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Zusammenfassung.

Die Frage nach einem Sinn und Wert unseres Lebens beherrschte unsere ganze Untersuchung, sie muß uns zu sich zurückrufen, wenn wir das Gewonnene nunmehr zusammenfassen. Hat der Verlauf der Arbeit uns ein Hauptziel gezeigt, das alle Mannigfaltigkeit beherrscht und von dem aus sich der ganze Umkreis des Lebens eigentümlich gestaltet, von dem aus sich für seine ganze Verzweigung eigentümliche Aufgaben eröffnen? Und kann der Mensch in dem, was sich dabei ergab, Befriedigung finden?

Eine Beantwortung dieser Fragen war nicht möglich von der uns so dunklen Außenwelt her und an der Hand hochfliegender Spekulation, sie war nur zu erwarten von einer eindringenden Selbstbesinnung des menschlichen Lebens auf seinen eignen Gehalt; nicht von draußen kann dem Leben die Aufklärung kommen, sie muß aus ihm selber hervorgehen, aus dem, was sich in ihm erfahren und ersehen läßt. Nun fand sich in Wahrheit ein bejahendes Ergebnis von der Tatsache aus, daß sich innerhalb unsers Lebens eine neue Stufe der Wirklichkeit eröffnet, die nun und nimmer dem bloßen Menschen angehören kann. Es erschien hier nämlich im Geistesleben bei Anerkennung seiner Selbständigkeit ein Beisichselbstsein des Alls, ein tieferer Grund wurde ersichtlich, der alles Leben trägt und in ein Selbstleben umsetzt. Bei dieser Bewegung wurde nicht ein vorhandenes Dasein nur erweitert oder nach besonderen Richtungen ausgebaut, sondern es entstand ihm gegenüber eine neue Art des Lebens, ein Leben, das mit jenem Beisichselbstsein zuerst eine echte Wirklichkeit erzeugt, und auf das alles zurückweist, was irgend als Wirklichkeit auftritt.

Aber mit der Wahrnehmung des Aufsteigens eines neuen, wesenhaften Lebens war unzertrennlich die weitere verknüpft, daß dies Aufsteigen im Bereich des Menschen nicht eine ruhige und sichere Entfaltung bildet, sondern daß es in mühsamem Aufklimmen und einem jähen Sichlosreißen vom vorgefundenen Stande erfolgt, daß es eine völlige Umkehrung fordert. Was jener Stand an Geistigkeit enthält, das ist unausgeprägt, matt und mit Andersartigem vermengt; sich finden und zugleich der Weltzusammenhänge inne werden kann das Geistesleben nur, indem es sich jener Beimengung entwindet, sich ihr entgegenstellt und aus solcher Überlegenheit eine eigne Art entfaltet. Da jene Umkehrung nicht ein für allemal geschehen kann, sondern sich immer neu zu vollziehen hat, so wird schon dadurch das Leben auf unablässige Tätigkeit gestellt und kann nie zu bequemem Genusse werden. Im menschlichen Kreise gibt es kein echtes Geistesleben, das nicht ein Element des Kampfes enthielte.

Aber mit jener Losreißung und Entgegensetzung droht das Leben ins Leere zu fallen; kann es den Verlust ersetzen, den es mit jener Wendung erfährt? Es kann ihn in Wahrheit mehr als ersetzen, es tut das mit der Entwicklung geistiger Inhalte; diese zeigt deutlich, daß jene Wendung zum Selbstleben nicht eine bloße formelle Verschiebung bedeutet, sondern daß sich mit ihr eine Tiefe der Wirklichkeit eröffnet und damit das Gesamtbild wesentlich verschiebt. Geistige Inhalte, so sahen wir, können weder vom menschlichen Subjekt noch von einer ihm gegenüberliegenden Welt, noch durch eine Bewegung der einen Seite zur anderen hervorgebracht werden, sie verlangen, daß beides von einem umfassenden Leben umspannt wird; nur indem ein solches umfassendes Leben sich in dem Vorgehen erlebt, sich darin erfaßt, sich dadurch fortbildet, wird die Entstehung von Lebensinhalten möglich; soweit sie bestehen, bezeugen sie ein Leben aus dem Ganzen, ein Leben der Welt von innen heraus. Nun hat auch das Menschenleben an solchen Inhalten teil und wird vielfach davon bewegt. Eine Inhaltsbildung erfolgt in allen jenen Hauptrichtungen des Strebens, wie sie im Wahren, Guten und Schönen vorliegen, wir finden sie in allen einzelnen Lebensgebieten, in allem, was geistiges Schaffen heißt. Aber die Tatsachen, die wir im Einzelnen anerkennen, fassen wir gewöhnlich nicht in ein Ganzes zusammen und vermögen sie daher nicht in das rechte Licht zu stellen. Fassen wir sie zusammen, wie die Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens es ermöglicht, so erscheint in ihnen die Entfaltung eines Selbstlebens der Wirklichkeit und der Aufbau einer zusammengehörigen Innenwelt. Das bedeutet aber eine wesentliche Steigerung des Ganzen, und es stellt der ganzen Weite des Lebens eine große Aufgabe. Denn nun gilt es, die ganze Mannigfaltigkeit der Inhalte vom Ganzen aus zu durchleuchten, sie zu verinnerlichen, zu beleben, zusammenzufügen, indem sie als seine Entfaltung verstanden werden; nun wird klar, daß in der Verwandlung des Lebens in ein Reich der Inhalte ein Prinzip der Gestaltung liegt, das sich in alle einzelnen Gebiete erstreckt und sie von charakterloser Art allererst zu charakterhafter zu führen vermag.

