Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die naturalistische und die intellektualistische Lösung des Lebensproblems.

Je mehr die Weltbilder der Religion und des immanenten Idealismus verblaßten, desto mehr ist dem Menschen zum Ganzen der Welt und zugleich des eignen Seins die Natur geworden, die Natur nicht in dem, was sie bei sich selber ist – denn das behandelt eben die Neuzeit als eine schlechthin unzugängliche Tiefe und ein dunkles Geheimnis –, sondern in der Art, wie sie sich einer gewissen Durchsicht vom Menschen aus, d. h. aber in der mechanisch-kausalen Fassung, darstellt. So wenig die Naturwissenschaft unmittelbar eine solche Gleichsetzung von Natur und Welt behauptet, – diese ist das Bekenntnis einer naturalistischen Philosophie, nicht eine Lehre der Naturwissenschaft –, sie ist doch die Wurzel dieser Denkweise, und es führt von ihr zu dieser ein fortschreitender Zug des modernen Lebens. Die Neuzeit setzte in der Aufklärung mit einer scharfen Scheidung von Natur und Seele ein; je entschiedener jene eine seelenlose Natur verlangte, desto eifriger bestand sie auf einem Fürsichsein der Seele. Aber von vornherein war das unermeßliche Reich der Natur den einzelnen, zerstreuten Seelen im Gesamteindruck weit überlegen; mit seinem unablässigen Wachstum mußte dieses Reich mehr und mehr auch die Seele an sich ziehen, es hat sie nicht nur in ihrer Existenz mehr und mehr an Naturbedingungen gebunden gezeigt, es hat auch ihre innere Art von sich aus zu gestalten und sie schließlich einem weiteren Rahmen der Natur gänzlich einzufügen gesucht. Immer stärker wurde im Lauf der Zeiten die Neigung, alle Wissenschaft als Naturwissenschaft, alle Wirklichkeit als Natur zu behandeln. Was bis dahin noch an Abstand verblieb und was Zweifel an jener Lösung erweckte, das schien zu verschwinden mit dem Auftreten einer mechanischen Entwicklungslehre, welche den Menschen ganz und gar in die Natur, und zwar in eine Natur ohne allen inneren Zusammenhang und ohne alle inneren Kräfte, glaubte aufnehmen zu können. Nun durfte und mußte auch der Versuch unternommen werden, dem menschlichen Leben als einem bloßen Stück jenes Naturprozesses einen Gehalt zu geben und es als lebenswert aufzuweisen.

Daß dieses Unternehmen trotz jener geschichtlichen Vorbereitung der eingewurzelten Denkweise schroff widerspricht, ist nicht zu verkennen. Verschiedenes verband sich jener Denkweise zur Empfehlung einer möglichst scharfen Scheidung des Menschen von der Natur: nicht nur wirkte dahin ein, wenn nicht berechtigtes, so doch begreifliches Selbstbewußtsein des Menschen, sondern auch die Neigung, durch eine solche Emporhebung des Menschen dem Handeln hohe Ziele zu stecken und fruchtbare Antriebe zu geben; den Menschen möglichst groß und ausgezeichnet zu fassen, das dünkte ein Zeugnis hoher und edler Gesinnung. Den Widerspruch dieser Denkweise hat zu überwinden, wer den Menschen ganz in die Natur hineinzieht und sein Leben als einen bloßen Naturprozeß versteht; er kann aber eine solche Überwindung unternehmen von der Überzeugung aus, daß jener Widerspruch nur einen Nachklang einer innerlich schon überwundenen Lebensführung bildet; diese Überzeugung läßt ihn hoffen, daß aus dem scheinbaren Verlust ein wahrer Gewinn hervorgehen möge. Auch hier hängt alles an der Wahrheit der Sache, sie würde schon stark genug sein, alles Meinen und Mögen des Menschen zu überwinden.

