kam der Herr Staatsanwalt. »Man muss diesen Narrenpossen ein Ende bereiten!« zischte er mich an. »Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes! Ich ersuche die Schutzleute, ihre Pflicht zu tun!«

Die Schutzleute stiegen in das Loch und legten ihre breiten Tatzen mir auf die Schulter. Aber ich sah sie scharf an und sagte: »Haben Sie denn alle Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Todes verloren?«

»Er ist gar nicht tot! Es ist ein Schwindel!« rief ein sehr mutiger Reserveleutnant.

»So?« lachte ich. »Bitte sehr!« Damit reichte ich den Schutzleuten meinen Totenschein. »Hier, überzeugen Sie sich! – Und ausserdem,« fuhr ich fort, »falls Ihnen der Zettel des Bezirksarztes nicht genügen sollte, so – – riechen Sie doch, alter Esel!«

Der Herr mit den Orden steckte die Nase ein wenig vor. »Pfui Teufel!« rief er dann und fuhr zurück.

»Bewahren Sie die Grenzen des Anstandes, mein Herr!« ermahnte ich ihn. »Bedenken Sie, wo Sie sind! Es ist ein glühheisser Julitag und gerade Mittag – – ich bin eine Leiche – – ich habe also wohl ein Recht zu stinken!«

Aber der Königliche Staatsanwalt beruhigte sich nicht. »Das geht mich gar nichts an,« meinte er, »ich sehe nur, dass hier ein grober Unfug begangen wurde. Und dieser grobe Unfug bedarf gerichtlicher Sühne! Ich ersuche die Schutzleute, den Herrn in seine Kiste zu stecken und fortzubringen; die anderen aber bitte ich mir zu folgen!«

Die Schutzleute fassten an, ich versuchte mich zu wehren, so gut es ging. Aber sie waren viel stärker als ich, steckten mich rasch in die Kiste und trugen mich aus dem Friedhofe hinaus zu einem Wagen. Alle folgten, die Herren stiegen in die Kalesche, und die Roten Radler sprangen auf ihre Räder. Sogar die Totengräber kamen mit; ich freute mich nur, dass der Geheime Oberregierungsrat, der mich mit seinem altmodischen Leichenbegängnis so gestört hatte, nun ganz allein und verlassen da lag. Musste der dumme Kerl sich ärgern!

Meine Kiste stand auf dem Bock, und der dicke Schutzmann sass oben darauf. Gott sei Dank konnte ich durch ein Astloch ein wenig hindurchgucken. Wir fuhren zurück in die Stadt in scharfem Trabe; dann hielten wir vor dem Gerichtsgebäude.

»Saal einundvierzig!« rief der Staatsanwalt. Die Schutzleute trugen mich in meiner Kiste dahin, alles drängte eilends nach.

Der Amtsrichter sass oben zwischen seinen Schöffen. Der Herr Staatsanwalt hielt eine lange Rede; er entschuldigte sich, dass er plötzlich die Sitzung unterbreche, aber es handele sich um eine sehr eilige, dringliche, wirklich unaufschiebbare Sache. Dann erzählte er den ganzen Vorgang.

»Der Kerl behauptet, tot zu sein,« schloss er, »und ist auch im Besitze eines regelrecht ausgestellten Totenscheines.«

Der Herr Amtsrichter liess mich aus meiner Kiste herauskommen. »Befindet sich vielleicht ein Arzt im Publikum?« fragte er. Es kamen gleich drei heran, ein gewöhnlicher Arzt, ein Stabsarzt und ein Medizinalrat, der Vorsitzende der Landesirrenanstalt.

Sie untersuchten mich, hielten sich dabei aber ihr Taschentuch dicht unter die Nasen. Sie machten es sehr kurz: »Er ist ganz zweifellos eine Leiche!«

Ich triumphierte. »Ich werde gegen den Herrn Staatsanwalt wegen Leichenschändung vorgehen!« sagte ich.

»Einstweilen stehen Sie hier als Angeklagter!« fuhr mich der Vorsitzende an.

»Nicht zu lange mehr, lieber Herr!« antwortete ich. »Ich bin im Stadium des – –«

»Beachten Sie die Würde des Gerichts!« unterbrach er mich. »Ich werde Sie in eine Ordnungsstrafe nehmen!«

»Erlauben Sie –« rief ich.

»Schweigen Sie!« schrie er.

»Nein!« sagte ich. »Ich werde nicht schweigen. Ich habe als Preusse das Recht, meine Meinung in Wort, Schrift oder bildlicher Darstellung frei zu äussern!«

Da lachte er. »Wir sind hier nicht in Preussen! – Und ausserdem sind Sie auch kein Preusse mehr, sondern eine Leiche!«

»Ich bin kein Preusse mehr?«

»Nein!«

»Dann bin ich ein toter Preusse!«

»Und ein toter Preusse hat gar keine, aber auch nicht die allergeringsten Rechte. Das muss Ihnen doch schon Ihr gesunder Menschenverstand sagen!«

Ich dachte nach – der Mann hatte wirklich recht. Ich schwieg gekränkt.

»Sie stehen hier,« begann er wieder, »unter der Anklage des groben Unfugs, der Erregung öffentlichen Aergernisses, der Beamtenbeleidigung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt! Haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung anzuführen?«

»Ich bin eine Leiche,« wimmerte ich ganz niedergeschlagen.