Wir können ohne ein Zurückgehen auf ein Ganzes des Lebens an den einzelnen Stellen viel Tätigkeit üben, bei sich selbst enthalten die einzelnen Gebiete gewisse Formgesetze, welche ihre Arbeit regeln. So denken wir nach den Gesetzen der Logik und in kausaler Verkettung. Aber alle Logik und alle Kausalität bringt uns nun und nimmer zu einem charakterhaften Erkennen und damit zu einem vollen Erkennen; ein solches wird nur möglich, wenn das Wahrheitsstreben in ein Ganzes des Geisteslebens hineingestellt wird und von ihm eine bestimmte Richtung empfängt. So war das griechische Erkennen, so ist auch das moderne Erkennen weit mehr als formalabstrakte Denktätigkeit, seinen besonderen Charakter aber erhielt jedes aus einem eigentümlichen Ganzen des Lebens.

Werden aber die geistigen Inhalte auf das Selbstleben zurückgeführt und aus ihm entwickelt, so müssen sie bei sich selbst sich klären und schärfen, kräftiger sich von dem Bloßmenschlichen befreien, das sie sonst entstellt und herabzieht, sich gegenseitig als Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werke erkennen und anerkennen. Wir sahen, welchen Unterschied es macht, ob die Religion als eine Sache des Geisteslebens oder des bloßen Menschen behandelt wird. So muß die Entwicklung der Inhalte vom Ganzen des Geisteslebens her dem menschlichen Stande ein Ideal vorhalten, ihn dadurch messen und prüfen, ihn energisch aufrütteln und vorwärtstreiben, ihn seiner ganzen Ausdehnung nach in Bewegung versetzen. Das alles aber ist für den Menschen nicht etwas Fremdes, sondern sein eignes und echtes Leben, mit der Aneignung des Geisteslebens wird die Innenwelt, die sich hier erhebt, mit all ihrer Unendlichkeit zu seinem wahren Selbst.

So ist das Leben, indem es sich mit der Welt befaßt, zugleich auf sich selbst gerichtet; es ist in solchem Beisichselbstsein und Zusichselbststreben über den Gegensatz der Befassung mit einer fremden und kalten Welt und der mit einer engen und unlauteren Menschheit sicher hinausgehoben; auch dem Gegensatz einer leeren Zuständlichkeit und einer seelenlosen Gegenständlichkeit ist es entwunden, da die Inhalte des Lebens unmittelbar dem Selbst angehören. Dies Leben kosmischer Innerlichkeit wird für den Menschen verschiedene Seiten und Beziehungen haben; um diese deutlich herauszuarbeiten, wird es in verschiedene Gebiete auseinandergehen müssen. Wir sahen, wie das Geistesleben echter Art den ihm innewohnenden Charakter der Selbsttätigkeit nicht voll ausbilden kann ohne der Moral eine Selbständigkeit zuzuerkennen; nicht minder bedurfte es der Religion, um das Getragenwerden alles einzelnen Lebens vom unendlichen Leben und die dadurch mögliche Überwindung aller Gegensätze zu vollem Ausdruck zu bringen. Nicht minder aber bedarf jenes Leben der Wissenschaft und der Kunst, der Wissenschaft, weil nur durch energische Gedankenarbeit hindurch mit ihrer Scheidung und Klärung das Geistesleben eine selbständige Art gegenüber dem Durchschnittsstande zu erringen und zu behaupten vermag, der Kunst, weil was an Neuem aufstrebt, nur mit Hilfe der Phantasie und der künstlerischen Gestaltung die Anschaulichkeit und die Eindringlichkeit erlangen kann, ohne die es unmöglich das Leben zu bewegen und zu durchdringen vermag; so zeigen es deutlich z.B. die Erfahrungen der Religion. Aber nun und nimmer wird damit das Leben eine Zusammensetzung aus den einzelnen Gebieten. Diese müssen immer ein begründendes Leben des Ganzen hinter sich haben und seiner Fortbildung dienen, sonst geraten sie sofort in Gefahr ihren geistigen Inhalt einzubüßen und der allezeit zum Vordringen bereiten Macht des Kleinmenschlichen zu unterliegen. Beispiele dessen liefert, die Geschichte in Hülle und Fülle.