Wie aber steht es mit dieser Wahrheit? Kann das hier gebotene Lebensbild alle Kräfte und Erfahrungen des Menschen umspannen und sie ganz und gar seiner Eigentümlichkeit anpassen? Unverkennbar hat das hier gebotene Leben seinem allgemeinen Umriß nach große Vorzüge und wirkt mit ihnen mächtig zur Seele des modernen Menschen. Alle Verwicklung, alle Zweiheit scheint hier zu fallen und das Leben sich zu schlichtester Einfalt zu finden, große Zusammenhänge umfangen den Menschen und lassen ihn an ihrem Leben teilnehmen, auf festem Boden, so scheint es, steht hier sein Leben und wird von sicherer Notwendigkeit geleitet. Aller bisherige Nebel scheint zu fallen und das ganze Dasein in lichte Klarheit zu treten. Dabei bringt dies neue Leben der gegenwärtigen Lage viel Arbeit und Kampf. Es gilt einen harten Kampf gegen den eingewurzelten Wahn einer zweiten Welt; wie dieser Wahn in alle Gebiete eingedrungen war, so gilt es ihn aus allen gründlich zu vertreiben und sie gemäß der neuen Denkweise neu zu gestalten. Wir wissen, wie viel Anziehungskraft solche Überzeugung und Aufforderung für weite Kreise unserer Zeitgenossen hat, und wie sie namentlich die aufstrebenden Massen gewinnt, in deren Art es liegt, nach solchen Gesamteindrücken endgültig zu entscheiden.

Die Verwicklung beginnt erst mit dem Versuch einer näheren Durchbildung, er läßt gar bald ersehen, daß die naturalistische Ordnung dem Leben mit einer eigentümlichen Gestalt auch bestimmte Grenzen gibt; sie schließt vieles aus, was vielleicht doch mehr als ein Nachklang veralteter Denkweisen, als bloßer Wahn und Aberglaube ist. Ein Leben, das sich ganz und gar den Maßen einer mechanischen Naturordnung einfügt, kennt nur ein Nebeneinander einzelner Punkte, nicht irgend welchen umfassenden Zusammenhang, alle Verbindung kann ihm nur eine äußere Anhäufung und Zusammensetzung, nie eine innere Gemeinschaft sein, alle Lebensentfaltung ist hier nur eine Selbsterhaltung der Elemente gegeneinander, und das Leben verläuft ganz und gar in den wechselseitigen Beziehungen. Aus den Verkettungen dieses Nebeneinander kann das Einzelwesen in keiner Weise heraustreten, so ist hier alles Leben vermittelt und gebunden, für Ursprünglichkeit, Selbständigkeit und freie Entscheidung ist nicht der mindeste Platz. Das Geschehen verläuft hier in reiner und bloßer Tatsächlichkeit, es kennt kein Warum und Wofür. Hier gibt es keine Gegensätze des Wertes wie gut und böse, sondern nur ein Mehr oder Minder der Kraft.

Daß das menschliche Leben weithin diesem Bilde entspricht, daß auch das Seelenleben weit mehr eine bloße Fortführung der Natur bildet, als früher die Annahme war, darüber läßt sich heute kaum streiten. Das aber ist die Frage, ob dieses das Ganze ist, und ob es den Charakter des gesamten Lebens bestimmt. Wo dem Leben aller innere Zusammenhang, aller Antrieb von innen heraus und alle Freiheit fehlt, wo es sich ganz und gar in ein Gewebe von Beziehungen nach außen verwandelt und eine bloße Anpassung an wechselnde Daseinsbedingungen wird, da entfällt nicht nur, wie selbstverständlich, alle Religion, da entfallen ebenso notwendig auch Moral und Recht, da müssen sich Wissenschaft und Kunst in ein Nebeneinander einzelner Vorstellungen und Empfindungen verwandeln, da werden Begriffe wie Persönlichkeit, Charakter, Gesinnung leere Phrasen, Gebilde von Wahn und Aberglauben nicht minder als die Überzeugungen der Religion. Und welche Aufgabe bleibt in diesem Kreise dem menschlichen Handeln, wenn sich hier überhaupt noch von Aufgabe und von Handeln sprechen läßt? Die Natur geht draußen und drinnen ihren sicheren Lauf, zwingende Triebe regulieren alle Bewegung, es wirkt nicht eigentlich der Mensch, sondern es geht in ihm etwas vor, das im Grunde ihm völlig fremd ist. Sein Bewußtsein kann nur begleiten und betrachten, nicht aber eingreifen und umgestalten. So würde der Mensch mit seinem Seelenleben ein bloß Betrachtender, ein Schatten echter Wirklichkeit, wenn nicht Irrung und Wahn im eigenen Kreise ihn in Arbeit und Kampf versetzten. Dieser Kampf, der Kampf gegen alles Hinausstreben des Menschen über die Natur, der Kampf gegen Aberglauben und menschlichen Eigendünkel, wird diesem naturalistischen Leben zum einzigen Antrieb der Bewegung. Wäre hier der Sieg erfochten, wäre die Aufklärung vollendet und der Mensch zu seiner wahren Stellung in der Natur zurückgeführt, so sieht man nicht, was seinem Handeln noch irgend zu tun verbliebe, so wäre das Leben innerlich zum Stillstand gebracht, und es hätte alles Weitere die Natur, nicht der menschliche Wille, zu leisten. Demnach würde hier die Ausschaltung alles geistigen Lebens zum höchsten Ziele des Strebens.