»Das ist gar keine Entschuldigung,« behauptete der Vorsitzende. »Es wäre ja noch schöner, wenn Leichen und dazu noch Preussenleichen alle möglichen Delikte unbestraft begehen könnten! Im Gegenteil ist zu sagen, dass gerade Leichen sich eines äusserst ruhigen und gesitteten Betragens zu befleissigen haben, sie sollen gewissermassen den Lebenden ein leuchtendes Beispiel für alle Bürgertugenden sein. Als weiland Preusse aber sollte Ihnen der Spruch bekannt sein, dass die Ruhe die erste Bürgerpflicht ist! Und das gilt in allererster Linie von sogenannten Leichen. Der Fall ist geradezu unerhört, dass sich ein verstorbenes Individuum dagegen empört hätte, und mir, offen gestanden, in meiner langjährigen Praxis überhaupt noch nicht vorgekommen. – Sind Sie vorbestraft?«

»Ja,« gestand ich, »siebzehnmal. Wegen Beleidigung, wegen Zweikampfes, wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften – und ausserdem wegen all der Delikte, derenthalben ich jetzt hier stehe!«

»Also rückfällig!« betonte er. »Und Sie scheinen immer noch nicht Ruhe geben zu wollen!«

»Ich war immer unschuldig,« stammelte ich.

»Immer unschuldig!« höhnte der Amtsrichter. »Kann ich mir denken. – Gestehen Sie die jetzt von Ihnen begangenen Delikte ein? Oder wollen Sie, dass ich die Zeugen vernehme?«

Da platzte ich los: »Das ist mir alles ganz egal, lassen Sie mich in Ruhe! Ich bin eine Leiche, und Sie sind ein Dummkopf, und alle Ihre Zeugen sind auch Dummköpfe!«

Der Vorsitzende schnappte nach Luft, aber ehe er noch ein Wort sagen konnte, erhob sich der Staatsanwalt: »Ich stelle den Antrag, den Inkulpaten zur Beobachtung seines Geisteszustandes auf sechs Wochen der Landesirrenanstalt zu überweisen!«

Da trat schnell der Medizinalrat, der Direktor dieses Instituts, vor und erklärte: »Die Landesirrenanstalt muss unter den obwaltenden Umständen die Internierung des Angeklagten auf sechs Wochen ablehnen, ich kann durchaus keine Garantie dafür übernehmen – dass er sich so lange hält!«

Es trat eine kleine Pause ein; dann fragte einer der Schöffen: »Ja – aber was fangen wir dann mit ihm an?«

»Wir werden ihn in eine Geldstrafe nehmen!« sagte der Amtsrichter.

»Das wird Ihnen nichts nützen,« bemerkte ich, »ich bin tot und habe jetzt ebensowenig Geld wie im Leben. Meine letzte Barschaft habe ich für ein menschenwürdiges Begräbnis ausgegeben!« – Der Chef der Roten Radler machte mir eine Verbeugung.

»Dann muss man ihn – im Nichtbeitreibungsfalle – eben einstecken!« warf der Staatsanwalt ein.

»Aber die Gefängnisverwaltung wird ebensowenig Leichen annehmen wie die Landesirrenanstalt!« wandte der Vorsitzende ein. Er war ganz trostlos.

Schon glaubte ich triumphieren zu können, als sich plötzlich der salbungsvolle Pastor vorschob. »Erlauben Sie mir, einen bescheidenen Vorschlag zu machen, meine Herren!« sagte er. »Ich glaube, es wird das beste sein, wenn wir die Leiche des – Herrn Angeklagten – christlich bestatten – –«

»Ich will nicht christlich bestattet werden!« schrie ich wild.

Aber der Pastor achtete gar nicht auf mich. – »Also christlich – und gut bürgerlich bestatten!« fuhr er fort. »Ich glaube, das wird einerseits die Milde und Würde des Gerichts bei allen anständig denkenden Menschen in das rechte Licht setzen, andererseits aber auch bei dem bedauernswert verwirrten Geiste des Herrn Angeklagten gewissermassen wie eine Strafe wirken. Dazu glaube ich die Garantie übernehmen zu dürfen, dass eine auf diese Weise beerdigte Leiche sich in Zukunft durchaus ruhig und still verhalten und somit den hohen Behörden weiterhin zu einem notwendigen Eingreifen keinerlei Veranlassung mehr geben wird.«

»Sehr gut! Sehr gut!« nickte der Herr Vorsitzende. Und der Staatsanwalt nickte und die beiden Schöffen nickten – alle nickten.

Ich schrie, tobte, ich wandte mich in meiner Verzweiflung an den Herrn Oberradler. Aber der zuckte mit den Schultern. »Es tut mir sehr leid,« sagte er, »wir sind nur für zwei Stunden bezahlt, und die sind abgelaufen. – Die Roten Radler besorgen alles – – das ist unser oberstes Geschäftsprinzip. Aber: – nur gegen Bezahlung!«

Kein Mensch hatte Mitleid mit mir.

Ich wehrte mich, so gut es gehen konnte – aber ich wurde schnell überwältigt. Sie steckten mich in einen schwarzen Sarg und trugen mich hinaus. Und der Pastor hielt mir – umsonst – eine Leichenrede. Ich weiss nicht, was er sagte, ich stopfte mir die Ohren zu –

Die brutale Gewalt hat gesiegt. – Was nutzt es mir nun, dass ich mich jedesmal dreimal herumdrehe, wenn ein Staatsanwalt vorbeikommt oder ein Amtsrichter?


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