Immer liegt darin der Kern der Sache, daß in der Entfaltung echter Geistigkeit die Welt eine Innerlichkeit bei sich selbst erweist, eine Innerlichkeit, die den Dingen selbst angehört, nicht von einem neben ihnen befindlichen Subjekt ihnen beigelegt wird. Daß der Mensch an einem solchen Innenleben des Alls unmittelbar teilnehmen und es durch seine Arbeit weiterführen kann, das gibt seinem Leben Festigkeit, Ursprünglichkeit und Größe, das muß es zugleich mit innerer Freudigkeit erfüllen. An einem Sinn und Wert seines Lebens ist insofern nicht zu zweifeln.

Solche Schätzung gilt sowohl für das Ganze der Menschheit als auch für das Individuum; das eine wie das andere ist bedeutend nicht sowohl durch das, was es im unmittelbaren Dasein ist, als durch das, was in ihm vorgeht oder doch vorgehen kann. Der Weg zur Größe geht hier wie da durch die Anerkennung der Kleinheit, weder hier noch da kann das Behagen und das Sichausleben des unmittelbaren Daseins das Leben lebenswert machen. Das Glück der Menschheit im Sinne einer Zufriedenheit rückt uns im Fortgang der Arbeit eher ferner als näher, und daß das menschliche Getriebe sich je in ein Reich der Vernunft verwandle, kann nur ein krasser Utopismus vermeinen. Aber in der Menschheit geht etwas vor, was weit mehr besagt als alles Wohlbefinden der bloßen Menschheit. Eine neue Welt ursprünglichen und zeitüberlegenen Lebens eröffnet sich hier, an einer Bewegung des Alls kann die Menschheit Anteil gewinnen und sie in ihrem Bereiche eigentümlich gestalten, sie kann im Gegensatz zu der Durchschnittslage einen Zusammenhang selbständiger Geistigkeit entfalten, damit dem Leben einen Inhalt geben, damit unsichtbare Zusammenhänge eines Weltlebens gewinnen; was hierher gehört und hierfür gewirkt wird, das kann auch bei äußerem Verschwinden für eine ewige Ordnung der Dinge nicht verloren sein.

Auch der einzelne Mensch sei nicht als eine bloße Nebensache behandelt und zu einem völligen Verschwinden in ein Allleben aufgefordert. Denn bei ihm vermag ursprüngliches und selbständiges Leben durchzubrechen, er darf sich Persönlichkeit nennen, sofern jenes Leben des Ganzen ihm unmittelbar zum eignen wird, er erhebt sich zu einer geistigen Individualität, indem er durch eine eigentümliche Konzentration das Leben des Alls an seiner besonderen Stelle weiterführt. Mit solchen Aufgaben, die innerlich eng zusammenhängen, stellt sein Leben sich nicht als ein ruhiger Fortgang dar, sondern es liegt in ihm die Forderung einer Wendung, es liegt in ihm, auch wenn es äußerlich ruhig verläuft, eine große Entscheidung, eine Entscheidung, die nicht am einzelnen Augenblick hängt, sondern die durch das ganze Leben geht. Zugleich aber gewinnt das Innere eine unerschütterliche Selbständigkeit. Mag das Leben äußerlich in noch so schwere Stockung geraten, kein Schicksal kann dem Geisteswesen die Aufgabe nehmen, an seiner Stelle nach bestem Vermögen die Welt der Vernunft zu behaupten und zu fördern, hier hat jeder etwas zu tun, was ihm keiner abnehmen kann, und hier kann ihn kein Widerspruch der Umgebung erschüttern, da er hier der Welt draußen eine andere entgegenzusetzen hat. Auch eine große Spannung liegt insofern im Verlauf seines Lebens, als hier jene Wendung zu einem geistigen Leben mit der Forderung einer inneren Umkehrung als eine Möglichkeit an ihn kommt, als eine Möglichkeit, die bejaht, aber auch verneint werden kann. Für die höchste Betrachtung müßte ein Leben als verloren gelten, das jene nicht benutzt; einen Sinn und Wert könnte ein solches nicht haben. So bilden jene keine natürliche Ausstattung des menschlichen Lebens, sondern sie sind ihm erst zu erringen, aber sie lassen sich ihm erringen.

Nach den Maßstäben, die sich ergaben, muß das menschliche Dasein, wie es vorliegt, als höchst unfertig und als arm an geistigem Gehalt erscheinen. Aber mit dem Wenigen, was wir von diesem erreichen, gewinnen wir viel mehr, als die landläufige Fassung annimmt, gewinnen wir die Versetzung in eine Welt des Wesens und der Wahrheit. Und wenn jemand an der Unfertigkeit Anstoß nimmt, so möchten wir ihm entgegenhalten, woher er denn weiß, daß unser menschliches Dasein fertig sein muß. Soviel ist bei aller Rätselhaftigkeit gewiß, daß unser Leben kein leeres Spiel an der Oberfläche ist, sondern daß in ihm Bedeutendes vorgeht, und daß wir viel dabei zu tun haben, auch ganz wohl sehen, in welcher Richtung das geschehen muß. Das muß uns genügen, und das kann uns genügen. Das Gesamtbild des Lebens läßt sich schwerlich besser in kurze Worte fassen als es in denen Luthers geschieht: »Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange; es ist nicht das Ende, sondern der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles, es feget sich aber alles«.


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