Kann der Mensch mit allem, was die weltgeschichtliche Arbeit aus ihm gemacht hat, in dieser Weise zur Stufe der Natur zurückkehren, alles Unterscheidende ablegen und mit solcher Wendung sein echtes Wesen erreicht, sein Verlangen nach Glück gestillt finden? Wir glauben kaum, wir glauben es schon deshalb nicht, weil das Verlangen nach Rückkehr zur Natur eine wesentlich andere seelische Art erweist, als die bloße Natur sie hervorbringen kann. Warum verlangt der Naturalist mit solchem Eifer und solcher Begeisterung eine Rückkehr des Menschen zur Natur, und warum setzt er an dieses Ziel die Hauptarbeit seines Lebens? Doch, weil er sie für das Glück des Menschen und für die Wahrheit seines Strebens unerläßlich glaubt. Aber kann er solche Ziele entwerfen und verfolgen ohne sowohl das Objekt des Strebens als das Streben selbst in ein Ganzes zusammenzufassen, und entwickelt nicht zugleich das Leben jenseit der Berührung von Punkt zu Punkt eine Innerlichkeit? Enthält ferner der Begriff der Wahrheit nicht eine wesentliche Überschreitung der bloßen Tatsächlichkeit? Wer Wahrheit verlangt und sich um Wahrheit bemüht, der ist mehr als ein bloßes Stück der Natur. Auch tritt in der Bewegung nach Wahrheit und Glück das menschliche Dasein in schroffe Gegensätze auseinander, wie die Natur mit ihrer allmählichen Anhäufung sie nicht kennt und nicht dulden kann. Wenn der Naturalist nicht gewahrt, daß sein eignes Handeln seine Theorie durchbricht und widerlegt, so zeigt das nur, wie selbstverständlich ihm die Atmosphäre der Innerlichkeit und des Geisteslebens ist, welche die Gesamtarbeit der Geschichte bereitet hat. Denn mehr und mehr hat sie dem Menschen ein eignes Reich gegenüber der sinnlichen Natur erbaut; von diesem Reiche aus und in ihm erlebt er auch die Natur. Nun ist in der Neuzeit die Natur dem menschlichen Geistesleben weit mehr geworden, und es hat sich dies Leben ihr weit enger verbunden gezeigt als in früheren Zeiten, aber damit wird es keineswegs ein Erzeugnis der bloßen Natur; würde es dies, so wäre wie alle Kultur, so auch alle Wissenschaft und aller innere Zusammenhang einer Überzeugung vernichtet. Und eine Ordnung, die um so mehr sich selbst zerstört, je konsequenter sie sich gestaltet, deren Inhalt und Form einander schroff widersprechen, sollte unserem Leben und Streben einen Sinn geben können! Was bietet dies vom Naturalismus so eifrig und beflissen der Menschheit angepriesene Leben im Gesamtanblick? Der menschliche Kreis von winziger Kleinheit gegenüber dem endlosen All und in ihm gänzlich vereinsamt, das Tun und Lassen des Menschen von völliger Gleichgültigkeit für jenes All, beim Menschen selbst keine Möglichkeit einer inneren Gemeinschaft, keine Möglichkeit einer gegenseitigen Liebe und Achtung, keine Möglichkeit eines Überlegenwerdens gegen den Zwang der Naturtriebe, alles Tun unter dem Druck der Lebenserhaltung, der uns in einen immer härteren Kampf gegeneinander führt, in einen Kampf, der keinerlei inneren Ertrag, keine innere Förderung zu bringen vermag; gegenüber allen diesen Verneinungen als einzige Leistung die Befreiung von Wahn und Aberglauben, die volle Einsicht von der Zugehörigkeit des Menschen zur Natur. Aber so hoch man solche Aufklärung anschlagen mag, kann sie den Menschen veredeln, ihm zu innerem Wachstum und zur Entwicklung einer geistigen Eigenart verhelfen, seine Kräfte steigern, ihm ein innerlicheres Verhältnis zu seinesgleichen oder zum Weltall eröffnen, gewährt sie ihm überhaupt irgendwelche selbständige Tätigkeit? Und kann ohne das alles das menschliche Leben als lebenswert gelten? Es kann es nur dem, der entweder sehr geringe Ansprüche stellt, oder sein Denken in der Mitte abbricht, oder aber die eigne Behauptung unablässig durch eben das ergänzt oder in das umbiegt, dessen Recht hier mit höchstem Eifer bekämpft wird. Wer zu Ende denkt, der kann am Ziel nur eine völlige Leere finden, der kann sich unmöglich einer radikalen Verneinung des Lebens entziehen, der müßte mit völliger Verzweiflung enden. Nur die Hitze des Kampfes gegen das, was dem Naturalismus als Wahn und Aberglaube gilt, kann ihn über seine eigne Leere und über sein Unvermögen zu irgendwelchem geistigen Schaffen hinwegtäuschen. So ist der Naturalismus dem Lebensprobleme nicht gewachsen. Aber unangefochten blieb bis jetzt seine Behauptung, die nächste Welt auf seiner Seite zu haben; so lange diese Behauptung unwidersprochen bleibt, kann alles, was aus geistiger Arbeit hervorgeht, etwas Zweites und nur Nachträgliches dünken. Aber ist es gerade auf dem Boden der Neuzeit sicher und ausgemacht, daß das sinnliche Dasein den nächsten und festen Standort des Lebens bildet? Gewiß ist dies Dasein dem Menschen das Nächste und Zweifellose, solange er sich ganz den sinnlichen Eindrücken und Empfindungen ergibt, solange er nicht denkt, solange sein Denken nicht von gebundener Art zu einer Selbständigkeit gelangt. Nun bleibt auch das menschliche Denken weithin in einem Stande der Gebundenheit; als solches überschreitet es keineswegs den Rahmen der Natur. Die Erfahrung zeigt uns viel Entwicklung der Intelligenz schon innerhalb dieses Rahmens, an Klugheit, List, Geschicklichkeit usw. fehlt es wahrlich dem tierischen Leben nicht. Aber alle Leistung der Intelligenz ist hier nicht mehr als eine Wehr und Waffe zur natürlichen Selbsterhaltung, sie dient dem Bestehen des Individuums oder der Gattung, sie führt nicht über das Getriebe der Natur hinaus auf neue Bahnen und zu eignen Zielen. Bei solcher Einschränkung bleibt die Intelligenz ein bloßes Äquivalent für körperliche Vorzüge; was dem einen Wesen ein starker Schutz des Körpers, dem anderen seine Beweglichkeit und Behendigkeit, das mag dem andern seine List und Klugheit gewahren. So verbleibt es in weitem Umfange auch beim Menschen, auch seine Intelligenz ist zunächst nicht mehr als ein Mittel, den harten Kampf ums Dasein zu führen. Aber sie ist es nicht gänzlich, eine bedeutsame Wendung erfolgt bei ihm dahin, daß sich hier das Denken jener Bindung zu entwinden, sich dem sinnlichen Dasein entgegenzustellen und es mit ruhigem Blick zu überschauen vermag. So unscheinbar sich zunächst das Denken in solchem Selbständigwerden ausnimmt, der zuerst unscheinbare Funke vermag ein gewaltiges Feuer zu entzünden, das ins Unendliche zu wachsen und alle Starrheit des sinnlichen Daseins zu zerschmelzen vermag. Eine Umkehrung eingreifender Art ist hier nicht zu verkennen. Der Mensch denkt nicht nur innerhalb der Natur, sondern er denkt auch über sie, er macht sie sich zum Problem, er erlebt die Natur und hebt sich damit über sie hinaus; in keiner Weise wäre er dazu fähig, wäre sein Denken ein Vermögen schlechthin passiver und gebundener Art; indem es schon in jener Leistung eine Aktivität bekundet, entwickelt es ein wesentlich anderes Leben als die Natur es bietet. Ja mit solcher Wendung erfolgt augenscheinlich eine Umkehrung dahin, das nunmehr das Denken zum Ausgangspunkt, zum ersten Standort des Lebens wird; mit siegreicher Kraft und wie selbstverständlich fordert es für sich die wahre Unmittelbarkeit und läßt es nur gelten, was sich ihm selbst in überzeugender Weise dargetan hat. So wird es zum Maß und zum Richter aller Dinge, das sinnliche Dasein weicht dabei zurück, es verliert seine Handfestigkeit und wird zu einem schweren Problem, es sinkt zu einer bloßen Erscheinung, deren Wahrheitsgehalt sich erst herausstellen muß. So aber geschieht es nicht bloß beim Individuum, sondern eine Erhebung über das sinnliche Dasein und eine Umkehrung des Lebens geht durch das Ganze der Menschheit, sie ist sowohl die Voraussetzung als auch das Ergebnis aller Kultur. Denn wie wäre zu einer Kultur zu gelangen, wie könnte auch nur der Gedanke der Kultur entstehen ohne eine Emanzipation der Gedankenarbeit vom sinnlichen Eindruck und ohne ihre Gegenwirkung gegen ihn?

Ein unablässiges Vordringen der Gedankenarbeit und eine Umwandlung unseres Daseins dadurch zeigt mit besonderer Klarheit die Neuzeit. Hier stellt sich stolz und kühn das Denken der Welt gegenüber, entwickelt aus seiner Natur heraus Forderungen von sehr eingreifender Art und besteht mit höchster Energie darauf, daß sich das Ganze der Wirklichkeit ihnen gemäß gestalte. Das verändert gegen frühere Zeiten das gesamte Gefüge des Lebens. Denn nunmehr eilt mit leichtem Flügel der Gedanke voran, er rüttelt durch Vorhaltung von Ideen und Prinzipien das Dasein aus dem vorgefundenen Stande auf und sucht es zum Ausdruck innerer Notwendigkeiten zu machen. Das vornehmlich gibt den Bewegungen der Neuzeit ihre gewaltige Kraft und ihre ungestüme Leidenschaft, daß in ihnen um die Verwirklichung von Prinzipien gekämpft wird; selbst die Bestrebungen zur Hebung des materiellen Wohlseins gewinnen und beherrschen die Gemüter vornehmlich durch die Ideen und Prinzipien, die in ihnen erscheinen. So ist es eine Gedankenwelt, welche das sinnliche Dasein trägt und durchwaltet.

Ein eigentümlicher und mächtiger Strom des Lebens vom Ganzen der Menschheit her bis in die Seele des Einzelnen hinein ist demnach in der Entwicklung des Denkens nicht zu verkennen, dieser Strom aber stößt mit der naturalistischen Bewegung aufs schroffste zusammen; indem das eine sich gegen das andere behauptet und durchsetzt, wird das Leben nach widerstreitenden Richtungen gezogen, unter grundverschiedene Antriebe gestellt und im Ganzen seines Sinnes erschüttert.

In der Natur, wie sie den modernen Menschen beherrscht, erkannten wir ein Reich der bloßen und blinden Tatsächlichkeit, dieser Tatsächlichkeit hat nach naturalistischer Überzeugung alles menschliche Unternehmen zu folgen, auch die Wissenschaft hat nicht zu erklären, sondern nur zu beschreiben. Das Denken dagegen will seinen Inhalt aus eignem Tun erzeugen oder doch damit durchdringen; so muß es auf einem Erklären und Ableiten bestehen, es wird, was es an Tatbestand vorfindet, aufzulösen und umzuwandeln suchen, es wird was sich dabei als Grenze findet, nie endgültig anerkennen. Die Übertragung der starren Tatsächlichkeit der Natur auf das Ganze des Lebens wird ihm damit zu einer peinlichen Schranke, ja inneren Zerstörung; zum mindesten müßte es einen schweren Widerspruch darin finden, daß der Mensch aus dunklem Zwange ein gewisses Stück Wirklichkeit sein eigen, sein Ich nennen, es mit Lust und Schmerz begleiten, die Folgen seiner Beschaffenheit tragen muß, ohne daß er irgend mit eignem Wirken, mit eigner Entscheidung daran beteiligt ist. Denn als bloßes Naturwesen spielt der Mensch nur eine ihm zugewiesene Rolle. Als denkendes Wesen kann der Mensch sein Leben und Sein nicht mit der Naivität eines Tieres hinnehmen, er kann das Vergleichen, das Grübeln und Fragen nicht lassen, und wird ihm gar keine Antwort, so muß er sich tief gedemütigt fühlen. Schon in der Erzeugung solcher Probleme und Konflikte erweist sich das Denken als eine selbständige Macht gegenüber aller Natur.

Es erweist sich als eine solche weiter in seinem inneren Gewebe. Wir erkannten in der Natur, wie die menschliche Arbeit hier sie faßt, ein bloßes Nebeneinander und Gegeneinander einzelner Punkte und Vorgänge; dem Denken dagegen ist ein Umspannen der Mannigfaltigkeit wesentlich, es vermag ein Gesamtbild zu entwerfen und am einzelnen Punkt gegenwärtig zu halten, es ergießt in alles, was es ergreift, die Forderung einer Gestaltung zum Ganzen. Hier erhält jedes einzelne Element seinen Sinn und Wert aus der Stellung im Ganzen, hier vollzieht der Fortgang sich nicht durch ein bloßes Aneinanderreihen der einzelnen Elemente, sondern durch eine Klärung von Ganzem zu Ganzem; wie das Denken sich selbst zu einem gegliederten System gestaltet, so überträgt es die Forderung einer systematischen Ordnung auf die ganze Weite des Lebens bis in alle Gebiete hinein; so wenig es diese Forderung gegenüber dem unablässigen Zustrom der Erfahrung und auch dem eigenen Drange nach Unendlichkeit rein durchführen kann, eine gewaltige Bewegung geht davon aus, schon in dem bloßen Streben nach einem inneren Zusammenhange ist das Leben dem bloßen Nebeneinander der Natur entwachsen und das Denken als eine Macht von selbständiger Art erwiesen.

Auch darin stoßen natürliches Dasein und Denkarbeit unversöhnlich zusammen, daß dort für den Gedanken einer Innerlichkeit nicht der mindeste Platz ist, während er hier in sicherer Herrschaft steht. Das wissenschaftliche Naturbild der Neuzeit hat zur Voraussetzung die Vertreibung aller inneren Größen und Kräfte aus der Natur; soweit es für die Gestaltung der Wirklichkeit maßgebend wird, muß sich das Leben ganz und gar nach außen kehren, kann es sich nur mit den Beziehungen nach außen, nie mit sich selbst und seinem eignen Stande befassen. Diese Selbstbefassung aber liegt beim Denken deutlich zu Tage. Denn darin besteht hier die treibende Kraft, daß das Denken sich selbst zur vollen Durchbildung und Klarheit zu bringen sucht; mag es auf eine volle Entwicklung der Behauptungen in ihre Konsequenzen drängen, mag es Widersprüche unerträglich finden, immer ist es der eigne Stand, mit dem es zu tun hat; augenscheinlich wird hier ein Beisichselbstsein des Lebens erreicht, und ein solches Beisichselbstsein wird überall zur Forderung, wohin das Denken seine Bewegung trägt. Ein nur auf anderes und nach außen hin gerichtetes Leben wird ihm zu einer unerträglichen Äußerlichkeit.

Alle diese Gegensätze greifen in den Grundbegriff der Wirklichkeit und in die Grundform des Lebens zurück und versetzen durch ihr Zusammentreffen uns in die peinlichste Unsicherheit; es zeigt sich, daß eben das unmittelbare Dasein, zu dem sich die Menschheit gewandt hatte, um ein sichergegründetes, festgeschlossenes Leben zu finden, zweideutig ist, daß es in entgegengesetzter Weise gefaßt werden kann, und daß damit unser Streben nach direkt widerstreitender Richtung gezogen wird. Es erscheinen zwei Arten der Unmittelbarkeit, die der sinnlichen Empfindung und die des selbständig werdenden Denkens, jede erklärt sich für den Hauptstandort des Lebens, jede darf sich so lange sicher und unangreifbar fühlen, als sie bei sich selbst verbleibt. Aber keine von ihnen kann das für immer, keine vermag den Menschen ganz und gar einzunehmen, immer wieder treibt es von der einen Seite zur andern. Wir sahen das Denken sich der Sinnlichkeit entwinden und ihr überlegen werden, aber wir können nicht leugnen, daß es umgekehrt auch vom Denken zur Sinnlichkeit treibt. Das Denken, so fanden wir, veränderte den Grundbestand des Lebens und den Grundbegriff der Wirklichkeit; schon daß wir die Natur zu denken vermögen, zeigte, daß die Wirklichkeit mehr als bloße Natur ist. Aber sobald das Denken selbst das Ganze der Wirklichkeit sein und das Leben ausschließlich gestalten will, macht seine Grenze sich fühlbar; wo immer jenes versucht wurde, wie es in kühnster Weise von der philosophischen Spekulation geschah, wie es aber maßvoller in aller Aufklärung steckt, da geriet alsbald das Leben ins Formel- und Schattenhafte, da zeigte sich, daß das Denken aus eignem Vermögen wohl ein Gewebe von Formen hervorzubringen, nicht aber diesen einen lebendigen Inhalt zu geben vermag. Wenn dieser aus bloßem Vermögen des Denkens gewonnen schien, so schöpfte es unvermerkt aus einer wesenhafteren und tiefergegründeten Wirklichkeit und war selbst ein bloßes Mittel, diese zur vollen Klarheit und Selbsttätigkeit zu bringen.

Wie aber die Grenze, so ist auch der problematische Charakter, die Rätselhaftigkeit eines selbstherrlich auftretenden Denkens nicht zu verkennen. Das Denken ist ein Vorgang im Menschenleben, aber das Ganze der Wirklichkeit an sich zu ziehen und ihm seinen Stempel aufzuprägen kann es nicht wagen, ohne den Anspruch, den tiefsten Grund der Welt zu bilden; wie aber sollte es solchen Anspruch durchsetzen können? Das Denken, wie es unmittelbar vorliegt, entspringt beim Menschen, aber zugleich kehrt es sich wider den Menschen, indem es von sich aus Normen entwickelt und Forderungen stellt, die jenem seine Bahnen vorschreiben, ihn zu vielfachen Arbeiten und Opfern zwingen, ja die mit voller Gleichgültigkeit über sein Wohl und Wehe dahinschreiten. Die Geschichte zeigt uns, daß oft neu aufsteigende Ideen und Prinzipien mit ihren Konsequenzen das Gleichgewicht des Lebens aufs ärgste störten und dem Menschen höchst unbequem wurden, daß er sich daher jenen Konsequenzen gern entzogen hätte. Aber er vermochte das nicht, der Strom des Denkens brauste über ihn hin und riß ihn fort, sein Wohlsein ward als eine völlige Nebensache behandelt. Wie kann nun etwas, das beim Menschen entspringt und im unmittelbaren Dasein gänzlich an ihn gebunden bleibt, eine solche Macht über und gegen ihn erlangen, ihn als ein bloßes Werkzeug behandeln? Und was wird hier aus dem Sinn des Lebens? Gewinnt es einen solchen, wenn das Denken sich allein auf sich selber stellt und in seiner vollen Entwicklung die einzige Aufgabe des Lebens findet? Es schreitet dann die Welt in einem Gedankenprozesse zu immer größerer Aufhellung fort, dieser Prozeß hebt sich über die Interessen des Menschen hinaus und verlangt von ihm eine völlige Unterordnung und Aufopferung. Aber damit der Mensch diese aus Überzeugung vollziehe, müßte ihm doch ein wertvoller Gehalt des Ganzen gesichert sein, und das wäre nur möglich, wenn die Gedankenbewegung in ein wahrhaftiges Selbstleben einmündete und sich zugleich aus dem rastlosen Strom des Werdens die ewige Ordnung eines Beisichselbstseins heraushöbe. Aber im unmittelbaren Dasein gewahren wir davon nicht das geringste, wir sehen nur, wie die Menschen von der Gedankenbewegung gepackt und fortgerissen werden, sie kommen und gehen wie flüchtige Schatten, sie arbeiten mit Aufgebot aller Kraft für Ziele, die sie nimmer erreichen, die sie mehr ahnen als sehen, sie sind ein bloßes Mittel und Werkzeug eines mit dämonischem Walten vordringenden Weltprozesses, der sie verwendet und verwirft, der dabei selbst in völligem Dunkel verbleibt, der für den unmittelbaren Anblick sinnlos dahinstürmt, unablässig Verwicklungen über Verwicklungen aus sich gebärend. Der Mensch wird hier mit gar nicht geringerer Gleichgültigkeit behandelt als vom Naturprozeß; wie kann sich ihm da ein Sinn des Lebens ergeben?

Noch weniger aber als der Naturalismus und der Intellektualismus einzeln für sich kann ihr Nebeneinander dem Leben einen Wert verleihen. Ein solches Nebeneinander bietet wohl der Erfahrungsstand des modernen Lebens in einer weit verbreiteten Verquickung von sinnlich-natürlicher und intellektueller Kultur, oft genug erscheint in demselben Menschen ein Zusammentreffen von starken Naturtrieben und subtilem Denken. Aber solches Zusammensein führt so wenig zu einer Bejahung des Lebens, daß es vielmehr eine Hauptquelle des jetzt grassierenden Pessimismus bildet. Denn beides kann sich unmöglich zu einem Ganzen des Lebens verbinden, das eine wirkt gegen das andere und entwertet das andere; das sinnliche Dasein erscheint vom Denken aus als niedrig und roh, umgekehrt dieses von jenem aus als flüchtig und nichtig. Und zwischen beide ist das menschliche Bewußtsein gestellt ohne alles Vermögen sich dem Gegensatz zu entwinden. Kann der Mensch sich eines solchen Lebens erfreuen und seine Steigerung sich zum Ziele setzen? Und doch kann er auch nicht einfach verzichten. Er fragt nach Glück und kann das nicht lassen, er erweist schon in solcher Frage mehr Selbstständigkeit, als ihm jene Lebensordnungen gewähren. Viel kleinliche Denkweise mag die Frage nach dem Glück begleiten, aber hinter ihr steht doch wohl mehr, steht nichts geringeres als ein Verlangen nach geistiger Selbstbehauptung des Menschen. Und es fragt sich, ob er darauf verzichten kann und darf, ob hier nicht etwas in ihm wirkt und treibt, was jenseit aller Willkür des Einzelnen liegt. Soviel ist gewiß: hatte die Wendung zum unmittelbaren Dasein die Bedeutung, das menschliche Leben ganz und gar einem dort vorhandenen Weltprozeß einzufügen, so vermochte sie nicht dem Leben einen Inhalt und Sinn zu geben, so gewährte sie dem Menschen keinerlei Beisichselbstsein, so opferte sie ihn dunklen Notwendigkeiten auf, so ist sie an dem Problem, das uns hier beschäftigt, gescheitert.

Mit solcher Erkenntnis steigt notwendig die Frage auf, ob jene Wendung nicht auch einer Gestaltung fähig sei, welche solche Vernichtung des Menschen vermeidet; es mag mit dem Eingehen darauf ein Rückschlag erfolgen, und das Selbst des Menschen mag aus der versuchten Unterdrückung um so kräftiger hervorbrechen; von der Welt, der er aufgeopfert werden sollte, wird der Mensch zu sich selbst und zum eignen Kreise flüchten, um hier die wahre Unmittelbarkeit zu suchen und in der Konzentration auf das eigne Befinden dem Leben einen wahrhaften Sinn zu geben.


 << zurück weiter >>